Ausgabe 
21.2.1928
 
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Nr Erstes Blatt

178. Jahrgang

Dienstag, 21. Zebruar 1928

GietzenerAMger

General-Anzeiger für Oberhessen

Dm» tret üerlog: vrühl'fche Untoerfft6t$»Bnd^ und Stetnörnderet R. tauge ta Stetzen. Schristtettung und Seschästrfteklei Zchnfstratze 7.

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EhefredaKteur

Dr Friedr Wich Lange. Derantworilich für Politik Dr Fr Wilh Lang«, für Feuilleton Dr h Thyrwt, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein! für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Biegen

OemKönige ausMorgenland!

Der türkische Sultan Abdul Aziz war der erste Herrscher auä den von den Modernen unter dem Rainen des Orientes zusammengefahten Ländern das Reich Peters Drohen wird von der gegenwärtigen amtlichen Geographie zu Europa gerechnet der bei Gelegenheit der Pariser Weltausstellung von 1867 die christlichen Hose Westeuropas bereiste. Weder er noch seine Rachfolger sind wiedergekommen: Kriege und Re­volutionen haben es verhindert. Dagegen hat der Perserschah Rasr ed Din seit der Wiener von 1873 alle Weltausstellungen besucht, und sein letzter Abkömmling konnte sich so schlecht von Pari- trennen, dah seine Perser ihn zuletzt durch einen blauen Brief der Heimkehr über­haupt überhvben.

Zu Afghanistan ist ziemlich ein Jahr» hundert hindurch kaum für den äußeren Auf­putz freundschaftlicher Beziehungen Raum ge­wesen. Mit England, als dem Beherrscher des angrenzenden IndiewS. sind schwere Kriege ge­führt worden: vor bald neunzig Jahren wurde einmal ein ganzes englisches Heer durch einen Tleberfall im Khurd Kabul-Passe ausgerteben. Unb Rußland hat sich im (Zähre 1885, sogar vH ne voraufgegangenen Streit, eine afghanische Provinz durch Raub angeeignet! Erst unter dem jetzigen Herrscher, der auch den Königstitel an­nehmen durste, statt des älterenEmir"-Fürsten, ist die volle Souveränität des Landes zur internationalen Anerkennung gelangt. Ver­anlassung für Englands Verzicht auf sein ein Menschena ter hindurch beanspruchtes Protei toat war außer der allgemeinen Sympathie König Georgs V. für die Grundsätze des einen gewalt- samen Inrperialismus verschmähenden liberalen Parteiprogrammes Gladstonescher Prägung die torrclte" Neutralität Chabid Villahs im Weltkriege, gegenüber ben Versuchen der türkischen Glaubensverwandten (auch die Af­ghanen sind Sunniten) ihn zu einer Teilnahme amHeiligen Kriege", zum Anschlüsse an das deutsch-türkische Bündnis zu bewegen, ilebrigend hätte ohnehin Auswirkungen einer solchen Ver­bindung noch das persische Reich im Wege ge­legen, in das türkischen Heerestörpern keine tiefen Vorstöße zu machen gelang. Immerhin ist Ehabibs Sohne Aman Ullah jene Zurückhaltung des Vaters zugute gekommen.

Bei uns in Deutschland denkt niemand daran, jene Enttäuschungen der afghanischen Ration oder ihrer Dynastie nachzutragen. Was über den jungen Herrscher lautbar geworden ist, der jetzt als er st er Monarch dem vor bald einem Jahrzehnt mit republikanischen Ordnungen aus­gestatteten Deutschen Reich eine Staatsvisite ab- stattet, ist geeignet, günstige Vorurteile für seinen Charakter zu erwecken. Er scheint die äußeren Formen der westeuropäischen Zivilisation für sich und seine Umgebung mit dem Ceichmack angenom­men zu haben, dessen Abwesenheit der persönlichen Würde exotischer Potentaten sv leicht Abbruch tut. Sein Stteben, die technische Kultur des Abendlandes seiner Heimat zunutze zu machen, scheint ihm echte Herzenssache zu sein. Freilich wäre es ein Wunder, wenn nach den gewalttgen Gewinnen, die Japan seine Europäisierung ein- gebracht hat, asiatische Landesherren sich der Racheiferung noch entzögen. Daß man äckllah aber auch für die im sittlichen Empfindungshori­zont der christlichen Kulturwelt wurzelnden Le- benssormen Verständnis besitzt, dafür dürste fein Liebergang zur Monogamie sprechen. Er ist wohl der erste Orientale, der eine solche Rund­reise in Begleitung einer einzigen legitimen Gemahlin veranstaltet.

Lind er hat Beweise abgelegt, in welchem Grade ihm an der Anknüpfung und Entwicklung engerer Beziehungen eben mit uns Deutschen gelegen ist. Deutsche Ingenieure hat er in her­vorragendem Maße in sein Land gezogen, um ihn bei dessen Aufschließung zu unterstützen. Gewiß würde er auch gerne deutsche Kapi­talien dort fruchtbringend anlegen la en. wenn unsere eigene, durch den Krieg geschwächte Fi­nanzkraft solche Unternehmungen in größerem Umfange gestattete. Afghanistan soll ja nicht eben ein Land von sprichwörtlicher Fruchtbarkeit sein, kein Erdstrich, auf demMilch und Homs fließt". Aber es enthält doch auch zahlreiche bei genügender Bewässerung entwicklungssähige Oasen, geeignet zum Anbau tropischer und sub­tropischer Erzeugnisse, wie der Baumwolle, deren Bezug aus einem unseren Bedürfnissen wohl­wollenden Auslande nach dem Verlust unserer eigenen Kolonien doppelt dringlich geworden ist. Und hochpolitisch fehlen alle und jede Rei- bungsslächen, wie wohl selten, in den Beziehun­gen beider Länder. Auch der vorjährige Zwi­schenfall, die ungerechte Verurteilung eines deut chen Forschungsreisenden durch einen af­ghanischen Gerichtshof, ist auf gütlichem Wege glatt erledigt worden, hat allerdings gezeigt, wieviel für die Verbesserung der dortigen Rechts­pflege noch zu tun bleibt. Dah unter unseren maßgebenden Männern leine blindwütigen Dok- trinäre sind, die dem gesündst redenden Herrscher als Fundament aller Re ormen den abendländi­schen Parlamentarismus ausschwatzen mochten wird die Verständigung noch erleichtern. Lind wir haben auch nicht die geringste ilrfac. e, Qlman LIllahs Sympathien für unsere deutsche Ration auszunutzen, um ihn seinem englischen Rachbarn zu entfremden'/ von dessen Befriedigung soviel für einen stetigen Fortschritt Afghanistans ab­hängt.

In diesem Sinne entbieten wir dem könig­lichen Paare, das unsere Reichshauptstadt zum

Zusammentritt des Genfer Gicherheitskomitees.

In Genf will man jetzt das Sicherheits- Problem sehr eingehend untersuchen und sich darüber schlüssig werden, ob es ratsam ist, der Abrüstungskonserenz den Abschluß d o n 13 er­trügen nach dem Locarno-Vorbild zu emp­fehlen. Wir wissen nicht, wie die Resolution aussehen wird, die schließlich zur Annahme ge­langt. Darüber besteht aber in allen einsichtigen Kreisen Europas längst kein Zweifel mehr, dah der Ausbau der internationalen Schiedsgerichts­barkeit theoretisch jedes weitere Auf- rüsten unnötig macht. Ein vollständiges Ver­tragssystem aber mühte automatisch zur Ver­minderung der gesamten Rüstungsbestände führen. In der Praxis wird sich allerdings vor­läufig mit noch so gut gemeinten und annehm­baren Beschlüssen der Genfer Sicherheitskonfe­renz nicht viel anfangen lassen. Rach wie vor be­trachten sich die Rationen mit einem grenzen­losen Mißtrauen, das zwar den Abschluß von Verträgen nach dein Locarno-Muster nicht unmöglich macht, aber jede günstige Auswirkung aus den europäischen Rüstungsstand im Keime erstickt. Man wird sich sicherlich noch ein weiteres Jahrzehnt bemühen, die eigene nationale Sicher­heit s i ch selbst durch starke Armeen und Mili­tärbündnisse zu garantieren.

Militärische Abmachungen zwischen zwei oder drei Staaten brauchen nun keineswegs als Be­drohung des Friedens oder der Sicherheit eines anderen Volkes aufaefaßt zu werden. Tatsächlich unterscheidet sich aber auch ein sog. Defensiv­vertrag durch nichts von denjenigen Abmachun­gen, deren Spitze gegen einen unbequemen Rach- bam gerichtet ist. Lord Robert Cecil hat durchaus recht, wenn er aus Anlaß der Genfer Tagung betont, dah Defensiv Verträge den Abschluß von Gegenverträgen auslösen und dadurch die allgemeine Unsicherheit nur vergrößern. Cs ist ganz selbstverständlich, daß unter diesen Umständen jede Resolutton des Sicherheitskomitees, die sich für den Ab­schluß von Schiedsverträgen zum Zwecke der Rüstungsverminderung ausspricht, auf steinigen Boden fallen muh.

Tatsächlich wird in Europa heute wieder flott mit Defensivverträgen gearbeitet, die nicht nur auf dem Papier stehen, sondern jeden Ver­tragspartner zwingen, sich auf einen Abwehr­krieg vorzubereiten. Mit anderen Worten aus- gedrückte jede Ration wird veranlaßt, durch Höchstleistungen auf dem Gebiete der militä­rischen Ausrüstungen sich vor der anderen den Vorsprung zu schaffen, der ihr Me Sicher­heit gibt, daß man sie in Frieden läßt. Offen- siv- wie Defensivverträge sind also nichts an­deres als ein Antrieb zu verstärkter Rüstung. Wir haben in unserer Denkschrift zur Sicherheitsfrage Wert auf die Feststellung gelegt, daß das Uebel schon an der Wur­zel bekämpft, also auch diese Vertragc beseitigt werden müssen, weil sie kriegerische Auseinandersetzungen vorbereiten. Alles, was in Genf beschlossen und der Abrüstungskonferenz empfohlen wird, bleibt solange Kräftevergeudung als man sich grundsätzlich auf den Standpunkt stellt, dah zuerst einmal d i e M i 1 i t ä r ve r- tr äge gelöst werden müssen, was bet Ver­wirklichung dieses Gedankens eine sofortige sehr starke internationale Entspannung im Gefolge

hoben würde. Rur bann wird sich eine Schieds­gerichtsbarkeit mit Erfolg ausbauen und auch auf alle politischen Streitfragen ausdehnen lassen.

Ein deutscher Vorschlag.

Dens, 20. Febr. (WTB.) Das Sichcrheits- komitee des Völkerbundes ist unter dem Vor.itz des tschechoslowakischen Außenministers B e - nesch zu seiner zweiten Tagung zusammen­getreten. Die Bildung dieses Komitees erfolgte bekanntlich Anfang Dezember v. I. auf Grund eines Beschlusses der letzten Völkerbundsver­sammlung. Dem Sicherheitskomitee gehören sämt­liche im Vorbereitenden Abrüstungsausschuß ver- tretenen Staaten, darunter auch alle Rats- Laoten, an mit Ausnahme der Vereinig- t e n Staaten, die ihre Teilnahme abgelehnt haben, während die s o w j e t r u s s i s ch e R e - g i e r u n g durch einen Beobachter in der Person von Doris Stein vertreten ist. Deutschland ist durch den ehemaligen Staatssekretär im Aus­wärtigen Amt, Dr. von Simon, vertreten, Frankreich durch P a u l - B o n c v u r. Als Material für die neue Tagung des Sichcrheits- komitees liegen die Ende Januar in Prag aus­gearbeiteten Bericht des finnischen Delegierten Holsti über das S ch i e d s p r o b 1 e m , des griechischen Delegierten Politts über das Si­ch er heitsproblem und des holländischen Delegierten Rutgers über Auslegung gewisser Bestimmungen des Völkerbundspa k- t e s vor. Diese Berichte haben für die Bera­tungen des Sicherheitskomitees nur die Bedeu­tung von vorbereitendem Material zur Infor­mierung der Komiteemitglieder, die vollkommen unabhängig über die weitere Art der Ver­handlung unb über ihre Zielsetzung zu bestimmen haben. Diese Auffassung unterstrich auch Be­ne s ch in seiner Eröffnungsrebe. Rach biefen Denkschriften, fo fügte Benesch hinzu, soll es nicht dem Dölkerbund zustehen, sondern den verschiedenen Staaten überlassen bleiben, i n vollkvmener Freiheit Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit in bestimmten Gebieten zu ergreifen. Für den Erfolg der sechsten Tagung dezeichtteke Benesch eine eingehende Aussprache über die einzelnen Seiten des Schieds- und Sicherheitsprvblems als wichttgste Voraussetzung. In Dolkerbundskreisen wird damit gerechnet, daß die Tagung des Sicherheitskomitees etwa acht bis zehn Tage dauern wird und auf jeden Fall vor der am 5. März stattsindenden Rats­tagung abgeschlossen werden kann.

Die allgemeine Diskussion wurde von dem eng­lischen Delegierten Lord Cushendum eröffnet. Gegenüber dem Umstand, daß es noch an Vertrauen im Völkerbund fehle, unterstrich Lord Cushendum die besondere Bedeutung und Richtigkeit der von Benesch über den vorliegenden Bericht gemachten Feststellung, daß der Völkerbund bereits in einem Ausmaß Sicherheit geschaffen habe, dessen ganzer Wert anerkannt werden müsse und das in der Mehrzahl der Fälle zur Verhütung von Kriegen a u s r e i ch t. Den als ergänzende Maß­nahme zu fordernden Vorschlag auf D r g a n i f i c rungdersinanziellenUnter st iitzung an­gegriffenen Staaten lege die britische Regierung be­sonderes Gewicht bei. Zu Beginn der Nachmit­tagssitzung gab

ersten Male auf einem Gastbesuch berührt, ein herzliches Willkommen.

Wie wohnt Aman Llllah in Berlin?

Die Herrichtung desPrinz-Albrecht-Palais.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

B e r l i n , 21 Febr. Die Vorbe.eitungs r eiten im Prinz-Albrecht-Palais, in dem bas afghanische Königspaar währenb der Dauer seines hiesigen Aufenthaltes Wohnung nehmen soll, nähern sich bem Ende. Die Frontmauern für die Schilbwachen werden gestrichen. Der Garten wirb mit gelben Tulpen geschmückt, bte Wege mit frischem Kies bestreut, Es ist mcht ganz leicht für die junge beutsche Republlk, ein Protokoll für berartige Empfänge zu schaffen, ist es doch bas erstemal, bah ein berarttg hoher Gast in Berlin zu Besuch weilt. Das alte Protokoll ber Kaiserzeit konnte doch nicht mehr verwendet werben unb so hat man sich Muhe ge­geben, ein ber Würbe der Republik entsprechen­des neues Protokoll zu schassen. Die Wohn- frage wirb ja nunmehr einmal auch für e n D * gültig gelöst werben müssen. Diesmal hat man es eben mit ber Abmietung getan. Schon der Eingang bes Palais verrät, bah em exoti­scher Besuch kommt Die Uhr ist mit einem arabischen Ziffernbla11 vergehen wor­den. damit der König nicht wie in Paris, o t e Zeit verfehlen kann. In dem unteren Stock­werk sind die privaten Gemächer des Königs- Paares gelegen. Unter ihnen fällt das fog. kleine Eßzimmer auf, das durch eine rctd)c Porzellansammlung ausgeschmückt ist. Die Ge­sellschaftsräume sind im ersten Stockwerk unter­gebracht Der große von Schinkel m wunder­voller Weise ausgestattete Saal ist als Speise­saal hergerichtet. 3n ihm wird auch der ©mb- fang des diplomatischen Korps am Mittwochabend stattfinden. Der andere von Schinkel ausgestattete Raum ist als Teesalon

gedacht In ihm werden die Heineren Empfänge stattfinden Das Gefolge des Königs, das sich ungefähr auf 23 Personen belauft, wird im zweiten Stockwerk wohnen. Ebenso ist der Schwiegervater des Königs, der afghanische Auhenminister, im zweiten Stockwerk unter- gebracht Während der Dauer des offiziellen Aufenthaltes ist die afghanische Staats- flagge auf dem Palais gehißt. Die Traiteure, die eine besonders schwierige Aufgabe zu lösen haben, da der afghanische Speisezettel an eine Unmenge von rituellen Gebräuchen gebunden ist, sind dem Personal des Reichspräsidenten entnommen worden, das sich ja zu einem großen Teil aus der Bedienung des früheren Kaisers zusammensetzt.

Das Arbeitsnotprogramm.

Was wird aus der Achlzchncrkommission für die -Verwaltungsreform?

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin, 20. Febr. Das Reichskabinett befaßte sich heute erneut mit dem Arbeitsnot- Programm und insbesondere der Vorbereitung und Sicherstellung seiner parlamentarischen Er­ledigung. Obgleich man bis heute noch fast all­gemein der Ansicht war, daß die verschiedenen Forderungen der Parteien an das Budget in ihrer Gesamtheit die Kräfte unseres Reichshaushaltes weit übersteigen würden, ist man nun doch zu einer vorläufigen Einigung gekommen, die für den Haushall nicht einmal eine so große Belastung bedeutet, wie man ursprünglich annahm. Wie wir Horen, schätzt man die Mehrkoste n. die durch das sog. Rotprogramm entstanden sind, auf rund 150 Millionen Mark in ihrer Gesamtheit. Diese Reuansorderungen, die sich hauptsächlich aus den Wünschen der Landwirt schast und der Kleinrentnerfürsorge herausgebil­det haben, sind aber im Prinzip gebe ck t. Man hat berechnet, dah die Zölle, die für 1928 außerordentlich vorsichtig angefetzt worden sind,

der deutsche Delegierte, Staatssekretär z. O. v. Simson

eine längere Darlegung des deutschen Stand­punktes. Mit großem Rachdruck entwickelte Herr v. Simson die These, daß ber Ausbau der Sicher­heit notwendig die Scha sung eines bcfr.ebigcnbcn Verfahrens zur friedlichen Regelung aller Streitfälle ohne jede Ausnahme mitumlaifcn müfse. Für die politischen Streitfragen hält Herr v. Simson den Ausbau des Vermittlungs­verfahrens für am zweckmäßigsten, da unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine obliga­torische Schiedsgerichtsbarkeit in diesen Fragen noch nicht erreichbar sei. Die deutsche Anregung geht dahin, die Staaten könn­ten sich verpflichten, einstweilige Verfü­gungen zur Ausführung zu bringen, die prä­judizielle Maßnahmen hinsichtlich der Streit­gegenstände verhindern sollen. Solche einstweili­gen Dersügungen konnten nicht nur, wie beim Locarno-Vertrag, von den zuständigen Vergleichs- kommissionen erlassen werden, sondern a u ch v o m Rat. wobei jedoch die Parteien und das ist das Reue gegenüber der Satzung nicht im voraus zur Ausführung verp lichtet wären. Herr v. Simson betonte sodann insbesondere die Wich­tigkeit, die Maßnahmen zur Verhütung des Krie­ges so auszubauen, daß dieWahrscheinlich- keit des Ausbruches von Feindselig­keiten so gering wie möglich wird. Hierdurch werde insbesondere auch die B e st i m m u n g d c s Angreifers erleichtert werden. Aus dem Ge­biete ber Präventivmaßnahmen regte Herr von Simson an, daß sich die Staaten verpachten könnten, Empfehlungen des Rates über die Auf­rechterhaltung des militärischen Status quo zu befolgen, und falls bereits Feindseligkeiten aus- gebrochen find, einen Waffenstillstand zur Schaffung eines neutralen Gebietes zwischen den beiderseitigen Stteitkräften zu schlie­ßen. Der Redner nahm hinsichtlich der regio­nalen Pakte eine etwas skeptische Haltung ein. Er wies darauf hin, daß man die regionale Lösung nicht ohne weiteres auf beliebige andere Gebiete übertragen könnte. Dor allen Dingen käme es auf den Inhalt der Regionalpakte an. Sie dürften keinerlei Spitze gegen außenstehende Staaten enthalten, da .hierdurch eine Art D e f e n s i v a l l i a n z geschaf­fen würde, die für den Völkerbund durch die Schaffung einzelner Staatenqruppen außerordent­lich gefährlich werden würde.

Rußland fordert erneut die sofortige Abrüstung.

Ein Moskauer Konvenlionsentwurf.

Genf, 20. Febr. (MTV.) Die sowjelrussische Re­gierung hat durch Vermittlung ihres für die Ta­gung des Sichcrheitskomikees nach Genf entsandten Beobachters Boris Stein dem Generalsekretariat des Völkerbundes einen üonoentionsent- wurf über die allgemeine und voll­ständige Abrüstung überreichen lassen. Die Konvention sieht die sofortige Inangriff­nahme der allgemeinen re st losen A b -

diese Mehrbelastung von 150 Millionen aller Wahrscheinlichkeit nach schon allem einbringen werden. Die veranschlagten Einnahmen der Zölle sür 1928/29 sollen 1050 Millionen betragen, aber bereits schon jetzt haben die Zolleinnahmen im lausenden Jahre 1927/28 diese Ziffer über­stiegen. obgleich bis zur Abschluhrechnung noch zwei Monate fehlen.

Keine Schwierigkeiten macht der N a ch t r a g s - e t a t mit seinen 600 Millionen, da feine wichtigsten Posten bereits, wie die Deamtenbefoldung, fest» stehen uni> nur noch die Kosten für das Liquidati­on sjchädengesetz, soweit sie das vergangene Jahr be­treffen, eingefügt werden müssen.

Neben der Behandlung dieser laufenden Angele­genheiten wurden die Kabinettsberatungen über die Zusammensetzung der Kommission zur Berfassungs- und Verwaltung s- r ef o r m zu Ende geführt. Sobald nunmehr die auf der Länderkonferenz in Aussicht genommene Fühlungnahme mit de n L ä n de r r e g i e- rungen hinsichtlich der personellen Zusammen» setzung durchgesüh'rt ist, wird die Reichsrcgierung die gemischte Kommission alsbald zur Aufnahme ihrer Refonnarbeiten nach Berlin einberu- f e n. Merkwürdigerweise ist der amtlichen Verlaut­barung nicht zu entnehmen, ob dabei die schwierige Frage gelost ist, ob man schon jetzt aus dem Kreide der Reichsminister, die dem Reich zustehen­den Vertreter für diese Kommission zur Vcrwal- tungsreform ernannt hat oder ob man überhaupt jetzt auf eine endgültige Besetzung verzichtet hat. Schließlich sollen sich die Arbeiten dieser Kommis­sion auf längere Zeit erstrecken, aber ihre Mitglie­der würden, soweit sie Reichsminister sind, in eine seltsame Lage kommen, wenn ihnen gleichsam der Boden unter de n Füßen weg gezogen würde, im Falle die gegenwärtige Reichsregierung aus irgendeinem Grunde ihren Abschied nähme. Es ist bedauerlich, daß durch eine höchst seltsame Ver- schleppungstaktik es nicht gelungen ist, seit der Ia- nuarkonserenz rechtzeitig genug diese Kommission zustandezubringen.