Der KreiS ist geschlossen: nach mehr alS einem halben Jahrhundert sitzt Dagmar von Däne- marl — die einstige kaiserliche Herrin einer Welt — vor ihrem mit Bildern und Erinnerungen beladenen Schreibtisch in Hvidöre und laßt sich vom Ostwind übers Meer Träume aus der schneebedeckten, blutgetränkten Weite Rußlands zutragen. Ob diese Träume düster sind oder nicht merkt man ihrem feierlich ernsten Gesicht, mit der noch fast ungebleichten Haarkrone, selten an. Sie versteht es. ihr Leid zu bemeistern und erschien an ihrem 80. Geburtstag noch äußerlich heiter im weißseidenen Kleide und sprach Mit ihrer tiefen klangvollen Stimme freundliche Worte. Wenn heute noch etwas hinter die weltabgeschiedenen Mauern ihres weihen Schlößchens dringt, dann sind es zumeist Dankesbriefe von Menschen, deren Rot sie gelindert hat. Denn Wohltätigkeit ist da' letzte Tun ihres vereinsamten Alters.
Daß sie uns Deutsche nie gemocht hat. steht wohl auf einem anderen Blatt und findet in den ersten Eindrücken ihrer frühen Jugend, in den Kämpfen ihres dänischen Vaterlandes mit Deutschland um den Besitz Schleswig-Holsteins seine hinreichende Erklärung. Amanen- borg -- Gatschina — Hvidöre: der Kreislauf und das Schicksal eines fast vergessen Daseins.
Oberheffen.
Dad-Nauheimer Verkehrsfragen.
<£ Bad Nauheim, 21. Januar. Unter dem Vorsitz von Rechtsanwalt und Notar Stahl setzte der Verkehrsverein in sehr gut besuchter Versammlunq die Aussprache zu dem ^hema „Werbearbeit 19 28" fort, (lieber die erste Sitzung wurde bereits früher berichtet. Die Red.) Der Vorsitzende gab zunächst interessante Mitteilungen zu der erfreulichen Gesamtfrequenz des Bades in 1927, worüber schon berichtet wurde, um dann die Stellung, die die Ausländer in dem günstigen Jahresabschluß einnahmen, einer vergleichenden Betrachtung zu unterziehen. Obwohl die Zahl der Ausländer, die unser Bad wieder aufsuchen und erfahrungsgemäß durch ihre finanzielle Leistungsfähigkeit ein nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Faktor sind, mit jedem- Jahre im Steigen begriffen ist, muß im Interesse des Bades und des Landes alles getan werden, um die Ausländerfrequenz weiter zu heben, vor allem auch durch Wiedergewinnung der vor dem Kriege stark vertretenen O st st a a t e n , die sich bis jetzt im allgemeinen noch fernhalten von den deut- fchen Badeorten, während der Besuch aus Nordamerika, Holland u. a., im Vergleich zu den Vor- kriegsjahren wesentlich gestiegen ist. Bade- und Kurdirektor von B o e h m e r nahm ebenfalls zu der Ausländer frage Stellung, er konnte zu dem Thema interessante erklärende Mitteilungen machen. Sodann gab er das Werbeprogramm der Bade- und Kurverwaltung für 1928 bekannt, dessen Durchfübrung schöne Erfolge verspricht. Einmütig war die Versammlung in dem Wunsche, daß Regierung und Landtag im Interesse des Bades und damit auch des gesamten Landes dis Mittel für die geplante großzügige Propaganda restlos bewilligen möchten. Als weitere Werbemittel wurden Rundfunk und Film in den Kreis der Detrachtuna gezogen. Bezüglich des ersteren denkt man nicht nur an gelegentliche wissenschaftliche und medizinische Vorträge über das hessische Bad, sondern auch an direkte Uebertragung größerer musikalischer Darbietungen, wie sie die Hochsaison bekanntlich ja in reicher Zahl bietet auf den Frankfurter Rundfunk, eine Einrichtung, die gewiß auch die Rundfunkhörer begrüßen würden. Beschlossen wurde, in ähnlicher Weise, wie es vor dem Kriege schon ge- scl)ah, die Veranstaltung eines größeren D e r - kehrstages im Laufe des Sommers vielleicht in Form eines größeren R o f e n f e st e s, mit dem ein Korso, Schaufensterwettbewerb usw. zu verbinden wären. Als geeigneter Tag wird einer der Sonntage in Aussicht genommen, an denen die Sonderzüge der Reichsbahn zu erwarten 'inb, deren Anregung allseits freundlich ausgenommen worden ist, wie Notar Stahl mitteilen konnte. Auch die Verhandlungen wegen des Reit- und
3m Bereich des popocaWell.
Bon unserem H. E. P.-Berichterstatter.
Mexiko, im Winter.
Irgendwo im Weichbild von Mexiko City, in einem Viertel, das Kleinstadtluft, Armut und — zur Nachtzeit — die Atmosphäre des sprungbereiten Verbrechens atmet, liegt der Bahnhof San Lazaro, von wo aus die Züge des ..Ferrocarril Mexicano Interoc^ano“, die zwischen der atlantischen und pazifischen Küste verkehren, in langen Zwischenräumen nach Osten und Westen abgelassen werden. Der „Interocea- no" ist eine Schmalspurbahn mit kleiner, wütend fauchender Lokomotive, deren Oelfeuerung dichte dunkle Rauchwolken in den azurblauen Himmel bläst, wenn das Züglein mit bemerkenswerter Eile über die „Mesa central“ dahinrollt, um später in langgezogenen Kurven durch die Schluchten mexikanischer Bergriesen ins Hochland hinaufzukeuchen.
Dom Bahnhof San Lazaro trat ich die Fahrt nach dem sechzig Kilometer entfernten Ameca- meca an. diesem am Fuße des 5400 Meter hohen Vulkans Popocatöpetl gelegenen Jn- dianerdorfe, das als Metropole der im weiteren Ämkreise des feuerspeienden Berges ansässig gewesenen Ureinwohner einst eine bedeutsame Rolle in der Geschichte Mexikos gespielt hat.
Sine Stunde lang führt die Reise über das ebene Hochplateau, aus dem hie und da steile Hügel, die früher sicher einmal Tod und Verderben gespieen haben, in grotesken Formationen emporragen. Dann schlängelt sich der Zug mit ruckweisen Stößen ins Gebirge hinauf. Wir befinden uns hier in einer Höhe zwischen 2500 und 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Dörfer kommen, klein und unansehnlich, vom Hauch der Romantik umwittert, -- wenn man die dramatischen Geschehnisse, an denen Mexik s Geschichte so reich ist, als romantisch bezeichnen will. Man sieht ärmliche Lehmhäuser, hier eine stehengebliebene Wand, dort zerschossene und verbrannte äleberreste von Indianerhüttcn, kümmerliche Revoluttonsruinen. in deren Innern daS bluten- und farbenreiche Llnkraut der Tropen wuchert.
Kurz vor Amecomeca eine dunkle Rauchsäule, majestätisch und drohend, über weihen Wolkenballen: das ist der Morgengruß des Popo- catspetl, der jetzt fast täglich wieder rumort und mit seinen unheimlichen Manipulattonen schon manchen braven christlichen Indianer von
Fahrturnterr find inzwischen günstig voran- aeaangen. Es wird voraussichtlich am 19. und 20. Mai stattfinden, nachdem die Bade- und Kurverwaltung weitgehende Unterstützung zugesagt. Zur Aussprache standen ferner die Wochenendpropaganda und viele kleinere Anregungen, von denen jede in ihrer Art beachtenswert war und vom Vorsitzenden als bearbeitenswertes Material dankbar angenommen wurde. So wurden über den lokalen Rahmen hinaus auch Verkehrs- f ra gen angeschnitten, die die weitere Umgebung angeyen. Don einer Seite wies man darauf hin, daß für den Ausflugsverkehr von hier aus der Taunus immer noch eine Monopolstellung ein- nohme, es müßte aber Oberheffen nach und nach mehr als das Hinterland Bad-Nau Heims angesehen werden, zumal die Kurgäste, die einmal in die oberhessischen Berge und historischen Städtchen geführt worden feien, voll des Lobes wären über das Geschaute. Lehrer O ß w a l d kam auf die größeren geographischen Lehrbücher zu sprechen, die durchweg mit vorzüglichem Bildmaterial reichlich ausgestattet seien, Hessen aber in ihrer Mehrheit kaum oder nur in zu sehr geringem Maße berücksichtigten. Es wäre ratsam, daß die übergeordneten Verbände, wie der O b e r h e s - fische Verkehrsbund und der Hessische Verkehrsverband, dieserhalb einmal mit den großen geographischen Verlagsinstituten in Verbindung träten. Zur Finanzierung der Der- kehrswerbuna will Kaufmann Nickel die wirt- sc^rftlichen Verbände, die in der Verkehrskommission vertreten sind, stärker herangezogen sehen, etwa durch eine Kurförderungsabgabc. Dem wurde durch Stadtverordneten Steuer- nagel entgegengehalten, daß man dem Einzelnen nicht mehr zumuten dürfe. Da die Verkehrswer- bung allen zugute komme, müßten die Kosten auch von der Allgemeinheit getragen werden, d. h. von der Stadt, von der er Bereitstellung größerer Mittel als seither erhofft. Es kam in der finanziellen Frage noch zu keinen endgültigen Beschlüssen. Einig war man sich aber darin, daß mehr Kapital für die Derkehrs- ko Immission fiüssig gemacht werden müsse, wolle diese ihre großen gemeinnützigen Aufgaben zu aller Zufriedenheit lösen, wolle sie zunächst vor allem das dringend notwendige eigene Ver- kehrs.bureau schaffen oder in einem des Bades würdigen Raum unterbringen.
Landkreis Gießen.
* Saubringen, 22. Ian. Die Bautätigkeit in unserem Orte war in den letzten Jahren sehr rege. Im Jahre 1927 wurden sechs neue Wohnhäuser errichtet. und auch in diesem Jahre sollen wieder einige weitere gebaut werden. Um die Finanzierung der Bautätigkeit best- möglichst zu beeinflussen, hat der hiesige Spar- und Vorschußverein die Einrichtung von Sparmarken geschahen, die es jedem Interessenten gestatten, sich durch den Kauf solcher Marken allmählich en Kapital anzusammeln. Die Sparmarken werden auch an Richtmitglieder und an die Schüler in u.r Volksschule abgegeben: letztere haben bisher regen Gebrauch von der Einrichtung gemacht. Die Verzinsung dieser Marken erfolgt mit 7 Prozent.
$ Alten-Buseck, 22. Jan. Rach einem Beschluß des Gemeinderates ist der Weg nach unserem etwas abseits vom Orte gelegenen Pfarrhause nunmehr durch Anbringung einiger elektrischen Lampen mit Beleuchtung versehen worden. Diese Maßnahme bedeutet in Anbetracht des bei Dunkelheit sehr schlecht passierbaren Weges sowohl für unsere Einwohnerschaft, als auch für die Bewohner des Pfarrhauses eine dankbar empfundene Annehmlichkeit. Das Ein- und Ausschalten des Stromes geschieht vom Pfarrhause aus. — Der Schulvorstand beschloß in seiner letzten Sitzung, den gesetzlichen Fortbildungsschul- unterricht in Zukunft auch wieder aus das Sommerhalbjahr auszudehnen. Der iln» terricht wird voraussichtlich wieder durch einen für den Bezirk Großen-Buseck und Umgegend hauptamtlich angestellten Fortbildungsschuttehrer erteilt werden.
* (Srüningen, 22. Ian. In einer gemeinsamen Generalversammlung beschlossen der Gesangverein der Adam Isheimschen
Amecameca in Versuchung führte, zu den heidnischen Anschauungen seiner Väter von der anbetungswürdigen göttlichen Macht des Feuers zurückzukehren. —
Langsam schlendere ich durch das stille, von freundlichen braunen Menschen bewohnte Dorf. Mein Vorhaben, den Pojiocatepetl, dessen schneeiges Haupt bisweilen für einen flüchtigen Augenblick zwischen den Wolken hervorschaut, zu besteigen, muß ich auf eine spätere Zeit verschieben, da mir gesagt wird, daß die „Saison" noch nicht begonnen hat. Erst wenn die Regenzeit vorüber ist und keine Wolkenbildung den freien Ausblick mehr behindert, kommen die ersten Touristen aus Mexiko City hierher, um in größeren Trupps unter Vorantritt eines indianischen Führers den Aufstieg zu wagen. — In größeren Trupps? . . . Run ja, so ein Aufstieg hat seine Gefahren: es genügt keineswegs, als perfekter Hochto rist zu gelten, denn neben Herzbeklemmung und ^-.let ch:r:palt n wollen schließlich auch noch die Herren Räuber, für die jetzt infolge des geringen Touristenverkehrs eine „stille Zeit" herrscht, in Betracht gezogen fein.
Da es also mit dem Aufstieg nichts ist, kann man nichts Besseres tun, als den am Ausgang des Dorfes gelegenen malerischen „Sacremonte" zu besteigen, der mit seinen alten Kreuzwegstationen zu beiden Seiten des Weges und der architektonisch reizvollen Kapelle auf dem Gipfel des Hügels von den Geschehnissen der Vergangenheit Kunde gibt.
Dort oben lebte, wie man hier erzählt, vor fünfhundert Jahren ein gütiger Franziskaner- mönch, der von den Indianern mit seltener Treue geliebt und verehrt wurde. Cs war Martin de Valencia, einer der „zwölf Apostel“, die vom Papst Adrian VI. um das Jahr 1500 als Missionare nach Mexiko entsandt wurden. Martin de Valencia trug den Titel eines „Vikars von Reu-Spanien“. Als er gestorben und in dem Ort Tlalmanalco begraben worden war, kamen die Indianer von Amecameca, raubten seinen Leichnam und versenkten ihn in einet Gruft auf der Höhe des Sacremonte, auf dem er jahrzehntelang gelebt hatte. Heber dieser Gruft erhebt sich heute der Altar der Kapelle, die kurz nach dem Tode des Missionars erbaut wurde.
Alljährlich, am Aschermittwoch, finden hier oben vor der Kapelle unter Teilnahme der getarnten Bevölkerung von Amecameca Pas - sionsspiele statt. Rach Abwicklung seier-
Stiftung und der Turnverein, ein neben der Sing- und Turnhalle gelegenes Gelände von etwa 1000 qm. dem Landwirt Heinrich Christoph Marsteller gehörend, für die Zwecke beider Vereine anzukaufen. Das Gelände soll als Turnplatz und bei Gesangvereinsfesten als FeftPlatz dienen, da es in unmittelbarer Verbindung mit der Eing- und Turnhalle steht. Von 50 anwesenden Personen erklärten sich bei der schriftlichen Abstimmung 49 für den Ankauf, während eine Sttmmenthaltung übte. Durch diesen Beschluß erfährt unsere Sing- und Turnhalle eine schon lange ersehnte Ergänzung.
)) Lich. 22. Ian. Die B r e n n h o lz v erst e i g e r u n g im L i ch er S t a d t w ald. in den Distrikten Eisenkaute und Rehtranksberg, wies einen außerordentlich starken Besuch auf. Je nach der Qualität des Holzes und der Abfuhrmöglichkeit kosteten: a) Scheitholz je Raummeter Buchen 15 bis 17 Mk.. Eichen 10 bis 12 Wk., Hainbuchen 9 bis 10 Mk.. Linden 5 Mk.. Elsbeer 10 Mk.. Fichten 8 Mk. b) Knüppelholz je Raummeter Buchen 9 bis 12 Mk.. Hainbuchen 9 Mk.. Eichen 5 bis 6 Mk.. Linden 4 bis 5 Mk.. Fichten 5 Mk. c) Wellen Reisig 51 Stück 10 bis 13 Mk.. Eichen 9 bis 11 Mk.. Linden 3 bis 4 Mk. d) Stöcke je Raummeter Buchen 6 bis 7 Mk., Eichen 4 bis 5 Mk., Fichten 1,50 Mk. c) Rutzscheit je Raummeter Eichen 9 Mk.
K Lich. 22. Ian. Der Gesangverein „Harmonisches Kränzchen" in Schlitz, der mit der hiesigen „Täcilia" befreundet ist, hat in feiner Generalversammlung beschlossen, eine Abordnung zur Jubiläumsfeier der „(Sräctlia“ zu entsenden.
Kreis Friedberg.
sf. Friedberg, 22. Jan. Die Stadtverordneten traten am Donnerstagmittag zu einer Sitzung zusammen. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte Bürgermeister Dr. Sey d des kürzlich verstorbenen Geh. Iustizrat Hermann Jockel, dem die Stadt Friedberg vor einigen Jahren zu seinem 90. Geburtstag das Ehrenbürgerrecht verliehen hatte. Zu seinen Ehren hatte sich die Versammlung von den Plätzen erhoben. Rachdem ein Gelände- tausch mit dem Kreis genehmigt war, wurde über einen Dringlichkeitsantrag des Stadtverordneten Deutel verhandelt, in dem die Auszahlung der Winterbeihilfe gefordert wurde. Rach einem Bericht des Beigeordneten Dr. Leuchtgens beschloß die Versammlung die Zurückstellung, bis die Verwaltung in etwa 14 Tagen die Angelegenheit bearbeitet hat. Dieser kurzen Sitzung schloß sich eine geheime Sitzung an, in der die am Samstag bereits berichtete Wiederwahl der beiden Beigeordneten Langsdorf und Dr. Leucht- g e n s erfolgte.
2$. Bad-Rauheim, 22. Ian. 3m a b g e » tauf enen Baujahr wurden mit Zuschuß insgesamt 17 Häuser mit 33 Wohnungen von Privaten errichtet. Dazu kommt noch ein Einfamilienhaus, das ohne Zuschuß erstellt wurde. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das nur ein geringes Bauergebnis, das allerdings zum Teil seine Erllärung findet in der Tatsache, daß der städtische Eigenbau im letzten Jahr völlig geruht hat. Das neue Baujahr wird aller Voraussicht nach wieder eine wesentlich größere Zahl von neuen Wohnungen bringen. Allein die Stadt schafft 12 Zweizimmerwohnungen, nach denen große Rachfrage besteht, in einem Reubau an der Hamburger Straße, außerdem 10 Behelfswohnungen nach neuzeitlichem Muster in einem großen Fachbau, der an der Peripherie der Stadt, auf Dem sog. „Industriegelände“ nahe dem Güterbahnhof, errichtet wird. Seiner Vollendung geht das städtische Medizinische Institut entgegen, das jedenfalls zu Degiim der Saison seiner Bestimmung übergeben werden kann. — Ein Ereignis tm Vortragsleben unserer Stadt war der Lichtbildervortrag, den die hiesigen Abteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft, des Deutschen Seevereins und des Vereins für das Deutschtum im Auslande gemeinsam mit Kapitän z. S. Dr.
kicher Zeremonien wird von indianischen Schauspielern die Kreuzigung Christi dargestellt. Zwei Tage später, am Karfreitag, bewegt sich abends eine gewaltige Prozession mit brennenden Fackeln den Berg hinauf, wobei es sich einige der frommen Raturkinder nicht nehmen lassen, als Buße für ihre Sünden den rauhen Derg- pfaid auf ihren Knien hinaufzurutschen.
Die Indianer von Amecameca sind Christen geworden, doch unter dem Firnis ihrer christlichen Anschauungen lebt auch heute noch die Mythologie der heidnischen Wett: der Götter- glaube ihrer Vorfahren ist der Rährboden, auf dem sich abergläubische Vorstellungen weiterhin erhalten und entwickeln.
Auf dem Friedhof neben der Kapelle von Sacremonte sah ich ein frischgeschaufeltes Grab. Vier Träger kamen, gefolgt von einigen zwanzig Indianern, und brachten einen blumen- geschmückten weißen Sarg. Darin lag eine Frau, und als ich mich nach der Todesursache erkundigte, sagte man mir, der Bedauernswerten fei in der vorletzten Rocht der „Geist" erschienen, und vor Schreck darüber fei sie gestorben.
Als ich den Berg hinabstieg, um zum Dors zurückzuwandern, sah ich die Kreuze her Betstationen und auch Sträucher und Bäume am Wege mit Tüchern, alten Hüten, schwarzem Frauenhaar und sonstigen Sachen behängt. Ich opferte, um bei den Gläubigen keinen Anstoß zu erregen, ebenfalls etwas, mein Taschentuch, und erkundigte mich später im Gasthaus vorsichtig nach dem Zweck dieser stimmungsvollen Dekoration.
„Cs ist für die Helligen," sagte mir das fromme, schöne Wirtstöchterlein und faltete die dunklen Hände. „Wenn man etwas für die Heiligen übrig hat, werden sie gewiß alles tun, um den bösen (Seift zu beschwören, der dort im Innern des Berges (sie zeigte nach dem hinter Regenwollen versteckten Popocatepeti) sein Un- wesen treibt, um uns alle eines Tages mit Feuer zu vernichten."
Ich nickte nur nachdenklich mit dem Kopf, schüttete mir aus der vor mir stehenden Flasche etwas Kaffee-Extrakt in die Mllchtasse. und dachte daran, wie stark doch der Glaube der heidnischen Indianer gewesen sein muß. da er imstande war, durch fünfzehn Generationen frommer Christen — ungeachtet der Einflüsse Europas — seine Spuren bis in die heutige Zeit hineinzutragen.
Spieß als Redner veranstalteten. Er sprach äußerst fesselnd über die Deutsch- Atlantische Expedition des „Meteor", nicht nur über die wissenschaftlichen Forschungsmethoden und die vorläufigen beachtenswerten Ergebnisse der 2Vtjährigen Forschungsreise, sondern auch über deren nationalpolitische Bedeutung. Besonders intereffant war die Schilderung der erhebenden Erlebnisse, die sich an den Aufenthalt der Expedition in dem deutschen Blumenau (Brasilien) und an den Besuch der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika knüpften. Der Redner erntete starken Beifall.
L Melbach, 22. Ian. Gestern abend gegen 1/2II Tlhr brach in der Scheune des Landwirtes Philipp Hofmann, die mit Heu und Stroh reich ungefüllt war, Feuer auS. Dem tatkräftigen Eingreifen und der ausgezeichneten Zusammenarbeit der Feuerwehren von hier und aus der Rachbarschaft gelang es. nachd«n hilfsbereite Rachbarn schon vorher das Vieh in Sicherheit gebracht hatten, die Flammen auf ihren Herd zu beschränken. Rach dem Eintreffen der Motorspritze von Bad-Rauheim nahin diese die Bekämpfung des Brandes auf. während die übrigen Wehren die Rachbargebäude schützten. Den Flammen fielen die beiden Scheunen und angrenzende Rebengebäude des Philipp Hofmann, sowie ein großes Rebengebäude des Landwirtes Robert Kleberger zum Opfer.
Kreis Büdingen.
ow. Obe r-W iddersheim, 22. Jan. Unfere altehrwürdige Kirche, die hoch übet dem Dorfe steht und weithin in der Wetterau sichtbar ist. stammt aus dem 14. Jahrhundert: sie ist unscheinbar in ihrem Aeutzeren und hat als einzigen Schmuck nur ein altes Marienbild über der Westtüre; auch das Innere der Kirche wurde im Laufe der Jahrhunderte seht verbaut und in letzter Zeit recht erneuerungsbedürftig. Die Kirchspielsgemcinden haben sich nun entschlossen, die erforderlichen Mittel zu einer gründlichen Renovierung aufzubringen. Das Geläute der Kirche war durch Qtblieferung der größten Glocke für Kriegszwecke auch seht dürftig geworden: cs war uns nur ein kleines Glöckchen geblieben, das zwar sehr alt ist und unter Denkmalschutz steht, das man aber im Dorf nicht hört, und die mittlere Glocke, die nicht rein im Ton ist. In sehr dankenswerter Weise hat sich nun die Firma Johannes Ricke 1, Basaltwerk dahier, berelterflärt, unserer Kirche ein neues G e läute zu stiften, wobei die vorhandene mittlere Glocke umgegossen werden soll. Da auch verschiedene Stiftungen für die innere Einrichtung und Ausschmückung in Aussicht stehen, dürfen wir hoffen, im Laufe des Jahres ein würdiges schönes Gotteshaus zu erhalten.
]:[ Gelnhaar, 22. Ian. In der diesjährigen ordentlichen Generalversammlung des hiesigen Gemischten Chores, der erst 4 Jahre besteht, konnte festgestellt werden, daß der Kassenbestand 32 Mk. betrug. Trotz seines jungen Bestehens konnte sich der Verein dank der opferwilligen Gaben der Mitglieder und des Dirigenten, Lehrer Hünergarth. der ehrenamtlich dirigiert, selbständig machen. Der alte Vorstand wurde wiedergewähtt.
Kreis Schotten.
i Stumpertenrod, 22. Ian. Rachdem der h.esige Gemischte Chor „Eintracht" auf seiner jüngsten Generalversammlung beschlossen hatte, eine neue Vereinsfahne anzuschaffen. sand in der letzten Woche durch Mitglieder des Vereins eine Sammlung in unserem Dorfe statt, die einen außerordentlichen Erfolg hatte und den recht ansehnlichen Betrag von 7 5 0 Mark ergab. Das Geld wurde zwar nidjf sofort erhoben, es konnte aber in die Sammellisten eingezeichnet werden. Rach- dem diese Sammlung ein so schönes Ergebnis gezeitigt hat, wird hier und da der Wunsch wach, nun auch endlich an die Anschaffung der neuen Kirchen uhr zu denken. (Sine Sammlung hierfür war schon lange geplant, aber sie wurde mit Rücksicht auf die herrschende Geldknappheit - und die wirtschaftliche Rotlage der bäuerlichen Bevölkerung, die sich auch hier bemerkbar machte, bisher zurückgesdettt.
Kanarienvögel im Examen.
Alljährlich veranstalten die französischen Kanarienvögel-Freunde in Paris einen Gesangswettbewerb unter diesen Virtuosen der Vogel- wett, der in einem Cafe auf dem Rathausplatz ftaftfinbet. Große Diplome und kleine Medaillen werden verteilt, und eine große Zahl von Liebhabern und Kennern lauscht gespannt den Leistungen der 100 Vogel, die in ihren leichten Käfigen auf den Tisch gesetzt werden. Vorher waren sie in tiefem Dunkel, denn die bunten Sänger entfalten ihre Höchstleistungen nur in der Rächt. Der Preisrichter ist ein hervorragender Sachverständiger, den man sich zu diesem Zweck aus Belgien verschrieben hat. Dieser hält mit den Vögeln ein richtiges Examen ab, und ein andächtiges Stillschweigen herrscht, wenn der Vogel, durch das unerwartete Licht angeregt, zu fingen anhebt. Der Richter hält gespannt fein Ohr hin, damit ihm nur nichts von den Feinheiten des Gesanges entgeht. Die Beurteilung des Kanariengesanges ist nämlich' eine Wissenschaft für sich, und nur diejenigen, die die „klassischen Touren" fehlerlos ausführen, können auf einen Preis Anspruch erheben. „Der Richter hört zu und zeichnet sich genau auf, welche Tonfolgen nacheinander hervorgebracht werden," schreibt Emile Condroyer im Journal. „Mit Entzücken vernehmen die Zuhörer die Perlen, die der kleinen Kehle entströmen. Jetzt trägt der Vogel eine „Hohlrotte" vor, deren Vokale in den mannigfachsten Tonschattierungen, bald lang getragen, bald fallend und steigend, erklingen. Jeder nasale Laut wird streng getadelt. Die Hohl- flingel. die sich in tieferen Tönen bewegt, gehört ebenfalls zu den schönsten Touren des Kanarien- vogelliedes, und sehr geschäht ist auch die „Knorre", die den Baß im Kanariengesang hübet. Mehr Fehler treten in Tonfolgen hervor, die man als „Klingel“. „Klingelrolle“, „Wasserrolle". als „Pfeifen" oder „Schwirre" bezeichnet. Den höchsten Wohlllang entfaltet der Vogel in der „Koller", die an die ergreifendsten Töne des RachtigallenliedeS gemahnt. Wie schwer ist es aber, vor dem strengen Ohr des Richters diese schwierigen Touren ohne jeden Fehler vorzuführen. Der „Merker" macht viele Tadelstriche. und nur die erlesensten Sänger werden zu dem eigentlichen Wettbewerb zugelassen, bei dem die Virtuosen vor den entzückten Zuhörern um den Lorbeer streiten.


