Montag, 25. Januar 1(928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für G'oerhefsen)
Nr. fy Zweiter Blatt
Oie Kosten des Reichsschul-Gesehes.
Don D. Or. Dr. Ioh. Victor Vredt, o. Drof. der Rechte an der Universität Marburg,
M. d. X
Wir halten den Aufsatz des bekannten Politikers und Staatsrechtslehrers für einen interessanten Beitrag zur eben wieder sehr lebhaften Debatte über das Schicksal des Aeichsschulgesehentwurfs. ohne der hier niedergclcgten Auffassung in allen Punkten beipslichten zu können.
Als die Frage des Reichsschulge(e^es auftauchte, wurde so,ort auch von den xosten ferner Durchführung gesprochen. Es hieb, das Gesetz werde die Länder und Gemeinden mit gewaltigen neuen Kosten belasten und schließlich kam es soweit, das) bei dem Memorandum des Repa- rationsagenten die Frage erörtert wurde. Dann kam eine Zeit, in der die eigentlichen Fragen der Schule in den Vordergrund traten und von den Kosten wenig die Rede war. Da aber neuerdings wieder die Kostensrage lebhast erörtert wird, ist eine ruhige Betrachtung der Lage Wohl am Platze.
Es ist gar keine Frage, daß im Reichsschul- geseh eine Sicher st ellung der konfessionellen Volksschule ersolgen soll, aber nur in der Weise, dah sie neben die gleichberechtigte Gemeinschaftsschule und die weltliche Schule treten soll. Run wird gesprochen von einer Zerlegung der vor- andenen Schulen nah Konsessionen, und daran anschließend von der Gründung zahlreicher Zwergschulen. Danach mühten in zahlreichen Gemeinden neue Lehrer eingestellt und Räume geschaffen werden, wo bisher die Kinder in einer einzigen Schule vereinigt waren. Wenn die Dinge solchen Lauf nähmen, dann würden allerdings grobe Kosten entstehen. Die tatsächliche Lage zeigt aber ein ganz anderes Bild.
Es wird viel zu wenig bedacht, dah nicht nur ün Preußen und Bayern, sondern auch in den ganzen norddeutschen Staaten die konfessionelle Schule schon vorhanden ist. 3n diesen Staaten kommt eine Zerlegung der Schulen überhaupt nicht in Frage. Das Schulgesetz schafft hier in solcher Beziehung gar nichts neues, sondern stellt nur den Bestand des Vorhandenen sicher. Cs ist also nicht ersichtlich, wieso durch den konscssionellen Gedanken im Schulwesen irgendwelche Kosten entstehen sollen.
Rur in einem Punkt können sich wesentliche Aenderungen ergeben, aber diese beruhen nicht eigentlich auf dem neuen Schulgesetz, sondern auf der Reichsverfassung selbst. Die Eltern der Schulkinder — in noch zu bestimmender Anzahl — können auch religionslose, sogenannte weltliche Schulen verlangen. Diese hat es in Preuhen und den anderen Staaten vor der Reuordnung nicht gegeben, sie müssen also neu geschaffen werden. Dies ist auch in den groben Städten, insbesondere Berlin, schon geschehen im Verwaltungswege, ohne Reichsschulgeseh. Auch diese Schulen aber find nicht völlig neu geschaffen worden mit neuen Gebäuden und neuen Lehrern, sondern sie sind aus den bisherigen Schulen 'ausgesondert worden. Hatte bisher in den groben Städten eine Zweiteilung der Schulen nach den beiden groben Konfessionen stattgefunden, so fand nunmehr eine Dreiteilung statt. Dadurch find aber irgendwelche gröbere Kosten nicht entstanden, denn so- viele Kinder in die weltliche Schule übergehen, soviele sollen in den konfessionellen Schulen (ort. Die Schaffung der neuen dritten Schulart hat in den groben Städten im wesentlichen nur einen etwas weiteren Schulweg zur Folge gehabt, denn das Reh der drei Schularten in der Stadt ist weiter gefaht, als es das Reh der zwei Schularten war. Solche Folge muh natürlich
in den Kauf genommen werden, aber diese Folge hat mit den finanziellen Kosten nichts zu tun.
Auf dem platten Lande werden auch keine groben Kosten entstehen. Die Bauerndörfer sind regelmäßig konfessionell geschlossen, haben daher nur eine Schule. Die wenigen Kinder der anderen Konfession werden irgendwie untergebracht, durch Schasfung von Gesamtschulverbänden, oder gastweise in einer benachbarten Schule der eigenen Konsession. Es ist nicht anzunehmen, daß in vielen Bauerndörfern eine Zerlegung der einheitlichen Schule in zwei oder gar drei Schulen beantragt werden wird, ilnö wenn es der Fall ist, dann müssen eben Schulverbände aus mehreren Dörfern geschaffen werden, so dah ein geordneter Schulbetrieb gesichert ist. Wird auf dem platten Lande eine derartige Zerlegung der Schulen beantragt, so wird regel- mähig ein sehr viel weiterer Schulweg herauskommen und hier wird man daher auch den Regulator vor leichtfertig gestellten Anträgen zu suchen haben.
Die Kostenfrage spielt überhaupt eine ernst- haste Rolle nur in den Ländern mit Simultanschulen — für beide Konfessionen gemeinsam — also in Baden, Hessen-Darmstadt und dem ehemaligen Herzogtum Rassau mit Frankfurt (Regierungsbezirk Wiesbaden). Hier hat sich das ganze Schulwesen auf die Simultanschule eingestellt und wenn hier grundsätzlich die konfessionelle Schule eingeführt werden sollte, womöglich allenthalben mit weltlichen Schulen daneben, dann fömtten vielleicht e r - h e b l i ch e Kosten entstehen. 3n diesen Ländern geht aber das Verlangen durchaus auf die Erhaltung der Simultanschule, weniger aus Rücksichten auf die Kosten, als vielmehr aus kulturellen Gründen, da sich das Zusammenleben der Kinder aus den verschiedenen Konfessionen als segensreich herausgestellt hat. Darum kommt es auch bei dem
Schulgesetz darauf an, dah die Simultanschule, wo sie schon vorhanden ist, s i ch e r g e st e l l t wird, nicht auf eine ^lebergangszeit, sondern dauernd. Allerdings steht hier das endgültige Schicksal noch nicht fest.
Im ganzen muh es auffallen, dah die Kostenfrage in den Vordergrund geschoben wird von den Gegnern des ganzen Grundgedankens des Reichsschulgesehes. Es liegt auf der Hand, dah man mit einem Hinweis auf hohe Kosten gerade in heutiger Zeit Stimmung machen kann. Man soll sich dadurch aber nicht irre machen lassen. Wir wollen ganz gewih äußerste Sparsamkeit üben und die Etats im Reiche, den Ländern und Gemeinden auf das Minimum Herabsehen. Es geht aber nicht an, dah alle möglichen Ausgaben begründet werden mit sogenannter Rotwendigkeit, daneben aber bei dem Reichsschulgeseh Ausgaben vorausgesetzt werden, ohne dah ein wirklicher Grund vorhanden ist.
Wir wollen hoffen, dah beim Reichsschulgeseh neben nüchterner Betrachtung der Kostenfrage wieder die eigentlich kulturellen Fragen in den Vordergrund treten. Die Schwierigkeiten des Gesetzes liegen gar nicht bei den Kosten, sondern bei dem Religionsunterricht, insbesondere bei dessenAeberwachung durchkirchliche Organe. Hier flohen die Parteiansichten noch stark aufeinander, und es ist kein Zweifel, dah die Kostenfrage zuweilen hier herhalten muh, um manche eigentlich kulturelle Ansichten zu begründen.
Dah die Schulfrage irgendwie gelöst werden muh, unterliegt gar keinem Zweifel. Wenn auch die Reichsverfassung die Grundlinien bereits festgelegt hat, ist dennoch das Reichsschulgeseh notwendig, um den Ländern die Wege zur praktischen Durchführung der Bestimmungen der Reichsverfassung zu ebnen. Diese ganzen Fragen sind aber rein kulturelle Fragen und keine finanziellen.
Zm dänischer Exil.
Oer Lebenskreislauf einer Kaiserin.
Von unserem v. M.-Berichterstatter.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Kopenhagen, Januar 1928.
Hoch über dem Strandweg an der dänischen „Riviera" — der malerischen Oeresundküste — baut sich in vornehmer, weltabgewandter Ruhe and Zurückgezogenheit ein Schlößchen auf, dessen weiße Front sich in den Fluten der Ostsee spiegelt und weit über das Wasser bis an das schwedische Gestade hinüberleuchtet. Einst die Strandvilla eines dänischen Adelsgeschlechts, heute der Ruhesitz einer landflüchtig in die Heimat ihrer Kindheit zurückgekehrten Herrscherin: „Hvidöre" — die letzte Zuflucht Maria Fedorownas, der Kaiserin-Witwe von Rußland.
Straff und ungebeugt unter der Last der acht Jahrzehnte — unter den Hammerschlägen eines menschlich tief erschütternden Schicksals — verbringt die kleine, mädchenhaft schlanke Greisin hier ihren späten Lebensabend. Fast vergessen von der Mitwelt, nur noch von wenigen gekannt und geliebt. Ein kleiner Kreis unerschütterlich Getreuer aus einstigen Tagen kaiserlicher Macht, bildet ihre häusliche Umgebung: die alte deutschblütige Hofdame, ein fürstlicher Oberkammerherr aus russischem Bojarengeschlechi und, nicht zuletzt, die in ihrem Dienst ergrauten Leibkosaken Jashik und Polijkow - zwei höfisch- urwüchsige Krieger in malerischer, dolchbewehrter Tscherkessenuniform. Jashik, ein Riese an Gestalt mit wallend zweigeteiltem Bart, der stete Begleiter seiner Herrin auf all ihren Wegen und seltenen Ausfahrten. Wenn man ihn sieht, dann weiß man — hier ist unerschütterliche Liebe und eine Art der voraussetzungslosen, ihrer selbst un
bewußten Treue, wie sie unsere Zeit kaum mehr kennt.
Don ihren Kindern ließ ihr die russische Blutwelle nur die beiden Töchter — Olga Alexan- drowna, heute Frau Oberst Kulikowski, und Xenia Alexandrowna — sowie vier Enkel. Doch heute noch, nach zehn bitteren, langsam dahinschleichenden Jahren, glaubt die Mutter mit dem Starrsinn des hohen Alters nicht an den Tod ihres gekrönten Sohnes. Sie spricht (wenigstens mit Fernerstehenden) niemals von ihm und von den Schrecken der Vergangenheit, trägt aber auch nicht Trauer um den Sohn und betet für ihn, wie für einen Lebenden. Glaubt sie tiefinnerlich an eine geheimnisvolle Rettung, an die schützende Hand Gottes über dem gesalbten Haupt der rechtgläubigen Kirche: oder verschließt sie ihr altes Herz bewußt der furchtbaren Wahrheit, gebietet ihren Gedanken an der Schwelle des Grauens Halt? Wer will es deuten?
Das Verhältnis zwischen ihr und Zar Rikolaus war nie besonders intim, aber auch keineswegs lieblos. Ihre Energie und ihre Willenskraft waren der des gütigen, schüchternen, übernervösen Schwächlings weit überlegen und es gab Zeiten, da man den kaiserlichen Sohn ganz unter ihrem beherrschenden Einfluß wähnte. Wer weiß, ob mit Recht, denn Rikolaus II. hat den starrköpfigen, mißtrauischen Eigensinn aller, ihrer Schwäche qualvoll bewußten Menschen und ließ sich gleichzeitig von allen und von niemand leiten. Verstand man es, ihn an seiner Herrscherpflicht, an seiner Ehre, seinem Gerechtigkeitssinn zu packen, dann wurde er Wachs in den Händen des Beraters — doch
ebenso schnell witterte er eine Täuschung, einen versteckten Zwang und schlug unvermittelt um. Trotzdem steht es außer allem Zweifel, daß die kluge und ehrgeizige Tochter Christians IX. von Dänemark — nach dem frühen Tode ihres unbeugsam harten, herrischen und selbstbewußten Gatten — den Wunsch gehabt hat. ihren unterdrückten Willen menschlich und auch politisch zur Geltung zu bringen.
Alexander III., körperlich ein ungeschlachter und surchtgebietender Riese, duldete keinen anderen Willen neben sich — weder als Herscher, noch als Familienoberhaupt. Er war durchaus nicht der brutale, herzlose Tyrann, wie man ihn heute darzustellen pflegt, doch seine Hand lastete schwer auf Frau und Kindern. Der Eremit von Gatschina" (so nannte man Den persönlich ungeheuer anspruchslosen, derbschlichten und zurückgezogenen Alexander nach seiner Residenz) war ein mehr als sparsamer und „genauer“ Hausvater. Er bewirtschaftete sein Reich wie einen großen Grundbesitz und lieh keinen Groschen danebenfallen. Wenn an seinem Hof bei feierlichen Anlässen ein geradezu orientalischer Prunk herrschte, so glaubte er, das dem Ansehen und der Würde des russischen Selbstherrschers schuldig zu sein. In der privaten Zurückgezogenheit aber hatte es die. aus wahrlich altväterisch-schlichten Verhältnissen entstammende Prinzessin schwerer als manche gutbürgerliche Gutsherrin. Alexander verlangte genaueste Einteilung und Abrechnung über die bescheidenen Ausgaben, ließ nichts unkontrolliert und verachtete jeden Luxus, ilnö zwar fing der Begriff „Luxus" für ihn z. D. schon bei den vergoldeten Bilderrahmen an, die Maria Fedorowna für ihre Privatbilder anschaffen wollte. Der Herr über hundert Millionen Menschen und die größten Liegenschaften, die je in einer Hand vereinigt waren, stand auf dem Standpunkt, daß sich hübsche billige Kunstdrucke sehr gut ohne Rahmen mit Zwecken an der Wand befestigen lassen. QUeranöcr — derselbe Mann, der einst den Ausspruch tat: „Wenn der russische Kaiser angelt, dann kann Europa warten!" fühlte sich nur in seinem bescheidenen alten Palais in Gatschina wohl, obgleich er, bei seiner ungewöhnlichen Größe, nur gebeugten Hauptes die niedrigen Türen passieren konnte.
Als Prinzessin Dagmar vor 62 Jahren das Kopenhagener Schloß „Arnalienborg" verließ, (heute ist das alte Palais Christians IX. wieder ihr ständiger Winteraufenthalt) um den russischen Thronfolger zu heiraten, hatte sich zwar nicht das zukünftige Herrschertum, wohl aber die Person des Thronerben verändert. Ihr erster Verlobter war an der Riviera an der Schwindsucht gestorben und der zweite — bisher ganz das Dasein eines Landjunkers führende — Sohn des regierenden Zaren zum Groß« fürst-Thronfolger und gleichzeitig zu ihrem zukünftigen Gemahl aufgerückt. Wenn also anfangs von Liebe kaum die Rede sein konnte, so ist es doch — dank der charakterlichen Zuverlässigkeit und Geradheit Alexanders — eine gute Che geworden. Ob eine sehr glückliche, bleibe dahingestellt — eine leichte und reibungslose gewiß nicht. Der grauenvolle Märtyrertod des edlen und gütigen Schwiegervaters (Alexander II. wurde bekanntlich durch eine Bombe von Anar- chistenhand zerrissen) und die ständige Lebensgefahr. in der daS kaiserliche Haus schwebte, mag ihr das Dasein nicht erleichtert haben. Doch hat sie das Leben an der Seite des strengen und Willensstärken Mannes auf umbrandeter Höhe zu einer mutigen, überaus beherrschten und in jeder Beziehung hoheitsvollen Frau gemacht. Wenn es ihr auch nicht beschieden war. irgendwie maßgebend und entscheidend ins Räderwerk der Geschichte einzugreifen, wenn sie andererseits ein unerbittliches Schicksal den Zusammenbruch ihres Hauses und ihrer zweiten Heimat erleben lieh, so hat doch die ruhige Würde und eiserne Selbstbeherrschung der Achtzigjährigen nichts von ihrer alten Wirkung eingebüßt.
OerMainzerKarnevalbeginnt
Von Max Geisenheyner.
Der Postbote gab ein großes, braunes Kuvert ab. Cs kam aus Mainz und enthielt eine leinene Rarrenkappe in roten, blauen und gelben Farben. Sie war mit silbernen Streifen eingefaßt und am Zipfel wie an den lieber- fchneidungen der Farben mit kleinen Glöckchen behängt. Daneben lag eine Einladung des Mainzer Kamevalvereins zur ersten Herrensitzung nach Mainz. Ich hielt die Kappe unschlüssig in der Hand und steckte sie dann etwas ängstlich in Die Brusttasche. Als ein Besucher kam und mir Vie Hand schüttelte, läuteten die Glöckchen. Als er fort war, zog ich die Kappe wieder heraus. Wohin also damit? Sollte ich sie auf die Manuskripte, äuf die Bücher legen? Sie Paßte nicht paßte nicht in das Zimmer, nicht auf ben Schreibtisch, nicht in die Tasche, nicht auf Vas Bücherregal — sie paßte nur auf den Kopf. Ich fetzte sie also auf, schloß bic Tur ab und ging im' Zimmer auf und ab. Da kam ein ärgerliches Telephongespräch mit einem sehr gewichtigen Mann. Aber siehe, es verlief mit der Kappe auf dem Kopf sehr manierlich, freundlich und harmlos. Die Glöckchen klingelten dazu leise. Da beschloß ich nach Mainz zu fahren.
*
Don der Hochheimer Chaussee aus lag Mainz in der tiefen Ebene da wie ein gewaltiger Weinberg mit Tausenden von Rebstöcken, an beren Spitze je ein Licht flammte. Ich malte mir im Auto aus, wie eine Herrensitzung wohl ausschauen möge, dachte, es würden so an die hundert Menschen in einem kleinen Saal bei- samrnenhocken. sehr viel genießerisch trinken und sehr viel lustiges Zeug reden. Da kam auch schon die Rheinbrücke, dieser phantastische, dunkle Bogen über dem großen, geliebten Fluß Da war auch schon das Hotel und da kam auch schon Der Sendbote des Magistrats und holte uns feierlich ein — zur Stadthalle. Ich fragte, wie viel Rarren denn schon da seien. Man antwortete Fünftausendneunhundertneunundneunzig und jetzt käme ich noch dazu. — Reben Ihnen, der stattliche Mann mit der Rarrenkappe ist der Can- desdirektor, flüsterte einer; dort der kleine, dicke, energische der Oberbürgermeister, der lange, große Preuße der Eisenbahnpräsident. Was, em Preuße? Ra. dann nur die Kappe aufgesetzt, ein bißchen schief wie bei dem großen Lands- mann von der Eisenbahn, und nun in den
Saal. Welch ein Anblick! Da saßen in der Tat nicht weniger als sechstausend Männer an langen, langen Tischen, dicht bei dicht, jeder mit einem solchen bunten, leinenen Rarrenhut auf dem Kopf. Dor ihnen auf den Hälsen leerer Weinflaschen Wachskerzen, deren Schein das wogende Riesenzelt der bunten Kopfbekleidungen sanft bestrahlte. Diele hatten schon von vier Uhr mittags an ihre Plätze durch sich selbst belegt. Die leeren Flaschen bewiesen, daß man sich nicht einsam gefühlt. Soll ich beschreiben, was sich alles zugetragen hat? Das ist unmöglich. Ich will nur sagen, daß sich plötzlich ein gewaltiger Dorhang auf einer der Breitseiten des Saales senkte und einen farbenprächtigen Aufbau, gleich einer riesenhaften, vergnügten Orgel, frei machte. Hier saß auf einer Empore, von der Holzverkleidung bis zur Brust verdeckt, auf goldenen Stühlen in langer Reihe das Präsidium. Jeder Präsidialnarr, geschmückt mit einem besonders kostbaren Käppchen und dazu behängt mit Orden in einer Anzahl, wie sie vor dem Krieg eigentlich nur Stationsvorsteher auszuweisen hatten, auf deren Bahnhöfen Potentaten aller Länder ständig anzukommen pflegten. Ra- türlich prangten neben jedem eine Anzahl Weingläser und keine leeren. Es gab ein preisgekröntes Eröffnungsspiel, Vorträge, Lieder und Büttenreden. Das Besondere an alledem war aber nicht etwa der Inhalt. Das Besondere war die Gemeinschaft des ganzen Saales. Jeder spielte mit. In dieser Gemeinschaft brachen die Spitzen der Behörden ab und es blieben ihren Vertretern nur die Rarrenkappe, um ihre menschliche Würde zu beweisen. Wo in aller Welt sonst könnte ein Landesdirektor es wagen, vor sechstausend Menschen so närrisches Zeug zu reden, ein Eisenbahnpräsident so gewagte Der- kehrsreden zu schwingen, ein Oberbürgermeister so energische und zierliche Verse zu sprechen Man nahm unter dem Jubel des Auditoriums kein Blatt vor den Mund. Es war ein Wettdichten und Wettsingen da oben. Von den Männern der Regierung ebenso heftig betrieben wie von Drogisten. Gemüsehändlern und Kaufleuten. Riemand brauchte eine Type darzustellen. Jeder war selbst eine. Die Rarrenkappe regierte und der Spruch, der über allen Häuptern schwebte, schien tieferen Sinn zu haben.
„Wer uns uzt und Schote nennt, Dem sage ich in aller Ruh: Um so verrückt zu sein wie wir, Gehört Verstand dazu."
*
Das Auto schnurrte an, und indem wir Frankfurt zurollten, waren wir nachdenklich erfüllt von der unheimlichen Volkskraft dieser Rheinländer. die sich in ihrer Rarrheit offenbarte. Ihre Rarrheit aber ist Gesundheit, Lebensfülle, Distanz zum Trüben, kurz: — Humor.
Liß.
Von Marie Henriette Steil.
Für normale Fußgänger hat eine kleinstädtische Hauptstraße am frühen Morgen, so zwischen sechs und sieben, wenn Mülleimer auf Bürgersteigen Spalier bilden, ganz und gar nichts Poetisches. Sie finden das Straßenbild öde und langweilig, oder beschämend wie den Anblick eines Bekannten, der ihnen in Pantoffeln entgegen kommt.
Hunde, Lumpensammler, Dichter und Müllkarrenpferde denken hierüber anders.
Ein echter Dichter kann über einen Mülleimer tiefsinnig werden.
Für Hunde aber sind Mülleimer Visitenkarte, Stammtisch und Chronique scandaleuse. Ich bin überzeugt, Hunde reden miteinander über Mülleimer wie wir über Politik. In meiner Straße, ich will sagen, in der Straße, in der ich wohne gibt es Mülleimer, um die Hunde raufen, und solche, in die keiner der Habitues auch nur im Vorüber- gehen die Schnauze steckt.
Der Lumpensammler sieht im gut gefüllten, intakten Mülleimer eine herrliche Hrnc voll ungeahnter Möglichkeiten. Ein jeder kann unter Schutt und Asche Schätze bergen, als da sind: gespickte Brieftaschen, Brillantringe, goldene Ähren ...
Von den [feinen lleberraschungen gar nicht zu reden.
So ist der Beruf des Lumpensammlers ein immerwährendes Glücksspiel, bei dem er nie verlieren, nur gewinnen kann. Er pfeift dir auf Monte Carlo. Und er hat recht.
Aber ich wollte von Liß erzählen. Sie hat ebenfalls beruflich mit Mülleimern zu tun. Pünktlich raffelt sie jeden Morgen mit ihrem Karren Die Straße entlang, gemächlich, nach dem Tempo: kommst du nicht heute, so kommst du morgen. Alle paar Schritte bleibt sie stehen und döst mit hängendem Kopf und geknickten Beinen vor sich hin. Denn Liß ist die Jüngste nicht mehr. Ihr Kinn ist stoppelig, ihre Hufe find' breit und flach getreten und ihr Schwanz ist ratzekahl. Rein, Staat ist nicht mehr mit ihr zu machen. Und doch wird sie geliebt, ich. weiß es. —
Oben auf einem Eimer lag ein angebissenes Butterbrot. Lissens Herr, der Müllkarrenmann, stieß einen Schrei aus wie eine Tingeltangeltänzerin, der man ein Perlenkollier präsentiert.
„Liß, was sehe ich! Ein Stück Brot für dich!"
Liß machte einen langen Hals, während der Müllkarrenmann ihr den Leckerbissen in maul- gerechte Brocken zerbrach. Zärtlich, wie eine stillende Amme auf den Säugling, blickte der QKülItarrenmann auf seine behaglich kauende Liß.
„Gelt, das schmeckt, altes Leckermaul! Run komm, du gutes Luder ...“
Und weiter zogen zwei treue alte Seelen ihren stillen Weg.
Bosheit.
Von Hans Kafka.
Ich war schon zweimal von Messina nach Catania gefahren, zweimal geschah das Wunder: in Giarre stieg ein Mann ein, der sah aus wie die andern, doch wenn er einmal unter den andern im Abteil sah, wurde plötzlich ein wunderbarer Vogel laut. Alle suchten den Vogel, allen voran der fremde Mann, alle äugten verwundert umher — nirgends war eine Rachtigall oder etwas ähnliches zu entdecken, jedoch fang oder weinte es nachtigallenähnlich die ganze Zeit von Giarre bis Catania. Man hätte es wahrscheinlich gar nicht wunderbar gefunden, wäre es nur sichtbar gewesen. So aber war's ein Märchen.
Kurz vor Catania erhob sich dann der fremde Mann, erklärte den andern ungefähr, wie er es mache, mit geschlossenem Mund wie ein Vogel zu pfeifen, und sammelte ab.
Als ich aber das dritte Mal die Strecke fuhr, und der Mann einftieg und der Vogel zu pfeifen, zu fingen oder zu weinen begann, geschah es, daß keiner von allen andern sich verwunderte oder entzückte. Alle blickten sie gleichgültig drein, womöglich gar noch von dem fremden Lärm belästigt. Der Mann wurde sehr unruhig: wie sollte er nachher abfammcln? Ich, der ihn schon kannte, wurde unruhig für ihn und blickte die andern an. als wollte ich sie auffordern, doch endlich alles wunderbar und märchenhaft zu finden. Da sah ich, was sie daran hinderte:
Ein anderer Mann, der im Abteil saß, machte sich das unendliche Vergnügen der Bosheit, immer wenn der Vogel laut wurde, die Lippen wie ein Pfeifender zu spitzen und den weiteren Verlauf der Darbietung gar noch mit dem seelenvollsten Mienenspiel zu begleiten.


