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Hiehener Familienblätter.

Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger.

Donnerstag dm 2. Februar.

Ar. 14.

1888

Ate verlorene Kiöek.

Original-Roman in 3 Bänden von Dr. Carl Hartm ann-Plön.

(Fortsetzung).

Abxandra ließ nicht lange mit der Antwort auf i sich warten. Sie schrieb der Tante, daß sie noch j mit keinem Gedanken darauf gekommen, sich jemals \ wieder zu vermählen, sie wisse ja, welche qualvollen i Jahre sie in der Ehe mit dem Major verlebt, der ' sie, durch grundlose Eifersucht verblendet, wie ein l Tyrann behandelt und wie eine Gefangene singe« \ sperrt und von aller Welt abgeschlossen habe. Sie \ freute sich zu sehr der goldenen Freiheit, um aber- 1 mals ein Band zu knüpfen, von dem sie im Voraus nicht wissen könne, ob SS nicht wie das erste Mal i eine drückende Fessel wirden würde. Die Tante kenne sie genau, sie habe ja vor ihrer einzigen Ver« i wandten nie ein Geheimniß gehabt, und so sei ihr s auch bekannt, wie sie über sich selber und ihr eigenes ; Herz denke, und daß sie keine K'arheit darüber er- - halten könne, ob die Natur es nicht zu kalt und 5 frostig geschaffen, um durch irgend Jemanden so er- i wärmt zu werden, daß die Flamme der wirklichen, s wahren Liebe darin emporschlüge. Sie sei von jeher - viel umn orben, die Männer würden, wenn sie es ; gewollt hätte, ihr zu Füßen gelegen haben; wohl seien unter all denen, die sich um ihre Gunst be. ! müht, immerhin Einige gewesen, die ihr eine flüchtige ' Neigung abgewonnen, abir das beweise noch nichts, \ da dieselbe zu einem großen, die Seele ausfüllenden Gefühl sich nicht aufringen konnte. Was nun den * Geheimrach Wolter anbetreffe, so bäte sie die Tante f eint ringlichst, seine Gedanken nicht auf ihre Person hinzuleiten, da es ihr unmöglich sei, seine Hand an. ! zunehmen. Zwar sei sie zu eitel, wie so viele ihrer Geschlechts, um nicht den Wunsch zu hegen, Glanz ; und Reichthum um sich herum zu entfalten und das Ansehen zu genießen, das man der Frau eines - Millionärs entgegenbringt, die es versteht, ein Haus zu machen, zu dem man sich drängen würde; aber ; um diesen Preis könne sie einen Mann, den sie hoch« ; schätze, nicht betrügen. Daher bäte sie die Tante, i so lebhaft dieselbe auch wüt schen möge, daß ihre > Nichte eine reiche Frau würde, diesen Wunsch ganz- - lich zu unterdrücken, namentlich aber dem Geheim« rath gegenüber keine Andeutungen irgend welcher \ Art zu machen und falls er selbst auf diese Idee i gerathen sollte, ihre ganze Ueberredungsgabe aufzu. ; bieten, um ihn von derselben wieder zurückzubringen.

Frau von Rettwitz hatte im Grunde keine andere Antwort erwartet, sie konnte es begreifen, daß eine so schöne Frau, in der das Herz noch sprach und die Vernunft noch ihre Stimme nicht ausschließlich erhob, den Antrag eines Mannes ablehnen würde, dessen unschönes, durch Blatternarben entstelltes Ge. sicht, trotz der großen tiefblickenden Augen, wohl als ein zu großes Hinderniß sich darstellte, die Liebe zu erwecken. Dieses war nach ihrer Meinung nicht unmöglich, aber dann vielleicht erst erreichbar, wenn man, nachdem man sich an sein Aeußerss durch längeres Beisammensein gewöhnt, die trefflichen Eigenschaften seines Charakters gründlich kennen und schätzen gelernt.

Sie hielt es für das Richtigste, dem Geheimrath Alexandra's Brief zu zeigen, damit er selbst sähe, welche Gründe die Nichte leiteten und sich zugleich überzeuge, daß sie von seiner bereits gefaßten Ab­sicht keine Ahnung bekommen.

Wolter las den Brief, ohne daß auch nur ein Zug seines Gesichtes sich dabei veränderte, wie er denn überhaupt die Kraft besaß, was ihn innerlich bewegte, äußerlich meisterhaft zu verdecken.

Nachdem er sich mit dem Inhalt bekannt gemacht, sagte er ruhig und gelassen:Es hat nicht sollen fein, verehrte Freundin, und ich muß mich in das Unabänderliche fügen; doch lassen Sie mir gütigst den Brief, ich werde ihn noch häufiger lesen und zumal dann, wenn in der ersten Zeit der Wunsch sich ab und zu noch wieder regen sollte."

Indessen das Schicksal hatte es doch ander» be­schlossen.

Nicht lange darnach erkrankte Frau von Rettwitz plötzlich an einem Nervenleiden, dessen Heftigkeit sich allerdings nach einigen Wochen verminderte, da» aber in einen schleichenden chronischen Zustand über­ging, bet nach fast einem Jahr ihrem Leben ein Ende machte. Der Geheimralh hatte gleich Anfang» der Majorin Scharfenberg von der plötzlichen und so heftigen Krankheit der Tante Mittheilung gemacht, und Alexandra war sofort gekommen, um die ihr theuere Verwandte persönlich zu pflegen. Und dieser Aufgabe unterzog sie sich mit rührendem Eifer. Sie verzichtete auf jede Zerstreuung und verließ kaum das Hau». Während dieser langen Zeit ihres Aufenthalts hatte sich Frieda, die j-tzt vierzehn Jahre alt war, mit solcher kindlichen Hingebung an Alexandra angeschloffen, und Letztere erwiderte diese Hingebung mit gleicher Lieve, daß dies Verhältniß nicht inniger hätte sein können, wenn zwischen Beiden blutsverwandte Bande bestanden haben würden.