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Der Referendar hatte die Brille abgenommen; er rieb mit seinem Taschentuch rastlos ihre Gläser.
„Ich muß noch einmal auf die Auffindung der Leiche zurückkommen", sagte er; „sie soll bereits unkenntlich gewesen sein —"
„So sagte man mir, als ich hierher kam; sie wurde erst acht oder zehn Tage nach der That ge- funden. Im Sommer ist der Verwesungsprozeß ein ziemlich rascher. Jnsecten und Raubvögel werden die Leiche auch nicht verschont haben, und man fand sie an einer Stelle, die selten besucht wurde."
„Und als einziges Erkennungszeichen mußte der Inhalt des Portefeuilles dienen?"
„Auch der Paletot und die Gegenstände, die in den Taschen desselben gefunden wurden."
„Wer weiß, was in der Zeiten Hintergründe schlummert!" sagte der junge Mann sinnend. „Etwas ist faul im Staate Dänemark, das lasse ich mir nicht ausreden. Wenn Hermann von Salberg den Vorsatz hegte, seinem Leben ein Ende zu machen, weshalb that er es nicht in seiner Wohnung? Was konnte ihn veranlassen, hierher zu reisen, um diesen Vorsatz „fern von Madrid" auszuführen?"
„Vielleicht glaubte er dadurch das Aussehen ab- zuschwächen, das dieser Selbstmord in seiner Garnison machen mußte."
„Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheidt, man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen. Nehmen wir an, Ihre Vermuthung sei richtig, sollte dann aber Hermann von Salberg nicht seine eigene Waffe, eines jener Pistolen mitgenommen haben und zwar dasselbe Pistol, das jetzt der Oberförster besitzt? Ich sage Ihnen, mir wird von Alledem so dumm, als ging' mir ein Mühlrad' im Kopf herum! Neben der Leiche hat man einen Revolver gefunden —"
„Könnte nicht der Oberförster den Revolver hingelegt und dafür die andere Waffe mitgenommen haben?"
„Kaum denkbar! Der alte Herr mußte ja wissen, welcher Gefahr er sich durch diesen Tausch aussetzte. Dann auch hätte er zuerst die Leiche entdecken müssen. Nein, nein, das läßt sich denn doch nicht annehmen!"
„So wären also die Räthsel, deren Lösung wir vergeblich zu erforschen suchen, noch dunkler geworden", sagte die alte Dame. „Sie werden hier nichts erreichen; nur Herr von Görlitz und der Oberst Johnson können das Dunkel lichten. Aber still, ich höre Frau Ackermann kommen; erwähnen Sie in ihrer, Gegenwart Nichts von Ihren Entdeckungen. Die arme Frau trägt schwer genug an dem Druck, der auf ihr ruht."
„Sie hat den Unglücklichen geliebt?"
„Sie liebt ihn noch; sie kann sich von dem Ge- danken nicht trennen, daß seine Liebe zu ihr ihn in den Tod getrieben hat."
Vera trat in diesem Augenblick vor. Der Referendar wechselte noch einige Worte mit den ’ Damen, dann entfernte er sich, um die nöthigen I
Anorderungen zum Transport des Gefangenen zu treffen.
, Der Ortsvorsteher wollte den rothen Fritz der heimatlichen Behörde überliefern, aber dagegen protestirte Rommel. Er hatte die Untersuchung begonnen, nun wollte er sie auch beenden. Die liebet» Weisung an ein anderes Gericht konnte später noch erfolgen, wenn sie gefordert und gesetzlich begründet wurde.
. Er selbst nahm zu großes Interesse an dieser Untersuchung, als daß er sich so ohne Weiteres dazu hätte verstehen können, sie einem andern Richter zu übertragen; er wollte wenigstens den Versuch machen, sich diesen „interessanten Fall" zu sichern. Er fand kaum Zeit, von den Damen Abschied zu nehmen. Mit demselben Zuge, den sie benutzten, sollte auch der Gefangene abgeführt werden, und die gesetzlichen Formalitäten, die dabei berücksichtigt werden mußten, nahmen umsomehr Zeit in Anspruch, als der Protest des Ortsvorstehers die Schwierigkeiten noch vermehrte.
Endlich war auch das erledigt. Auf dem Bahn- hofe harrte der Verbrecher, gefesselt und von einem Gensdarm bewacht, der Ankunft des Zuges, und der Referendar stand im Wartesaal vor den Damen, um Abschied von ihnen zu nehmen.
„Sie könnten uns nun begleiten", sagte Lud- milla, „den Verbrecher haben Sie wieder einge- sangen, und Ihre Mission ist nun erfüllt. Was hält Sie nun noch zurück?"
„O, der Einfall war kindisch, aber göttlich schön!" erwiderte er, während er ihre Hand in der seinigen hielt und ihr tief in die blauen Augen schaute. „Was mich zurückhält? Manches! Aber morgen werde ich nachkommen; liegt dir Gestern klar und offen, wirst du heute kräftig frei; kannst auch auf ein Morgen hoffen, das nicht minder glücklich sei!"
Ludmilla entzog ihm leise ihre Hand.
„Ich werde Herrn Maiwind berichten, daß Sie Fortschritte in Ihren klassischen Studien gemacht haben", sagte sie lächelnd. „Aber was haben Sie denn hier noch zu besorgen? So ganz allein im „Weißen Hirsch" zu wohnen, kann doch auch nicht angenehm fein 1"
Der Blick Vera's ruhte brennend auf ihm. Er sah es nicht, mit bedauernder Miene wiegte er das Haupt.
„Gewiß nicht, aber ich werde die Einsamkeit mit der Erinnerung an diese schönen Tage von Aranjuez vergolden", antwortete er. „Und wie gesagt, es bleibt noch einiges zu erledigen, ehe ich von hier scheiden kann; noch ist es Tag, da rühre sich der Mann, die Nacht tritt ein, wo Niemand wirken kann! Da kommt schon der Zug: Es ist bestimmt in Gottes Rath -"
„Wir werden also übermorgen Sie erwarten dürfen?" schnitt Tante Lina ihm das Wort ab.
„Gewiß", erwiderte er, während er geschäftig das Handgepäck der Damen zusammenraffle, um es ihnen nachzutragen. „Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme!"


