Aus der Provinzialhauptstadi.
Gießen, den 16. Februar 1928.
Mangel an Fleiß oder an Begabung?
Alljährlich wird viel Freude an Weihnachten und den damit verbundenen Ferien durch di« Mitteilung der Schule an die Eltern vordorben, daß die Versetzung des Schülers oder der Schülerin in die höhere Klasse zu Ostern fraglich sei, wenn sich die Leistungen in diesem oder jenem Fache nicht besserten. Damit beginnt dann die böse Zeit der Sorge für die Eltern und der Aeberarbeitung für die Kinder. Wenn es die wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben, werden nun Privatstunden bestellt und ein fürchterliches Ge- pauke geht los. Waren die schlechten Zensuren nur die Folge von Faulheit und Unaufmerksam- keit, dann Pflegen diese Bemühungen nicht vergeblich zu bleiben, und die Versetzung wird allmählich gesichert. Es wäre aber töricht, sich dabei zu beruhigen und dem Spröhling zur De- lohnung wieder drei Bummelviertcljahre zu gestatten. Wer nur für die Versetzung im letzten Monat lernt, was unbedingt verlangt wird, erschwert sich spätere Prüfungen und versäumt die wichtige Gelegenheit, sich während der Schulzeit im allgemeinen zum Ernstnehmen und pünktlichen E u'len von Pflichten zu erziehen.
Es gibt aber auch Kinder die das ganze Jahr hindurch fleißig und gewissenhaft ihre Schulaufgaben gearbeitet haben und doch nicht reif zur Versetzung zu fein scheinen. Das sind die weniger Begabten. Sie verdoppeln jetzt unter dem Drucke der elterlichen Forderungen ihre Anstrengungen und lernen bis tief in die Rächt hinein. Auch sie bekommen Rachhilsestunden, aber alles scheitert an der unzureichenden geistigen Befähigung. Gelingt es ihnen doch, so viel Fortschritt in ihren Leistungen zu erreichen, daß sie in die nächste Klasse aufsteigen dürsen, so haben sie damit doch wenig gewonnen. Jede weitere Versetzung kann ihr Schicksal besiegeln. Roch immer gibt es leider viele Eltern, die das Aussteigen ihrer Kinder über die berufliche und gesellschaftliche Stellung des Vaters erzwingen möchten, auch wenn die entsprechenden Anlagen dafür nicht vorhanden sind. Gewiß, es steckt auch darin eine Form von Kindesliebe, aber sie führt dazu, daß der »junge Mensch gequält und gar leicht für sein ganzes geben geschädigt wird. Die sorgenschwere Zeit zwischen Weihnachten und Ostern sollten die Ätern solcher Kinder zum Anlaß nehmen, ernsthaft zu prüfen, ob das schwer um das Klassenziel kämpfende Kind überharrpt den Anforderungen seiner Schule genügen kann. Das geschieht am besten in ernster Aussprache mit dem Lehrer. Dem Kinde kann mehr damit gedient sein, wenn es die Volksschule regelrecht durchlaufen hat, als wenn es aus einer mittleren Klasse einer höheren Schule schließlich doch abgehen muh. Aus den unteren Klassen der höheren Schulen ist ja ein Rücktritt in die Volksschule noch möglich vhfte großen Nachteil für den Schüler.
Diele Enttäuschungen der Eltern, viele Irrwege der Kinder ließen sich ersparen, wenn die Eltern ihre Kinder mehr nähmen, wie sie sind, anstatt sie zu Trägern ihrer Ideale machen zu wollen.
Gtadtiheaier Gießen.
Man schreibt uns: Am Sonntag, 19. Februar, 18 Uhr, geht die hochinteressante Krinnnalkomödie „Der Hexer", von dem bekannten Autor Edgar Wallace, in Szene. Ursprünglich war „Ern Sommernachtstraum" angesetzt, doch ist die Musik für den nächsten Sonntag nicht zur Verfügung. „Der Hexer" hatte bei seiner Erstaufführung am Dienstag einen sehr starken Erfolg. Das Publikum folgt der äußerst spannenden Handlung mit der größten Aufmerksamkeit. Das Stück kann nicht direkt als Fremdenvorstellung zu ermäßigten Preisen gegeben werden, da es noch durch das Abonnement gehen wird: es werden also gewöhnliche
Preise genommen. Der Anfang um 16 Uhr wird jedoch beibebalten, da er sich gut bewährt hat. Es stehl zu hoffen, daß der Besuch von auswärts ein schr reger wird.
Dvrbestell-Annahmen sind eingerichtet: Krofdorf: bei Kaufmann Karl Wagner, Hauptstraße 79. Lich: bei der Buchhandlung Hermann Dvlkmann. Wißmar: bei der Schreibwarenhandlung H. K ü m m e l. G r. - B u s e ck: bei K. Schmidt, Kaiserstraße 27.
Daten für Freitag, 17. Februar.
Sonnenaufgang 7.13 Uhr, Sonnenuntergang 17.17 Uhr. — Mondaufgang 5.01 Uhr, Mond- untergang 12.29 Uhr.
1819: Max Schneckenburger der Dichter der »Wacht am Rhein" in Talheim in Württemberg geb. (geft. 1849). — 1854: der Großindustrielle Alfred Krupp in Essen geb. (gest. 1902). — 1856: der Dichter Heinrich Heine in Paris geft. (geb. 1797). — 1888: der Schriftsteller Hans Blüher in Freiburg in Schles. geb. — 1925: großes Zechenunglück in Dortmund.
Gießener Wochcnmarktpreisc.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 150 bis 170 Pfennig, Matte 25 bis 30, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 30 bis 40, Weißkraut 20 bis 25, Rotkraut 30 bis 35, gelbe Rüben 20 bis 25, rote Rüben 20, Spinat 35 bis 40, Unterkohlrabi 10 bis 12, Grünkohl 30 bis 35. Rosenkohl 50 bis 60. Feldsalat 100 bis 150, Tomaten 120, Zwiebeln 20 bis 25, Meerrettich 40 bis 80, Schwarzwurzeln 40 bis 60, Endivien 100 bis 120, Kartoffeln 5 bis 5,5, Aepfel 10 bis 20, Birnen 10 bis 15 das Piund: Eier 15 bis 16, Blumenkohl 60 bis 180, Salat 20 bis 40, Lauch 15 bis 30, Rettich 10 bis 20, Sellerie 10 bis 60 Pfennig das Stück.
Borrrotizerr.
— Tageskalender für Donnerstag: Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. 8l/.t Uhr, Reue Aula der Universität. Lichtbildervortrag. - - Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Höhere Töchter". — Astoria-Lichtspiele: »Die Fremdengasse von Reuyork".
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*• Aus der hessischen Statistik. Rach den Mitteilungen der hessischen Zentralstelle für Landesstatistik entfielen im Jahre 1927 auf 1000 Einwohner an Hauptunter st ühungsemp- fängern in Hessen am 1. Juni 14,2 (im Reich 10,4), am 1. Juli 11,6 (8,7), am 1. August 10,1 (7,3). und am 1. September 9,6 (6,5). — Die Viehzählung am 1. Dezember ergab in den Provinzen Starkenburg 69 899 Viehhaltungen, Oberhessen 49 279, Rheinhessen 39 719.
** Hohen Wa ff erstand infolge der andauernden Regenfälle zeigen nun schon feit Tagen die Lahn und die Wieseck. Beide sind aber zum Glück bisher nicht unmanierlich gewesen und haben besonderen Schaden nirgendwo angerichtet. Die Lahn bewegt sich auch heute noch in ihrem Flußbett, während die Wieseck schon ein wenig wieder zurückgegangen ist.
*' D i e dritte Rate der Gießener Winterbeihilfe an Kapitalrentner und Sozialrentner wird am kommenden Freitag und Montag ausgezahlt. Die Interessenten mögen die heutige Bekanntmachung beachten.
** Städtische Holzversteigerung. Aus den Waldungen der Stadt Gießern, gegenüber dem Forsthaus Hochwart, wurden bei der gestrigen Drennholzversteigerung im Durchschnitt folgende Preise erzielt: Buchenscheiter 17 Mk., Eichenscheiter 12,20 Mk., Duchenknüppel 13 Mk., Eichenknüppel 9 Mk., Buchenstöcke 8 Mk., Sichen- stöcke 5,20 Mk., Fichtenstöcke 3 Mk. je Rm.: Buchenreisig per 100 Wellen 35 Mk.
** Von einem Auto überfahren. Gestern abend wurde ein 13 Jahre alter Junge namens Luh in Klein-Linden von einem nach Großen-Lin- den zu fahrenden Personenauto überfahren. Der Chauffeur fuhr, wie uns berichtet wird, weiter, ohne sich um den überrannten Jungen zu kümmern. Die
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erfordern stets eine sorgfällige Textgebung und Satzausstattung. Gute Satzleiftungen find nur erreichbar, wenn die Anzeigen ItMig genug angegeben werden. Der Annahmeschluß für alle Anzeigen im Gießener Anzeiger entfällt auf den Nach» mittag vor der Aufnahme. Gmpfchlungs- anzeigen müssen, je nach Umfang und Satz- schwierigsteiten, zwei bis drei Tage vorher bestellt sein. Nur mit Sorgfalt und dem not-, wendigen Zeitaufwand gesetzte Empfehlungen
iWtii im kmiMken Wlg!
Insassen eines aus entgegengesetzter Richtung kommenden Autos fanden den Jungen auf der Straße liegend vor und brachten ihn zu 2r. Boßler in Klein-Linden. Hier konnte zum Glück für den Buben festgestellt werden, daß er außer dem Schreck und einigen Hautabschürfungen keine weiteren Verletzungen daoongetragen hat.
" Volkstrauertag 192 8. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst einem Runderlaß des Ministers des Innern entnimmt, sind aus Anlaß des dem Gedanken für die Opfer des Weltkrieges gewidmeten, vom „Voltsbund deutscher Kriegsgräberfürsorge e. D." in diesem Jahre am Sonntag, 4. März, in Aussicht genommenen Volkstrauertages einschränkende behördliche Maßnahmen nicht beabsichtigt, da dieser Tag fein gesetzlich anerkannter Feiertag ist. Eine Beflaggung der preußischen Staatsdienstgebäude aus diesem Anlaß kommt nicht in Frage.
Der Leiter der Bad-Rauheimer Kurkonzerte. Als Leiter der Sinfoniekonzerte im Kurhaus zu Bad-Rauheim wurde auch für dieses Jahr wieder Generalmuslldirektor E i b e n s ch ü h verpflichtet.
•* Evangelisch-kirchliche Rachrich - t e n. Durch die Kirchenregierung wurden dem Pfarrassistenten Alfred Strack zu Reustadt i. O. die Rechte eines desinittven Geistlichen übertragen und der durch den Dekanatstag des Dekanats Gießen für den Rest der laufenden Wahlperiode vollzogenen Wahl des Pfarrers Karl Sattler zu Wieseck zum Stellvertreter des Dekans des Dekanats Gießen die 'Bestätigung erteilt. Aus dem Dienst der Landeskirche entlassen wurde auf sein Rachsuchen der Pfarrassistent Heinrich Dög - l e r zu Hahn.
*• Die Ortskrankenkasse Giehen- Stadt hielt gestern im Schipkapaß eine Aus- schuhsihung ab. Rach einer kurzen Einleitung durch den Vorsitzenden des Vorstandes wurde Kaufmann Adalbert B i n d e w a l d als Vorsitzender des Ausschusses. Buchdrucker Braun als Schriftführer und die Herren Klein und Kühner als Beisitzer bestimmt. Außerdem erfolgte die Wiederwahl der seitherigen Rechnungs- Prüfungskommission. Bei den tociteren Verhandlungen berichtete der Vorsitzende über die Vorarbeiten bezüglich der Erbauung eines neuen Verwaltungsgebäudes, was Veranlassung zu einer eingehenden Aussprache gab. Weiter wurde eine Reihe von Wünschen bezüglich Erweiterung der Leistungen, Bekämpfung des Si- mulantentums, ordnungsmäßige Anmeldung der Versicherten durch die Arbeitgeber ufw. zum Ausdruck gebracht.
" Kriegerverein Gießen. Man berichtet uns: Die recht gut besuchte diesjährige Hauptversammlung fand dieser Tage im „Post- keller" statt. Reben einer stattlichen Anzahl Kameraden konnte man auch viele Kriegerwitwen und Angehörige von Kameraden sehen. Der erste Vorsitzende, Landgerichtsrat Trümpert, begrüßte alle Erschienenen und dankte für den zahlreichen Besuch. Besonders begrüßte er Oberst a. D. K l e i n h a n s, der für diesen Abend
einen Vortrag über die .. Krieg Sschuldküge" übernommen hatte. Der Schriftführer, Kam. ©teuer» sekretär Krämer, erstattete den Jahresbericht. Aus dem in vorzüglicher Weis« abgetanen Bericht ist besonders hervorzuheben, dach der Verein einschließlich 51 Krieaerwitwen zusammen 417 Mitglieder zählt, und daß im abgelaufenen Jahr sechs Kameraden aus dem Leben schieden, bereit Angehörigen ein Sterbegeld von je 100 Mk. ausgekehlt wurde. Aus den Erträgniffen dec zugunsten von Kriegsveteranen statt gefundenen Konzerte und aus der Vereinskasse tonnten an Kriegsveteranen und bedürftige Kriegerwitwen zusammen 521 Mk. als Unterstützung gezahlt werden. Von zwei Kameraden wurden Gaben von 100 und 50 Mk. hierzu gestiftet. Denselben wurde der Dank für diese hochherzigen Gaben ausgesprochen. Die verstorbenen Kameraden, denen der Vorsitzende einen Rachruf widmete, ehrte die Versammlung in der üblichen Weise. Hierauf erstattete Kamerad Waas den Kassenbericht, der im allgemeinen ein erfreuliches Ergebnis zeigte. Der Vorsitzende häufte den Kameraden Krämer und Waas für die umsichtige Geschäftsführung, woraus auf Antrag der Rechnungsprüfer dem Vorstand und dem Rechner Entlastung erteilt wurde. Der Voranschlag sand mit einer Einnahme und Ausgabe von je 2600 Mark seine Genehmigung. Vor der nun folgenden Vorstandswahl sprach Kamerad Schiff nie dem 1. Vorsitzenden Landgerichtsrat Trümpert für seine vorzügliche und zielbewußte Tätigkeit im Ramen des Vorstandes und des Vereins herzlichen Dank aus, der durch ein dreifaches Hurra bekräftigt wurde. Die Wahl ging rasch vorüber, da auf Vorschlag der 1. und L Vorsitzende, sowie die übrigen Vorstandsmitglieder einstimmig wiedergewähll wurden. Reu traten in den Vorstand der Kamerad Fritz Baumert und Frau Assessor M ü l - l e r ein. den beiden wiedergewählten Mitgliedern der Kasseprüfungskommission trat Karl Bender neu hinzu. Fahnenträger und Begleiter wurden wiedergewählt. Der Vorsitzende gab von eingegangenen Einladungen anderer Militärvereine Kenntnis: Vertreter wurden bestimmt. Oberst K l e i n h a n s nahm hierauf daS Wort zu feinem Vortrag über „die neuesten Forschungen auf dem Gebiet der Kriegsschuld- lüge". Er schilderte eingehend das Verhältnis Deutschlands zu Rußland. Oesterreich und Italien vor dem Kriege und gab ein eingehendes Bild über die Ursache und Entstehung des Krieges. Mit scharfen Worten kennzeichnete er den uns ausgezwungenen Schandvertrag von Versailles und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Zeit nicht mehr fern sein möge, daß Deutschlands Unschuld am Kriege bewiesen werde. Starke Beifallskundgebung dankte dem Redner für den überaus klaren Vortrag, aus dem man die Gewißheit entnahm, daß Deutschland frei von Kriegsschuld ist. Der Vorsitzende stattete dem Vortragenden herzlichen Dank ab. Rach weiteren Besprechungen und Mitteilungen gab Oberinspektor Kretschmer noch eingehende Mitteilung über das Verhältnis des Allianzkonzerns zur Hassia, woraus den Kameraden Schröbel, Rickel, Möser, Kranz, Schmalz, Bernhard und A. K l e i n für mehr als 25jährige Zugehörigkeit zum Verein Ehrenurkunden und das Hassiazeichen mit der Zahl „25“ überreicht wurden. Der hierauf folgende gemütliche Teil war durchflochten mit einigen von Kameraden zu Gehör gebrachten Musikstücken und gemeinfamem Gesang.
** Auftrieb auf demheutigen Frankfurter Schlachtviehmarkt: 1036 Kälber, 331 Schafe, 369 Schweine.
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