dnen Damen gemacht hatte. Die Vollendung des großen Werkes hat er nicht mehr erlebt: er starb 1924 an den Folgen des ständigen Aufenthaltes tief unter der Erde und in der komprimierten Luft.
Der Holland-Tunnel darf in jeder Beziehung als ein Meisterwerk modernster Technik gelten. Zwar bestehen bereits mehrere Derkehrstunnels, wie der Elb-Tunnel in Hamburg, diese igen von Dlackwarf und Rotherhithe in London und der Hafentunnel in Glasgow. Sie hoben indessen alle nicht die Ausdehnung und hatten nicht so schwierige Probleme zu lösen wie in diesem Fall. Handelt es sich doch hier um einen von der freien Luft abgeschlossenen Fahrweg, in dem eine ununterbrochene Kette von Maschinen ständig die schädlichsten Rauch- und Gasarten auspufft.
Gerade diese größte Schwierigkeit, die Venti- lativnsfrage, hat eine geniale Lösung gefunden. Umfangreiche Studien und Experimente der ersten amerikanischen Chemiker' waren vorausgegangen. um den Grad der zu erwartenden Lustverschlechterung in dem Tunnel zu berechnen, die Wirkung der ausgestohenen Gase auf den menschlichen Organismus zu ermitteln usw. Dann errichtete man über dem Tunnel vier besondere Dentilationsgebäude. eins auf jeder Londseite und zwei aus den Wassern des Hudson hervorragend. um von hier aus die Luftreinigung in den Tunnelröhren zu ermöglichen. Diese sind zu diesem Zweck unterhalb und oberhalb der Fahrstraße als fortlaufende Lustkanäle ausge- bildet. 3n den unteren wird die reine Luft von den Maschinenhäusern aus hineingepreßt und dann durch zahlreiche kleine Oeffnungen in die eigentliche Fahrstraße geblasen, während die vergaste Luft durch zahlreiche Abzugswege in den oberen Kanal gelangt und aus diesem durch entsprechende Saugemaschinen, um es für den Laien verständlich auszudrücken, herausgezogen wird. Auf diese Weise herrscht mithin in jedem Tunnel an jeder Stelle eine unaufhörliche Luftströmung. die Rauch und Gas vertilgt.
Auch in jeder anderen Beziehung ist selbstverständlich für die denkbar größte Sicherheit gesorgt. Jede Tunnelröhre ist natürlich Einbahnstraße: die rechte Seite ist den schweren und langsamer fahrenden Lastautos Vorbehalten, links davon bewegen sich die Personenwagen, die den ganzen Weg in etwa sechs Minuten zurücklegen. und an der linken Außenseite ist ein erhöhter Gang für die Verkehrspolizisten vorgesehen, die in Abständen von 150 Meter postiert sind. Das Tunnelinnere ist mit einem vollkommenen Signalsystem ausgerüstet: jeder Polizist kann von seinem Platz aus telephonisch alle Eveir- tualitäten nach außen hin melden. Bei Feuersgefahr stehen alle 40 Meter Löschapparate nach dem Schaumversahren, Sandkästen und Wasseranschluß bereit. 3m Falle einer Panne wird telephonisch ein besonders konstruiertes, vor- und rückwärts fahrendes und mit Hebekran ausgerüstetes Transportauto herbei gerufen, das das Hindernis in kürzester Zeit aufnimmt oder abschleppt. Zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und -schnelligkeit sind in beiden Stadttellen die Ein- und Ausfahrten auf ziemlich weit voneinander entfernten Plätzen angeordnet. 3n erster Linie erwartet man von dem neuen Llnterwasser- weg bedeutende wirtschaftliche Vortelle durch Frachtersparnisse und beschleunigten Güterumschlag. da nunmehr das stundenlange Warten der Lastwagen auf Abfertigung bzw. das langwierige Liebersetzen durch die Fähren wegfüllt.
Fast noch großzügiger und phantastischer mutet ein Werk an, das sich zur Zeit im Dau befindet und etwas weiter nördlich „drüber weg" , die Derkehrsnöte beseitigen soll: die neue Hudson b r ü ck e. Sie hat die größte aller bisher gewagten Spannweiten, nämlich die ungestützte Strecke von 1100 Meter. Die beiden Drücken- pseiler. die etwas von den Ufern aus vorgeschoben sind, find je 200 Meter hoch, haben also ungefähr die neun- bis zehnfache Höhe unserer normalen Großstadthäuser! Der Verkehr vollzieht sich aus zwei übereinanderliegenden Stockwerken. Das obere bietet bequemen Platz für acht nebeneinander fahrende Automoblle und Fußwege an den beiden Außenseiten, während unten zunächst vier Eisenbahngeleise vorgesehen sind, . die aber noch vermehrt werden können. Amerikanische Verhältnisse! Die Gesamtkosten werden aus 75 Millionen Dollar veranschlagt. Von den gewaltigen Brückenkabeln besteht jedes aus 28 500 galvanisierten Stahldrähten, das hängende Gewicht beträgt 120 000 Tonnen. Interessant ist,
daß man eine Schwingungsmöglichkeit von 3 bis 5 englischen Fuß vorgesehen hat: bei kaltem Wetter wird die Verkürzung der Stahltroksen etwa vier Fuß betragen, während bei Hitze eine gewisse Ausdehnung stattfindet, so daß nach der Schätzung der Sachverständigen der Mittelpunkt der Brücke an einem kalten Tage annähernd fünf Fuß höher liegen dürfte als an einem heißen. Daß auch bei der Verankerung einer derartigen Last auf beiden Landsetten enorme Gewichte eine Rolle spielen, kann hier nur an- gedeutet werden. Die Fertigstellung des ersten Brückentells ist im übrigen für das Jahr 1932 vorgesehen. Man wird dann also wieder eine neue „größte Brücke der Welt" haben!
Bei dem dritten stleuyorker Bauwerk, von dem hier die Rede fein soll, handelt es sich um das im Entstehen begriffene neue Hauptverwaltungsgebäude einer der größten amerikani
schen Eisenbahngesellschatten. der New York Cent« dl iines. Es bildet zwar zugleich einen neuen, 34stöckigen Wolkenkratzer, was sich eigentlich von selbst versteht: andererseits stellt es jedoch eine bisher beispiellose architektonische Reuerung dar. An der Vorderfront schluckt sozusagen das Riesengebäude den gesamten Wagen- und Fußgängerverkehr der Park Avenue durch vier große Torbogen in sich ein, um ihn an der Rückseite auf zwei Viadukten über das Straßenniveau hinweg nach Osten und Westen wieder von sich zu geben. Außerdem ist das eigenartige Bauwerk mit dem danebenliegenden Hauptbahnyof. dem Grand Central Terminal, durch eine große llebersührung verbunden, während die Eisenbahnzüge selbst unter dem Fundament des Verwaltungsgebäudes hinwegsahren. Also auch hier wieder das neue amerikanische Motto: „Unten durch und drüber weg!"
Oie Auswertung von Kautionen.
Von D5. Döising, Äürgermeister von Alsfeld.
Die Frage, ob und inwieweit geleistete Kautionen aufzuwerten sind, ist auch heute noch von praktischer Bedeutung, da in vielen Fällen eine gütliche Regelung oder eine Entscheidung noch nicht getroffen ist. Viele derartige Anträge auf Aufwertung von Kautionen harren noch ihrer Erledigung, wobei bis zu einem gewissen Grade die Unkenntnis über die rechtliche Seite der Aufwertung von Kautionen mit schuld fein mag, da man nicht recht weih, wie man sich derartigen Anträgen gegenüber verhalten soll. Für die Praxis kommen hauptsächlich zwei Arten von Kautionen in Bettet, einmal die Dienstkaution im öffentlichen Interesse, z. B. die von den Gemeinde- und Sparkassenrechnem gestellten Kautionen und sodann die im privaten Wirtschaftsleben in Verträgen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern für die Erfüllung gewisser Arbeiten und Lieferungen des Arbeitnehmers vereinbarten Kautionen. Bei der rechtlichen Beurteilung der Aufwertung dieser Kautionen ist zunächst allgemein davon aus^ugehen. daß die Kaution in der Regel, sofern sie nicht dem Empfänger zur freien Verfügung überlassen wurde und von diesem etwa als Betriebskapital verwendet worden ist, nicht unter die gesetzliche Aufwertung im Rahmen des Aufwertungs- gesehes fällt. sondern der freien Aufwertung unterliegt, die gemäß Paragraph 242 L. G. O. nach den Grundsätzen von Treu und Glauben zu erfolgen hat. Die Kaution ist demgemäß nicht als Vermögensanlage anzusehen, da der Zweck der Kaution in erster Linie das Interesse des Arbeitgebers, nicht des Hingehenden ist. Der Anspruch auf Aufwertung ist vielmehr aus einem gegenseitigen Vertrage herzu- letten, so daß die ganze Frage unter Heranziehung der besonderen gesetzlichen Vorschriften über die Sicherheitsleistungen (Paragraph 232 ff. B. G. B.) nach den aus Paragraph 242 B. G. B. sich erge&enben allgemeinen Rechtsgrundfähen nach Treu und Glauben zu behandeln ist. (Mügel. Kommentar zum Aufwertungsrecht. Paragraph 34 6.171; Warneyer-Koppe, die Aufwertungsgesetze, 3. Auflage 6. 213, 214; Aul- wertungsarchw 1926 Heft 3. Dr. Klein, die Aufwertung von Kautionen.) Vorschriften über die Berechnung der Geldentwertung oder über eine Höchstgrenze für die Aufwertung find nicht gegeben. wenngleich die den Durchführungsbestim- mungen zum Auswertungsgeseh beigefügte Gold- marttabelle für die Errechnung des inneren Wertes der hingegebenen Sicherheit, der im allgemeinen die Grenze der Aufwertung nach obenhin bilden dürfte, wichtige Anhaltspunkte gibt. Es fragt sich nun. wer im Verhältnis der Beteiligten zueinander den Entwertungsschaden zu tragen hat. Die Entscheidung hierüber hängt davon ab. auf Grund welchen Rechtsverhältnisses die Hinterlegung erfolgt ist. (Mügel a. a. O. S. 170.) Dabei ist von dem allgemeinen Grundsätze auszugehen, daß in erster Linie der Kautionsbesteller für die Entwertung der Kaution einzustehen hat. Ihm lag es ob, sich mit dem Empfänger wegen des Schuhes vor der Entwertung durch eine wertbeständige Anlage in Verbindung zu setzen; nur bei Verschulden des Empfängers erhält er einen Schadenersatzanspruch in Höhe der Aufwertung (s. Aufwertungsarchiv
a. a. O. 79). Wem Geld zu Pfand- oder Sicherheitszwecken übergeben wird, der übernimmt freilich eine gewisse Sorgfaltspflicht, und diese wird verletzt, wenn der Empfänger des Geldes in Zeiten fortschreitender Markentwertung dasselbe nicht nach Kräften und unter Anwendung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt der Entwertung entzieht, z. B. Devisen dafür gekauft oder Sachwerte dafür eingetaulcht hat. (Warneyer' Koppe a. a. O. 214.) Allerdings durste sich auch der Hinterleger nicht untätig verhalten, es sei denn, daß er mit der völligen Untätigfeit des Empfängers nicht habe rechnen können, sagt das Reichsgericht weiter. Ein Verschulden des Empfängers würde z. B. vorliegen, wenn er bestimmten, ihm gegebenen Anweisungen zuwiöerhandelte. sein Privatguthabcn von her Bant oder der Sparkasse abhob und wertbeständig anlegte, die Kautionen aber stehen ließ, oder wenn er z. 2. den Kautionsbesteller, der toertbeftänbige Anlage forderte, zurückwies. bzw. feine Einwilligung verweigerte. (Aufwertungsarchiv a. a. O. S. 79.) Dagegen wird man von einem Verschulden des Kautionsempfängers nicht sprechen können, wenn dieser die gestellte Kaution etwa bei einer Bank oder Sparkasse einlegte, oder dafür Kriegsanleche oder mündelsichere Wertpapiere kaufte. Der Kau- tionsempsänger hat hier so gehandelt, wie damals alle anständigen und verständigen Menschen zu handeln pflegten. In diesen Fällen besteht also ein Aufwertungsanspruch nur insoweit, als eine Aufwertung der Anlage überhaupt erfolgt.
Die hier dargestellten allgemeinen Grundsätze finden sowohl dann Anwendung, wenn die Kaution durch Hingabe von Geld als auch dann, wenn sie durch Hinterlegung von Wertpapieren bestellt worden ist.
In den Fällen, in denen eine Auswertung bei Kautionen begründet ist. schwankt diese nach her seitherigen Rechtsprechung des Reichsgerichts zwischen 15 und 75 Prozent. (Warneyer-Koppe a. a. O. 0. 214.) lieber das Maß der Aufwertung ist nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, von Fall zu Fall, zu entscheiden, unter Berücksichtigung her Verhältnisse der Parteien.
Ein besonderer Fall liegt vor. wenn zwischen den Vertragsparteien die Anlegung der Kaution in bestimmter Wei s e vereinbart war. z. B. Einzahlung bei einer Dank oder Sparkasse. Zeichnung von Kriegsanleihen, Kauf anderer 'Wertpapiere, ober Aufbewahrung in bar. In diesem Falle besteht kein Aufwertungsanspruch des Destellers. Ein Verschulden des Empfängers kann hier in keinem Fall konstruiert werden. Die Kautionssumme folgt hier dem Schicksal der Sparguthaben, der Bank- guchaben, der Kriegsanleihe bzw. der angeschaff- ten Effekten. Der Hinterleger hat hier nur so weit einen Anspruch, als die Aufwertung der Anlage überhaupt erfolgt. (Aufwertungsarchiv a. a.O. S. 81 und 1927 Heft 2 S. 53.) Beson- berer Erwähnung bedarf noch der Fall, daß die Kaution dem Empfänger zUr freien Verfügung überlassen worben war und dieser sie in seinem Geschäft verwendet hat. ober der Fall, daß z. D. eine Gemeinde die von ihrem Rechner gestellte Kautton in ihrem Betrieb, z. B. zum Ankauf von Grundstücken, verwendet hat. Die Kaution gewinnt in diesen Fällen Darlehenscharakter, und
sie unterliegt daher den AufwertungSbeMmrmm- gen über Darlehen, grundsätzlich ist sie hier voll auswertbar, denn sie nimmt in diesen Fällen an den Sachwerten des Empfängers teil, und soweit das Vermögen des Kauttonsempsängers erhalten geblieben ist. wird es grundsätzlich bei der vollen Aufwertung verbleiben (Mügel Kommentar a. a. O : Aufwertungsarchiv Heft 3 von 1926 S. 81).
Bei Festsetzung der Höhe der 'Aufwertung der Kautton wird übrigens, wie das Oberlandgericht Düsseldorf in einer Entscheidung aussührt. nod) zu berücksichtigen fein, daß die Kauttonssumme bei Verbleib im Eigentum und Besitz des Bestellers ebenso der Entwertung anheimgefallen wäre wie bei dem Empfänger. Auch der 'Besteller würde sich in Verkennung des Wesens bet Inflation zunächst selbst untätig verhalten haben, so daß auch ein Rückgabeanspruch von vornherein schon insoweit eine Minderung erfährt.
Was schließlich noch die Frage anbelangt, ob eine in uittoertcicm Gelbe zurückgezahlte Kautton noch nachträglich aufgewertet werden kann, so ist hierfür maßgebend die Tattache. daß die Vorschriften des Aufwertungsgesetzes über Aufwertung kraft Vorbehaltes ober Rückwirkung hier nicht anwendbar finb. Die Aufwertung richtet sich in diesem Falle ebenfalls nach allgemeinen Bestimmungen. Die Rückzahlung des Nennbeträge- der Kautton in Papiermark nach Eintritt der Entwertung stellt nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts trotz voroehalt'oser Annahme keine Erfüllung der geschuldeten Leistung bar. so daß der Kautionsbesteller unvollständige Erfüllung einwenden und Aufwertung verlangen kann.
Zum Schluß noch einige Worte speziell über die Dienst kautionen der Gemeinberechner. Hier ist das Rechtsverhältnis hinsichtlich der Bestellung der Kaution im allgemeinen wohl so gewesen, daß das zuständige Kreisamt in einem besonderen Dekret an den Rechner über seine Ernennung zum Ausdruck gebracht bat. daß der Rechner zur Stellung einer Dienstkaution im Betrage von M. entweder in barem Gelde ober in mündelsicheren Wertpapieren ober in liegenden Gütern im hoppelten Taxationswert durch Eintragung einer Sicherungshypothek verpflichtet worden ist. Es ist also zwischen den Vertragsparteien die Anlegrrng der Kautton in bestimmter Weise vereinbart worden, d. h. mit Zustimmung des Gemeinberats und bes Rechners. Ist bies aber her Fall, so besteht nach den vorher gemachten Ausführungen kein Aufwertungsanspruch des Rechners, denn ein Verschulden des Kauttonsempsängers. d. h. der Gemeinde, kann hier in keinem Falle konstruiert werden. Die Kautionssumme — bar ober in Wertpapieren — folgt hier dem allgemeinen Schicksal der Sparkassenbücher, der Effekten usw. Der Rechner hat also nur insoweit einen Anspruch, als eine Aufwertung der Anlage überhaupt erfolgt. Anders liegt die Sache, wenn die Gemeinde, wie oben ausgeführt, die Kaution in ihrem Betrieb, etwa z. B. zum Ankauf von Grundstücken, verwendet hat. Alsdann unterliegt die Kaution der vollen Aufwertung. (6. obige Ausführungen.)
Amtsgericht Wetzlar.
Q Vergehen gegen das älmsatzsteuergesetz wurde einer Händlerin aus Lützellinden zur Last gelegt. Die Angellagte war durch Strafbescheid des Finanzamts Wetzlar mit 15 Mk. Geldstrafe belegt worden und hatte gerichtliche Entscheidung beantragt. Gelegentlich einer Revision auf dem Gießener Wochenmarkt hatte der Beamte bei her Angeklagten festgestellt, daß sie nicht alle zum Verkauf auSlicgenbe Butter — es fehlten 15 Pfund — in das Steuerheft eingetragen hatte. Sie bestreitet zwar eine absichtliche Handlung. sondern will keine Zeit zum Einträgen gehabt haben, da ihr die Butter erst kurz vor Erscheinen des Beamten übergeben worden sei. Diese Angaben wurden durch den Zeugen entkräftet, worauf das Gericht auf 2 0 Mark Geldstrafe, hilfsweise vier Sage Gefängnis erkannte. Die Staatsanwallschaft hatte 40 Mk. evtl, acht Tage Gefängnis beantragt
Der Einspruch eines Bureaugehllsen aus Leihgestern gegen einen Strafbefehl des Amtsgerichts Wetzlar, wonach ihm wegen Unterschlagung 50 Mk. Geldstrafe zudiktiert sind, wurde, da der Angeklagte dem Termin ohne Entfchul- bigung ferngeblieben war, k0stenfällig verworfen.
£)ie gsmenen Berge.
Vornan von Clara Diebig.
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.
41 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Mit halben, Leib hing Bre»nm zur Dachluke heraus, er konnte seinen Berg noch immer nicht sehen: da stieg er hinaus aufs Dach. Aber ob er auch noch höher hinaus kroch bis ganz zum Dachfirst, der Darmesberg liegt In der Biegung des Halbrunds, das die Mosel bei Porten nracht, er strengte oor- |jebens feine Augen an, er konnte den Berg nicht
Lange stand er so, auf Zel-enspitzen gereckt, den Ann um den, ach, jetzt schon längst erkalteten Schornstein geschlungen. Drüben die Berge konnte er besser sehen, er sah auch Munden. Dort schien man überhaupt besser daran, nicht so tief im Wasser äu sein; das User war dort höher, und das Dors lag iDetter zurück. Das weiße Kirchlein auf dem Kloster- berg blickte tröstend herüber, das sah man hell schimmern durch allen Nebel. Da riß der Mann seine Jacke herunter, hob sie an seinem Arm wie an einer Stange, schwenke unb schwenkte sie. Riß auch fein Hemd sich über den Kops — Weiß sah man besser — schwenkte und schwenkte das abermals, wieder und wieder. Wind kam und blähte ferne Notflagge, und aus vollem Hatte frfwic er dazu: „Hä, holla! Hilf, zu Hilf!"
Es hatte den Mann eine Angst überkommen, die so groß war, daß er laut schreien mußte; er märe sonst daran erstickt. —
Gut, daß die Boemm so tapfer war. Wenn die Kmder.^-'- dann sagte sie: „Bah, wat seht ihr
<hn< aus. Guck emal, Ehristinchen'' Unb sie hrett n der Kleinen ein Spiegelchen vor. Da mufeteW ^n. fo ^tigen Äm die immer ’ >mmt der Schutzengel nit."
„Kommt der im wa^ uns?" fragte der Hanni. 'N °Liw<n^volltzch,n»t.'' sagte ausweichend die 'jRutter. Svig t fie „jchs „Aber er kommt, er jenmmt.' Und das lag sie nicht.
de>m sie chcnwte
Seigtt er denn nicht schon an, daß er der Kinder gedachte? Man hätte cs nicht für möglich gehalten, aber gestern hatte eine Henne in das bißchen Stroh der alten Bettstelle ein Ei gelegt — bei de r Kälte und dem schlechten Futter! Heute lagen gar zwei darin. Die Kinder schlürften sie jubelnd aus.
Auch Maria war ruhig. Es war ihr, als sei alle Qual jetzt von ihr genommen: sie rang mit nichts mehr — es tornrnt der Tag, cs gehl der Tag, es kommt wieder ein Tag und geht wieder ein Tag — iDCiut sie geduldig wartete, dann kam auch einstmals ein Tag wieder, wie sie in letzter Nacht einen geträumt hatte. Wunderbar erfrischt war sie danach erwacht. Sie war selber erstaunt, daß das lange Stehen unten im Wasser ihr nichts angetan hatte und"den anderen auch nicksts. Sie hatte sich gesorgt um die Mutter, die war doch nicht mehr jung, aber auch die war gesund. Gewiß, es war sck-limm, hier oben hungrig und kalt eingejperrt sitzen zu müssen, aber es gab doch noch Schlimmeres — ach, das mußte sie ja! Wie es dem Nettchen wohl geben mochte? Da stand auch sicher das Wasser. Und Herrn Dousemontt Der gute alte Monn! Weiteres dachte sie nicht. Stumm besorgte fie das wenige, was sie hier oben zu tun hatte, meist faß sie still und strickte ptrümpfe für die Brüder, aber wenn's niemand 'ah. strickte fie Wickelbänder. Wenn der Februar kam, dann würde es bald soweit fein. Ergeben neigte sie tief den Kopf.
Der Peter und der Paul waren in steter Bcwe- gung. In die Dachluke hinein, aus der Dachluke heraus, hinauf aufs Dach, Umschau gehalten, gc* unnft mit selbstgefertigter Fahne, geschrien, gebrüllt. Empört schimpften fie auf die Pottcner: ivo war der Loesenich, wo der ^stor- Ware» denn alle ersoffen?! —
Bis jetzt war kein Unglücksfall oorgetommen, er- tninfcm war keiner. Aber eine Wiege hatte man die Mosel herunlerkommon sehen, bte wurde dahin- geriffen unb wirbelnd gedreht. War ein Kind darin -■ 1"? Nem? Man hatte es nicht deutlich erkennen können, aber Entsetzen hatten alle, die da« sahen erfaßt. Jesus, Matta, gebt obacht auf eure Kmder! Und auf das Vieh. Denn Vieh wurde stündlich her, untergeschwemmt. Mit Schrcckensgeschre-i kündigten Peter imd Paul es jedesmal an ixwn Dache. ]ln-
sörmlich aufgedunsen, seitlich liegend, den geblähten Bauch über Wasser, Rinder, Schafe unb Ziegen. Die graue Löwin schleppte den Fraß fort. Katzen und Hunde und Hähn und Hühner nahm sie auch mit — Hunger, sie hatte immer noch Hunger — fie fraß auch ein Pferd. Und zwischen Strohbündeln und Heuhaufen, zwischen Hausgerätschaften und Dachsparren, .^wischen Gartengattern und Weinikisten kam eine Hundehütte geschwwommen, darauf ein weißschwarzer Terrier, auf ängstlichen Pfoten hin- und her rennend und lmablässig laut bellend. Das war fast der traurigste Anblick.
Gott sei Dank, daß man die Kuh noch in letzter Stunde zum Loesenich hinaufgebracht hatte. Aber vielleicht war die Gaste jetzt auch überschwemmt. Das Glöcklcin der Kirche bimmelte nicht — alles tot — alles tot
Da kam doch Mutlosigkeit auch über die Frauen. ''Betet zu euern Schutzengeln, betet," flüsterte die Mutter und beugte sich über die Kinder. Sie hielt die heute im Bett, sie kamen ihr bleich und abgezehrt vor — lvaren die Kleinen krank? Sie fühlte die Hände an, die zur Seite geneigten Köpfe: hatten sie Fieber?
„Wenn bat noch lang jo bleibt, krepieren wir aU," sagte finster der Vater. Der Mann l-attc immer unb immer wieder versucht, die Treppe hinunter» zukommen; er litt entsetzlichen Dürft, ebenso wie die anderen, vielleicht noch mehr, denn in ihm brannte eine Flamme, die ihn fast ausbranme: die Flamme verzehrender Angst. Sein Wein, sein Wein — wie mochte es unten im Keller jetzt aussehen?! Und oben im Berg? Ob viele Stöcke umgestürzt lagen, viel Schotter nachgerutscht war? Rücksichtslos watete er ins Master hinem: aber er mußte sich nur S.u bald überzeugen, wenn er nicht ertrinken wollte, sich nicht mit Absicht ertränken, hieß es: zurück. In stumpfer Resignation faß er heut auf dem Schemel: cs hatte auch keinen Zweck mehr, aus bei Dachluke ZU spähen, um Hilfe zu rufen, nichts als Wasser, Wasser überall. Es ging vielleicht auch schon längst kein Zug mehr, alle Orte rm Moseltttt waren über- schwemt, — wie hatte er nur denken können, daß von irgendwo Rettung käme?!
Di« 'S remm wagte es, zu ihrem Mann hinzu« ge^en, ihm die Hand auf die Schulter Mi legen: ..Du llh glauben, bat Wasser sollt schon/'
„Schon —?!" Er lachte ingrimmig.
„Ei is noch nicht viel, wat et fällt, aber roetm et nur als anfängt mit fallen." Es war ein frommer Betrug, die Frau sah es, das Wasser ging noch nicht zurück, aber sie hoffte, ihm Mut ju machen und sich selber: wenn man nur glaubt, daß es fällt, so Hilst bas schon. Sie klammerte sich an biefen Mau» den. Mit zitternden Händen zündete fie ein Kerzchen an, sie stellte es vor das Marienbild an der Wand: es war die letzte Kerze, wenn die ausgebrannt war. dann sahen sie ganz im Dunkeln. Das elektrische Licht hatte gleich versagt, das war untergegangen wie Sonne und Mond und alle Sterne des Himmels. Und doch nahten jetzt die heiligen Nächte, in denen Wunder geschehen, Tiere sprechen und Ad- geschiedenen aus ihren Gräbern steigen, und das Kind in der Krippe lächelnd zu frommen fimbern sich neigt. Ach, das war der Mutter so hatt, daß sie den Kindern gar nichts bescheren konnte, keinen Pfefferkuchenreiter, kein Lebkuchenherz, nicht einmal ein paar Aepsel und Nüsse. Sie meinte heute, als sie sich nieberlegfe.
Auch Tlaria weinte, als sie im Beu lag; heute nicht um sich, es war ihr so weh um die anderen. Wenn doch endlich, endlich Hilfe zu ihnen käme'. Aber ganz Pötten steckte wie sie im Wasser, man hätte vorn Dorf her feinen Laut. Still, unheimlich sttll, ganz enttetzlich still war es. So still ist cs, wenn nun im Grabe liegt — aber, ach nein, noch nicht sterben! Sie ttchtete sich zwischen den Kindern auf, sah DornuberßeneiQt, lehnenden Auges nach den, Fenster starrend. Wenn sie doch nur ein bißchen Morgenröte ähe. nur einen einzigen Ruf vernähme! Hilfe, Hilf«! Aber wer sollte sie bringen?
Da taud)tc etwas im Fenster auf. Nichts war da zu sichen gar nichts, nur dunkle Leere, gähnende vnnftenns. aber sie sah doch etwas. Mit ihrem durch ben .hunger nicht mehr klaren Bewußtsein, mit ihren aufs äußerste überreizten Sinnen, wach im Schloten unb doch wie schlafeird im Wachen, sah, gewahrte fie, was andere nicht sahen. Ein Mann ftanb oorrn Fenster — stieß es auf, stieg herein — groß und stark — fie streckte die Arme nach ihm aus: der Farn ihnen zu Hilfe l
(Fortsetzung folgt)


