Ausgabe 
1.5.1888
 
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Als ich in Breslau zu Besuch war, Ende der fünfziger Jahre (ich stamme nämlich aus Ostpreußen), da hatte man eiserne Kochmaschinen in den Küchen; jetzt sollen dort gemauerte kleine Oefen mit Koch­platten sein. Ist das allgemein so?

Wo wird denn gewaschen? In der Küche? Oder ist Waschküche und Trockenboden da? Wird dort viel Steinkohle gebrannt? Wie theuer ist dort der Centner? Und wie stellt sich die böhmische Braunkohle? Brennt denn bei wenig Holz die Steinkohle gut an? Das Holz soll dort sehr theuer fein. Hier kauft man einen Centner klein gehacktes Buchenholz für 12 bis 13 Silbergroschm. Wollen Sie mir gefälligst auf diese Fragen antworten, und mir auch mittheilen, wie ich mich in Breslau zu verhalten habe, wenn ich am Bahnhofr ankomme? Und wie wird sich überhaupt die Sache machen, wenn ich hinkomme? Ich bin doch fremd dort.

Hochachtungsvoll Xaver Schmidt.

p. 8. Eine Badewanne kaufe ich ganz bestimmt. Nachdem Herr K. den sechs Seiten langen Brief überflogen hatte, fetzte er sich empört an fein Pult und schrieb:

Mein werther Herr Schmidt!

Da ich keine Zeit habe, Ihnen auf alle Ihre Fragen zu antworten, so beschränke ich mich aus die letzte. Sie fragen, wie sich das machen wird, wenn Sie nach Breslau kommen. Ich kann es Ihnen ganz genau sagen:

Am Bahnhofe wird Sie der Herr Oberbür­germeister an der Spitze fämmtlicher Stadtverord­neten in Amtstracht erwarten, Sie seierlichst be­grüßen und Ihnen auf silberner Platte den Bürgerbrief präsenttren. Ihr Hauswirth wird natürlich das Haus bekränzen lasien und Ihnen eröffnen, daß Sie für die ersten drei Jahre freie Wohnung haben. Selbstverständlich erhebt der Magistrat für die ersten drei Jahre keine Steuer von Ihnen, Sie bekommen im Gegentßetl eine jährliche Gratifikation von fünfhundert Mark. Ueberall, wo Sie hinkommen, wird man Sie ge­rührt empfangen und Ihnen alle Ehrs erweisen " aber wenn Sie zu mir kommen, kriegen Sie ein paar gewaltige Ohrfeigen, Sie unverschämter Mensch I

Mit Hochachtung

K."

Herr Xaver Schmidt war jedoch nicht der Mann, der sich eine solche Beleidigung gefallen ließ. Er antwortete Herrn K. in gerechter Entrüstung, daß er nunmehr auf die Badewanne verzichte, daß er ihn aber wegen Beleidigung verklagen werde. Das that er denn auch.

Das Breslauer Schöffengericht verurtheilte, nach­dem es Einsicht in den sonderbaren Briefwechsel ge­nommen hatte, Herrn K. zu 10 M. Geldbuße.

Vermischtes.

Das Turnen an den deutschen Hoch­schulen. Während der Betrieb von Leibesübungen an unseren Universitäten nach Unterdrückung des^Tur- nens in den zwanziger Jahren lediglich zu dem nur sehr einseitigen Fechten zusammengeschrumpft ivar, zeigen die letzten 10-15 Jahre einen erfreulichen Aufschwung des Turnwesens an unseren Umverfitaten. Abgesehen von einer Anzahl von Verbindungen und Burschenschaften, welche ihre Mitglieder zu Turn­übungen verpflichten, bestehen augenblicklich an unse­ren Hochschulen nicht weniger als 34 akademffche Turnvereine, wozu noch die akademischen Turnvereine der Universitäten Wien und Graz in Oesterreich, sowie drei studentische Turnvereine an den Hochschulen Basel, Bern und Zürich in der Schweiz kommen. Von diesen Vereinen bilden neun, nichtfarbentragende, den akademischen Turnbund, während 21 farben­tragende Turnvereine sich zu dem Kartellverband akademischer Turnvereine auf deutschen Umverfitaten (V-C) zusammengeschlossen haben. Der Kartellver­band hat schon wiederholt mit großem Erfolg ge- aemeinsame Turnfeste veranstaltet, und zwar 1882 in Sangerhausen, 1884 in Mühlhausen. Das dies­jährige Verbandsturnfest soll Pfingsten d. I. rn Helm­stedt stattfinden, und werden an 400 Studrrende zu diesem Feste, welches auch turnerisch bedeutend zu werden verspricht, erwartet.

Ausbildung vonSchülern in militäri­schen Exercitien. Aus einer Reihe von Städten, Berlin und Hamburg an der Spitze, wird das Be­streben gemeldet, bei unseren Schülern militärische Uebungen einzuführen. Es bilden sich Exercierschulen unter Leitung von Bezirksfeldwebeln oder früheren Offizieren, in denen mehrmals wöchentlich Knaben in den militärischen Formen des Exercierens, der Gewehrgriffe u. s. w. eingedrillt werden. Das Auf­kommen dieser Anstalten zeugt von der wachsenden Erkenntniß, daß zur Erhaltung der Gesundheit und Frische unserer Schuljugend das bestehende Schultur­nen zu wenig beiträgt, und daß mehr an Bewegung und leiblicher Hebung geboten werden muß. Ob aber die Vorwegnahme militärischer Hebungen und nnfi- tärischen Drills die richtige Form dazu ist, muß doch mehr wie bezweifelt werden. Hnsere Jugend will Licht, Luft und Freiheit im Bewegungsspiel, m Wandern, Schwimmen, Schlittschuhlaufen u. s. w. und nicht solche Soldatenspielerei. Damit ist unserm Heere nicht gedient, wohl aber damit, daß die em- zustellende junge Mannschaft wohl entwickelt an Gliedern und Brust, ausdauernd und zäh im Ertragen von Anstrengungen sei. Das Beispiel derSchüler­bataillone" in Frankreich kann zu der Weiterverbrei' tung dieserExercierschulen" doch wahrlich nicht auf­fordern. ____

Mdaction: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'sch-n Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gi-ß-n.

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