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Nr 255 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Montag, 29. Oktober (928

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Kriminalromane -er Wirklichkeit.

Auf der Jagd nach Verbrechern. Der Fall Heidger in Köln und seine Vorläufer in Paris und London. Im Wettlauf über die Dächer Berlins.

Morgenfeier im Kammerspielzyklus.

Mozart: Serenade in v-Tur ©ocflje: Die Mitschuldigen".

Die erste Veranstaltung im Rahmen des vom Stadtthealer gemeinsam mit dem Goethe-Bund veranstalteten Kammerspielzyklus war eine aus­gezeichnet besuchte und verlaufene Morgenfeier: auf dem Programm stand des jungen Goethe dreiaktiges Verslustspiel »Die Mitschuldigen" unt) Mozarts Serenade in v-Dur für Streich­orchester und Pauken, vorgetragen vom Colle­gium musicum der Universität, Unter Leitung von Dr. Stefan Temesvarh.

in dieser oder ähnlicher Zusammenstellung in den Abendspielplan übernehmen Ginnte.

Dr. Th.

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nichts, daß er vor der Wut der Zuschauer rettet wurde, da er eine Stunde daraus Krankenhaus starb.

Reben diesen großen Verbrecherkämpfen, an die ost geschilderten Zustände in Chikago

innern, verblassen die meisten Verfolgungen flüch­tiger Mörder und Einbrecher, selbst wenn sie seinerzeit die gesamte Oeffentlichkeit in Atem

Abschluß der Deutschen Helungtiang-Expedition

Die von dem deutschen Astenforscher Walther S t o tz n e r im vorigen Jahre begonnene Deutsche Helungkiang-Expedition. der sich in diesem Jahr zur Ergänzung der Forschungen nach der wirtschaftlichen Seite der Agrarpolitik Frithjof Melzer angeschlossen hatte, hat ihre Hauptarbeit beendet und ist in Charbin eingetroffen. Trog aroßer Schwierigkeiten durch das Hochwasser im Amurbogen, das die Expeditionsteilnehmer wieder­holt in Lebensgefahr brachte, find die Forscher mit der Ausbeute ihrer Arbeit voll befriedigt. Sie haben als erste Europäer den in jeder Richtung völlig uner­forschten inneren Teil des Amurbogens von Mergen einige hundert Kilometer nach Norden, nach Osten bis an den Amur und nach Westen den Hoangho aufwärts durchquert. Die Forschungen Stötzners gal­ten vor allem der bisher in der Weltliteratur noch unbekannten tungusischen Völkerschast der Solor.cn, von denen er eine umfangreiche völkerkundliche Sammlung, darunter auch eines der seltenen Scha­manengewänder, mitbringt, die in der Hauptsache für das Dresdner Museum für Tier- und Völkerkunde bestimmt ist. Daneben sind auf der ganzen Reisestrecke die ersten geographischen Aufnahmen für das Gebiet, geologische Feststellungen und zoologische und bota­nische Sammlungen mit Tausenden von präparierten Exemplaren gemacht worden. Stötzner hat auch die grammatikalisch komplizierte Solonensprache in den wichtigsten Bestandteilen festgelegt. Wissenschaftlich von großer Bedeutung ist die Erhärtung der Wahr­scheinlichkeit des Zusammenhanges der tungusischen, nicht der gelben Rasse angehörigen Völkerschaften mit der indianischen Kultur Amerikas und die Entdeckung des bisher unbekannten echten chinesischen Schama- nismus. Nach den wirtschaftlichen Forschungen Mel­zers ist die Nordmandschurei, besonders der Amur­bogen, mit seinem jungfräulichen Steppenhumusboden bei weiterem Fortgang der Massenumsiedlung aus Jnnerchina auf dem Wege der Entwicklung zu einem auch für den europäischen Markt in Betracht kom­menden Agrarausfuhrland geworden. Als ei ste Euro­päer haben die Forscher auch die bisher hermetisch abgeschlossenen Goldminen im Amurbogen eingehend besichtigt. Als Ergebnis des Unternehmens, das von den chinesischen Behörden in jeder Weise unterstützt wurde, ist die erste umfassende Landeskunde des inneren Amurbogens zu erwarten. Während Melzer von Eharbin bereits nach Deutschland abgereift ist, plant Stötzner für November und Dezember noch einen kurzen Vorstoß in das Quellgebiet des Hoangho, um im Frühjahr nach Deutschland zurückzukehren.

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nicht zertummert werden. Andererseits grenzten sich die Nachfolgestaaten in nationalistischer Ueberspan- nung wirtschaftlich ab. Die Donaukonföderations- plane des Herrn Benesch scheiterten zwangsläufig an den wirtschaftlichen Imponderabilien, jene schonen Pläne, die nach Zerschlagung des einheitlich öster­reichisch-ungarischen Wirtschaftsgebietes gleichsam dieses Gebiet wiederhersteUcn wollten: mit Oester­reich, aber ohne Deutschland. Deutschland ist außen­politisch ebensowenig auszuschalten wie innenpoli­tisch die sudetendeutsche Minderheit. Was sind die Tschechen in Wahrheit? Ein dem deutschen Sied­lungsboden angrenzendes kleines Volkstum, das dem ungleich stärkeren benachbarten Volkstum ver­haftet bleibt.

Ein Rückblick auf zehn Jahre zwingt zu dieser Er­kenntnis, ob nun Prag sich weiter als französische Position fühlt oder nicht. Inzwischen kam sogar Herr Benesch einmal nach Berlin und erst kürzlich hob er im Prager Parlament die guten Beziehungen seines Staates zum Deutschen Reich hervor. Es bestehen in der Tat keine entscheidenden Gegensätze zwischen hier und dort, sofern die Tschechen sich selbst zu er­kennen gewillt sind, und die sudetendeutsche Frage (immer die Existenz des tschecho-slowakischen Staates vorausgesetzt) eine Lösung findet, die dem sudeten­deutschen Gesamtwillen und den Volkstumsforde- rungen entspricht, die Herr Masaryk höchstselbst für fein eigenes Volk aufstellte, als es noch nicht befreit war.

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Die drei Sähe der Serenade Marcia, Me­nuette, Rondo. vorn Collegium musicum mit Hingebung, straff und klangschön gespielt, von Dr. Temesvarh mit feinsinniger Ausdeutung und liebevoller Behandlung aller ©inAd« heilen dirigiert, gaben den Auftakt. Lieber die Mo­zart-Musik' noch etwas sagen, dürfte sich er­übrigen, auch fühlen wir uns nicht berufen dazu. Diese Serenade ist, unserrn Gefühl nach, schlecht­hin schön: eine andere Wertbezeichnung, als diese, vielleicht blaß, alltäglich und verbraucht, steht uns nicht zu Gebote: schön in der genialen Ein­fachheit der Erfindung und des nrusllallschen Gedankens; schön, well man nicht darüber zu grübeln, sondern nur aufzunchmen braucht und sich tragen lassen kann von einer strömenden Melodie: schön endlich, well ste, ganz Schöpfung

Gillbrück.

Stockwerke der gegenüberliegenden Häuser: als man aber mit gewöhnlichem Inf anler'^f euer nichts ausrichtete, ließ man Artillerie kommen. Das Haus, in dem sich di« Russen verbarrikadiert hatten, ging um 1 Uhr mittags in Flammen auf, nachdem die Verbrecher noch vom Dach des brennenden Gebäudes den Kampf gegen die Uebevmacht fortgesetzt hatten. Der Kanonendvn- ner, die lohenden Flammen, der Kampflärm, die Schreie der Verwundeten vereinigten sich zu einem förmlichen Delagerungs- und Schlachten­bild. Churchill, der damals Minister des Innern war, eilte selbst auf den Kampfplatz, um dabei zu sein, wie 1000 Soldaten und Poli­zisten zwei oder drei Verbrecher verhafteten. Ilm die Belagerten zu täuschen, wandte die Polizei einen Trick an; fte stellte nämlich an die Fenster der umliegenden Häuser Puppen, die in Polizei­umformen gekleidet waren, und es gelang ihr. auf diese Weise viele Schüsse der Verbrecher ab­zulenken. plnaufhorlich klapperten die Maschinen­gewehre, die Feuerwehr kam herangebraust, und aus der Ferne hörte man das aufgeregte Ge­schrei einer Menge von mehr als 10 000 Köpfen, die sich auS allen Teilen Londons eingefunden hatte, um den Ausgang des Gefechtes abzuwar­ten Als die Feuerwehr den Brand soweit ge­löscht hatte, daß die Polizei endlich in das Haus eindringen konnte, wurden mir zwei Lei chen gefunden, die von vielen Geschossen durchbohrt und ziemlich verbrannt waren

Richt weniger aufregend war die Belage­rung einer Apachenvilla, bei der es am 14. Mai 1912 zu einem blutigen Zusammen­stoß zwischen der Pariser Polizei und den Verbrechern Garnier und Vallet kam. Die beiden Männer, die zu den berüchtigsten Automobil­banditen von Paris gehörten, hatten sich in einem einsamen Haus des Vorortes Rogent-sur- Marne verschanzt: das Gebäude war nur durch

durck Gewalt gelöst werden. Doch fragt sich, ob nicht der Weg eines innenpolitischen Ausgleichs (die Dauerexistenz dieses Staates vorausgesetzt) mehr ge­fördert worden wäre, wenn die sudetendeutsche Poli­tik In den letzten Jahren ein einheitliches Gesicht gezeigt hätte. Man soll die auch im Su­detenland sprichwörtliche deutsche Zerrissenheit nicht überschätzen, vielleicht war sie notwendig, um den Standpunkt dieser stärksten deutschen Minderheit zu klären, sowohl im Hinblick auf das Verhältnis zum Mutterlande, wie auf die sog. Notwendigkeit, mit den Tschechen auf Grund historischer Bedingungen zusammen zu leben. Aber es kommt für ein Grenz­volk weniger auf die theoretische Frage an, ob es an sich besser wäre, grundsätzliche Opposition zu be- treioen ober mit demStaatsoolk" zusammen zu arbeiten, als darauf, jenseits der tagespolitischen Haltung der einzelnen Parteien in den entscheiden­den Fragen der Dolksbehauptung zusammenzuhal­ten und zusammenzugehen. Ein geschlossene­res Sudetendeutschtum hätte den Tschechen deullicher die Bedingtheit ihrer eigenen Lage aufge- drängt.

Denn es ist doch wohl so, daß, trotz aller tschechi- schen Staatsmacht, letzten Endes die Tschechen an die Sudetendeutschen, nicht die Sudetendeutschen an die Tschechen gefettet sind. Hinter den Sudetendeut- schen steht das deutsche Mitteleuropa. Was steht hin­ter den Tschechen? Frankreich. Das scheint viel. Das geschloßene deutsche Wirtschaftsgebiet aber konnte

Von Karl

Richt zum erstemnal haben zum äußersten entschlossene Verbrecher der Polizei eine Schlacht geliefert, bei der Tote und Verwundete zu be­klagen sind, und die eine ganze Stadt tn Auf­regung versetzte. Aber eine tollkühne Jagd durch eine große Stadt wie Köln, die Eroberung eines Straßenbahnwagens und die Flucht mitten durch eine ungeheuere Menschenmenge ist bisher in der modernen Kriminalgeschichte, die sehr reich an romantischen und waghalsigen Episoden ist, doch noch nicht vorgekommen. Den Kamps der Brüder Heidger in Köln kann man am besten mit den Derbrecherschlachten im Londoner Tastend und in dem Pariser Vorort Rogent vergleichen.

Am 17. Dezember 1910 kam es im östlichen Teil Londons, in Houndsditch, zu einem er­bitterten Gefecht zwischen drei Männern, die einen Einbruch in e n Juweliergeschäft versuchten, und der Polizei, die sie dabei überrascht hatte. Drei Polizisten wurden getötet und ein Einbrecher durch ein Versehen seiner Genossen schwer ver­wundet. Die Verbrecher entkamen, und nun be­gann eine kriminalistische Verfolgung, die schließ­lich dazu führte, daß die Einbrecher am 3. Januar 1911 in ihrem Schlupfwinkel gestellt wurden. 3n der Rächt vom 2. zum 3. Januar hatte die Pollzei alle Häuser hx der Rähe des Gebäudes räumen lassen, das die Verbrecher bewohnten. Mehr als 700 Polizisten umstellten das Ver- bvechernest, und nachdem der Kampf begonnen hatte, wurde die Polizeimacht aus 1000 Mann verstärkt. Die Verbrecher Russen, die man damals gern als Anarchisten bezeichnete be­merkten bald, was ihnen bevorstand, und er­öffneten das Feuer. Da sie vorzüglich schossen, sah sich die Polizei nach Hilfe um und ließ eine Abteilung der Schottischen Garde vom Tower kommen. Die Soldaten nahmen an beiden Enden der Straße Aufstellung und besetzten die oberen

Der bezaubernde und manchmal überwältv- gende Eindruck dieser kurzen Morgenstunden war Wohl am tiefsten in der halb wehmütigen, halb sehnsüchtigen Empfindung der Rachgebore- nen begründet, hier mit allen Sinnen etwas in sich aufnehmen zu können, was wir seit langem unwiederbringlich verloren haben: die festgesügte, hmere Einheitlichkeit eines Jahrhun­derts, den in allen Erscheinungen, jeder ge­ringsten Lebensäußerung sich offenbarenden, un­wandelbaren und unveränderlichen Sttl einer großen und reichen Zeit. Vielleicht kann man nichts stärker lieben, als das was man nie befefsen hat, noch je besitzen wird. Wer irgend die grenzenlose Zerrissenheit, Gegensätzlichkeit und tausendsache Wirrnis unseres eigenen Weltbildes schmerzlich empfindet, dem wird die unendliche Harmonie, die von den beiden klei­nen, schlichten Stücken dieser Morgenfeier aus­ging und sie mlleinander verband, wie ein Wunder vorgekommen sein, bas man sich wün­schen darf, und dem man nachtrauern muß.

zählt zu den frühesten dich'.ettschen Aeußerungen Goethes,älnschuldige aber schmerzliche Iugend- empfindungen drängen sich auf, werden betrachtet und ausgesprochen, indessen der 3üngling_ man­cherlei Verbrechen innerhalb des übertünchten Zustandes der bürgerlichen Gesellschaft ge­wahret" .... so heißt eS später davon. Vielleicht wüßte man heute gar nichts mehr von diesem Stück, toenn es nicht eben dem jungen Goethe aus der Feder geflossen wäre.

Das Ganze wirkt wie ein angefügter vierter Satz der Serenade mit anderen Mitteln... Scherzo..., leicht, heiter, beweglich, graziös. Ko­mödie der Irrungen zu Vieren, mit Ver­wechslung, Vertauschung, Vertuschung, Belau­schung und dem lustspielhafien Motiv der Ver­kettung: jede nämlich von vier handelnden Per­sonen des Stückes hat etwas auf dem Kerb­holz, und da es bei keinem verborgen bleibt und' von jedem schließllch an den Tag kommt, können sie alle vier am Ende unter fröhlichem Gelächter ein Glas Wein miteinander trinken, als ob nichts gewesen wäre, während ja im Grunde nun alles wieder wie zuvor ist. Lind eben auch m diesem leichten Hinübergleiten über die Dinge, in dem spielerischen und lächeln­den Antasten menschlicher Leidenschaften, Schwä­chen und Verbrechen scheint uns der Geist des Rokokos ahrhunderts sich zu beweisen.

Denn bei Licht besehen und mit groben Wor­ten gesagt: von den drei Männern ist der eine ein Schürzenjäger, der zweite ein Spieler, Dieb und ganz leichtsinniger Hund, der dritte ein neu­gieriger Schnüffler, die Frau jedoch eine flatter­

hafte Person und heuchlerische Ehebrecherin. Aber das Spiel geht über alles so ohne Ernst, Schärfe und Bosheit, unrichterlich und sonder Gewi sens- bisse hinweg, eben nur ein Spiel, das sich genug tut an drolligen Situationen, Verwick­lungen und Verwechs. ungen, und dessen ganze Moral" darin besteht, daß zuletzt jeder ent­larvt ist und keiner dem anderen etwas vor- zuwerfen hat.

3n der vom Intendanten Dr. P r a s ch gelei­teten Aufführung offenbarte sich wiederum über­zeugend der neue, zuversichtlich und fröhlich schöpferische Geist, der jetzt im Hause regiert, auch ein neuer, zeitgemäßer lebendiger Sttl der Klassikerinszenierung.

Von besonderem Reiz die regiemäßig überaus glückliche Raumaufteilung: zweistöckige Bühne, Oberstock und ünterftod durch eine sichtbare Treppe verbunden und mit einfachen Beleuch­tungsmitteln sowohl einzeln wie gleichzeitig als Spielraum eingeschaltet: hierdurch kommt eine ungemein eindrucksvolle, fließende Beweglichkeit und dramatische Geschlossenheit in die Szenen­führung. und die Lustspielmöglichkeiten werden bei solcher Raumanordnung, die keine Verwand­lungen beansprucht, wundervoll ausgenutzt; die nächtliche Szene im Oberstock bei wechselndem Licht, mit dem Schattenspiel der hin- und her­huschenden Figuren war ein Kabinettstück von heiterster Wirkung.

Die Besetzung: ein darstellerisch ausgeglichenes Quartett: der Wirt, seine Tochter Sophie, Söller, ihr Mann, Alcest, ihr Liebhaber... Goll, Scherer. Arzdorf und T a n n e r t.

Am besten gcf.el und Arzdorf in feiner herrlich unbcschux.rlen, unbekümmerten Spiybubenlaune: ein Leichtfuß und Lüderjahn, wie er im Buche steht, dem man doch trohalledem nicht böse fein kann.

Tannert: stattlicher Kavalier aus gutem Hause, äußerlich ein wenig an den jungen Goethe erinnernd, feuriger Liebhaber und vcr.ührerischer Galan, alsbald trotzig und aufgebracht schmollend, toenn ihm die kleine Frau nicht gleich zu Willen ist.

Die Heine Frau, die es nicht so genau nimmt, Jngeborg Scherer, sah sehr niedlich aus, war lüstern, schnippisch und verichmitzt zug:eich und wußte sich klüglich aus dem Abenteuer zu retten.

Goll war der Wirt, behäbig, feist, räsonnie- rend, neugierig, liebedienerisch, polternd oder schmunzelnd, wie es sich eben traf; Herbergs­vater in Schlafrock und Pantoffeln: ein ver­gnüglicher und geruhsamer Anblick.

Allen Leuten hat diese Morgenfeier sichtlich gut gefallen, es gab reichen Beifall, Intendant, Dirigent und Darsteller mußten sich öfters zeigen. ES wäre zu begrüßen, wenn man die Ausführung

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Zehn Zahre Tscheche-Slowakei.

Zum 28. Oktober 1928.

Don Dr. Werner Wirths.

Im zehnten Punkt seiner vierzehn Punkte stellte Wilson aus, daßden Völkern Oesterreich-Ungarns, deren Plag unter den Rationen wir geschützt und gesichert zu sehen wünschen, die freieste Ge- legenheit zu autonomer Entwicklung zugestanden werden müsse". Der erste Präsident der tschechoslowakischen Republik, Masaryk, schrieb 1918, als er noch bescheiden bei den Staatssekretären der Entente antichambrierte, ein Buch über das Neue Europa", das treffliche Sätze über Gerechtig­keit Im allgemeinen und über dasRecht der Na­tionalität" im besonderen enthielt, dieals Prinzip das gesamte gesellschaftliche Leben durchdringe".

Dasneue" (Europa kam. Der 28. Oktober 1918, der sich gestern zum zehnten Male jährte, legte in Böhmen Dtacht und Verwaltung der auseinander­brechenden Habsburger Monarchie in die Hände der tschechischenJnlandrevolutionäre", welche unter Führung des Dr. Kramarsch in Prag denNa- tionalausschuß" gebildet hatten und entgegen den Befehlen des Dr. Benesch aus Paris ihrenUm­sturz" durchführten. Nichts ist im übrigen lehrreicher als die zahlreiche Literatur, welche die tschechische Re­volution behandelt, anaefangen bei den Werken Ma- faryks und Beneschs. Zeigt sich doch auch hier, was fanatischer Wille durchzusetzen weiß. Noch im Herbst 1918 waren die Staaten der Entente keines­wegs einheitlich der Meinung, daß die Auflösung der »isch-ungarischen Monarchie zu den wesent- riegszielen aehör«.

Das Volk der Tschechen wurde also autonom, Herr Masaryk Staatspräsident, sein Mitrevoluttonär Be­nesch Außenminister. Dock n i ch t a 11 e Staats­bürger der heutigen Tschechoslowakei sind der glei­chen Meinung wie die Gründer dieses Staates, die sich durch gewaltsame Einbeziehung fremden Volks­bodens allzu freieGelegenheit zu autonomer Ent­wicklung" nahmen. 3,5 Millionen Sudeten- deutsche zum Beispiel meinen, daß jener 28. Ok­tober ihnen das Selbstbestimmungsrecht nicht brachte. Bleiben, abgesehen von den Slowaken und der ungarischen Minderheit, nicht ganz 7 Millionen Tschechen alsStaatsvolk". Zahl und Verhältnis der Nationalitäten erweisen schon die volkliche Problematik, die innere Schwäche dieses Staates.

Welche Entwicklung nahm er? Welche Probleme beherrschen chn? Die Herren Masaryk und Benesch sind ja nicht nur die Erfinder eines Selbftbeftim» mungsrechtes in eigener Sache; beide nennen sich gerngute Europäer", und der tschechische Außen­minister gehört zu den beweglichsten Köpfen von Genf, zu den sog. Vorkämpfern jenesneuen Europas", als dessen Prophet sich Masaryk gebärdet hatte und in das der heutige tschechische Staat kaum bineinpassen dürfte. Das hat seine tieferen Gründe. Die tschechische Außenpolitik wurde 1919 fest einge­baut in den französischen Vasallen­ring, der das deutsche Mitteleuropa ab riegeln sollte. Prag das hieß: französische Position. In- nenpolitisch aber lud die Tschechoslowakei, als ein ausgesprochener Nationalitäten st aat, das verhängnisvolle Erbe der österreichisch-ungarischen Monarchie auf sich. Sie gab sich zunächst als Ein- heitsstaat, sie unterdrückte und unterdrückt die Min­derheiten, hielt ihnen, entgegen allen schönen Reden und Schriften ihres Präsidenten, die Selbstverwal­tung hattnäckig vor.

Aber ein Staatsvolk von 7 Millionen Menschen kommt nun einmal an einer Minderheit von 3,5 Millionen nicht vorbei. Diese Sudetendeutschen sind nicht auszu merzen ttotz aller Assimi­lationsversuche, kultureller Entrechtung, Boden­reform und wirtschaftlicher Expropriation. Die deutsch-böhmische Ausgleichsfrage", um mit einem Worte Mafaryks zu sprechen, konnte und kann nicht

einen schmalen 2auf gang zu erreichen, glänzend zu verteidigen, eine Menschenfalle für <üle An­greifer. Am Rachmitlag des 14. Mai bemerkten die Verbrecher, die im Vorgarten ihres Hauses Turnübungen abhrelten, drei Männer, unter denen ihnen Herr Guichard ausfiel, der Chef der Pariser Sicherheitspolizei. Sie be­griffen sofort, datz ihr Versteck entdeckt sei. und zogen sich eiligst tn das kleine Haus zurück. Herr Guichard eilte ihnen nach, llopfte an dis Tür und ries:3m Ramen des Gesetzes I Oeffnet l" Statt jeder Antwort krachten ein paar Revolverschüsse, die Atoci Kriminal­kommissare am Arm und an der Brust verletzten, während Guichard einen Streifschuß durch das Gesicht erhielt. Die Polizisten flüchteten. Gleich darauf stürzte die Geliebte Garniers aus dem Haus, eilte den Kriminalisten nach und rief:Ich ergebe mich freiwillig!" Sie warnte die Polizei vor den schwerbewaffneten Verbrechern, die lieber sterben als sich ergeoen wollten, und erFIärte, sie sei geflohen, weil sve nicht in dem Gebäude um­kommen wollte. Der Chef der Kriminalpolizei sah, datz mit einer gewöhnlichen Polizeiaktion das Derbrechernest nicht ausgehoben werden konnte. Er alarmierte also ein in der Rachbarschaft, im Fort von Vincennes, stationiertes Zuavenregi- ment, und in wenigen Minuten rückte ein Ba­taillon der Afrikaner im Laufschritt heran. Die Soldaten gingen in Deckung, die Verbrecher schos­sen aus den Dachluken und bald darauf aus den Kellern, Polizisten schleuderten von umliegenden Gebäuden Steine, unt das Dach abzudecken, und als das Gefecht sich ausdehnte, erschien auch der Polizeipräfekt von Paris auf dem Schauplatz, um dieSchlacht" zu leiten. Zunächst versuchte man es mit einem Handgranatenangriff, der großen Lärm und keinen Schaden verursachte. Darauf wurde ein Beamter des städtischen chemi­schen Laboratoriums zugezogen, der zwtt Bomben anfertigte, um das Gebäude in die Lust zu spren­gen. Mmi hörte eine mächtige Detonation, als die Bomben um 11 ülhr abends explodi.rten, aber das Haus blieb st ehe n. Als sich die Sol­daten unter dem Schuh der sich entwickelnden Rauchwolke dem Haus näherten, hörten sie die wütende Stimme eines der beiden Belagerten, der ihnen zurief:3hr elenden Mörder, ihr niederträchtigen Polizeihunde!" Gleich darauf krachten wieder die Revolver, und die Soldaten zogen sich zurück. Run lieh der Polizeipräsekt Scheinwerfer kommen, um das Gebäude taghell zu erleuchten, außerdem wurde eine Unmenge Fackeln angezündet. Um 2,30 Uhr begann man. Geschosse mit Sprengstoff zu schleudern. Dis Mauern des Gebäudes erhielten manchen Riß. blieben aber stehen. Rach dieser artilleristischen Vorbereitung glaubte die Polizei, das Derbrecher­nest sei sturmreif, und ging zum offenen Angriff über. Durch einen Hagel von Revolverschüssen, dem zwei Polizisten zum Opfer fielen, stürmte man tn das Gebäude. Plötzlich entzündeten sich die Vorhänge eines Zimmers, und beim Schein der Flammen erblickte man den Verbrecher Gar­nier, in eine Matratze gewickelt und mit v-r- gestreckter Hand seinen Revolver abseuernd. Die Gewehrkugeln der Zuaden durchdrangen die Ma­tratze und bald fand man Garnier die Brust von Kugeln durchbohrt, tot in seinem Versteck auf. Ballet der sich noch weiter verteidigte, erhielt einen Schuh in den Hals und ftürxte schwer ver­letzt nieder. AIS man ihn aus dem Hause schleppte, wollte die Wenge ihn lynchen. Es nützte ihm

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was nachher in anderer Gestalt, im Wort, tm Bild, tm Kostüm sich wiederholte: Geist der Goethezett. Stimmung des Rokoko. Rachhall des achtzehnten Jahrhunderts. Wir können uns kein Schauspiel unserer Gegenwart und kein zettge- nössisches Musikstück denken, die miteinanber eine so unverwechselbare Harmonie ergäben, wie diese beiden; hier ist alles aufeinander abgestimmt, alles fügt sich ineinander, paht zueinander, klingt miteinander: Geigenstrich und Paukenschlag, Reif­rock und ©toßbegen, Stuhl und Wandbehang, Versklang und Menuett, Tonfall in Rede und Musik. Rhythmus in Schritt und Tanzmelodie. Gleichllang tn Rotenblatt und Lustspieltext... ein Geist, eine Stimmung, ein Grundgefühl.

(Das haben wir alles lange verloren. Mit dem der letzte Stil, der letzte

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