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Ilr.251 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 24s. ©Höbet (928
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Hoover oder Gmich?
Worum geht es im amerikanischen Präsidentschastswahrkampf?
Bon Dr. Otto Hoetzsch, o. Professor der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. "5X.
Unfer ständiger außenpolitischer Mitarbeiter, der von einer Studienreise aus dem Westen der Vereinigten Staaten ^ur Teilnahme an den Vegrußungsfeier- lichkeiten für die Zeppelinbesatzung nach Washington zurückgelehrt war und sich inzwischen auf dem Dampfer „Berlin" zur Rückfahrt nach Deutschland eingeschifft hat, schildert in dem folgenden Aussatz besonders die große Rolle, die die Prohibition, die Frage naß oder trocken iin Kampf um die Präsidentschaft spielt.
Washington, Oktober 1928.
Vier Wochen lang bin ich vom Rorden, von der kanadischen Greirze bis zum Süden, bis zur Grenze Mexikos, durch den fernen Westen gefahren. Und unter den stürmischen Eindrücken in dieser Europa fast abgewandten Welt, die wirtschaftlich ungeheuer vorangeht, hat schon die äußere Möglichkeit gefehlt, sich zu sammeln und zu schreiben. Das geschieht jetzt in Washington, wo die politische Saison langsam in Gang kommt, wenn natürlich gerade in diesem Jahr sehr viele Politiker durch den Wahlkampf ferngehalten werden.
Der W a h l k a m p f ist natürlich auch die Hauptsache. Die Frage, wer das Rennen als Präsident machen wird, steht im Mitte punkt aller Politik. Zunächst ist klar, daß die äußere Politik in diesem Wahlkampf überhaupt keine Rolle spielt. Was die Plattformen bringen, besagt nichts. Was die beiden Kandidaten in ihren Reden sagen, ist entweder von einer wirklichen Anteilnahme an der großen Politik durchaus entfernt, wie in den Reden von Al Smith, oder ist mit äußerster Absicht vorsichtig formuliert, wie in den Reden seines Gegners Hoover. Auch der Kellogg-Pakt und seine Unterzeichnung stehen nicht im Vordergrund der ZeitungserörIrrungen und Reden des Wahlkampfes, geschweige denn das Verhältnis zu einem oder dem andern Lande, oder der Dawesplan und dgl.
Was aber sind die inneren Fragen, um die sich der Kampf dreht? Allmählich fliegt auch schon etwas mehr von persönlichen Angriffen hin und her, wenn sich auch der Kampf von Gehässigkeiten in dieser Beziehung fernhält. Das ganze Land steht, soweit es sich überhaupt für Politik interessiert, doch unter dem Eindruck, daß jeder der beiden Kandidaten in seiner Art e i n ganzer Kerl ist. Es sind fast ausschließlich die wirtschaftlichen Fragen, die behandelt werden, und darunter steht an erster Stelle die Krisis der Landwirtschaft mit den Wünschen der Farmer. Bisher sind sie als eine selbständige Partei nicht aufgetreten, obwohl in dieser Klasse genug Ansätze und Möglichkeiten zu einer besonderen agrarradikalen Partei vorhanden wären. Um so mehr suchen die beiden Parteien die Farmer zu gewinnen. Aber man kann nicht sagen, daß auf beiden Seiten die Klarheit besonders groß sei über die Gründe der landwirtschaftlichen Krisis und über die Mittel, mit denen ihr abzuhelfen sei. Dem deutschen Beobachter fällt die weitgehende Parallelität in den kritischen Verhältnissen der Landwirtschaft auf beiden Seiten besonders auf. Reben den landwirtschaftlichen Röteir sind es Fragen, wie die Schutzzollpolitik, die sogenannte „Prosperity", auch die Arbeitslosigkeit und die De- wässerungsfrage mit dem riesigen Projekt des Bvulder-Damm-Baues in Arizona, im ganzen alles nicht gerade sehr zusammenhängende Dinge und jedenfalls kein alles beherrschiendes Schlagwort dabei.
Ein solches ist in dem diesmaligen Kampf eigentlich nur die Prohibition. Diese steht sofort im Mittelpunkt, wenn das Gespräch sich um die Aussichten des Wahlkampfes dreht. Dabei wird eigentlich überall zugegeben, daß das nicht gerade eine streng politische Frage ist, und sodann, daß der Präsident, ob er nun Smith oder Hoover heißt, ganz außerordentlich wenig
Selb fällt vom Himmel.
Roman von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
25. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Was war das für eine Dummheit gewesen, diesen tollen Menschen allein in die Wohnung Dekeppers zu lassen! Um ein Haar hätte ihn das mit der staatlichen Konkurrenz in unliebsame Berührung gebracht. Als der Berrückte nach einer halben Stunde aus der Wohnung gestürzt kam, bleich und verwildert, batte er den Revolver entsichert. Hatte jenem nicht der Schaum vor dem Mund gestanden?
Und dann Dekepper, mitten im zerwühlten Zimmer auf der Erde liegend, wie ein Toter! Gott sei Dank, hatte er bald die Augen aufgeschlagen. Aber was chn betäubt hatte, war nicht aus ihm heraus- zllkriegen.
„Wissen Sie es noch immer nicht, wie er Sie betäubte?"
Dekepper zuckte bei der Frage zusammen. Er wagte kaum, von dem Wein zu nippen, zu dem ihn Kiewening freigebig eingeladen hatte. Er witterte eit dem schrecklichen Tag immer einen neuen Uebar all. „Indikator ...", murmelte er. „Indikator ober o ähnlich hieß es ..
„Quatsch. Ihr Geist ist wohl noch verwirrt, he?" Dekepper nickte. Er glaubte es selber.
Und wie die Wohnung zugerichtet war! Als ob die Senegalesen und Madagassen des Weltkriegs darin gehaust hätten. Alles schien umgestülpt. Alle Schubladen waren herausgerissen, die Tapete an verschiedenen Stellen abgerissen und der Aschenkasten des Ofens mitten im Zimmer zwischen den Betten! Kein Quadratzentimeter war ihm entgangen. Das einzig Erfreuliche war, daß jener ßichts gefunden hatte und ihn mit neuen Aufträgen bombardieren mußte.
„Was hat denn Ihre Frau gesagt?"
„Da war ja schon wieder alles in Ordnung." Dekepper blickte scheu beiseite. „Sie hätte sich sonst zu sehr aufgeregt.'
„Und nur deshalb haben Sie uns händeringend gebeten, aufzuräumen?" fragte der andere streng. „Sehen Sie mich einmal an!"
tun kann, die jetzige Lage zu ändern. Diese beruht bekanntlich auf dem 18. Zusatz zur Verfassung, der noch unter der Kriegspsychose und unter Ausschluß vieler Stimmberechtigter angenommen wurde, und berauschende Getränke im Lande verbietet. Dabei ist der Prozentsatz, mit dem ein Getränk berauschend wird, schon mit 1 Prozent und höher beginnend gegeben, so daß im Lande nur Getränke mit 1 Prozent Alkohol- zusah und darunter verkauft werden dürfen. Run ist aber den einzelnen Staaten überlassen, in welcher Weise diese Derfassungs- bestimmung ausgeführt werden soll. Die sog. „trockenen" Staaten haben strenge Ausführungsbestimmungen erlassen und wachen darüber. Die sog. „nassen" Staaten sind lässiger und lassen den Verkauf von stärkeren alkoholhaltigen Getränken mehr oder minder ungeschoren. Dazu ist nun, wie alle Welt weiß, und wie es in jedem Prohibitionslande der Fall ist, ein geradezu gigantischer Schmuggel getreten.
Der Ausländer wird sich kein Urteil an- maßen, ob diese Prohibitionsgesehgebung gut oder schlecht sei. Er stellt fest, daß sie (genau wie in Rußland oder in Finnland) in ungeheurem Maße umgangen wird, daß sehr viel Bier oder Whisky heimlich fabriziert wird. Was im Gespräch darüber von Gegnern des jetzigen Systems gesagt wird, kommt regelmäßig weniger darauf hinaus, daß man in seiner Freiheit nicht beschränkt sein wolle, und kommt niemals darauf hinaus, daß der sog. „Saloon" schlechtesten Angedenkens, die Bier- und Schnapsschenke, die früher Amerika vergiftete, wiederhergestellt werden solle. Wer den amerikanischen Saloon früher selbst gesehen hat, gibt ohne weiteres zu, daß seine Beseitigung ein Segen ist, und niemand wünscht ihn zurück. Wohl aber geht das Gespräch und die Aktion gegen das System einhellig darauf hinaus, daß unter dem jetzigen System der Prohibition der Sinn für Gesetzlichkeit, die eine Grundlage des ganzen politischen Lebens in Amerika ist, ertötet wird. Besonders die heranwachfende Jugend, die natürlich nach der verbotenen Frucht greift, wird so zur Verachtung des Gesetzes direkt erzogen. Das hält auf die Dauer kein Volk aus und namentlich nicht ein Volk, das unter so demokratischen Einrichtungen lebt wie Amerika!
Dis hierher ist die Sache leidlich klar. Dagegen weiß buchstäblich niemand, wie man aus der offensichtlich verfahrenen Lage herauskommen soll. Eine Aenderung des Verfassungs- zusatzes ist fast unmöglich, erfordert sie doch zwei Drittel der Stimmen, die bestimmt nicht aufzubringen sind. Würde eine Volksabstimmung mit 3a und Rein über die Frage veranstaltet, so würde sich ohne jeden Zweifel eine Mehrheit für das jetzige System ergeben. Dazu kommt, daß sonderbarerweise die Anti-AlkohLl- bewegung dort keine ftlnterstützung findet, wo man es erwarben sollte. Die Bierbrauereien und die Weinproduzenten in Kalifornien Haden sich längst um gestellt, verdienen heute eher mehr als früher, so daß von diesen mächtigen Gruppen der Bewegung gegen die Prohibition nichts zu- fließt. Das höchst entwickelte Schmugglergewerbe, die sogenannten „Bootlegger", haben das größte Interesse, daß der heutige Zustand bleibt. Die Ersatzmittel produzierenden Konzerne, wie z. D. die Coco-Cola-Jndustrie, desgleichen. ftlnd schließlich: Was soll praktisch gemacht werden?
Der Anti-Prohibitionsbewegung würde genügen, wenn die Fabrikation von leichten Bieren und Weinen freigegeben würde. Aber das stößt rein stimmungsgemäh auf die Opposition der „trockenen" Leute, für die das schon der Anfan g v o'm ilebel ist. So steht man in einem Wirbel von immer gleichen Fragen, Einwänden und Gegeneinwänden, die nun quer durch die Parteien und durch das ganze große Land hindurchgehen. 3n beiden Parteien gibt es Rasse und Trockene. 3n den Städten haben möglicherweise die Anhänger einer Reform die
„Nur deshalb." Dekepper sah interessiert nach der Kapelle.
„Und Sie wollen auch nichts von dem wissen, was dieser Brod mit ihnen gesprochen hat?"
„Nichts. Kein Sterbenswort. Er hatte mich doch betäubt."
„Ja, aber womit? Chloroform hätte man gleich gerochen. Und im Faustkampf war er Ihnen doch kaum überlegen. Sind Sie immer noch dagegen, daß man ihn verklagt?"
„Ums Himmels willen!" Er sah so verstört aus, daß die andern Gäste schon aufmerksam wurden. Es war nichts aus diesem Waschlappen herauszukriegen, und das Glas Wein hatte er sich schenken können.
Es war klar, daß er irgendwie schuldig war. Wer wieweit? Daß man diesem schlappen Kerl keinen gefährlichen Auftrag geben würde, war klar. Höchstens hatte er Schmiere gestanden, und er war entweder aus Angst ausgekniffen ober er war von seinem kühnem Komplizen übers Ohr gehauen worden. Beides sah ihm ähnlich. Tatsache war nur, daß dieser mysteriöse Raub geschehen und daß dieser trübe Kerl dabei beteiligt war. Aber aus der Kenntnis beider Dinge ließ sich für den Okulus Nutzen ziehen.
Er wußte längst, daß fein Auftraggeber nicht Brod hieß. Es war nicht schwer gewesen, das herauszubekommen: er hatte beobachtet, daß der junge Mensch im Arbeitsamt ihn kannte, und Martha Rebmann hatte das übrige erkundet.
Ob „Brod" oder „Blinsky" — solange er zahlte, würde er Informationen kriegen, über wen er immer wollte. Aber er würde ihn für seine freche Art bestrafen, indem er ihn lange zappeln ließ: Rache f S^as für Geld konnte es nur gewesen fein, dessen Raub nicht an die Oeffenllichkeit sollte? War es nicht das Nächstliegende, daß Brod alias Blinsky es geklaut hatte? Wer wem? Nun, seinem Chef, dem reichen Brodersen. Da konnte er es verschleiern — wenigstens auf einige Zeit —, und das erklärte auch, daß noch nirgend etwas über den Verlust bekannt war. Ob man Brodersen einen kleinen Fingerzeig gab? Ungeahnte Möglichkeiten ergaben sich für den Okulus.
Während er zufriedener feinen Wein schlürfte, überlegte er weiter: Brod alias Blinsky hatte ihn
Mehrheit, das Land draußen aber ist geschlossen troefen. 11 n t> d i e Kandidaten? Sie haben sich beide ziemlich vertlausuliert geäußert. Aber das ist jedenfalls klar: Hoover trägt den Stempel trocken und Smith trägt den Stempel nah. So ist eine höchst sonderbare Wahlbewegung entstanden, die vielleicht an den Kampf zwischen Gold und Silber vor mehr als dreißig Jahren erinnert, aber noch unklarer und unbestimmter ist, und jedenfalls, tote wiederholt sei. durchaus unpolitisch.
Das ist das Bild des Wahlkantpfes. Man sollte in einem solchett nicht prophezeien, aber ich riskiere es doch, und meine, indem ich alle meine Eindrücke zusammenfasse, daß Hoover mit einer knappen Mehrheit das Rennen tnachen wird. So interessant aber der ganze Kampf technisch und psychologisch ist, so unergiebig ist er aus jenen Gründen, die absichtlich breiter dargestellt wurden, im ganzen. Die Opposition gegen die langjährige republikanische Herrschaft ist erheblich. aber die Prosperität dauert im großen und ganzen noch an. Der Wohlstand ist erstaun
lich. die Verschwendung mit dem, was verdient wird, und mit dem, was das Land bietet, ist für den europäischen Beobachter geradezu ungeheuerlich Der Optimismus ist nach wie vorder stärkste und belebende Faktor. Da ist kein Boden für eine völlige älmgestaltung. für erneu Umschwung, mit dem das bisherige System einfach umgeworfen würde.
Alles das aber ist inneramerikanische Angelegenheit. Wie gesagt, der Wahlkampf trägt keinen außenpolitischen Charakter, und Europa wird einfach abzuwarten haben, wie nach der Wahl, wenn der Lärm verhallt ist, der gewählte Präsident die großen internationalen Fragen anfaßt, denen sich Rordamerika trotz alles Sträubens doch gar nicht entziehen kann, und die gerade im nächsten Präsidentschaftsterin zur Entscheidung treiben: Kellogg-Pakt, Interalliierte Schulden, Dawes-Plan, aber auch Fernen Osten und nicht zu vergessen Mittel- und Südamerika, von denen man im Wahlkampf auch nichts hört!
Der arme Chatterton.
Oie Tragödie eines Wunderkindes. — Ernst penzowts neuer Vornan.
Von Or. Ernfi Heimeran.
Der amerikanische Arzt S i d i s zeigte sich erbötig, aus jedem normal veranlagten Säugling einen Universitätsprofessor zu entwickeln und demonstrierte dies an seinem eigenen Sohne, der mit acht Jahren jedem akademischen Wissensstoff gewachsen war. Sidis glaubte so, den Begriff „Wunderkind" ad absurdum geführt zu haben. Was er gezeigt hat, ist aber nichts anderes, als ein Kunststück, das ihm jeder Uhrmacher auf seine Weise nachtut, wenn er die Hemmung aus einem Räderwerke entfernt.
Es ist aber nicht die Beschleunigung eines Ablaufes, was mir hier mit dem Worte Wunderkind meinen, sondern eine endliche Leistung. Jener Christian Heinrich Heinecken aus Lübeck, der zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts am dänischen Hof im Alter von drei Jahren über die Geschichte der Hebräer, Aegypter, Assyrer, Phönizier, Perser, Griechen und Römer gelehrt, disputierte, oder jener B a r a t i e r, aus Schwabach ge- bürtia, der fünfjährig mehrere Sprachen beherrschte, sind freilich nichts anderes als herkömmliche Historiker oder Philologen, nur eben im Matrosenkleidchen, nach dem die Geschichts- oder Sprachwissenschaft aber nicht gefragt hat. Die Zahl der Kinder, die gleiches leisteten, wie in einem Amt Erwachsene, ist sehr groß; sie müssen aber da verzeichnet bleiben, wo man unter Abnormitäten und nicht wo man unter den Bedeutsamen des Menschengeschlechtes nachschlägt.
Anders verhält es sich mit jenen Erscheinungen, die trotz ihrer Frühreife nicht mehr mit bezogenen Massen zu messen sind, bei denen es sich nicht mehr um Kenntnisse und deren Wiedergabe, sondern um Schöpferkraft und -Schöpfungen handelt, die vor dem Angesicht der Zeiten in Ehren bestehen. Und hier ist es nicht nur jener Mozart, dessen tintenbeschmierte Kinderhände uns schon mit unsterblicher Melodie bedeckt haben. Ihm ähnlich in den, wie es scheint, dafür besonders offenen Sphären der Musik gaben der Welt Unvergessenes Händel, Weber,Mendelssohn, Schubert, Verdi, Liszt schon als Unmündige; Po pes vielgesprochene Ode der Einsamkeit und M e t a ft a f i o s Jlias-Uebersetzung ist die eines Dreizehnjährigen; d an Dyck und Mantegna — Dürers nicht zu vergessen — haben sich ins Gedächtnis der Welt eingezeichnet in Jahren, da Altersgenossen gerade orthographisch schreiben gelernt hatten. Eulers erste grundlegend, mathematische Arbeit war mit fünfzehn Jahren abgeschlossen, und Christopher W r e n vermaß den Himmel als Dreizehnjähriger mit neuerfundenen eigenen Instrumenten.
Unter solchen Schicksalen, die es sich lohnt, um der Wunder schöpferischer Begnadung aufzuschlagen, ist das des Thomas C h a 11 e r t o n eines der seltsamsten. Es lenkt uns auf diese Gestalt Ernst P e n z o l d t s neuer Roman „Der arme Chatterton" der soeben im Insel - Verlag zu Leipzig erschienen ist. Thomas Chatterton, in jeder Literaturgeschichte und in jedem Konoersationslexi-
auch mit der Beobachtung dieses Grotteck betraut, die er schon längst auf eigne Faust unternommen hatte. Warum? Nun, auch das war klar: Brodersen hatte ein einziges Kind, ein Mädchen von anerkannter Schönheit. War Grotteck, der dort verkehrte, sein Rivale? War er auf ihn eifersüchtig, und suchte er deshalb Material gegen ihn? So was kam vor. Und er, Kiewening, war in solchen Fällen nicht schüchtern gewesen. Wer zahlte, war sein Freund. Warum kam nicht der andre zu ihm?
Hatte dieser Grotteck etwas auf dem Kerbholz? Es war immerhin ein sonderbarer Zufall gewesen, daß er gerade damals in ziemlich aufgeregtem Zustand ins Alcazar gekommen war, das ein paar Minuten vom Tatort lag, und daß er Martha Rebmann den Fünfmarkschein hingeschmissen hatte. Wer es konnte auch gut sein, daß er dem hübschen Mädchen imponieren wollte, die er ja nachher ungeteilt hatte. Kiewenina kam zu dem Schluß, daß diese Möglichkeit viel für sich hatte.
Auf alle Fälle notierte er: M. R. seinen Geburtstag unauffällig erforschen! Auch das würde kein Beweis fein. Aber eins würde schon zum andern kommen, und sein Scharfsinn würde daraus eine Hauptaktion machen. Unberufen — toi, toi, toi!
Er notierte ganz unauffällig weiter: Auftrag an Lichtpauseanstall Obere Flußstraße 7, als ihn ein dumpfes Stöhnen feines Nachbars aus feinen Ueberlegungen riß. Er hatte ihn fast vergessen.
„Trinken Sie aus und gehen Sie nach Hause!" befahl er. „Wenn Ihr Kopf wieder klarer ist, suchen Sie mich auf. Es soll Ihr Schade nicht fein."
Dekepper gehorchte erleichtert. Während er den schwarzen Wein in schnellem Zügen trank, als ihm gut sein konnte, dachte er: Das ertrage ich nicht länger ...ich bin Ja schlimmer dran als ein gehek- ter Hund ... am besten, ich gehe gleich auf die Polizei und zeige alles an, chn und mich ... bann ist alles vorbei ...
„Sie gehen bireftemang nach Haufe, verstanden!" fuhr Kiewening chn an.
Dekepper duckte sich. Hatte dieser Mensch feine innersten Gedanken erraten? Mit einem schüchternen Gruß schlich er hinaus.
Als Kiewening nach ihm aufbrechen wollte, sah er Fährmann in bas Lokal treten. Er winkte ihn eifrig
fon verzeichnet, würbe 1750 als der Sohn eines Küsters zu Bristol geboren unb entzündete sich früh in einer Umwelt, wo Gottesäcker und Kirchen von der Vergangenheit redeten, zur Nachahmung erst und dann zur dichterischen Erschaffung von Ahnenzeiten und Ahnengestalten. Seine Hauptfigur ist ein Priester Rowley, den er das Leben seiner glühenden mittelalterlichen Phantasien leben - läßt. Chatterton begnügte sich aber nicht, die so in ihm erregten Bilder als einen Roman etwa hinauszustellen, sondern beginnt schon im zartesten Alter sein Poesien in eine dem Mittelenglisch genäherten Sprache zu kleiden, sie kunstvoll auf übernommenes Pergament niederzuschreiben, um diese Schriftstücke endlich mit Hilfe von Ocker, Kohlenstaub und Schmirgel als echte Dokumente erscheinen zu lassen. Es gelingt ihm so schon als Schulknabe, zünftige Gelehrte zu täuschen.
Indessen führt er das Leben bitterernster Armut. Seinen Vater hat er nicht mehr gekannt. Sarah, die jugendliche Mutter, bringt sich mühsam fort. Er lebt in der Armenschule; als Fünfzehnjähriger duldet er bei einem verknöcherten Advokaten harte Lehrzeit. Zuletzt setzt er auf London, sieht sich dort aber völ - l i g verspielt. Siebzehnjährig, am 24. August 1770, endet er selbst sein Leben durch Arsenik. Seine Dokumente, allmählich als Fälschungen, aber als Werke eines Dichters von Rang erkannt, führen ihn nach dem Tode triumphierend in den Kreis der Laureati ein, denen er im Leben vergeblich versucht hatte, nahe zu sein.
Penzoldt hat uns aber, historisch Verbrieftes mit dichterisch Verbrieftem verbindens, nicht nur dieses kuriose Einzelschicksal nahegerückt. Chatterton ist die Gestalt des schöpferischen Kindes schlechthin, das die herkömmlichen Male aller Frühreife trägt — als da sind: Abneigung gegen Schlaf und Speise, eine zarte Körperlichkeit, sonderliche Verbundenheiten mit dem Kosmos (Chat- teüon ift dem Monde untertan) — das vor alledem aber mit einer bewußten Künstlerschaft, mit einem sicheren Wissen um Sendung begabt ist. Schon als Knabe bittet er, man möge ihm einen Becher malen mit einem flügelbreitenden Engel, „damit er meinen Namen der ganzen Welt verkünde". Die besondere Tragödie Chattertons liegt dabei in dem Umstande, daß er sich hinter feinen gedichteten Figuren, hinter seinem Rowley wie ein Gaukler verbergen muß. In dem Maße nun, als ihm dieser heimliche Triumph nicht mehr genügt, als er begehrt, mit seinem eigenen Gesicht und Namen angesehen zu werden, als er erwachsen wird und nach literarischer Oeffentlichkeit trachtet (London), schwindet feine schöpferische Kraft, „geht das Wunder von ihm", löscht er aus und löscht fick) aus. Die Manuskripte Chattertons bewahrt, soweit sie nicht durch die um den Ruf ihres Sohnes falsch besorgte Mutter verbrannt worden sind, bas British Museum in London neben denen der größten Meister.
heran und hatte die Genugtuung, daß er sich zu ihm setzte.
Die Kapelle hatte eben ein Potpourri beendet, und die Klavierspielerin ging einsammeln. Ehe sie das Podium verließ, irrte ihr Blick suchend über das Publikum. Sie seufzte: Kurt Grotteck war wieder nicht da.
„Erzählen Sie einen neuen Schwank aus Ihrem Leben, Herr Kiewening."
Der andere war gleich dabei. Wenn man ihm glauben konnte, hatte er einen Bankdefraudanten erwischt. „Ein bummer Junge, aber anfangs hat er es uns schwer genug gemacht. Eben aus lauter Dummheit. Keine Fingerabbrücke, ba er sowieso immer in Handschuhen ging. Und er trat kontraktlich an jenem Tag aus der Bank, an dem er das Ding drehte. Ein Scheckformular hat er sich aber noch rechtzeitig zu besorgen gewußt."
„Wieviel?" fragte Fährmann interessiert.
Kiewening zwinkerte ein wenig. „Fünftausend Mark hat er unterschlagen. Er war, wie gesagt, ein blutjunger Anfänger. Wie weit kommt man benn heute mit fünftaufenb? Prosit übrigens!"
Fährmann lachte. „Das wäre gerabe das, was meines Vaters Sohn brauchte, um ein nützliches Mitglieb ber menschlichen Gesellschaft zu werben. Ich würde bannt ein Konkurrenzlokal zum Alcazar eröffnen ..."
. . und Ihr bester Gast fein", vollendete Kiewening. „Kennimus. Geist Ihr GesckM benn
„Nie sollst du mich befragen ...", grölte Führ- mann. Er hatte schon einiges an diesem Tag ge- trunken.
Martha trat an den Tisch unb hielt den Sammel- teilet hin. Fährmann legte ein Zehnpfennigstück darauf und versuchte, zärllich zu werden. Ob sie noch frei fei. Sie ging, ernst, ohne eine Miene zu verziehen. Kiewening schien sie gar nicht zu kennen, „Ihr Freund Grotteck hat bessere Chancen", meinte dieser lachend.
„Ja, der Baron ist jung unb reich. Wer will ba- gegen aufkommen?"
„Er ist also wohlhabend?" Kiewening spitzte die Ohren.
(Fortsetzung folgt.)


