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Freitag. 18. Mai 1928

178. Jahrgang

Nr. 116 Erstes Matt

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

ttrwtf en6 Dtrkg: vrLhl'sche UntDerNtäts-Bud^ unö Stetnörnderei R. Lange In Sietzen. Schriftleilung und Seschäftrstelle: 5chu!Vratze 7.

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Erich« ,»i iüglich,outzer Sonntogt nnfc Feiertag*

Beilege*

BieNene, FomUiendlüttei he,mal im Bild "Die Scholl«

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greehurt am Main 11688

Die Südarmee marschiert aus Peking.

ik* unterliegt |eht feinem Zweifel mehr, daß General Tfchangtsolin, der vberbeschlshaber der norbd)ine|i|d)en Streilkröfte, die Rutzlofigkell jede* wetteren Widerstande* im Raume von Peking eingefeben hat. Jnfoigedesien ist von ihm die Räu­mung der Haupt st a d t des Reiches der Mitte angeordnet worden, die sehr wahrscheinlich schon in wenigen Togen in den Besitz der in Eilmärschen heronrückenden Regimenter des Gouverneurs der Provinz Schanfi, de* Generals Ienjhifchau, übergehen wird, der zu den Verbündeten Tschiongkailchefs, des Führers der nationa­listischen Eireitfroste, gehört und schon am weitesten oorgestoßen ist. Unmittelbar hinter ihm steht der Christliche" General Feng, der nach wie vor einer der unsicheren Faktoren auf der Seite der Süd- chinesen ist. weil man von ihm nicht weiß, ob er unter dem Einfluß Moskaus steht, ob er Politik aus eigene Faust macht ober sich ehrlich in den Dienst der Ranking-Regierung gestellt Hal. Seine Front wieder wird nach Süden und Südosten zu durch die Kräfte Tschiongkaischeks verlängert, der tatsächlich durch die Japaner in seinem Vormarsch aufgehalten und so stark behindert worden ist, daß er seinen Verbündeten die Ausnutzung seiner Siege überlassen muhte.

Tichanglsolin selbst scheint sich mit der Absicht iu tragen, zunächst nicht- weiter zu tun. al- i e Grenzen seiner Provinz zu ver- seidigen und obzuwarten, wie sich die Dinge in China entwickeln und vor allem, welche Folgen die Spannung zwischen Tokio und Aanking nach sich ziehen wird. Don 2k a p a n hat er. der iahte- lang japanische UnterstützungSgelder und AuS- rüstungSgegenstände für seine Truppen bezog, nicht» mehr zu erwarten. Gr ist zwar nicht zum ausgesprochenen Gegner der Japaner erklärt worden, kann aber zu einer Bedrohung für sie werden, wenn er eine» Tage» au» seinen Die­dertagen die Konsequenzen ziehen und sich Tschi- angkaischek xur Verfügung stellen sollte. Vor­läufig verfolgen ihn aber die Südchinesen noch und c» ist nicht ausgeschlossen, daß sich die Kämpfe jm *71 erben yttingS f * t f f ß c r

Wie e» aussieht, wartet Japan auf ein wei­tere- Vortücken der Ranking-Truppen. wie e» ja auch schon ein Armeekorps bereitgestellt hat, um von Peking au» den Siegern den Weg auf» neue zu verlegen und kriegerische Ereignisse von der Mandschurei sernzuhalten. Wa» wir in Tientsin und Tfinansu erlebt haben, wird sich unzweifelhaft in oder um Peking wieder­holen. Hinzu kommt, daß Tokio die Ranking- Regierung ausgcsordert hat. ihren ©eneraUifft- mu» Tschiangkaischek zu zwingen, sich bei den Japanern zu entschuldigen und außerdem alle feindlichen Handlungen an der vchantung- Dahn einzustellen. Tschiangkaischek, der au» nahe­liegenden Gründen sich bisher redlich bemüht hat. den Japanern au» dem Wege zu aehcn. wird schwerlich für eine Entschuldigung zu haben sein. Wa» aber werden die Japaner bann ma­chen. wenn ihre Suhnesorderungen durch Danking nicht ersüllt werden? Vielleicht schieben sie w e i - tere Truppenmassen nach Ehina hinein, bi» sie dann eine» Tages die ganze Schantung- Halbinsel abgc riegelt haben, der ein glei­che» Schicksal wie Korea droht.

Tfchangtsolin bereifet die Räumung vor.

Rückzug in die Mandschurei.

London, 17. Mai. (X1L) Die Vorhut der Armee deS Generals Feng ist nach den letzten in Tokio eingegangenen Mitteilungen bi» etwa 50 Kilometer südlich von Tientsin vorgedrungen und bedroht die rückwärtigen Ver­bindungen der Schantunqstreirkräste und den Tientsin-Pciing-Bezirk. Nördlich von Machang sollen bereit» K impfe im Gange sein. Tschang- tsolin hat die Ei'enbahnverwa lang der Dahnen Peking-Mulden und Tient.inPukau ange­wiesen, den Güterverkehr einzustellen und 15 Züge nach Peking für die Truppenbeförderung zu entsenden. Der Rückzug der Dordtrup- pen auf ihre vorbereiteten Stellungen ist bisher ohne Störungen verlaufen. In Peking wächst die lleberzeugung, daß die Südtruppen an Tientsin vorbei rücken werden, um auf die Peking Hankau-Eisenbahn <u stoben, so dast den Dordtruppen die Möglichkeit ge- acben ift, einen verhältnismäßig leichten Rückzug durchzusühren. Die Hauptmasse der Dordtruppen befindet sich noch immer in einer Front, die südlich von Peking bi» etwa 70 Kilometer südlich von Tientsin verläuft. Man glaubt, daß sich die vüdarmeen bei dem weiteren Vormarsch auf Peking schwächen werden.

Reben dem Transport von Kriegs­material nach der Mandschurei werden nun­mehr auch große Warenmengen aller ArtvonPekingnachder Mandschurei gesandt, worin Anzeichen für einen baldigen Rückzug T'changllolin» nach dem Rorden ge­sehen werden. In Peking wird die Lage ruhig beurteilt, da man allgemein mit einer Besetzung der Stadt durch den Gouverneur von Echans. General B e n, oder durch General Feng rech­net. deren Soldaten bei der Devöllerung als weniger gefährlich gelten. Don zuständiger j a - panischer Seite wird erklärt es werde nur noch eine japanische Kompagnie nach Pel.ng gesandt werden. Gleichwohl werde aber eifrig

daran gearbeitet Quartiere für mehrere hundert Mann in der früheren österreichi- 'chen Gesandtschaft e.nzurichten und die Ver- teidigungSanlagenzu verstärken. Die britischen Behörden haben ihre Staatsange­hörigen angewiesen, sich bereitzuhalten, damit sie sich gegebenenfalls i n - Gesandtschafts­viertel zurückziehen können. Chinesen und Ausländer bringen ihre Wertsachen in Sicherheit. Stärkere Patrouillen alS gewöhnlich Aiehen durch die Straßen. Dach 10 Upr abenb» Darf niemand mehr da» Haus verlassen.

Kritische tage Japans.

Starke rruppenverstärkungen.

Tokio, 18. Mai. (TU.) 3n Japan wirb allge­mein eine neue ernfte Verschärfung der Lage in China erwartet. Morgen finbet ein außer­ordentlicher flronrat statt, ber über bas weitere Verhalten Japans gegenüber China beraten soll. Japans Sorge breht sich um seine Stellung in ber Manbschurei. Die japanische Militärpartei for- bert, baß die Manbschurei unb bie Mongolei zu neutralen Zonen erklärt werden unb ver­langt energisch, daß der Vormarsch der Südtruppen trotz ber Gefahr kriegerischer Verwicklungen burch die japanische Heeresmacht verhindert werbe. Der japanischen Einwohner Rorbchinas hat sich eine ungeheure Aufregung bemächtigt. Die Militärbehörden haben bie Zivilisten vor be­stimmten Sammelpunkten, so in Peking im Gesanbtschaftsviertel unb in Tientsin in ber Äon- zession konzentriert. Zwei Dampfer mit japani­schen Flüchtlingen haben Tientsin bereite verlassen. In ben Kreisen ber übrigen Auslänber wirb bie Lage trotz bes Heranmarsches ber Trup­pen verhältnismäßig ruhig betrachtet. Angesichts

bes japanischen Rückzuges auf Peking unb Tientsin ist dort eine scharfe Agitation aufgeflammt. Fälle von Belästigungen von Japanern heben je­doch einstweilen noch vereinzelt da. Im Hinblick auf die zunehmenden Unruhen in Peking und Tlen- tsln ist ber Ragoya-Dlvlfion Befehl erteilt worben, ein Infanterieregiment unb eine Artilleriebatterie von Tsingtau nach Tientsin zu schicken. Ein Flugzeuggeschwaber ist von Japan nach bcmfelben Bcstimungcort besohlen zum Schutze ber Be­wohner. Gleichzeitig ift bie am 4. Mai von Dairen nach Schantung geschickte Jnsanteriebrigabe nach Dairen zurückbeorbert worben, weil man be­fürchtet, baß die Unruhen sich nach ber Manbschurei ausbreiten könnten. Die in Schantung vorhandene Streitmacht ist dadurch um etwa 5500 Mann verringert worden.

In maßgebenden Kreisen verlautet, daß die javanischen Militärbehörden zeitweilig die Z i» vilverwaltung der von ihnen besetz en Zone übernehmen werden. Der Ches de» javanischen Generalstabe» hat den japanischen DesehlShabcr in Tsinanfu. Fukuda. angewiesen, dem Er­suchen der Südtruppen, durch Tfinansu zu passie­ren. stattzugeben, vorausgesetzt, daß daS chinesische Qberkvmmando den japanischen For­derungen nach Genugtuung für die letzten Zwischenfälle zustimmt. Der javanische Generalstab in Tfinansu berichtet, Tschiang­kaischek habe funfcnfe'cgraphische Verhand­lungen mit dem jop'n shen o e lommondieren- den General Fukuda vorgcschlagen. dieser habe e» aber abgelehnt, in solche Verhandlungen einzutreten. Er wolle nur mit einem eigens be- vollmächtigten Delegierten verhandeln. Fukuda habe hinzugesetzt: Unsere Forderungen sind un­abänderlich. Wir beabsichtigen, die Ange- legenheit aus militärischem und nicht auf diplomatischem Wege zu regeln.

Die Parteien im Wahlkampf.

Behandlung deS JnlandkapitalS und die Förderung der Kapitalbildung im Innern für eine Pflicht der deutschen Finanz- VolitU. Zum Schluß wandte sich der Redner den

Köhlers Finanzpolitik.

feine Wahlrede deS ReichSfinanzministerS

Karlsruhe. 16. Mai. (WB.) ReichSfinanz- ministcr Dr. Köhler hielt hier al» Spitzen­kandidat des badischen Zentrum» eine Wahl­rede. Er stellte an die Spitze der dem neuen Reichstag obliegenden großen Aufgaben die Fortführung der bisherigen Außenpolitik als VerständigungS- und DefreiungSpolitik. Auf innerpolitischem Gebiete gelte es. die deutsche Republik, die gesichert und befestigt vor unS stehe, innerlich weiter zum wirklichen sozialen und demokratischen DollSstaat auszubauen. Die Stellung des Zentrum» zur StaatSsorm und den Farben de» neuen Staates fei klar. Der Minister behandelte bann das Probt.m der Ql e u q lie­be r u n g bc» Reiches, bie unter allen Um­ständen kommen müsse. Das Zentrum stehe dabei auf dem Standpunkte, daß diese Neugliederung auf föderativer Grundlage und nicht mit den Mitteln eine- Zwanges betrieben werden dürfe. Da» Zentrum fei bereit, am Umbau des Reiches tatkräftig mitzuwirken, davon überzeugt, daß gerade Süddeutschland in der Frage des Anschlusses an Deutsch-Oesterreich eine geschicht­liche Rolle zu spielen habe. OllS eine weitere große Ausgabe bezeichnete der Redner die Re­form der öffentlichen Verwaltung. Die Reform der Organisation der ReichSsinanz- verwaltung sei bereit» eingeleitet, und er hoffe, schon in allernächster Zeit mit entsprechenden Maßnahmen hcrvortreten zu können. Qlach der endgültigen Lösung der Reparationsfrage sei ben Ländern und Gemeinden daS Zuschlags- rccht zur Einkommensteuer wiederzuge­ben. Dringend notwendig sei ferner eine Reform des W ab Ivers ährens.

Der Minister verteidigte bann seine Finonzpoli- tU. Die beutsche Finanzlage fei angespannt aber nicht ungesund. Es fei ihm gelungen, den Dcrwaltungsoufioand des Reiches, der 1913 2,4 Milliarden unb 1926 2,5 Milliarden betrug, im Jahre 1928 auf 1,7 Milliarden herobzumin- dem. Große Schwierigkeiten bereite allerdings der außerordenUiche Etat, der A n l e i h e e t a t des Deutschen Reiches. Der jetzige Reichsfmanzminister habe auch hier zu ben schärfsten Mitteln ber Ein- schränkung gegriffen. Sein unverrückbares Ziel fei: Unter Feinen Umständen ein Fehlbe­trag im deutschen Etat. Für bie Festsetzung einer erträglichen Reparationsschuld fei die Wahrung ber Kreditwürdigkeit Deutschlands unb der deutschen Regierung kie größte zu lösende politische Aufgabe. Der Politik äußer st er Sparsamkeit müf- sen sich Reich und Länder und alle offiziellen Der- bänbe rückhaltlos anschließen. Das Reich und die Länder werden gut daran tun, auch roe.terbin von der Aufnahme von Auslandanleihen abzusehen. Die Führung in de- ganzen Anleihepolitik müsse in den Händen des Reiches liegen.

Der Minister machte dann die Mitteilung, daß er im Reichsrat bereit» «in Gesetz zur Ver­einheitlichung und Vereinfachung der Realsteuern vorgelegt hatte und dieses auch dort behandelt worden fei. Wäre der Reichstag nicht aufgelöst worden, so stünde er jetzt mitten in der Beratung dieser für die deutsche Wirtschaft so wichtigen Materie. Dr. Köhler hält die schonliche und pfleglich«

kulturpolitischen Fragen zu. DaS ReichS- s ch u l a e s e tz sei für daS Zentrum die kultur­politische Aufgabe, die der Lösung entgegenge- führt werden müsse. Das Zentrum sei frei und unabhängig in den Wahlkampf gegangen und habe auch für die kommend« Regierungsbildung keine Bindungen. Von der Sozialdemo­kratie hoffe er. daß fic bei den Aufbauarbeiten der nächsten Jahre ihr« Kräfte positiv zur Ver­fügung stellt.

Eine Rede Kardorffs.

LPD. Frankfurt a. M.. 16. Mai. In einer Wahlversammlung der Deutschen Volkspartei sprach Abg. v. K ard orf f, der u. a folgende» ausführic: Unser einziger aktiver Fa'tor in der Außenpoitilk ist unser einigrr nationaler Wille. Auch ich bin enttäuscht von dem, waS erreicht worden ist. Germersheim und Landau reden eine ber dte Sprache. Gin Vergleich der fran- zösischen Okkupation mit d r deutschen Okkupation nach 1870 in Frankreich fällt sehr zu ungunsten der ersteren aus. Die französische Regierung hat sich nach Beendigung der Damaligen Okkupation bei d.r beutschen Regierung bedankt für die Hu­manität und die Rücksicht, die die Desatzungs- ar.nce gezeigt hat Es wird sich wohl kein deutscher Minister finden, der der französischen Regierung eine gleiche Anerkennung in Zukunft auSsprechen wird. Wir danken es 61refc- mann, daß er auf den Wege der Derständi- gungspolitü tr>tz aller Hemmnisse erhebliche Er­folge erzielt hat. Diese Derständigu igspolitik ist auch von den D e u t s ch n a t i o n a l e n ge­billigt worden, weil sie die einzige ift, bie in Frage kommt. Wenn in drutschnationalen Kreisen eine aktive Bündnispolitik ge­fordert wird (Stallen), so ist hierzu äu bemerken, daß wir zu einer solchen Politik noch nicht fähig sind. Ein Zusammengehen mit Rußland br.ngt uns unfehlbar in einen Gegensatz zu England unb Amerika.

(Eine wichtige Aufgabe des fünftlgen Reichs- tags wirb bie Reform ber Relchsoerfaf- jung fein, bie uns eine stärkere Stabili­sierung ber Regierung bringen muß. Diese muß entweder für einen bestimmten Zeitraum ge- wähll werden, ober es muß erreicht werden, daß der einzelne Minister nur bei Beratung seines Etats gestürzt werden kann. Das Land will nicht von Parteien, sondern von verantwortungs­bewußten Männern regiert werden. In ber Frage Einheits- ober Bundesstaat kann nicht Revolution, sondern nur Evolution zum Ziele füg­ten Man muß beginnen mit einer Beseitigung der Enklaven und ber kleinen, nicht lebensfähigen S'oaten und mit ber Beseitigung Des Gcaen.iatzes zwischen dem Reich unb Preußen. E nheitlichkeit ber Justizverwaltung, des Dolksschulwesens unb vor allem Vereinheitlichung ber Steuern smb Anfänge, bie jeber begrüßen wirb, von der Landwirtschaft, deren Notlage er anerkennt, fordert ber Redner, daß sie die Produkte möglichst nahe an den Konsumenten heranbringe unb durch entsprechende Organisation dafür sorge, daß bie vielen Zwischenstellen ausgeschaltet würden. Ferner

forderte er von ihr eine belfere Produktsonsart, bie die Güte ber Probukte Hede Kardoss wendet sich bann gegen ben zu starken Eingriff der öffentlichen Hand in bie Privatwirt- schäft. Die Privatwirtschaft ist der staatlichen immer überlegen. Die Vozialbemokratie verkenne bas Führerprinzip in ber Wirtschaft Die Führer sink» es, bie bie Erfolge ber Wirtschaft er­zielen unb bem Arbeiter zum Brot Helsen. Unter- nebmerschaft unb Arbeiterschaft werden entweder zusammen leben ober zusammen untergeben. Wlr leiben an einer Uederspannung ber So- zialpolitik Der Staat kann bie Sorge um alles dem einzelnen nicht abnehmen, sonbern nur einen Zuschuß ihm geben, ber ce ihm ermöglicht, über bie ärgsten Sorgen weg zu kommen.

Reinhold spricht in Frankfurt.

Frankfurt a. M., 16. Mai. (Landespresse- dienst.) Der Spitzenkandidat der Demokratischen Partei, Reichssinanzminister a. D. Dr. Rein­hold sprach in einer Wahlversammlung im Palmcngarten. In diesem Wahlkampf ginge es darum, In Deutschland eine Regierung zu be­kommen, mit einem einheitlichen demokratischen Willen, die auch in der Lage sei. den neuen Staatsgedanken durchzuletzen. Die Frage der StaatSsorm sei für Deutschland endgültig entschieden. Sine Gefahr drohe der Republik nur von pseudorepublikanischen Ministern Auf die Innenpolitik eingehend, betonte der Redner die Rotwendigk.it der Demokratisierung der Verwaltung. Dem Wirken der Mi­nister der Rechten fet es zuzuschreiben. daß der Abschluß der notwendigen Handelsverträge ver­zögert wurde. DaS Zentrum sei in die Regie­rung nur hineingegangen im Glauben, mit Unter­stützung der Rechten seine Schulwünsche durch­setzen zu tonnen. Die Gefahr der Konsessio- nalifierung der Schul« sei noch nickt überwunden. Der Zerschlagung der Volksschule würden die Demokraten niemals ihre Zustimmung geben. Wenn auch der Außenminister Dr Circlc- monn glaubte, durch den Eintritt der Deutschnation alen eine Störung der Außenpolitik nicht besürchten zu müssen, so stehe er, der Redner, doch auf dem Standpunkt, daß die Außenpolitik durch den Eintritt der Deutsch- nationalen zweifellos gelähmt worden sei. DaS Jahr 1927 war eine vollkommene Stagnation in dieser Hinsicht. Die Demokraten wollten eine Außenpolitik, die gelührt werde mit äleberzeugung zur gegenseitigen Verständigung. Dr. Reinhold besprach dann bie Finanzpoli­tik der letzten Jahre. Dem AufwertungS- g e s e tz hätten die Demokraten ihre Zustimmung versagt, weil sie den Altrentnern einen Rechts­anspruch sichern wollten. Der demokrati'che Aus­wertung sen twurs fei am Widerspruch der Rech­ten und am Unwillen de» Zentrums gescheitert. Durch die falsche Steuerpolitik seien in den Jahren 192325 über drei Milliar­den zu viel Steuern in die öffentlichen Kassen geflossen. Der Redner schilderte bann den harten parlamentarischen Kamps, der sich um bie von ihm eingeleitete Steuersenkung ent­spann, und rechtfertigte seine Polllik, bie ber ganzen Wirtschaft zugute kam.

0er Ginn ber Wahl"

feine Wahlrede

deS Reichöernährunttsminifters Lchiele.

Marburg, 16. Mai. (XU.) Reichsernöh- rungsminister Schiele führte in einer beutsch- nationalen Versammlung am 16. Mai in Mar­burg u. a. folgenbeS aus' Der Sinn ber Wahl ift: Orbnung ber Machtfronten. Di« Erfahrungen ber Legislaturperiode des letzten Reichstaaes zeigen, daß e» so. wie bisher, nicht weitergeyt. Innere Hemmungen, entstanden au- endlosen Reibungen in unserem Parteileben, haben eine fruchtbare systematische Arbeit ver­hindert. Beständig war nur d i e Re­gierungskrise. Wenn die Politik sruchtbar werden soll, so muß eine große RechtS- gruppe einer LinkSgruppe, jede in sich mit festen inneren Bindungen, gegenüberstehen. Dann hat daS parlamentarische Leben Sinn, dann ist der Kamps für da- deutsche Volk er­folgreich, weil damit die Verantwortungslosig­keit der Opposition aufhört. Fernhalten von der Wahl ist nur ein Beweis müder Resignation. Wahl heißt Machtanwendung. Eintritt in bie Regierung ist Machtanwenbung. Oppo­sition ist nur ein vorüberaehendes Mittel zur Machtanwenbung. Eine große Partei muß Ver­antwortung wollen uno es den Kleinen überlassen, sich vor der Verantwortung zu drücken, zu schimpfen und den Wählern unerfüll­bare Versprechungen zu machen.

Politische Einflußnahme auf den Staat ist drS Ziel, das wir erstreben müssen, denn mit ihr gewinnen wir Einwirkung auf alles, was unS umgibt in Wirtschaft und Kultur. Richt For­meln. Resolutio en. Programme nützen dem Voll, sondern Realitäten. Auch wir wünschen eine gesunde Demo rntie, einen deutschen Vollsstaat, der freiheitlich und nationalwirtschaftlich auf ge­baut ist und fortentwickelt wird, der auch neuei Wege lucht zum Wohle des Volkstänzen. Für diese Fortentwicklung verlangen toit verfas­sungsmäßige Sicherungen. Wan klagt darüber, daß sich in Gestalt großer, wirtschaft-