Nr. 167 Erstes Blatt
178. Jahrgang
Mittwoch, '8. Juli 1928
Erich,«»I iLgl'ch,außer Sonntage nnfc Fei erlog»
Beilagen
Gießener Familien blätter Heimat im Bild
Die Scholle
OTonats-Fejngsrrels: 2 Reichemark und 20 Reichspfennig für Trüge» lohn, auch bei Richter» Schemen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernfprechanf chlüfsa:
61, 54 and 112
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Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr Fnedr Dilh Lange. Derantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THyrtot, für den übrigen Teil Ernst Blumfchein; für den An» zeigenteil Kurt Hillmann. sämtlich in Gießen
Präsident Obregon ermordet.
DaS mexikanische Staatsoberhaupt bei einemFestbaukett erschossen.
Mexiko, 17. Juli. (IBB.) Der neugewählle Staalspräflbenl Obregon ist ermordet morden. Obregon halte sich nach San Angel begeben, um an einem ihm zu Ehren Im CabombiUa-Reflauranl veranstalteten Bankett teilzunehmen. Als er an der Tafel faß, näherte sich ihm der in den zwanziger Iahren sichende Juan Lscapulario, angeb. lich, um Obregon Zellungskarlkaturen zu zeigen, und feuerte dann aus etwa 30 Zentimeter Entfernung aus einer 4,5-Milllmeter.Pistole. Als der Mörder feuerte, fpieltegeradediekapelle, so daß die Schüsie überhört wurden. Man sah plötzlich Obregon Im Stuhl zusammensinken. Al» die Freunde Obregons über den Mörder herfallen wollten, wurden sie vom Polizeipräsidenten daran gehindert, der ausrief: „Hein, wir wollen ihn am Leben lassen, um fest zustellen, wer dahinter fl e tf II“ 6» wurde sofort eine Untersuchung eingeleitet. Wie gemeldet wird, dürste der Mörder in wenigen Stunden hingerichlet werden.
Obregon war erst am Sonntag von feinem Helm In Sonora nach Mexiko City zurückgekehrt, wo er eine der größten politischen Kundgebungen der letzten Jahre leitete. Er halte gestern abend Pressevertretern erklärt, er werde voraussichtlich vor Antritt der Präsidentschaft am 1. Dezember eine Reise nach den vereinigten Staaten antrelen. Auf Obregon waren,bereits in den lehten Monaten verschiedene Attentate verübt worden. San Angel liegt 12 Meilen südlich von der Stadl Mexiko. Obregon» Leiche wurde anscheinend heimlich rasch nach seiner Wohnung In der Sladl Mexiko gebracht, wo sich nachmlllag» eine große Menschenmenge ansammelle. Polizei und Soldaten sperrten die Straße in der Umgebung de» Wohnhaufe» ab. Niemandem wird der Zutritt gestattet, nicht einmal Beamten. In Mexiko City hat die Nachricht von der Ermordung Obregon» die größte Aufregung und lebhafte Besorgnis hinsichtlich der politischen Folgen hervorgerusen. Präsident E a l l e » hat sich aus die Nachricht sofort nach der Ortschaft San Angel begeben, wo da» Restaurant liegt. In dem die Bluttat geschah. In einigen Kreisen wird angenommen, daß Präsident Calle» infolge der Ermordung seine» Nachfolger» noch eine weitere Amlsperlode hindurch im Amte verbleiben werde.
Bestürzung in denVereinigtenGtaaien.
Neunork. 18. 3uli (WTB. Funkspruch.) Die Nachricht der Ermordung des mexikanischen Präsidenten, Generals Obregon, hat hier tiefe Bestürzung hervorgerufen. Man befürchtet, der Lod Obregons werde innerpolitische Schwierigkeiten in Mexiko Hervorrufen und dann werde erneut eine Spannung in den erst kürzlich in normale Bahnen geleiteten Beziehungen »wischen den Bereinigten Staaten und Mexiko eintreten. Präsident Coolidge und Staatssekretär Kellogg sandten sofort herzlich gehaltene Beileidstelegramme an die mexikanische ‘Sc- gierung. Die Zeitungen sprechen die Hoffnung auS, daß Präsident Calles in der Lage lein wird, die Gewalt in den Händen zu behalten.
Amnestie-Demonstration.
Tic Kommunisten fordern die Freilassung von Hölz.
Berlin. 17. Juli. (BZTB.) Zum Empfang der kommunistischen politifchen Gefangenen aus dem Zuchthaus Sonnenburg, die heute abend auf dem Schlesischen Bahnhof eintrafen, hatten die K. P. D.. der Bote Frontkämpferbund. die Bote Hilfe und ähnliche Organisationen ihre Anhänger zu einer Demonstration zusammengerufen. Schon lange vor dem Eintreffen der Amnestierten war der Dorplatz des Echtes ichen Bahnhofs von Demonstranten beseht, die dort unter Mitführung von roten Fahnen und Transparenten Aufstellung genommen hatten. Die Polizei hatte ein sehr großes Aufgebot von Beamten in Bereitschaft gestellt und außerdem umfangreiche Absperrungen vorgenommen. Die Amnestierten wurden auf den Schultern von Roten Frontkämpfern durch ein Spalier von roten Fahnen zu einem bereitgestellten mit Transparenten geschmückten Wagen getragen. Während die Kapellen des Roten Fronttäinpserbundes die Internationale intonierten, formierte sich ein langer Demonstrationszug, der. begleitet von zahllosen Mitläufern, seinen Weg nach der Weberwiese nahm, wo Vertreter der kommunistischen Organisationen und auch einige der Amnestierten selbst das Wort ergriffen. In den Reden wurde hauptsächlich die Freilassung von Hölz gefordert und betont, daß nun der Kampf erst recht weiter gehen werde. Die Amnestierten wurden dann wiederum auf den Schultern in ihre Wohnungen und Ouar- tiere getragen. Bei dem Anmarsch und Abmarsch entstanden erhebliche Verkehrsstockungen, so daß die Polizei mehreremal die Mitläufer in die Seitenstraßen abdrängen mußte. 2!uf dem Stet- tiner lbahnhof wurden zur gleichen Stunde die aus der Festung Gollnow Entlaßenen empfangen und zu dem Küstriner Platz geleitet. Rach den bisherigen polizeilichen Meldungen ist es bei beiden Demonstrationen nicht zu Zwischenfällen gekommen.
Oie Münchener Eisenbahnkaiastrophe.
München, 17. Juli. (WB.) lieber da» Münchner Eisenbahnunglück oerössenllichl die Reichsbahn- dlreklion München eine Erklärung, in der e» heißt:
„Die genaue Untersuchung des Vorzüge» und eine Bremsprobe hallen da» Ergebnis, daß in einem Abteil dle Rolbremfe gezogen worden war. Die Angaben des Lokomolioführer» sind damit ziemlich bestätigt. Der Zug wurde nicht durch ein Signal zum hatten veranlaßt. Bel der Prüfung der Einrichtungen auf Blockstelle Donnersbergbrücke und Belriebsstelle I de» Hauptbahnhof» München wurde festgestellt, daß noch Einfahren des Vorzuges in diesen Teilabschnitt dieser für den Hauptzug nicht wieder freigegeben war. Der Fahrdienstleiter in der Abgangshalle des hauptdahnhofs Hot dem Hauptzuge Abfahrt- e r I a u b n i » erteilt, nachdem von den Slellwerks- beamlen auf der Betriebsflrecke I, wie diese zugeben, da» A u s f a h r t s i g n a I auf Gleis 8 auf freie Fahrt gestellt war. Den Beamten auf der Betriebshütte I war nicht entgangen, daß da» Blockfeld für den Gleisabschnitt des Blocke» Donnersbergbrücke gesperrt war, weit aber die Rückmeldung des Vorzüge» länger ausblieb, als sie erwarteten, erkundigten sie sich mittel» Fernsprechers bei dem Block Donnersbergbrücke noch dem Vorzug. Au» der Auskunft glaubten sie schließen zu dürfen, daß trotz des gesperrten Blockfelde» der Vorzug den Gleisabschnitt schon verlaßen habe und stellten deshalb das Ausfahrtssignal auf Gleis8 auf freie Fahrt. Die Aussagen der an diesen Ferngesprächen beteiligten Beamten gehen auseinander. Mit der Klärung de» Inhalte» und Wortlaute» dieser Gespräche, die für die Beurteilung der Schuldfrage von ausschlaggebender Bedeutung sind, befassen sich zur Zeit Staatsanwaltschaft und Gericht. Die Reichsbahndirektion muh daher davon absehen, sich ein endgültige» Urteil zu bilden, welchen bestimmten Personen ein ursächliche» verschulden an dem Unfall beizumessen ist. Rach den Dienstplan haben die drei Beamten eine durchschnittliche tägliche Dienstleistung von acht Stunden. Der Vorzug trug die oorgeschrlebenen Schlußsignale: drei rote Laternen. Die Strecke westlich der Hackerbrücke ist gerade und übersichtlich, lleber die Geschwindigkeit de» Stammzuges bei dem Ausstoß läßt sich mit Sicherheit nichts fesistellen. Rach Angaben des Lokomotivführers war ihm die Sicht auf die Schlußlichter durch den ausströmenden Dampf der Zylinderreinigungshähne nicht unwesentlich beeinträchtigt, so daß er den Ausstoß nicht mehr habe vermeiden können, von den ineinandergeschobenen beiden Wagen des Vorzuges war der Schluhwagen mit elektrischer, der vorletzte Wagen mit Gasbeleuchtung ausgerüstet. Eine Gas
explosion ist nicht eingelreten. Auch eine Explosion de» Schneideapparates Hal nicht slattgesunden. Im gerichtlich-chemischen Institut wurden die Leichen der Opfer des Eisenbahnunglück» im hauptbahn- hos seziert. Der Sektionshesund ergab, daß sämtliche Tote sehr schwere Ouelschungen und Brüche erlitten haben, so daß höchstwahrscheinlich bei allen der Tod schon eingetreten war, ehe der Brand ihre Gliedmaßen teilweise bi» zur Unkenntlichkeit verstümmelte."
Anfrage der Bayrischen Volkspariei.
Reparationslast und Reichsbahn.
München, 17.Juli. (WB.) Runmchr hat auch die Landtagsfraktion der Bayerischen Volks- Partei im Landtage eine Anfrage eingebracht, die sich mit der Häufung der Eisenbchn-Llnglücks- fälle in der letzten Zeit im Anschluß an die jüngste Katastrophe im Dahnhofsbereich der Stadt München befaßt und die Regierung fragt, was sie zu tun gedenke, um auf die Rcichsbahngesellschast dahin einzuwirken oder einwirken zu lassen, über die LIrsachen der Hausung der Eisenbahnunsälle nicht nur eine genügende Auf klärung zu geben, sondern auch den Reisenden wieder den Schutz und die Sicherheit zu geben, mit denen man im deutschen Reiseverkehr rechnen konnte. In der Begründung heißt es u. a.: Die Reichsbahn sei zweifellos infolge der ihr in Ausführung des Versailler Vertrages auserlegten Verpflichtungen nicht in der Lage, die Anpassung der Dahn an die modernen Verkehrs- Verhältnisse so durchzuführen, wie dies geschehen könnte, wenn die Reparationsabgaben der Reichsbahn zur Verbesserung deS inneren DetrtebeS zur Verfügung stünden. Die Opfer der Gisenbahnunsälle seien tatsächlich Opfer der Reparationsgier der Sieger» ft a a t * n. Das deutsche Volk habe ein LevenS- recht darauf, daß dieser Zustand ein Ende nehme.
Kritik an der Reichsbahn.
Leipzig, 17. Juli. (TL1.) Die „Leipziger Reuesten Rachrichten" sehen ihre scharfe Kritik an der Reichsbahn fort. Sie erklären, daß die Reichsbahn sich in einer Vertrauenskrise befinde und schreiben in ihrer Mittwvchfrühausgabe zum Schluß eines längeren Leitartikels: „Hat Herr Dvrpmüller nicht genügendRückgrat, um die selbstverständliche Forderung aller Eisenbahnwirtschaft, der Sicherheit, durchzusetzen, wird man einen anderen für seinen Posten zu finden wissen, ebenso wie auch im gleichen Falle für die Herren, die zur deutschen Interessenvertretung in den Derwaltungsrat entsandt sind."
Kolomalbediirfnisse und Kolomalwünsche.
Oer Gedanke einer deutsch-französischen Arbeitsgemeinschaft. - Italien und Polen melden Ansprüche an.
Don unserer Berliner Redaktion.
In Frantreich gibt eS eine immer steigende Anzahl von Menschen, die der Auffassung sind, daß es eine unnütze Preftigepvlitik ift, ein Kolonialreich von gegen 12000000 Quadratkilometer zu besitzen, das also mehr alS 20m a l s o groß ist wie daS Mutterland, und es nicht rationell auSnutzen zu können — daß es klüger wäre, um den Preis weitgehender kolonialer Konzessionen an Deutschland ein Zusammen wirken auch auf diesem Gebiet her- beizusühren, um an den Früchten zu partizipieren. die durch den deutschen Menschen - Überschuß und die deutsche Arbeitsamkeit in diesen Riesengebieten erst geschaffen werden müßten.
Was die Entwicklung auf diesem Wege, die Der- wirklichung einer deutsch-französischen Stolonial- meinschaft unter irgendeiner Form zur Regelung der Hoheitssrage verhindert, ist in erster Linie d i e Besorgnis Frankreichs vor Ira- lien. Denn auch Italien befindet sich in der Lage Deutschlands, bei Ueberoölferung des Mutterlandes nicht hinreichend fruchtbare oder bearbeitungsfählge Kolonien zur Verfügung zu haben, obwohl rein flächenmäßig Tripolis, Erylhräa, Somattland usw. ein gewaltiges Gebiet bedecken. Aber da die Be- dürfnisie oder Wünsche Italiens in dem Maße, in dem sie an Notwendigkeit hinter dem deutschen zurückstehen. durch eine größere politisch-militärische Macht gestützt wer- den, so hat man in Frankreich die nicht ganz unberechtigte Besorgnis, daß jedes Eingehen auf die deutschen Bedürfnisse, jede Formel, die hier eine wirkliche, auch für Frankreich nützliche koloniale Arbeitsgemeinschaft schaffen könnte, entsprechende konkrete Ansprüche Italiens, die z. B. in bezug auf Tunis längst angekündigt sind, und die sich nicht auf eine Arbeitsgemeinschaft unter formeller Respektierung der französischen Hoheitsver- hättnisie beschränken würden, nach sich ziehen müßte.
Run kommt neuerdings auch Polen, das ja feiner Entstehungsgeschichte nach einen traditionelen Anspruch auf besondere Begünstigung durch Frankreich hat oder zu haben glaubt, und sucht
Frankreich den Dorschlag einer Abtretung von Kolonien schmackhaft zu machen. In einer Warschauer Zeitung wird die Frage bereits ganz konkret angeschnitten, und es wird geworben, baß man sich in Paris auf ein ..wirtschaftliches Kondominium" über Kamerun mit Polen zusammen cinlaffen solle. Die Begründung ist freilich geradezu komisch: es sei bekannt, daß Deutschland alles daran sehe, um feine verlorenen Kolonien wiederzuerhalten. Polen aber habe in erster Linie einen Anspruch auf den früheren deutschen Kolonialbesitz da ja die Polen der ehemals deutschen Provinzen Posen und Pomevellen mitgeholfen hätten, diese Kolonien für Deutschland zu erlangen!
Wir wisien nicht, in welchem prozentualen Verhältnis die polnisch gewordenen deutschen Landesteile zu unserer alten kolonialen Größe beigetragen haben. Rehmen wir aber auch an. daß daS in der Proportion der Bevölkerungszahl geschehen fei, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß die ehemaligen deutschen Kolonialpioniere aus Posen und Pomerellen heute zu den Vertriebenen aus diesen polnisch gewordenen Landesteilen zählen und nicht gerade zu denjenigen, die sich mit Lieberzeugung zu ihrem Polen tum bekennen. Lind auch dann, wenn dem nicht so wäre, ist es eine in der politischen Geschichte der Völker wahrscheinlich beispiellose Forderung, aus der Wegnahme eines Landesteils den Anspruch auf die Erlangung eines anderen Landesteils des gleichen Geschädigten herzuleiten.
Es ist denn auch kaum anzunehmen. daß man irgendwo in der Welt solche polnischen Kolonialwunsche ernst nimmt. Aber es zeigt sich, daß schon die bloße Idee von der Rotwendigkeit gewisser französischer und vielleicht auch englischer Konzessionen auf dem Kolonialgebiet an Deutschland überall, wo man Prestigepolitik treibt. Beider erstehen läßt. Lind es wird rwtwendig sein, daß sich die wirklichen Interessenten bald, dirett und ohne großen Lärm verständigen, um hier nicht einen neuen Zankapfel erstehen zu lassen.
Die Opposition ist gestorben.
Don
unserem ständigen römischen E.-Äor reftxmbcn ten.
Rom. 17. Juli.
Wenn es nicht so paradox klingen würde, könnte man sagen: die Opposition war schon lot, bevor sie starb. Denn virtualmen e gestorben, wie es nach dem cnbgültigen, unwiderruflichen Ableben eines Papstes heißt, ist sie erst mit ihrem Träger Giolitti, nicht mehr lebendig war sie aber schon seit einigen Jahren. In dem „Alten von Quarnero" fristete sich ihre äußere Hülle fort, die, gespenstisch genug, zuweilen in der Kammer der Schwarzhemden sich erhob und einige erschütternde Worte auS einer vergangenen Ze i an tue neue nch.ele.
So groß war das Prestige, das sie unheimlich umwitterte, so historisch und legendär, daß auch die jüngsten und frechsten Faszisten still sitzen blieben, wenn sie. wenn der Ahnherr deS Liberalismus, wenn Diolitli an der Ministerbank vorbeisteuerte und seinen gewohnten Platz aus der fünften Reihe im fünften Sektor ein» nahm, die Arme freute und mit rosigen Backen vor sich hinlächelte. Das ist zur Zeit unserer Großväter so gewesen, daS haben unsere Däler jahraus, jahrein erlebt, das wurde unS als jungen Journalisten so gezeigt, daS haben wir, aller werdend, so und so oft unseren Zeitungen geschrieben, das war gestern noch so. Run et ft, da eine Lücke sich ausgetan hat in der fünften Reihe des fünften Sektors, nun erst ist es ganz schwarz geworden im Parlament der Schwarz- Hemden.
Diolitli hat schon gelebt, als eS noch kein Italien gab, nur den geographischen Begriff der Apenninenhallbinsel, hat gelebt In der Ba- dehkyzeit, als der Papst slüchtete, Liberalismus und Rattonalismus noch siamesische Zwillinge waren, Fremde in Rom, Fremde in Reapel, Fremde in Sizllien regierten. Gin Zeitgenosse deS dritten Rapoleon sowohl wie Mussolini«, sah er Kriege ohne Zahl, Aulltände. Revolutionen, man weiy nicht wie viele Liebergangs- zeiren. 6r ging alS daS verkörperte Geschichtsbuch durch zwei Jahrhunderte, man könnte es für unmöglich halten, daß sich ein Mensch so viel zu erinnern vermag, wenn er nicht selber seine Lebensgeschichte und damit die Geschichte der Einigung Italiens niedergeschrieben hätte, die, gegen seinen Willen, schließlich auch noch den Brenner einbezog.
Ein Mann, der mit eigenen Augen sah und klaren Derstandes erlebte, wie nur der Sieg deutscher Waffen die Säuberung Italien« von der Fremdherrschaft ermöglichte, der den Donner von Sedan das Kapitol über die Peters- kuppel hinauswachsen fühlte, dellen Herz mit den durch die Porta pia eindringenden, den Kirchenstaat über den Hausen rennenden, Rom als Hauptstadt proklamierenden Truppen mit- marschierte. ein Mann der Eavour und C r i s p i wachsen, steigen, steigen und fallen sah, der schon hohe Aemter bekleidete, als Viktor Emanuel II. starb, 1892 zum erstenmal Ministerpräsident wurde, nach der Ermordung König Humberts Innenminister, und 1911, abermals an der Spitze der Regierung, dem imperialen Gedanken nach der furchbaren Riederlage der ilanischen Truppen bei Adua durch die Einleitung des Tripolis kriegeS neuen Impuls gab, ein solcher Mann Überreicher Erfahrung muhte naturgemäß die Katastrophe von 1914, die Schicksalsfrage für Italien mit anderen Augen betrachten als die Jungen, als der Chefredakteur und Sozialist Mussolini, der den Tatenrausch, die lodernde Stunde über die kühle Erwägung stellte.
Hier, in der Interventionszeit, kreuzen sich die Ideengänge zweier Männer, zweier Politiker. Mussolini rief zu den Waffen, ft reifte die roten Eierschalen ab, wurde zum glühendsten Vorkämpfer und Führer des egoistischen Rationalismus, der um vierzig Jahre älteren Politiker, bereits seit März 1914 von der Last der Präsidentschaft befreit, der Inbegriff der Reutra- listen. Es ist heute in Italien Mode, diese Männer, die am Dreibund fest hall en oder wenigsten- nicht gegen die Bundesgenofsen marschieren wollten, als Feiglinge und Dummköpfe abzutun, obwohl niemand beweisen kann, daß Italien an der Seite der Mittelmächte schlechter gefahren wäre. Mit dem Ausstieg Mussolinis und des FaszismuS muhte eine solche Einschätzung noch krassere Formen annehmen, denn der Falzismus sog ja seine Kräfte anfangs aus den Interventionisten, den Kriegsfreunden, und warf schließlich die Gegner in einen Tops mit seinen inner politischen Gegnern.
Als Deullchensreund verlästert oder gepriesen, war Giolitti in Wirklichkeit nichts a 18 Italien er. DaS bewies er sofort nach dem Frieden, als man ihn, hin- und hergerissen zwischen Anarchie und Liberalismus, Verzichts- und Kv- lonialpoliti?. Entente- und Deutschlandssympa- thien. als Retter in der Rot wieder auf den kurulischen Sessel setzte. Während dieser, seiner letzten Ministerpräsidenfchaft. die bis Juni 1921 dauerte, betrieb Giolitti eine rein frankophile Politik nach dem Grundsatz, immer mit dem jeweils Stärkeren zu gehen. Damit setzte er sich aber in Widerspruch zu dem Dvlks- empfinden, das in der lateinischen Schwester bereits insttnktiv den späteren Gegner witterte, und vor allem in Gegensatz zu dem gärenden jungen Italien Mussolinis, dem jede Kompromiß- und Schacherpolittk im Gefühl der eigenen Stärke verhaßt war. Zudem war es dem alternden Fuchs der parlamentarischen Wandelgänge nicht mehr möglich, neue Wege zu suchen,


