Ausgabe 
1.9.1888
 
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Einer der beklagenswerthesten aber, der Infantin Juana, der Mutter Karls V. hatten die Tageschro­nisten nicht gedacht und so wollen wir es denn versuchen, das Geschick der unglücklichen Fürstin zu schildern. Nach dem im Jahre 1500 erfolgten Hinscheiden des Prinzen Miguel von Asturien war die Infantin Juana, seit acht Jahren mit dem Erbherzog Philipp dem Schönen von Burgund, dem Sohne Kaisers Maximilian L, vermählt, die rechtmäßige Erbin der Kronen von Kastilien und Leon geworden. Eine Tochter Ferdinand's V. und der großen Isabella von Kastilien, hatte sie eine auffallende Aehnlichkeit mit ihrer Großmutter väterlicherseits, weshalb ihr Vater sie im Kreise seiner Familie seinMütterchen" zu nennen pflegte und ihre Mutter diese Benennung nur allzu oft wiederholte. Ein .feierlicher Ernst, der sich über ihr ganzes Wesen verbreitete, kündigte un­gewöhnliche Eigenschaften des Geistes an; die Sehnsucht nach etwas Unendlichem, die mit den Jahren wuchs, unterschied sie von allen ihren Schwestern; aber je räthselhafter sie dadurch wurde, desto kühner erhob sich ihre Phantasie in jene Regionen, wo die Wirk­lichkeit verschwindet. So geschah es denn auch, daß jene Kraft zerstörend wurde, die, gehörig geleitet, zur beglückenden hätte ausgebildet werden können, was seinen Grund auch darin hat, daß Isabella niemals große Liebe für ihre zweite Tochter Juana beseffen, deren, wie gesagt, höchst eigenthümliches Temperament und namentlich ihre unverhehlte Gleich­gültigkeit in Betreff der religiösen Ceremonien die Mutter oft erbitterte, so daß sie bis zu Mißhand­lungen ging. In einem Briefe des Marquis von Denia an Juana's ältesten Sohn, den nachmaligen Kaiser Karl V., heißt es nämlich, daß die Mutter gegen die Tochter die Tortur hatte anwenden lasten, wobei freilich nur an strenge Geißelungen zu denken ist.

In ihrem Testamente hatte Isabella festgesetzt, daß: wenn die Erzherzogin Juana (des Erzherzogs war gar nicht gedacht) nicht für gut befinden sollte, sich nach Kastilien zu begeben, um daselbst an ihrer Stelle zu regieren, der König Ferdinand bis zur Volljährigkeit des Prinzen Karl, ihres Enkels, auf dem kastilianischen Thron verbleiben solle; auf jeden Fall aber habe Ferdinand für feine der kastilianischen Krone geleisteten Dienste die Hälfte von den Einkünften der neuentdeckten Welt zu genießen, und außerdem in dem Besitz der Großmeisterschaft der militärischen Orden zu verharren. Juana war jene, allerdings naturgemäße Bestimmung,^ nach' Kastilien zurückzu­kehren, höchst unangenehm, und erschien ihr dämm die ganze Thronfolge als höchst willkommen. Im schönen Flandern hatte ste glücklich gelebt, und mehr verlangte sie nicht, da von dem politischen Geiste ihrer Mutter auch nicht das Mindeste auf sie über­gegangen war. Indessen war es unmöglich, sich einem Schicksal zu entziehen, welches sie auf den größten Thron Europas berief. Ihr Recht auf denselben war unbestreitbar; dennoch fand es einen Widersacher an ihrem eigenen Vater. Nicht als ob

ihm seine Tochter gleichgiltig gewesen wäre, sondern weil er den Gedanken nicht ertragen konnte, in dem Herzog den künftigen Beherrscher der spanischen Monarchie zu erblicken. Diese Abneigung bestärkt: sich in ihm noch mehr, als er sah, welche Huldigungen dem Herzoge, als er mit Juana nach Kastilien ge, kommen war, von allen Seiten zu Theil wurden, so daß er froh war, als dieselben nach Flandern zurückkehrten. Aber fortan sann er, mehr aus Feind­schaft gegen Philipp, als aus eigentlicher Herrschsucht unaufhörlich darauf, wie er sich des kastilianischen Thrones auf immer versichern könne. Zu diesem Zwecke schickte er einen gewissen Comhillo nach Flan­dern, der unter der Maske eines gewöhnlichen Abg>- sandten seine Tochter zu einer förmlichen Entsagung bewegen sollte. Comhillo, wohlgewandt in der Politik oder besser gesagt, Jntrigue faßte Juana gerade da an, wo sie am schwächsten war, indem er ihre schwärmerische Liebe zu Philipp in Eifersucht verwandelte. So gelang cs ihm wirklich seinen Zweck zu erreichen und Juana stellte ihm eine förm- liche Entsagungsurkunde aus. Doch das Werk gelang nur halb. In dem edlen Juan Manuel war Philipp während jenes Besuches in Spanien ein treuer Freund erwachsen, und, durch ihn gewarnt, hatte der Herzog keine Mühe, Juana zum Bekenntniß ihres Schrittes zu bewegen. Comhillo wurde infolgedessen in dem Augenblicke, da er sich mit der Entsagungsacte nach Spanien einschiffen wollte, verhaftet, der Plan ver­eitelt und der einzige Nachtheil, den er hatte, lag in der Veränderung, welche Comhillo's Reden in Juana's Gemüth hervorgerufen hatten. Fortan erfüllte sie nämlich eine Erbitterung gegen ihren Vater, welcher ihr die einzige Stütze ihres Daseins zu entreißen versucht hatte, die schließlich unauslöschlich wurde, als sie sich auf die Dauer durch eine Vermählung bedroht sah, welche Ferdinand nach dem Tode Jsabella's mit einer französischen Prinzessin eingegangen war. Unterdessen eilte sie mit ihrem Gemahl und ihrem ältesten Sohn nach Valladolid, wo sich die Cortes versammelt hatten, um ihnen als Königspaar von Kastilien und dem Prinzen Don Carlos als Thron­erben zu huldigen. Dieser Augenblick war vielleicht der schönste in dem ganzen Leben Juana's, denn insofern die Liebe ihn herbeigeführt hatte, gab sie mit ihm an Philipp Alles zurück, was sie ihm zu verdanken hatte. Aber ein greller Mißton verscheuchte die Festfreude. Nach aufgehobener Tafel begann Philipp, der körperliche Uebungen liebte, ein Ballspiel. Erhitzt vom Weine und noch mehr von dem Spiel war er unvorsichtig genug, seinen brennenden Durst durch schnell abkühlende Getränke zu stillen. Ein heftiges Fieber war die unmittelbare Folge davon und nach sechstägigem Krankenlager starb er am 25. September 1505 im Alter von neunundzwanzig Jahren in der Blühte seiner Schönheit und Kraft.

(Schluß folgt.)

Redaktion: i. V. Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Meßen.