Nr. 242 Erstes Blatt
J78. Jahrgang
Samstag, 13. ©Kotier 1928
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Dr Friedr. Dich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil Kurt Hillmann. sämtlich in Dietzen
LlmSau des Reiches.
Fast zur gleichen Stunde, In der ein neues Wunderwerk kühnen deutschen Erfindungsgeistes vor der Wett davon Zeugnis ablegt, daß Deutschland mil- lens ist, im friedlichen Wettbewerb der Völker feinen alten geachteten Pionierposten zu behaupten, fast zur gleichen Stunde, in der Alldeutschlands Herzen sich in dem einzigen heißen Wunsch zusammen- finden, daß dem stolzen Luftschiff und seinem tapferen Führer Wind und Wetter zum Trotz der wagemutige Flug über den Ozean gelingen möge, fast zur gleichen Stunde hat auch die große innere Auf- gäbe des deutschen Volkes, der Umbau seiner staatlichen Organisation, einen neuen bedeutsamen Anstoß erhalten. Der von dem ehemaligen Reichskanzler Dr. Luther geleitete „Bund zur Erneuerung des Reiches hat das Ergebnis feiner Untersuchungen, Feststellungen und Besprechungen in einer umfangreichen Denkschrift der Oeffentlichkeit unterbreitet. Die praktischen Vorschläge, in denen diese Denkschrift in Form von Leitsätzen ausmündet, haben wir bereits in Nr. 238 unseres Blattes veröffentlicht. Daß diese Vorschläge sich von allen radikalen Reformgedanken, mögen sie den reinen Einheitsstaat ins Auge fassen, ober zur föderativen Verfassung Bisrnarckscher Prägung zu- rückstreben, weit entfernt halten, liegt einerseits geroifj in der Tatsache begründet, daß Männer verschiedenster politischer Einstellung von den Deutschnationalen bis zu den Demokraten an ihrer Aufteilung mitgearbeitet und sich durch ihre Unter- chrift zu ihnen bekannt haben, zum andern zwei- ellos in dem Wunsche, erst einmal Wege zu zeigen, die unverzüglich in der Praxis gangbar sind, ohne schwerste innere Konflikte auszulösen, die jedem Reformgedanken ein frühes Grad bereiten würden. Von einer Enblösung nach dieser oder jener Seite hin kann also bei diesen Vorschlägen des Luther- bundes nicht die Rede sein. Dieses in gewissem Sinne Unentschiedene, Kompromißartige an ihnen hat denn auch dazu geführt, daß sie überall Kritik, teilweise sogar schärfste Ablehnung erfahren haben, nirgends jedoch begeisterte Zustimmung. Der Luther- bunb wird kaum etwas anderes erwartet haben, und wenn auch die Folgerung aus dieser allseitigen Ablehnung falsch wäre, daß ein Vorschlag, der weder Unitarier noch Föderalisten befriedigt, gerade den rechten Mittelweg zwischen den Extremen hält und damit die gegebene Lösung wäre, so bietet die Denkschrift des Lutherbundes mit ihrem ungeheuren Material und den bis ins Einzelne formulierten Gesetzentwürfen doch zweifellos ein brauchbarer Beitrag zur Diskussion, in der mit Erfolg an dem Umbau des Reichs weitergearbeitet werden kann.
Als Hauptursache der gegenwärtigen Uebelftänbe sieht die Denkschrift den Dualismus zwischen PreußenunddemReichan, „die falsche Konstruktion des verfassungsrechtlichen Verhältnisses zwischen dem Reich und Preußen, denen heute die enge Verbindung der Bismarckschen Verfassung fehlt". So wird als wichtigstes Ziel jeder Reichsreform die Ucbcrroinbunp des Dualismus und die Wiederherstellung der im Bismarckreich in anderer Form gefundenen Lösung, nämlich der Uebcrein- ftimmung zwischen preußischer und Reichsgewalt angesprochen. Die Klammern, die Bismarck nun einst um Preußen und Reich geschmiedet hatte, sind allerdings nicht wiederherzustellen. Die völlig ver- änderten politischen Verhältnisse machen eine andere Konstruktion notwendig. Der Lutherbund schlägt hierfür die Form eines Reichslandes Preußen vor, in dem alle anderen norddeutschen Staaten — auch unser Hessen wird dazu gerechnet — aufzugehen hätten, während lediglich Bayern, Württemberg, Vaden und seltsamerweise auch Sachsen, in dem sich doch eine sehr starke Bewegung zum Einheitsstaat hin geltend macht, als selbständige Länder neben dem eben skizzierten Reichsland be- stehen bleiben sollen. Dieses in Provinzen zu gliedernde Reichsland soll mit dem Reiche selber eine gemeinsame Regierung und ein gemeinsames Parlament haben. Der bisherige Reichsrat soll jedoch, um eine Majorisierung des neuen Reichslandes durch die übrigen Länder auszuschließen, in der Weise umgestaltet werden, daß die vielumstrittene clausula antiborussic», d. h. die Beschränkung der preußischen Stimmen auf zwei Fünftel aller Reichs- ratsftimmen künftig wegfällt, und statt dessen die Provinzen des Reichslandes für sich nach einem in der Denkschrift des Lutherbundes bereits festgesetzten Stimmschlüssel im Reichsrat selbständig neben den süddeutschen Ländern vertreten sind. Um nun zu verhindern, daß im Reichstag, der ja für das Reichsland auch die Rolle des bisherigen Preußischen Landtags übernimmt, in dem jedoch neben den Abgeordneten des Reichslandes auch solche der süddeutschen Länder Sitz und Stimme haben, den Interessen des Reichslandes zuwiderlaufende Beschlüsse Gesetzeskraft erlangen, will die Denkschrift den preußischen Staatsrat erhalten und mit einem Vetorecht gegen das Reichsland betreffende Beschlüsse des Reichstags ausgestattet wissen.
Dieser Gedanke, Preußen mit den norddeutschen Staaten einschließlich Hessens zu einem Reichsland zu erheben — oder herabzudrücken, wie man es nehmen will — ist der Kernpunkt des Lutherschen Reformplans für einen Umbau des Reichs und hat natürlich auch als solcher die heftigste Kritik von allen Seiten auf sich gezogen. Während die einen von einer Zerschlagung Preußens zu Gunsten einer Hegemonie der süddeutschen Länder sprechen, sehen die andern in dieser Schaffung eines starken, einheitlichen norddeutschen Reichslands die Gefahr einer Verewigung der Main- (i n i c , den Anreiz für neue partikularistifche Tendenzen in Süddeutschland und ein Hindernis für den Anschluß Oesterreicks. Die einen wollen alles ober garnichts, mit andern Worten sofort den Einheitsstaat ohne langwierige und vielleicht nicht ganz
3n direktem Kurs auf die Bermudas.
Stürmische Kahrt des „Graf Zeppelin" von der afrikanischen Küste über Madeira und die Azoren in Richtung auf die Bermudas.—Eckener hofft schon am Sonntag mittag Amerika zu erreichen.
Auf schwerer Fahrt.
Der „Graf Zeppelin" ist unterwegs nach Amerika. Alle guten Wünsche begleiten ihn, um so mehr als man weiß, daß er eine schwere Fahrt hat. Denn die Bedingungen sind ja diesmal sehr viel ungünstiger als die, unter denen der Z. R. 3 seine Amerikafahrt gemacht hat. Auch der Z. R. 3 hat Unwettern ausbiegen müssen, aber sie standen doch in gar keinem Verhältnis zu den meteorologischen Umständen, unter denen jetzt der „Gras Zeppelin" sich seinen Weg suchen muß. Ein Tief wandert hinter dem anderen her, die größten Dampfer berichten, wie sie mit Sturm und Wellen kämpfen müssen, und so ist es nur erklärlich, daß der „Graf Zeppelin" nur mit großen Umwegen an sein Ziel gelangen kann.
Natürlich wußte die Führung des Schiffes, daß diese Fahrt n.cht leicht sein würde. Dr. Eckener hat den Entschluß zum Aufstieg auch keineswegs leichten Herzens gefaßt. Aber es lagen Gründe vor, die es wünschenswert erscheinen ließen, eine weitere Verzögerung zu vermeiden. Schließlich rechnet Dr. Eckener wohl auch damit, daß gerade diese schwierigen Umstände beweisen können, welchen großen Wert, welche Zuverlässigkeit und Beweglichkeit das Schiff hat. Dr. Eckener kennt das Schiff am besten, er weiß, was er ihm zumuten und zutrauen darf.
Auck trotz aller Widrigkeiten können wir uns also darauf verlassen, daß der „Graf Zeppelin" sicher sein Ziel erreicht. Man muh nur in Kauf nehmen, daß die Fahrt länger dauert. Rechnete Dr. Eckener ursprünglich mit einer Ankunft in Neu- York für Sonntag vormittag, so dürste diese Zeit jetzt kaum noch eingehalten werden können, vielmehr ist anzunehmen, daß cs Montag wird. Das Sch.ff soll bei Tage in Neuy 0 rk eintreffen, es kann also möglich sein, daß die Ankunft sogar absichtlich hinausgezögert wird, um den Neuyorkcrn das Schauspiel zu bieten, das sie erwarten. Beim Z. R. 3 war es ähnlich. Er hat 81 Stunden gebraucht, hätte es aber auch schon 7 bis 8 Stunden eher schaffen können, wenn man nicht den Tag hätte abwarten wollen.
Letzten Endes ist die Frage der Fahrzeit ja auch untergeordneter Natur. Für die längere Dauer auf dem Hinweg wird außerdem die Verkürzung des Rückweges entschädigen. Denn was jetzt ein Hindernis ist, ist später als Rückenwind ein Vorteil. Gewiß, es wäre sinnlos, in bloßem Optimismus zu machen. Das Schiff hat erst einen Teil seiner Aufgabe bewäl» t i g t. Vielleicht kommt der schwierigste erst noch. Es kann noch Stunden geben, in denen wir mit banger Sorge auf Nachrichten warten. Dr. Eckener hat selbst vor einigen Tagen in einer Unter« reöung darauf hingewiesen, daß die Meldungen vollkommen ausbleiben können, wenn das Schiff in die stark elektrisch geladene Atmosphäre am Golfstrom kommt. Diesen Zeitpunkt hat er auf etwa 40—50 Stunden nach der Abfahrt berechnet. Nach dem bisherigen großen Umweg wird er wohl noch etwas später eintreten. Dr. Eckener hat aber auch gleichzeitig hinzugefügt, daß man sich dann nicht gleich aufregen solle. Er hat eben volles Vertrauen zu feinem Schiff. Dieses Vertrauen kann man ruhigen Herzens mit ihm teilen. Und für uns kommt noch das Vertrauen zu dem Mann hinzu, der das
Schiff führt. Er ist der beste Luftschifführer der Welt, sagte Commander Rosendahl, der als Führer der „Los Angeles" es Wohl wissen muß.
lieber Weira imb die Azoren aus die Vermndas.
Berlin, 13. Oft (ÖIB. Funkspruch.) Die Nachrichten über den Flug des „Graf Zepelin" gehen auch weiterhin nur sehr spärlich und unvollständig ein. Das Luftschiff ist durch schwere Stürme offenbar veranlaßt worden, einen weiten Bogen nach Süden zu machen. Das beeinflußt naturgemäß die Aahrldauer außerordentlich. „Gras Zeppelin" hat die Stadt Funchal auf Madeira am Jreitag- uachmittag uml3.30 Uhr deutscher Zeit passiert und über dem Kasinogarten in Pavao einen Postbeutel für den deutschen Konsul abgeworfen. Es hatte eine Geschwindigkeit von rund 130 Kilometer in der Stunde und fuhr in großer Höhe in Richtung auf die Azoren. Bereits um 2.35 Uhr deutscher Zeit war die Funkstation Sao Miguel in drahtloser Verbindung mit dem Luftschiff. Das Luftschiff teilte mit, daß die Passagiere in ungewöhnlichem Maße an der Luftkrankheit litten. Um 22 Uhr örtlicher Zeit wurde dann die zur Azorengruppe gehörende Insel Sao Miguel in einer Entfernung von 30 bis 35 Meilen mit einer Geschwindigkeit von 80 Seemeilen bei regnerischem und unsichtigem Met- ter passiert.
Das Lustschiff nahm direkten Kurs auf die Bet- muda-Jnseln, wo man begonnen hat, an einem günstigen Aussichtspunkt eine Beobachlungs- ftation einzurichten. Man immt an, daß der Zeppelin die Bermudas am Sonntagmorgen erreichen wird. Die Wetterlage wird voraussichtlich günstig sein. Der Himmel ist zur Zelt etwas bewölkt, es herrscht ein Nordwestwind, doch ist das Barometer im Steigen begriffen. Nicht ganz in Einklang mit dieser Nachricht ist die Meldung der Funkstation der Radiomarine-Eorporation in Eha- tham (Massachussetts), die um 6.10 Uhr amerikanischer Zeit einen Funkspruch des „Graf Zeppelin" aufgefangen haben will, in dem es heißen soll: „Das Wetter ist warm und sommerlich, wir steuern unmittelbar die Bermuda-Inseln an und hoffen, falls das Wetter gut bleibt, am Sonntag- vormittag Amerika zu erreichen. Dir fahren mit einer Geschwindigkeit von 85 Seemeilen.“
Ein weiterer Aunkspruch aus Chatham von Samstag früh 1 Uhr mitteleuropäischer Zeit lautet:
„Wir befinden uns 5 2 0 Kilometer westlich von Madeira in einer höhe von 420 Meter mit einer Stundengeschwindigkeii von durchschnittlich 120 Kilometer. Fahrtrichtung Bermuda, wir hoffen, wenn das Detter sich hält, Sonntag mittag einjutreffen. An Bord alles wohl. „Gras Zeppelin"."
Der erste Fahrtdenchi von Vord-
Ein amerikanischer Journalist über den
Flug über Frankreich und Spanien.
Berlin, 13. Oft (Prio. Tel.) Dem Hearst- Korrespondenten Karl v. Wiegand, der bekanntlich an Bord des „Gras Zeppelin" d'.e Amerikasahrt mitmacht, ist es trotz der dauernden! Störungen des Funkverkehrs noch in der Nacht zum Freitag gelungen, einen Fahrtbericht nach Neuyork durchzugeben. Der „Lokal-Anzeiger" gibt einen Auszug aus diesem Bericht wieder, in dem es heißt:
An Bord des „Graf Zeppelin", 12. Oktober (nacht s). Unsere Radiostation arbeitet s ch w e r mit starken Störungen. Zeppelin wird, wenn er Gibraltar 5 Uhr morgens hinter sich hat, Kurs wahrscheinlich beträchtlich südlich der Azoren nehmen. — Das Essen war ausgezeichnet. Es bestand aus kaltem Ausschnitt, Salat, Tee und Wein. Alles ist munter und wohl. Die Passagiere st.mmen darin überein, daß der erste Flugtag der wundervollste Tag ihres Lebens war. Alle sind erstaunt, wie leicht das Luftschiff dahingleit>t. Spät nachts machte der Stewart die Betten in den Pullman-Wagen. Flemming sagte mir auf der Kommandobrücke noch: „Der Abend war ausgezeichnet, wir machen gute Zeit." Dr. Eckener erklärte kurz vorher: „Morgen werden wir gutes Wetter haben." In den ersten 12 Stunden wurden 670 Meilen zurückgelegt. Start ausgezeichnet. Kurz bevor Luftschiff Rhein passierte, rief der Steward: „Letzte Post für Deutschland. Don Schaffhausen aus konnte man die Alpen durch auseinanderzlehende Wolken erblicken. In Richtung Basel hatten wir 71 Meilen Stundengeschwindigkeit. Dr. Eckener war während der ganzen Zeit auf der Kommandobrücke umd immer gut aufgelegt. Dann bogen wir in Richtung Be- sanxon ab. Das Luftschiff flog dabei niedrig. Die Passagiere erkennen von oben, wie die Menschen heraufblicken. Aber kein winkendes Taschentuch war sichtbar. Nur ein einzelner Fließe: begrüß eia Lu tf.tif'am nahe heran, phote- graphierie und winkte. Es ift ein faszinierendes Bild, zu sehen, wie Offiziere und Mannschaf.en arbeiten.
Die Wetterlage über demAtlaM
Nicht ungünstige Aussichten westlich der Bermudas
Hamburg, 13. Oft. (Täl.) Das Seeslug- reserat der Deutschen Seewarte gibt um 2 Pilhr früh folgenden Bericht über die Wetterlage auf dem Atlantik aus:
Während über der östlichen Hälfte vom Nordatlantischen Ozean das Hochdruckgebiet im Rerume zwischen dm Azoren und Kanarischen Inseln und der Iberischen Halbinsel mehr und mehr abbröckeln wird, breitet sich über der west - lichen Hälfte tiefer Luftdruck aus. Das Tiesdruckgebiet östlich von Neufundland weist m seiner ilmgclnr.g stärkere Temperatu r- gegensähe auf. Heber Labrador hinweg findet ein Zustrom kalter Lustmassen statt, wäh.e:d zwischen 35 und 45 westlicher Länge warme Lustmassen dem Tief zuströmen. Aus diesen Temperaturgegensätzen hat das Tiefdruck
ungefährliche Zwischenetappen, die andern sträuben sich dagegen, daß Preußen allein — wobei die andern norddeutschen Staaten gerne vergessen werden — in edler Selbstaufopferung in den Abgrund springen soll, während es Sachsen und den süddeutschen Ländern gestattet sein soll, ihr staalliches Eigenleben ad libitum weiterzuführen. Es ist nicht zu verkennen, daß in jeder dieser kritischen Einstellungen ein gut Teil Wahrheit steckt, und daß die Vorschläge des Lutherbundes von einer Ideallösung für die Reichsreform — die sich übrigens heute noch jeder ein bißchen anders denkt als sein Nachbar — noch weit entfernt sind. Namentlich scheint uns die psychologische Seite des ganzen Reformwerks nicht genügend in Rechnung gestellt zu sein. Der jetzige Reichsjustizminister Koch hat einmal sehr nüchtern gesagt, daß ein hohes Maß von Selbstverleugnung dazu gehöre, sich die eigene Entbehrlichkeit zu bescheinigen. Nun hat zwar der preußische Landtag schon im Jahre 1919 Preußens Bereitwilligkeit erklärt, im Reiche aufzugehen, jedoch nur gleichzeitig mit allen andern Ländern. Preußen wird also seine Umwandlung in ein Reichsland trotz der in Aussicht gestellten Vergrößerungen als ein Opfer betrachten, daß ihm zugeinutet wird, ohne daß Aussicht dafür besteht, daß nun auch die süddeutschen Länder in Bälde seinem Beispiel folgen werden. Im Gegenteil ist die Gefahr nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß eine stark aufs Verwaltungstechnische zu- gescbnittene Neukonstruktion Norddeutschlands die Kluft zwischen Nord und Süd eher verbreitert, statt die süddeutschen Länder magnetisch an sich zu ziehen. Eine Lösung, und sei sie auch nur eine Teillösung, die vor Süddeutschland Halt macht, birgt zweifellos die große Gefahr in sich, das Endziel in nebelhafte Ferne zu rücken. Es ist auch nicht einzusehen, warum die Gründe, die von der Denkschrift des Lutherbundes sehr mit Recht gegen den Dualismus von Preußen und Reich angeführt
werden, nicht für das Gesamtproblem „Reich und Länder" gelten sollen. Die merkwürdige Teilung der Gewalten, derart, daß das Reich die Legislative innehat, daß jedoch die gesamte Exekutive den Ländern zusteht, trifft doch für das ganze Reichsgebiet zu. Immerhin ein Kuriosum, das soweit geht, daß im Grunde genommen, die Reichsregierung in Berlin nur zu Gast ist und ihr Chef, der Reichskanzler, nicht einmal einen Schutzmann anfordern kann, wenn der preußische Innenminister es anders beschlossen hat. Daß aus diesem eigenartigen verfassungsrechtlichen Verhältnis sich schwere Mißstände, sogar außenpolitische Verwicklungen ergeben können, haben wir in den letzten Jahren oft genug erleben müssen, erinnert sei nur an die von preußischen Polizeiorganen ohne Wissen des Auswärtigen Amts vorgenommene Haussuchung in der Handelsabteilung der Berliner Sowjetbotschaft. Mer das gleiche gilt doch auch cum grano salis für die andern Länder. Man denke doch bitte nur an das unerfreuliche Kapitel „Bayern und Mßenpolitik", an Herrn Helds vra- torische Exkursionen auf das außenpolitische Gebiet, an die Vereidigung der Reichswehr auf das Land Bayern, an die Reichsexekutive gegen Sachsen u. a. Auch mit der Doppelarbeit der Verwaltung in Preußen und im Reich, so sinnwidrig sie uns grade hier auch entgegentreten mag, ist die Sonder- oehandlung Preußens schwer zu rechtfertigen. Dem dünnbevölkerten, agrarisch eingestellten Bayern ist seit langem der zweifelhafte Ruhm unbestritten, den bei weitem aufgeblähtesten und teuersten Verwaltungsapparat zu besitzen. Diese Gründe wirken also kaum stichhaltig, wenn man die süddeutschen Länder von den Segnungen einer Reichsreform ausschließen will.
Das sind nur einige Pynkte der Denkschrift, an denen eine fruchtbare Kritik ansetzen kann, die Reihe ließe sich beliebig verlängern. Aber bei der Beurteilung des Lutherschen Reformplans scheint
es uns gar nicht einmal so wichtig, die Frage zu entscheiden, ob er nun in seinem Grundgedanken oder gar in seinen technischen Einzelheiten die unanfechtbare Patentlösung barftellt ober nicht. Für weit wesentlicher halten wir, daß hier einmal sich Männer, die einen Namen von Klang zu verlieren haben, aus den verschiedensten politischen Lagern und Berufszweigen zusammengefunden haben und sich auf praktische Vorschläge einigen konnten, zweifellos ein Beweis, wie weit die Erkenntnis von der dringenden Notwendigkeit eines Umbaus unseres Staatsgebäudes um sich greift, aber auch ein schönes Zeugnis für die einigende und werbende Kraft des Reichsgedankens. Was jetzt not tut, was jedoch der Lutherfche Reformplan vielleicht allzusehr außer Acht läßt, ist nun die Ingangsetzung der Massen. Das Volk selber darf nicht mehr müde werden, die Reichsreform zu verlangen. Nur eine von allen Volksteilen getragene Volksbewegung gibt die Plattform ab, auf dem ein Kampf um den Neubau des Reiches gegen alle indolenten und retardierenden Gewalten, deren perfönlid}cs Interesse mit dem Status quo oft genug innig verbunden ist, mit Glück und Erfolg durchgefochten wird.
Oer Fehlschlag des kommunistischen Volksbegehrens.
Berlin. 13.Oft. (Priv.-Tel.) Die „Welt am Abend" veröffentlicht einen Aufruf des Reichsausschusses für den „Volksentscheid gegen Panzerkreuzer" zur Einzeichnung, in dem es heißt: Wir fühlen uns verpflichtet, vor euch offen zu erklären, daß die Zahl der bisherigen Einzeichnungen durchaus unzureichend ift. 160OCX) Llnterschriften sind vollzogen und 800 000 müssen wir in Berlin bis zum 16. Oktober aufbringen.


