Ausgabe 
28.2.1928
 
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nach den Wünschen des Landbundes auSfLW, dann fielen die armen Sozialrentner nicht die 3,30 Ml. im Monat mehr bekommen, die sie sonst kriegen würden? Ein Wunder ist geschehen! Während noch vor kurzem die dringendsten so­zialen Forderungen mit dem Hinweis aus die schlechte Finanzlage abgelehnt wurden, ist auf einmal Geld in Hülle und Fülle da. Solche Finanzpolitik kann kein Vertrauen wecken. Manche Teile des Vorprogramms sind für uns unannehmbar, vor allem die geplant« Herab­setzung des zollfreien Gefrierfleischkoniingents. Ganz ungenügend sind die Regierungserklärun­gen über die Fürsorge für Klein- und Sozial­rentner. Leider hat die Regierung die sozial­demokratischen Vo.schläl e zur Behebung der Rot der Landwirtschaft nicht beachtet. Wir erstreben eine engere Verbindung zwischen Stadt und Land. Wehe denen, die das 2anb gegen die Stadt hetzen.

Abg. Graf Westarp (On.) betont, daß es in der Geschichte der bisherigen 17 Reichsregierungen noch nie dagcwesen sei, dah eine aufgelöste Koalition zur Erledigung eines bestimmten Rrbcitsprogrammes zusammenbleibt. Die deutschnationale Fraktion stehe rückhaltlos auf dem Boden dieses Entschlusses. Der Redner stimmt der Auffassung zu, dah das Programm ein unteilbares G a n ze s ist, aus dem lein Stein herausgenommen werden könne, ohne es zum Einsturz zu bringen. Der Etat müsse im Interesse der Ordnung der Finanzen verab­schiedet werden. Auf die Forderung des kleinen Besscrungsscheines für die L i q u i d a t i o n s - geschädigten könne seine Partei nur ver­zichten, wenn es gelinge, zum mindesten durch eine Entschließung zu verhindern, daß bei den kommenden Reparationsverhandlungen die Hypo­thek, die dem Deutschen Reiche durch den Ber- salller Vertrag auf erlegt worden ist, als voll­kommen gelöscht erscheint. An der Forderung eines Kleinrentnergesehes halte die Partei nach wie vor fest. Sie stelle diese For­derung aber zurück, um das Rotprogramm nicht zu gefährden, und erkenne den großen praktischen Wert dessen an, was das Roiprogramm biete. Entscheidenden Wert leg« di« Fraktion den agrarpolitischen Vorschlägen des Arbeitsprogrammes bei. Es wäre unverantwort­lich, auf die Vollendung dieses Werkes zu ver­zichten Bezüglich der Entlastung der Landwirt­schaft von öffentlichen Ausgaben enthalte das Arbeitsprogramm nur wenige dringendste Hilfs­maßnahmen. Rotwendig sei vor allem die. 2£b» stellung der Mißstände, die sich auf dem Lande ans der Arbeitslosenversicherung ergeben haben. Eine durchgreifende Reform des Steuer- Wesens sei unerläßlich. Der Redner fordert Rationalisierung und organische Zusammenfas­sung des Absatzmarktes der Landwirtschaft. Der Schuh der Landwirtschaft vor vernichtender Kon­kurrenz des Auslandes müsse nach wie vor im Vordergründe aller Maßnahmen stehen. Der jetzige Reichstag und die jetzige Regierung dürf­ten auf handelspolitischem Gebiete neue Bin­dungen mit neuen Opfern der Land- Wirtschaft nicht eingehen. Das gelte besonders wegen Der Verhandlungen mit Polen. Die deutschnationale Partei diene mit ihrer Agrar­politik dem ganzen Volke, denn Bauernnot sei Volkes Rot und bedeute nationalen Dammbruch im Osten. Darum sei die Agrarpolitik nationale Politik.

Abg. v. Gu^rard (3.)

Der Vizekanzler hat in seiner Erklärung betont, die Regierung betrachte sich als eine ordnungs- gemäße und nicht als ein geschäftsführendes Ka­inett. Demgegenüber muß ich nach den letzten Vor­gängen doch eines feststellen. Dadurch, daß eine der früheren Regierungsparteien die Koalition ge­löst hat, diese Koalition, die die Regierung gebildet hot und auf die die Regierung sich stützte, dadurch ist unseres Erachtens auch die Stellung die­ser Reichsregierung parlamentarisch und politisch eine andere geworden. Es ist richtig, daß di« Reichsregierung dem Wortlaut nach keine geschäftsführende ist, wohl aber der Sache nach insoweit, als sieben Parteien sich dahin geeinigt haben, daß nur noch eine Reihe begrenz­ter Geschäfte zu erledigen ist. Es ist nicht richtig, daß die Erledigung dieses Programms er­folgen soll. gestützt auf die bisherigen Regierungsparteien. Das entspricht nicht den Vorgängen der letzten Zeit. Nach den beiden Reden, die wir jetzt gehört haben, ist bei meinen Freunden die Hoffnung auf Erledigung des Ar­beitsprogramms und des Etats nicht gerade ge­wachsen (Hört, hört!). Die Reichsregierung will noch einen Personaletat als Ergänzungsvorlage einbrin­gen. Ich kenne den Inhalt nicht, muß aber jetzt schon betonen, daß meine Fraktion jeder Beam - tenoermehrung und jeder Höherstu- f u n g von Beamten ablehnend gegenübersteht. Hilfe für die Landwirtschaft ist dringend notwendig. Wir werden das Hilfsprogramm im Ausschuß be­raten, müssen aber verlangen, daß die Hilfe gleichmäßig über alle Landesteile verteilt wird und daß auch die notleidenden Bauern im Westen und Süden gebührend berücksichtigt werden.

Abg. 0r. Scholz (O.A.P.) bezeichnet es als einen erfreulichen Beweis des Verantwortungsbewußtseins und Arbeitswillens des Reichstages, daß sich jetzt trotz des Aus- einandersallens der Koalition die großen Par­teien zur Erledigung der dringendsten gesetz­geberischen Aufgaben zusammengefunden haben. Mit dem sozialdemokratischen Redner, so er­klärt Abg. Dr. Scholz, muß auch ich mein Er­staunen darüber aussprechen, daß der Finanz­minister jetzt plötzlich wieder über so große Mittel verfügt, während er noch bor kurzem nicht einmal eine Million übrig hatte für die dringendsten Aufgaben. Die Deut» sche Volkspartei wird sachlich Mitarbeiten an Der Erledigung des Arbeitsprogrammes, aber sie muß die volle Verantwortung für die finanziellen Wirkungen dem Reichsfinanzminister überlassen. Das Kriegsschädenschlußgeseh erfülle nicht alle Wünsche, stelle aber für die Zukunft weitere Mittel in Aussicht. An dem Rechts- anspruch für die Kleinrentner halte die Partei fest. An einer blühenden Landwirtschaft habe die gesamte Wirtschaft und auch die Kon­sumentenschaft ein Ilnteresse. Zur end­gültigen Beseitigung dieser Rotlage würden noch ganz andere Mittel aufgewendet werden müssen Der Redner betont, daß durch die Reuanforde­rungen keine neue Steuerbelastungen eintreten dürften.

Abg. Dietrich-Baßen (D.) lehnt es ab, da ßetwa aulch Die Opposition^- Parteien jetzt hinter der Regierung ständen. Die

Die Hagenauer Gemeindewahlen.

Sieg der Liste des abgesehien Bürgermeisters Weiß.

Paris, 27. Febr. (WD.) Die Havasagentur veröffentlicht das Ergebnis der Gemeindewahlen m Hagenau. Danach sind im ganzen 3211 Stim­men abgegeben worden. Die alsolute Mehrheit betrug 1606 Stimmen. Es standen sich § wei Listen gegenüber: die Liste des abgelebten Bürgermeisters Weiß und die Liste der »Ra­tionalen Eintracht und Vertei­digung der Interessen der Stadt". Im ganzen wurden gewählt: 17 Kandidaten der Liste Weiß, auf die 1825 bis 1684 Stimmen entfielen, d. h. der Meistbegünstigte Kandidat erhielt 1825 Stimmen (es handelt sich hierbei um Bürgermeister Weiß selber) und der am wenigst Begünstigte 1684 Stimmern Auf die Gegenseite entfielen 1475 bis 1304 Stimmen. Es stehen noch 10 Stichwahlen aus, die wahrscheinlich erst am nächsten Sonntag ent­schieden werden dürften. Es handelt sich be­kanntlich um die Ersatzwahl für den von Poin- care ausgelösten Munizipalrat, der von der Tradition die Fahne der Stadt Hagenau bei festlichen Anlässen aufzuziehen, nicht lassen wollte.

In der Pariser Presse wird das Wahlergebnis in Hagenau lebhaft erörtert. So schreibtE r e R o u v e l l e": Bürgermeister Weiß, derselbe Mann, der noch vor wenigen Monaten die fran­zösischen Farben verabscheute und der autonomisti- schen Politik seiner Mitarbeiter folgte, hat ein Loyalitäts-Telegramm an Poin- c a r e gerichtet! Ist es aufrichtig? Der Llmschwung im Lager der elsässischen Klerikalen seit dem Kolmarer Prozeß kommt so häufig vor, daß uns nichts mehr in Erstaunen verseht: wenn dieser Umschwung aufrichtig ist, dann hat der Autono» mismus am letzten Sonntag in Hagenau eine Riederlage erlitten. Der »Figaro" schreibt: Der Erfolg der Liste der nationalen Eintracht, bestehend aus Katholiken, Radikalen und Sozia­listen, wäre um so mehr zu wünschen gewesen, als die Kommunisten, die Komplizen der Autonomisten, den ausscheidcnden Bürgermeister und seine Anhänger unterstützten. Man kann sich also zu dem Ergebnis nicht beglück­

bisherigen Regierungsparteien hätten nach wie vor die Verantwortung zu tragen, nicht der Par­lamentarismus, sondern die gegenwärtige Re- gierungsloalition habe Bankrott gemacht. Für das Rotprogramm sei die Opposition ohne jede Verantwortung. Es sei eine Pflichtarbeit auf allen Gebieten. Rur ein Kleinrentner» geseh könne die Rechtsansprüche dieser Schicht erfüllen. Die Regelung für die Liquida­tionsgeschädigten könne man nicht als endgültig ansehen. Die endgültige Regelung müsse gesetzlich vorgesehen werden, wobei der Zeit­punkt Vorbehalten bleiben kann. Das Rotpro- gramm für die Landwirtschaft sei unllar, unvolllommen und in seiner Tragweite nicht ab­zusehen. Wenn man darangehe, den Weg vom Produzenten zum Konsumenten zu verbilligen, so müsse man auch. an die beteiligten Hand­werker und Händler denken. Das Rotprogramm erfordere insgesamt sofort 235 Millionen. Es sei sehr merkwürdig, daß dieses Geld plötzlich vorhanden sei, nachdem die Vertreter der Regierungsparteien kürzlich im Ausschuß die etwas rosenrote Schilderung des Finanzministers abfällig kritisiert und schwarz in schwarz gemalt hätten. Die Regierung müsse klipp und klar er­klären, wie sie diese Ausgaben decken wolle. Der Vorbehalten« Teil der Zölle sei dazu bestimmt gewesen, im Wege der Handels­verträge die Industriezölle zu senken. Der Redner fragt, ob man etwa diesen Weg jetzt verlassen wolle. Er betont die Bereitwillig­keit seiner Fraktion, an der Verabschiedung von Etat und Rotprogramm mitzuarbeiten. Wenn die Regierungsparteien aber g.aubten, die unter sich ausgehandelten Gaben von der Opposition fant- tionieren lassen zu können und diese zu zwingen alles zu schlucken, so sei dieses Manöver zu durchsichtig, als dah es der deutsche Wähler nicht verstehen werde.

Abg. Schneller (Korn.) fordert die Annahme des von den Kommunisten gegen die Regierung eingebrachten Mißlrauensantrages und die sofortige Auflösung des Reichs­tages. Das Rctprogramm in Verbindung mit dem Rachtragselcu verlange die Subventionie­rung der Agrarkapitalisten auf Kosten der brei­ten Massen des werktätigen Voltes. Den wirk­lich notleidenden Kleinbauern werde damit nicht geholfen. Den Kleinrentnern und Sozialrentnern würden nur Bettelpfennige hingeworfen.

2lbg. Drewitz (W. Vg ) erklärt, seine Freunde seien bereit, die Erledigung des Etats und des Rachtragsetats wirksam zu fördern. Sie würden auch an der Verabschiedung des Arbeitspro­grammes wirksam mitarbeiten, soweit damit wirklich vorhandene Rotstände behoben werden sollen.

Abg. Dr. B e ft (Dolksrechtpartei) bezeichnet die Hilfsmaßnahmen für die Kleinrentner und das Ge­setz für die Liquidationsgeschädigten als ganz unzu- re.chend.

Abg D ö b r i ch (Chriftl.-Nat. Bauernpartei) hält die angekündigten, Hilfsmaßnahmen zugunsten der Landwirtschaft für unzureichend.

Bei den Abstimmungen zum Haushalt des Reichs- min.steriums und der Reichskanzlei wird ein kom- munist.scher Antrag auf Aufhebung der Reichsver­tretung in München argen die Linke und die Völ­kischen Gruppen abgelehnt. Der Haushalt wird be- will.gt. Das kommunistifcheMißtrauens- ootum gegen die Regierung wird gegen die So­zialdemokraten, Kommunisten, Nationalsozialisten und einen Teil der Demokraten abgelehnt.

Weiterer leichter Rückgang Ser Arbeitslosigkeit.

Berlin. 27. Febr. (WB.) In der Arbeits­losenversicherung ist die Gesamtzahl der Haupt- unterstühungsempsänger in der Zeit vom 31. Januar bis 15. Februar wiederum leicht zurückge- gangen (von rund 1 333 000 auf 1 291 000). Die Abnahme betrug somit rund 42 000 oder 3,2 v. H. Der Rückgang entfällt fast ausschließlich auf die männlichen Arbeitslosen. In der Kri­se n s ü r s o rg e hat sich die Gesamtzahl der ^wuptunterstützungsempfänger fast auf dem glei­chen Stande gehalten. (Rund 215 530 am 15. Februar gegenüber 214 800 am 31. Januar). Die geringe Zunahme von rund 700 Personen

wünschen. Rach demMatin" soll man übri­gens gestern im Kabinett des Ministerpräsiden­ten erklärt haben, daß nach Eingang des Loyali­tätstelegramms des Bürgermeisters Weiß, des­selben, der wegen der Fahnenangelegenheit ge­maßregelt wurde, man die früheren Ereignisse als Handlungen lokaler Ratur be­trachte und den Zwischenfall mit den Fahnen nunmehr als beendet anfehe.

2m übrigen schreibt das Straßburger rechts­radikaleJournal de l'E st" , man könne angesichts der öffentlichen Meinung in Frank­reich und im Auslande es nur bedauern, daß die nationale Vertretung nicht mehr Erfolg gehabt habe. Jedenfalls würden bereits heute tendenziöse und übelwollende Schlußfolgerungen gegenüber Frankreich von der deutschfreundlichen Presse verschiedener europäischer und anderer Länder daraus gezogen. Diese Erwägung ge­nüge, um auf die Bedeutung des Fehlers hin­zuweisen, der von gewissen ehrlich gesinnten Wählergruppen begangen worden sei, die sich nicht klar machten, daß zwischen den beiden Listen mit nationaler Etikette für eine weit­gehende Meinungsverschiedenheit Platz war. Die sozialistischeFreie Presse", die von einem Sieg der klerikalen autonomistischen Front spricht, erfiärt, die autonomistischen Klerikalen verdankten ihre Wahl einzig und allein der kommunistischen Unterstützung. Ohne diese würde nicht ein einziger im ersten Wahl­gang gewählt worden sein. Die Kommunisten haben ihnen den Weg geebnet, wenn aber die Kommunisten für die Liste der nationalen Einheit gestimmt hätten, wäre kein Klerikaler gewählt worden. Der sozialistische Abgeordnete von Straßburg, Weill, erklärte einem Vertreter desParis Soir":Ich würde es borge« zogen haben, wenn die andere Liste ge­wählt worden wäre, aber die gestern gewählte Liste erklärt, daß sie nicht weniger natio­nalistisch gesinnt sei als die andere, und die Gewählten haben ihre patriotische Anhänglich­keit in einem Telegramm an Poincare zum Aus­druck gebracht."

kann als unerheblich angesehen werden. Während die Zahl der männlichen Hauptunterstühungs- empfänger um etwa 1800 oder 1 vom Hundert zugenommen hat, ist die der weiblichen um 1100 oder um 3,2 vom Hundert gesunken. Die Zahl der Rotstandsarbeiter hat in den letzten 14 Tagen u m 23,0 v. H. zu­genommen und beträgt jetzt insgesamt 58 200. Davon entfallen auf Personen, die in der Ar­beitslosenversicherung unterstützt worden sind, rund 43 600, auf Personen, die in der Krisen­fürsorge unterstützt worden sind, rund 14 600.

In-ustris und Landwirtschaft.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers*.

Berlin, 28. Febr. In der Presse wird die Rachricht verbreitet, daß der Reichsverband der Deutsch-en Industrie zur Zeit über Hilfsmaßnahmen für d i e deutsche Landwirtschaft berate. D:e,e Meldung, die an Aeußerungen des Reichsverbandes in der letzten Zeit anknüpft entspricht nur insoweit den Tatsachen, als der Reichsverband anerkannt hat, daß der Landwirtschaft geholfen werden müsse, und daß er selbst auch dafür Mittel b e r e i t ft e 11 e n würde. Irgendwelche po.lliven Beschlüsse sind aber noch nach keiner Richtung hin gefaßt worden. Bei der Hilfe, die die In­dustrie der Landwirtschaft evtl, gewähren würde, könnte es sich nur um Kredit st undungen und längere Kreditierung bei Ankauf von Landwirtschaftsmaschinen han­deln. Damit dürfte aber der Landwirtschaft eine große Erleichterung gewährt werden. Wann endgültige Beschlüs.e in dieser Richtung seitens des Reichsverbandes gefaßt werdest, steht noch nicht fest. Es ist zunächst eine Kommis­sion beauftragt worden, die Einzelheiten di.scr Hilfsmaßnahmen vorzubereiten. Dabei wird die Industrie in enger Fühlungnahme mit dem Landwirtschaftsrat vorgehen. Eine Kundgebung des Mittelstandes.

Münster, 27. Febr. (WB.) Eine große Kundgebung des Mittelstandes versammelte über 10 000 Teilnehmer aus allen Teilen des Münsterlandes und des westfälischen Industrie­gebietes, die gegen die wirtschaftliche Rot des deutschen Mittelstandes, des Handwerks und Kleinkaufmanns protestierten. Die vor? der Hand­werks» und Handelskammer Münster einberufene Kundgebung wurde von dem Präsidenten der Kammer geleitet der darauf hinwies, daß der Mittelstand mehr als alle übrigen Volksgenossen an der Rot des verlorenen Krieges zu tragen habe. In der Steuergesetzgebung sei der Mittelstand bisher nicht gerecht behandelt wor­den. Die Geduld des Mittelstandes sei zu Ende, seine Kraft versiege, wenn nicht schleunigst Sondermaßnahmen getroffen werden. Die heu­tige Kundgebung solle vorbeugen, ehe es zur unerfreulichen radikalen Selbsthilfe komme, ilntcr den Teilnehmern der Kundgebung befan­den sich eine Reihe von Vertretern von Be­hörden. so u. a. auch Oberpräsident Gronow» f k i - Münster, sowie zahlreiche Parlamentarier des Zentrums, der Deutschen Volkspartei und der Deutschnationalen Volirpartei. Rach einem Referat des Syndikus Dr. Iakobshagen-Münster wurde in der Aussprache von verschiedenen Red­nern in oft sehr drastischer Weise die Rot der Einzelbetriebe geschildert. In einer einstimmig angenommenen Entschließung wurden die Forde­rungen des westfälischen Mittelstandes nieder­gelegt.

Werkzeugmacherstreik in Berlin

Berlin, 27. Febr. (WTB.) Der von den Ber- lmer Werkzeugmachern nach dem Scheitern der Lohnverhandlungen beschlossene Streik hat heute früh bei einer Reche Berliner Metallfirmen b c - gönnen. Insgesamt streiken zur Zeit 1000 Werk­zeugmacher. Die Bedeutung der Bewegung liegt in der Tatsache, daß bei einem Andauern des Streikes die betroffenen Fabriken ihre Arbeit ein st eklen und ungefähr 70 000 '21 r - beiter entlassen müssen, weil die Arbeiten nicht weiter fongeführt werden können. Wie der Vorwärts" erfährt, hat der Verband Ber­liner Metallindustrieller für heute seinen

engeren Ausschuß zu einer Sitzung einberufen, um zur neuen Sachlaae Stellung zu nehmen, die durch den Streik der Werkzeugmacher geschaffen ist. Qn Unternehmerkreisen wird die Sachlage sehr ernst eingeschätzt.

Wechsel im Reichsarbeiisministen'um?

Reichsminister Dr. Vrauns angeblich amtsmüde.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers*.

Berlin, 28. Febr. Aus gut unterrichteten, dem Zentrum nahestehenden parlamentarischen Kreisen Horen wir, daß der jetzige Reichs- arbeitsminister Dr. Brauns, amtsmüde ist und keinesfalls mehr in einer neuen Regierung wie­der als Reichsarbeitsminister oder überhaupt als Minister beteiligt sein, sondern sich nach dem Ende der jetzigen Koalition zur Ruhe sehen will. Diese Rachricht ist um so bedauerlicher, als wir vor schweren Lohnkämpfen stehen, an deren Gang auch das Reichsarbeitsministe. rium in hohem Maße beteiligt ist. Dr. Brauns, der schon seit Ende 1920 das Reichsarbeitsmini« fterium führt und am 3. Januar d. I. seinen 60. Geburtstag feierte, hat es bisher mit großem Geschick verstanden, obgleich er vielen Angriffen von rechts und links ausgesetzt war, seine Ver­mittlerrolle sachlich, neutral und im Interesse der Gefamtwirtschaft auszuüben. 2n diesem Zu­sammenhang dürste wohl auch die besondere Personalpolitik der Zentrumspar- t e i in der letzten Zeit zu sehen sein, die den bekannten Sozialpolitiler des Zentrums, Herrn Dr. Brüning, bei internen Verhandlungen besonders stark in den Vordergrund schob. Brü­ning soll auch, wie wir weiter hören, nach dem Vorschlag der Reichsregierung als einer ihrer Vertreter in dem sogenannten Ach tzehner- ausschuß zur Verwaltungsreform ge­sandt werden. Man nimmt an, daß. wenn das Zentrum wieder den Posten des Reichsarbeits­ministeriums nach den Reuwahlen zu besetzen hätte, der aussichtsreichste Kandidat der Abge­ordnete Dr. Brüning sein wird. Dr. Brüning ist Westfale, 1885 geboren, hat das Staatsexamen für das höhere Lehramt abgelegt und ist zum Doktor der Staatswissenscha ten promoviert. Rach Studienjahren im Ausland und mehrjähriger Teilnahme am Feldzug wurde Dr. Brüning 1919 Referent Im preußischen Wohlsahrtsiyinistcrium und 1921 Geschäftsführer des Deutschen Erweck- schastsbundes.

Das hessische Kultusministerium.

Die Verteilung der Dezernate.

Darmstadt, 27. Febr. (TU.) Die anläßlich der Regierungsbildung in Hessen durch die Par­teien der Weimarer Koalition erfolgte Um­wandlung des seitherigen Landesamts für das B i l d u n g s we s e n in ein selb­ständiges Ministerium für Kultus und Dildungswesen und die damit int Zusammenhang stehende Beförderung des zum Zentrum gehörigen seitherigen Volksschulrese- renten im Landesamt für das Dildungswesen, Oberschulrat Hofmann, zum Ministerial- r a t im Kultusministerium, hat In der Ocffent- lichkeit zu Mißverständnissen Anlaß geneben. Der Vorstand des hessischen Lande s - lehrervereins begegnet diesem Gerücht in einer Veröffentlichung in feinem OrganSchul­bote für Hessen". Wir entnehmen der Veröffent­lichung folgendes: Die organisatorischen Reuord­nungen und personcl en Veränderungen im neuen hessischen Kultusmini'erium Hafen Mißverstand« nifse hervr rgerusen. Kultusminister ist der sozialdemokratische Staatspr isident A d e I u n g. Soweit das hessische Volksschulwesen un­höhere Schulwesen in Frage kommt, hat sich an der seitherigen Organisation und Ciuf« gabenverllilung nichts geändert. Minilie- rialdireklor im Kultusministerium bebt nach wie vor der Demokrat Prof. Dr. Ülrstadt. Die Koalitionsparleien. besonders die So'ial- demokraten, haben bei den Verhandlungen üoer die hessische Regierungsbildung nicht den gering­sten Zweifel darüber gelassm, daß an der hessischen Simultanschule nicht g er i t e 11 werden dürfe. Die seither von dem -3en- trumsminister Dr. Kirnberger im Innen­ministerium inneg'-ba. t? Minister a^ratsstlle für finanziell kirchliche Angelegen­heiten wurde ins Kultusministerium übernommen und dem Volksschul-Ob rfstul- rat Hofmann (Zentrum) übertragen. Mi i -c- rialrat Hofmann behält und bearbeitet im Tolks- fchulwesen genau dasselbe De ernat wie her. Sämtliche seitherigen Dofksschulreferenien: der Oberschulrat 2 u n g (Demokrat!, Diehl (Sozialdemokrat), Friedrich (Sozialdemokrat) und Hofmann (Zentrum) verbleiben in ihren Dezernaten, ebenso die Dezernenten für das höhere Schulwesen.

Oer neue Gesandte Hessens in Berlin.

Darmstadt, 27. Febr. (Priv.Tel) Amtlich wird bekanntgegeben: Ernannt wurde der Land­tagsabgeordnete Rechtsanwalt August Nuß aus Worms zum Hessischen Gesandten und ftimmfüh' renben stellvertretenden Reichsratsbeoollmächtigten in Berlin mit Wirkung vom 15. März 1928 ab.

Eine Entgleisung.

Berlin, 27. Febr. (WTB.) Der Land­rat a.D. v. Hertz berg hat auf dem Ber­liner Kommers alter Korps Huden- t e n eine Rede gehalten, in der er gegen di« Knickseligkeit und Liebedienerei des neuen Deutschland", gegen denDerrat der deutschen Ehre durch Dr. Strefemann und Dr. Luther polemisiert haben so l. Die Reichsrcgierung war auf dem Kommers nicht amtlich vertreten. Staatsekretär Dr. v. Schubert hat die Kom­mersleitung in einem Br e um Aufc.ärung dar­über ersucht, ob Landrat a.D. v.Herhberg tat* sächlich eine solche Rede gehallen habe, uno, falls das zutrifft, was die Führung der Alten Korpsftude cken zu tun ge'jenfe, um ä nl.che Vor­kommnisse in Zulun, t zu verhindern.

Oer neue britische Botschafter in Berlin.

Berlin, 28. Febr. (Prio.-Tel. des G. A.) Wie man hört, hat die englische Regierung bereits oei der deutschen Negierung anfragen lassen, ob sie oen bisherigen englischen Botschafter in Madrid, tot Harare Rnmbold, ihr Agrement erteil