des seien zwischen den Liberalen intb den Natio- nalzaranisten so verschieden, daß er eine erfolgreiche politische Zusammenarbeit zwist ' n den Parteien für ausgeschlossen halte. Er sieht in der neuen Regierung ein ilebergangskabi- nett, das die Aufgabe habe, so schnell wie möglich Neuwahlen auszuschreiben. Nach der Ansicht des Obmannes der Deutsch-Schwäbischen Volksgemeinschaft ist aber nicht nur die Vornahme von Neuwahlen notwendig, sondern ein völliger Shstemwechsel in der gesamten Staatsverwaltung. Das Kabinett Maniu werde in der Oeffentlichleit Zustimmung erfahren, denn man habe in Maniu schon lange den Mann gesehen, der in der Lage sei, die Dinge zum Besseren zu fuhren. Die Deutschen Siebenbürgens begrüßten von Herzen jeden Regierungswechsel, Der aüS der schlechten Zeit, die Rumänien schon seit langem durchmache, herausführe. Das Volk sehne sich nach wirtschaftlicher und kultureller Freiheit und nach einer Gesundung des öffentlichen ße&en«. Die Deutschen seien bereit, an jeder aufbauenden Arbeit mit Herz und Hand mitzuhelfen, gleichviel, ob ein Vertreter der Deutschen Partei in der Regierung einen Platz habe oder nicht. Die deutsche Minderheit verlange vor allem kulturelle Freiheit und die Lösung der Schulfrage, denn eine Unter ft ü^ung der Minderheitenschulen durch die Regierung sei unbedingt erforderlich, und auch sonst verlangten die Deutschen endlich eine Anwendung der Gesetze im Sinne der Gerechtigkeit und der Minderheitenbestimmungen in den Friedensverträgen. Auch das Sprachenrecht müsse bei der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit neu geregelt werden. Wahlbeeinflussungen, die sogar durch das Wahlgesetz zuiässig seien, mühten verschwinden, und vor allem sei es notwendig, dah die Selb st Verwaltung der Gemeinden wiederhergestellt würde. Dor allem sei aber der Kampf gegen die Korruption mit allen Mitteln aufzunehmen.
Aus dem Finanzausschuß des Hessischen Landtages.
Der Finanzausschuß des Hessischen Landtages be* handelte in seiner Sitzung am Freitag zunächst den Antrag Wickler (Z.), der wegen der hohen Strompreise der U e b e r l a n dz e n t ro - l e n Klage führt. Inzwischen wurde festgestellt, daß sich, besonders in Oberhessen, die Tarife für Kleinbetriebe den Tarifen für Großabnehmer weiter angeglichen haben, wodurch der Mißstand zum großen Teil beseitigt worden sei. Der Antrag wird daher für erledigt erklärt.
Eine längere Debatte entwickelte sich dann über einen Antrag Widmann (S.), die Regierung zu er* suchen, erstens bei der Reichsregierung und bei dem Reichsrat darauf zu drängen, daß dem Reichstage baldmöglichst ein Gesetzentwurf über Maßnahmen zur Sicherung der Existenz der älteren Arbeiter, Arbeiterinnen und Ange* stellten vorgeleat werde, zweitens soll bei der Beratung und Beschlußfassung über diesen Gesetzentwurf mit allem Nachdruck für möglichst weit* aehendste Schutzmaßnahmen für ältere Arbeiter und Angestellte einaetreten werden, drittens sollen bis zur Berabschieoung dieses Gesetzes in allen hessischen Staatsbetrieben die Leitsätze des Unterausschusses des derzeitigen 9. Reichstagsausschusses zur Anwendung gebracht werden und viertens auf die Gemeinden und Gemeindeoerbände eingewirkt werden, in glei- chem Sinne bei ihren älteren Arbeitern und Angestellten zu verfahren. In der Aussprache wird von fast allen Rednern der verschiedenen Parteien auf die schwierige Lage der Existenz des älteren Arbeiters und Angestellten hingewiesen, die fast nie mehr, wenn sie einmal arbeitslos werden, wieder eine Anstellung finden. Der Ausschuß mußte feststellen, daß die Schwierigkeiten zur Besserung der Lage außerordentlich groß sind und durch Staatsmaßnahmen allein nicht beseitigt werden können. Der Antrag Widmanns wurde dann hinsichtlich der Punkte 1 und 2 angenommen, die Punkte 3 und 4 wurden dagegen der Regierung als Material überwiesen.
Selb fällt vom Himmel.
Roman von Paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
43. Fortsetzung. Nachdruck verboten
„Was sollen wir davon glauben?" fragte er kühl.
Blinsky erblaßte. „Ich bin ihm auf der Spur. Nein, ich habe ihn. Begreifst du nichts? Ja, begreift ihr denn nicht die Traaweite des Briefes? Morgen, übermorgen habe ich alles."
Die beiden andern wechselten einen Blick, den Blinlky auffing. Wütend stieß er hervor: „Ihr glauot, er sei bestellt ..
Es kam keine Antwort. Aber dies Schweigen war belastender als eine Anklage. Er fühlte erbittert, daß ihm hier keiner glaubte.
Ohne ein Wort zu sagen, riß er den Brief wieder an sich und verlieh das Zimmer. Der Sommer- sprossige folgte ihm. An der Haustür stand ein dritter Mann in der Uniform der französischen Postbeamten.
„Es ist besser, wir begleiten dich, Brüderchen. Die Nächte sind unsicher in diesen Zeiten. Und womöglich geht es dir wie mir, daß du dein Hotel verfehlst.
Blinsky verstand und ließ sich von den beiden zum Grand Hotel zurückführen. Er war schon dankbar, daß sie ihn in seinem Zimmer allein ließen.
Er lief im Zimmer auf und ab wie ein gefangenes Tier. Seine Lippen bewegten sich, ohne daß ein Wort zu hören war. Die Wut über seine Enttäuschung peitschte sein Blut zur Raserei auf. Tolle Bilder der Rache rollten im Wirbel durch sein entzündetes Hirn. Mord hatte Drodersen getadelt? Mord an dem, der das Geld hatte? Er hatte recht: Mord war viel zu wenig. Das Tier raste in ihm, die große asiatische Bestie tobte in dem Zimmer des Pariser Hotels.
Mit der körperlichen Ermattung wurde er langsam ruhiger. Er begann zu überlegen. Gab es wirklich keinen Ausweg mehr? Hatte er nicht noch immer einen gefunden? Solange er lebte, war noch nichts verloren. Solange er atmete, lebte der Traum der Rache wetter.
Er horchte auf. Auf dem Korridor klang verstohlenes Geflüster und ein kleines klingendes Lachen aus Frauenmund.
Er stellte fein ruheloses Wandern ein. Es gab noch einen Ausweg: Inge Brodersen war ja da. Sie konnte ihn retten. Sie muhte ihn retten. Sie
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
* Wieseck, 13. Nov. Am Samstag hielt der hiesige Radfahrer-Verein 19 00 sein diesjähriges Winterfest im Saale vvn Gerlach ab. Der Verein hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ein gutes abwechselungsreiches Programm zu bringen, welches der Veranstaltung sehr viele Besucher zuführte. 3n seinerBegrühungSansprache wies der Vorsitzende des Vereins auf die große Bedeutung des Radsportes hin und ermahnte besonders die Jugend, dresem schönen Sport treuzubleiben. Ferner dankte er den rührigen Fahrwarten, welche sich besonders für den Saalsport einfetzten. Alle saalsportlichen Darbietungen fanden ungeteilten Beifall. Besonders gut gefiel der von sechs Damen des Vereins gefahrene Glüh- lamPen-Elsenre!g:n. Anschließend wurde eine Preisverteilung für die Sieger des letzten Jahres vorgenommen, wobei auch der Vorsitzende, Fritz K l i n g, in Anbetracht feiner Verdienste um den Verein mit einem schönen Geschenk überrascht wurde. Der übrige Teil des Programms wurde durch die bekannte Kapelle M a n k (Wieseck) aus- aeführt und hielt die Sportsfreunde noch einige Stunden beisammen.
z Rödgen, 13. Nov. In unserem Dorf war bis jetzt noch kein Bäcker ansässig. Bäcker aus Gießen, Alien-Buseck und Großen-Buseck versorgten die Gemeinde mit Brot und Brötchen. Viele Leute bucken auch noch ihr Brot selbst in den zwei Gemeindebackhäusern- Gestern wurde nun hier eine Bäckerei eröffnet. Sie ist in das Anwesen des Bürgermeisters Wagner eingebaut. — In der letzten Woche wurde auch die neue Zigarrenfabrik, die die Firma Rinn & Elovs, Heuchelheim, hier gebaut hat, bezogen.
Dg. Gr.-Buseck, 13. Nov. Gestern feierte der hiesige Frauenverein im Saale des Gastwirts Wagner sein zwanzigjähriges Bestehen. Verbanden mit der Veranstaltung war die Ehrung der hiesigen Gemeindeschwester für ihre ebensolange vorbildliche Tätigkeit im Dienste der Kranken und Siechen. Beigeordneter Harbach stattete den tiefempfundenen Dank der Gemeinde ab und überreichte der Jubilarin, die nun in den wohlverdienten Ruhestand zu treten beabsichtigt, ein Andenken. Auch der Ortsgeistliche und Baronesse von Nordeck zur Rabenau gedachten in ehrenden Worten der Gründer und eifrigen Förderer des Vereins, in erster Linie ter verstorbenen Baronin von Nordeck zur Rabenau, die sich durch ihre Wohltätigkeit ein bleibendes Denkmal in den Herzen ter Dorfbewohner gesetzt hat, ferner des verstorbenen Pfarrers Barsch und des ebenfalls verstorbenen Bürgermeisters Schwalb. Vorträge und Theaterstückchen. Darbietungen des Posaunenchors und eine Verlosung füllten in abwechslungsreicher Weise den schonen Abend aus, so daß sich der dichtbesetzte Saal erst um Mitternacht leerte.
Z Aliendorf a. d. Lda., 13. Nov. Dieser Tage fand in ter hiesigen Kirche die Wahl des Kirchenvorstandes statt. Vor Beginn der Wahl erfolgte die Verpflichtung der neugewählten Kirchengemeindevertreter Wilhelm Loy II., Heinrich Weiß V., Ludwig Weiß und Christoph Wadenpfuhl. Die durch die Kirchengemeinde- vertreter vorgenommene Wahl des K.rchenvor- stantes ergab die Wiederwahl deS seitherigen Kirchenvorstandes. bestehend aus den Herren Melch. Damm IV., Heinrich Döll, Christoph Krieb II., Anton Wagner, Heinrich Wagner VI. und Melchior Wietzner II. — Wie alljährlich, so wurde auch dieses Jahr wieder
' durch das hiesige Pfarramt für das evangelische Schwesternhaus in Gießen in hiesiger Stadt gesammelt. DaS Resultat, ein schwerer Erntewagen doll Kartoffeln, Gemü'e und Obst, im Werte von schätzungswei e 150 Mk., wurde in der vergangenen Woche seinem Bestimmungsort entgegengeführt. — In einer unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Dein dieser Tage stattgehaöten Gemeinderatssihung beschäftigte )id) der Gemeinderat zunächst mit der definitiven Besetzung der dritten Lehre r st e l l e. Da zur Zeit für diese Stelle keine Dienstwohnung vorhanden ist, hatten sich nur sieben Bewerber gemeldet. Die einstimmige Wahl deS Gemeinderats fiel auf den schon einige Jahre an hiesiger Schule amtierenden und al(eits beliebten Schulverwalter Jakob Heil. — Eine definitive Beschlußfassung über das Gesuch der auswärts wohnenden Müller Karl R a h r - gang, Louis Frey II. und Joh. Christ. Lotz um Zuführung der Wasferie tung an ihre Hofreiten wurde vorerst zwecks Einholung eines Kostenvoranschlags zurückgestellt. Sodann genehmigte der Gemeinterctt noch den Beitritt der Stadt als Mitglied zu dem Verein für Simmentaler Vieh
ck. Heuchelheim, 13. Nov. Der Turnverein Heuchelheim e. D. hielt am Samstagabend im kleinen Saal der Turnhalle seine diesjährige Generalversammlung ab.Der Vorsitzende, Schmidt, gab einen kurzen Lieberblick über das abgelaufene Geschäftsjahr. Aus diesem war zu entnehmen, dah in den einzelnen Abteilungen des Vereins sehr rührig gearbeitet wird, und daß sowohl von Turnern und Turnerinnen als auch von den Spielern sehr schone Erfolge erzielt worden sind. Der Mitgliederstand zeigte einen Abgang von 12 und einen Zugang von 13 Mitgliedern. Der Kassierer tonnte von einem Lleterschuß im abgelaufenen Jahr berichten. Die Vorstandswahl hatte folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzender Ludwig Schmidt, 2. Vorsitzender Fritz Rinn, Kassierer Ernst Reu schling, Schriftführer Hermann Freitag, Beisitzer Karl Kreiling, Fritz Volkmann und FritzKreiling, Zeugwart Rudolf Kreiling, Oberturn- wart Albert Rinn, l.Turnwart Otto Volkmann, 2. Turnwart Wilhelm Rinn, Sportwart Hermann K r ö ck, Spielwart Philipp Weller, Frauenturnwart Fritz Rinn und Jugendturn- wart Franz Reuschling. Nachdem noch verschiedene interne Vereinsangelegenheiten behandelt waren, sprach Turner Bergen dem Vorstand für sein selbstloses Arbeiten den Dank der Versammlung aus. Hierauf schloß ter Vorsitzende Schmidt die harmonisch verlaufene Versammlung mit dem Wunsche, dah die gefaßten Beschlüsse zum Wohl und GÄ>eihen des Vereins und ter Deutschen Turnerschaft dienen mögen. Mtt dem Liede „Turner, auf zum Streite" ging man zum gemütlichen Teil des Abends über.
• Klein-Linden, 14. Nov. Morgen, Donnerstag, findet In unserer Kirche ein Lichtbild- Vortraa statt. Missionar Jurgens, der lange Jahre in Afrika und in Sumatra in der Missions- arbeit stand, spricht im Rahmen einer Volksmis- sionsveranstaltung über das Thema: „Flucht vor dem Leben".
a. Allendorf (Lahn), 13. Nov. Am Sonntag fand durch den Superintendenten von Ober» Hessen, Oberkirchenrat Wagner, hier eine Kirchenvisitation statt. Der Gottesdienst wurde eingeleitet durch das Lied des Kirchen- chores „Der Herr ist mein getreuer Hirt". Der Ortsgeistliche, Pfarrer Decker, legte seiner Predigt die Worte des Gleichnisses vom Netz und den Fischen zugrunde. Sodann hielt Ober» kirchenrat Wagner eine Ansprache, in welcher er unter anderem in schöner Weise ausführte, daß am Tage einer KirchLnvisitatton nicht mir in ter Kirche nach dem Rechten gesehen werten sollte, sondern dah es Pflicht eines jeden sei, bei sich selbst, in seinem Hause und in ter Gemeinde nachzusehen, ob auch da In allem die richtige Ordnung herrsche. Anschließend daran sand die Prüfung der Katechismuslehrpflichtigen und der Oberllasse der Schule, in welcher der Geistliche Religionsunterricht erteilt, statt. Mit dem freien Singen einiger Choräle fand die eigentliche Visitation ihren Abschluß. 3n der
Die für das Hochbauamt und F o r st a m t in Friedberg angeforderten Mittel zum Umbau der Gebäude erschienen dem Ausschuß zu hoch. Er entschloß sich daher, die beim Sub- missionsverfahren herauskommende Summe als Höchstbetrag zu bewilligen. — Das Steuervor- auszahlungsgesetz, in dessen Beratung nur kurz eingetreten wurde, wurde dann auf Wunsch einiger Abgeordneter bis Mittwoch zurück- gestellt, um den Fraktionen nochmals Gelegenheit zu Beratungen darüber zu geben.
Der Gedanke, ihn anderswohin zu bestellen, war nicht mehr durchführbar. Im Hotel herrschte schon viel zu reges Leben, als daß man irgendwo eine geheime Aussprache wagen konnte — und eine andere kam bei diesen Dingen, die sie ja nur ahnte, nicht in Frage.
Sie sagte Si ein paar malaiische Worte, wohin sie ging und wann sie sie um jeden Preis abholen mußte. Die Dienerin beschwor sie, au bleiben, und sie legte Inges Hände auf ihre Stirn, als wollte sie ihre Gedanken so übertragen. Ein stolzes Lächeln kräuselte Inges Lippen: sie fürchtete sich nicht. Inge Brodersen fürchtete sich nicht.
Ehe sie ging, tat sie etwas, was sie noch nie fertigbekommen hatte: sie umarmte die Malaiin in einer iähen Aufwallung und drückte sie wie eine Freundin an sich. Zärtllch blickte sie auf das glatte schwarze Haar der Getreuen, das einen Augenblick an ihrer Brust lag.
Als Inge draußen war, huschte Si ins Schlafzimmer und zerrte aus ihrem Koffer die Waffe ihrer Heimat hervor, den vergifteten Kris. Während ihre kleine gelbe Hand ihn fest umspannte, lauschte sie, mitten im Zimmer stehend, nach oben, als könne sie hören, was dort vorging.
Blinsky stand in der offenen Tür, als Inge Brodersen den Korridor entlang schritt. War er ihres Kommens also so sicher gewesen?
Sie trat ein, zog die Tür hinter sich zu, an der sie stehen blieb. „Sagen Sie schnell, was Sie zu sagen haben. Ich werde erwartet."
Er stand geduckt, in feiner alten demütigen Haltung vor ihr, als ob er seine eigene Persönlichkeit aufgegeben hätte. Nein, von dem war nichts zu befürchten.
„Nichts ist schnell gesagt", begann er leise. „Tausend Faden sind ineinander verknüpft. Wie will man schnell den einzelnen lösen? Aber wollen Sie sich nicht setzen?"
„Nein. Ich nehme an, daß Sie meinen Wunsch zur Eile achten. Worauf warten Sie denn noch?"
Er rang nach Worten. Alles war so anders, als er es sich ausgemalt hatte.
„Ich habe nicht viel Zeit, Blinsky. Was sind das für Geheimnisse, von denen Sie schrieben?"
„Geheimnisse?" sagte er, immer ohne sie anzu- sehen. „Geheimnisse? Bald werden es keine mehr sein. Vielleicht sind sie es in diesem Augenblick schon nicht. Aber setzen Sie sich doch! Ich bin todmüde, und ich kann doch nicht sitzen, wenn Sie stehen. Oder haben Sie etwa Angst vor mir?" Zum erstenmal schoß sein Blick zu ihr auf.
„Nein, Blinsky, ich fürchte mich nicht vor Ihnen. Aber den Schlüssel hier ziehe ich ab und nehme ihn
wußte, daß er ihren Baker und sie vernichten konnte. Zum mindesten mußte sie es glauben.
Lange grübelte er über die Möglichkeiten nach, die ihn mit ihr allein zusammenführen konnten. Er nahm den Briefblock zur Hand und schrieb Brief auf Brief. Jeden zerriß er, um ihn bann an einer Kerze zu verbrennen. Endlich blieben nur ein paar Zeilen stehen, die er für gut befand. Nichts von Gefühlen war darin: sie hätten ihr nur dies kühle Lächeln entlockt, das er haßte — und nach dem er sich doch in hundert schlaflosen Nächten gesehnt hatte.
„Ich erwarte Sie morgen früh in meinem Zimmer, um Ihnen Dinge zu sagen, die für Sie und Ihren Herrn Vater von allergrößter Wichtigkeit sind. Ich gebe mein Ehrenwort, daß Sie allein kommen können. Zeugen würden mir meine Er- tlärungen unmöglich machen ...."
So war es recht. Als Tochter chres Vaters würde sie es verstehen.
Auf Strümpfen schlich er den teppichbelegten Korridor entlang, bann die Treppe hinunter, bis zu ihren Zimmern. Als er die Außentür vorsichtig geöffnet und den Brief unter die Spalte der Innentür geschoben hatte, sah er Inges Schuhe stehen.
Er erhob sich verwirrt und betrachtete sie mtt einem wunderlichen Gemisch von Hohn und Leidenschaft. Seine Züge entspannten sich zur Zärtlichkeit. Er fiel langsam wieder in die Knie. Die Hände glitten über die Schuhe und streichetten sie. Halb vergessene Sätze eines russischen Gebets drangen auf feine Lippen. So hatte einst einer seiner leibeignen Vorfahren vor seiner Herrin gekniet, seiner grausamen Herrin, an der dennoch seine Sklavenseele inbrünstig hing.
Blinsky demütiget sich. Er kasteite seine Seele.
Si brachte morgens den Brief an Inges Bett, und sie reichte ihn mit einer wiegenden, warnenden Kopfbewegung ihrer Herrin.
Als Inge Brodersen ihn gelesen hatte, war sie fo- fort wach. Sie wußte von ihrem Vater, daß Blinsky mit ihm ein Gespräch geführt hatte, das beide trennen mußte. Das Gefühl der grenzenlosen Erleichterung, das ihr einen tiefen, traumlosen Schlaf geschenkt hatte, wich nun jählings der Angst: es war kein Zweifel, daß Blinsky sich rächen wollte und daß sie — sie allein — es verhindern konnte.
In fliegender Hast kleidete sie sich an, zum ersten- mal zu der Malaiin unaeduldige Worte hlnroer- fenb. Sie hakte nach den Aufregungen des Abends viel zu lange geschlafen. Wie, wenn Blinsky sie nicht mehr erwartete?
folgerten gemeinsamen Sitzung ter Kirchen- gemeinter^rtrehing und des Kirchenvorstandes legte ter Superintendent den Mitgliedern be- ( sonders noch einmal die Pflichten ans Herz, dia sie gewissermaßen als Vorbilder in der Gemeinte besitzen. Sodann ließ er sich die einzelnen Herren persönlich vvrstellen. In der bis 1 Llhr währenden Sitzung des Kirchenvorskantes wurden dann noch besondere Fragen behandelt. Gleich daran schloß sich eine Trauung, wobei Oberkirchenrat Wagner ebensalls anwesend war'. Der Kirchenchor fang hierbei: .Wir flehen, Herr, vor deinem Throne, sieh gnädig her auf dieses Paar" und „Jesus soll die Losung sem und n der Himmel ist das Ziel". — Bei der kürzlich stattgehabten Wahl zum Kirchen- Vorstand wurden fünf alte Mitglieder wiedergewählt und zwar: Bürgermeister Volk. Ludwig Binz Philipp Volk, Friedrich Am end und Friedrich Heinrich An di« Stelle des freiwillig zurück getretenen Herrn Rinn wurde ter Organist, Lehrer Kimmel, gewählt.
)( Großen-Linden, 13. Nov. Am Sonntag fand die Wahl des Kirchenvorstandes statt. Wiedergewählt wurden Bürgermeister Lang, Heinrich Dem VI.. Ludwig Hardt I„ Heinrich Magnus II., Ludwig Kehler VII., Heinrich Menges II. und Johs. Wagner VII. An Stelle des wegen hohen Alters zurückgetretenen Ph. Peppler wurde Wilhelm Schaum gewählt.
6 Langgöns, 13. Nov. Als Nachfolger des vvn fernem Amte zurückgetretenen Dezircks- tumwarts Hartmann wurde einstimmig dessen seitheriger Stellvertreter Lang (LanggönS) an die Spitze des 5. Bezirks im Turngau Hess en D. T. berufen. AIS DezirkSvev- treter wurde Studienrat Thierolf (Friedberggewählt.
V Watzenborn-Steinberg, 13. Nov. 3m Kreise ihrer Verwandten, Ämter, Enkel und Urenkel, beging teefer Tage das Ehepaar Johannes Schmitt II. unb Sophie, geborene Häuser, das seltene Fest der Goldenen Hochzeit. Dem Jubelpaare wurden reiche Ehrungen zuteil. Die Gesangvereine .Germania" und ,Ju- genbfreimb“, deren Mitglied bzw. Ehrenmitglied der Jubilar ist, brachten ein Ständchen. Dis Glückwünsche des Ministeriums des Innern und des Kreisantts Gießen überbrachte Bürgermeister Schäfer, die des Landeskirchenamts und des hiesigen Kirchenvorstandes ter Ortsgeistliche. In seltener Frische und mtt markigen Worten sprach der Jubilar seinen Dank aus. Er versieht noch in großer Treue fern Amt als Flurschütze unserer Gemeinde. — Dieser Tage fand in unserer Kirche dieWahlderMitgliederdesKirchen- vorstandes statt. Die settherigen Mitglieder: Balthasar Hirz VI., Balthasar Hirz V., Joh. Hirz IX., Johannes Drücke! XII Georg Melchior Häuser, Georg Harnisch V., Äon Schäfer III., Bürgermeister, wurden wteter- gewählt, an Stelle d.»s verstorbenen Mitgliedes R e i t s ch m i k 1 wurde Balthasar P i tz III., Schuhmacher, neu gewählt.
T Lich, 13. Nov. Einen genußreichen Abend bot am letzten Samstag der hiesige Männer- gesangverein .Cäcilia" seinen Mitgliedern, Freunden und Gönnern in der in Steins Saalbau abgehaltenen 90. Stiftungsfeier. Ein flotter Marsch der Kapelle Krengel (Gießen) eröffnete die Vortragsfolge. In einer kurzen Begrüßungsansprache wies der 1. Vorsitzende deS Vereins, Bäckermeister Karl Lotz, auf die Bedeutung des TageS in der Vereinsgeschichte hin. Einem Mttglied, Georg Schnabel, konnte aus Atzlaß seiner 25jübrigen Zugehörigkeit zum Verein die silberne VereinsnadÄ Übersicht werden. Der Verein wartete mtt einem auserlesenen Programm in bezug auf Männergesang und In- strumentalmusik auf. Schon gleich ter erste Männerchor »Hoch empor", eine recht schwierige Komposition von Curtt, geleitet von dem Dirr- genten, Lehrer Dormer (Lich), erntete den reichen De.fall der vielen Zuhörer. Aber auch die anderen Chöre, Vollslieter von Silcher, fanden dankbarste Ausnahme, ganz besonders der Chor „Die alten Straßen noch", von Grippe- koven. eine Stiftung ter „Liedertafel" Altena (Westfalen) aus Anlaß des großen Gesangswett-
zu mir." Sie ging aufrecht zu dein Stuhl am Fenster, den er ihr angeboten, aber sie fühlte, baß ihrs Knie zitterten. Einen Augenblick sah sie hinaus. Der Platz war stark belebt. Die livrierten Angestellten des Hotels liefen aus unb ein. Ein Ruf würbe genügen, sie herbeizurufen. Sie setzte sich beruhigt. „Reben Sie enblid)!"
Er ließ sich in bem Stuhl am Tische nieber, burch bas halbe Zimmer von ihr getrennt. „Ihr Vater ist in Gefahr ... nicht in Lebensgefahr ... ich glaube wenigstens nicht, bah er es ist .. /
„Blinsky 1^
Er lächelte befriebigt. Der Anfang war aut gewesen. „Es war ein großes Werk geplant", fuhr er fort. „Än Werk, bas mtt einem Schlag bas Bild der Welt, wie sie jetzt ist, verändert hätte. Durch bi« Voreiligkeit einiger Narren ist cs zerbrochen unb bas Alte triumphiert. Es ist stark, oh, Sie ahnen nicht, wie stark! Man hat uns belogen, als man uns prebigte, es fei morsch unb reif zum Fall wie eine Frucht im Herbst."
„Was soll morsch fein?"
„Die Wett, die Herrschenden ber Wett. Sehen Sie mich nicht so an, als ob ich verrückt sei. Ich habe noch immer mehr Verstand als die Mehrzahl meiner verehrten Zeitgenossen. Vielleicht habe ich zuviel von diesem zlrtitel. Wer ich will Sie mit diesen Dingen nicht aufhalten. Was Sie unb m ch angeht, ist Dies. Ihr Vater war mit Geld daran beteiligt, mit viel Geld ... nein, auch davon will ich nicht reden."
„Ist das Geld verloren?" fragte Inge schnell.
Er hob die Hände, als wolle er sie beschwören. „Nicht davon wollen wir reden. Es gibt Dinge, die um eine Welt wichtiger sind ..."
„Warum?" sagte sie kühl. „Es ist in letzter Zelt bei uns soviel von Geld und Kapital unb Finanz- aktionen gesprochen unb geflüstert worben, daß es hiermit doch im Zusammenhang stehen unb wichtig sein muß. Denken Sie, ich fei als Schlafwandlerin durch das gelbe Haus gegangen?"
„Nein, Sie sind tlug^ Inge Brodersen. Sie sind klüger als die meisten Männer." Seine Blicke Irrten über ihre Gestalt, ihr Gesicht, unb blieben wieder an den Schuhen haften. Es klang wie ein Stöhnen: „Sie sind fast so klug, wie Sie schön sind ... Ni« habe ich eine schönere Frau gesehen .. "
,Zch gehe fort, wenn Sie mir nichts anderes ZU sagen haben."
Er erhob sich schwankend. Seine Blicke verdunkelten sich „Könnten Sie mich nicht lieben, Inge Brodersen?"
Sie erhob sich, plötzlich der Gefahr bewußt. „Ich gehe." (Fortsetzung folgt)


