Erstes Blatt
V4. Jahrgang
Mittwoch, *9. März 1924
SietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Gberheßen
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Des Reichskanzlers Wiener Reife.
Reichskanzler Dr. Marx hat seine Reise nach Wien angetreten, um dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Seipel den schon seit längerer Zeit geplanten Besuch abzustatten. Es handelt sich um eine leider etwas ver-> spätete Erwiderung des Seipelschen Besuches in Berlin vom August 1922, um eine Höflichkeitsvisite, wie sie in den Republiken Mitteleuropas an die Stelle früherer Fürstenfahrten getreten ist. Dabei soll aber das Praktische mit dem Zeremoniellen, die staatsmännische Arbeit mit dem offiziellen Grußaustausch verbunden werden. Man erinnert sich wohl noch des kürzlichen Aufenthalts des österreichischen Handelsministers Dr. Schür ff in Reichsdeutschland. Der Minister besuchte in Begleitung seiner Sektionschefs und sämtlicher österreichischer Handelskammerpräsidenten die Leipziger Messe und knüpfte dann in Berlin mit allen maßgebenden Stellen Beziehungen an, um den geplanten Handelsvertrag zwischen Deutschland und Oesterreich vorzubereiten. An diesem Problem soll nun anläßlich des reichsdeutschen Besuches in Wien weiter gearbeitet werden.
Oesterreich ist uns in der Stabilisierung und Sanierung um ein Jahr voraus und kann trotz der verschiedenen wirtschaftlichen Grö- henverhälmisse in mancher Richtung als Borbild für den deutschen Wiederaufbau dienen. Dabei darf man sich im Reiche nicht allzusehr daran stoßen, daß die Oesterreicher ihre ersten Schritte ängstlich und folgsam am Schürzenband des Bölkerbundes unternehmen mußten. Der überaus rührige österreichische Außenminister Dr. Grünberger sieht als diewich- ttgste Ergänzung des Genfer Sanierungswerkes die Verbesserung der internationalen Handelsbeziehungen an. Zn einer der vorjährigen Sitzungen des österreichischen Komitees des DölkerbundSrates (die in Paris stattfand) gab Dr. Grünberger eine Darstellung der gesamten handelspolitischen Aktton Oesterreichs. Er geißelte das viel zu langsame Tempo der Verhandlungen, namentlich der Nachfolgestaaten, und zeigte, wie die unbefriedigenden handelspolitischen Verhältnisse, zumal die verschie- dentliche Behandlung österreichischer Waren, die Einfuhrverbote und sonstigen Beschränkungen die wirtschaftliche Entwicklung Oesterreichs lähmten. Jene Darlegungen verfehlten nicht den ersttebten Eindruck. Die Vertreter Frankreichs, Großbritanniens, Ztaliens und der Tschechoslowakei erklärten sich sofort bereit, in Handelsvertragsverhandlungen mit Oesterreich einzutreten. Bald darauf begannen die Verhandlungen mit Italien und der Tschechoslowakei. Der erste Tarifver- ttag, der zustande kam, war der mit Ztalien. Es folgte das Handelsabkommen mit Fran k- reich; die einseitigen Bindungen des Ver- ttages von Saint Germain wurden darin aufgehoben und den Oesterreichern ungefähr die gleichen Begünstigungen eingeräumt wie der Tschechoslowakei. Bei den Besuchen, die der Bundeskanzler, begleitet von Dr. Grünberger, in B u d a p e st und Belgrad abstattete, wurde gleichfalls der Ausbau der bestehenden Handelsübereinkommen gefördert. Ueber- all begegnete man der größten Bereitwilligkeit, diese Tlebereinkommen, die noch die Pro- hibitionsmahnahmen der Nachkriegszeit zur Grundlage hatten, zu wirklichen Handelsver- ttägen auszugestalten.
Jetzt ist es an Deutschland, durch den Wiener Besuch seines leitenden Staatsmannes an seinem Teil dazu beizuttagen, daß die aus der Kriegszeit übrtggebliebenen und vom Geist des Krieges diktterten Hemmungen des internationalen Wirtschaftslebens so bald als möglich aus der Welt verschwinden. Reichskanzler Dr. Marx findet kein verlorenes und verzweifeltes Bruderland mehr vor. Es geht aufwärts mit Oesterreich, und der Mann, dessen Werk das ist, heißt Prälat Zgnaz Seipel. Zur Zeit der gefährlichsten Kata- strophenatmosphäre hat Dr. Seipel die Leitung des total verfahrenen Staatskarrens übernommen, er hat die große Sanierungsaktion eingeleitet, den Sturz der österreichischen Währung aufgehalten und das Land vor dem Zusammenbruch gerettet. Als Leiter eines kleinen Staatswesens hat er sich eine geachtete, internationale Stellung zu erringen gewußt. Sein Name hat in der Diplomatie der großen Staaten einen guten Klang bekommen. Seine Freundschaft, seine Fürsprache bedeutet überall einen Erfolg. Seipel und Marx entstammen derselben Politischen Partei und derselben religiös gefestigten Weltanschauung. Das sind starke Brücken. Aber als D e u t s ch e werden sie sich wahrscheinlich am besten verstehen.
Auch Dr. Stresemann nach Wien.
Berlin, 18 OHär* lWTB.) DerReichS- kanzler ist heute abend 9 Uhr in Begleitung des Chefs der Reichskanzlei, des StaatssekvetärS
Frankreichs östliche Vasallen.
Die geheimen Abmachungen zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei. — Die Rolle Polens, Jugoslawiens und Rumäniens.
Berlin, 18. März. (Wolff ) Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht den Wortlaut der geheimen Abmachungen zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei. Am 25. Zanuar ist bekanntlich zwischen den beiden Staaten ein Freund- schafts- und Bündnisvertrag abge- jchlrssen worden. Andere Abmachungen waren vc rausgegangen. Am 28. Oktober 1918, also vor dem Ende des Krieges, wurde ein Geheim- vertrag unterzeichnet, wonach eine aus 68 französischen Offizieren gebil ete Kommission für die Dauer von 20 Zähren mit der Organisation und, im Falle eines Krieges gegen Deutsch-- tand, mit der Führung der tsch-echo- flowakischen Armee betraut wurde. Diesem Vertrag wurden am 24. April 1921 ergänzende Bestimmungen angefugt, nach denen es die tschechoslowaksche Regierung übernahm, im Falle einer ernsthaften Entwickelung der Anschlußbewegung Wien, Linz und Salzburg zu besetzen.
Am 8. November 1921 verpflichtete sich Denes ch gemeinsam mit F ankreich wirtschaftspvlichcheund militärische Schritte gegen Deutschland im Falle einer Gefährdung des mitteleuropäischen Friedens zu unternehmen. Die neuen geheimen Abmachun- gen, die zu dem Foeundschafts- und Bündnisvertrag vom 25. Zanuar 1924 hinzutreten und die jetzt vcm Berliner Tageblatt" verpßntlicht werden, bestehen in einem Geheimprototoll vom 25. Dezember 1923, das mit dem Beitritt Süd- s la Wiens zu dem Vertrage rechnet, ebenso auf eine Verbindung mit Polen und Rumänien. Man erfährt aus diesem Protokoll, daß der Absatz des Geheimablvmmens vom 8. November 1921, der eine Störung des mitteleuropäischen Friedens Vorsicht außer Kraft gesetzt worden ist, weil die bezüglichen Defenfivverträge eine andere Regelung vorsehen. Dr. Benesch sichert geneigte Ausnahme und Unterstützung der von der französischen Militärmission in Prag vorgelegten neuen Wehr Vorlage vom 11. Dezember 1923 zu, Poincare dagegen einen nicht begrenzten französischen Kredit für denAusbauderWehrmachtdurch restlose Ausnutzung der tschechoslowakischen Kräfte für den Wehrzweck. Das wichtigste Aktenstück ist die am 25. Zanuar 1924, also am Tage des Abschlusses zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei unterzeichnete Deklaration zu diesem Bündnisverträge. Zhre wich- ttgsten Punkten lauten:
1. Die Tschechoslowakei tritt bei einem Kriege m't Deutschland mit ihrer g esam - ten Kriegsmacht auf die Seite Frankreichs, und umgekehrt verpstichtet sich Frankreich bei einem Waffengang der Tschechoslowakei mit Deutschland, diesem den Krieg zu erklären.
2. Bei einem Kriege Polens mit Deutschland treten beide Vertragsparteien an die Seite Polens.
3. Dor der Eröffnung von Feindseligkeiten zwischen der Tschechostowakei und Ungarn gibt Frankreich die Unterstützung der Tschechoslowakei mit Kriegsmaterial zu erkennen.
4. Beide Dertragsteile Verhalten sich bei einem Konflikte Polen-Rußland neutral.
5. Bei einem Wiederaufleben der Anschluß b e w e g u n g in der Bundesrepublik Oesterreich machen beide Dertragsteile durch ihre Vertreter bei den Dundesbehördeu in Wien auf die Folgen in Form einer D e s e t - zungderDundesrePublikdurch Verbündete Truppen aufmerksam.
6. Die Wiederkehr der Habsburger in Ungarn verpflichtet Frankreich zur sofortigen Entziehung der Kredite, und beide Dertragsteile zum Hinwirken auf eine Verschärfung der Kontrolle. Ueber den weiteren modus procedsndi einigen sich die Dertragsteile.
7. Der Versuch einer Restaurierung der Hohenzollern in Deutschland oder in einem seiner. Länder erfordert sofort den schärfsten Einspruch ultimativen Charakters beider Dertragsteile in gleichen Noten unter Ankündigung weiterer Sank- tioneu im Westen und Südosten unter Bezugnahme auf den Versailler Vertrag.
8. Zu Rußland sind freundliche Beziehungen im Einvernehmen anzubahnen. Sin Ueberfall Rußlands auf Rumänien erfordert die Unterstützung Rumäniens mit Kriegsmaterial.
9. Die Unterstützung Rußlands drrrch Deutschland bei einem Kriege Rußland- Polen erfordert die gemeinsame Kriegserklä-- rung der Dertragsteile an Deutschland.
10. Unabhängig bleibt die Stellung beider Dertragsteile in Italien. Die Bestrebungen Italiens zur Erlangung einer Mittel- meerherrschaft werden von beiden Vertrags- teilen bekämpft.
Das nächste Aktenstück ist ein Konzeptdertrag über den Beitritt Südslaviens zu dem Bündnisvertrag, den Benesch dem südslavischsn Minister des Aeußern Nintfchitfch vorgelegt hat. Für den Fall eines ungarischen Angriffs auf Südslavien ober die Tschechoslowakei sollten sich beide Staaten mit ihrer gesamten militärischen Macht beistehen. Fvcurkveich aber sich zu einer wohlwollenden Neutralität verpflichten. Für den Fall eines deu t schen Angriffs auf eine der Vertragsparteien sollten die beiden Wideren dem Angegriffenen mit voller Kriegsmacht beistehen und ein südslavifches Armeekorps sollte unter das tschechoslowakische Oberkonnnand) treten. Im Falle etned Angriffs von an derer Seite als Deutschland oder .Ungarn auf eine der Vertragsparteien sollten sich die beiden anderen zu wohlwollender Neutralität verpflichten, wenn jedoch die angreifende Macht von Deutschland oder Ungarn unterstützt würde, sollten die vollen Verpflichtungen in Kraft treten.
Der Vertrag sollte auf unbeschrankte Zeit geschlossen werden, jedoch einen Rücktritt mi- zweijähriger Kündigung gestatten.
Aris dem gleichfalls veröffentlichten Geheimproto- koll anläßlich der Belgrader Konferenz am 10. Zanuar 1924 geht hervor, daß Nintschitsch mit dem dem Vorschläge und dem Konzeptpertrage zugrundeliegenden Gedanken sich einverstanden erllärt, g:gen den Abschluß des neuen Vertrages in der vorgeschlagenen Form und Ausdehnung jedoch Bedenken geltend gemacht hat, die ihm nicht gestatteten, t>em König die Annahme des Vorschlags in der erwähnten Fassung zu empfehlen. Dagegen waren sich Ninlschttsch und Venesch darüber einig, eineHabsburgerDvnastiein Ungarn nicht z u dulden, und Garantien dafür zu verlangen, daß der an Ungarn gewährte Kredit von 250 Millionen keinesfalls für Rüstungszwecke verausgabt werde. Das letzte Aktenstück ist das Investitionsprogramm zrun Wehcvorschlag der französischen Militärmission vom 11. Dezember 1923. Es steht den Bau von 2134 Kilometer neuen Eisenbahnen, umfangreiche Straßenbauten, den Neubau von 18 und den Umbau von 4 Kasernen vor.
Bracht, nach Wien abgereist. Der Minister des 2lrußern Dr. Stresemann, der sich, heute nachmittag nach Leipzig begeben hat, wird dort in fcen Wiener Zug einsteigen. Die Rückreise von Wien nach Berlin erfolgt am Freitag nachmittag.
Frankreichs Rüstungen.
Paris, 18. März. (WB.) Die Kammer beschäftigte sich mit der Frage der allgemeinen Organisation des französischen Heeres. Der Berichterstatter über das Militärgeseh, Abgeordneter Oberst Fabry, erinnert an die großen Grundsätze der französischen Militärpolitik, die toefent» lich defensiv sei, was ihr gegenüber der Politik eine gewiste Unterordnung verleihe, die darin bestehe, den Sieg zu einer gewollten Stunde und an einem bestimmten Pu alle vorzubereiten. Viele Franzosen, besonders aber die Soldaten, hätten vor dem Kriege einen solchen Abscheu, daß die französische Politik nur auf die Notwendigkeit der nationalen Verteidigung und auf die Sicherstellung des französischen Rechts und der französischen Ehre eingeftellt sein könne. Diese Notwendigkeit entspräche den vier Zielen:
1. das Land gegen jeden Ginfall zu schützen,
2. in KriegSzetten alle Hilfsquellen des Landes für das Heer zu konzentrieren,
3 nicht zuzugeben, daß das französische Gebiet an den Grenzen der Metropole ende
und für die Verteidigung die größtmöglichste Zahl von Soldaten zur Verfügung zu haben,
4. endlich vermittelst Allianzen Frankreich den Beistand der größtmöglichen Zahl von Staaten zu sichern.
• Das Heer, das Frankreich unterhalle, fbU nach dem vorliegenden Gesetzentwurf in 32 Divisionen ungeteilt sein. Dazu kommen Spezialtruppen, die Artillerie, Luftgeschwader, Tankgo- schwader unt> die allgemeinen Reserven. Das Heer soll in 16 Armeekorps eingeteilt fein; 6 Divisionen unter 3 Armeekorpskommandanten werden i m Rheinland garnisvniert werden, der Rest wird im Inneren Frankreichs auf 13 Armeekorps verteilt. Frankreich selbst wird in 20 Ako- bilisierunsbezirke eingekeilt, so daß also jedem Armeekvrpskommandanten in seinem Befehlsbereich ein oder mehrere Mobllisierungsbezirke unterstellt werden. Der Berichterstatter teilt weiter mit, die Grenzarmee habe den Zweck, Frankreich ein Friedens Heer zu geben, durch das es in den Stand gesetzt werde, jederzeit eine starke Schlacht front auf dem rechten Rheinufer herzustellon (Bewegung auf verschiedenen Seiten). Diese Armee mache keine Ansprüche darauf, sich selbst zu genügen, sie dürfe also bei der Organisation nicht von dem Rest der nationalen Armee isoliert werden.
Der Jeignerprozeß.
Leipzig, 18. März. (Wolff.) Es wird zunächst der Fall Brand verhandelt. Der Aagr- flagte Möbius erzählt, er habe durch einen gewissen Götze erfahren, daß Leutnant Georg Brand wegen Getreideschiebungen zu zwei Monaten Gefängnis und 25 000 Mark Geldstrafe verurteilt worden sei. Er sei an Brand heran- getreten und habe gesagt: Machen Sie mir ein Gesuch an das Zustizministerium, ich werde das 3eigner selbst vortragen. Das Gesuch fei in einem offenen Umschlag gewesen, er habe es Zeigner weitergegeben, aber die 5000 Mark, die dem Gesuch beilagen, Herausgenommen. Er habe angenommen, daß das Geld für ihn b e st i m m t gewesen sei. Der Vorsitzende hält Möbius vor, er habe früher gesagt, daß der Um- schlag geschlossen gewesen sei. Möbius erflärte, der Untersuchungsrichter habe ihm das auch immer gesagt. Dann habe er in seinem Aerger schließlich gesagt- „Na, dann war es eben so". Später sei Brand an ihn herangetreten, er solle mit ihm nach Dresden fahren, da er persönlich mit Zeigner sprechen wolle. Erst habe er gesagt, er hätte feine Zeit, sei aber dann doch gefahren. Er habe Zeig- ner in das (Safe Lippold bestellt, wo Brand gewartet habe. t
(Bodjer habe er gesehen, daß Brand einen Briefumschlag mit 17 000 Mark hatte. Auf die Frage, was er damit wolle, habe Brand erwidert: „Dem Doktor schenken."
Er habe darauf gesagt: „Machen Sie das ja nicht, er nimmt es nicht!" Brand habe erwidert: „Wenn er es nicht will, ist es dein!" Als Zeigner kam, habe er sich gar nicht erst gesetzt. Brand habe ihm das Kuvert mit den Worten überreicht : „Hier, Dottor, das Gesuch!" Zeigner habe es genommen und sich entfernt. Er, Möbius, sei Zeigner nacfrgegangert und habe ihm gesagt: „Doktor, da ist Geld drin." Darauf habe dieser zwei Pakete von je 5000 Qltarf heraus- genommen und ihm gegeben. Diese 10 000 Mk. habe er behalten, da Brand ja gejagt habe: „Dann ist das Geld dein." Einige Zeit später sei Zeigner nach Leipzig gekommen und habe ihm noch die übrigen 7000 Mark gegeben mit dem Auftrage, das Geld Brand zurückzugeben. Aach diese 7000 Mk. habe er behalten. Am Tage vor Weihnachten habe er eine Zusammenkunft Brands mit Zeigner vermittelt. Brand habe eine Gans im Paket gehabt. Brand habe das Paket Zeigner überreichen toollen mit den Worten: „Herr Doktor, hier ist eine Weihnachtsgans." Zeigner habe daS bestimmt zurückgewiesen. Darauf hab« Brand das Paket Zeigner in den Arm gelegt. Zeigner habe dann die Gans Möbius gegeben, und er habe sie mit seiner Frau gegessen. An Hand seiner früheren Aussagen hält der Vorsitzende Möbius eine ganze Reihe von Widersprüchen in seinen Aussagen vor. Der Angeklagte bleibt bei der jetzigen Darstellung und erklärt, in der Voruntersuchung habe er gelogen.
Angeklagter Zeigner sagt zu dem Fall Brand aus Irn großen und ganzen sei es ihm damals gelungen, Möbius abzuschütteln. Er habe za Haase die bestimmte Qlnorbnung gegeben, daß er Möbius gegenüber verleugnet werden sollte, da er mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte. Da Möbrus bei seinem Besuch in Dresden aber erklärt habe, er sei mit einem Herrn da, der seinen, Zergners Vater kenne, sei Möbius gemeldet worden. Darauf sei er mit ins (Safe Lippold gegangen. Die Unterredung mit Brand habe nur wenige Miauten gedauert. Brand habe ihm über den Tische ein Kuvert zugeschvben, das so dick gewesen sei, daß außer dem Gesuche noch etwas anderes darin eit» halten sein mußte. Auf der Straße habe er das Kuvert geöffnet und feslgestellt, daß es Geld enthielt. In höchster Erregung habe er Möbius Vorwürfe gemacht und gesagt: „Was ist das wieder für eine Schweinerei, die Sie mir eingebrockt haben. Tragen Sie das Geld sofort zurück und sagen Sie Braick), ich wolle mit der Sache nichts zu tun haben."
Möbius habe dies für unnötig gehalten, do Brand ein reicher Mann sei.
Schließlich habe er in der Erregung, um Möbius zu veranlassen, daß er zunächst den Mund hatte, den Geldbetrag aus dem Kuvert ge-, i nommen und Möbius gegeben
mit den Worten: „Nun lassen Sie mich endlich tu Ruhe, wenn Sie wieder kommen, schmeiße ich Sie raus!" Den Vorgang am 23. Dezember schildert Zeigner folgendermaßen: Gr sei nach Leipzig gefahren, wo ihn Brand zu seiner Ueberraschang auf dem Bahnhof erwartet habe. Möbius sagte, Brand wolle ihn sprechen. Es sei ihm wie eine Ohrfeige gewesen, als Brand gesagt habe: „Hier, Herr Doktor, haben Sie eine Weihnachts- g a n s." Er sei dann mit Möbius toeitergegangen und habe ihm gesagt: „Nun will ich mit der Sache nichts mehr zu tun haben. Nehmen Sie die Gans inrt> lassen Sie mich zufrieden. Bei dieser Gelegenheit habe er Möbius gefragt, ob er da s Geld abgeliefert habe. Möbius habe überlegen gelächelt, sei aber ausgewichen. Jedenfalls habe er das Gefühl gehabt, daß es nicht der Fall sei, weil sonst das Angebot Brands, ihm ein Weihnachtsgeschenk zu machen, unverständlich gewesen wäre. Zeigner erklärt weiter, er habe sich äußerst ungeschickt benommen und sei auch entschlossen gewesen, nach den Feiertagen mit Brand Rücksprache zu nehmen, habe dies aber immer als unangenehm aufgeschvben.
Maßgebend dafür, das Gnadengesuch Brands 80 befürworten, sei der Umstand gewesen, daß


