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Vera schritt dicht neben dem Referendar einher.
„Haben Sie in den letzten Tagen den Oberst Johnson nicht wiedergesehen?" fragte sie.
Betroffen blickte er sie an.
Ein Zug der Geringschätzung glitt über ihr blasses Antlitz.
„Sie werden ihn heute Nachmittag Wiedersehen", sagte sie, „das ist der Grund, weshalb Sie erst morgen abreisen wollen."
Er konnte seine Ueberraschung nicht verhehlem aber er fand keine Zeit, eine Antwort darauf zu geben; die Schaffner drängten zum Einsteigen, und er mußte den Damen noch das Gepäck in das Coupo hineinreichen.
Nur ein kurzes: „Auf Wiedersehen!" konnte er ihnen noch zurufen, dann setzte sich der Zug in Bewegung, und mit einem höhnischen Grinsen nahm jetzt auch der rothe Fritz von ihm Abschied, der aus einem Coupo der dritten Classe herausschaute.
Lange blickte Rommel dem Zuge nach, dann trat er gedankenvoll den Heimweg an.
Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Es war kalt, aber windstill. Der Referendar beschloß, den Oberst aus dem „Eber" abzuholen; er wußte ja, mit welcher Ungeduld dieser auf die Abreise der Damen wartete, um in den „Weißen Hirsch" zurückkehren zu können.
„Wie kam die schöne Frau nur zu der Ver- muthuug, daß er den Oberst heute noch wiedersehen werde? Hatte sie erfahren, daß er noch in der Nähe war? Oder stützte diese Behauptung sich nur auf eine dunkle Ahnung?"
Aber weshalb sollte er sich mit diesen Fragen quälen, auf die er ja doch keine befriedigende Änt- wort fand!
Sie war fort, und der Oberst brauchte von dieser Ahnung Nichts zu wissen.
Nach einer ziemlich langen Wanderung langte er im „Eber" an und der Oberst empfing ihn mit lebhafter Freude.
„Ich hätte Sie ausgesucht, wenn Sie heute nicht gekommen wären", sagte er, dem jungen Manne die Hand reichend; „ich mußte mich selbst überzeugen, daß die Kugel des Meuchelmörders Sie verschont hatte."
„So wissen Sie schon, was sich ereignet hat?" fragte der Referendar.
„Natürlich, ich erfuhr es heute Morgen."
„Auch, daß der Bursche bereits verhaftet ist?" „Der rothe Fritz?"
„Jawohl, er ist bereits auf dem Wege zum Zuchthaus"
In dem Blick des Obersten, der erwartungsvoll auf dem Antlitz des jungen Mannes ruhte, spiegelte sich ernste Besorgniß.
„Und ist dabei noch einmal die Rede auf die vergangenen Ereignisse und den Oberförster gekommen?" fragte er.
„Natürlich!" nickte Rommel. „Wir fanden ja
in den Taschen des Gefangenen die Uhr und den Ring Salberg's."
„Nicht möglich! Wissen Sie auch ganz bestimmt —"
„Madame Schirmer hat die Gegenstände als das frühere Eigenthnm ihres Neffen recognoseirt."
„Und der rothe Fritz?"
„Hat mit frecher Stirn erklärt, er werde Alles leugnen. Verdient ein solcher Mensch noch Mitleid?"
„Ich verstehe das Alles nicht!" sagte der Oberst kopfschüttelnd, während er sein Etui öffnete, um dem Freunde eine Cigarre anzubieten. „Wie konnte dieser Vagabund solche werthvolle Gegenstände so lange ausbewahren, ohne der Versuchung zu erliegen, sie zu verkaufen?"
„Ja, ja, ein vollkommener Widerspruch bleibt gleich geheimnißvoll für Kluge wie für Thoren! Der Bursche hat derzeit die Sachen hier versteckt sammt seiner Büchse, unb ich vermuthe, daß er dem Tobten auch die Börse geraubt und darin die Mittel gefunden hat, die Reisekosten zu bestreiten. Ich vermuthe ferner, daß er nicht nur einen Raub, sondern auch einen Mord begangen hat; Nichts halb zu thun, ist ebter Geister Art, und der Oberförster weiß auch mehr, als er verrathen will; aber sie sollen Beide beichten."
„Lasten Sie den alten Oberförster aus dem Spiel", erwiderte der Oberst unwillig; „er hat genug zu tragen, bürden Sie ihm nicht noch mehr auf!"
„Ich verlange ja Nichts weiter von ihm, als daß er —"
„Ihr Verlangen kann und darf er nicht erfüllen!"
„Holla, sollte er auch sein Ehrenwort verpfändet haben?" rief der Referendar überrascht.
(Fortsetzung folgt.)
Aehnlichkeit und Unterschied der Kleidung beider Geschlechter*)
von Dr. E. D. Mund v. Poch Hamm er.
„Mann und Weib und Baum und Blume Sind gar wunderbar verwandt;
Streiten wollten Baum und Blume, Bis sich gleiche Liebe fand."
Ed. Gasparini.
Wenn man darüber auch verschiedener Meinung fein kann, ob die Aehnlichkeit oder der Unterschied der Kleidung des männlichen und des weiblichen Geschlechtes größer ist, — der Zweck derselben ist vollständig der gleiche; denn die Hauptaufgabe der Bekleidung ist hier wie dort: der Schutz vor Erkältung, Warmhalten des Körpers und die Bildung einer denselben umgebenden ruhenden Luftschicht. Daß die Kleider außerdem durch Bedeckung der
*) Aus der Berl. Gerichts-Ztg.


