Ausgabe 
19.3.1924
 
Einzelbild herunterladen

65 Ziayre all und ein verbrauchter Mann war und zudem seine Auffassung, daß F»«rheitSstrafen bei alteren Personen über-l Haupt auSzusetzeu seien.

Der Vorsitzende hält dem Augeklagivn seine früheren Aussagen vor. Zeigner erklärt, die fal s che n Angaben habe er deswegen ge­macht, um seine Militärsache nicht zur Sprache bringen zu müssen, die in kurzer 3eit verjährt gewesen wäre. Hätte er von Möbius gesprochen, so wäre unbedingt die Rede darauf gekommen.

Der Zeuge Brand wurde, da er schwer herz- leidend ist, kommissarisch vernommen. Brand hat nach seiner Aussage im Cafe Lippold Zeigner einen Umschlag mit zirka 22 000 Mark gleich nach der Vorstellung mit den Worten überreicht: .Herr Doktor, kümmern Sie sich um meine Sache." Zeig-- ner habe den Umschlag genommen und in seinen Mantel gesteckt. Er habe den Eindruck gehabt, als ob Zcigner ohne weiteres gemerkt habe, daß der Einschlag Geld enthalte und daß er sich darüber freue. Später habe er ihn anher bei ileberreichuna der Gans niemals mehr ge« fprochen. Bet Ueberveichllng des Gans habe Zeig- ner freundlich st g e lach t und sich be­dankt. Etwaige Einwendungen Zeigners, die der Zeuge für möglich erklärt, habe er nicht für ernst gehalten.

In der Aachrntttagssitzung

wird Rechtsanwalt Dr. Graf vernomnven, der im Emverstärckmis mit den Parteiinstanzen an­fänglich die Verteidigung Dr. Zeigners geführt hat. Dr. Graf erklärt, er habe damals die Ver­mutung gehabt, daß Möbius von rechtsradikaler Seite gegen Zcigner gedungen war. Diese Ver­mutung habe er später nicht bestätigt ge- fu irden. Zeuge Rechtsanwalt Dr. Melzer hat die Anzeige gegen Möbius erstattet und das Verfahren ins Lvllen gebracht. Er bekundet, er sei das erfte Mal wegen der Gnadenpraxis stutzig geworden im Falle eines Holzfuhrmanns aus Löcknitz bei Wurzen, der nicht begnadigt worden sei, obwohl durch die Dezemberanrnestte viel schwerere Vergehen begiradigt wurden. Lach nicht allzu langer Zett wäre mindestens einer vo-n den drei Parteisekretären und Parteifunktio­nären in der Lage gewesen, Begnadigungen zu vermitteln. Es wäre Hebung geworden, die Parteikarte, damals die ber USP.» zu neh­men, um auf diese Weife Begnadigungen zu er­reichen. Es seien sogar Begnadigungen ausge­sprochen worden, ohne daß Gesuche Vorlagen, ausgefallen sei ihm auch, daß der Hustizminister persönlich die Gnadenakte bearbeitet habe.

Staatsanwalt Dr. Fiedler bekundet über seine Vernehmung des Möbius, ine An­zeige gegen Möbius war von Dr. Melzer aus­gegangen. Möbius antwortete nur widerstrebend und gab auch nur allmählich zu, daß er Beziehun­gen zu dem damaligen Iustizminister gehabt habe. Der Zeuge hatte absolut nicht den Eindruck, daß Zeuge von rechtsradikaler Seite beeinflußt war. Er selbst habe peinlich vermieden, irgendwie Zwang oder Drohungen zu brauchen, er habe Möbius immer wieder erklärt, er solle nur daS auSsagen, was er vor seinem Gewissen verx i i antworten könne.

Als Möbius Besorgnisse zeigte, es formten ihm infolge von Presseäußerungen von feiten der so­zialdemokratischen Partei Unannehmlich- leiten erwachsen, habe er ihm gesagt: Das wer­de» wir zu verhindern wissen. Der Zeuge gibt zu, in diesem Zusammenhänge möglicherweise von der verfluchten Dollszettung gesprochen zu haben. Mö­bius habe nach dieser Vernehmung entweder selbst iober durch Frau Friedrichsen nach Loschwih an Zeigners Lummer telephoniertSofort kommen, Fes brennt. Otto". Erst dann wurde Möbius ver­haftet, und zwar lediglich wegen Verdun- »kelungsgefahr. Die AeuherungDr. Zeig- net läßt Sie wissen" kann der Zeuge, wie er er­klärt, schon deswegen nicht getan haben, weil Dr. Zeigner unter Immunität stand . Als Mö­bius fein Geständnis widerr ufen hatte, habe er immer erklärt, fein Gewissen habe ihm feine Luhe mehr gelassen, darauf habe der Zeuge ge­sagt:Es fehlt nur noch, daß Sie sagen, ich hätte Sie zum Geständnis gebracht." Darauf habe Mö­bius in Gegenwart von Zeugen erwidert:Lee Herr Doktor, das kann kb nicht sagen, Sie haben mich sehr anständig behandelt."

Der Hitlerprozeh.

München, 18. März. (WB.) Zu Beginn des 18. Verhandlungstages verliest der Vor­sitzende eine Stelle aus dem Lachrichtenblatt des Oberkommandos des Kampfbundes über die Be­sprechung vom 23. Oktober, wo als einzig gangbarer Weg von Hitler die Ausrottung der deutschen Frage in letzter Stunde von Bayern aus und die Bildung einer deutschen Legierung in München bezeichnet worden fei. Hitler bemerkt hierzu, er habe damals erklärt, es gebe nur drei Llöglichkeiten: entweder wiederum Kapitulation oder einen Kampf mit fremder Hilfe oder aber einen Kampf mit offensiven Machtmitteln. Dieses Programm fei auch Mitte Oktober angenommen worben und aus diesem Gesichtspunkte heraus seien die Maßnahmen ergriffen worden, die in

400 Jahre deutsches Gesangbuch.

Die Feier des 400jährigen Bestehens des deutschen Kirchengesangbuches kann in diesem Zähre begangen werden. Im Jahre 1524 schickte Luther seinen Freund Justus I o n a s nach Erfurt, um dort den Druck eines Gesangbuches in die Wege zu leiten, und noch in demselben Jahre erschien dieses erste deutsche Gesangbuch Euchiridivn oder ein Handbüchlein", das einen gewaltigen Erfolg hatte und der Ahne unzähliger anderer Werke dieser Art, einer ganzen groben) Literatur, wurde. Schon vor der Reformations- zeit gab es geistliche Lieder in deutscher Sprache, die zunächst in den Lonnenklöstern gesungen wur­den und in den Pestzeiten des 14. Jahrhunderts von den Geist lern und Wallfahrern verbreitet wurden. Die Texte dieser Lieder, die nach volks­tümlichen Melodien erklangen, sind Heiligenlieder und ilefcerfeUungen lateinischer Hymnen: sie gingen zunächst nur als Einblatt-Drucke nach Er- sindung der Buchdruckerkunst von Hand zu Hand. Die Vereinigung solcher Einzellieder zu einem Ge­sangbuch geschah durch die Reformation. Die zahl­reichen Leuauflagen und Lachdruckc des ersten Gesangbuch, das 1524 erschien, beweisen, wie grob das Bedürfnis des Volkes nach geistlichen Ge­nwindegesängen war. Lun erstanden namhafte Liedersänger, und Luther fand in dem Torgauer Kapellmeister Johann Walther einen Ton-

nichkofteiEcher Sitzung besprochen wurden. Er habe, nachdem sich Lossow für das Pro­gramm eingesetz t habe, nicht gleich zuge­sagt. Er habe den Beginn dieses Kampfes für eine Katastrophe erklärt, insbesondere, da er ge- wustt habe, dast Kahr diesen Kampf in die Hand nehmen wollte. Die Lage sei eben die gewesen, dast Kahr bis eine Minute vor 12 iltjr gegangen sei. dann aber Vie Ähr wieder zurückgestellt habe. Für ihn (Hitler) gebe es nur eine Marschlinie, die auf Berlin.

Hierauf äustert sich

Ludendorff über die Entstehungsgeschichte seines Artikels imHeimatland":

Die Monarchie könne nur in Frage kommen, wenn das Doll es wolle. Dor der Monarchie werde die völkische Diktatur nach dem freien Willen des Volles sein. Ludendorff gibt zu, daß er im Lovember die Errichtung einer nationalen Leichsdiktatur als sogenannte Patentlösung an­gesehen habe. Er habe damals auch nicht gewußt, dast Ebert abgesetzt fei. Auch habe er nicht an einen militärischen Marsch nach Berlin gedacht. Ludendcrff bestätigt die Frage, ob er die Lösung durch politischen Druck erreichen za kön­nen geglaubt habe. Er, Ludendorff. habe sich über die Leubildung der Reichsregierang mit nieman­den ausgesprochen. Er habe sich der neuen Le­gierung zur Verfügung gestellt und diese sei für ihn ein Rumpfgebilde gewesen, das sich durch Männer aus dem Lor den er­gänzen soll und zusammen mit der bayerischen Staatsgewalt und den bayerischen Verbänden würde dami der Druck auf den Reichspräsidenten ausgeübt werden.

Auf Befragen des Vorsitzenden über die Dik- tctturvrllmachten Ludendorffs führt Hitler aus, Ludendorff sei zuerst gegen Lossow eingestellt gewesen. Es sei ihm, Hitler, nicht leicht gefallen. Ludendorff zu sagen, dast er sich mit Lossow ge­einigt hätte.

Das Aufrollen der deutschen Frage sei so ge­dacht gewesen, dast an einer Stelle die Aus- löftmg komme und dast dann alle anderen Kräfte in Lorddeutschlaud gleich einer La­wine herankommen und die Herrschaften in Berlin wegfegen sollten.

Weiter bestätigt Hitler, dast Ludendorff im Gegen­satz zu feiner eigenen Auffassung die Meinung vertreten habe, dast Kahr bei der Leubildung der Leichsregierung selbst vertreten sein solle.

Der Putsch sollte die ungeheuerste innerpoli- tische Wirkung ausüben. Ein völtifch-nationales Regime hätte eine ungeheure ilmbilbung hervor­gerufen, eine Umbildung von einer Bedeutung, wie sie Deutschland seit geschichllichern Gedenken noch nicht erlebt hätte. Wenn das nicht unsere Absicht gewesen wäre, dann hätten wir alle die Todesstrafe verdient.

Der Vorsitzende schließt damit die Beweis­aufnahme und vertagt die Sitzung auf eine halbe Stunde, worauf in nichtöffentlicher Sitzung über die Behandlung der Plaidoyers, ob sie in öffentlicher oder nichtöffentlicher Sitzung verhan­delt werden sotten, beraten werden soll.

ihn 3/ri Uhr war die nichtöffentliche Sitzung, ohne dast die Oeffentlichkett wieder hergestellt wor­den wäre, beendet. Es wurde bekanntgegeben, dast die nächste össentliche Sitzung am Freitag vor­mittag i/29 Uhr stattfindet. In diefer Sitzung wird auch Der Gerichtsbeschluß darüber bekanntgegeben werden, ob di« Plallwyers In öffentlicher röer ge­heimer Sitzung gehalten werden sollen.

Das Finanz esetz vom Senat angenommen.

Paris, 18. März. (WB.) Der Senat hat das Finanzgesetz in seiner Gesamtheit mit 151 gegen 23 Stimmen angenommen. Die demokratische Linke» also die Mttglicder der radikalen Partei, hat sich der Abstimmung enthalten. Der Senat hat sich hierauf auf Donnerstag vertagt.

Kleine politische Nachrichten.

Das Reichskabinett hat beschlossen, dast gegen die Enttasiung aus dem Reichsdienst oder die Versetzung in den einstweiligen Ruhestand auf Grund der Personalabbau Verordnung den Be­amten grundsätzlich das Einspruchsrecht eingeräumt werden soll. Dieses Einspruchsrecht soll auch für bereits durchgeführte Entlastungen gelten, soll aber nur den Beamten und nicht den Angestellten zustehen.

*

Die bayrische Staatsregierung wird die vom Landtag abgelehnten DoWbegehren gemeinsam mit den Landtagswahlen am 6. April der Volksentscheidung unterbreiten. Die ein­zige Frage des Volksentscheides lautet dahin, ob Der neu zu wählende Landtag ermächtigt sein soll, ein Gesetz zur Umgestaltung der bayrischen Verfassung mit einfacher Mehrheit zu beschliesten.

*

Die Wahlen zu den Gemeindevertretungen im Hultschiner Ländchen ergaben in allen an bte Tschechoslowakei abgetretenen Ortschaften eine überwältigende deutsche Mehrheit. In Kvawarn wurden 23 deutsche und 7 tsche-

dichter, der nicht nur selbst viele geistliche Lieder komponierte, sondern auch ein mehrstimmiges Ge­sangbuch für Schülerchöre zusammenstellte. Bald hatten fast alle größeren Städte ihre eigenem Gesangbücher, die z. T. in sehr schönen Drucken erschienen. Auch in Liederdeutschland breitete sich das deutsche Gesangbuch rasch aus, und zwar wurde die niederdeutsche Sprache beibehalten. Ein wichtiges Gebiet für die Entstehung von Kirchen­liedern wurde auch Böhmen und Mähren. Leben den Gesangbüchern fanden die Psalter-Ueberset- zungen großen Beifall und weite Verbreitung. Der berühmteste Psalter toar, im 16. Jahrhundert die Uebersetzung von Ambrosius Lobwasser, im 17. die von Cornelius Becker, deren Melo­dien von dem berühmten Tondichter Heinrich Schütz herrühren. Gegen Ende des 16. Jahrhun­derts vollzog sich in den mehrstimmigen Gesang­büchern ein wichtiger Wandel. Der Stuttgarter Hofprediger Lucas Os »ander verlegte die Melodie in die Oberstimme und ermöglichte es dadurch, daß die Gemeinde in den Chorgesang mitetnftimmen konnte. Lunmehr verlangte man all­gemein nach solchen osianderschen Ehoralgesängen. Bas 17. Jahrhundert, das Zeitalter der Glaubens- känrpfe, brachte noch bedeutende Liederdichter her­vor, wie Paul Gerhardt, Iohann Rist, Heinrich Albert u. a. Jetzt wurde auch die bereits von Luther gegebene Anregung des mehr­stimmigen Kirchengesanges gepflegt. Die Auf-

chtsche, in Kauth er 19 deutsche und 5 sicyecyncye, tn Duslawitz 10 deutsche und 8 tschechische Ge- metnbebertreter gewählt, obwohl die Tschechen eine Menge Soldaten und Beamte in das Hul-- tschiner LändHen gelegt haben, um auf diese Weise die Wahlen zu beeinflussen.

*

Dce Lübecker und Oldenburger Polizei ver­haftete drei Kommunisten aus Steckels- dorf, bte die Führer einer großen Räuber­bande waren. Auch eine Reihe von Mitgliedern dieser Bande bmrbe festgenommen. Die Bande hatte u. a. den Bahnhof Steckelsdvrf vvlllommen ausgeraubt.

*

Lach einer Feier des Republikanischen Reichsbundes bewegte sich in München ein groher Demonstrationszug in das Innere der Stadt unter Mitführung schwarzrotgoldener Fahnen. Der Zug wurde von der Landespolizei aufgelöst. Einige widerspenstige Teilnehmer wurden verhaftet.

Im britischen Unterhaus teilte Unterstaats- sekretär Ammon mit, daß sich die Regierung nach Beratung mit den Dominions entschlossen habe, den geplanten Flottenstützpunkt in Singa- pore aufzugeben.

*

An Stelle des zurückgetretenen Schein- manu ist Tumanow zum Direktor der russi­schen Staatsbank ernannt worden.

*

In einem Gehmmkonsistorrum am 24. März werden die Erzbischöfe von L e a y o r k und Chigaco zu Kardinäleu gewählt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 19. März 1924.

Eine Reichswehrwollwoche in Gieren.

In einer Airzahl von Städten, die Standort von Reichswehrtruppenteilen sind, haben die Truppen in dankenswerter Weise dazu beigetra- gen, das Dekleidungselend der ärmeren Volks- kreise zu lindern. Man hat eineReichswehrwoll­woche "veranstaltet, während derer durch Pvome- nadekvnzert und Werbeveranstaltungen daran er­innert worden ist, daß Kleider, Wäschestücke und Schuhe gesammelt werden. Gespanne der Reichs­wehr sind von Haus zu Haus gefahren und haben das Gesammelte in Empfang genommen, das ehrenamtlichen Helfern aus der Zivilbevölkerung in den Haushaltungen gespendet worden war. Die Sammlung geschah im engen Einvernehmen mit den privaten Wohllätigkeitsvrganisationen, ins­besondere dem Roten Kreuz. Der Erfolg wird als überraschend gut bezeichnet. Aus Anregung des hiesigen Standortältesten soll nun auch hier ein ähnlicher Versuch gemacht werden. Die jetzige Zeit wird jedoch aus mancherlei Gründen nicht für geeignet gehalten. Voraussichtlich tri d dieReichs- wehrwollwoche im 3 u n i stattfinden und schon als Vorbereitung für die Fürsorge des kommenden Herbstes und Winters gedacht fein. Wer noch brauchbare Wäsche, Kleider, oder Schuhe besitzt, wird gebeten, wenn irgend möglich, sie nicht für den doch sehr geringen Erlös wegzugeben, oder an Unbekannte wegzuschenken, sondern sie für jene Veranstaltung bereitzulegen. Auch werden die Hausfrauen gebeten, derartige Dinge nicht für den Sommer auf dem Boden hoffnungslos zu ver­graben, damit sie sie im Juni zur Hand haben.

*

Gieftener Wochenmarktpreise

am 18. März 1924 (Händlerpreise).

Es kosteten das Pfund Butter 200, Käse 60 bis 65, Wirsing 45 Weißkraut 35. Rotkraut 45, Gelbe Rüben 25, Rote Rüben 30, Unter-Kohl- rabi 8, Tomvaten 150, Zwiebeln 2530, Meer­rettich 120, Aepfel 2030, Dörrobst 30; das Stück Eier 11, Blumenkohl 100120, Salat 60, Lauch 1030, Sellerie 30100 Pfennig.

*

" Die Ausnutzung der Lahn- wasserkraft. Das Kreisamt gibt im neuesten Amtsverkündigungsblatt bekannt: Die Stadt Gie­ßen (Elektrizitätswerk) beabsichtigt, die Lahn- inafferivaft weiter auszubauen und für die Elek­trizitätsversorgung nutzbar z i machen. Es ist ge­plant, die bestehende Turbinenanlage des Elek­trizitätswerks zu beseitigen und an der Mündung des jetzigen Unterwassergrabens in die Lahn ein neues Krafthaus zu errichten, um eine größere Detriebswafsermenge bis zu 30 Kubikmeter pro Sekunde zu verarbeiten. Das alte Wehr bleibt zunächst unverändert bestehen. Die Plane und Be­schreibungen des neuen Unternehmens liegen 14 Tage lang auf dem Stadthaus zur Einsicht offen. Etwaige Einwendungen sind während der gleichen Frist schrifllich dort einzureichen und zu be­gründen.

"Ermäßigung der Wochen- und Mon atsfahr karten. Um den Arbeitneh­mern, die infolge der Wohnungsnot zu täglichen Fahrten über weitere Entfernungen zwischen dem Wohn- und Arbeitsort gezwungen sind, die Fahr- kosten erträglicher zu machen, wird die deutsche Reichsbahn die Preise für Wochenkarten, zugleich aber auch diejenigen der Monats- und Schüler­monatskarten, sowie die Kurzarbeiterwochenkarten

lm Fernverkehr ab 1. April auf Entfernungen von mehr als 10 Km. staffelförmig ermäßigen. Bei einer Entfernung von z. B. 30 Km. wird eine Er­mäßigung von einem Viertel des jetzigen Zett-- kartenpreises eintreten.

** Die Wohlfahrtsmarken für die Deutsche Lothilfe. Auf zahlreiche Anfra­gen wird von der Reichspostverwallung darauf hingewiesen, daß die neuen Wohlfahrtsmarken zu^ gunften der Den schon Lothilfe zu dem aufgedruck- ten Lennwert für die Freimachung von Postsen- düngen ohne Einschränkung verwendet werden können.

** Die De u tsche Demokratische Partei eröffnete am Sonntagabend mit einer sehr gut besuchten Wählerversammlung in der Turnhalle unter dem Vorsitz von Rektor Loos den Reichstagswahllampf. Ser Vorsitzende der Dcmrkratischen Gesamtpartei, Leichstagsabgeord- neter Erkelenz, sprach in etwa l'/Aündig-rr Lede über die politischen Fragen des Tages. Er wies einleitend auf die überragende Bera­tung der Außenpolttik hin, nach der unsere ganze innere Politit gestaltet werden müsse. Die furcht­bare Tatsache, daß wir den Krieg verloren haben, dürften wir nicht übersehen. Er bettmte in diesem Zusammen^ng, daß der Friedensvertrag die Furchtbarkeit des verlorenen Krieges erst vollen­det habe.Wenn damals allerdings eine Armee vr n drei Millionen kampfbereiter Männer am Rhein so lange standgehalten hätte, bis der Friedensvertrag geschlossen war, und wenn das auch ein halbes oder Dreivierteljahr gedauert hätte, dann wäre dieseir Vertrag anders ge­worden." Aber das Heer sei nicht mehr zusammen­zuhalten gewesen. Durch, die Demokratie Deutsch­lands sei der von Foch beabsichtigte Vormarsch nach, Berlin aufgehalten worden, die Demokratie habe auch die bolschewistische Ueberflatung Deutschilands verhindert und vor allem die deutsche Einheit erhalten. Hetzt hange alles davon ab, daß wir mit Frankreich!, England und Belgien zu einer Verständigung kämen. Die Demo­kratische Partei werde an der bisherigen Mißen- polttik fest halten, ivenn sich! auch manchmal das Gefühl gegen die französischen Gewaltakte em­pöre; die jetzige Außenpolitik sei von der Macht der Tatsachen diktiert. Aus dem Gebiete der Innenpolitik sei alles zu tun zur ErhEtang der Stabilität unserer Währung. Das Ermächtt- gungsgesetz sei nötig und nützlich gewesen zur Sicherung des Reiches ebenso der Beamterrabbau. obwohl man mancherlei Mißstände dabei verur- teilen und schleunigst beseitigen müsse. In der Frage der Hypr thekenaufwertang müsse auch! beri früher gelöschten Forderungen gegenüber noch eine nachträgliche entsprechende Aufwertung vor- gern, mmen werden. Der Klassen- und Kastengeist, wie ihn zum DeispiÄ die Sozialdemokratie von untenher bei trete, müsse von den Wählern zurückgewiesen werden, ebenso aber auch die politische Einstellung der Deutschnationalen und Deutschvölkischen. Alles komme jetzt darauf an, die Parteien der Mitte zu unterstützen, zu benen die Deutsche Volks Partei, das Zentrum und die Demvkvatssche Partei ge­hören. Dem republikanischen, demokrcttischen Ge­danken, der die soziale Volksgemeinschaft erstrebe, müsse in ruhiger, steter Aufbauarbeit gedient werden. Diesem Ziel gelte die Politik der Mtttel- Parteien, also auch der Demokratischen Partei, um deren Unterstützung! er jetzt die Wähler er­suche. An den mit lebhaftem Beifall aufgenom­menen Vortrag schloß sich eine kurze Diskussion an, die dem Referenten Gelegenheit bot, in fei­nem ebenfalls sehr beifällig anerkannten Schluß­wort noch auf manche Gesichtspunkte ernzrgehen.

**DeutschnationalerHandlungs- gehilfen-Verband. Arn Sonntag i>ldt per Kreis 2 (Mittelhessen) im hiesigen Kaufm. Dereinshaus seinen diesjährigen Kreistag ab, der von den Ortsgruppen des Kreises zahlreich besucht war. Die Verhandlungen entrollten für den Verband ein erfreuliches Bild der Entwick­lung im vergangenen Jahr; trotz der Inflations­zelt konnte eine nicht unbeträchtliche Zunahme des Mitgliederbestandes festgestellt werden, wozu insbesondere die Ortsgruppen Gießen, Butzbach und Friedberg beigetragen hatten. An die Ver­handlungen rind Leuwahl des Kreisvorstandes schloß sich ein Vortrag des «Gauvorstehers S ch e l l i n - Frankfurt überllnfere Stellung­nahme zu den bevorstehenden Wahlen" an. Ent­sprechend seiner parteipolitischen Leutralttät emp- siehll der D. H. D. seinen Mitgliedern die Unter­stützung aller bürgerlichen Parteien und fordert seine Mitglieder zu reger Mit­arbeit in den bürgerlichen Parteien auf.

*8 Unglücksfall im Stadt Wald. Beim Hrlzfällen im Stadtwald verunglückte gestern mlt= tag der Arbeiter Ludwig Decker aus Rödgen Der Mann geriet beim Fällen unter einen stür­zenden Baurn, der ihn so unglücklich traf daß a eine leichte Gehirnerschütterung und einen schweren Bruch des rechten Armes davvntrug. Die Sa­nitätswache führte den Verunglückten der Klinik zu.

** Ein eigenartiger Unfall trug sich gestern gegen 2Aend in der Krofdorfer Straße zu. Dort kam ein junger Radfahrer dadurch schwer zu Fall, daß ihm während der Fahrt das Rad plöhlich in zwei Telle auseinanderbrach. Mit einer leichten Gehirnerschütterung und mancherlei Kopfverletzungen hxirbe der Verunglückte von der Sanitätswache in seine Wohnung gebracht.

tlärung des 18. Jahrhunderts brachte eine starke Verflachung der Lieder des Gesangbuches mit sich, indem man alle allzu schwärmerischen Wen­dungen auszumerzen suchte und damit viel Poesie beseitigte. Das 19. Jahrhundert hat dann diese rationalistische Schüchternheit wieder ausgerottet rnrd versucht, dem Gesangbuch die Innigkeit der alten Texte wiederzugeben.

- *

Eine Maske Heinrich v. Kleists.

Unsere Vorstellung von dem Aeuhern Kleists war bisher außerordentlich dürftig. Es gab nur ein Porträt des Dichters, das er 1801 für seine Braut hatte anfertigen lassen und das von der Hand des Berliner Malers Peter Friedel stammt. Es ist daher von großer Bedeutung, daß vor kurzem eine Kleist-Maske aus dem Besitz der Düsseldorfer Kunstakademie aufge- taucht ist, von der in der LechzigerIllustrierten Zeitung" berichtet wird. Die Maske gehört zu einer Sammlung von sog. Totenmasken, die der Vater des Heidelberger Juristen von Lilienthal vor Jahren der Düsseldorfer Akademie geschenkt hat. Der Vergleich der Maske mit dem ^Bildnis zeigt, daß diese dieselbe Kopfform und dieselben Züge aufweist. Man findet auch an ihr die Breite niebrige Stirn, die ebenmäßigen flachen Dogen der Augenbrauen, den feingeschwangenen Mund imb das runde, feste Kinn, die für die

Züge des Dildnisses charakteristisch sind. Lur die Lase ist verschieden: auf dem Bildnis zeigt sie einen leichten Höcker, während die Maske einen graben Lasenrücken hat. Man darf also anneh­men, daß die ONaske Heinrich von Kleist darstellt und bannt ein zweites wichtiges Zeugnis für das Aussehen des Dichters liefert. Dagegen wird es sich wohl uni keine Totenmaske handeln, denn die Leiche Kleists war nach seinem Selbstmord von den Behörden beschlagnah-mt, und da zu der Abnahme der Maske eine Genehmigung gehört hätte, die sicherlich in dem ausführlichen Allen» material erwähnt wäre, ist die Annahme einer Totenmaske nicht wahrscheinlich. Dagegen spricht auch daß das Fleisch ftraff, die Lippen voll sind und die Augen sich unter den Lidern wölben; es sich also nicht um die eingesunkenen und schlaffen Formen eines Toten handett. Dafür, daß> die Maske über dem lebenden Gesicht ge­formt ist, läßt sich die Unklarheit der Formen der Augenlider anführen, die bei dem Auflegen des Gipsbreies gezucll haben mögen. Solche Un­klarheiten kann man auch bei dem Abguß von Gcethes Kopf beobachteir, den Schadow 1816 an­fertigte. Es war damals Mode, die Züge be^ rühmter Männer nach dem lebenbigen Kopf ab­zuformen, und da Kleist als Mitglied der Zelter- schen Liedertafel in Berlin 1810 mit Schadow öfter zusammenkam, könnte dieser auch von feinem Kopf einen Abguß genommen haben.