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gehalten haben. Gin Fall, der Wohl noch hn Gedächtnis der älteren Generation fortlebt, ist die Verhaftung des Raubmörders Hennig, i'er im Frühjahr 1906 eine vielgesuchte Persönlich: rit war. Rudolf Hennig, von Beruf Lederarbeiter, hatte den Kellner Giernoth tm Grünewald er­schossen: nicht durch diese Tat, sondern durch seine kühne Flucht lenkte er die alloeirwine Aufmerksamkeit auf sich. Der flüchtige Mörder war in Berlin fast zum Schreckgespenst geworden. Man hatte ihn in der Rähe des Stettiner Bahn­hofs erkannt,' es gelang ihm jedoch, in ein Haus zu entwischen und zum erstenmal in der deutschen Kriminalgcschichte eine große Jagd über die Dächer der Berliner Häuser zu beginnen. Aus einem Haus der Weißenburger Straße floh er dann in Filzpantoffeln. Sn Stettin wurde Hennig einige Wochen darauf dabei er­wischt, wie er ein Fahrrad stehlen wollte. Er schoß den Kriminalbeamten an, doch hatte der Polizist Geistesgegenwart genug, ihm noch mit einem schweren Stock einen Schlag über den Kopf zu erteilen. Hennig taumelte und konnte fcst- genommen werden. Solche Fälle haben sich in- zwifcheu jedoch oft ereignet, und man muh leider Augcbcn, daß sich nicht nur die Technik der Berbrecherdekämpfung, sondern auch die Fähigkeit der Verbrecher, sich zu verbergen und geschickt zu fliehen, außerordentlich vervollkommnet hat.

Das Rätsel von Thoiry.

Da wir dicht vor dem Beginn der^wahrschein­lich entscheidenden internationalen Erörterung der Reparationsfrage stehen, erscheint es angebracht, auf Grund besonderer Informationen über den ersten Versuch, der von Frankreich und Deutsch­land zusammen zur Endlösung jener Frage unter­nommen worden ist, endlich die Klarheit zu geben, di« sowohl wegen des geschichtlichen Gewichts dieses älnternehmens von Thoiry als auch um seiner nachwirkenden, richtungweisenden Bedeu­tung willen erforderlich ist.

11m die Verhandlungen, die seinerzeit in Thoiry geführt worden sind, hat sich allmählich eine Legende gebildet. Ein in Berlin erscheinendes volkswirtschaftliches Blatt schrieb damals, daß zwei Sachverkenner" sich getroffen hätten, um die Reparationsfrage zu erledigen. Sn einer rheinischen Zeitung schreibt neulich ein Verfasser, daß zwei phantasiebegabte Mini st er in Thoiry eine Lösung der zwischen Deutschland und Frankreich bestehenden Schwierigkeiten ver­sucht, aber nicht gesunden hätten.

Sn Wirklichkeit liegen die Dinge doch ganz anders. Zunächst ist einmal festzustellen, daß das Programm von Thoiry schon in seinen ilm- rrssen bekannt war, ehe sich der Reichsaußen- minister damals nach Genf begab. Man hatte deutscherseits erfahren, daß Driand in Genf di« Räumung der besetzten Gebiete Vor­schlägen würde, als Gegenleistung aber die be­kannte teilweise Mobilisierung der Obli- g at i onen und weiterhin den Rückkauf des Saargebiets in Vorschlag bringen würde. Diese Gedanken gehen zurück auf die Zeit des Kabinetts Briand-Eaillaux, das bekanntlich durch Herriot gestürzt worden ist. Die Zusammenkunft in Thoiry ist nicht von deutscher, sondern von französischer Seite angeregt worden und ein Vertrauensmann Driands hatte In Genf darauf hingewiesen, daß es sich bei dieser Be­sprechung in Thoiry nicht um kleine Dinge, sondern um große Entscheidungen han­deln würde. Auch Mitglieder der deutschen Dele­gation waren über diese Gedanken informiert, ebenso aber auch Chamberlain.

Man hat in Thoiry davon gesprochen, ob es möglich sei, von den Obligationen eine Summe von 1500 bis 2000 Millionen Mark zu mobili­sieren und davon Frankreich, das mit 52 Prozent an dieser Summe beteiligt ist, einen entsprechenden Betrag zuzusühren. Man hat weiter in Thoiry von dem Rückkauf des Saargebiets gesprochen und deutscherseits den Betrag von 300 Millionen für diesen Rückkauf in Aussicht genommen. Wenn eine Summe von 1500 Millionen Mark als Mo- bllrfierung der Obligationen in Betracht ge­kommen wäre, würde also eine Summe von 750 Mlllionen Mark und mit dem Rückkauf des Saar- gebiets 1050 Millionen Frankreich zur Verfügung gestanden haben. Eine Mehrbelastung für

Walther von der Vogelweide und Reinmar von Hagenau.

Don Or. Alfred Götze, o. Professor der germanischen Philologie an der Universität Gießen.

Wir wissen, daß Walther von der Vogelweide an Kaiser Friedrichs II. Kreuzsahrt teilgenommen hat. Am 7. September 1228 ist er mit der kaiserlichen Flotte in Akkon gelandet. Wenn er, wie wahr­scheinlich, nach Deutschland heimgekehrt und hier gestorben ist, so ist das mindestens nicht lange nach jenem letzten, uns bekannten Ereignis seines Lebens geschehen, denn nach 1228 erhalten wir kein greif­bares Datum mehr vom Leben des damals etwa 65jährigen Dichters. Von daher nehmen wir uns das Recht, 1928 als Jahr der Erinnerung an den größten Sänger des deutschen Mittelalters zu be­gehen und ihn darin neben den großen Maler der beginnenden Neuzeit zu stellen, Albrecht Dürer, der 1528 gestorben ist.

Wir sollten Waltbers öfter denken, als bisher geschieht, auch in unserer allgemeinen Bildung ver­dient er einen besseren Platz, kraft seiner Kunst und seines Charakters, die vollkommen feststehen, so vieles in seinem Lebensbild noch umstritten ist. Geboren ist Walther aus niederem Adel kurz nach 1160 auf einem Vogelweidhof des deutschen Süd- ostens. Der Name ist häufig, weil im Zeitalter der Reiherbeize die Falken zur Jagd abgerichtet und unterhalten werden mußten, dazu aber ein abgelegener Hof geeigneter war, als die lärmenden und enaen Hofhaltungen der Großen. Als adeliger Ansitz ist trotz langem Suchen keiner der zahlreichen Vogelweidhöfe festzustellen gewesen, auch kein tiro­lischer. Die Tiroler haben sich aber Walther mit einer so liebenswürdigen Selbstverständlichkeit an- geeignet und Natters Denkmal in Bozen ist ein so prächtiger Ausdruck dieses Gefühls geworden, daß die anderen Länder Oesterreichs, die der Sprache nach und andere als sprachliche Zeugnisse gibt es nicht ein gleiches Recht auf den Dichter hät­ten, ibre Ansprüche gern zurückgestellt haben.

Geistige Heimat ist dem Künstler Wien gewor­den, die Hauptstadt der babenbergischen Herzöge. Die Lyrik, die der junge Walther hier in Blüte fand, trug den Stempel Reinmars von Hagenau, des aus dem Elsaß eingemanberten Edelmanns, der als erster die lyrische Modekunst des europäischen

Deutschland hatte sich daraus nicht er­geben mit Ausnahme des Rückkaufs des Saargebiets da Deutschland auch jetzt bei Richtmobilisierung der Obligationen die Zinsen dieses Betrages aufzubringen hat.

Alles kam darauf an, ob es möglich sein würde, di« Vereinigten Staaten zu bewegen, sich hiermit einverstanden zu «rllären, und ob es mög­lich sei, dies« Summe zu placieren. Don ent­scheidender amerikanischer Seite wurde damals erklärt, daß eine Summe von 2000 Millionen zu hoch gegriffen sei, daß es aber wohl möglich sein würde, eine Summe von 1500 Millionen Mark zu placieren. Die Schwierigkeiten lagen daher, als die ersten Verhandlungen über diese Dinge auRamer., nicht auf finanzieller Seite. Ob das State Departement in Washington der ganzen Transaktion zustimmen würde, stand nicht fest: irgendeine negative Entscheidung war aber ebenfalls nicht erfolgt.

Dagegen begann in Frankreich der Sturm gegen das Zugeständnis der Räumung des be­setzten Gebiets. Es zeigte sich, daß Driand sich viel zu weit vorgewagt hatte und die öffentliche Meinung nicht hinter sich zu brin­gen vermochte. Bei seiner Rückkehr nach Paris wurde Driand am Bahnhof ausgepfiffen und der Sturm der französischen Presse begann in unerhörter Werse. Cs ist nicht zu verstehen, wie man in der französischen Press« in der Gegen­wart «rllären kann, Deutschland habe es unter* lassen, bestimmte Dorschläge zu machen. Di« Wahrheit ist, daß man von französischer Seite dringend darum ersuchte, die Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen, da sie nicht reif sei. Driand und auch Chamberlain haben gebeten, die Angelegenheit nicht Wetter zu verfolgen.

Snzwischen ist derselbe Gedanke zwei Sahre später von Poincare selb st wieder ausge­nommen worden. Einem sehr bekannten deutschen Publizisten gegenüber sott Herr Poincars betont haben, daß e r di« Verhandlungen von Thoiry angeregt habe, so daß er als der eigentliche Vater von Thoiry anzusehen wär«, und eS ist bekannt, daß in den letzten Monaten derselbe Gedanke, dec der Unterhaltung von Thoiry zu­grunde lag, wieder ausgenommen worden ist. Ob er heute durchführbar ift2 muß bezweifelt werden. Denn inzwischen ist ja die endgültige

Regelung der Reparationsfrage so nah« hercm- gerückt, daß eine derartige Transaktion durch das Herannahen der Endlösung überflüssig geworden ist. Es handelt sich jetzt nur darum, in welcher Form die Obligationen innerhalb der Gesamllösung flüssig gemacht werden. Thoiry selbst aber ist nicht irgendein phantastisches Ge­spräch gewesen ebensowenig «ine Utopie, sondern es war eine bestimmte finanzielle Transaktion, die Deutschland nicht belastet haben würde und di« vielleicht damals schon für Frankreich von größter Aktualität gewesen wäre, wenn nicht die tatsächliche Stabilisierung des Franken viel schneller erfolgt wäre, als irgend jemand sich vorgestellt hatte. Das Kom­munique über Thoiry ist bekanntlich von Herrn Briand selbst entworfen worden. Es hat damals die Gesamtlösung der zwischen Deutschland und Frankreich schwebenden Fragen in Aussicht ge­nommen.

Der deutsche Rerchsaußenmtnister hat seiner­zeit zehn Tage nach Thoiry auf dem Parteitag der Deutschen Dolkspartei zum Ausdruck gebracht, daß es gegen die Ratur der Entwicklung politt- scher Dinge sein würde, wenn in dieser Frag« nicht ein Rückschlag einträte. Dieser Rück­schlag ist allerdings stärker gewesen, als irgend jemand nach dem damaligen Vorhaben Driands angenommen hat. Erst nach der letzten Rede des Reichsaußenministers, in der er die Räumung m türmischer Weise forderte, hat Driand gewagt, >em französischen Senat von der Räumung zu prechen. Er hat zunächst die prinzipiell« Zu- tinunung der Kammer gefunden unter den Dor­behalten, die er bezüglich deutscher Gegenleistun­gen machte. Es hat weiterer Monate bedurft, um die offiziellen Derhandlungen über die Däu- mungsfrage in Gang zu bringen, die jetzt zwar nicht in sachlichem Zusammenhang mit den Be­ratungen über die Reparationsfrage stehen, aber doch zeillich mit diesen Beratungen zusammen- f alten.

Phantastisch" odervon Sachverlenntnis ge­tragen" waren di« Derhandlungen von Thotry nicht und das stürmische Tempo war auf fran­zösischer und nicht auf deutscher Seite. Gegenüber den Legenden um Thoiry, die diesseits und jenseits des Rheines gesponnen worden sind, ist diese Feststellung doch gerade im gegen­wärtigen Moment von Bedeutung.

und alle diese Ehrengäste bat er um wohlwollend« und verständnisvolle Förderung der Bcstrebungen des Sängerbundes. Ferner brachte der Redner bie herzlichen Grüße bes Ehrenvorstanbsmitgliedes, Schulrats Has finger (Darmftabt), zum Aus­druck, der leider infolge anderweitiger Verpflichtun­gen nicht zugegen sein könne. Ein weiterer Gruß des Bundesvorsitzendcn galt den oberhessischen Ver­einen, den Vereinen aus Rheinhessen und Starken­burg, den preußischen und den bayerischen Sanges- brüdern, den zum ersten Male anwesenden Ver­tretern von gemischten Chören und den Veteranen der Sängerbewcgung. Mit dem Wunsche, daß die ganze Macht der im Bunde zusarnrnenaeschlossenen Vereine zum Wohle der edlen Bundessache einge­setzt werden möge, erklärte der Redner den Bundes» Sängertag als eröffnet

Oie Grüße der Giadt Gießen.

Oberbürgermeister Dr. Keller brachte mm die herzlichen Grüß« und Wünsche der Stadt Gießen zum Ausdruck: die Erledigung dieser Ausgabe sei ihm «ine große Freude. Sn statt­licher Zahl seien die Delegierten hier zu gemein­samem Wirken erschienen. Er gebe namens der S'adt Gießen der Hoffnung Ausdruck, daß wir nicht nur diesen Bundes-Sängertag hier bei unS begrüßen könnten, sondern auch recht bald em BundeS-Sängerfest des Hessischen Sängerbundes h er veranstaltet sähen. Mit wett ausgebreiteten Armen unb offenem Herzen werde die Gießener Bürgerschaft die Sänger empfangen und daS DundeS-Sängersest in Gießen in schönster und würdigster Werse zu gestalten wissen. " Einen be­sonderen Gruß entbot der Oberbürgermeister den Sängern aus dem besetzten Gebiete. Das deutsche Lied möge den deutschen Brüdern dort drüben die Kraft geben zum Ausharren bis zu der hoffentlich nicht mehr allzu fernen Stunde, da fie wieder frei atmen könnten als freie Deutsche im freien Vaterland«. Der Redner feierte dann in kurzen Worten die hohe Bedeutung deS deut­schen Liedes und die vortreffliche Wirksamkeit der Bundesvereine intö des Bundes für dieses kost­bare Gut des deutschen Volkes. Dem Hessischen Sängerbund und seinem Dorsitzenden, Ministerial­rat Dr. S i« g e r t, sowie den Bundesvereinen werde e's stets zum Ruhme gereichen, mit so glänzendem Erfolge für die Pflege und Aus­breitung des deutschen Liedes bisher schon ge­wirkt zu haben. Daß in der gleichen gedeihlichen und segensvollen Weise vom Bunde weiter­gearbeitet werd«, das sei der Wunsch, den ec mit seinen und der Stadt Gießen Grüßen an den Bund verbinde.

Der Gießener Sängerchvr unter der Leitung des Gauchormeisters Kasten brachte als Abschluß des Degrußungs^efls der Tagung das schöne DvlkSliedWer hat dich du schöner Walld" ausgezeichnet zu Gehör.

Ehrung der Zubilare.

Sodann wurde in die Tagesordnung eingetre­ten. Zuerst fand ein Festakt zu Ehrender S u 6 i I a r e statt. Der Bundesvorsitzenöe, Miyi- stericürat Dr. S i« g e r t, konnte hicrbei nach einer Ansprache 57 Sängern aus dein ganzen Bundes­gebiet, die seit 25 Sahren und länger Vorstands» Mitglieder ihrer Dereine sind, das Ehrenzeichen des Hessischen Sängerbundes überreichen, an 26 Dirigenten, die seit über 25 Sähren ununter­brochen den D irigenten st ab ihrer Dereine führen, das für diese Veteranen gestiftete Ehrenzeichen des Sängerbundes crushändigen und die Subb» lave gleichzeitig zu Ehrenchormeistern des BundeS ernennen, 19 Sänger für über 40jähr ge Sanges- tätigteit ehren und an 3 Sänger, die seit mef)t als 50 Sahren aktive Sänger sind, den Ehren­brief des Deutschen Sängerbundes mtt herzlichen Glückwünschen aushändigen.

Oie geschäftlichen Verhandlungen.

Es folgt« nun der Bericht des DundeS- vorsih«nd«n über das abgelaufene Geschäftsjahr. Aus dem Bericht war eine vielseitige, recht erfolggekrönte Arbeit deS Bundesvorstandes zu erkennen. Di« Zahl der Bundesvereine ist um rund 70 gestiegen, über 30 Verein« wurden aber wegen Richterfüllung chrer Beitragspflichten gestrichen. Den Satzungen entsprechend wurden auch Gemischte Chöre auf­genommen ; bis jetzt sind 5 beigetreten. Der Bund zahlt heute rund 650 Vereine mit etwa »SEgarnjit i

Sobald der große Künstler Walther in dem Vor­bild Spuren innerlicher Unwahrhafttgkeit entdeckte, mußte er sich mit der leidenschaftlichen Wahrhaftig­keit des Genius von ihm abkehren. Diese Abkehr ist bann zum Wendepunkt seiner Dichtung geworden. Wir haben bei Walthers Liedern stets zu fragen, ob sie in die konventionelle Zeit unter Reinmars Einfluß gehören oder in die individuelle Dichtung nach der Abkehr. So führt die Betrachtung von Walthers Verhältnis zu Reinmar in die Tiefe fei­ner Lyrik und läßt uns seinen Entwicklungsgang verstehen, wie keine andere Beziehung zu zeit­genössischen Dichtern.

Hochschulnachrichien.

Der durch die Cremitierung des Geh. Rates G. Störring an der Universität Bonn erledigte Lehrstuhl der Philosophie ist dem ordentlichen Pro­fessor Lr. med. Karl Jaspers in Heidelberg angeboten worden. Der n. o. Professor an der Breslauer Universität, Regierungsassessor Dr. jur. Hans Peters, A. Z. Referent im Preußischen Kultusministerium, hat einen Ruf als planmäßiger a. o. Professor für öffentliches Recht an die Uni­versität Berlin erhalten.

Professor Dr. Otto Brandt in Kiel hat den an ihn ergangenen Ruf auf den durch das Ab­leben des Geh. Regierungsrats G. Beckmann er­ledigten Lehrstuhl für mittlere und neuere Ge­schichte an her Universität Erlangen zum 1. November d. I. angenommen. Rektor und Senat der Technischen Hochschule zu D a r m ft a b t haben auf einstimmigen Antrag der Abteilung für Bauingenieurwesen den Baurat Dipl.-Jng. Fried­rich B o h n y, Leiter der Eisenbau-Abteilung der Gute Hoffnungshütte in Sterkrade, in Aner­kennung feiner Verdienste um die wissenschaftliche und konstruktive Entwicklung des neuzeitlichen Großbrückcnbaues die Würde eines Doktor-Inge­nieurs ehrenhalber verliehen. Zum ordentlichen Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät in Salzburg ist der a. o. Professor ebenda Dr. theol. Baumgartner ernannt worden. Professor Dr. Erich Frank in H e i- d e I b e r g hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Phi­losophie an der Universität Marburg als Nach« folger Heideggers angenommen. Professor Dr. Adolf S m e k a l in Wien hat den an ihn er­gangenen Ruf auf den Lehrstuhl der theoretischen Physik an der Universität Hall« als Nachfolger von Professor R. Schmidt angenommen.

AmdkS-Sängrriag des Hessischen Sängerbundes

Der Hessische Sängerbund hielt gestern unter der Leitung seines 1. Vorsitzenden, Mini­sterialrats Dr. S i e g e r t (Darmstadt) seinen Vundes-Sängertag 1 928 in der ober- hes.ischen Provinzialhauptstadt G i e tz e n ab. Aus allen Teilen des Hes enlandes und aus den an­grenzenden preußischen und bayerischen Bezirken, deren Gesangvereine dem Hessischen Sängerbund angehören, waren die Vertreter dec , Counter* vereine in sehr großer Zahl hier erschienen: sie füllten zusammen mit einer sehr starken Sänger­schar der Gießener Bundesvereine den großen Saal derLiebigshohe" bis auf den letzten Platz. Den auswärtigen Sangesfreunden zu Ehren waren die FaAen der Gießener Brudervereine Im Saale der Liebigshöhe aufgestellt.

Oie Eröffnung.

Gegen 1/211 älhr Dorrn, lei'ete ein Sänger­chor der Gießener Bundesvereine unter der Stabführung des Gauchormeisters Kasten (Gießen) die Tagung mit dem deutschen Sängergruß ein. Dann entbot der 1. Vorsitzende des Lahngaues im Hess. Sängerbund, Emil Koch (Gießen), den Wifllommengruh der Gießener Bund:svereire, der insbesondere dm Vertretern des Kreisamts, der Stadtverwaltung, dem Bun­desvorstand, den Vertretern der Presse sowie den Delegierten galt. Der Redner wünschte dm Be­ratungen besten Erfolg zum Besten des Bundes, zur Förderung des deutschen Liedes und zum Wohle des deutschen Männergesanges. An­schließend brachte der Gießener Sänger­chor unter der Leitung des Gauchormcrsters K a st e n Mozarts wunderbare Kcmposi.ion Weihe des Gesangs" in prächtiger Weise, gleich dem Klang einer ausgezeichneten Orgel, zu

Gehör. Wohlverdienter stürmischer Beifall dankte den Sängern und ihrem feinsinnigen künstleri- schm Führer für diesen würdevollen und glänzen­den Auftakt der Tagung.

Nunmehr hielt der Bundesvorsitzende, Ministerial­rat Dr. S i e g e r t (Darmstadt), bie Eröff­nungsansprache, in der er u. a. betonte, im verfloßenen Geschäftsjahr habe der Bund sein Haus auf feste Säulen gestellt, indem er bie Provinzial- und Gauverbänbe zu starken Trägern bes Bundes» gebanfens ausgebaut und eine scharf umriffene Ar- ritsteilung oorgenommen habe eine Organisa­tion, bie sich schon jetzt außerordentlich bewährt habe. Im neuen Arbeitsjahre gelte bie Tätigkeit mehr bem gesanglichen und künstlerischen Fortschritt, wie er sich beim zweiten Bunoesfest in Darmftabt 1929 auswirken solle. Daneben werbe aber auch den materiellen Angelegenheiten ber Vereine, wie z. B. den Wünschen um Befreiung von der Ver­gnügungssteuer, den Möglichkeiten verbilligten Notenbezugs, der Afma und der Gema bie Aufmerk­samkeit bes Bundesvorstandes zuteil werben. Die Sache bes Männergesangs fei eine Anaelegenheit bes ganzen Volkes, ihm gelte auch die Arbeit der Männergesanqoereine. Der Redner wies dann auf die Wiener Sängertage hin, wo eine gewaltige vaterländische Welle sich erhob. Er stellte dann wei­ter fest, daß Staat und Gemeinden ber Sänger­arbeit großes Interesse und Verständnis entgegen­bringen, und bat um deren Wohlwollen, wenn sich die Gesangvereine mit ihren berechtigten Wünschen an sie wenden. Sodann begrüßte der Redner als Vertreter des Kreisamts Gießen, Regüerungsrat Schmidt, als Vertreter des Pölizeiamts Regie­rungsrat Wolf, den Leiter ber Stadtverwaltung Oberbürgermeister Dr. Keller, die Vertreter der Presse als Bundesgenossen der Sängerbewegung,

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Westens in den deutschen Südosten getragen hat. Reinmar macht es uns nicht leicht, seiner Kunst gerecht zu werden. Ein weicher und feiner Mensch, fast weiblich in seiner zarten Empfindsamkeit, hat er sich in ein Liebesleben eingesponnen, bem alle frischen Farben, alle herzhaften Töne, alle An­schaulichkeit fehlen. Seine Liebe bleibt ohne Er­füllung, ja nicht einmal sein Hoffen ist zuversicht­lich. Reinmars Trauer hat nichts Erschütterndes, seine Freude nichts, was das Lebensgefühl steigern könnte, sondern beide fließen beinahe ineinander in einem wehmütig weichen, schmelzenden Gefühl. Nicht klarer Frost und Heller Sonnenschein walten in diesen Liedern, sondern gedämpftes Licht und abspannende Föhnstimmung. Tatsächliches findet sich fast gar nicht darin, nur Wünsche und Möglich­keiten. Ein Bote, der einen ermutigenden Brief bringt, wird bei Reinmar schon zum Ereignis.

Dieser Künstler ist völlig Subjektivist. Er nimmt immer seine Schmerzen unter die Lupe, zergliedert die eigene Leidenschaft und freut sich ihrer vielen Abschattungen. All das führt er mit Takt, Ge­schmack und einer bewundernswerten Gewandtheit in der Form durch. Im Kreis des höfischen Her­kommens erschövft er alle Möglichkeiten. Sein Kreis ist eng, aver in ihm hat er die Kunst ent­schieden bereichert. Kein deutscher Dichter hat für Liebesschmerz so viel Worte wie Reinmar. Mit einem staunenswerten Reichtum ber Mittel stellt er fein Leid bar: bald drängt er kühn voran, bald weicht er zart zurück. Seine Bitten und Tränen flehen und klagen durch alle Stimmlagen, weh­mütig und herb, tief verzagt und unablässig an- dringend. Auf diesem künstlerischen Reichtum be­ruht offenbar sein großer Erfolg.

Denn merkwürdig: biefer zaghafte, zarte, unent- schiebene, in den Fesseln höfischer Gebundenheit lebenslang befangene Lyriker, dieser Mann der halben Töne und weichen Schatten macht Epoche und wird für lange das gepriesene Vorbild des höfischen Minnesangs. Die Zeitgenossen waren be­geistert von feiner Art. Die harten Krieger und selbstsüchtigen Staatsmänner des Wiener Hofs und rings im Land ließen sich von Reinmars Moll­akkorden fangen und gaben sich seiner leiten, weichen Kunst hin. Damit ist der Boden geschaffen, auf dem Reinmar eine Schule gründen konnte. Als anerkannt« Zeitgröße zieht er die dichtenden Standesgnosien in feine Bahnen, sein dichterischer Minnedienst wird b i e lyrische Richtung ber ganzen Zeit. Walther finbet ihn in Wien vor, wi« er tm bildsamsten Lebensatter dort an den Hof gelangt,

und es vollzieht sich, was sich oft und notwendig in allem Geistesleben wiederholt hat: ber aufftei- genbe Genius wird durch ein völlig einseitiges, aber in biefer Einseitigkeit hochentwickeltes Talent angezogen, gefördert und zur Vollkommenheit ge­bildet. Ein Meister formaler Kunst wird zum Bild­ner des Genius, ber nachmals bie glänzende Form mit reiner, hoher Kunst zu füllen gewußt hat.

Zunächst gerät Walther ganz In Reinmars Bann. Aus feiner Frühzeit haben wir Lieder, die ebensogut von Reinmar sein könnten, ja bet eini­gen schwanken die alten Handschriften in ber An­gabe des Verfassers, und wir wissen buchstäblich nicht, ob sie Walther ober Reinmar gehören. Der junge Walther schmachtet und seufzt genau wie fein Meister. Er spielt mit Liebesschmerzen, die er ganz gewiß nie gefühlt hat. Er wächst dem Meister nach in die glänzende Beherrschung der Form, in bie Künste ber Zergliederung und des Aufbaus. Dann aber kommt, was kommen muß: der er­starkende Genius wächst über den Meister hinaus und wirft die Formen weg, die ihm zu eng ge­worden find. Diese Entwicklung ist, wie noch oft in solchen Fällen, nicht ohne Bitterkeit und Ver­stimmung vollzogen worden. Zwar Walther be­wahrt dem Genossen seines Jugendstrebens die alte Verehrung, er widmet nachmals bem Frühverstor- benen eine Totenklage, in der er das Lob von Reinmars Kunst noch weit über das feiner Per­sönlichkeit steigert. Aber Reinmar war gegen Wal­ther aereizt, der über ihn hinaus au neuen, höhe­ren Zielen flog, dessen Kunst so sichtlich über die eigene hinaus zu dichterischer Größe wuchs. Die Aokehr Walthers hat Reinmar noch erlebt, auch das ist aus dem Nachruf mit Sicherheit zu entneh­men. Die muntere Jugend am Wiener Hof war durch Reinmars langes Schmachten längst zur Spötterei gestimmt. Wir wissen, daß man ihm das Alter ber Geliebten nachrechnete, ber er nun jahr­zehntelang vergeblich diente. Zum Sprecher dieser lachlustigen Jugend, die ber Berühmtheit die Pa­rodie folgen ließ, hat sich Walther gemacht und sich AU dessen Gegenspieler aufgeworfen. Sein Wider- sprach ist voller Gesinnung und Temperament, ein ganzer Mann steht dahinter, ber von Reinmars Art grundverschieben ist unb doch jede Scharfe meidet. Um so gereizter bricht Reinmar los, seine zornige Abwehr kann ihm aber nur schaden, noch bei uns, denn wir erfahren aus ihr, daß ihm die Gegner Unwahrheit in feiner Minne vorgeworfen haben. Damit aber gelangen wir an den entschei­denden Punkt.