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Körperblöße auch der Sittlichkeit dienen sowie zum Schmucke des Körpers, ist eigentlich nebensächlich uub findet im Allgemeinen bei beiden Geschlechtern statt, ob auch Gewohnheit, Gebrauch und Mode einen übergroßen, oft geradezu widerstnnigen Emfluß ausüben'. Wenn aber bei dem einen oder dem anderen Geschlechte gelegentlich behauptet wird, diese oder jene Kleidung sei wärmer als eine andere, so ist dies ein ungenauer Ausdruck; denn im eigentlichen Sinne des Wortes wärmt keine Kleidung, sondern sie hält nur die eigene Körperwärme des Bekleideten mehr oder weniger zurück und verhindert die Em- Wirkung äußerlicher kälterer Temperatur aus die seinen Körper zunächst umgebende Luftschicht. Bei jeglicher Kleidung kommt also zuerst die Fähigkeit derselben, die Wärme zu leiten, in Betracht, und ie nach dem Grade ihrer Leitungsfühigkeit mutz die Kleidung den sonstigen Verhältnissen angemefien sein, und abgesehen von der Jahres- und Tageszeit, der Witterung, dem Klima, Alter und Geschlecht, Le»,cns- weise, Nahrung, Beschäftigung und dem Grade der Eigenwärme mutz bei der Wahl der Kleidung zu allererst der Temperatur« und Feuchtigkeitsgrad der äußeren Luft berücksichtigt werden. Die innerhalv der Kleider den Körper umhüllende Luft pflegt circa 30 Grad Celsius, gleich 24 Grad Reaumur, zu haben, und je größer der Unterschied der Tem- peraturen dieser Lufthülle und der äußeren Luft ist, umsomehr Wärme entzieht die äußere Lust der inneren zur Ausgleichung dieser Differenz, und ein nm so schlechterer Wärmeleiter muß die Kleidung sein, um die Wärmeabgabe nach außen möglichst zu beschränken, oder umgekehrt, wenn die äußere Luft eine höhere Temperatur hat, den Eintritt von Wärme nach innen abzuhalten. Da aber die atmosphärische Lust ein sehr schlechter Wärmeleiter ist, so leiten diejenigen Stoffe, welche viel Lust in ihrer Masse emhalten, also nicht fest und dicht sind, am wenigsten Wärme und schützen am meisten vor Kaltwerden oder bei größerer äußerer Wärme vor Erhitzung. Deshalb tragen die polnischen und oberschtestfchen Bauern das ganze Jahr hindurch dicke Pelze, das Leder nach außen, und sagen mit Recht, daß diese im Winter warm halten und im Sommer vor der Litze schützen. Zu beachten ist in dieser Beziehung auch lose und zusammengedrückte Watte, indem diese letzrere gerade noch einmal so viel Wärme leitet, also dem Körper entzieht, oder nach Umständen zuführt als lose Watte, die in ihren Zwischenräumen viel Luit enthält. Ein neuer wattirter Ueberzieher oder Hausrock hält bekanntlich weit wärmer als ein vielgebrauchter, weshalb es bei solchen wattrrten Winterkleidern räthlich ist, die zusammengedruckte Wattirung von Zeit zu Zeit zu erneuern. Aus demselben Grunde halten gestrickte, weitmaschige Strümps und Unterkleider wärmer als dicht gewirkte, wert der gestrickte Stoff lockerer und poröser ist und m seinen Maschen viel Luft enthält. Nächst dem schlechten Wärmeleitungsvermögen, welches bei der ' RcdactiöinUchcYda. — Druck und Verlag der
Kleidung eigentlich als Wärmezurückhaltung wirkt« kommt die hygroskopische Eigenschaft der Kleiderstoffe, d. h. die Fähigkeit zur Aufnahme von Feuchtlgke-t, in Betracht, nämlich in welchem Grade die Stoffe Waffer aus der Luft oder unsere wäffrige Hautaus- dünstung (Schweiß) aufnehmen und zurückhalten können, weil dies, namentlich betreffs Abkühlung des Körpers von großer Bedeutung ist. Je hygroskopischer ein Stoff ist, und je mehr Feuchtigkeit er aufnimmt, umsomehr leitet er in durchfeuchtetem Zustande die Wärme, — wirkt also wegen leichteren Durchgangs der Eigenwärme und Verstrahlung derselben abkühlend und erkältend auf unsere Haut besonders durch Verdunstung des Schweißes. Durchnäßte Kleider erkälten wie ein nasser Umschlag, weil das Waffer viermal so viel Wärme entzieht als kalte, trockene Luft. Am meisten kühlt nasses Leinenzeug, viel weniger Baumwolle, am wenigsten thierische Sioffe: Wolle und Tuche oder Seide, und die schlechtesten Wärmeleiter sind Pelze und Flaum (oder Dunen), welche deshalb die wärmsten Kleidungsstücke geben. — Für den Sommer, in heißem Klima oder bei Hautkrankheiten mit brennender, heißer, juckender Haut eignen sich daher am besten leinene Stoffe, weil sie bei äußerer Hitze und beim Transpiriren mehr Kühlung verschaffen in Folge des Sinkens der E.genwärme, die umsomehr abnimmt, je mehr Wasser auf der Haut oder in den Kleidern verdunstet und dem Körper die dazu nöthige Wärme entzieht. Bei weitem nicht so porös wie Leinen- und Hanffasern sind seidene, wollene und baumwollene Stoffe; daher nehmen sie weniger Waffer auf und lasten es nur langsam verdunsten, verhüten also die rasche Abkühlung des Körpers und das unangenehme Gesuhl, welches naste Leinewand, die auf bloßem Leibe trocknet, erregt. Stoffe aber, die für Wasterdunst und Waffer undurchdringlich sind, wie Guttapercha, Kautschuk, Mackintosh, halten zwar im Regen das äußere Master vom Eindringen ab, nehmen aber auch die Hautausdünstung und den Schweiß nicht in ihr Gewebe auf, noch lasten Sie die Wasserkünste durch; daher erregen sie ein lästiges Gefühl von feuchter Wärme und stärkere Absonderung von Schweiß, der sich an der inneren Seite solcher Regenmäntel ansetzt, weil die wästerige Ausdünstung sich daselbst an dem kühleren Stoffe tropfbar Nieder- schlägt. Nicht gleichgiltig ist auch die Farbe der Kleidungsstücke, insofern als dunkle, zumal schwarze Stoffe die Wärmestrahlen von außen bester einbringen lassen als hellfarbige, besonders weiße Stoffe, welche die Wärme« und Lichtstrahlen zum grotzen Theile zurückwersen und deshalb für den Sommer und heiße Länder pasten. Dunkelfarbige Stoffe saugen auch leichter Feuchtigkeit und flüchtige Gerüche ein als Helle. Am meisten von Gerüchen nimmt Schwarz auf, dann Blau, Roth, Grün, wenig Gelb und fast nichts Weiß.
(Schluß folgt).
rü hl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


