Abg. Professor Axt (Vrp.) zeigt die geschichtliche Entstehung der Staatszuschüsseon dieKir ch e n Andere Länder hätten der Notlage der Kirchen durch Inflation und Besteuerung bereits Rechnung getragen. Die Beziehungen zwischen Staat und Kirch müßten bald endgültig eregelt werden.
Abg. 5) a m m o n n (Komm.) kritisiert die hessische christliche Simultanschule, die dem Interesse der Freidenker entgegenlaufe. In langen Ausführungen begrüntet er die vorgebrachten kommunistischen Anträge auf Streichung ter Mittel für die Kirchen.
Präsident Delp will die Debatte hier abbrcchen und das Kapitel „Polizei" behandeln lassen. Gegen den Widerspruch der Kommunisten beschließt das Haus, in die
Debatte über den polizeieiai einzutreten. Das Kapitel 33: Polizei und Gendarmerie sieht in Einnahmen 5 276 044 Mark vor. Die Neuordnung des Polizeiwesens auf Grund der Ententeforderungcn und der darüber stattgehabten Länderbesprechungen ist in Hessen nunmehr durchgeführt. Der Polizeidienst zerfällt in die Gruppen Verwaltungsdienst und Außendienst, dieser in den allgemeinen Sicherheitsdienst (Einzel- und Bereitschastsdienst) und den Kriminaldienst. Der Beitrag des Reiches zu den Kosten der bisherigen Schutzpolizei beruht auf Vereinbarung der Länder mit dem Reiche und wurde bisher von Jahr zu Jahr in Form einer Pauschale festgesetzt. Erstrebt wird für die Folge aur Erzielung stetiger Etatverhältnisse ein gleichbleibender jährlicher Zuschuß des Reiches. Die Heranziehung der Städte und Gemeinden zu den Kosten der Polizei beruht auf dem Gesetz vom 24. August 1925. Als Zuschüsse der Gemeinden mit staatlicher Polizei sind 840 000 Mark und als Beitrag des Reiches zu den Kosten der Polizei des Bereitschaftsdienstes 4 246 000 Mark eingestellt. Von der Regierung wird mitgeteilt, daß sich dieser Zuschuß um 500 000 Mark erhöhe.
Abg. Reiber (Dem.) will drei Polizeioberleut- nants für ihre Person als Hauptleute der Verwaltung in die Gehaltsgruppe 9 bzw. 10 eingestuft sehen. Die Sozialdemokraten beantragten, bei den sachlichen Ausgaben den Betrag von 20 000 Mark abzusetzen und die Kosten der polizeilichen Nahrungsmittelkontrolle einheitlich auf die Staatskasse zu Übernehmen. Der Finanzausschuß hat zu den weiteren sozialdemokratischen Anträgen: 1. Von den 202 Stellen für Polizei- und Gendarmeriemeister werden fünf kündbare Stellen in solche für Polizei- oerwaltungssekretäre (unkündbar) umaewandell; — 2. von den 692 Stellen für Hauptwachtmeister werden neun Stellen in solche für Polizeiverwoltungs- obcrassistenten (unkündbar) umgewantelt; — 3. von den 649 Stellen für Oberwachtmeister werden sieben Stellen in solche für Polizeiverwaltungssekretäre (unkündbar) umgewandelt', — 4. von den 560 Stellen für Wachtmeister wird eine Stelle in eine unkündbare für Amtsobergeh',lfcn umgewandelt; — 5. die Gendarmeriebeamten erhalten für die Gestellung eines Privatzimmers zu Dienstzwecken eine jährliche Entschädigung von 60 Mark, Z u st i m m u n g erteilt.
Abg. 6turmfeis (Soz.) spricht dem neuen Minister fein volles Vertrauen aus. Die Hoffnungen auf Verbesserungen im Polizeiwesen könnten nicht von heute aus rnoraen erfüllt werden. Der Redner bittet, den Anträgen seiner Partei auf Mehreinstellung von Beamten in Dauerstellungen nach zwölfjähriger Dienstzeit zu entsprechen. Die Dersorgungsstelle für zu entlassende Beamte solle ausgebaut werden. Die Firma Opel habe sich seinerzeit bereit erklärt, 150 Beamte aufzunehmen, sei aber dann davon zurück- getreten, als sich herausstellte, daß die hessische Po- nzei ihren Autobedarf bei einer außerhessischen Firma eindecke. Die Polizei müsse freigeholten werden von allen Elementen, die nicht positiv zur Re- .publik eingestellt seien. Bei der Polizeischule fei das Personal zu groß, auch könne der Betrieb erheblich vereinfacht werden. In letzter Zeit habe die Polizei wieder Autoanschaffungen ohne Genehmigung des Landtages vorgenommen. Woher feien die Mittel in Höhe von 10 000 Mark für den Umbau der Wohnung des Polizeimajors Klippstein genommen? Die Reparaturwerkstätte sei an Personal ungeheuer überlastet. (Im Haus befinden sich noch sieben Abgeordnete.) Der Geschäftsgang bei Materialanforderungen sei sehr reformbedürftig. Offiziere könnten aus den unteren Gruppen nur Leute mit Abitur werden. Aus der Volksschule heroorgegangene Anwärter hätten nach ihrer Vorbereitung bereits die Altersgrenze zum Offiziersrang überschritten. Auch in Hessen solle die Bewilligungspflicht für
Oie goldenen Berge.
Vornan von Clara Kiebig.
Eophright bl) Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.
51 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Bremms Hand griff unruhig nach dem Hals, er spürte da wieder den Strick: „Will man uns ab« würgen?" Er blickte finster.
„Et is bald so." Heute hatte auch Kaspar Dreis nicht mehr den Mut und nicht die Sicherheit, die ihm bei der letzten Versammlung noch innegewohnt hatte. Was er damals geredet hatte von der Sonne, die bald wieder stehen würde überm Moselland und auch da stehenbleiben, das „es wird uns Winzern besser gehen", das er ter Menge hatte einhämmern wollen mit starker Stimme, das hätte er heute, selbst nicht überzeugt, auch nicht überzeugend mehr sagen können. Er war tief enttäuscht, denn noch war nichts, gar nichts geschehen, was eine Besserung zusicherte. Und aus dieser Enttäuschung quoll ihm ein Zorn. Es war wirklich schwer, noch an sich zu halten, wenn man sah, wie unbarmherzig, trotz ter Rot jedes einzelnen, die Steuereinziehung betrieben wurde, wie die Steuerschraube angezogen wurde.
„Ist die Schraube abgewunden, ist der Winzer totgeschunden."
Diese Plakattnschrist, die auch zu lesen war bei der Versammlung auf der großen Wiese, wahrhaftig, die war nicht ohne Berechtigung. Er für sich selber wollte sich nicht beklagen, ihm ging's noch leidlich, iveil er allein stand, für keine Familie zu sorgen hatte, aber er konnte es wohl begreifen, daß andere eine heillose Wut hatten auf das Finanzamt, das ihnen wie ein Henker alle naselang den Mann mit der Steuerbeamtenmütze und dem Pack Zettel un- term Arm auf den Hals schickte. Ob der auch wieder beim üremm gewesen sein mochte? Kaspar warf einen scheuen Blick auf den ihm zur Seite Gehenden: ja, der sah ganz danach aus, nach Verbitterung, nach Verängstigung und Derzmeiflung. Der Dremm hatte ihm vormals so gut gefallen — ein ehrliches, ein treues, ein gutes Gesicht — jetzt war da*, verbißen. Ach, die Frau, die Maria, die Kinder des Stemm, die hatten jetzt nichts zu lachen.
| Nachnrrkaub allgemein wegfallen, die Uivgangs- formen zwischen Vorgesetzten und Unterstellten sollten ! den Kasernengcift verlieren.
Abg. Reiber (Dem.) spricht dem Minister ebenfalls sein Vertrauen aus, daß er aus der Polizei das Instrument machen werde, das die Polizei für Öen Staat bedeute. Der Redner wünscht einen besseren Schuh für Leben und Hinterbliebene dec Polizeibeamten. Der Redner wünscht Fachleute als Polizeiofsiziere. Der riesige Autopark sei nicht notwendig.
Minister Leuschner
erklärt: Ich habe schon früher dafür gesorgt, daß zahlreiche Beschwerden abgestellt worden sind. Der Pferdebrstand ist vermindert, die Kosten für Munitionsbeschasfung sind herabgesetzt, beim Autopark sind Einschränkungen vorgenommen worden. Bezüglich der Entlassung der Polizeibeamten nach ihrer zwölfjährigen Dienstzeit ist ja bereits heute im Ausschuß durch die Vermehrung der unkündbaren Stellungen eine Besserung erreicht worden.
Ich darf auch darauf Hinweisen, daß wir in der Polizei für Beamte, die mit Kapp-P ' führern oder Gegnern der Republik sympathie- sieren, keinen Platz haben. In der Personal«
Abg Frau H a 11 e m c r (Z.) wünscht die Einstellung von weiblichen Kräften bei der Polizei, namentlich wegen der Ausführung des Gesetzes gegen die Geschlechtskrankheiten und bei der Iugendgerichtsbarkeit. Bereits im Vorjahr fei das versprochen worden. — Damit ist die Debatte zum Polizeietat geschloffen. Das Haus vertagt sich auf Mittwoch.
Aus ter provinzialhaupistadt.
Gießen, den 30. April 1928.
Oie deutschen Patentansprüche an Amerika.
Amtlich wird au6 Berlin mitgeteilt Zahlreiche hier eingegangene Anfragen geben dem Auswärtigen Amt nochmals Veranlassung, sämtlichen deutschen Patentinhabern, die Entschädigung für die Beschlagnahme ihrer Patente von den Vereinigten Staaten von Amerika verlangen zu können glauben, zu raten, ihre Anträge ausnahmslos durch die „Interessenvertretung für Ansprüche deutscher Patentinhaber", Berlin Nw 7, Neue Wilhelmstraße 12-14, einreichen zu lasten. Die Interessenvertretung besitzt nicht nur
Samstag, 5. Mm, beginnt im Gießener Airzeiger:
Die Tür mit den sieben Schlössern Kriminalroman von Edgar Wallare
Bestellungen auf den Gießener Anzeiger nehmen entgegen in Gießen die Geschäftsstelle und die Trägerinnen, auswärts die örtlichen Bertriebs- stellen und die post.
Politik ist eS so, daß auch für die Polizei, imb zwar in ganz betonterem Maße meine gestrigen Ausführungen maßgeblich sind. Die Offi- ricrslaufbahn wird tüchtigen Dollsschülern für die Zukunft ebenfalls offen stehen, und ich habe alles Interesse daran, tüchtigen Dollsschülern die Ausrückung zum Offizier offen zu halten. Daß in Dad-Rauheim die Polizei besonders schlecht sei, kann ich kaum glauben. Ich werte mich um die vvrgetragenen Beschwerten kümmern, wenn ich auch annehme, daß die borttge Polizei ihre Schuldigkeit tut. Die Frage, ob wir Autos nötig haben, um in einem Eventualfall diese Autos mit Polizeiteamten einsetzen zu können, ist zu bejahen. Auch die Feuerwehr wird ihre Geräte nicht abschaffen, weil es etwa in der letzten Zeit zu einem Brand nicht gekommen ist. Die Polizei kann in einem Bedarfsfälle doch nicht Autos von ter Straße herholen oder sich Omnibusse mieten, um sie bei der polizeilichen Abwehr einzusetzen Die Gerätebeschaffung und ter Autopark vergrößern nur die Sicherheit.
die von dem amerikanischen Unparteiischen gebilligten, in englischer Sprache abgefaßten Formulare für Anträge und Vollmachten, sondern ist auch in ter Lage, dafür zu sorgen, daß diese Formulare richtig und zweckentsprechend ausgefüllt werten. Durch ihre umfangreichen Vorarbeiten und die in ihren Händen oefindlichen Listen wird sie in einer Anzahl von Füllen auch imstande sein, ten deutschen Patentinhabern Auskunft darüber zu verschaffen, was mit ihren Patenten in den Vereinigten Staaten geschehen ist. Auf möglichst genaue Darlegung ter einschlägigen Verhältnisse legt bekanntlich der amerikanische Unparteiische sehr erhebliches Gewicht. Angesichts der kurzen Frist für d i e Anmeldung der Entschädigungsansprüche, die bereits am 2. A u g u st d. I. ab« läuft, wird es auch den deutschen Patentinhabern kaum mehr möglich fein, durch direkten Briefwechsel mit den Stellen in Washington rechtzeitig vdn sich aus Unvollkommenheiten zu befeitiaen, an denen ihre selbstgestellten Anträoe leiten mögen. Um Miß- verständnnisse zu vermeiden, sei bemerkt, daß die Interessenvertretung die von ihr gestellten Anträge
ebenfalls über den Deutschen Eigentnmskommsssar leiten wird, um auf diesem Wege eine weitere Sicherung für die Formgerechtheil der gestellten Anträge zu schaffen, von der die Berücksichttgung ter Anträge abhängt.
•• Eine schöne neue Jugendherberge hat in vorbildlicher Weise die Stadt Schotten geschaffen. Inmitten ter Stadt, an ten Schulhof angrenzend, an ter Hauptdurchgangsstraße ins Gebirge und doch ruhig und still, abseits vorn Verkehr, ist sie idyllisch schön gelegen. Ein größerer Schlafsaal mit 16 Betten, ein kleinerer Schlassaal mit 10 Betten, eine Küche und Führeczi.nmer bilden die luftigen warmen Räume Elektrisches Licht, Wasser, Koch- g.'legenheit und die sonstigen Einrichtungsgegen- ftänte sind vorhanden. Da Schotten Ausgangspunkt ter Wanderungen ins Gebirge ist. wird die Herberge sehr eifrig benützt. Etwaige Anmeldungen und Anfragen sind an den Verwalter der Herberge, Reallehrer Buh zu Schotten, zu richten.
** Zum Dandolinen-Wettstreit in de r Dolkshalle Anfarm Mai wird unS gefcf)rieben: Das Lautenspiel, dasIchvn seit mehreren Jahrhunderten seine Pflegstätte in Deutschland gefunden hat, ist nur als Begleitung von Liedern bekannt und als Dvlksmusil bezeichnet worden. Erst die letzten Jahrzehnte brachten eine Llmwälzung. Ramhasde Komponisten, die sich erst zögernd auf dieses Gebiet wagten, erkannten ten Wert des Zusammenspiels von Mandoline und Laute und brachten im Lause ter Jahre gute und brauchbare Werke heraus. Diese wurden von den Anhängern der Dolksmusil begeistert ausgenommen, und überall in deutschen Gauen wurden neue Vereine ins Leben gerufen mit dem Ziele: Pflege der deuffchen Volksmusik und Ausbau dieser Musil auf tonzertlicher Grundlage. Die ersten öffentlichen Konzerte fanten im Publikum guten Anklang. Lange Jahre hindurch toutte an dem Ausbau dieser Musik gearbeitet, sie auf künstlerisches Niveau zu bringen. Es ist dies gelungen. Durch den Ausbruch tes Krieges kam jedoch die Mandolinenbewegung größten tri ls zum Erliegen. Rach dem Kriege kann man von einer neueren Bewegung sprechen. Auch in G i e- ßen sanden sich im Jahre 1922 Anhänger der Volksmusik zusammen mit dem Ziele, die reine Mandolinen- und Gitarrenmusik auSzubauen und zu fördern. Daß dies gelungen ist, beweisen die Sympathien, die ter Verein „Reapolita" tn ten sechs Jahren seines Bestehens sich in unserer Stadt und darüber hinaus erworben hat. ilm weiteste Kreise mit den Zielen ter Mandolmen- betoegung vertraut zu machen, veranstaltet ter Mandolinen- und Gitarrenverein „Reapvlita" am 5. und 6. Mai in ter Dolkshalle einen Mandolinenwettstreit, zu dem namhafte Vereine aus Rörd-, Mittel- und Westdeutschland ihre Teilnahme zugesagt haben. Zur Begrüßung der Gäste findet am Samstagabend in ter Volks- Halle ein großer Festtommers statt. Hierbei wirken mit die Gießener Turn, erschaff, Iugend- abtrilung des D.s. D., Radlahververein 1885, Radklub Germania, Orchestervevein Gießen (40 Herren), Bauerscher Gesangverein und Gesangverein Heiterkeit. Der turnerische, sportliche und künstlerische Ruf der Vereins bürgt dafür, daß der Abend für alle Teilnehmer genußreich sein wirb. Der Besuch dieser Veranstaltung ist bestens zu empfehlen Der festgebende Verein wird zum ersten Male mit einem Massenchor auftreten. Der eigentliche Wettstreit findet am Sonntag- morgen in ter Dolkshalle statt.
*• Sonntagssonderzua nach Würzburg. Die Reichsbahnverwaltung beabsichtigt am Sonntag, 6. Mai, einen Verwaltungssonter- zug von Alsfeld nach Würzburg übet Fulda, dortselbst Bereinigung mit Flügelzug von Gießen über Gelnhausen mit 33 Prozent Fahrpreisermäßigung und erhöhter Fahrgeschwindigkeit einzulegen. Abfahrt von Alsfeld 7.15 Uhr, von Gießen mit Flügelsonterzug Gießen ab 6.35 Ahr, Lich 6.56 Uhr, Hungen 7.05 Uhr, Ridda 7.20 Uhr, Stockheim 7.33 iiljt, Büdingen 7.45 Uhr, Würzburg an 10.42 Uhr. Die Rückfahrt erfolgt Würzburg ab 18.38 Uhr, Alsfeld an 23 Uhr (ab Fulda mit Pz. 560). Ab Elm mit Flugelzug Büdingen an 21.37 Ähr. Stockheim 21.49 Ahr, Ridda 22.02 Uhr. Hungen 22.17 Uhr, Lich 2256 Uhr, Gießen an 22.45 Uhr. Der Fahrpreis für eine Sonderzugrückfahrkarte beträgt ab Alsfeld 7.20 Mk., Gießen 8.60 3HL, Lich 8 Mk., Hungen 7.60 Mk., Ridda 7 OKt,
Jeidjt, daß sic auch gar nichts mehr von ihm wußte. I wr hatte sich gedrückt, war auf und davon — jo ein 1
Daß doch feine Gedanken immer wieder zu der Maria umkehrten! Und nicht einmal wer ter Pater ihrcs Kindes war, wußte er; niemand wußte es, auch ihre Mutter nicht, die Brcmm hatte es ihm heimlich versichert. Eine Schändlichkeit, solch ein Mädchen so hinzuietzen! Aber die Mario hatte den Mann doch »ehr lieb haben müssen. Und daß sie ihn nicht verriet, das war schon von ihr. Viel-
Lump! Sie würde sicherlich nie mehr etwas von ihm wissen wollen.
Und nun sah Kaspar Dreis auf einmal, daß es Vorfrühling war, schon ein schöner, wärmlicher Tag, obgleich der Februar noch zwei Tage bis zu seinem Ende hatte. Am Chausseerand sproßte junges (Bros und roch lieblich, ein paar verfrühte Bienen summten, und man hörte das erste Amsellied. Wie Frühlingshoffnung lag es über her Natur, und auch ter junge Winzer spürte plötzlich, daß er noch jung genug war, um den Kampf ums Dasein weiter aufzunehmen, daß er noch nicht so verbraucht war, wie der soviel Aeltere neben ihm. Wenn die Maria seine Frau wurde, würde er es schon fertig bringen, daß sie nicht zu hungern brauchte. Aber das Kind, das Kind?! Nein, das auch nicht Was kann so ein Würmchen dafür, daß sein Vater sich nicht mehr um es bekümmert! Das Kind brauchte es nachmals gar nie zu wissen, daß er nicht sein Vater war. Es konnte aufwachsen wie die eigenen Dreiskinder auch. Leise fing der junge Winzer an, vor sich hin 3U pfeifen; er wußte nicht, daß er pfiff, seine Ge- danken gingen andere Wege als ten, der vor ihm lag. Es war ihm dann ein unsanftes Wecken, als er ten Bremm jetzt sagen hörte: „Da steht der Zug schon!"
Sie kamen gerate noch zurecht, der Zugführer wartete noch ein bißchen. Es stiegen nicht viele ein, cs war von hier noch ziemlich 'weitab, die Bahn kostete Geld, und das hatte man nicht. Dremm hatte auch das unter anderem vorgeschoben, als er nicht mit wollte, ober ter Dreis hatte gesagt: „Et is ganz egal, wer et bezahlt, Ihr oder ich. Tut mir die Lied, fahrt diesmal mit mir!"
Wer sonst von Porten und Munden aus zur Versammlung wollte, der hatte schon in erster Morgenfrühe abmarschieren müßen, wenn er zum Mittag om Platz sein wollte. Sie sahen noch niemand Bekanntes. Gemächlich fuhr der Zug, vorsichtig, es schwankte oft mächtig, vorn Hochwasser her waren manche Stellen noch schwer zu passieren, seit kurzem war die überschwemmt gewesene Strecke erst wieder frei und gefahrlos. Immer dicht neben der Mosel her futm der Zug, er hielt an jeder kleinen Station. Der Stationen waren viele, und an allen standen jetzt Menschen, die mit wollten. Und was alles den Weg zu Fuß machte! Aus dem Fenster blickend, sahen sie auf ter Chaussee, die neben der Bahn entlang läuft, wie einen sich krümmenden.
Aber konnte man cs dem Mann verdenken, wenn er reizbar, leicht aufgebracht war? Da müßte ja einer ein Engel sein, der das nicht wäre. Und Menschen sind keine Engel.
Kaspar wartete, ob Bremm vielleicht etwas sagen würde, er brauchte ja nicht von Eignem zu sprechen, wenn er das nicht wollte, ater der Jüngere hätte gern gehört, was der Aeltere sich von der Versammlung heute versprach. Aber auch darüber sprach Bremm nicht, er sagte kein Wort. Da sagte auch der Jüngere nichts mehr, stumm fetzten sie ihren Weg fort. Kaspars Gedanken flogen zu dem Haus zurück, aus dem er eben Dremm abgeholt hatte.
Bremm hatte auf einmal gar keine Luft mehr bezeigt, mitzugehen, obgleich er es doch versprochen hatte. „Ich muß in ten Berg," sagte er ausweichend, „die Jungens packen et allein nit."
„Ihr könnt ja morgen wieder dabei sein, kommt nur, kommt, tut Euch ten Rock an!" Die Sonntagshose hatte ter Bremm schon an und auch ein weißes Borhemdchen — warum war es ihm denn plötzlich leid geworden?
Auf des Mannes Stirn lag cs wie eine düstere Wolke. „Ich trauen mir nit," murmelte er, „et is ZU arg — ich trauen mir nit!" Aber bann gab er sich doch einen Ruck. Er war in den sonntäglichen Rock gefahren und hatte sich von ter Frau noch einen Schal um ten Hals schlingen lassen.
Die Maria hatte der Kaspar nicht zu sehen bekommen. „Et is ihr nit gut," sagte die Frau, die er nach dem Mädchen fragte. Wenige Minuten nur hatten sie miteinander flüstern können. Aber ein- dringlicher als Worte hatten die 2Iugcnn des jungen Mannes gefragt: war es so weit? Ader die Mutter hatte verneinend den Kopf geschüttelt und zugleich mit ten Schultern gezuckt, wie: ich weiß nicht.
endlosen Wurm die Scharen unten an den Weinbergen^ vorbei sich winden. Es waren auch manche aus Rädern dabei, die hatten alle hinten noch einen aushucken.
Zell, Briedel, Burg, Enkirch, Traten-Trarbach, Pünderich Wolf, Crdv, Loesenich, Eiden, Herzig Rachtig, Zettingen, Graach. Je naher sie Dernkastel kamen, desto mehr Menschen. Dittgänger, Wallfahrer, Prozessionen? Die fingen und beten, aber die hier sind stumm.
Immer zwei und zwei gehen sie, ohne ein Lied, ohne miteinander zu sprechen, sie gehen mit gesenkten Köpfen still und traurig — ein Totengeleit, eil nicht endender Trauerzug.
Allen voran weht eine Fahne. Der Tag ist jetzt plötzlich trüb und grau, vom Fluß weht es kühl, die Fahne flattert im Winde. Und an ihr ein Trauerflor. Die Winzerfahne, die schwarze Winzer- sahne!
„Die Weinbauern müssen trauern."
Die Vorfahren haben die schwarze Fahne einstens gesehen, sie sind ihr gefolgt, von denen, die heute hinter ihr herzichen, sah sie noch keiner. Ater sie ist noch immer da, sie hat nur so lange versteckt ruhen dürfen, jetzt aber ist sie hervorgeholt, ein Zeichen der Zeit, eine Flagge, in höchster Not gehißt, eine Fahne, die aufruft in letzter Verzweiflung.
„Laßt uns aussteigen!" Der junge Winzer war plötzlich zur traurigen Wahrheit des Tages ernüch- tert — fort alle Traume — es erzitterte etwas in ihm bei dem Anblick. „Wir wollen auch hinterher gehen!"
Simon Bremm und Jakob Dreis schlossen sich an. Hinter ihnen blieb Graach zurück, vor wenig Jahren noch ein belebter Weinplatz, jetzt so verödet, so leblos, als wüchse hier nicht das .Himmelreich". Dor ihnen schlorrte einer, den Rücken gebeugt, er kam kaum mehr voran. Kaspar erkannte ihn: Es war der Alte, den er letzthin nach der Dersammlun- gesprochen hatte. Der erschien ihm heule noch älter — „Fünfundsietenzig, viel böse Zeit, so bös wie । jetzt war noch keine" — ob der heute noch faaen würde: „Gott sei gedankt, nu wird et ja besser?!" Heute war ter Greis nicht mehr allein, er mußte sich führen lassen, zwei junge Winzer hatten ihn unlergesaßt, rechts einer, links einer, cs waren wohl seine Enkel.
(Fortsetzung folgt)


