Ausgabe 
30.5.1928
 
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Nr. 125 Erstes Blatt

178. Jahrgang

Mittwoch, 50. Mai 1028

Lietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Vrvck vnv Verlag: vriihl'sche Univerßlätr-vLch- und 51ei»drnSerel R. Lange in Sietzen. 5chriftlettnng und Geschäftsstelle: Schulltratze 7.

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Aus der Suche nach General Nobile.

Don Andree bis Aobile.

Verschollene

Luflexpedilionen nach dem Nordpol.

Mit banger Sorge hat die Wett in den letzten Stunden den -Bertauf der Nordpolexpedi- tüm de« Generals Nobile verfolgt. Nachdem das Ziel, die Gebers! iegung des PolS. glücklich erreicht war. mußten die Nachrichten, nach denen die .Italia" als überfällig zu betrachten ist, umso größere Bestürzung Hervorrufen. Welches Schicksal General Nobile und seine Begleiter betroffen hat, wird sich so rasch nicht feststellen lassen; die Arktis ist während des SonuncrS für AettungSerpeditionen durchaus unzugäng- l i ch. und wenn (ein Zufall den Verschollenen zu Hilfe kommt, kann es Monate dauern, bis wir etwaS Genaueres über die Ursache des Unglücks und den Verlauf der Expedition seit der letzten in die bewohnte Welt gelangten Nachrichten erfahren.

Mit dem Unternehmen NobileS findet die siebente Expedition ihr Ende, die bis beute auf dem Luftweg den Nordpol er­reicht oder zu erreichen versucht hat. Mit der Entwicklung der Flugtechnit mutzte sich natürlich die Erwägung aufdrängen, datz die Probleme der Polarforschung mit den Hilfsmitteln des Flugzeug- oder Luftschiffs wesentlich leichter zu Ibsen sein würden als vom Schiss aus, das mit den schweren Ei »Verhältnissen zu kämpfen hatte und, wie dies häufig geschah, in der furcht­baren Umklammerung der Eiömafsen erdrückt werden tonnte. Zudem erforderte eine Polar­expedition alten Stils eine Zeit von vielen Mo­naten und Jahren, während deren die Teil­nehmer der Ervedition den furchtbarsten Stra­pazen und Entbehrungen ausgesetzt waren. Die Geschichte der Nelsen zum Nordpol ist eine er­schütternde Epopöe menschlicher Leistungsfähigkeit und Tatkraft: zahllos find die Männer, die in der EiSwüste der Arktis verhungert und er­froren sind, die. entkräftet und von Fieber­schauern gefchüttelt, leinen Augenblick ihr Ziel auS dem Auge ließen, die unter Mühsalen, von denen sich ein in Zivilisation und Komfort aufaewachsenes Geschlecht keine Vorstellung machen kann, ihr Unternehmen zum guten oder schlimmen Ende sührtcn. 3m Laufe der letzten dreitzig Jahre, in denen daS moderne Flug­wesen aufgclommen und zu immer größerer Voll­kommenheit entwickelt worden ist, find im Gan­zen sieben Expeditionen durch die Luft zum Nordpol aufgebrochen. Der erste, der den Plan faßte, auf diesem Weg zu dem Ort der Un­zugänglichkeit zu gelangen, war der schwedische Ingenieur Salomon August Andräe, der sich bereits vor seinem großen Unternehmen durch eine stattliche Reihe wissenschaftlicher Dal- lonreisen einen Namen gemacht hatte. Er ent­warf 1895 den Plan, von Spitzbergen aus i m Freiballon den Nordpol zu erreichen. Als die erforderlichen Mittel beschafft waren, wurde auf Spitzbergen eine Halle zur Füllung deS DallonS erbaut Die Fahrt sollte 1896 beginnen. Der Ausstieg mutzte jedoch ausgegeben werden, weil der Südwind, ohne den die Flieger nicht ans Ziel gelangen konnten, auslttieb. Gin weiterer Nachteil bestand darin, daß die In­sassen eines unlenlbaren Ballons keine Möglich­keit hatten, notfalls nach einer Stelle zu fliegen, wo sie in Sicherheit waren, und so konnte man dem Unternehmen von vornherein nur dann Hoffnung auf Gelingen machen, wenn ihm ein glücklicher Zufall zu Hisse kam. Als am 30. 3uni 1897 endlich die erforderliche Windrichtung festgestellt worden war, gab Andree den Be­fehl zum Füllen des Mlllons: am 11. Juli trat er mit seinen Begleitern Fränkel und Strtnd- berg die Reife an. Die drei kühnen Männer find nicht mehr zurückgekehrt und man weiß noch heute nicht, welches Schicksal ihnen beschieden war. Man nimmt an, daß sie bei einer Not­landung von ESkimos umgebracht worden sind.

Anderthalb Jahrzehnte dauerte es nach diesem unglücklichen Flug, bis die großartige Entwick­lung des Flugwesens auch der Polarforschung zugute kam. Die Unternehmungen, die während der letzten fünf Jahre auf diesem Gebiet mit und ohne Erfolg vollbracht worden sind, dürften noch in allgemeiner Erinnerung sein. So unter­nahm im Zähre 1923 der berühmte Schweizer Flieger M111 e l h o l z e r, der sich durch seine ilcbcrfliegung des schwarzen Erdteils einen Na­men gemacht hat. einen Flug über Spitzbergen nach dem Nordpol. Ein Magnetfchaden verhin­derte ibn, ans Ziel zu gelangen. Zwei Jahre später hielt das Schicksal Amundsens die Welt Wochen hindurch in Spannung Der Ent­decker des Südpols startete am 21. Mai 1925 mit zwei Flugzeugen von Kingsbay aus nach dem Nordpol, geriet in die gefährliche Zone des Nordpoleises und war einen ganzen Mo - nat hindurch verschollen. Trotzdem ge­lang es ihm, dem Tod zu entgehen und mit seinen Gefährten auf einem Flugzeug glücklich in die Welt zurückzukehren. Wenn er auch sein Ziel, den Pol, nicht erreicht hatte, so war er ihm doch außerordentlich nahe gekommen: jeden­falls war der Punkt, bis zu dem er damals vordrang, der nördlichste, an den bis dahin ein Mensch gelangt war. 3m Jahre darauf machte er sich erneut, begleitet von Nobile, mit der ,Norge" auf, um von Spitzbergen aus nach dem Pol und von da nach Alaska zu

fliegen. Aber ein Glücklicherer kam ihm zuvor: am 9. Mai 1926, zwei Tage vor dem Abflug der .Borge", überflog Kommandant Byrd mit feinem Begleiter Lloyd Dennet in einem Fokkerapparat den Nordpol. 3m April dieses Jahres hat dann, als vorletzter in der Reihe der Polarflieger, der Amerikaner W i l k i n s einen Flug von Alaska über den Nordpol nach Spitzbergen unternommen. O. U.

Die norwegische Silssexpeditton.

Lüyow Holm von Tromfö in Lee gegangen.

Oslo, 30. Mai. (1DIB.) Die norwegische Re­gierung sandle, wie bereits gemeldet, Leutnant Lühow Holm nach Spitzbergen, der gemäß den vom Berteiirtgungeminifterium und Kapitän R i f- s c r Larsen auegearbeitden Instruktionen nach General Nobile suchen wird. Nach einer Konferenz mit dem Gouverneur von Spitzbergen wird Leut­nant Lühow Holm die Vorschläge für die weiteren Nachforschungen unterbreiten. Lützow Holm und sein Flugzeug sind ans derHobby" eingeschifst worden, welche um Mitternacht nach Spitzbergen in See ging. In Kingsbay sind keine weiteren Nachrichten von derItalia" eingefroren. DieCifta di Milano" Hot die italienischen Alpen­jäger in zwei Ableitungen an Land gesetzt: sie wer­den, von zwei Norwegern begleitet, versuchen, die wijde Bag an der Nordküste Spitzbergen, zu er­reichen. Starker Dind verursacht die Bildung von Treibeis an der Nordküste. Die Verwaltung der Kohlengrubengesellschaft von Spitzbergen hat ihre ausgezeichneten hundegefpanne sür die hitfvexpedi- tlon zur Aussindung Nobile» zvr Verfügung gestellt. Die Versuche de« Hilfsfahrzeugs werden in Spitz­bergen für ziemlich aussichtslos gehalten, da das Packeis jedes weitere Vordringen unmöglich macht. Die Witterung ist andauernd schlecht. Ls herrscht dichter Nebel.

Verstimmung in Oslo.

Italien will selbst eine Hilfsexpedition entsenden

Oslo, 29. Mai. (WB.) (Fine heute abend aus­gegebene amtliche Mitteilung besagt, baß auf die Bitte des ItalHenifdjen Gesandten die norwegische Regierung die Frage einer größeren Hilfsexpebition für die .Ltalia" erwogen und auch

bereits gewiße Vorbereitungen getroffen hat. Am Sonntagabend sprach die italienische Re­gierung ihren Dank für die norwegischen Be­mühungen aus, erklärte jedoch, daß sie die Ausfüh­rung des Planes einer größeren hilsserpedition hinauszuschieben bitte. Die italienische Re­gierung ziehe s e l b st die Frage in Erwägung. M orgenbladet", dessen einer Chefredakteur Ramm seinerzeit an dem Fluge der ,,'Jlorgc" teil­genommen hatte, schreibt zu oiesem Kommunique der norwegischen Regierung, daß die italienische Zurückweisung einer norwegischen hilssexpedition für die .Htalia" formell zwar unanfechtbar sei, der Sache nach jedoch eine Kränkung der nor­wegischen Regierung darstelle.Wir wür­den uns freuen," so fährt das Blatt fort,wenn die Haltung der italienischen Regierung keine 2Ienberung in ben Plänen für bie erste Hilfe Hervorrufen würde. Wir hoffen, daß ihre Der- wirklichung die größeren Anstrengungen c r leichtern wird, die die italienische Regierung unternehmen wird, um General Nobile und seine Gefährten aufzufinden, deren Mut und Forscher­geist alle Norweger zu schätzen wißen, ohne an die Schatten zu denken, bie bie llnstimmigkei- ten auf bie norwegische Expebition vom Jahre 1926 warfen, als Nobile unter norwegischer Flagge biente.

Ernste (Sorge in Rom.

Rom, 29. Mai. (Tel.) An die zuständigen Stellen werden nach tote vor von allen Seiten Anfragen über das Schicksal der .Italia" ge­richtet. Der König hat angeordnet, ihn über den Stand der Rettungsaktion auf dem laufenden zu halten. Die Königin hat durch eine ihrer Hofdamen der Gatttn des Generals Nobile ihre zuversichtliche Hoffnung auf die Rückkehr deS Nordpolfliegers ausdrücken lassen. Auch der Papst hat um sofortige Verständigung auch bei Nacht ersucht, sobald Nachrichten von Nobile vorliegen. Die Spannung in ganz Italien ist umso größer, als man sich sagen muß, daß noch Tage vergehen können, ehe Mel­dungen von den ausgesandten RettungSexpeditio- nen vorliegen können. Der Senat begann heute mit der Beratung des Luftfahrtbudgets. Zu Anfang der Sitzung erklärte Präsident Tit- toni, Italien warte mit lebhafter Besorgnis, doch voll Hoffnung auf Nachrichten von No­bile und seinen Gefährten. Er widmete ihnen Worte glühender Bewunderung und inbrünsttge Wünsche. Mussolini schloß sich Tittoni na­mens der Regierung an.

Die italienisch-südslawische Spannung.

Gegenseitige Beschwerden. Beide Mächte fordern Genugtuung für die Ausschreitungen.

Budapest, 29.Mai. (WB.) Die von dem italienischen Gesandten in Belgrad. General B o d r e r o beim jugoslawischen Außenmini­sterium. überreichte Note wegen der italien- feindlichen Demonstrationen in Laibach, Gebe nico und Spalato ist in einem sehr ener- gischen Ton gehalten. Der Sektionschef Bakotitsch. der in Abwesenheit des Mini­sters des Auswärtigen den Gesandten empfing, brachte sofort das Bedauern der jugo­slawischen Regierung über die Zwischen­fälle zum Ausdruck, wies aber gleichzeitig auch daraus hin, daß in zahlreichen ita­lienischen Städten jugoslawien- feindliche Demonstrationen vorgekom- inen feien. Er betonte auch, daß der Innen­minister eine Verordnung erlassen habe, wonach alle Behörden aufgefordert werden, die italien­feindlichen Demonstrationen zu vereiteln und nötigenfalls sogar mit bewaffneter Hand ein- zuschreiten. Er zeigte dem Gesandten auch die amllichen Berichte über die Demonstrationen, wonach die Polizei überall daS Vermögen der italienischen Staatsbürger sowie der italienischen Firmen und die diplomatischen Vertretungen Italiens gegenüber den Demonstranten in Schutz genommen hat. Gendarmerie und Polizei habe in mehreren Fällen von der Waffe Gebrauch gemacht. General Bodrerv nahm diese Mitteilungen zur Kenntnis, betonte aber, daß die sich wiederholenden Demonstrationen in Jugo­slawien die Beziehungen der beiden Cänber sehr ungünstig beeinflußten. Sektionschef Da- kotitsch erwtderte, daß diese Demonstrationen durch die Verfolgungen in Italien provoziert worden feien und daß die Bel­grader Regierung es für ihre Pflicht halte, in Rom hiergegen die notwendigen diplomatischen Schritte zu unternehmen. Diese Vorstellungen sind inzwischen von jugostawischer Seite erfolgt.

Der jugoslawische Oefanbte in Rom, Ra­ki t sch. hat bei dem italienischen Staatssekretär für Auswärtiges. G r a n b i. wegen der in ver- schiedenen itallenischen Städten gegen Jugosla­wien vorgekommenen Zwifchenfäl^, die auch an dem Vermögen jugoslawischer Untertanen Scha­den verursacht hatten, schriftliche Vorstellungen erhoben. Es wird darin u. a. daraus hingewiesen, daß in Zara faszistische Demonstranren jugo­slawische Geschäftsläden geplündert und sogar den jugoslawischen Konsul, Simitsch. tätlich angegriffen hätten.

daß ferner in mehreren italienischen Städten d i e ferbische Fahne h e r u n te r ge r i f f en und das Bild des Königs Alexander zerfetzt worden sei. Die jugoslawische Regie­rung könne diese Demonstrationen nicht ohne wei­teres hinnehmen und sei angesichts der langen Reihe von Anlässen zu Beschwerden genötigt, Genugtuung zu fordern. Staatssekretär Grandi teilte mit, daß die italienische Regierung ihre Antwort schriftlich erteilen werde.

Blutige Sinbenien- benwnjtrationen in Belgrad.

Kampf mit dcr Polizei - Auch im Lande schwere Ausschreitungen.

Belgrad, 29. 2TlaL (TA.) Nach den italien- feinblichen Kundgebungen am Pfingstmontag, die von der Polizei bald zerstreut wurden, kam es in den späten Nachtstunden zu neuerlichen Kundgebungen. Die aus dem Heimweg be­griffenen Studenten wurden daraus vor dem vom König kürzlich gestifteten Studentenheim von der Polizei angegriffen. Die Studenten flüch­teten in das Studentenheim, die Polizei folgte ihnen jedoch auch dorthin nach und lieferte den Studenten mit blanker Waffe ein förmliches Gefecht. Dabei wurden zehn Studenten schwer und 26 leicht verletzt. Die Studenten zogen sich dann nach dem ersten Stockwerk des Heims zurück, während sich die Polizisten auf die Straße be­gaben. hieraus griffen bie Studenten die Polizei und herbeigeeilte Gendarmerietruppen vom ersten Stockwerk aus mit Wurfgeschossen an. Als solche dienten sämtliche Einrichtungsgegenstänbe, Küchengeräte und sonstige in ben Zimmern be- sinblichen Gegenstänbe. Die Gendarmerie antwor­tete darauf mit einem Steinbombarbement und zertrümmerte sämtliche Fenster des Studenten­heimes. Die Studenten riefen der Polizei zu:Ihr Mörder, ihr Mörder der äugend, ihr Sklaven Mussolinis? Mr ziehen aus dem Studentenheim aus! Ihr seid Königsmörder!"

Diese Dorfälle haben in allen politischen Kreisen die größte Aufregung hervor gerufen, die Studenten beabsichtigen, sich zum heutigen Diens­tag persönlich beim König zu beschwe­ren und drohen mit dem Sertan en der Universi­tät und des Studentenheims, falls ihnen keine Ge­nugtuung aegeben wird. Die Universität ist inzwischen für drei Tage geschlossen. Der Sei-

grober Polizeipräfekt stellte in einem Kommunique fest, daß das energische Eingreifen ber ©cnbanncrie bei den Demonstrationen durch das Derhalten der Studenten heroorgerusen worden sei.

In dem Kommunique wird weiter die Bevölke­rung ausgesorberl, jebt Ansammlung IN ben Stra­ßen zu vermeiden, da die Polizei keine M a n i sestationen zulasten b ü r f e. Infolge des energischen (Eingreifens Der Polizei bei ben bereits gemeldeten antutalienischen Kundgebungen in Spa- lato, Scbenico, Haram, Susak und anderen Stödten konnten in den Pfingstfeiertagen größere Ausschrei­tungen im allgemeinen verhindert werden. So gelang es der Polizei insbesondere, in Laibach die Menge davon abztihalten, von dem Gebäude des italienischen Konfulates die Fahne hernnterzu- holen. Indesien wurde an einer anderen Stelle er Stadt eine italienische Fahne in Stücke gerissen In Agram wurde nach einer Proteftoerfarnm'ung der Studenten, in der eine Resolution gegen bie Ratifizierung ber Nettunovertrage mit Italien angenommen würbe, ein aus einer Zei­tung ausgeschnittenes Bilb Mussolinis ver- b r a,n n t. Bei den Demonstrationen würben ver­haftet in Agram 45, in Laibach 14, in Ragusa 8 Personen. Bei dem Voraehen der Polizei wurden sowohl in Ragusa wie in Agram mehrere Personen verletzt.

0er Rattenfänger von Paris.

Poincarö unb Deutschland

Von unserer Berliner Redaltion

Auch der Neid muß eS Herrn Poincarä lassen: die Kunst der Regie versteht er meisterlich, ckr hat in Frankreich bei den Wahlen einen Sieg erfochten, der ohne jede politische Bindung zu­nächst nur seiner Persönlichkeit galt, und hat nun volle Freiheit, ftch nach rechts ober links zu entscheiden, batauchaußenpolitisch die Möglichkeit, den Kurs zu steuern, den e r sür nützlich hält Wie dieser Kars sein wird, davon hängt nrcht allein für Deutschland, sondern auch für die Cntwicllung Europas eigentlich alles ab. Er selbst ist viel zu llug. um sich sestzulegen er verläßt sich daraus, daß seine Dergangenl.it über seine Grundeinstellung ja keinen Zweifel laßt, er hat aber doch in jener Rede von (Sarcaffomte vor den Wahlen Möglichkeiten er­öffnet, die zunächst nur darauf berechnet waren, auf die Wähler der Linken beruhigend zu toir.cn und ihm Widerstände aus der Well zu schof'en, die ihm vielleicht hätten unbequem werden können. Auch Poincar6 hat ja nicht verge' en, daß die Wahlen von 1924 für seine Deut'ch- landpolitik ein vernichtendes Urteil be­deuteten: daS Ruhrabenteuer, das Deutschland ruinierte, ohne Frankreich die erhofften Gold­milliarden zu bringen, löste seinen Sturz aus, der Sturz des Franken brachte ihm Ten Wiederaufstieg. Mit der Angst vor einer neuen Inflation hat er seine Mehrheit bisher bei'ainmen gehalten. Er wird aber die Stabilisierung der sranzösischen Währung jetzt nicht länger hin­ausschieben können, und dann ist der Zeitpu.i't gekommen, wo er neue Ziele zeigen muß. um sich aus dem Burgfrieden in eine innerlich einheitlichere Mehrheit hinüberzuretten.

Inzwischen hält er es für llug, in Deutsch­land den Glauben zu erwecken, als ob er g a r nicht der böse Mann sei, als der et mit Recht verschrien wurde. Unb das macht er, wie wir zu geben müssen, sehr geschickt. Er hat sich zunächst einen Redakteur desVorwärts" kom­men lassen, jetzt hat er den Vertreter der ,Do'ji- schen Zeitung" eingeladen und sich mit beiden sehr eingehend über die europäische Lage unter­halten. Interviews gibt er grundsätzlich nicht: selbstverständlich, denn dann müßte er ja etwas Positives sagen. So hat er den Herren angeb i h sein Herz ausgeschüttet, sie aber gleich­zeitig zum Sttllschweigen verpflichtet, so daß sie nur über persönliche Eindrücke berichten können, die allerdings, wenn sie richtig wären, ergeben müßten, daß ein Friedensengel im Vergleich zu Herrn Poincare ein besserer Kriegsgott ist. Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo gerade von der deutschen Linken her die Parole über­nommen wurde, Poincar«' bedeute den Krieg. Heute schwören sie daraus, daß er uns den Frieden bringen wird. Freilich mit Ein­schränkungen. Aber die Möglichkeit einer »ge­funden Realpolitik" hat Herr Poincare bieten deutschen Zeitungsleuten doch oorgegau'elt; wenn auch auf weite Sicht. Don einer Rheinland- u mun g möchte er nicht gerne fprechen. Da­für will er wohl von Deutschland reue Zu­sagen in Sachen der Kriegsentschädigung, ohne selbst etwas dafür zu geben. Wir bleiben diesen Sirenengesängen gegenüber skeptisch. Herr Poin- care weiß, daß er die Verständigung mit Deutsch­land jeden Tag haben kann, sobald er will. Freilich nur unter der Voraussetzung, daß fie nicht einseitig auf Deutschlands Kosten erfolgt, daß wir nicht immer nur zahlen und zahlen, sondern endlich auch einmal eine Erleichterung und ein Ende dieser Lasten abfeßen können.

Weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit.

Berlin, 29. Mai. (WTB.) In der ersten Hälfte der Monats Mai ging bie Zahl der Hauptuntev- ftüßungsempfänger in ber Arbeitslosenversicherung von rund 729 300 am 30. April auf 642 200 am 15. Mai, also um rund 87 100 ober um 11,9 v. H. zurück. Dieser Rückgang entfällt wiederum mit 84 700 fast ausschließlich auf bie Männer, während sich die Zahl ber unterstützten Frauen auch dies­mal nur wenig (um 2400 ober 1,6 o. H.) verringert