6-ieHeuer Amilienblätter.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
1888.
Donnerstag, bm 1. November.
Nr. 129.
Im Kaufe Immendorf.
Original-Roman von Emili« Heinrichs.
(Fortsetzung.)
Walter von Rüdershausen? — War er es wirklich selber, jener Verräther, der einst den Fluch über diese Schwelle getragen, ein reicher Leben im Jugendglanz vernichtet und unsägliches Weh verschuldet hatte? — Kam er, um Irmgards Verzeihung zu erflehen? War ste berechtigt, zwischen ihn und die Sterbende zu treten? —
Ach nein, Ulrike hatte ja niemals an sich selber gedacht, wie sollte die Gute jetzt dazu kommen! — Sie gab dem harrenden Johann den Befehl, den Grafen willkommen zu heißen.
„Das gi-bt wieder ein Unglück", murmelte der Alte, „Du allbarmherziger Gott, steh' uns bei, daß der zweite Betrug nicht ärger werde als der erste."
Der im Wagen harrende Graf war bereits ungeduldig geworden und fluchte sehr uncavaliermäßig über die alten Hexen. Da kehrte sein Groom mit de; Botschaft zurück, und nach wenigen Augenblicken führte der verblüffte Johann den jungen Herrn in das Wohnzimmer, wo Ulrike mit klopfendem Herzen seiner harrte. Sie trat überrascht zurück, als sie den Gräfin sah und ihres Jrrthums inne wurde. War dieser junge Mann, der jenem Verlobten, ihrer unglücklichen Schwester frappant ähnlich sah, sein Sohn? Eine unheimliche Angst schnürte ihr die Kehle zusammen, daß sie kein Wort hrrvorbringen konnte, und der Graf stch mit einer stillen Verneigung begnüge» mußte.
Er sah das braune Freisräulein durch die blitzenden Augengläser an und verbeugte stch tief.
„Gnädiges Fräulein!" begann er jetzt ohne Umschweife, „ich habe die Ehre, mich im Namen meines verstorbenen Oheims, des Grafen von und zu Rüdershausen, den Damen des freiherrlichen Hauses von Jmmendorf vorzustellen und dieser Schreiben persönlich in die Hände des Freifräulein Irmgard zu legen."
Ulrike, welche ihre volle Fassung wieder erlangt, richtete stch stolz empor.
„Ihr Oheim ist tobt, sagen Sie?"
„Ja, meine Gnädigste! er ist seiner längst voran- gegangenen Gemahlin vor drei Wochen tn's Grab gefolgt. Da seine Ehe kinderlos geblieben, bin ich, sein einziger Neff« und Erbe, zu dieser heutige» Misston ausersehen worden.".
Er hatte einen Brief aus seiner Brusttasche her- vorgezogen und denselben spielend in der Hand gewogen.
„Meine Schwester Irmgard ist schwer krank", erwiderte sie nach einer kleinen Pause, „ich darf es ohne ärztliche Erlaubniß nicht g 'statten, daß sie dieses Schreiben empfängt, und muh Sie bitten, auf Ihren
Besuch zu verzichten."
„Das kann und darf ich nicht, mün gnädiges Fräulein!" sprach der Graf kalt und fest, „es betrifft den letzten Wunsch eines Sterbenden, der nicht heimgehen konnte, ohne den Versuch zu machen, ein schweres Unrecht gut zu machen!"
„Ems Todsünde wollen Sle sagen, Herr Gras!" versetzte Ulrike, vor Unwillen errötherd, „dort drinnen liegt das Opfer Ihres Oheims seit 35 Jahren im Sterben, um endlich nach qualvollen Leiden Ruhe zu finden. Regte stch fehl Gewissen, nachdem es so lange geschwiegen, endlich in der Todesstunde, um in der Angst vor dem Gerichts sich mit dem armseligen Brosamen die es Brieses zu retten und den Himmel zu betrügen? Nein, mein Herr Graf, seine Sühne kommt zu spät, — behalten Sie den Brief nnd reisen, wenn Sie einen Funken menschliches Gefühl besitzen, so rasch als möglich in Ihre H-i-
mach zurück," , _
Gras Rüdershausen hatte ruhig, ohne eine Miene zu verziehen, diesen Erguß eines edlen Unwillens angehört. Nun zuckte er bedauernd die Schultern und meinte kalt, daß es nicht seins Aufgabe sei, über etwaige Jugendsünden eines Verstorbenen Gericht zu holten, er vielmehr eine versöhnende Mission zu vollbringen habe, welche sicherlich geeignet sei, den verklärenden Schimmer der Freude üoer die letzten Augenblicke eines v'rödeten Daseins zu werfen.
Der Gras hatte mit kluger Berechnung Ulrike'S empfindlich- Sette berührt; sie, blickte ihn unruhig an und streckte mechanisch die Hand nach dem
Briefe aus. _ , , ,,
„Pardon, meine Gnädigste!" weyrte jenes ruhig ab, „meine Ordre lautet ruf persönliche Emhändi- gung dieses Schreibens."
Ulrike war noch immer unschlüssig, als der alte Johann den Herrn Baron von Lerchenheim meldete.
„Er ist wie immer sehr willkommen", nickte ste mit einer Art Erleichterung und streckte dem alten Herrn, der sofort in'» Zimnur trat, drr Hand zum Gruß entgegen, worauf ste die Herren einander vorstellte. ,
Während Graf Rüdershausen stch kalt und förmlich verbeugte, fuhr der Baron wie von einem gisti- gen Reptil gebissen, bei der Nennung des gräflichen


