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Mer war der Wäier?
Gin» Erzählung aus Amerika.
(Fortsetzung.)
Ich untersuchte auch noch den Kamin und die Fenster, aber es ist alles in Ordnung! Der Kamin ist innen durch eiserne Querstangen gesichert, die noch fest sind und an den Fenstern sind die Läden noch geschloffen. Wer also hiergewesen ist, ist mir völlig unerklärlich. Was mich aber noch mehr wundert, das ist das Treiben des Unbekannten hier im Zimmer. Dort den Schreibtisch hat er offenbar mit einem scharfen Instrumente aufgebrochen; hier liegen, wie Sie sehen in Gold und Papiergeld für ungefähr 7000 Donars, die aber nur etwas durcheinander geworfen sind; wir haben heute den zweiten des neuen Quartals, jedenfalls hat also Johnson gestern Zinsen eingenommen und der Thäter hat das gewußt oder »ermuthet. Daß die Sache auf das Geld abzirlte und daß der Thäter die Gewohnheiten des Alten kannte, steht für mich fest, denn dieser schaffte seine Einnahme, wie ich höre, regelmäßig sehr bald zum Banquier, aber warum mag nur der nächtliche Thäter da« baare Geld nicht mitgenommen haben, da ihn doch wohl Niemand gestört hat, und, nochmals, wie ist er hereingekommrn? — „Es wäre ja möglich", fuhr der offenbar höchst interefsirte Sprecher fort, „daß er sich Abends beim Dunkelwerden hier hereingeschlichen und versteckt hat, aber wo ist er nachher geblieben? Ich bin in der That gespannt, des Richters Ansicht hierüber zu vernehmen; möglicherweise ist der alte Herr über dem Erbrechen des Schreibtisches ausgemacht und hat um Hilfe rufen wollen und dies hat ihm das Leben gekostet, aber warum nahm der Thäter denn das Geld nicht mit? Mir bleibt; wie gesagt, der Vorfall unerklärlich."
Dr- Blind war den Worten seines Collegen mit größter Aufmerksamkeit gefolgt; seine Züge verriethen das höchste Entsetzen und als der Redner geschloffen, machte jener einige Schritte auf das Bett seines Onkels zu, wie um die Leiche nochmals zu betrachten, im selben Augenblicke aber taumelte er und sank ohnmächtig in die Arme des gerade hereintretenden Richters. Die beiden anderen Herren erklärten sich dies sofort mit der Zuneigung des jungen Mannes für den Oheim, dem er feine ganze Existenz zu danken hatte und Dr. Westen beeilte sich, ihn nach Hause zu bringen, wo er sich bald erholte.
Schon am folgenden Tage erschien die amtliche Mittheilung, daß Dr. Blind auf die Entdeckung des Thäters eine Belohnung von 1000 Dollars gesetzt habe und die Behörde war fieberhaft thätig, das Verbrechen aufzuhellen. Während aber sonst in ähnlichen Fällen sich alsbald wenigstens einige Verdachtsmomente gegen irgend eine berüchtigte Persönlichkeit ergaben, vergingen diesmal Wochen, ohne daß a»ch nur gegen einen der bekannten Einbrecher be
gründete Anzeigen sich ergeben hätten. Das Publikum war auf's höchste gespannt, aber auch das Gericht war überrascht, als sich in dem Nachlaß des Verstorbenen, der sonst in allen Dingen so pünktlich gewesen war, nicht das allgemein erwartete Testament zu Gunsten des Neffen, sondern lediglich ein unvollständiger und deshalb auch gesetzlich ungültiger Entwurf fand, wonach der Neffe jährlich bloß 1500 Dollars bekommen sollte, das Kapital aber. verschiedenen Waisenhäusern zugedacht war; jedenfalls war dem alten Herrn aber der Gedanke wieder leid geworden und der Entwurf war liegen geblieben, denn von einem dauernden Zwist zwischen Onkel und Neffen hatte Niemand vernommen.
Nach Wochen und Monden erhielt Blind das Vermögen feines Verwandten ausgeantwortet, doch bedachte derselbe jene Waisenhäuser in außerordentlich reichem Maßstrbe, wodurch er während mehrerer Tage der Gegenstand des Stadtgesprächs wurde.
Nach Verlauf eines halben Jahres schloß er den längst geplanten Ehebund mit der Tochter eines angesehenen Beamten und begab sich dann zu einem mehrjährigen Aufenthalte mit seiner Gattin nach Europa. Sein dortiger Aufenthalt dauerte mehrere Jahre, selten schrieb er und dann immer in kurzen abgerissenen Daten begleitet von Klag-n über seine wankende Gesundheit. Endlich, es waren mehr als 3 Jahre vergangen, trat er eines Tages unerwartet in das Haus seines Freundes ein. Dr. Westen erschrack förmlich über das solaffe, abgehärmte Aussehen seines Freunder, in dessen finster verschlossenem Wesen er den einstigen lebenslustigen jungen Mann nicht mehr zu erkennen vermochte. Schon aus der ersten Unterredung fühlte er heraus, daß jener den Eindruck des tragischen Todes seines Oheims immer noch nicht überwunden hatte und sehr bald sah er sich genöthigt, Blind den dringenden Rath zu er- theilen, sich nicht wieder am Orte jener dunklen That niederzulassen. Der junge Mann folgte dieser Weisung auch schon nach wenigen Wochen und siedelte nach Philadelphia über.
Ein halbes Jahr nachher besuchte ihn dort Dr. Westen auf die Anzeige von her Geburt eines Kindes hin. Er fand ihn aber auch durch dieses frohe Familienereigniß nicht heiterer gestimmt, viel- mehr hatten den offenbar an einer Gemüthskrankheit Leidenden allerlei düstere Ahnungen erfaßt, in denen er fein Kind und seine Gattin der Obsorge seines Freundes empfahl. Wenige Monate später e hielt Westen die Mittheilung von dem erfolgten Ableben seines Freundes, der in letzter Zeit völlig dem Trübsinne anheimgefallen war. Unter den Papieren des Verstorbenen hatte sich auch ein an Westen gerichtetes Schreiben gefunden, welches diesem versiegelt übersandt wurde. (Fortsetzung folgt)
Redsctis«: A. Scheyds. — Druck und Verleg der Brühl'schm Druckerei (Fr. Shr. Pietsch) in Gieße«.


