Einzelbild herunterladen

Itr.297 Erster Blatt

178. Jahrgang

Dienstag, 18. vezember 1928

Gr|d)eint täglich, außer oonnjiags und Feierlag». Beilagen Die Illustrierte

Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

vezugrprei $ für 2 Wochen: 1 Reichsmark und 15 Reichspfennig für Träger, lohn, auch bei Nichter­scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanf chlüss«: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten. Anzeiger Gießen.

Postscheckkonto:

Frankfurt am Main 11686.

GietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

VrvS vnv Verlag: vrühl'sche Univerfitütr-Vuch' vnd SleindruSerel K Lange in Sietzrn. Schriftlettung und Goschastrftelle: Schnlfttaffe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm Höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Neichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20 mehr.

Thefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. DerantwoNlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Bietzen.

-6

DerAfghanenaufsiand gegen dieHerrschastAmanullahs

Kabul von aufständischen Truppen bedroht.-Das Königspaar in ein Fort geflüchtet. - Unsichere Lage der Europäer.

Neudelhi. 17. Dez. (Reutet.) BJle au» Kabul gemeldet wird, haben die Aufständischen nunmehr die Hauptstadt selbst angegriffen, wo­bei n zu erbitterten Kämpfen kam, die in Kabul große Beunruhigung verursachen. Nach Berichten von der Grenze sind König Amanullah und die Königin in ein Fort geflüchtet, da die Armee sich gegen sie gewen­det hat. Die Unruhen in Kabul und diejenigen in Zalalabad stehen offenbar in keinem Zusam­menhang. Die Bewegung in Kabul wird offen mit den radikalen Formen des Königs und dem Bestreben der Königin, den Schleier abzu- schaffen, begründet. Seit einem IRonaf ist der Brief verkehr zwischen Kabul und Indien einge­stellt. Bereits seit zwei Tagen wurde die Lage immer ernster. Sowohl bei Kabul wie bei 3alala- bad find Kämpfe im Gange. Die Aufständischen haben zwei kleine Forts bei Kabul genommen. Die aufständischen Stämme der Shinwaris und Khugianis in der Gegend von Jalalabad, mit denen Unterhandlungen im Gange waren, haben diese plötzlich abgebrochen und sich des vorgeschobe­nen Postens Afghan Kaja bemächtigt, wobei sie den Regierungstruppen Berluste zusügten. Zeder Ver­kehr mit Kabul hat ausgehört; aber durch Funktelegramme erfährt man, daß die dortigen Gesandtschaften sich in S icherheit be­finden.

Immerhin herrscht in amtlichen Kreisen Londons einige Besorgnis. Die Mitglieder der ausländischen Kolonien haben anscheinend Zuflucht tn ihren Ge­sandtschaften gesucht. Man weist darauf hin, daß es in Kabul fein befestigtes ausländi­sches Gefandtfchaftsvlertel gebe rote in Peking und keine ausländische Militär­wache. so daß die Sicherheit der Ausländer und ihres Eigentums naturgemäß von der guten Hal­tung der Regierungstruppen oder der Vernunft und Mäßigung der Führer der Aufständischen abhängen werde, wenn sich auch die Erbitterung der Aufstän­dischen wegen der Reformen des Köuigs gegen Moskau und Angora richte, fo fei doch mit der Möglichkeit einer chrisienfeindlichen Bewegung zu rechnen.

Rach einer Meldung der TU. aus Teheran be­stätigen sich die Meldungen über eine Gefangen- fchung des Konigspoares bisher nicht. Die Be- fetzung von zwei Forts in der Rahe von Kabul wird darauf zurückgcfiihrt, daß die Kommandanten dieser Befestigungsanlagen mit den Aufständischen in geheimen Beziehungen gestanden haben. Die Truppenteile außerhalb der Stadt sind von der Haupt st a d t abgeschnitten. Ucber Kabul ist der Belagerungszustand verhängt worden. Rach einer weiteren Meldung ist auch die telegraphische Verbindung zwischen dem Oberbefehlshaber der Kegierungstruppcn und dem König unterbro­chen. In Kabul sind sechshundert geheime An­hänger der Aufständischen verhaftet worden. Der König soll am Sonntag neue Angriffe auf die beiden von den Aussiändifchen besetzten Forts unter­nommen haben. Die Angriffe seien jedoch ergeb­nislos geblieben.

Alte und neue Hauptstadt des Reformkönigs.

Wochenlang formte man im Mai und -Suni dieses Jahres in Kabul keine Glühbirne Lau­fen. da alle Beleuchtungskörper zu der 3Uumi- naion der Hauptstadt gebraucht wurden, zu den Feierlichkeiten, mit denen bte Afghanen tfjrcn rückkehre nden König empfangen fronten. AIS er kam, brannte man Feuerwerk ab, erleuch­tete die schnell errichteten Triumphbogen, stellte seine Bilder in die Fenster der Häuser, um- jubelte Anranullah wie einen Eroberer. Als der erste Rausch der Begeisterung dann verflogen toar, wurde man sich bewußt, daß der König viel Geld für prächtige europäische Kleider, für europäische Möbel und für antareModerni­sierungen" ausgegeben hatte. Die Versuche des Königs, die äußerliche Europäisierung gewaltsam dadurch zu beschleunigen daß er bei; Abgeord­neten zwangsweise die Bärte abschneiden ließ und sie nötigte, einen Frack anzuziehen, fanden ebensowenig Gegenliebe wie die Verletzung reli­giöser mohammedanischer Vorschriften durch ihn und feine Familie. Afghanische Bergstämnre haben sich nun aufgemacht, Kabul zu erstürmen, unb sie beabsichtigen zivrifellos, dort alles zu vernichten, was europäisch ist.

Ungefähr 100 000 Afghanen unb 500 Europäer wohnen in Kabul, jener Stadt, die noch heute von dec nächsten Eisenbahnstation und dem nächsten Hafen nur in Wochen langer Verse zu erreichen ist. 1760 Meter übtr dem Meeresspiegel liegt die afghanische Hauptstadt, südlich des Hindukusch, taffen Berge bis zu 7000 Meter hoch sind, an einem Nebenfluß des Indus. ES ist eine schmucklose orientalische Stadl mit niedrigen Häusern, Moscheen und spitzen Mina­retts, durch die die Kamelkaralvanen ziehen, eine

ruhige Ortschaft mit armer mohammedanischer Bevölkerung eher ein großes Dorf alS eine Königsresidenz. Dem ehrgeizigen Amanullah genügte diese Hauptstadt nicht; einige Kilometer entfernt, durch eine breite Prachtstraße mit Kabul verbunden, ließ er sich einen neuen Regierungssitz erbauen, der nach ihm Dar ul Aman,Das Haus des Aman", genannt wird. Den Europäer, der die Zeugnisse alter Orientalin scher Kultur m Herat oder Phagman gesehen hat und der dieses verschlafenste aller mohammedani­schen Länder bereist, berührt es eigentümlich, mitten im Innern Asiens eine europäische Stadt zu etbliden, mit Aegierungsgebauden, die in München oder Lyon stehen könnten, mit einem europäischen Rathaus und europäisch an­gelegten Ministerwohnungen. Am 20. Februar 1923 wurde der Grundstein zu tarn großen Werk gelegt und die Grundfläche eingewecht, auf der sich, wenn alles planmäßig verlaufen wäre, nach z^n Iabren eine Stadt mit 20 000 Menschen erheben sollte. Man hat zunächst Zementfabriken erbaut und Handfrerkerschulen eingerichtet, in denen deutsche Lehrer die afghanischen Handwerker

Heue Kampfe um die Grenzforts.

Teilerfolg der Paraguayer.

Reu York, 17. Dez. (WB.) Qlffoctateb Preß meldet aus Asuncion, vor der Bekanntgabe deS Mobilisierungstatrets für die Altersklassen 18 bis 29 habe der Kommandeur der Streitkräfte des Chaco-Grenzdistrikts berichtet, daß die bo­livianischen Truppen die Forts Maris­cal Lopez, Valois, Rivarola und General Genes angegriffen haben. Die paraguayischen Truppen hätten 48 Stunden einer Liebermacht standgehallen. Die bolivianischen Truppen seien schließlich wieder z urü ckges chl a gen und die Forts Dalvis, Rivarola und General GeneS von den Paraguayern wieder besetzt toortan. Bei diesen Kämpfen hätten sechs para­guayische Soldatcn, zwei b oliv ionische Oftiziere sowie zahlr.iche bolivianische Soldo en und uni­formierte Indianer den Tod gefunden. Aus La Paz wird berichtet, daß die Rachrichi von dem Erfolg der bolivianischen Truppen beim Fort Mariscal Lopez einen patriotischen Freuden­taumel gezeitigt hat. Die Bevölkerung 30g durch die S.adt zum Aationalpalast. Der Prä­sident und der Außenminister ermahnten die Volksmenge, Ruhe zu bewahren.

In Lima gab die dortige Gesandtschaft von Para­guay bekannt, daß die bolivianischen Truppen i m Anmarsch gegen das Fort General 2l q u i n 0 begriffen feien, was Verteidigunasmaß- nahmen van feiten Paraguays notwendig mache. Der Präsident von Paraguay, Guggiarri, hat d i e M 0 - bilifierung der Altersklassen von 18 bis 29 Jahren angeordnet. In politischen Krei­sen Limas ist man allgemein der Ansicht, daß, falls nicht sofort wirksame Schritte unternommen werden, der Krieg zwischen Bolivien und Paraguay in aller Form zum Ausbruch kommen werde. In Asuncion soll die Meinung allgemein ver­breitet sein, der Augenblick sei gekommen, dem Kriege ins Antlitz zu schauen; 10 000 Freiwillige hätten sich gemeldet. Die Wiedereroberung des be- sestigten Platzes von Mariscal Lopez habe unter d.er Bevölkerung Begeisterung hervorgerufen.

DerMlerbund in berZMmiihle

Was wird die außerordentliche Ratstagung beschließen?

Gens, 17. Dez. (TU.) In maßgebenden Völker­bundskreisen bestand am Montagabend der Eindruck, daß die Entscheidung über die Einberufung einer außerordentlichen Tagung des Völkerbundsrates zur Erörterung des Strei­tes zwischen Bolivien und Paraguay unmittel­bar beovrstehe. Die Entscheidung wird voraussicht­lich am Dienstag ober Mittwoch sollen. Briand trifft am Dienstagabend in Paris ein. Auf (einen Wunsch Hot sich der Generalsekretär des Völkerbun­des, Sir Eric Drummond, und der Leiter der politischen Abteilung des Völkerbundssekretariats, der Untergeneralsekretär 6 u g i m u r a , am späten Montagabend nach Paris begeben, um mit Briand als Ratspräsidenten über die Einberufung der Rats­tagung zu verhandeln. Man neigt hier der Ansicht zu, daß die Tagung am 22. Dezember stattfinden könnte. Die Ratsmitglieder würden hierbei aller Voraussicht nach durchihreBotschafterund GesandteninParisvertreten sein, soweit nicht von den einzelnen Ratsmitgliedern eine per­sönliche Teilnahme als notwendig erachtet wird.

Der Böltervund befindet sicy in dieser Ange- legeirheit in einer außerordentlich schwierigen und ernsten Lage. Gin Ein­greifen des Böllerbundsrates zur Beilegung des Streitfalles wird gerade in maßgebenden fran­zösischen Kreisen für unbedingt notwen- di g erachtet, um das Ansehen des D 5 l -

für ihre Arbeiten vorbereiteten. Dor einigen Jahren hatte Amanullah eine Sondergesandt- schaft nach Reuyork, Paris, Berlin, Rom und Moskau entsandt, die eine Reihe deutscher Künst­ler und Wissenschaftler nach Afghanistan holte, um bei tat technischen Durchführung taä Euro«' päisierungsfrerkes mitzuwirken. Zur Zeit weilen 150 Deutsche in Kabul, die sich wahrschein­lich in großer Gefahr befinden, wenn der Aus­stand erfolgreich sein sollte; tarni rebellische Berg» stämme im Innern Asiens pflegen sich um die Regeln des Dölkerrechts wenig zu kümmern.

Die neuen Gebäude in Darul Aman find ein­fach und würdig gehalten, und man hat bei ihrem Qlnblid keineswegs das peinliche Gefühl aufdringlicher Prunksucht, das man häufig vor den mit Schmuck überladenen europäischen Bau­werken im Orient empfindet. Man hat sich ge­scheut, ähnliche Gebäude wie in Phagman zu errichten, der Sommer residenz des Emirs, in der ein Triumphbogen aus weißem Marmor zube­wundern" ist. Dolche Bauwerke sind in Paris oder Budapest ganz angebracht, wirken aber im Znnern Asiens als ungeschickte Äachahmung euro-

kerbnndeS auf tarn südamerikanischen Kon­tinent ausrechtzuerhalten. QKan weist hierbei be­sonders darauf hin, daß der Zusammenhang zwi­schen den südamerikanifchen Staaten und dem Böllerbrnrd in der letzten Zeit außerordent­lich lose geworden ist, da gerade die beiden größten Staaten. Latein-Amerikas, Argen­tinien und Brasilien, nicht mehr zum Völkerbund gehören. Andererseits befürchtet man, daß ein allzu energisches Auftreten des DöllerbundSrateÄ in dem Streitfall von der Washingtoner Regierung als Ber- letzung der Monroe-Doctrin aus gefaßt würde. Hierbei wird darauf hiirgewtesen, daß die Vereinigten Staaten weitgehende finan­zielle Interessen in Bolivien haben.

Die Stellung der argentinischen Re­gierung in dem Streitfall scheint zunächst wenig klar zu sein, jedoch besteht kein Zweifel, daß die argentinische Regierung unmittel­bar an dem Konflikt beteiligt ist. Man befürchtet in Völkerbundskreisen, daß der Präsi­dent der argentinischen Republik, 2 r i g 0 y e n , in irgendeiner unerwarteten Weise zu dem Kon­flikt Stellung nehmen werde. Ohne Zwei­fel sind die Machtmittel, die der Dölkerbundsrat in diesem Fall besitzt, äußerst begrenzt und gering. Sollte tatsächlich der Völker- bundsrat zu einer außerordentlichen Sitzung zu­sammentreten, so erwartet man längere und äußerst schwierige Verhandlungen. Welche tat­sächlichen Maßnahmen der Dölkerbundsrat zur Beilegung des Streitfalls ergreifen könnte, scheint bisher noch ganz ungewiß zu sein. Die Verhandlungen hierüber werden sogleich nach dem Eintreffen Briands in Paris in Fühlung­nahme mit den übrigen Großmächten aufgenom- men werden.

Oie Auffassung in Washington

Kann der Konflikt lokalisiert werden?

Washington, 17.Dez. (WTB.) Alle po- litischen Kreise sind hier am Werk, um den Krieg zwischen Paraguay und Bolivien zu verhin­dern. Der Völkerbund, der König von Spanien und Staatssekretär Kellogg be­mühen sich bei'den Regierungen, den Konflikt friedlich beizulegen. Während amtliche Rach- richten fehlen, teilt der paraguayische Geschäfts­träger im Staatsdepartemeirt mit, daß Para­guay das Vermittlungsangebot der Panamerikanischen Konferenz anzu- nehmen beabsichtige. Man glaubt zu wissen, daß auch der Vertreter Boliviens den Wunsch ge­äußert hat, die Vermittlung anzunehmen: es sei aber möglich, daß er eine Entschädigung wegen des Angriffs der Paraguayaner gegen das Fort Vanguardia fordern werde.

In politischen Kreisen Washingtons machten die Rachrichten über die militärischen Zu­sammenstöße an der Grenze im Chaco einen äußerst deprimierenden Eindruck, um so mehr, als Bolivien während der letzten Jahre vier Anleihen im ®eramtbetrag von runb 65 Millionen Dollar e ha ten hat, die für friedliche Zwecke bciiimmt fein sollten. Herald and Tribüne" berichtet eingehend über die Stimmung in den Kreisen der Panamerikani­schen Konferenz, wo schwere Besorgnisse über weitere Auswirkungen des Konflikts auf das übrige Südamerika herrschen. Während be­tont wird, daß Chile und Peru Ihre Reu- tralität für den Kriegsfall bereits angekündigt haben und auch Uruguay keine kriegerischen 'Absichten hege, freist ,Herald and Tribüne" darauf hin, daß hinsichtlich der Haltung der übrigen Großstaaten Südamerikas eine gewisse Unsicherheit herrsche.

päischer Kunst lächerlch. In Darul QIman hav man sich davor gehütet, geschmacklosen Prunk zu schaffen. Alles ist zweckmäßig und mit den letzten Mitteln moderner Technik ein­gerichtet; es gibt eine Wasserleitung, Kanalisa- tion, elektrisches Licht, Telephon und Zentral- heizung. Ein Stadtteil soll zu einer vorbildlichen Gartenstadt ausgebaut werden; außerdem hak man eine Reihe von sog.Deis p i e l h äu s er n" errichtet, an denen die Afghanen lernen sollen, wie in einfacher zweckdienlicher Weise bequemd und saubere Wohnhäuser hergestellt werden. Freilich hat der Emir Amanullah die Europäisie­rungsluft seiner Untertanen überschätzt; vor­läufig denken die Afghanen wenigstens nicht daran, sich nach dem Vorbild dieser Häuser neu einzurichten, und sie find im Gegenteil eher geneigt, in unbeobachteten Augenblicken dieses ganze Reformwerk zu sabotieren.

Die Deutschen, die der Emir nach Afghanistan berufen hat, widmen sich aber nicht nur dein Städtebau und der Erschließung des Landes durch neue Wege, sie haben auch einen Plan zur Wied-eraufforstung der Wälder aus­gearbeitet, die schon vor Jahrhunderten durch Raubbau vernichtet worden sind. Würde Ama­nullah mehr Geld für diese wirtschaftlichen Ver­besserungen und für die großen Bewässe­rungsanlagen ausgegeben haben, die der Landwirtschaft zugute kommen sollen, statt sich darauf zu versteifen, eine europäische Hofhaltung zu führen, so hätte er zweifrilos seinem Land mehr genützt und auch mehr Beifall geerntet, Zn Afghanistan gibt es nämlich für Europäer vieles zu tun, was tat Bevölkerung nützen kann, ohne ihre religiösen Gefühle und ihre Welt­anschauung zu verletzen. Da sind reiche Kupfer­bergwerke vorhanden, andere Metalle schlum­mern noch unbenutzt im Schoß der Berge, Wasser­kräfte können zur Erzeugung von Elektrizität bertoentat werden Arbeit genug für em Heer europäischer Techniker! Das alles lag bn Re­formplan Amanullahs, tat sich jedoch von un­wichtigen Dingen blenden ließ und dadurch die wichtige Arbeit aufs Spiel gesetzt hat. Würde fein Volk nicht den Unterschied zwischen dem altertümlich orientalischen Kabul und tarn mo­dernen Darul Aman mit halbeuropäisierteni Afghanen vor Augen sehen, sondern die geringe Ergiebigkeit primitiver Goldwäschereien mit tat Produktivität moderner Goldgewinnung ver­gleichen können, so gäbe es heute vermutlich keine Bedrohung der Herrschaft Amanullahs«

Oie Lüge vom deutschen Waffenexport.

Ein Mittel znr Bekämpfung der deutschen Industrie.

Berlin, 18. Dez. (Prio.-Tel.) Das Echo der Schüsse im Urwald des Gran Chaco ist kaum ver- klungen, da tauchen bereits in der ausländischen Presse allerlei faustdicke Lugen über deutsche Waffenlieferungen an Bolivien und Paraguay auf. Einige Blätter wollen sogar in der Lage sein, genaue Einzelheiten angeblicher deut­scher Lieferungen in Erfahrung gebracht zu Habern Demgegenüber mag zunächst einmal festgestellt wer­den, daß uns auf Grund des Versailler Friedens­vertrages die Herstellung und die Ausfuhr von Waffen und Munition aller Art untersagt ist und daß es tatsächlich keinen deutschen Striegsmaterialcgport mehr gibt. Zum an­deren verdienen diese Meldunaen von deutscher Seite insofern eine besondere Beachtung, weil sie aus Quellen kommen, die in jenen Ländern liegen, mit deren Industrien unsere Wirtschaft im Konkur­renzkampf steht. Schon während des chinesischen Bürgerkrieges hatte unsere Exportindustrie in Oft- a s i e n unter einem Trommelfeuer derartiger Lügenmeldungen schwer zu leiden, die nichts an­deres bezweckten, als Deutschlands Antzhen im fernen Osten zu schädigen und dem Absatz deut­sch er Waren Hindernisse zu Zerciten, wenn nicht gar ihn vollkommen unmöglich zu machen. Das gleiche Spiel des uns feindlich gesinn­ten Auslandes können wir jetzt in Südame­rika feststellen. Auch hier betätigt ich unsere In­dustrie in erheblichem Umfange. 2Senn jetzt be­hauptet wird, Deutschland nehme für den einen oder anderen Staat durch Waffenlieferuigen Partei, dann soll damit nur die 'Atmosphäre vergiftet unb eine deutschfeindliche Stimmrntz geschaffen wer­den mit dem Ziel, uns auf den südamerikanischen Festland den Boden für jede nettere wirtschaftliche Betätigung zu entziehen.. Auch Uefe Lügennachrichten zeigen wieder einmal, daß da' Schlagwort von dem Kriege nach dem Kriege vor uns nicht unterschätzt werden darf.

Sine neue Sesprechum Soesch-Poincarß.

Paris, 17. Dez. Der deutsche Botschafter von H 0 e s ch hatte eine neue Unterredung mit Minister­präsident p 0 i n c a r e Iber die Frage der Ein­setzung des Rep^rationsausschusses. Wie ein Eommuniquebesagt, hat diese Unterredung zu einer Annäherung der beiderseitigen Stand­punkte hinsichtlich de- noch strittigen Fragen geführt.

Bedenklich« Zuspitzung des südamerikanischen Konflikts.