Ausgabe 
19.3.1928
 
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auch angemessene Erhöhungen der Arbeiterlöhne. 3m Kraftpo st wesen sehe ich keine Ein­nahmequelle, sondern eine gemeinnützige Ver- kehrsverbesseruny. Die Derkrastung des Land­bestelldienstes toirö jetzt durchge.ührt. Eine Ver­letzung des Briefgeheimnisses ist dabei ausge­schlossen.

Nach Ablehnung der kommunistischen Streichungsanträge wird auch das kommunistische Mißtrauensvotum gegen die Stimmen von drei anwesenden Kommunisten unter großer Heiter­keit abgelehnt. Einstimmig wird der Antrag M o l l a t h (W. 03.) auf Ermäßigung der Fern­sprechgebühren für Wenigsprecher angenommen und der Etat in zweiter Lesung erledigt. Sams­tag kleinere Vorlagen und der Haushalt des Reichspräsidenten.

Faszistische Flottenpolitik.

Mussolini hat sich durch die verschiedenen Be­mühungen, dem Wettrüsten zur See Einhalt zu gebieten, nicht einen Augenblick irre machen lassen: er hat vielmehr für die beschleunigte Durchführung seines Flottenbau­programms gesorgt, so daß in wenigen Jahren die italienische Flotte einen Zuzug von 65 modernen Einheiten erhalten wird. Es handelt sich dabei zwar nicht durchweg um Grobkampf- schiffe, an 10 0cX>-Tonnen«Kreuzern werden über­haupt nur vier in Dienst gestellt, wohl aber sind die Torpedo- und Antersceboots- flotillen recht beachtlich, ünb das vor allem deswegen, weil im Mittelländischen Meer große Entfernungen nicht zurückzulegen sind, so daß sie im Kriegsfälle eine nicht unbedeutende Rolle spielen werden. Da nicht anzunehmen ist, daß Mussolini mit dem Jahre 1931 aufhören wird, die italienische Flotte auszubauen, sondern mit einem neuen Flottenbauprogramm aufwarten dürfte, stehen erhebliche Kräfteverschie­bungen im Mittelländischen Meer bevor. Wenn auch England gegenwärtig mit Italien in gutem Einvernehmen lebt und sich der Hoff­nung hingibt, in Italien eine stille Reserve gegen Frankreich zu besitzen, so wird man in London doch die italienischen Neubauten arg­wöhnisch beobachten, da Mussolini kein anderes Ziel im Auge hat, als die Herrschaft im Mittelländischen Meer an sich zu reißen. So leicht wird ihm das aber nicht gelingen, weil auch noch Frankreich und England ein gewichtiges Wort mitzureden haben. In den letzten Jahren sind im Mittelländischen Meer so starke Flottenkonzentrationen durch die Eng-- länder und Franzosen erfolgt, daß es hier am ehesten zu kriegerischen OZcrwicklungen kommen kann.

Feuerwehrverbandstag in Gießen.

Gestern fand im Sitzungssaale des Regierungs­gebäudes am Landgraf-Philipp-Platz der Früh- jahrsocrbandstagder Freiw. Feuer­wehren imKreise Gießen statt, der von den Vertretern von 14 Wehren besucht war. Don der Regierung war Reg.-Assessor Dr. G ü n g e r i ch an­wesend, sowie Kreisfeuerwehrinspektor DickorL. Branddirektor Braubach (Gießen) war am Er- scheinen verhindert.

Der Vorsitzende, Brandinspektor F. Wenzel, eröffnete um 3 Uhr die Tagung mit begrüßenden Worten. Sodann gab er den Jahresbericht bekannt, aus dem u. a. zu entnehmen war, daß im verflossenen Jahre die Zahl der Mitglieder des Kreisvcrbandes sich aussteigend bewegte: 1926 27 waren es 1533, dagegen 1927 28 1639 zahlende Mit­glieder. Die neugegründete Freiw. Feuerwehr Watzenborn-Steinberg mit 53 Mann w urde in den Kreisverband ausgenommen. Erfreulicherweise tonnte auch berichtet werden, daß noch eine Anzahl Gemeinden vor der Gründung freiwilliger Feuer­wehren stehen. Der nächste Kreisverbands- t a g findet am 8. Juli in Heuchelheim statt, wo die Freiw. Feuerwehr ihr 50jähriges Bestehen feiert. Der Provinzialfcuerwehrtag der Provinz Oberhesten, zugleich Feier des 75jährigen Bestehens der Freiw. Feuerwehr, findet am 9. und 10. Juli in Alsfeld statt. Der Deutsche Reichs­feuerwehrtag ist vom 6. bis 13. Juli in Breslau. Der Vorsitzende gedachte der dem Kreisverband an­gehörigen verstorbenen Mitglieder, Bürgermeister Völker (Lich), des eifrigen Förderers der Feuer-

Kaleidoskop der Verhängnisse.

Von Dr. Frih Adolf Hünich.

Es ist so unendlich viel Trübsal und schlimme Schickung in den Spalten der Zeitungen, daß wir achtlos und abgestumpft dagegen werden, zumal da uns das eigene Leben meist Last genug ist, aber neben den allgemeinen und sozusagen land­läufigen Schick, al sschlägen, mit denen jeder rechnet, erschrecken von Zeit zu Zeit durch ihre Gewalt­samkeit und unwahrscheinliche Tragik jene ge­heimnisvollen Geschehnisse, in denen sich dunkle und unbegreifliche Mächte gegen die arglose Kreatur verschworen zu haben scheinen. Ollle Launen und grausigen Ironien spielen um den armen Menschen, den das Schicksal ousettehen hat, in ein Netz von Zufällen verstrickt zu wer­den, um darin den tragischen Umschwung oder Ausgang seines Lebens zu erfahren. Die Be­richte davon, Berichte der Wirklichkeit, reden oft eine eindringlichere Sprache als die Erfindungen der Dichter.

Am 25. Februar 1911 wurde der Fleischer Eduard Trautmann aus Münsterberg vom Schwurgericht in Glatz zu einer Zuchthausstrafe von zwölf Jahren verurteilt, weil er, aus Grund einer Indizienkette, an deren. Ende der Staats­anwalt mit Emphase ausrief: »Vernichten Sie diese Bestie in Menschengestalt!" schuldig ge­sprochen worden war, am 21. Dezember 1909 die Fabrikarbeiterin Emma Sander ermordet zu haben, deren kunstvoll zerstückelten Rumpf man am Tage darauf in einem Gehölz bei Neuhof, un­weit Münsterberg, aufgefunden hatte. Don allen, die sich berufsmäßig mit der Mordsache belassen mußten, war nur einer von der Unschuld des Angeklagten überzeugt: sein Q3erteiSiger, der Rechtsanwalt und Notar Walter K ü h n e, der olles aufbot, Scharfsinn und Leidenschaft, um die Anklage von der Haltlosigkeit ihrer Beweise zu überzeugen. Vergebens! Es gelang ihmnur", den Kopf des Beschuldigten vor dem Beile des Henkers zu retten, indem er einen der Geschwo­renen stutzig machte, dessen Stimme denWahr"- Spruch zu Trautmanns Gunsten entschied. Von der Unentschlossenheit eines einzigen zögernden Herzens hing das Leben eines Menschen ab.

wehrsache, sowie zweier Feuerwehrveteranen, Kame­rad Christian Vater und Heinrich Sauer (Gie­ßen), in üblicher Weise.

Der Rechner, Kamerad Heinrich (Lollar), er­stattete den Rechenschaftsbericht. Für seine Mühewaltung und korrekte Rechnungsführung wurde ihm der Dank der Kameraden zuteil und die bean­tragte Entlastung erteilt. Der Schriftführer, Kamerad B r e i t h e r, gab das Protokoll vom Herbstver­bandstag in Hungen bekannt.

Unter Anträge stellte dieFreiwilligeWehr Lollar den Antrag:Der Verbandstai möge be­schließen, die Ehrenmitglieder der Wehren von den Verbandsbeiträgen zu befreien." Es wurde be­schlossen, da die Kasse gegenwärtig sehr belastet ist, diesen Antrag für nächstes Jahr auf die Tagesord­nung zu fetzen.

UnterVerschiedenes" kamen nochmals die Be­gebenheiten auf dem Landesfeuerwehrtag 1 9 2 7 in Worms zur Sprache. Es wurde mitge­teilt, daß eine neue Regel für diese Tagungen vor­gesehen sei, die auf dem Provinzialfeuerwehrtag in Alsfeld schon Anwendung finde.

Kreisfeuerwehrinspektor Dickors kam dann auf die im Januar und Februar stattgehabten Feuer- wehrkurse zu sprechen. Am Schluß der Führer- furfc in Hungen sei die Frage gestellt worden, ob es statthaft sei, Benzin in offenen Gefäßen innerhalb geschloffener Hofreiten zu vertanken, wenn in der Hofreite z. B. Autorepara­turen Dorqenommen werden und wenn in der Nähe sehr leicht brennbare Stoffe lagern, sowie sich eine Waschküche mit offenem Feuer befände? Da wohl darüber gesetzliche oder polizeilich. Bestimmungen be­stehen, ging diese Anfrage an das Kreisamt und an das Gewerbeaufsichtsamt Gießen. Daraufhin erging folqender Bescheid:Selbst wenn nicht ab- oder um- gefüllt wird, ist u. E. eine Lagerung überhaupt u n - zulässig, wenn in der Nähe eine Waschküche sich befindet ober eine Schmiede-, Azetylen-, Schweiß­anlage ober eine andere Feuerstellc neben dem Benzinlager ausgestellt ist.

Nach der Aussprache über die Angelegenheit fan­den noch einige geschäftliche Dinge ihre Erledigung, worauf um 5.15 Uhr der Vorsitzende mit Worten des Dankes an die Teilnehmer die Tagung schließen konnte.

Provmzialdirekior Kranzbühler-Darmsiadi f.

WSN. Darmstadt, 17. März. Heute nach­mittag verschied plötzlich an einem Schlag­anfall der Provinzialdirektor der Provinz Starkenburg Dr. Kranzbühler.

Dr. Kranzbühler wurde am 5. August 1870 als erster Sohn des damaligen Verlegers der Wormser Zeitung" Eugen Kranzbühler in Worms geboren. Nach Absolvierung des Gym­nasiums studierte er in Gießen Juris­prudenz. Er wandte sich dann dem Verwaltungs­dienst zu. Von 1897 bis 1902 war er Ministerial- sekretär in Darmstadt, bis 1911 Kreisamt- mann in Gießen, nachher Regierungsrat in Schotten und Kreisdirektor in Erbach. Er war auch einige Jahre K^binettssekretär beim Grohherzog. Während des Krieges war er nach der Besetzung Belgiens Chef der Provinzialver- waltnng in Namur. Darauf bekleidete er die Stelle eines hessischen Kommissars beim Reichs- kommisfariat für die besetzten Gebiete mit dem Sih in Mainz. Wegen seines wirksamen Ver­tretens der deutschen Interessen wurde er aus dem besetzten Gebiet ausgewiesen. Nach einem kurzen Dienst im hessischen Ministerium wurde er dann 1923 zum Provinzialdirektor der Pro­vinz Starkenburg und K-eisdirektor des Kreises Darmstadt ernannt. Provinzialdiretor Dr. Kranzbühler war in weiten Kreisen wegen seines ausrechten und geraden Charakters sehr geschätzt. Er brachte außer den Verwaltun"'s- aufgaben und den wirtschaftlichen Belangen der Provinz Starkenburg auch den kulturellen Be- strebungen viel Verständnis und Liebe entgegen; besonders interessierte ihn die geschichtliche und kunstgeschichtliche Vergangenheit. Eifrig hat er u. a. die Ausgrabungen gefördert, namentlich auch die am Kloster Lorsch. In mehreren Zeit­schriften und Schriften beschäftigte er sich mit den Kunstdenkmälern seiner Vaterstadt Worms. Er war ein eifriger Anhänger der humanistischen Bildung und leitete in Darmstadt einen Verein, der diese Bestrebungen fördert. Die Leistungen des allzu früh Verstorbenen auf dem Gebiete des

Verwaltungswesens und des Wirtschaftslebens der Provinz Starkenburg, sowie feine charakter­volle Persönlichkeit werben die Erinnerung an ihn noch lange wachhalten.

Staatspräsident Adelung hat an die Witwe des Verstorbenen nachfolgendes Telegramm ge­richtet: «Tief erschüttert erhalte ich soeben die Nachricht vom plötzlichen Tode Ihres von mir hochverehrten Herrn Gemahls. Ich übermittele Ihnen den Ausdruck meiner wärmsten und auf­richtigsten Teilnahme. Der Tod Ihres Gatten bedeutet für den hessischen Staat einen schweren Verlust." Innenminister L e u s ch n e r hat in einem längeren Handschreiben der Witwe seiner wärmsten Teilnahme versichert. Oberbürgermeister G l ä s s i n g von Darmstadt hat in einem länge­ren Telegramm dec Witwe Dr. K.anzbühlers sein herzlichstes Beileid ausgesprochen und dabei betont, daß die Stadtverwaltung in größter Dank­barkeit der Dienste des Verstorbenen gedenke. Besonders betonte er seine Verdienste in der Sache der Ferngasversorgung.

Obsrhessen.

Große Kommrmalprojekie in Klein-Linden.

00 Klein-Linden, 18. März. Schon lange vor dem Kriege beschäftigte man sich in unserer Ge­meinde mit der Frage der W a s s e r b e s cha f f u n g und der Kanalisationsanlage. Wohl wur­den auch verschiedentlich Versuche gemacht, das Werk zu beginnen, aber alle Versuche scheiterten im­mer wieder, nicht zuletzt wegen her hohen Kosten. Daß eine Wasserleitung heute eine unbedingte Not­wendigkeit ist, wird wohl kein Mensch mehr be­zweifeln wollen; baß natürlich beute noch größere Kosten entstehen als früher, liegt auf der Hand. Um nun den hiesigen Gemeinberat über die Sache aufzuklären, waren durch bas Kulturbauamt Gießen Kostenooranschläge über verschiedene Projekte aus­gestellt worben, die in der Gemeinderatssitzung vom Donnerstagabend durch Regierungsbaurat Stein­bach und Kulturinspektor Friedel eingehende Erörterungen fanden.

Das nächstliegende Projekt ist das eines A n - fchluffes an das Wasserwerk der Stadt Gießen. Die Nachbarstadt Gießen erklärt sich bereit, die Wassevmengen für Klein-Linden bis an die Gemar- kunasgrenze der Stadt kostenlos zu liefern. Der Wasserdruck der Gießener Leitung soll genügend stark fein, um nicht nur den normalen Verbrauch, sondern auch bei Feuersgesahr den erhöhten Ver­brauch zu liefern. Ein Hochbehälter fei also beim Anschluß an Gießen überflüssig. Die Gesamtkosten einer solchen Leitung belaufen sich auf 96 000 Mark. Gerechnet wird (wie in Gießen) mit einem täglichen VerbrauH von 50 Liter Wasser pro Kopf; dies macht für die ganze Gemeinde pro Jahr 50 340 Kubikmeter bgi 330 Hausanschlüsien. An Verzin­sung, 8 Prozent, ferner Schuldentilgung, 1 Prozent, und sämtlichen laufenden Unkosten müßten durch die Gemeinde nach Fertigstellung der Leitung pro Jahr 15 920 Mark aufgebracht werden, mithin aus die Hofreite durchschnittlich 48 Mark. Dabei stellt sich der Kubikmeter Wasser auf 31,6 Pf., einschließlich einer Gebühr von 10 Pf., die an die Stadt Gießen zu entrichten ist.

Um den Wünschen verschiedener Temeinderats- Mitglieder entgegenzukommen, die der Meinung sind, bei eignem Wasserwerk in eigner Regie der Gemeinde besser und billiger zu Wasser zu kommen, war auch dieser Entwurf durch das Kulturbauamt ausgearbeitet worden. Allerdings müssen hierbei die Vorbedingungen erfüllt sein, daß auch genügend Wasser vorhanden und dieses gesund­heitlich einwandfrei ist. Da nach Ansicht der Fach­leute nur das Lahngebiet als Wasierlieferant in Frage kommen kann, so müßten dort einige Brunnen gegraben, das Wasser aber mit elektri­schem Pumpwerk auf einen Turm gepumpt werden. Der Turm müßte 24 Meter Höbe haben und ein­schließlich der Drandreseroe 200'Kubikmeter Nutz­inhalt fassen. Die Kosten für die Ausführung dieses Entwurfs stellen sich auf 158 000 Mark. An Ver­zinsung, Schuldentilgung, Abschreibungen und allen Unkosten wären nach Fertigstellung pro Jahr 20 860 M^irk aufzubringen, mithin auf die Hofreite rund 63 Mark, so daß also der Kubikmeter Wasser 40 Vf. kosten würde.

Die Kosten für die Kanalisation des gesam­ten Dorfes würden 185 000 Mk. betragen. Die lau­fenden Kosten nach Fertigstellung für Schuldentil­gung, Verzinsung und Unterhaltung stellen sich pro

Nur das Wissen ist das Leben, und der Irr­tum ist der Tod. Vergeblich war auch das Be­mühen des Verteidigers, im Jahre 1918 eine Begnadigung des Verurteilten herveizwühren, der immerfort seine Schuldlosigkeit beteuerte. Erst die Entdeckung des fürchterlichen Menschen­schlächters Karl Denke brachte, nahezu zwei Jahre nach Trautmanns Entlassung aus dem Zuchthaus, die Aufklärung eines Justizirrtums, wie er Gott sei Dank nur selten in den Annalen der neueren Rechtsprechung zu verzeichnen ist. In der Liste, die Denke über seine einund­dreißig Opfer geführt hat, steht an zweiter Stelle unterm 21. Dezember 1929 der Name Emma", der unschwer auf die ermordete Emma Sander zu deuten war. Neununüzwanzig Men­schen wären vor dem Schicksal dieses Mädchens bewahrt geblieben, wenn der Arm der Gerech­tigkeit den wahren Mörder sofort ergriffen hätte! Nach Ileberwindung von mancherlei Schwierig­keiten wurde vom Landgericht Glatz die Wieder­aufnahme des Verfahrens durchgesetzt und Traut­mann unter Verzicht auf eine öffentliche Haupt- verhandlung sreigesprochen.

Das Verhängnis, das den Lebensweg Isa­dora Duncans überschattete, blieb ihr bis in den Tod getreu. Wie vor vierzehn Jahren ihre beiden Kinder, so kam sie durch ein Auto ums Leben. Zwei seltsame, fast mystische Ereignisse, so lasen wir in einem Bericht, haben den tra­gischen Tod der großen Tänzerin begleitet. Ge­rade an dem Tage ihrer zum Tode führenden Autofahrt hatte sie begonnen, die Erinnerungen an ihren russischen Aufenthalt für ein amerika­nisches Blatt niederzuschreiben. Die Gestalt Sergej Jessenins, des bolschewistischen Dich­ters, ihres jungen zweiten Gatten, der sich nach kurzer exzentrischer Ehe in einem Gasthof Lenin­grads die Pulsadern geöffnet und erhängt hatte, war wieder in ihr Leben getreten. Am Abend fuhr das Auto, das sie zu einer Probefahrt bestellt hatte, vor dem Restaurant vor in dem sie mit einer Freundin zu Abend. Von einer plötzlichen Vorahnung ergriffen, beschwor diese sie, die Autofahrt zu unterlassen sie befürchte eine Katastrophe. Die Duncan beruhigte sie lachend, sprang in das Auto und warf das Ende des langen Schals, den sie zweifach um den Hals geschlungen hatte, herausfordernd nach rückwärts.

DaS Auto setzte sich in Bewegung, der zurückge­worfene Schal war mit seinen Fransen zwischen der Bremse und den Radspeichen hängen geblie­ben. Die ersten Drehungen des Rades erdrosselten die Tänzerin, die nicht einmal einen Laut von sich geben konnte. 2(13 Herr Folchetto, der Lenker, die reglose Duncan bemerkte, stoppte er sofort. Es war bereits zu spät. Sie lag entseelt, mit ge­brochenem Rückgrat, da.

Welche Tragödie ist in der folgenden Meldung enthalten! Ein sieb igjähriger Bankdircktor in Berlin hat einen achtundzwanzigjä'rigen geistes­kranken Sohn, der sich oft planlos herumtreibt und wiederholt durch die Vermißtenzentrale ge­sucht werden mußte, und beschließt, aus Furcht, ihn vielleicht hilflos zurücklassen zu müssen, ge­meinsam mit ihm in den Tod zu gehen. 2lls der Sohn noch im Bett liegt, schießt ihn dcr Vater in die Brust. Bei dem Versuch, dem Vater die Waffe au entreißen, erhält er noch zwei Schüsse in den Kopf. Es gelingt ihm, trotz seiner schweren Verletzungen aus dem Zimmer zu flüchten. Der Vater richtet die Waffe gegen sich selbst und ist auf der Stelle tot. Der Sohn wird ins K anken- Haus gebracht, wo sich berausstellt. daß die Schüsse nicht lebensgefährlich sind. Er wird nun doppelt elend sein.

Von dem Fluch der sortzeugenden bösen Tat wird man sprechen dürfen, wenn man von einer Begebenheit liest, die sich unlängst in Leipzig zugetragen hat. Der berühmte Schicksalsdramen­dichter Adolf Müllner hätte keine unheilvollere Handlung erklügeln können. Eine Selbstlodepistole wird von dem Angestellten eines Was enhändlers gestohlen und an einen Vetter weitergegeben. Dieser verkauft sie an einen jungen Lehrling, der ihren Mechan smus einem Kollegen erklären will, wobei sich die Waffe entlädt. Trotzdem das Geschoß dem unglücklichen Zuschauer die Leber zer'eht und den Darm achtmal durchschlägt, gelingt es, ihn am Leben zu erhalten. Der Verkäufer, der am schuldlosesten bei dem tragischen Ge­schehen erscheint, verläßt nach der polizeilichen Vernehmung sein Heim und ertränkt sich in der Wyrha. Der jugendliche Dieb wird zur Rechen­schaft gezogen, worauf die 2lngehörigen so in Aufregung geraten, daß einige von ihnen schwer erkranken.

Jahr auf rund 20 000 Mark, für die Hofreite dem­nach auf etwa 60 Mark, wovon allerdings die Hälfte durch ©emeinbeumlagen aufgebracht werben könnte. Don großer Wichtigkeit ist noch der Umftanb, daß durch die Provinz Oberhessen die Ortsdurchfahrt der Frankfurter und Wetzlarer Straße erst dann mit Kleinpflaster versehen wird, wenn Kanal und Wasserieietung in die Straße vorher eingebaut sind. Die Gesamttosten für Wasser und Kanal belaufen sich (beim Anschluß mit Wasser an Gießen) für die Hofreite jährlich auf 78 Mark.

Beim Anschluß an Gießen stellt sich nach Fertigstellung ber Wasserleitung der Kubikmeter Wasser auf 31 Pf., also bie Jahreskosten durch­schnittlich für eine Hofreite auf 48 Mark. Da nach 31 Jahren die Schuldenlast getilgt ist, so stellt sich alsdann der Stubifmeter Wasser auf rund 13 Pf., mithin betragen die Gesamtjahreskosten auf die Hofreite alsdann noch rund 20 Mark.

Bei eigenem Wasserwerk de r Ge­meinde sind nach Fertigstellung der Leitung für den Kubikmeter Wasser 40 Pf. zu bezahlen, mithin betragen bie jährlichen Kosten für eine Hofreite rund 62 Mk., also ungefähr ein Drittel mehr als beim Anschluß an Gießen. Nach 31 Jahren aber, wenn die Gesamtschuld getilgt ist, stellt sich der Kubikmeter Wasser nur auf rund 11 Pf., demnach bie Jahreskosten für eine Hofreite nur noch auf rund 17 Mark.

Landkreis Gießen.

w. Allen dorf (Lahn), 18. März. Dieser Tage ist der Storch wieder hierher zn - rückgekehrt und hat fein altes Quartier auf einem Baume am Iudenberg bezogen. Im vori­gen Jahre erschien er erst am 21. März. Hof­fentlich hat er nun auch den Frühling mitgebracht. Cs ist sehr zu wünschen, daß die Störche in ihrer Wohnung und auch sonst unbelästigt blei­ben, da es sonst sehr leicht möglich ist, daß sie sich von hier wenden. Dies wird besonders auch für die Brutzeit und die Zeit, in der sie die Jungen im Neste füttern, gelten.

al. Allendorf (Lahn), 18. März. Der GesellschaftsvereinGemütlichkei t, der im Jahre 1903 gegründet wurde, feiert in diesem Jahre am 17. M a i (Himmelfahrtstag) fein 25 jäh riges Bestehen. Der Verein zählt heute noch 29 Mitglieder, außerdem erfreut sich der Verein in unserem trauten Allendorf allgemeiner Achtung. Standesamtlich ist vom Jahre 1927 aus unserem Dorfe zu be­richten: Die Zahl der Geburten beträgt 19, die Zahl der Eheschließungen 8, der Sterbefälle 12, hiervon 4 in Gießen, 3 in der Klinik und eine Person im St. Josephs-Hospital.

4- Lang-Göns, 18. März. Dem hiesigen Oberbahnhofsvorsteher Heinrich Flach wurden für mehr als 40jährige Dienstzeit bei der Reichsbahn, während der er 20 Jahre als Vorstand des hiesigen Bahnhofs tätig war, Anerkennungsschreiben des Reichspräsidenten v. Hindenburg und des Ge­neraldirektors der Reichsbahn, Dr. Dorpmül­ler, überreicht. Flach ist Präsident des hiesigen Kriegervereins und ist allgemein beliebt.

* Eberstadt, 18.März. Der hiesige Gesang­vereinLiederkranz" oeranftaltete zur Feier feines 74jährigen Bestehens ein wohlgelungenes Konzert unter Mitwirkung eines Streichorchesters. Die Sänger brachten die Chöre mit feinem musika­lischen Verständnis und edler Tongebung zu Gehör. Das Orchester half den' Abend durch flott gespielte Weifen bekannter Tondichter verschönen, und ein Lylophonsolo löste großen Beifall aus. Die Leitung der gesanglichen sowie der instrumentalen Darbie­tungen lag in den bewährten Händen des Dirigenten Sarnes aus Hol'beim.

<D Lich, 17. März. Um Rutschungen und Sen­kungen am Eifenbahndamm der Gießen Gelnhausener Strecke vorzubeugen, ist der Einbau tiefer Rigole und Stütz­mauern an dem Damm nahe des Viaduktes an der Butzbacher Straße geplant. Mit Eisenbehn- waggons wurden hier in der letzten Zeit größere Mengen Sandsteine angefahren, die b:i den Be> feftigungsanlagen Verwendung finden sollen.

ch Lich, 18. März. Schon in früheren Jahren wurde es als ein Mißstand empfunden, daß sich ber bei der Turnhalle befindliche Turngarten für Spiele und volkstümlick^ Hebungen unserer Schul- klassen als zu klein erwies. Auch bei turnerischen Festlichkeiten, die im Freien abgehalten wurden, machte man dieselben Beobachtungen. Nun ist die­sem Hebel abgeholfen worden. Da unsere Stadt einen großen Teil des Turngartens zu Stra­ßenzwecken benötigt, so entschädigte sie den Turn-

Ein trauriges Ende nahm die Feier einer gol­denen Hoch eit in Dattenberg bei Linz am Rhein. Bei dem Feuerwerk, das aus diesem Anlaß ab­gebrannt wurde, flog eine Rakete quer über den Marktplatz in ein Fenster des Hauses, in dem das Fest stattsand und verletzte eine Enkelin der alten Leute tödlich, während einige andere Per­sonen mit leichten Verletzungen davonlamen. Der Feuerwehrmann, der die Ra ete abgeeuert hatte, war nur mit Mühe davon abzuhalten, sich das Leben zu nehmen.

Ein junges Mädchen wird von einem vorüber­fahrenden Auto, in dem ein Kaufmann auS Chemnitz, dessen Gat.in und Sohn, der den Wa­gen steuert, sitzen, aus Gefälligkeit mitgenommen unb verunglückt, als in einer der gefährlichen S K. r 'en d r B'rgcha..ssee Saalf^d-Arnsge- euth die ©tcu'Lung des tafa[itoä,td ar tenden Autos versagt, d eses gegen einen Prellstein fährt und umkippt, wobei die Insas en herausgeschleudert und zum Teil schwer verletzt werden.

Ein sünfundachttig Jahre alter Deutscher, der im Iayre 1863 nach Amerika ausgewandert und soeben nach Deutschland herüb'rg.kommen war. um seine Heimat nochmals zu sehen, wurde auf der Eisenbahnsahrt von Hannover nach Magde­burg, während er schlief, von einem Mitreisen­den um seinen Reisepaß, eine Schiffskarte, eine Bankanweisung, eine Rückreisekart? von Reutzork nach Manhattan und neun ExpresVchecks zu zwanzig Dollar bestohlen. Gastliche Heimct!

Angesichts eines heraufjie'ienben Gewitters wurde an einem heißen Augusttage in Gossa bei Bitter'eld auf dem Felde der Witwe König mit aller Kraft gearbeitet, um das Getreide trocken in die Scyeune zu bringen. Kaum war die letzte Garbe geborgen, als der Blitz in das Gebäude schlug und cs mit der gesamten Ernte einäscherte.

Die großen Katastrophen der Menschheit, in denen sich das Verhängnis zu vielfacher Potenz steigert, verändern das Antlitz der Völker, Län­der und Landschaften, das Einzelschicksal geht namenlos in dem Ausbruch der Clemente unter und verschwindet in der Masse ihrer Opfer; nur in der täglichen Chronik der kleinen Tragödien wird es sichtbar, eine Frage ohne Antwort, ein ewiges Rätsel der Vorsehung...»