Ausgabe 
26.4.1928
 
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Altphilologen-Tagung in Worms.

Der Deutsche Altphilologen-Der- band (Landesverband Hessen) hielt im Verfolg seiner Gießener und Offenbacher Tagungen seine diesjährige Tagung in Worms ab.

Nach den Dezrüßungsworten des Vorsitzenden, Studienrats Dr. 5t. Listmann (Darmstadt), sprach als erster Redner plnivertttätsprofessor Dr. A. Laqueur (Gießen) über:D le Staatsaufsassung bet Griechen und Römer n". Der Historiker der Landesuniversität stellte sich die Ausgabe, den Weg zu zeigen, wie von der Antike auS an die Grundformen deS Verhältnisses vom Menschen zum Staat heran- zugchen ist. Der Redner ging von der Schrift über den Staat" aus, In der Eicerv die Grund­gedanken einer Verfassung niederlegte, welche die auseinanderstrebenden Teile des römischen Vol­ke- zu harmonischer Arbeit am Staate zusammen- führen sollte. Bei Abfassung dieser Schrift hat Cicero griechische Staatstheoretiker herangezogen; aber an entscheidender Stelle hebt er hervor, daß seine Betrachtungsart gegenüber der griechi­schen etwa- völlig Neues sei, und weist uns selbst den Weg, um diesen Unterschied zu erkennen: Der Grieche tritt rein rationalistisch an die Frage der Verfassung heran, seine Stoatskvnstruktionen sind daher losgelöst von historischen und geo­graphischen Bedingtheiten, veranlaßt durch den konstruktiven Geist der Griechen, bestärkt durch die Gründung zahlreicher Kolonien, die frei von Tradition mit einer Verfassung versehen wer­den mußten. Die Römer dagegen stehen in einer starken geschichtlichen Bindung, die ihr ganzes Interesse auf die Wirklichkeit des eigenen Staa­tes konzentriert. In reiner Form verkörpert der alte Cato diese römische Staatsauffassung: will man den Staat verstehen, so muß man einen einzelnen ins Auge sassen und durch die Ge­schichte dec Iahrhunderte begleiten. Cicero lehnt sich im Grunde an diese römische Staatsaufas­sung an und versucht nur insofern einen Aus­gleich mit den griechischen Staatskonstruktionen, al- er annahm, daß diejenigen, welche im Laufe der Iahrhunderte an dem Aufbau des römischen Staates gewirkt haben, bewußt Erwägungen von der Art angestellt hätten, wie er sie bei den griechischen Staatstheoretikern vorfand. Auf der verschiedenen Einstellung zum Problem Staat und Geschichte beruht es, daß man zwar die griechischenutopischen" Gedanken übertragen zu rönnen meinte die Ideen des Liberalismus, der Demokratie, des Kommunismus sind grie­chisch - , während die römischen Staatsgedanken am historisch gegebenen Objekt hasten und daher letzten Endes konservativ sind.

Die gedankenreichen Ausführungen des Gieße­ner Forschers über die antiken Sta'atstheorien und -formen charakterisiert in seinen Dankes- worten der Leiter der Versammlung als beson­ders konstruktives Beispiel dafür, wie die Antike das geistige Grundgerüst und ein lebendiges Glied unserer modernen Lebensformen darstellt.

Als nächster Redner sprach der badische Päda­goge und Herausgeber der Monatsschrift für das höhere Schulwesen der drei südwestdeutschen Län- oer, Realgymnasialdirektor Dr. K. Dürr-Mann­heim über da- Thema: ,Der Lateinunter- rtcht der Realgymnasie n". Der Kern seiner Ausführungen war der Gedanke, das) in dieser Schulart, die notwendigen Bildungsbedürf­nissen der Gegenwart entspricht, das Lateinische unmöglich in eineRandstellung" gedrängt wer­den darf; das verbietet der Gedanke an die Bil­dungswerte. die e- in sich schließt. Sollen diese aber richtig ersaßt werden, so darf man sich allerdings in der Bestimmung des Zieles des Loteinunterrichtes nicht mit dem Hinweis auf die Erfassung römischer Kultur und von deren geschichtlicher Bedeutung für uns begnügen, dieser Lateinunterricht darf nicht nur kulturkund'ich. er muß vielmehr in erster Linie humanistisch be­gründet sein, d. h. er muß zum persönlichen Er­fassen der wertvollsten Bildungsesemente. die das Römertum unö bietet, hinl^iten: zu Lebendig­machen der sittlichen Kräfte, die in der römischen Staatsgesinnung und der römischen Human!'ät liegen. Für Auswahl und Ausgestaltung der lateinischen Lektüre am Realgymnasium wurden eine Reihe Anregungen gegeben; desgleichen für die Methoden der sprachlichen Schulung. An­gesichts der Wich'igkeit und Unerläß'ichkcit die'er Aufgaben muß die in den Schulreformen verschie­

dener Länder, iirsbesondere Preußens und Hes.ens, durchgesührte starke Kürzung des Lateinunterrichts mit größter Sorge erfüllen. Sie allergrößte Sorge bereitet der Lateinunterricht der Reformrealgymnasicn neuester Form mit seinen insgesamt noch 16 Wochenstunüen. Sie Verkürzungen, die hier der Latcinunterricht er­fährt. mehren die Gefahr, daß das Bewußtsein der inneren Derbundcnheil mit der Antike und deren Bildungseinfluß immer mehr in unserem Bolle schwindet; diese Gefahr muh alle Huma­nisten auf den Plan rufen.

In seinem Schlußwort an den verdienten badi­schen Pädagogen konstatiert der Vorsitzende die älebereinstimmung der kompetenten altphilologi- schen Kreise Deutschlands in den grundlegenden Fragen der Auffassung des erzieherischen Selbst- wertes. der Ablehnung eines Mittel-Zweck- Prinzips und einer dienenden Stellung des real­gymnasialen Lateinunterrichts und in der Forde­rung einer ihm notwendig zustehenden Mindest­stundenzahl.

Es sprach sodann Studienrat Dr. K. Stro­bel- Mainz in einem wissenschaftlich begründeten Vortrage über:Die Aussprache des La­teinischen". Der Redner führte u. a. auL: Die Schule darf wie überall, so auch auf dem Gebiete der Aussprache nur unumstö' lich Si heres dem Schüler bieten. Mit Nachdruck ist die Quan­tität der Vokale zu fordern, auch aus schulprat- tischen Gründen (Auswirkung auf das Fran­zösische). Zur Zeit aktueller erscheint die Be­handlung der Aussprache des c und t. Daß das c teg klassischen Lateins in jeder Stellung als k-ßaul gesprochen wurde, geht hervor aus Grammatikersteilen. Inschriften. Metrik, Tran­skriptionen ins Griechische und umgekehrt, Lehn- und Zremdwortverwandtschaft. zwischen Latein und Deutsch. Nach kurzem Eingehen auf den Standpunkt der Gegner und kirchlicher Kreise schließt der Vortragende mit dem Wunsche, sich ohne Voreingenommenheit auf den Boden der Wissenschaft zu stellen, zum mindesten aber einen einheitlichen Zustand auf diesem Gebiete im. Reich zu schaffen.

Die Probleme des fachkundigen Vortrags reg­ten zu längerer Diskussion an. die schließlich zur Annahme eines Vorschlages von Oberstudien­direktor Lauteschläger und Oberstudiendi­rektor Krause führte, bei der Behörde anxu- regen. zwecks Herbeiführung einer einheitlichen Aussprache des klassischen Lateins eine Umfrage bei den Kollegien zu veranstalten.

In feinen Schlußworten beleuchtete der Leiter der Tagung die zahlreichen, über die Themen hinausreichenden Fragen, wie sie in den ein- dringenden Behandlungen der Vorträge für die gegenwärtige Arbeit der humanistischen Päda­gogik gestellt werden. Ein eingehender Iahres- bericht des Vorsitzenden, der auch die allgemeine Lage des klassischen Unterrichts berührte, gab Einblick in die umfangreiche Tätigkeit des Landesvorstandes. Universitätsprofesfor Dr. Kalbfleisch und Oberstudiendirektor Krauß unterstrichen im Anschluß hieran die Bedeutung deS Verbandes.

Der Tagung voraus ging eine Versammlung in der Altsprachlichen Sektion deS Hessischen Philologenvereins unter der Leitung von Ober­studienrat Professor Dr. W. R e e b Mainz. Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung stand ein Vor­trag von Studienrat Dr. K. Listmann -Darm­stadt über:Sie klassischen Sprachen im heutigen Bildung-lebe n". Die ge­drängten Gedanken dieses Vortrages bewegten sich in der folgenden Hauptrichtung: Die wissen­schaftliche und pädagogische Lage zwingt zur Besinnung auf die Grundfragen der Bildung. Bildung tm Sinne der geschichtlich-übergefchicht- lichen Idee, wie sie in der Erziehung durch die Nassifchen Sprachen verkörpert wird, ist Per­sönlichkeitsbildung; ihr Kulturbegriff beruht auf dem Gedanken harmonischer Bildung zum Men­schentum mit dem Ziel der Autonomie des DeisteS. verfolgt also ein geistig-ethisches Ziel, und ist gesthichtlich und bildunasgeschichtlich an die Griechen gebunden, die alle Lebensmächte. Staat, Religion, Kunst. Philosophie, in den Dienst der reinen Herausgestaltung des Mensch­lichen gestellt und die moderne Kultur mit diesem Begriff durchdrungen, den modernen Völkern das Kultu'bewußtsein vermittelt haben. Die von

3O.e gowenen Berge.

Roman von Clara Diebig.

Topyriaht 6h Dcufche D'rlagS-An statt E uttzart

48 Fortsetzung Nachdruck oerboten

Auf der großen Wiese am Ufer hatten sich so viele eingefunden, daß die große Wiese längst nicht !;roß genug war. Bis in den Ort hinein, der do- hinter liegt, staute sich Kopf an Kopf eine ne­ige Menge Wie Meereswogen war die angebran­det, nun stand sie lautlos und hörte zu. Kein Mensch vetstand alles, aber was sie verstanden, i das war ihnen genug Ein Herr aus Trier redete, einer, der mit der Sache der Winzer vertraut war. ''

Es ist die Not, die uns zusammengeführt hat, eine Not, so groß, wie sie noch niemals ge­wesen ist."

I)üä war nichts Neues, das wußte man ja. Kas- i par Dreis hörte nur lässig hin, seine Gedanken waren och bei den Bremms. Nun mertte er plotz. bch besser aufZollpolitik" ja, das war das Wort! Er strengte seine Ohren an.

Zollpolittt des Reichs Sterben des Winzer- standes Schutzzölle gegen den übermächtigen Auslandswettbcwerb Weinbauen Im Ausland viel billiger Handelsvertrag nut Spanien das Unalüd darum Zölle, hohe Zölle! Organisiert euch, bann bessere Handelsverträge noch kein Grund zum Verzagen wir verlangen" ...

Was der Redner in längerer Darlegung verlangte, verstand der junge Dreis nicht, die Menge um ibn war unruhig geworden. Er drängle vor, er wollte, er mußte besser hören, seine kräftigen Schultern stemmten sich burd).

Fortfall der Weinsteuer!"

Bravo!" Einer schrie es, und es wurde jo oft, so andauernd wiederholt, ein einmüt.ges, viel- tausendstimmiges Bravo, daß es dauernd hin- aushallle zum abyeholzten Bergrücken über dem Ort, und bann hinüber zur Burg jenseits der Mosel.

Der Redner suchte sich weiter verständlich zu machen, es war schwer, denn heimliches Rumoren war ständig in der Menge. Wie ein schwelendes Feuer, das langsam aber stetig sich werter frißt.

so brannte der Wunsch in allen, in all den Tau- senden die glühende ForderungWeinsteuer weg!"

Ein Sch.ld an einer langen Stange hob s ch plötzlich empor, der Helle Tag zeigte es deutlich.

Die Weinsteuer des W iizers Untergang!"

Ja, ja, so war es! Hüte hoben sich, Mützen wur­den geschwenkt, Hände in die Höhe gestreckt, man begrüßte jubelnd das Schuld. Kein anderes von den vielen 6d)ilbern, die emporgereckt sich in der M. nge zeigten, hatte den gle chen Beifall Selbst dasfjort mit dem Finanzamt" jetzt nicht. Fort mit der Wein- steuer! Unb was t ie dem Staat eingebracht hotte an ungezählten Millionen, bas mußte jetzt unter Ne Winzer verteilt werden. Jawohl, jawohl! Wozu überhaupt die Wirtschaft mit den leidigen Steuern? Wozu ein Heer von Beamten, die über der Steuer brüteten, die den Steuerzahler nur Geld kosteten, und die weiter nid)ts taten als aushecken, wieviel überhaupt an rückständigen Steuern noch einzutrei- ben war, unb w e unb wo. .

So recht hörte kaum einer mehr zu, zu heftig er- * regten sich die Gemüter, zu lebhaft schlugen die I Pulse, vergrämte, blasse Gesichter waren rot ge- j worden unb heiß. Ach ja, in Berlin, das wollte man dem Redner wohl glauben, da ging man um­sonst von Tür zu Tür anderes Städtchen, ande­res Mädchen in Berlin hieß das Mädchen an­ders, da hatte man ein anderes lieb' Kind; und auch eine andere Sorge. Ader die, die hier lebten im Mosel- unb Rheinland», bie die gleiche Liede hat- ten unb die gleiche Sorge, die hie? muhten sich fest zusammenschließen. Dreimalhunderttausend Winzer I Im Mosel- unb Rbeinlanb wenn die eins waren, wer konnte da wider sie sein?!

Und nun litt es ben Kaspar Dreis nicht länger, bas oatte er ja immer gesagt: wir Winzer müssen Zusammenhalten. Er schrie das plötzlich mit seiner kräftigen Stimme, unb eh er sich's versah hotten ihn zwei auf ihre Schultern gehoben, und er rief nun von do oben herab in die auf einmal ganz still gewordene Menschenmenge hinein - sie sahen es das war einer von ihnen, ein Winzer! rief so stark, daß man es bis weithin hörte.

Winzer, Brüder in Mosel und Rheinland, wir müssen zusammenhalten! Wir lieben unsere Heimat, unser schönes Heimatland über alles, aber wir lie­ben auch unser Vaterland, dos ganze deutsche Vaterland, für das wir Winzer genau so geblutet

Üniüerfltflt unb Schule gemeinsam getragene geistige Bewegung, die wir als Erneuerung des Humanismus oder dritten Humanismus bezeich­nen, strebt noch den Kraft- und Wertzentren. Die reine, historisch gerichtete Altertumswissen­schaft und die angewandte, humanistisch orien­tierte Schulphilologie finden sich in einer höheren Einheit. Ohne die geschichtlich-konkrete Arbeits­form aufzugeben, will die Wissenschaft selbst humanistisch sein. Für die Bildungsidee tritt Die Antike als das Prototyp der Formgefetze bei Geistes, als Aufbauprinzip der abendländischen Kultur, als der klafsitche Repräsentant der Kultur i d e e . als konstituierender Teil unsere- eigenen Wesens in den Vordergrund. In dieser neuen Erfassung des Verhältnisses von Wert unb Geschichte wird von der geschichtlichen Be­trachtung zur Wertung aufgestiegen, tritt die kulturpädagogische Kraft des schöpferischen Genius in den Mittelpunkt, die Größe von Echos und Geist des schöpferischen Einzelwerkes. Die Weiter­führung Humboldtscher sprachphilosophischer For­schung hat für ihre erzieherische eigenwertige Bedeutung neue tiefgehende Erkenntnisse gezei­tigt. Interpretierendes Verstehen bedeutet Ent­bindung von Wert unb Gehalt unb daburch Weckung und Bildung von Kräften des jugend­lichen Geistes. Die Arbeit an ihm verlangt den Einsatz der Totalität der Kräfte. Auf diesem Wege liegt zugleich rechte Kulturkunde unb eigentliche Schulsynthese.

Oberhessen.

Laur^.ris Gießen.

V Mainzlar, 25. April. Die Neube­setzung der Hebammen stelle in unserer Gemeinde, über bie an dieser Stelle schon wieder­holt berichtet wurde, beschäftigt die Oeffentlich- keit immer mehr. Vom Kreisgesundheitsamt Gießen wurde unsere- Gemeinde seinerzeit der Gemeinde-Hebamme von Daubringen zuge­teilt. Gin Einspruch, der gegen diese Zuteilung sofort eingelegt wurde, ist nunmehr vom Mini­sterium in Darmstadt abschlägig beschießen wor­den. Die inzwischen eingetretenen Geburtsfälle wurden zum Teil noch von der seitherigen Hebamme mit Hilfe der Krankenschwester be­sorgt, jedoch dürfte dieser Zustand für bie Folge nicht zu billigen sein. Da nach einer Medizinal­verordnung vom 6. Iuni 1861 die aber heute noch in Kraft ist bei der Wahl einer Hebammenschülerin der Kreisarzt, für die betreffende Gemeinde der Bürgermeister unb bet jeweilige Ortsgeistliche bestimmend sind, so steht der größte Teil unserer Bevölkerung auf dem Standpunkt, daß diese Gesehesstelle bis jetzt nicht für die Interessen unserer Gemeinde gebührend beachtet worden ist, denn sonst dürsten der Ge­meinde in der Ausbildung einer Schülerin diese Schwierigkeiten nicht bereitet werden, ilnfet Standesamtsregister weist im Iahr 1927 an 20 Geburten auf; hingegen hat unsere Nachbar­gemeinde Saubringen in diesem Iahte 19 und von diesen kommen noch 10 Geburten auf die Krankenhäuser der Stadt Gießen.

* Beuern, 25. April. Aus Beschluß des Ge­meinderats wurde auf dem hiesigen Schulhof eine Linde gepflanzt, die das Gedächtnis an die vor 400 Iahren, zwischen 1527 und 1530 im Busecker Tal eingeführte Reformation wachhatten soll.

H. Großen-Linden, 25. April. Heute nachmittag bemerkten zwei Spaziergänger Im Grohen-Lindener Markwald einen im Entstehen begriffenen Waldbrand, der mit rasender Geschwindigkeit um sich griff. Da sie des Feuers selbst nicht Herr werden konnten, rie'en sie eiligst in dem Nachbardistrikt beschäf­tigte Waldarbei er zu Hilfe. Ein Bahnbedienste­ter. war durch die lauten Feuerrufe und den Brandgeruch aufmcrlfam geworden, eilte zur Brandstelle unb bekämpfte die' Flammen sehr wirksam. Durch die Waldarbeiter wurde dann die Glut völlig gedampft. Unter Leitung des Försters wurde rings um den Brandherd ein Schutzstrei en gegraben und somit weiterer Scha­den verhütet. Da in der Nähe keine Kochstelle vorhanden ist, von der aus der Brand hätte entstehen können, muß angenommen werden, daß unvorsichtige Raucher das Feuer verursacht haben.

-r Lang-Göns, 25. April. Einem hiesigen Schneidermeister wurden ein neuer Mantel, eine neue blaue Ioppe und 150 Mk. mit Geldmappe gestohlen. Als Täter kommt ein Schneider-

Haben, wie alle anderen. Darum verlangen wir aber auch m t vollem Recht, und wir werden dar­auf bestehen, wir rucken vor in geschlossener Front ..."

3a, ja," schrie es aus der Menge.

...daß wir behandelt werden wie Deutsche und nit beiseite geschoben werden. Wir wollen uns auch nit sagen lassen: .Der Weinbau hier hat keine Be- rechk gung mehr, unb der Kleinbau eilt recht nicht/ Wir s nd nun einmal Winzer hier, wir wollen das auch bleiben. Wir lieben unsere paar hundert Stöcke genau so wie der Dauer seine Kornfluren, wie der Fabrikherr seine Fabriken, w.e der Kauf­mann seine Waren. W.r verlangen gar keine Schätze, wir sind zufrieden m t Wenigem, aber da- m.t wir das Wenige haben, was wir zum Leben gebrauchen, damit hört uns, chr Brüder im weiten Deutschland! Wenn alle die. die Wein trinken, unseren Wein trinken, Moselwein, Rheinwein, Wein von deutschen Reben, bann brauchen wir nit zu hu: gern, bann wird es uns Winzern bald besser gehen."

Wenn wir nit vorher all lang krepiert sind," schrie einer dazwischen Es war der Loesenich, der sich burd)gebrängt hatte.

Kaspar Dreis sah zornig auf ihn herunter unb wiederholte bann noch stärker, noch überzeugter:

Es wird uns besser gehen. Wir müssen nur fest Zusammenhalten. Dann wird bie Sonne" er wies mit einer weit ausholenden Armbewegung zum Bergrücken hinauf, über dem die Sonne jetzt groß stand und schon wärmende Strahlen versandte auch immer stehenbleiben überm Moselland. Es lebe Mosel unb Rhein! Es lebe unser Weinl Es lebe der Winzerstand?"

Er hatte sich heiser geschrien, Schweiß perlte ihm von der Stirn, es war doch schwer, so zu reden. Aber er hatte feine Sache gut gemacht, tosender Beifall bekundete es.

Bravo, bravo! Bravo, bravo!" Tausende schrien; bie ganz weit weg waren, die nichts ge­hört hatten, nicht hören konnten, schrien auch mit Die Nächsten winkten ihm zu, nickten, lachten: so war's gut gesprochen, und genau so war es, wie es jeder fühlte, unb wie es auch jeder erhoffte. Nur fest zusammengehalten, dann wurde bald alles gut! Es schüttelten sich viele die Hände, und man schüttelte sie auch dem Kaspar Dress.

geselle, welcher erst zwei Tag« bei dem Schneide» meister beschäftigt war, in Betracht; derselbe soll angeblich Kriegsbeschädigter sein; der linke Ar» ist fast gelähmt, er spricht Kölner Dialekt.

# Aus der nörd'lich en Wette ran. 25. April. Die Landwirtschaft, die durch die lange Regenperiode in der Feldbestellung stark gehemmt wurde, ist jetzt eifrig mit dem Stecken der Kartoffeln beschäftigt. Da man sich in den letzten Iahren mehr dem Zuckerrübenbau zugewendet hat. wird die Kartoffel anbau fläche auch in diesem Iahr geringer werden, zumal auch die niedrigen Preise für Fettschweine, für die eben pro Pfund Lebendgewicht nur 46 Pf. geboten werden, den Anbau ungünstig beein­flussen. Die Ferkelpreise sind auS dem gleichen Grunde weiterhin zurückgegangen, für das Paar 1 bis 3 Wochen alte Jungtiere wird jetzt noch 30 bis 36 Ml. bezahlt. Die Nachfrage nach Kartoffeln hat sich in letzter Zeit etwa- gesteigert. Infolgedessen zog der Preis von 3,40 auf 3,90 Mk. an. Besonders gesucht ist Saatgut in Odenwälder Blaue. Die Obstbäume zeigen dieses Iahr wieder einen guten Knospen- ansah. Apfelbäume und Birnbäume zeigen viel Fruchtholz. Aprikosen und Pfirsiche haben auS- geblüht und hatten regnerisches V^tenwetter, waS den Fruchtansatz sehr beeinträchtigt hat. Kirschen stehen eben in voller Blüte. Troy der kühlen Witterung hat sich die Winterfrucht gut bestockt. Die Entwicklung, besonders bei Weizens, ist vielversprechend. Auch die Sommer­frucht, sowie der eingesäte Rotklee stehen prächtig. Als Ersatz für mangelnde Wiesen wird hier ewiger Klee oder Luzerne angebaut. Nach guter äleberwinterung hat er schon handslang auS- gestohen und verspricht einen vollen Ertrag.

Mrei* Büdingen.

Nidda, 25. April. Schulverwalter THa­ler, hier, wurde nach Friedberg versetzt und ihm eine Lehrerstelle an der dortigen Volks­schule definitiv übertragen. Hier sieht man ihn ungern scheiden, weil er sich neben seinem Berufe um das Sportwesen im hiesigen Turnverein recht verdient gemacht hat. Zu seinem Nach­folger ist Schulverwaltcr Klimm von Fried­berg hierher versetzt worden. Am 15. Iuni sind 50 Iahre verflossen, seitdem bie hiesige Frei­willige Feuerwehr gegründet tourte. Sie will deshalb diesen Tag ihres 50 jährigen Iubi- läumS in einfacher aber würdige Weise be­gehen. Die Bevölkerung Niddas bringt der ge­planten Feier großes Interesse entgegen, um an dem Ehrentag der Wehr für ihre selbstlose, aufopfernde Nächstenliebe während der ver­gangenen 50 Iahre verdiente Dankbarkeit und Wertschätzung zu beweisen. Die dieser Tage ge­wählten Ausschüsse, deren Mitglieder auS allen Berufsständen der Stadt sich zusammensetzen, werden sich eifrig bemühen, durch sorgfältige Vorbereitung zum guten Gelingen des Festes beizutragen. - Der Stadtvorstand kaufte von dem Beigeordneten H. R u 11 m a n n , Gast­wirt zur Krone hier, ein größeres Bau­gelände rechts an der Ealzhäuser Straße, zwischen der Oberhessischen und der Schottener Bahn gelegen, den Quadratmeter für 2.70 Mark. Auf diesem Platze soll ein großes Beamten- wohnhaus für sechs Familien errichtet und mit den Arbeiten sofort begonnen werden. Auch soll die Wasserleitung von der Bahnhofstraße au« längs der neuen Verbindungsstrahe zwischen Bahnhofstraße und Salzhäuser Straße bis zu dem obengenannten Baugelände geführt werden, um die in dessen Nähe bereits neu errichteten Wohnhäuser bie seither noch kein Wasser an­der Leitung erhalten konnten, anschließen zu können.

Zlreis Schotten.

Schotten, 25. April. Don den Spezial­artikeln, die der Vogelsberg während der langen Winterzeit hersteut, erfreuen sich noch immer die Rechen einer Mo.iberen Bettett- heit und eines flotten Abgangs. Sie werten jetzt in allen Dörfern angeboten unb find n willige Abnehmer, zumal sie recht leicht u d handlich gearbeitet sind und bunten Za rb en- schmuck tragen. Den ei.rze'ncn Herstellern, wie sie in Rudingshain und vielen anderen höher gelegcnen Orten wohn.n. ist es möglich. Den Wintervorrat von 100Ö und mehr Stück mühelos abzusetzen. Waschllammern ud Schanzenkörbe, die in früherer Zeit gut verlauft werden Ion t n, stoßen aber schon stark auf die Konkurrenz billigerer Fabrikwaren.

Dann ging das Reden weiter, es traten noch mehrere Redner auf, aber keiner hatte mehr den gleichen Be.fall. Zuletzt wurde eine Resolution vor- gelesen, in der sämtliche Forderungen der Winzer klipp und klar niebergekgt waren. Einstimmig wurde sie angenommen. Und dann war's aus.

Kaspar Dreis hatte nie gedacht, daß er reden könnte, er hatte es auch gar nicht gewollt, aber der Augenblick, die starke Erregung, bie er verspürte i beim Anblick der Tausende Brüder in Not hatten ihn fortgerissen. Aus den Schultern der Männer, die ihn hochhobcn, war er ein anderer ge- . wesen, wurde beredt, die Worte flössen ihm zu. al» er jetzt wieder auf dem Boden stand, eingekeilt in eine s ch langsam schiebende, pressende Menge, I fühlte er sich ernüchtert. Er wurde plötzlich ganz traurig, der Zwischenruf des Loesenich fiel ihm ein: IWenn wir bis dahin nit all krepiert sind" ja. I wann, wann würde die Hilfe kommen? Schnelle 1 Hilfe tat not!

Unb seine niebergeschlagene Stimmung hielt an, er war ernst unb st.ll. (Er bekam viel Lob zu hören.

Jung, bat hast bu gut gemacht," sagte ein Win­zer zu ihm, ein uralter Mann. Kaspar kannte ihn nicht. Die Stimme des Alten war schon zittrig, sie klang wie gebrochen, und zittrig waren auch seine Beine, aber er war doch zu der Versammlung ge- kommen. Sehr müde saß er nun auf ben Stei­nen, die den Wcg zur Fähre einfassen. Als Kaspar an ihm oorbeikam, stand er auf. Er legte seine magere, durch die G cht unb das Alter verknotete Hand auf die Schulter des jungen Mannes:Du sollst vielmals bedankt sein, mein Sohn, du hast uns allen aus der Seel gesprochen. Dat, wat ich auch gesagt hätt, et nur nit sagen kann, bat hast bu gejagt." Er schien sehr gerührt, seine stoppligen Wangen zuckten wie bei einem, der meinen will. 2ch sein fünfunbfiebeiuig Jahr, viel böse Zeit hab ich als mitgemacht, aber so böse Tag wie jetzt haben mein Alte und ich noch nie nit gesehn. Aber nu wird et ja besser, nu wird et ja bester, (Bott sei gedankt!" Und er setzte sich wieder beruhigt hin auf die nackten Steine, sein rotes Taschentuch un­terbreitend, um seine ärmlichen Hosen, bie mit gan- anderem Tuch geflickt waren, zu schonen.

(Fortsetzung folgt)