Ausgabe 
21.6.1928
 
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Nr. 144 Erster Blaff

178. Jahrgang

Donnerstag, 21. Juni 1028

<Er|d)elni tLgttch.mib«' Sonntags an* 3«tertags

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Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck »Nb Verlag: vrühl'sche UntversttütL-vuch' neö Stttnörnderci R. Lange in Gießen. Zchnflleituna und Geschästrftelle: Zchnlstratze 7.

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Dr. ffriebr. Will). Lange, verantwortlich für Dohtik Dr. Fr. Will) Lange; für Feuilleton Dr tz-Thyrrot, für den übrigen Teil Ernst Diumschein: für den An- jeigenteil Kurt tzrllmonn, lämthd) in Dietzen.

Die Krisis in der Krisis.

Don untererBerlinerÄebaltton.

Berlin, 21. 3unl 3n einer jeden unterer, schon auf Grund langjähriger Gepflogenheiten sich eififtcllcnben Dauertrifen bei der Bildung einer neuen Regierung ergeben sich noch ganz besonders tritifche Augenblicke, in denen es so aussieht, als ob man auf dem toten Punkt angelangt fei. wo eS kein BorwärtS- tommen mehr gibt. Qin solcher Augenblick ist anscheinend auch jetzt wieder eingetrelen.

war kein Geheimnis, daß der preußische Ministerpräsident Braun einer Aenderung in der Zusammensehui^ der preußischen Regierung stark abgeneigt ist. und man muhte daraus gefaßt fein, daß bei feiner Digenwilligleit ernste ^inbemiffe die Folge fein müßten. (M ist auch werter bekannt, dah namentlich das preuhische Zentrum erheblich anders eingestellt ist. aül die Reichstagsfraktton der Partei. Aber man tonnte eine Zeit lang doch annehmen, dah diese Hindernisse überwunden werden könnten, wenn im Schoße der preußischen Regierung, wie beim preußischen Zentrum, sich die Erkenntnis durchsetzte, daß nunmehr der richtige Augen­blick gekommen sei, um die von den verschiedensten Seiten, auch vom Zentrum unb den 6jid!bemo- kraten Preußens, erhobene Forderung nach einer gleichartigen Regierung i.m Reich und in Preußen zu erfüllen. Weil sich die Rotwendigkeit der Gleichartigkeit in der prak­tischen Erfahrung immer wieder klar ergeben hat. stellte die Deutsche Bolkspartei die grundsätzliche Forderung auf, nunmehr im Reich und in Preußen dementsprechend zu han­deln. Es war sicherlich kein unbilliges Berlan- gen. für die Deutsche VolkSparlei mindestens bestimmte Zusicherungen zu erhalten, daß ungefähr gleichzeitig auch in Preußen eine bet im Reich gleichen Regierung eingesetzt werde. Man kann auch ruhig behaupten, daß bei der Reichstagsfraktion der Sozialdemokraten und des Zentrums die Richtigkeit und Billigkeit der For­derung der Deutschen Bolkspartei verständnis­volle Aufnahme gefunden bat. Um so schwerer wiegt es. daß nun trotz allem Ministerpräsident Braun bei einer Unterocbung mit den Bcr- handlungsführern der Landtagsfraktion der Deutschen BollSpartei sich abermals auf den rein formalen Standpunkt zurückgezogen hat. daß Preußen seine Regierung unabhängig vom Reich auf Grund seiner eigenen Partei­verhältnisse bilden müsse.

Diese Stellungnahme des preußischen Minister­präsidenten ist um so unverständlicher, als seine eigene Partei und er selbst wiederholt betont ha­ben, waS für Llnannehmlichkeiten au« der ver­schiedenartigen Zusammensetzung der Re­gierung in Reich unb Preußen entstanden sind. Gerade Herr Braun sollte sich der unaufhörlichen Reibungen erinnern die in der letzten Zeit zwi chen Reich unb Preußen beiden Seiten das Leben ver­bittert haben. Durch seinen Starrsinn hat Herr Braun den Berfjanblungen im Reich nicht nur einen Stein, sondern einen Zelsblock von nicht geringem Umfange in den Weg gewälzt.

Die Bcrbanblungcn zwischen den in Frage kommenden Fraktionen im Reichstag waren im­merhin ein ziemliches 6tüyf vorwärts gekommen, als Hermann Müller als Ergebnis gründlicher interfraktioneller Bcrbanblungcn unb Beratungen innerhalb der Fraktionen ein au« siebzehn Punk­ten bestehendes Gerippe eines fünftigen Re- ai erungsprogramms entwerfen und den Fraktionen überreichen konnte. ES ist vielleicht ein 3ufaU. aber doch ein merkwürdiges Zu­sammentreffen. baß die Ueberreichung dieses Schriftstücks mit dem ablcbnenbcü Bescheid Brauns zeitlich zusammen fiel Auch das Pro­gramm Hermann Müllers enthält verschiedene Punkte, über die eine Einigung nicht leicht zu erzielen sein wirb. Aber man war immer­hin so weit vorgeschritten, bah man sagen konnte, über eine ganze Anzahl wichtiger Fragen sei bereits eine Einigung erzielt ober Verhältnis - mäßig leicht möglich. Man wird vielleicht An­fang nächster Woche darüber im klaren sein, ob sich über ein vollständiges Regierungsprogramm eine Einigung herbeiführen läßt. Der .Kardinal­fehler freilich liegt darin, bah der künftige -Kanz­ler versucht, erst ein vollständiges Programm aufzustellen, ehe er an die Regierungsbildung selbst gebt. Das mutet so an. als ob man daS Pferd am Schwänze auf zäumt. Zmmerhin Haden Sie Bcrbanblungcn einige Frucht getragen. 'Wie sich nun jedoch die neue Erschwerung durch Preußen auswirten wird, steht dahin.

Die Koalitionsstage in Preußen.

Berlin. 20. Juni. (BDZ.) Der preußische Mi' nifterpräfibent Dr. Braun empfing heute vor­mittag den Besuch der deutsch-volkspar- teilichen Abgeordneten des Preußischen Landtags, Stendel. Dr. Wieiner, Dr. Heymann und Schwarzhaupt. Ministerpräsident Dr. Braun er- klärte, ihm erschiene es grundsätzlich abwegig, die Frage der Zusammensetzung der preußischen Staatsregierung von der Regierungsbildung im Reich abhängig zu machen. Die Ansicht, daß die preußische Staatsregierung [tets so zusammengesetzt «ein müsse, daß sich eine Homogenität mit der Reichsregicrung ergebe, vermöge er nicht zu teilen. Die Zusammensetzung der preußi- schen Regierung müsse sich ebenso, wie dies gründ- Stzlich bei den Regierungsbildungen anderer deut­scher Länder zum Ausdruck komme, nach der Les Preußischen Landtags und nicht nach ler Zusammensetzung des Reichstags richten. Rur hird) Befolgung dieses Grundsatzes habe Preußen bisher feine stabile Politik treiben und es oermev

Revolveratientai in der südslawischen Gkupschiina.

Zwei kroatische Abgeordnete getötet.-Der kroatische SauenisührerStephan Raditsch schwer verwundet.

Belgrad, 20.3nnL (I1L) 3n der Mittwoch, sitzung der Skupschfiaa setzte die Opposition ihre Obstruktion fort. Dabei kam es zwischen dem Abgeordneten R a b i I f dj und der Bauernpartei einerseits und der Mehrheit andererseits zu starken Zusammenstößen. Als Stefan Raditsch der Mehrheit zurief:Sie benehmen sich wie Rinb- oiehcher", zog ber Abgeorbnete Ratfch 1 tsch von bet Radikalen Partei einen Revolver unb gab mehrere Schüsse in der Richtung der Ra- ditschpariei ab. Der erste Schuh traf den Abge­ordneten Paul Raditsch. einen Tieffen Stefan Raditschs. tödlich. Durch die Revolver­schüsse wurden ferner die Abgeordneten Dr. per - nar und Dr. Basaritschek schwer ver­letzt. Endlich konnte man dem wie irrsinnig hin- unb Herschiehenben Abgeorbncten Ratschitsch ben Revolver entreißen unb ihn adsühren.

Unter dem Linbruck ber Schiehcrcien in ber Skupschlina war ber Telcfonoerkehr zwischen Agram unb Bdgrab eine zeitlang gesperrt, wie jetzt noch ergänzend gemelbet wirb, ist auch ber Führer ber kroatischen Bauernpartei, StefanRabttsch, erheblich verletzt worben. Rach einem amtlichen Bericht ist Rabilsch operiert worden. Der König hat ihn an seinem Krankenlager ausgesucht unb mit ihm eine längere Unter Haftung geführt. Der schwer verwunbete Abgeorbnete B a s a r i t s ch e k ist inzwischen seinen Verletzungen erle­gen. Die Revoloerkugel hatte ihm bie fialsschlag- aber zerrißen. Gegen abeub würbe in Belgrad bie Telephonsperre roieber ausgehoben, wenn auch in Bclgrab nach dem Attentat in ber Skupschtina. besten Opfer zwei lote unb brei verwundete sinb. Ruhe herrscht, so ist die Erregung in den po­litischen Kreisen ungeheuer groß. UeberaU zittert bie Rachwirkuug bcs furchtbaren Gescheh- nistes nach. Die letzten Worte bes erschoßenen Ab- geovbneten Paul Raditsch waren:Rettet mich wegen meiner armen Kinder unb meiner armen Fraul" Paul Radistch hinterläßt acht Kinber.

während die bekanntesten Chirurgen sich um den verwundeten Stephan Raditsch bemühten, er­schien König Alexander im Operationssaal. Der König verlangte von den Aerzten, daß sich alle anderen Anwesenden aus dem Opcralionssaal ent­fernen sollten. Als diesem Wunsche Folge geleistet worden war, näherte sich ber König Stephan Ra­distch unb erkundigte sich nach seinem Zustand. Der König sprach tröstende Worte zu dem Abgeordneten

unb ermahnte ihn, nicht zu verzagen, benn es werbe alles roieber gut roeröen. Rach dem Besuch bei Stephan Radistch begab sich der König zu berf Leiche des ermordeten Abgeordneten Paul Raditsch. die sich in einem Saale des Krankenhauses befindet. Dort traf er die witroe des Toten, der er Irost- roorte aussprach, wobei der König in Tränen aus­brach. Der Zustand Stephan Raditschs ist am heutigen Abend unverändert. Es sind am Rach­miltag zwei Unioerfilälsprofefforcn aus Agram mit­tels Flugzeug hier eingetroffen, um ihn ju unter­suchen. Obwohl die Verletzung nicht lebensgefährlich ist, bestehl doch Gefahr, da Radistch zucker- krank ist. Der Zustand des verletzten Dr. P e r - nar Hal sich heute abend verschlimmert.

Das serbische Abgeordnetenhaus ist der Schau­platz einer blutigen Schreckenstat geworden: mitten in einer erregten Debatte riß plötzlich der radikale Abgeordnete Racic eine Pistole aus der Tasche, legte auf den Bauernführer Stefan R a d i t s ch an, verwundete ihn ebenso wie einige seiner Parteisreunde schwer und tötete den Reffen des Oppositions ührcrs. den Abgeordneten Paul Raditsch. 'Denn nicht auch unsere parlamentarischen Sitten längst verwildert wären, könnten wir voller Mitleid auf dieses Balkan­parlament herabschauen, dessen Sitzungen ohne tumultarische Szenen einfach undenkbar sind. Das in Belgrad heute passiert ist, kann aber auch uns morgen schon blühen. Eben erst haben wir im neugewählten Preußenparlament bie beschä­mend sien Auftritte erlebt, die mit Körper­verletzungen endigten. Bon da bis zum Mord ist nur ein kleiner Schritt, wer heute mit der Faust seinen parlamentarischen Gegner niederschlägt, dem muß zugetraut werden, daß er bei der näch­sten Gelegenheit zum Messer oder zum Schieß­prügel greift. Gerade itnS, die wir immer radau­lustigere und zu Ausschreitungen aller Art hin­neigende Elemente als .Beste des Bolles" m unsere Parlamente hrneirtbcfonrmcn. sollte die Belgrader Bluttat eine ernftc Mahnung und Warnung sein, nichts zu unterlassen, was geeignet ist. das Ansehen der Bolls Ver­tretung wicderherzustellen. von dem leider nicht behauptet werden kann, daß es noch vorhan­den ist.

©er Täter festgenommen.

Belgrad. 20. 3unL (WB.) Der 2ll»geord- nete R a s ch i t s ch . der die verhängnisvollen Schüsse im Parlament abgegeben hat, hat sich heute nachmittag selbst dem Minister des 3n-

nern gestellt. Der Minister des 3nnern rief einen Polizeipräsekten herbei, der den Abgeord- neten festnahm. Bei seiner ersten Berrchmung gab der Attentäter an. daß er nur in der größten Erregung gehandelt habe als ein Abgeordneter chn be'chinrpfte Den Revolver trage er schon leit 1913 a 1 s Talisman bei sich. Denn dieser Revolver habe ihm einmal das Leben vor den Türken gerettet. Der Mör­der ist ein l-ljähriger Montenegriner, der sich in letzter Zeit im Kampf gegen die Opposition stets bemerkbar gemacht hatte

Regierungskrisis?

Vorläufig kein Rücktritt bco Kabinett-.

Belgrad, 20. 3uni. (WTB.) Der M i - nift errat trat um 7 Hbr abends zu einer Sitzung zusammen, um über die Lage zu be­raten, und beschloß, die verstorbenen Abgeord­neten Basaricek und Pavlerawitsch a u f Staats­kosten zu beerdigen und ihren Familien staat­liche Unterstützung zukommen zu taffen. Der Ministerpräsident sprach der Radi.schpartei sein Bedauern zu den Borsällen aus. Der Qlbflcorb* netenflub der kroatischen Bauernpartei bat je­doch die Annahme der Beileidsschreiben der Re­gierungspartei und selbst des Ministerpräsidenten abgelehnt. 3n den Kreisen der Bauern­partei wird erklärt, man habe Beweise dafür, daß die Blorhtal vvrbe reitet und or­ganisiert worden fei. Bon einem führenden Regierungsmitglied wurde erklärt, die Regierung gedenke nicht zurückzutreten, da sie für die Mord­tat keinerlei Berantwortung trage. Trotzdem wird die Lage der Regierung als unsicher angesehen.

Erregung in Agram.

Belgrad. 20. 3unt (WTB.) Aus Agram wird gemeldet, daß dort die Rachricht über die Ermordung der kroatischen Abgeordneten eine ungeheuere Erregung hervorgerusen hat Zum Zeichen der Trauer über bte Ermordung der kroatischen Politiker wurde der Berkehr ein­gestellt und alle Betriebe geschlos- s e n Die Leichen Basariceks und Pavlera- witschs werden heute nacht nach Agram übergeführt werden, wo Freitagnachmit- tag die Beerdigung stattsindet. Wie aus Kreisen der Raditsch-Partei verlautet, werde die Partei daS Ersuchen der Regierung, daß die Familien der getöteten Abgeordneten eine staatliche iln- terstüyung erhalten, ablehnen, ebenso, daß daS Begräbnis der Getöteten auf Staatskosten ftattfinOet.

den können, in die mannigfachen Krisen im Reiche hineingezogen zu werden. Aus diesen Gründen be­stehe bei den preußischen Koalitionsparteien und bei ihm, dem Ministerpräsidenten Braun, zur Zeit keine Neigung, über eine Aenderung der Regierungszufammensetzung in Preußen zu verhandeln. Einzig und allein von der Entschei­dung Preußens hänge es ab, wenn über eine Verbreiterung der Regierungsbafis in Preußen zu verhandeln wäre.

Müllers Verhandlungen.

Berlin, 20. Juni. (VDZ.) Die interfraktionellen Besprechungen im Reichstag am Millwochnachmiltag haben noch keinen Abschluß der Verhandlungen über die formulierten Vorschläge des Abg. Müller- Franken gebracht. Erhebliche Differenzen bestehen namentlich noch in der Angelegenheit des Dcr- faßungstages und in der Frage der Amnestie. Die Steuerfragen sind einstweilen zurückgesteitt worden. Auch über die fozialpositischen Angelegenheiten wer- den noch weitere Besprechungen notwendig fein. Der Fraktionsführer der Deutschen Volkspartei, Abg. Dr. Scholz, gab die Erklärung ab, aus der Teil­nahme feiner Fraktion an den fachlichen Programm­beratungen dürfe nicht der Schluß gezogen werden, daß die Fraktion ihren Standpunkt in der Preußen­frage etwa aufgegeben hätte. Die interfraktionellen Besprechungen werden am Donnerstag früh fort- g-fehl-

3n den Kommentaren der Blätter zu den Berhandiungen über die Regierungsbildung kommt starker Pessimismus zum Aus­druck. Am wenigsten hoffnungsvoll ist wohl der Vorwärts, der u. a. erklärt: Es heißt jetzt, die Bollspartei wolle sich mit einer ar an - t i e' dafür begnügen, daß man sie in die preußische Regierung später auf nehmen werde. Boraussetzung ist eine von der Bollspartei ge­gebene Garantie, daß sie den bisherigen repu­blikanischen Kurs in Preußen unter» stützen werde. Wird die Bollspartei bereit sein, diese Garantie zu geben? Auf alle Fälle sind Berhandiungen, die zu einem berartigen festen Garantieaustausch führen, im Augenblick gar nicht möglich. Der Gedanke aber, die Ent­scheidung im Reiche so lange hinaus- zuschieben bis nach "Wochen oder Mo­naten! auch in Preußen eine Entscheidung getroffen werden kann, ist undiskutabel. Die Möglichkeit, zur Großen Koalition zu kom­men. sieht man sich immer weiter in der

Ferne verlieren. BMirbc die Bildung der Großen Koalition zur Zeit scheitern, so wäre das für die Sozialdemokratie noch lange kein Grund, die Führung auS der Hand zu geben. Dann bleibt eben nur noch eine sozialdemo­kratisch geführte Regierung, die vor den Reichs­tag tritt und sich dort für ihre Arbeit eine Mehrheit sucht. 3ede andere Regierung, mit der man es am Ende doch versuchen wollte, würde auf eine entschiedene Opposi­tion der Sozialdemokratie stoßen.

Rach derXägL Rundschau" verharrt die Deutsche Bolkspartei auf ihrem Standpunkt hin­sichtlich der Regierungsunrbildung in Preußen. Das Blatt schreibt' Die Deutsche Bolkspartei habe an sich schon den Mut zur Unpopularität aufgebracht, wenn sie sich bereit erklärt, i m Re i ch m die Große Koalition einzutreten Sie könne es aber mit ihren politischen Grundsätzen mcht vereinbaren, wenn sie bei Beteiligung an einer Großen Koalition tm Reiche gleichzeitig in dem größten Lande von der Regierung ausgeschlossen würde. BSenn die starre Haltung des preußischen Ministerpräsidenten und der preußischen Regierungsparteien die Regie­rungsbildung im Re»ch schwieriger gestalten sollte, so müsse die D. B. auf jeden Fall die Berantwortung hierfür ablehnen.

Die .Germania" sagt, wenn der preußische Ministerpräsident in Beantwortung der Ersuchen der D. B. für den gegenwärtigen Augenblick jede Berhandlung ablehnte, so dürfte diese Auflas­sung mit der Haltung der übrigen Kvalitionsparteien nicht ohne wei­teres in Einklang zu bringen fein. Die preuhische Zentrumsfraktion habe in ihrer Diens­tagssitzung betont, dah eine Erweiterung der preußischen Regierung tn Frage komme, wenn ein solcher Wunsch gegenüber den bisherigen Koalitionsparteien zum Ausdruck gebracht werde Hieraus gehe doch wohl h«vor. dah die Zen- trumsfraltion des preuhischen Landtages, nach­dem am Mittwoch ein solches Ersuchen der 'S). B. an sie gerichtet wurde, bereit sei, auch jetzt schon über eine Umbildung der Preuhischen Bcflienmg mit sich reden zu lassen.

Eine abgebrochene Doi-tragsreise.

Heidelberg. 21. 3unt (WTB.) Professor 3ames Brown E c o 11. Präsident des ameri­kanischen 3nstituts für Böllerrecht, der sich auf einer Bortragsreise in Deutschland befindet, wollte aud> in Heidelberg über die .Grundrechte des Staates" sprechen Da sich in­zwischen herausgestellt hatte, dah Professor Scott

im 3ahre 1919 an der Formulierung des berüchtigten Paragraphen 231 de- Bersailler Vertrages, der die Allein- schuld Deutschlands am Kriege fesl- setzt, führend beteiligt war, bega­ben sich heute Vertreter der 3uristischen Fakultät der Llniversität Heidelberg zu Professor Scott, um in einer Besprechung zu ergründen, ob Scott an der These von der Alleinschuld Deutschlands am Kriege festha11e. Das Ergebnis war. dah Scott mit Rücksicht auf seine bamahge amtliche Stellung sich außer­stande erklärte, die Frage aufzuklären Er hielt es für richtiger, von weiteren Borträgen in Deutschland Abstand zu nehmen Der Heidel­berger Bortrag fiel daher auS.

Krisenlust in Paris.

Poincar« und die Kammer.

Paris, 20. 3uni. (Priv.-Tel.) Auch die Regierung PoincaräS sitzt nicht mehr so fest im Sattel, wie das noch vor einigen Wochen schien Mancherlei ist in der letzten Zeit zu­sammengetroffen was im Parlament eine starke Unzufriedenheit mit dem Ministerpräsi­denten hochgezüchtet hat. Die Rechtspar­teien. auf bie sich Pc> incare bei den Wah­len gestützt hatte, fühlen sich auf der ganzen Linie um ihre Wahlerfolge betrogen, da sie sowohl im Kammerpräsidium als auch in den Borständen der Ausschüsse entweder gar keine oder nur eine bescheidene Berücksichtigung erfahren haben. Außerdem hat Poincarc- sich nicht gescheut, zu verstehen zu geben, dah ihm auch die Linls- parteien gar nicht so unsympathisch sind, wenn es darum geht, mit ihrer Hilfe sich am Ruder zu halten Aber der Unmut der Rechten wäre für Poincare noch zu ertragen, wenn nicht plötzlich der scheinbar beschworene Elsaß- Kon­flikt wieder am Horizont auf getaucht wäre.

Zur allgemeinen Ueberroschung hat die An- llagekammer in Colmar die vorläufige Frei­lassung der Autonomistenführer Ross 6 und R i ck l i n , deren Mandate von der Kammer be­stätigt worden sind, abgelehnt. Selbst Poin- care scheint über diesen Beschluß bestürzt zu fein, da er sich stark gemacht hatte, die Frei­lassung zu erwirken, um auf diese Weise eine Debatte über die von dem Abgeordneten Wal­ter zurückgezogene, aber jetzt wieder neu ein­gebrachte Elsaß-Resolution zu verhin­dern Es ist für den Ministerpräsidenten außer­ordentlich peinlich, unmittelbar vor den par­lamentarischen Kämpfen um das Stabilisierungs-