Alexandra war dis Erbin be? allerdings nur Keinen VermSgeus, das die Tante hinterlassen. Es lange dies.- Angelegenheit noch nicht gerichtlich ge- ordnet war, blieb sie in der Wolter'schen Villa, ohne e'n Wort von ihrer Abreise zu sprechen; als diese Sache nun aber endgültig erledigt war, sagte sie, während sie mit dem Geheimrath und Frieda aus dem Eckzimmer, wo dis Drei sovpirt hatten, ins Woh;zimmer zurückkehrten: «Meine Aufgabe ist hier jetzt erfüllt, ich werde morgen noch einige Besuche mache'.: und dann übermorgen nach Berlin zurück- kehren."

Du wolltest fort?'' rief Frieda erregt aus und warf sich stürmisch an ihre Brust.Nein, Du darfst UNS nicht verlassen!"

Alexandra schlang ihre Arme um den Nacken Les jungen Mädchens, drückte einen Kuß auf deren Stirn und sagte:

Ich muß, liebes Kind, so schwer mir auch die Trennung von Dir wird."

Nun wurde aber Frieda von einem krampfhaften Schluchzen befallen, ihr ganzer Körper erzitterte, sie befreite sich aus Alexandra'« Umarmung und mit thränenerstickter Stimme sagte sie:Papa, bitte Du siel" worauf sie, das Gesicht mit beiden Händen be- dickend, aus dem Zimmer eilte.

Bleiben Sie bei uns, gnädige Frau", sagte Wolter jetzt mit weicher Stimme,Frieda würde di Trennung von Ihnen nicht überwinden."

Als Alexandra hierauf nichts erwiderte, fuhr er fort:

Ich wage Ihnen nicht das Anerbieten zu machen, dis Stellung zu übernehmen, die Ihrs Frau Tante in meinem Hause inne gehabt, aber Sie würden mich unendlich verbinden, wenn Sie es meines Kindes wegen tßun möchten."

Alexandra blickte längere Zeit vor sich hin, dann erwiderte sie:

Ich habe Frieda sehr, sehr lieb gewonnen, ich habe noch nie so intensiv gefühlt, wie sehr mir das Kind an's Herz gewachsen ist, als in diesem Augen­blick; aber auf längere Zeit kann ich mich nicht wohl verpflichten, doch will ich gerne so lange bleiben, bis Sie eine passende Dame gefunden haben, und bi« dahin werden Frieda und ich uns allmählich an den Gedanken gewöhnen, daß die Trennungsstunde für uns noch einmal kommen wird."

Wolter verlieb das Zimmer und kam gleich darauf mit Frieda wieder zurück. Auf dem Gesicht der Letzteren erglänzte eine helle Freude, während noch die Thränen über ihre Wangen rollten. Sie eilte auf Alexandra zu, ergriff ihre Hand und sagte:

Ich wußte scs wohl, daß Du Dich nicht von mir trennen kannst, und wenn der Papa soeben die Worte aussprach, daß Du vorläufig bei uns bleiben würdest, so zweifle ich nicht daran, daß Du, wenn j Du auch erst nur vorläufig uns nicht verlassen willst, meiner Bitte nicht widerstehen kannst, immer

noch etwa» weiter DsineM reise hinauszuschieben bis schließlich"

Du meinst, bis ich schließlich ganz hier bleibe?" Ja, Tante Alexandra, das ist meine Meinung!" Nun, mein Herz, das fi«d-t sich, wir wollen heute noch gar keine Möglichkeiten erörtern, und ebensowenig darüber nachdenken, wie sich die Zu­kunft gestalten könnte, sondern in diesem Augenblick uns nur der Gegenwart freuen."

Dies Gespräch hatte im Herbst stattgefunden, der Winter war aber hingegangen, ohne daß Wolter sich bemüht hätte, ehte Nachfolgerin für die ver­storbene Frau von Rettwitz zu finden. Alexandra lebte der Trauer wegen sehr zurückgezogen und gab sich eingehend der Erziehung und Ausbildung Frieda'« hin, namentlich leitete sie selbst deren Unterricht in der Musik. Bei dieser Gelegenheit hatte sich aber dar Band zwischen ihr und dem jungen Mädchen nur noch fester und inniger geknüpft, so daß ihr selbst davor graute, daffelbe zu trennen, indem sie mit ihrer Abreise Ernst machte. Einmal mußte es ja sein, denn für immer konnte sie hier nicht bleiben. Lange zögerte sie, das entscheidende Wort auszu­sprechen, aber endlich glaubte sie den Zeitpunkt ge­kommen, wo sie es nicht länger hinausschtsben konnte. Bis dahin galt ihre Anwesenhsit als Besuch, wollte sie denselben aber noch weiter ausdehnen, so mußte es auffallen und konnte zu Mißdeutungen Veran­lassung geben.

Und bleiben die Stellung übernehmen, die ihre Tante inne gehabt, das ließ ihr Stolz nicht zu. Mochte sie in dem Hause auch unumschränkt al« Herrin gebieten, wurden ihr auch alle Ehren bezeugt, dem Besitzer gegenüber war und blieb sie für ihr ganzes Thun verantwortlich und damit war sie seine Untergebene. Mit der Tante war es eine andere Sache gewesen, derselbev war nach dem Tode ihres Gemahls nur ein kleine« Vermögen verblieben, von dessen Revenuen sie kaum nothdürftig leben konnte, geschweige denn standesgemäß, wie sie es bisher zu Lebzeiten ihrer Gatten gewohnt war. Sie aber konnte es, und wenn sie auch von luxuriösen Aus­schreitungen sich fern halten mußte, so hatte sie doch nicht nöthig, sich Entbehrungen aufzuerlegen; weshalb denn ihre Freiheit aufgrben und dafür in eine Lage eintreten, die sie abhängig von Anderen machte und ihr eine Menge Pflichten auferlegte?

Es war im April und zwar an einem Tage, der nicht stürmisch und regneriich war, sondern aus­nahmsweise warm und windstill ein herrlicher schöner Frühlingstag. In dem großen prächtigen Garten, der zur Villa des Geheimraths gehörte, blühten die Krokus in allen Farben, trieben die Tulpen, Päonien und Hyacinthen mit Macht au« der Erde hervor, hatten stch bereits die Grsträucher mit jungem saftigem Grün bedeckt und an den Bäumen drängten die geschwellten Blätter- und Blüthenknospen sich zu entfalten.

Alexandra wandelte auf den frisch geharkten Kieswegen langsam dahin. Von Zeit zu Zeit betrat