Ur. <0 Drittes Statt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, jd. Zebruar 1928
Wie Prinz Aman Mah Emir von Afghanistan wurde.
Nachdruck verboten.
45 Fortsetzung.
Prinzen. Die Luft schwirrte von Gerüchten. Spannung schien unerträglich. Da geschah schon das Unglaubliche, was niemand von erwartet hatte. 3n der Nacht vom 20.
dem Die auch uns zum
Cs zogen drei Burschen wohl über den Mein .... Roman von Erica Grupe -Lärche r.
21. Februar wurde der Emir Habib Ullah Chan in der Nähe seines 'Winter-
Don Emil Rybitschka.
gesehen. Er war so empört, daß er nicht nur den Prinzen verbannen, sondern auch selbst sofort aus Dschelalabad aufbrechen wollte. Wir waren über diese Nachricht aufs tiefste bestürzt, weil das Schicksal des Prinzen uns ja ganz unmittelbar berührte. Aber die Gegner Englands am Hose schienen mit den Drohungen des Emirs nur an Einfluß gewonnen zu haben. An allen Ecken und Enden wurden — was bis dahin nie geschehen war und niemand gewagt hatte — Vorwürfe laut, das; der Emir nicht rechtzeitig während des Krieges die Intereisen des afghanischen Volles gewahrt hätte. Kamen doch Nachrichten von dem Vordringen der Engländer in Russisch-Turkestan und von dem ungeheuren Chaos, das von den dortigen mohammedanischen Kreisen auf Afghanistan überzugreifen drohte. Man warf Habib Villah vor, daß er die englischen Hilssgelder für sich persönlich, für seine Spielereien und Bauten und seinen Harem ausgcgeben, für den Staat aber nichts übriggelassen habe. Mehr noch als seine Willfährigkeit England gegenüber wurde ihm die Verhaftung rechtlich denkender und volkstümlicher Leute sowie bekannter Fr:ihe ts.ämvfer aus dem Grenzland zum Vorwur, gemacht. Man drohte dem Emir, man sprach begeistert von
Afghanistan, das .gottgegebene Land', ist in den letzten Jahren in eine neue Phase seiner Entwicklung getreten. Nach der Ermordung des Emirs Habib Ul« Iah — durch seine int englischen Fahrwasser treibende Außenpolitik beim Volk unbeliebt — trat nach erbitterten Kämpfen um den Thron sein jugendlicher Sohn Aman Ullah die Negierung an. Unter seiner tatkräftigen und reformfreudigen Leitung ist Afghanistan heute aus Dem Weg, seine unglückliche außenpolitische Lage als Pufferstaat zwischen englischen und russischen Interessengebieten zu verlieren und ein beachtlicher Faktor im Völkerleben Mittelasiens zu werden. Der kurze .dritte afghanische Krieg" hat den Engländern so schwere Verluste an Menschen und Material gekostet, daß sie notgedrungen die neue Macht des unliebsamen Nachbarn anerkennen mußten. Der österreichische Rittmeister Emil R h b i t s ch k a war während dieser uncuhvollen Jahre als Vertreter der Mittelmächte und fast einziger Europäer in Kabul. Sein ungemein fesselndes und gut illustriertes Buch „Im gottgegebenen Afghani- st a n" (Brockhaus, Leipzig) ist der einzige authentische Bericht, den es über jene Ereignisse gibt. Da sich der neue Emir zur Zeit aus einer Curopareise befindet — aus politischen Gründen? — und wahrscheinlich bald auch in unserem Lande eintreffen dürfte, drucken wir mit Erlaubnis des Verlags einen für unsere Lßer besonders aktuellen Abschuß au3 de u Werk ab. der schildert, unter weichen seltsamen Umständen ^Am an Ullah den Thron bestieg. Der 'Verfasser, den persönliche Beziehungen mit dem Herrscher verbinden, hat seinerzeit an der Krönungsseier teilgenommen
Das Beiramfeft war herangeGmmcn. Kanonenschüsse leiteten es ein. Für uns brachte es keine Freude, keine Befreiung, sondern ganz besonders traurige Nachrichten: vom Was enstillstand, der ungeheuren Not in der Heimat, der Ablehnung der deutschen Friedensvorschläge, dem Vordringen der Engländer in Nordpersien und Russisch-Turkestan. Unsere Freunde in Afghanistan nahmen diese englischen Nachrichten nicht ernst. Sie brachten Meldungen vcn os enen Kämpfen zwischon den Siegern: auch sonst versuchte man, uns zu trösten, erzählte von einer Kriegsgefangenenarmec, die zum Kampf gegen die Engländer im Anmarsch nach Afghanistan sei, und andern Dingen mehr. Schließlich wurden wir am 12. März samt und sonders zum Kriegsminister bestellt. Er sprach uns sein anscheinend ausrichtig gemeintes Bedauern über den unglücklichen Ausgang des Krieges aus, stellte uns Bewegungsfreiheit in Aus.icht und hoffte, daß wir am 21. März 1919. dem Neujahrstage, an dem man die Friedensverhandlungen beendet glaubte, entlafs:n werden könnten. Jedenfalls zeigte er uns ein so ritterlich freundschaftliches Entgegenkommen, wie wir es kaum erwarten durften.
So harrten wir. jeder für sich lebend, ohne Hoffnungen und ohne Pläne dem neuen Jahr entgegen. Aber die Spannungen blieben bestehen. Wir fühlten uns nur auö dem Stromkreis ausgeschaltet. Bis eines schönen Tages die Politik in mächtigster Form uns wieder mitten hineinriß in den Kampf und damit in einen neuen Lebensabschnitt.
Qiman Ullah Chan war in alleroochstc Ungnade gefallen. Er hatte einen politischen Gefangenen. einen Revolutionär, aus dem nöcdticy Kabul gelegenen Bergland Kuhiftan freigelaaen. Dieser in Stellvertretung des Vaters von dem regierenden Prinzen vollzogene Gnadenakt war sofort widerrufen und dem Prinzen die Re- gierungsgewalt entzogen worden. Der Emir hatte in der Handlung seines Sohnes einen unmittelbaren Anschlag auf seine eigene Stellung
fühle mich glücklich in dieser Hoffnung: Monsieur Bouoier wird in absehbarer Zeit ganz zu unserem engsten Familienkreise gehören!"
„Aber fühlst du nicht auch neben dieser Hoffnung die Möglichkeit, daß ich dafür aus unserem Familienkreise ausscheiden werde, Melusine?"
sie zuckte die Achseln und senkte den Blick. Ein Schmerz wallte plötzlich in ihr auf. Wie damals, i?ls ;ic die Hand zum letzten Male Dietwart zum Abschied geboten hatte. Der Schmerz, der aus dem noch im tiefsten Innern schlummernden Gefühl von neuem geboren war.
„Du solltest alle nationale Abneigung gegen >hn als Franzosen zur Seite setzen und bedenken, es handelt sich um mein Herzensglück'."
„Nein! Gerade deswegen schweige ich nicht. Ich habe die Pflicht, dich nochmals als Bruder zu warnen. Als ein Objektiver, als ein Zuschauer, der klarer zu sehen vermag. Besonders als ihr Frauen, wenn die Verliebtheit euren Scharfsinn und euer waches Beobachten einlullt!"
Sie schloß für Sekunden die Augen, als sie nun, ihm den Rücken zugewandt, am Fenster stand und auf den Fluß hinaussah. Ihre Gedanken rasten zu Bouoier. Auch in ihrem Vorstellungsoermögen schlug feine einschmeichelnde Stimme sie wieder in Bann. Sie rief sich seine ganze schmeichlerisch-glatte Art ins Gedächtnis, mit der er sie immer entzückte und durch die sie sich tief geliebt glaubte. „Ich kann nicht von ihm lassen!" sagte sie dann leise, aber voller Eindringlichkeit. „Er ist mein Schicksals Ich fühle es. Mein Herz ist ihm gleich zugeflogen!"
Raymond war durchglüht von der Ueberzeugung, sie ginge auf einem Irrweg. „Ich weiß nicht, bu bist doch im selben Milieu ausgewachsen wie ich, Melusine! Du hast vielleicht gerade die Eleganz, die gesellschaftliche Sicherheit an Dietwart geschätzt. Und setzt willst du nicht bemerken, wie salopp im ©runbe die Kleidung dieses Monsieur Bouoier ist, obgleich er sich immer in seinen Sonntagsstaat steckt! W.e er in jedem Zoll den Hauch der französischen Provinz offenbart! Er betont eben voll unnachahmlicher Selbstgefälligkeit den Künstler! .Deo Genialen! Der es verabscheut, einen korrekten Schlips zu tragen, wie gesellschaftlich üblich, sondern der seine Lava- liöre mit elegantem Schwünge knüpft. Glaubst du wirklich, es wird auf die Dauer die Ehe einer Baronesse Welzin-Hammerfchlag mit einem Manne glücklich fein, der nicht mir aus anderer Nation ist, son-
Nach einigen Augenblicken betrat Melusine von neuem das Zimmer. Sie litt unter seiner Reserve, die er ihr gegenüber feit jenem Morgen nm Aus- weifungstage bei dem Zusammenstoß um Dietwarts willen an den Tag legte. Und doch unterschätzte sie seine schmerzliche Empörung über ihre Beziehungen zu Monsieur Bouoier. Der Eigensinn schlug seine Krallen um sie, nicht nachgeben, sondern ihr freies Recht.auf Glück zu bewahren.
„Ich lese eben, daß Grandmama uns alle erwartet zum Heiligabend bei sich draußen."
„Ja. Wie es feit Jahr und Tag wär. Nur wahrend der Kriegsjahre hast du dabei gefehlt, Raymond." r „ ,
„Und dieses Mal wird man zum ersten Male von der Gepflogenheit abgehen, den Heiligabend im aUerengften Familienkreise unter uns zu begehen,— man wird diesen — Monsieur Bouoier dazu bitten? Und Grandmama erwähnt selbst in dem Briefe, daß sie gern deinem dringenden Wunsche nachkom- men wolle, Monsieur Bouoier ebenfalls mit einzuladen!" , „ ,
Eine Pause folgte. Nie konnte sie fich entfimun, die dunklen Augen ihres Bruders so voll zorniger Ablehnung gesehen zu haben! Sie atmete langsam und schwer. Das Empfinden kroch in ihr auf: fetzt stellte der Bruder sie zum letzten Male vor die Alternative. -Jetzt ließ er sie wählen: zwischen sich und Bouoier. Und wenn sie standhaft blieb, mußte es zum Bruch kommen. — Aber lieber den Bruder opfern, von dem sie sich auch innerlich feit dem Zusammenbruch Deutschlands immer mehr entfremdet, als den Geliebten! . _ r , .
„Du hast also das Empfinden, em Zusammensein im engsten Familienkreise, wie es feit unseren Kindertagen zwischen uns beiden, unserer Mutter und Onkel Camille mit Alceste bei der Grandmama statt- fand, — fei nichts mehr, ohne die Gegenwart von Monsieur Bouoier?"
„Ja," gab sie nun schonungslos und unumwunden zu, „vielleicht mit Recht. Denn ich hoffe und
quartiers Dschelalabad ermordet.
Wenn man von den wilden Gerüchten und Schilderungen über den Tod des Emirs abzog. was auf phantastische Erregung zurück,zuführen und was zur Stimmungsmache klug in Umlauf gesetzt war, so blieben nicht allzuviel einigermaßen feststehende Einzelheiten übrig. Der Emir hatte sich in Laghman bei Dschelalabad, wo er auf einem Iagdausflug weilte, nach seiner Gewohnheit ziemlich früh zu Bett begeben. Da entstand in den ersten Morgenstunden, wo bekanntlich der Mensch nicht nur am tiefsten schläft, sondern auch die Wachen am leichtesten der natürlichen Verlockung des Schlafs folgen, ein kurzer Auflauf. Kaum gab es einen Wortwechsel, kaum konnte der Herrscher zur Besinnung gekommen sein, da krachten auch schon die tödlichen Schüsse. Als die Posten aufgeschreckt an Ort und Stelle erschienen, war bereits der Kriegsminister, der Sipar Salar Nadir Chan, zur Stelle, überzeugte sich kurz von dem Geschehenen und schritt sofort gegen die Wache ein. Heftige Prügel setzte es nach allen Seiten. In der Erregung und dem Getümmel dachte niemand daran, als erstes die Verfolgung der Mörder aufzunehmen. Sofort wandte sich auch Nadir Chan an den diensttuenden Kommandanten des M litärwaffendepots in Dschelalabad, einen Oberst SchahUli R i s a Chan, und verlangte ihm die Schlüssel ab, ein Umstand, der später stark dazu beitrug, Der- dacht gegen ihn zu erregen. Die Ereignisse überstürzten sich nun. Schon am Morgen des nächsten Tages hatte der Bruder des Verstorbenen, N a s r Ullah Chan, in Dschelalabad das Kommando über die Truppen in die Hand genommen und sich zum Emir ausrufen lassen, und zwar unter Uebergehung des eigentlichen Kronprinzen Inojett Ullah Chan Ger auch in den folgenden Ereignissen keine Rolle spielte. D. Red.) Nichts lag natürlich näher, als ihn nunmehr des Mordes an seinem Bruder zu zeihen. Die völlige Verwirrung der Lage kennzeichnete aber der Umstand, daß auch gegen einen andern Serdar, den Bruder des Sipah-Salar, der Vorwurf erhoben wurde, den Emir aus persönlicher Rache getötet zu haben. Habib Ullah sollte den Wunsch gehabt haben, die junge Frau des Serdarä seinem Harem zuzusühren. Wie die Verhältnisse auch immer gelegen haben mögen, zunächst wurde in Ketten gelegt, auf wen nur der geringste Verdacht fiel, u. a. sämtliche Serdare der Mohmedsms, so die beiden
Brüder Jakob und Iussuf Chan und ihre sämtlichen, sehr zahlreichen, in hohen Stellungen befindlichen Söhne. Dies geschah auf den Beschluß des Offizierskorps zu Dschelalabad an 27. Februar 1919. Man begründete den Schritt damit, daß den Serdaren der Schuh des Herrschers anvertraut war, und sie für seine persönliche Sicherheit verantwortlich getoef:n waren, in erster Linie gerade der Kriegeminister Nadir Chan. Diese Mohmedsa s waren Nachkommen des Emirs Schir Ali Chan, der von seinen Brüdern Afsal und Asim und Affals Sohn, dem Emir Abdur Rahman, dem Vater des Ermordeten, vom Thron gestürzt wordei war. Immerhin hätte sich damit nur eine der so häufigen Begebenh iten aus d.r Familienge chich- te des königlichen Hauses wiederholt. Von allen Herrschern des letzten Jahrhunderts ist wohl nur A b dur Rahman, allerdings gerade vielleicht der tatkräftigste, eines natürlichen Todes gestorben. Soweit die Ereig.iisfe in Dschelalabad.
Unterdes war in Kabul ein neuer Thronbewerber auf den Plan getreten. Es war der P r i n z ,A m a n Ullah Chan, der durch einen Motorfahrer aus Dschelalabad Bericht über das dort Vorgesallene erhalten hatte. Zunächst schien er tief betroffen. Dann riß er seinen Degen aus der Scheide und schwur auf die blanke Klinge, ihn nicht einzustecken, ehe fein Vater gerächt fei. Die Ereignisse schienen ihn davon überzeugt zu haaen, daß 'ein Ohcim, mit dem er jahrelang persönlich aufs engste befreundet war und dessen politi'che Ansichten er weitgehend teilte, zumindest eine g'totfe Schuld an der Ermordung trage. In einer öffentlichen Erklärung gab er dem Volk von der Ermordung seines Vaters Kenntnis, schwor, fie auf jeden Fall rächen zu wollen, und weigerte dem Oheim feine Anerkennung als E.nir. Das Rätselraten über den geheimnisvollen Tod Habib Ullahs hörte auf. Es trat zurück hinter der ungeheuren Spannung, mit der man den Kamvf der beiden Thronbewerber berfelgte. Wie die Dinge auch immer ausgehen moHten, ein jeder fühlte sich von den Ereigni sen betroffen: die Anhänger Habib Ullahs, weil sie feiner schützenden Hand entraten mußten, die Freunde Aman Ullahs, weil es nun hieß, sich zu ihm zu bekennen, und die Gefolgsleute Ra r Ullahs, weil sie auf den Kampf mit einem nicht zu verachtenden Gegner gefaßt sein mußten. Die Parteien standen fich zunächst ziemlich gleich ft an gegenüber. Nasr Ullah stützte sich auf btt hohe Geistlichkeit, die Grenz- stämme und einen Teil des Landvolkes. Aman Ullah Chan hingegen durfte auf das dem volkstümlichen Prinzen anhängende Stadtvolk Kabuls zählen, und zwar vornehmlich die fortschritckich gesinnten Elemente, darunter dir Gebildeten Afghanistans, und den Anhang der Familie seiner Mutter, der berühmten Ulha Hasret. Nasr Ullah hatte den Vorzug, daß er mit den Grenzstämmen und dem Landvolk über die größere Kampfkraft der militärisch tüchtigsten Elemente verfügte. Zudem standen im QBir terquartier in Dschelalabad 20 000 Mann, auf die er unmittelbaren Einfluß ausüben konnte Ai an Ullah besah den Vorteil, daß sich die Stadtbevölkerung schneller sammeln und ausrüsten lieh, er konnte damit ohne Schwierigkeiten den Rahmen der 5000 Mann starken neun Bataillone in Kabul auffüllen. Ferner sprach für ihn ein Umstand, der ja für die Kriegsfübrung mit der wichtigste ist: er war in Kabul im Besitz des Staatsschatzes. Dies gab ihm die Möglichleit, bei den nun beiderseits einsetzenden Angeboten an die Truppen diese zu ersteigern. Die Soldaten- lohnungen stiegen innerhalb weniger Tage von 12 auf 20 Rupien. Der Prinz Aman Ullah mit der Staatskasse blieb, wie vorauszusehsn, bei dem Wettstreit Sieger.
Auch meine Kameraden und ich wurden vom Strom der Ereignisse so weit mitgeripen, daß wir der feierlichen Thronbesteigung nicht fernblcGcn konnten. Die Vorbereitungen zu dem Festdurbar
bem auch ein sonderbares Gemisch von Bohemetum und kleinbürgerlicher, französischer Provinz?"
Wieder gab es ein langes Schweigen. Er fühlte, wie feine Worte in sie schlugen Die Hoffnung wurde in ihm wach: sie dennoch zurückzuhalten und auf den richtigen Weg lenken zu können, auf den Weg, der ihr auch als Weib keine Enttäuschung bringen würde.
„Ich konnte Dietwart nicht als seine Frau über den Rhein hinüber folgen!" meinte sie bann sinnend, „es dünkte mich völlig unmöglich, wenn ich mir ausmalte: ich müßte künftig ganz in Deutschland leben und mich ganz in deutsche Verhältnisse einleben! Dazu bin ich eben im Grunde doch zu anders, als Dietwart es war und auch feine Angehörigen."
Nun sah er seine Schwester auf dem Standpunkt, der ihm in den jetzigen Verhältnissen noch der einzig richtige, der einzig natürliche, der einzig würdige schien! Seine Stimme wurde wieder weicher. Er begann, nicht nur mit Empörung, sondern mit dem Herzen zu reden: „Das alles mag richtig sein, Melusine! lieber Gefühle läßt sich nicht rechten! Aber wenn bu jetzt eingesehen hast, baß du im Grunde keine Deutsche bist, so wird ganz gewiß ebenso sicher der Tag kommen, an dem dir klar wird, daß du auch keine Französin bist! Deswegen — sei dir bewußt: dich wenigstens als Elsässerin behaupten zu wollen!"
Sie sah ihm schweigend ins Gesicht. Zum erstenmal an diesem Morgen seit Beginn dieser Auseinandersetzung hatten seine Worte es vermocht, innerlich etwas wie Beruhigung, wie ein Ziel, einen Ausblick in ihr auszulösen!
„Sieh, ist unser Elsaß, unser Heimatland, nicht so schön, so eigenartig, baß nicht jeder einzelne von uns die Kraft besitzen müßte: sich in seiner Eigenart als Elsässer behaupten zu wollen. Warum willst du dich durch eine Heirat mit irgendeinem windigen Franzosen, den du in einem französischen Provinznest kennen lerntest, verwelschen lassen? Warum ziehst du nicht die jetzt einzig richtige Konsequenz aus all diesen politischen Ereignisten — und heiratest — einen Elsässer?"
Sinnend sah sie nun wieder auf den Fluß hinaus. Ihre Gedanken eilten in die Vergangenheit zurück. Wieder sah sie sich am Flügel im Salon der Grandmama im Schlosse sitzen und musizieren: „Es zogen drei Burschen über den Rhein!" Und wie hatte doch
waren im Nu getroffen. Er schien noch kaum angekündigt, als sich schon der Saal mit Fest- teilnehmern füllte. Einzeln, auf ein Zeichen des Hofmarschalls, erhoben sich die Erschienenen, um in ununterbrochenem langen Zuge dem Emir ihre Huldigung darzubringen. Oben auf dem Thron, zu dem einige Stufen hinauffüh.ten, den ganzen Festraum überblickend, saß der junge Emir. Seine regelmäßigen Züge sch. nen wie aus Stein gemeißelt. Nichts verriet di: überstandenen Kümmernisse und dir ungcl) ure Erregung. Er war der verkörperte Wille zur Macht. Mit ganz richtigem Gefühl war er, der Mächtigste unter allen, am einfachsten gekleidet. Während ein jeder zur Festfeier die prunkvollsten Gewänder angelegt hatte, die er besaß, war der Emir in einfacher Felduniform erschienen. Der Säbel hing ohne Scheide blank im Koppel. Auf den Stu'en des Thrones stand der zum Kriegsminister erhobene N a i b S a 1 a r, hinter dem Thron aber des jungen Herrschers Erzieher und p:r önlicher Freund, Mahmud Sami, der Nationalheld cer Afghanen und unser treuer Freund. Ec hatte den geladenen Karabiner schußbereit im Arm. Wie eine Bildsäule stand dec alte, hünenhafte Soldat auf seinem Posten. Nur bann und wann ging ein kaum merkbars Lächeln über fein Gesicht, wenn einer oder der andere der ihm früher feindlichen hochmütigen Serdare sich vor dem Thron neigt:, nicd.r- fnictc und nach altem Brauch dem jungen E.nir die Hand küßte. Es ging ein starker p ychclogck der Zwang von die,em Huldigungsa.t au.. Kei er wagte sich auszuschließen. Auch viele der Anhänger seines Rivalen und jetzigen Todfeindes Nasr Ullah, ja dessen eigener Schwieg.rcater blieben in der Reihe, wurden mit herange- schoben und huldigten. Auch wir fiyioVen uns nicht aus. Als wir vor den Thron traten, ging ein Leuchten über das Gericht unseres alten Freundes, und seine Augen winkten einen sreundlichen Gruß. Es war, als ob sie sagen wollten: »Es ist recht, daß auch ihr gekommen seid."
Wirtschaft.
Die Aussichten des KommunattreditS.
Nachdem unlängst die kurzfristige Verschuldung der deutschen Städte mit mehr als 80 000 Cinüohnern auf Grund der Umfrage der „Beratungsstelle für Auslandsiredite' auf 525 Millionen Mark beziffert worden war, während der Deutsche Städtetag außerdem bei den Städten mit 30 000 bis 80 000 Einwohnern kurze Kredite von 135 Millionen Mart ermittelte, hat nunmehr auch der Reichs st ädtebund, die Spitzenorganisation der Klein- und Mittelstädte, Erhebungen über deren nichtfundierte kurz- befristete Schulden veranstaltet. Cs ergab sich, daß von 925 befragten Städten bis zu 30 000 Einwohnern 515 Städte Schulden der genannten Art in Gesamthöhe von 96 Millionen Mark — Stand vom 14. Januar 1928 — aufgenommen haben. Somit sind die kurzen Verbind- lichkeiten der deutschen Kommunen noch um rund 100 Millionen Mark höher, also auf 760 Millionen zu veranschlagen. Auch nach dieser Ergänzung der Statistik kann, selbst wenn man die unvermeidlichen Fehlerquellen berücksichtigt, von einer übermäßig aufgeschwemmten Schuldenwirtschaft der Städte nicht gesprochen werden.
Was die Konsolidierung der schwebenden Verbindlichkeiten durch Auslandskredit betrifft, so hat diese Angelegenheit im neuen Jahr anscheinend noch keine merkliche Förderung erfahren. Wenigstens•hat man nicht den Eindruck, als ob die Beratungsstelle sich besonders bemühe, das Projekt und die sonstigen ihr vorliegenden fommunalen Anträge baldmöglichst zu erledigen. Ueber die Finanzierungsmoglichkcitcn am amerikanischen Markt lauten die Urteile zwar nicht ganz einheitlich, aber immerhin dürste drüben zurzeit wieder Neigung für wirklich einwandfreie gute Anleihegeschäfte mit Deutschland bestehen, wofür u. a. die 15 Millionen Dollar-Anleihe der Gelsenkirchner Berg-
Kusin Alceste in seinem Protest über das deutsche Volkslied hänselnd zu ihr gemeint?
„Wie, drei Burschen? Gleich drei Verehrer? Gelt, das tat dir passen! So zur Auswahl: ein Deutscher, ein Franzos, ein Elsässer?"
Ach, Dietwart, den Deutschen hatte sie einsam über den Rhein hinüberziehen lassen. Aber im Moment, in dem der französische Bewerber im Begriffe stand, die Zusage ihrer Hand zu erhalten, warf sich der eigene Bruder mit feinem leidenschaftlichen Protest dazwischen und rief ihr zu: „Besinne dich auf dein Elsässertum und reiche einem Landsmanne die Hand!"
„Ich habe deine Verlobung mit Dietwart damals mit Freuden begrüßt, weil ich feinen Wert kannte. Ueber dein früheres Verlöbnis mit Dietwart und dann über all die äußeren Wirren der Kriegszeit habe ich etwas nicht genügend beachtet, was mir in den letzten Tagen klar geworden ist: Daß Fritz Wenger dich liebt! Ja, wenn ich so zurückdenke über seine Haltung dir gegenüber, seine Aeußerungen über dich im Laufe all der letzten Jahre, dann wird es mir bewußt, wie er feit Jahr und Tag mit einer Neigung zu dir still neben uns hergegangen ist!"
Melusine lächelte. Ganz umncrklich. Und doch stand plötzlich ein Schein von Sonnenglanz in ihren schönen, verträumten Augen. Der Gedanke an Wenger war ihr immer der Inbegriff von etwas Ruhig- Abgetöntem, etwas Harmonischem, etwas unendlich Harmonischem. Jetzt, wo sie an den dritten ihrer Bewerber dachte, war es ihr, als wäre sein ganzes Sein verkörpert in den ruhigen Glanz eines Erntebildes, in dem goldene Garben in köstlicher Reife sich neigten und über urwüchsiger, bodenständiger Kraft die Hochsommersonne stand.
Ach, sie hatte schon früher eine Ahnung von der still verschloßenen Neigung Wengers gehabt! Damals schon, an jenem Ballabend mit dem Kirchweihfest, wie er sie als Bauernmaid neben sich geführt und leise ihren Arm in den seinen gepreßt und ihr in feiner diskret-herzlichen Art versicherte, ihre Anwesenheit sei an diesem Feste die Hauptsache! ... Dann war der jauchzende Frühlingssturm in der emporzuckenden Lebensfreude zu Dietwart in ihr erwacht. Und Wenger entglitt während der Kriegsjahre ihren Augen. Als er bei Kriegsende wieder- kam, stand sie schon wieder im Taumel einer neuen Liebe, die dem Champagnerfeuer glich.
(Fortletzung folgt.)


