Ausgabe 
2.8.1888
 
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(Eichener Jamilienblätter.

Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.

Nr. 90.

Donnerstag den 2. August.

1888.

Aer Kröe des Kaufes.

Roman von Hermine Frankenstein.

(Fortsetzung.)

Olla stand auf und wankte zu dem breiten Fenster am Ende der Halle. Dort stützte sie sich auf das breite Fensterbrett, wo der Schnee, den der Wind hereingeweht hatte, dicht aufgeschichtet lag. Ihr Ge­sicht fest an die Fensterscheibe gepreßt, starrte sie schweigend hinaus in die Nacht, ohne die wirbelnden Schneeflocken zu sehen oder den heulenden Sturm zu hören.

Lange saß sie dort, still und bleich wie der Tod, mit angstvoll lauschender Miene vor sich hinstarrend, während der wirbelnde Schnee eine dünne, weiße Hülle um sie wob, al« endlich Trejsilian« Thüre sich öffnete und Str Windham Wtnn in die Halle hinaus kam.

Er sah müde und angegriffen aus. Ec schaute in der großen Halle um sich, bemerkte die regungs­lose Gestalt an dem Fensterbrett und trat langsam auf sie zu.

Das Mädchen sah ihn traurig an.

Er ist tobt?" sagte sie mit leiser, heißerstick- ter Stimme.

Todt? O nein!" entgegnete der Doktor miin* ter.Wir haben ihn glücklich durchgebracht, Fräulein Olla. Er schläft jetzt einen regelmäßigen, gesunden Schlaf, obwohl den Schlaf gänzlicher Erschöpfung. Wir haben mit der göttlichen Hilfe sein L-ben, ja noch mehr, seinen Verstand gerettet. Wenn er in einigen Stunden erwacht, wird er, wie ich hoffe, bei voller und klarer Besinnung sein im Besitze seine» Geiste», seiner Vernunft und seine» Gedächtnisse»! Kurz und gut, er wird wieder der sein, der er vor seinem Unfälle war."

Vierzigste» Kapitel.

Die Wege der Vergeltung.

Al» die beiden Männer, Jasper Lowder und Ja- copo Paleflro, immer näher auf den Baum zuge« schritten kamen, hinter dessen breitem Stamm Sir l Arthur sich verbarg, begann der Baronet zu fürchten, daß er entdeckt werden könne. Er drückte sich noch fester an den Baumstamm, ein Schatten unter den Schatten und lautloser als da» Gras unter seinen Füßen. Und so beobachtete er in stiller, nächtlicher s Dunkelheit die beiden Verbündeten und wartete mit ängstliche Spannung darauf, daß sie sprechen sollten.

Welche» war da» Geheimniß, da» seinen ver- meintlichm Sohn umgab? Was war dar Geheim« niß zwischen ihm und diesem sonderbaren unheimlichen Fremdling?

Da» waren die Fragen, die schwer auf der Seele de» Baronets laßet, n. Und für diese Fragen war er auch entschlossen, die Lösung und die Antwort zu finden, ehe er in Jasper Lowder's Hände die ganze Zukunft der schönen und unschuldsvollen Blanche legen wollte.

Die beiden Männer kamen näher, gingen an dem Baume vorbei, die Blicke nicht ahnend, dis ihnen aus dem Schatten desselben folgten , und blieben wenige Schritte vor dem Baronet und ganz in Hörweite von ihm auf dem schmalen Fußwege stehen.

Ihr ha't die zweitausend Pfund bei Euch, Mylord Sir Tresolino?" fragte Paleflro.

Sie sind nahe zur Hand", antwortete Lowder.

Sie sind doch natürlich in Gold?" meinte der Italiener.Ich bin kein Freund vom Papiergeld; es sind nur beschriebene Lumpen. Gebt mir die gelbe Münze, welche klingt, wenn sie fällt. Da» ist das Geld, welche» in der ganzen Welt gilt!"

Die zweitausend Pfund sind in Gold. Ich wußte, daß Ihr ein Vorurtheil gegen Papier­geld habt."

Alles in Gold! Es muß ein prächtiger Anblick sein!" schrie Paleflro gierig.Meine Finger zucken bereit», danach zu greifen. Wo habt Ihr in so kurzer Zeit so viel Geld hergenommen, Signore, da Ihr mir doch gestern erklärtet, daß e« Euch unmög­lich sei, eine so große Summe aufzubringen?"

Da« kümmert Euch nicht, woher ich'« genommen habe", sagte Lowder mürrisch.Doch halt, ich will'» Euch sagen. E« ist keine Nothwendigkeit zu Bedenk­lichkeiten vorhanden. Ich habe da» Geld au» der Kasse meine« Vater» gestohlen. Ich beraubte ihn."

Madre de Diol*

Ec hatte da« Geld vergangene Nacht in seiner Kaffe ausbewahrt. E« war für den Ankauf einer Farm bestimmt. Ich stahl ihm den Kassenschlüssel und entwendete dann das Geld."

Wahrhaftig, er ist nicht zimperlich, dieser junge Mylord", schrie Paleflro, Lowdec mit bewundernden Blicken betrachtend.Ihr solltet ein Räuberhaupt« mann sein, Sir Tresolino! Aber ist denn dec Dieb- st chl Lin Verbreche!. ? Warum sagtet Ihr mir denn von Eurer Schuld?"

, Jch wäre die letzt- Person in der Welt, die man de» Raube« verdächtigte", antwortete Lowder. Selbst wenn Ihr erklären würdet, daß ich selbst es