Beten Verteidiger für den Angeklagten zu besorgen. Kurz nach 15 Llhr eröffnete Landgerichtsdirektor Dust wieder die Verhandlung. Der neue Offizialverteidiger, Rechtsanwalt Dr. Schulz erklärt, daß er sich bei der Llebernahme der Verteidigung nach dem Konflikt zwischen der bisherigen Verteidigung und dem Gerichtshof in einer sehr schwierigen Lage befinde und beantragt, das Verfahren auszusetzen. Das Gericht beschließt in diesem Sinne. Vei einer sofortigen Weiterverhandlung fönne er sich nicht genügend in die Sache einarbeiten. Der Staatsanwalt weist darauf hin, daß der Prozeß schon sehr weit gediehen sei und beantragt Unterbrechung bis Samstag. Cßkun der Gesundheitszustand des Angeklagten die Weiterführung des Prozesses am Samstag nicht ermögliche, müsse das Gericht das Verfahren a u s s e tz e n. Krantz ist ärztlich untersucht worden. Dabei haben sich schwere körperliche und seelische Störungen herausgestellt. Die Aerzte kamen zu der Ansicht, daß Krantz, der über sieben Monate in Untersuchungshaft war, die schwere Verhandlung überhaupt nicht hätte zugemutet werden dürfen. Krantz wurde auf ärztliche Anordnung in ein städtisches Krankenhaus übergeführ 1, wo er bar» niederliegt. c
Das Knegsschädenschlußgeseh
Die Stellung des Neichsfinanzministcrs
Berlin, 15. Febr. (WB.) Don zuständiger Seite erfahren wir folgendes: Auf dringendes Bitten hat der Reichsmini st er der Finanzen am 14. d. M. drei Vertreter des Ringoerbandes der geschädigten Ausländsdeutschen und Verdrängten und der ihm angeschlossenen Verbände empfangen. Er hat bei dieser Unterhaltung ausdrücklich yeroorgehoben, daß es sich lediglich um eine Erörre- rung der Frage handeln könne, wie auf Grurtd des vorgelegten Schlußgesetzes die Geschädigten s o schnell wie möglich zu ihrem Gelde gelangen könnten. Die Erörterung der hinlänglich besprochenen Rechtsfrage hat er abgelehnt. Gegenüber dem immer wieder wiederholten Verlangen, daß dieses Gesetz nicht alsSchluß- gesetz gellen soll, hat der Minister klar zu erkennen gegeben, daß dem Gesetz entsprechend der Auffassung auch des Reichswirtschaftsrates und des Reichsrates der Charakter als Schlußgesetz erhalten bleiben müsse. Rach seiner Ue- berzeugung kann dasReich, einzelne Verbesserungen ausgenommen, weitergehende Versprechungen unter Belastung der deutschen Zukunft nicht geben. Dies schließe gewiß nicht aus, daß die in der Öffentlichkeit bereits erörterte Resolution des Reichstages kommen könne, in der die Regierung aufgefordert werde, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um eine Berücksichtigung der deutschen Verpflichtungen aus Artikel 297i des Vertrages von Versailles, in dem Deutschland sich verpflichtet, seine Reichsangehörigen hinsichtlich der Liquidation oder der Zurückhaltung ihres Eigentums, ihrer Rechte oder Interessen in alliierten oder assoziierten Ländern zu entschädigen, 6 ei etwa kommenden Verhandlungen über eine Regelung der Reparationen zu erlangen.
Die dreijährige Durchschnittsbesteuerung
Berlin, 15. Febr. (WB.) Gelegentlich der Aenderung des Einkommensteuergesetzes im Dezember vorigen Jahres hat der Reichstag eine Entschließung angenommen, in der die Reichsregierung ersucht wird, die Frage zu prüfen, „ob und in welcher Weise unb von welchem Zeitpunkt ab bei der Einkommensteuer unb Körperschaftssteuer zum System der Besteuerung nach dem breijährigen Durchschnitt übergegangen werben kann". Zu diesem Zweck sollte ein Ausschuß aus Vertretern des Reichsrats, des Reichstags, ber Wissenschaft unb ber Praxis eingesetzt werben. Diese Kommission trat heute im Reichsfinanzministerium unter bem Vorsitz des Staatssekretärs Dr. P o p i tz zusammen. Aus ber Kommission heraus wurde der Wunsch geäußert, es möge zunächst noch Material über die deutsche Vorkriegsgesetzgebung und über bas Ausland, sowie über die wirtschaftlichen unb finanziellen Auswirkungen ber breijährigen Durchschnittsbesteuerung vorgelegt werben.
Keine neue Zigarettensteuer-Borlage.
Berlin, 16. Febr. (Eigene Drahtmeldung des G. A.) 3m Zusammenhang mit Berichten über bie Beratungen des Ausschusses des Reichswirtschaftsrats über die Novelle zum Tabaksteuergesetz würbe in der Presse die Rachricht gebracht, daß das Reichsfinanzministerium gemeinsam mit den die Zwangswirtschaft anstrebenden Teilen der Industrie eine neue Vorlage auszuarbeiten gedenke, in welcher bis ins Detail Bestimmungen über die Rabatte, Ziele unb sonstigen Konditionen, insbesondere auch über eine zentrale Umsatz- rabattausschüttung festgelegt wert en sollen. Wir erfahren dazu von bestunterrichteter Stelle, daß diese Mitteilung in feiner Weise den Tatsachen entspricht. Cs besteht nirgends bie Absicht, eine neue Vorlage auszuarbeiten, der Reichsfinanzminister hält vielmehr nach wie vor an der alten Vorlage fest. Selbstverständlich läßt flch jetzt nicht Überblicken, wann diese einmal erledigt werden wird. Allem Anschein nach dürste auch sie jetzt zunächst mit in Den Strudel der unerledigten Aufgaben des alten Reichstages hineingezogen werden.
General v. Morgen gestorben.
In Lübeck ist General der Infanterie a. D. 6urt v. Morgen im 70. Lebensjahre gestorben. Morgen ist in Reihe als Sohn eines späteren preuhischen Generals geboren. Er wurde im Kadettenkorps erzogen und 1878 Leutnant im Inf.-Rgt. 63 in Reiße. Dort wurde er auch Premierleutnant und dann im Jahre 1889 zum Auswärtigen Amt kommandiert. Im gleichen Jahre unternahm er an ber Spitze einer Expedition eine Durchquerung Kameruns, ist also einer unserer ältesten Afritaner. Er war dann jahrelang in Kamerun tätig. Später war er in Reghpten. 1897 nahm er im Hauptquartier Edhem Paschas am thessalischen Feldzug teil und von 1897 bis 1901 war er Militärattache bei der deutschen Botschaft in Konstantinopel. Der Kaiser wählte ihn 1898 zu seinem Begleiter auf der Reise nach Syrien und Palästina. Bei Ausbruch des Krieges war er Brigade! ommandeur in Lübeck. An ber Spitze der 3. Res.°Division zeichnete er sich in ber Schlacht an den masurischen Seen als Flankendeckung <10. September 1914) nach Süden ganz besonders aus. Später führte er lange Zeit hindurch basS 7. Reserve-Korps und zuletzt das 14. Reservekorps.
Beschlüsse des hessischen Landtags.
0er Abgeordnete 0elp zum Landtagspräsidenten gewähtt. - 0aS Sporthaus für die LandeSuniverfität Gießen genehmigt.
Don unserer Darmstädter Redaktion.
Darmstadt. 15. Febr. Präsident Ruh eröffnet die Sitzung um 10.30 Uhr. Auf der Tagesordnung stehen Kleine Anfragen.
Abg. R i e p o t h fragt an wegen der Aufhebung der Oberpostdirektion Darrn- stadt und bemerkt u. a., daß geplärrt sei, das nördliche Oberhessen Kassel zuzuteilen, mit dem es gar keine Beziehungen habe.
Ministerialrat Bornemann erwidert, daß der Regierung die Pläne der Reichspostverwaltung über die Aushebung von Oberpostdirektionen bekannt seien; er erwähnt die Besprechung, die kürzlich in Darmstadt zwischen Vertretern ber Regierung und bet Reichspostverwaltung statt- fanb und nahm auch Bezug auf bie Erklärung des Reichspostministers im Arbeitsrat ber Reichspostverwaltung, wonach bie Frage ber Aufhebung von Oberpostbirektionen nur im Zusammenhang mit einer Derwal- tungsreform gelöst werden könne.
Don den weiteren Anfragen ist noch bemerkenswert die des Abg. Schreiber, der anfragt, wie es mit ber Frage ber Errichtung einer Wasser st raßenbirektion in Mainz stehe.
Minister Kirnberger macht auf einen Landtagsbeschluh vom Jahre 1922 aufmerksam, worin ber Wunsch nach Errichtung ber Direktion in Mainz ausgesprochen wirb. Die hessische Regierung habe sich sehr darum bemüht; sie tritt mit allem Nachdruck für die Wasserstrahen- bireftion ein. Hierauf wird
die Wahl des Landtagspräsidenten vorgenommen, weil ber bisherige Landtagspräsi- bent Abelung zum Staatspräsidenten gewählt worben ist. Es wurden 65 «Stimmzettel abgegeben; auf den Abg. Delp (Soz.) entfallen 55 Stimmen, auf den Abg. Galin (Komm.) 5 «Stimmen; 4 Stimmzettel sind weiß und einer ungültig. Abg. Delp, ber mit absoluter Mehrheit gewählt ist, übernimmt, zugleich mit einer Ansprache, bas Präsidium.
Die Regierungsvorlage, die Wahlen zum IV. Landtag des Volks st aates Hessen am 13. November 1927 für gültig zu erklären, wird gegen die Stimmen der Kommunisten angenommen. Die Dolksrechtspartei, die durch den Abg. Dr. Wolf dagegen sprechen lieh, enthält sich der Stimme.
Vorlagen wegen Strafverfahren gegen bie Landtagsabaeordneten Anthes, Wolf-Effolderbach unb Galm werben in der Weise erledigt, daß die Strafverfolgung versagt werden.
lieber die Regierungsvorlage zur
Errichtung eines Sporthauses auf dem Sport- und Spielplatz bet Landesuniversität erstattet Abg. Storck Bericht unb führt u. a. aus: Die Verhandlungen haben dazu geführt, daß die Hessische Landesbank in Darmstadt der Landesuniversität zur Errichtung des Sporthauses in Gießen ein Darlehen von 50 000 Mark gewähren wird, wenn das Landesamt für das Dildungswesen für den Staat der genannten Bank gegenüber Bürgschaft und damit die Verzinsung und Tilgung übernimmt. An der Aufbringung der für Verzinsung und Amortisation dieses Darlehens erforderlichen Mittel werden sich die Studentenschaft der Landesuniversität, die Stadt Gießen sowie die Ll n i v e r s i t ä t beteiligen. Zu der vorgeschlagenen Regelung soll der Landtag seine Zustimmung erteilen. Der Berichterstatter teilt mit, daß vom Finanzausschuß die Vorlage mit 9 gegen 4 Stimmen ab» gelehnt wurde; er befürwortet aber in seiner Eigenschaft als Abgeordneter die Vorlage und meint, man könne die Stadt Gießen veranlassen, daß sie einen höheren Beitrag leistet.
Abg. Qlngermeier (Korn.) wendet sich dagegen; wenn es sich darum handle, ein Baudarlehen zu gewähren, so heiße es, es sei kein Geld da. Angesichts der Rot der Zeit sei seine Partei gegen die Vorlage.
Abg. Dr. Werner (Sn.) schildert das Schicksal ber Vorlage im Finanzausschuß unb tritt für ihre Annahme ein.
Abg. Dr. Leuchtgens (Hess. Landb.) erklärt im Namen seiner Partei, bah sie dagegen sei. Es sei gleichgültig, wer die geforderten 50 000 Mark bezahle; durch irgendwelche Steuern müßten sie aufgebracht werden.
Staatspräsident Adelung meint, gerade die Not der Zeit erfordere die Errichtung des Sporthauses; es handle sich um die Gesunderhaltung des Volkes, überdies würden die Kosten zur Hälfte -von den Studenten, die zumeist über karge Mittel verfügten, aufgebracht.
Abg. Maurer (Soz.) verweist auf den Sportplatz der Technischen Hochschule in Darmstadt. Was dem einen recht sei, sei dem anderen billig, müsse man hier sagen.
Abg. Frau Birnbaum (D. Vp.) wendet sich gegen die Hebertreibungen von Sparsamkeitsmaßnahmen. Die Errichtung des Sporthauses sei einfach eine Notwendigkeit, denn die gegenwärtigen Einrichtungen wären so mangelhaft unb so unhygienisch, bah mit ihnen nicht auszukommen sei. Auch aus anberen Grünben sei es notwenbig bie Einrichtungen ber Universität auf ber Höhe ber Anforderungen der gegenwärtigen Zeit zu halten, namentlich auch wegen der Konkurrenz der Universität e ir Marburg unb Frankfurt. Wenn einmal der Einheitsstaat komme, so sei es gut, wenn Hessen mit seiner Universität auch etwas Wertvolles einbringen könne.
Die Regierungsvorlage wird hierauf mit großer Mehrheit angenommen.
Rach einer Pause wird ber Abg. Sturrnfels (Soz.) zum Präsidenten ber Staatsschuldenverwaltung gewählt.
Abg. W e s p (Zentr.) hat einen Antrag eingebracht, die Regierung zu ersuchen
bei Einstellung von Gewerbeaufsichtsbeamten geeignete Arbeiter zu berufen, ferner zu prüfen, ob durch Anstellung von V rzten bei den Gewerbeämtern die Arbeiter vor Berufskrankheiten wirksamer geschützt werden können.
Die Gewerbeaufsichtsbeamten sollen angewiesen werden, bei Besichtigungen auch eine Aussprache mir der gesetzlichen Betriebsvertrctung allein herbeizuführen unb biefe auch bei ihren Revisionen heranzuziehen. Abg. Wesp begründet feinen Antrag, den auch ber Abg. Reuter
(Soz.) befürwortet und daran die Erklärung schließt, er könne auch einem Teile eines entsprechenden kommunistischen Antrages zustimmen. Es folgen hieraus parteipolitische Auseinandersetzungen zwischen den Abgeordneten Hamann (Komm.), Späth (Zentr.) und Wesp (Zentr.), in deren Verlauf der Abg. Wesp unter großer Heiterkeit des Hauses den Abgeordneten Angermeier daran erinnerte, daß er früher der Zentrumspartei angehört hat. Abg. Böhm (Dn.) fragt nach der Stellungnahme der Regierung zu dem Antrag. Minister Korell erwidert, daß die Regierung dem Anträge zustimme. Der Antrag Wesp wird angenommen und der kommunistische Antrag abgelehnt.
Auf ber Tagesordnung steht weiter eine Regierungsvorlage über
die finanzielle Beteiligung des Staates bei der Notstandsaktion für die im Sommer 1927 durch Hagelwetter Geschädigten.
Abg. Dr. Leuchtgens erstattet Bericht über die Regierungsvorlage. Hiernach ist ein «Schaden von 2,6 Millionen Mark festgestellt worden; 10 Prozent sollen entschädigt werden, und zwar die Hälfte davon soll als Zuschuß, die andere Hälfte als Darlehen gewährt werden. Abg. Glaser (Landbund) will in einem Antrag 70 000 Mark als verlorenen Zuschuß für die Regengeschädigten. Abg. I o st (Landbund) wünscht 200 000 Mark als verlorenen Zuschuß. Die Koalitionsparteien verlangen 70000 Mark als Darlehen für die Regengeschäbigten und 130 000 Mark als verlorenen Zuschuß für die Llnwettergeschädigten, die in erster Linie zur Beschaffung von Saatgut verwendet werden sollen. Inzwischen ist noch ein Zusayantr ag der Koalitionsparteien eingegangen, wonach die Regierung ermächtigt wird, im Bedarfsfall noch 100 000 Mark bereitzustellen.
Minister für Arbeit und Wirtschaft Kor eil teilt dem Hause mit, daß Minister Raab ihm heute morgen das Ministerium übergeben habe. Gegen das Ministerium bestehe wohl ein gewisses Mißtrauen; er könne es verstehen, daß die Arbeiterschaft ihm (bem Minister) abwartend gegenüberstehe. Er müsse sich noch mit den Forderungen seines Amtes oertraut machen.
Einer der wesentlichsten Punkte seiner auf evangelisch-sozialen Grundsätzen beruhenden Weltanschauung, sei für ihn, die wirtschaftlich Schwachen zu stützen. Weiter erklärt ber Redner, es sei sehr schwer gewesen, Maßstäbe zu finden für die Gewährung von Entschädigungen bei Hagelund Regenschäden. Rheinhessen habe am meisten durch Hagelschäden gelitten. Für Rheinhessen sollen für die Hagelgeschädigten 70 000 Mark als verlorener Zuschuß gewährt werden, 35 000 Mark als Darlehen und 70 000 Mark als Spenden; auch sollen Erlaß oder «Stundungen von Winzerkrediten ein treten. Die Llnwetterschäden seien in Obe rhessen am größten gewesen. Für die Llnwettergeschädigten in Oberhessen werden 130 000 Mark als verlorener Zuschuß bereit- gestellt und 70 000 Mark als Darlehen
Abg. Jost (Landbund) macht unter Anführung von Tatsachen auf die große Rot. der ober- hessischen Landwirte aufmerffam und bittet, bie Anträge seiner Partei anzunehmen.
Abg. Axt (Volksrechtspartei) erklärt, feine Partei werde für die Regierungsvorlage stimmen, werbe diese abgelehnt, so werde sie die Anträge des Landbundcs annehmen und bei deren Ablehnung für den Antrag der Koalitionsparteien stimmen.
Abg. Lux (Soz.) erklärt, seine Partei werde den Anträgen der Koalitionsparteien zustimmen, aber die Landbundanträge ab lehnen. Die Regierungsvorlage wirb angenommen. In namentlicher Abstimmung werden dann gegen die Stimmen der Oppositionsparteien die Anträge Glaser-Jost abgelehnt. (Rein 32, ja 22 Stimmen.) Die Anträge der Koalitions- Parteien werden bann einstimmig angenommen.
Ein Antrag der Abg. Weckler, Blank und Gen. auf Erlaß von Landes st euern wegen Hagel- und anderen Ernteschäden wirb angenommen. Abg. Gußmann (Landbund) beschwert sich bei dieser Gelegenheit über bu» r eaukrati sch e Maßnahmen bei Gesuchen um Steuererlässe.
Rach weiteren Verhanblungen wirb um 3 Uhr bie Sitzung geschlossen; das Haus vertagt sich bann auf unbestimmte Zeit.
Litauens Llnabhängigkeitsseier.
Zehn Jahre freies Litauen.
Am 16. Februar 1918 verkündete bie Tarhba, ber litauische Staatsrat, bie Unabhängigkeit Litauens. Damit entstand an der östlichen Grenze Deutschlands ein Reich, das als Einheit seit vielen Jahrhunderten nicht mehr bestanden hatte. Zehn Jahre sind es seitdem her und das litauische Volk hat Wohl guten Grund, feinen Festtag mit Freude zu begehen, wenn es auch glaubt, in seinem Glücke dadurch geschmälert zu sein, daß Wilna in polnischen Händen ist. Leicht ist es diesem Volke sicherlich nicht geworden, fein junges Staats wesen auszubauen, vielleicht nicht nur deshalb, weil so zahlreiche Fährnisse das Land immer wieder bedrohten, sondern auch Wohl deshalb, weil das junge Volk in seiner Primitivität in mancher Hinsicht staatspolitisch noch nicht reif war. Das ist kein Fehler, man muß es aber feststellen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach wäre manches anders gekommen, wenn Litauen auch ein wenig «Sinn für die großen politischen Aufgaben von vornherein gehabt hätte.
«Stand der damals neu gegründete Staat, der am 23. März auch bie AneÄennung durch Kaiser Wilhelm II. erfuhr unb auf Grund ber bamaligen Utopien so gern zu einem Königreich gemacht worben wäre, unter dem militärischen Schutz Deutschlands, so rückte bas Lanb merklich von Deutschland ab, als die Revolution ausbrach und Prinz Max von Baden am 20. Oktober 1918 der Tarhba bereits freie Hand gelassen hatte. Am 5. November 1918 wurde Pcoi. Woldemaras mit der Bildung des ersten litauischen Kabinetts betraut, doch erst am 15. Mai 1920 trat das erste litauische Parlament, der «Sejm, dem 112 Abgeordnete angehörten, die sich aus 59 Vertretern des christlich-demokratischen Blocks, 28 der Volkssozialisten, 12 der Sozialdemokraten, 7 der Juden, 3 ber Polen, 2 der Parteilosen und 1 der Deutschen zusammensetzlen, zusammen. Die erste Verfassung war nur vorläufiger Natur, denn erst am 1. August 1922 wurde die endgültige Verfassung durch den «Sejm angenommen.
In ber Zwischenzeit spielte sich jener Kamps uin Wi 1 na ab, ber schließlich durch den Handstreich des polnischen Generals Z e l i g o w s k i damit endete, daß Wilna in den Händen ber Polen blieb. Damit entstand das sog. Wilna- Problem, das bis heute noch nicht gelöst werden konnte und im vergangenen Jahre beinahe zu einem offenen Konflikt zwischen Polen und Litauen geführt hätte, wenn nicht der Völkerbund traft feiner Autorität es durchzusehen verstand, eine weitere Zuspitzung dieses Streitfalles zu unterbinden Mag man vielleicht hier den Litauern Verständnis entgegenbringen können, so kann ihnen der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß sie das Besprecht über das Memel- gebiet in einer Weise erlangt haben, die auf jeden Fall nicht zu entschuldigen ist. Gewiß fand diese Frage durch älnterzeichnung der Memelkonvention am 8. Mai 1924 eine gewisse Klärung, dadurch aber, baß Litauen s i ch niemals an diese Konvention gebunden hielt, kam es zu jener Kette von Auseinandersetzungen zwischen uns unb Litauen, die auch den Völkerbund beschäftigt haben unb die nun endlich ober besser hoffentlich nach Abschluß des deutsch- litauischen Schiebsverlrages aufgehört haben werden.
Außenpolitisch hat bas Land, das im Innern immerhin in achtenswerter Weise den Aufbau durchführen konnte, eine Reihe von Abkommen geschlossen, so mit'Rußland, mit Italien und schließlich mit Deutschland. Soft dem 22. September 1921 gehört es dem Völkerbund an. Das Staatswesen ist noch jung, es hat bie Berechtigung zur Existenz. Mag an bem diesjährigen Festtage der litauischen Ration auch die Erkenntnis reifen, daß der Weg der gefunden Entwicklung in ber Richtung der Verständigung der «Staaten untereinander Hegt, eine Erkenntnis,
die nach innen wie außen ftaalspolitische Schulung erfordert unb ohne Frage einer gefunbeit Zukunft entgegenführt.
Werkspionage
bei der J.-G.-Farbenindnstrie.
In Düsseldorf begann der Strafprozeß gegen den Deutsch-Amerikaner Guido Meise! aus Portsmouth (New Hampshire Ll. S. A.). der beschuldigt wird, gemeinschaftlich mit zwei deutschen Chemikern, Paul Schmittnägel und Dr. Ludolf Reiß, Geheimverfahren der I.-G.» Farbenindustrie unb der ihr angeschlossenen Firmen an das Ausland weitergegeben zu haben. Meisel wird beschuldigt, Schmittnägel, einen Chemiker Merkel und einen bisher nicht auffindbaren Chemiker in Berlin zum Verrat von Geheimverfahren verleitet und diese geheimen Verfahren toeitergegeben zu haben. Schmittnägel wirb aktive Industriespionage dem Dr. Reitz gegenüber zur Last gelegt, diesem letzteren passive Werkspionage. Die Anklage beruht auf § 20 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb. Auf Antrag des Vertreters ber I.-G.-Farbeninbustrie unb des Staatsanwalts würbe die Oeffentttchreit für die Dauer ber Verhandlungen ausgeschlossen. Der Vorsitzende betonte, die Geheimverfahren, um die es sich handele, seien mit ber Wirtschaft des Deutschen Reiches so eng verbunden, datz das Staatsinteresse den Ausschluß der Öffentlichkeit erfordere.
Die Wetterlage.
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Wettervoraussage.
Wettervoraussage für Freitage Wechselnd wolkig, auch vorübergehend aufbei- ternd, milde, jedoch etwas kühler, weiterhin vereinzelte Niederschläge.
Witterungsaussichten für Samstag: Keine wesentliche Aenderung.


