Jahre 1917 wurde km Landtag der Beschluß gefaxt, alle Mittelschulen in Hessen aufzuheben. Daraufhin wurden in die unterste Klasse keine neuen Schülerinnen mehr ausgenommen. Jahr für Jahr fiel die jeweils unterste Klasse weg, und so ist die Schule von unten herauf langsam abgestorben. Ob' gleich in die bestehenden Klassen alljährlich noch auffallend viele Schülerinnen neu eintraten und damit di« Berechtigung und die Notwendigkeit ihres Weiterbestehens erwiesen, ist die Schule Ostern 1926 vollends eingegangen.
Die Erweiterte Mädchenschule hat während der 85 Jahre ihres Bestehens eine nicht unwesentliche Rolle In der Geschichte des Schulwesens der Stadt Gießen gespielt und war stets bemüht, oft unter den schwierigsten Verhältnissen, die ihr bei ihrer Gründung gestellten Aufgaben nach besten Kräften zu erfüllen. Diele Frauen und Mädchen unserer Stadt verdanken ihr innerhalb der gesteckten Grenzen eine gute und gewissenhafte Vorbildung fürs Leben. Sie werden der Schule eine dankbare (Erinnerung bewahren, ebenso wie die Lehrer und Lehrerinnen, die an der Schule wirkten, mit Befriedigung an ihre ersprießliche Tätigkeit an der Erweiterten Mädchenschule zu Gießen zurückdenken werden.
II. £t)$eum und Studienanstall.
Schon bei der Gründung der Schule im Jahre 1841 war vorgesehen, daß den Mädchen auch über die Konfirmation, d. h. das 14. Lebensjahr hinaus, Gelegenheit gegeben werden sollte, sich in einzelnen Lehrgegenständen weiter auszubilden. Davon wurde anscheinend zunächst wenig Gebrauch gemacht. Erst aus einer Ankündigung im „Anzeigeblatt der Stadt Gießen" vom 20. Oktober 1849 erfahren wir, daß eine Fortbildungsklasse mit besonderen Lehrstunden und erweiterten Lehrzielen in deutscher Sprache und Literatur, in der französischen Sprache, in Mythologie, Geschichte, Naturkunde usw. eingerichtet wurde. Diese Fortbildungsklasse war zunächst viele Jahre hindurch ein rein privates Unternehmen des ersten Lehrers. Erst im Jahre 1869 wurde sie der Schule organisch eingefügt. Bet dieser Gelegenheit wurde auch der englische Unterricht endgültig in den Lehrplan ausgenommen, der seit 1850 zunächst nur wahlfrei gewesen war. Diesen ersten englischen Unterricht erteilte seit 1867 Frl. Luise Honstein, die seit ihrer Ruhestandsver- fehung am 1. Oktober 1899, nunmehr im Alter von 86 Jahren noch in guter Rüstigkeit hier in Gießen lebt.
Die gesamte Schule, bestehend aus Vorbereitungs- fchule (der späteren Vorschule), höherer Mädchenschule und Fortbildungsklasse, hatte damals rund 250 Schülerinnen. Diese Zahl stieg, wohl infolge des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs und der raschen Bevölkerungszunahme Gießens, bald sehr erheblich, so daß Ende der 70er Jahre die Zahl 500, also die doppelte Zahl, überschritten wurde und für die meisten Jahrgänge Parallelklassen eingerichtet werden mußten. Das führte dazu, daß für die Schule im Jahre 1880 ein eigenes Gebäude, das Haus der jetzigen Schillerschule In der Schiller, straße, errichtet wurde.
Damit war zugleich die Möglichkeit gegeben, die Schule neu aus- und auszubanen. Das geschah dadurch, daß die bis dahin gemeinsame Schule in zwei getrennte Schulen zerlegt wurde. Die eine, die den seit 1877 dieser Schule beigelegten Namen „Erweiterte Mädchenschule" beibehielt, führte wie seither ihre Schülerinnen in der oben geschilderten und bei Gründung der Schule festgelegten Weise bis zum 14. Lebensjahre durch, daneben trat nun als selbständige Anstalt die Höhere Mädchenschule, die ihre Schülerinnen von unten herauf mit den oben für die Fortbildungsklasse angegebenen noch etwas erweiterten Lehrzielen bis zum 16. Lebensjahre unterrichtete. Die Vorschule blieb zunächst den beiden Schulen gemeinsam, wurde aber im Jahre 1891 ebenfalls sür beide Schulen getrennt. Seit diesem Jahre bestand also neben der achtklassiaen Mittelschule, der Erweiterten Mädchenschule, eine vollaueyebaute Höhere Mädchenschule. Die Erweiterte Mädchenschule hatte zu dieser Zeit etwa 240, die Höhere rund 300 Schülerinnen. Beide Schulen blieben jedoch unter einer Direktion in dem gemeinsamen Gebäude unter dem Namen „Höhere und Erweiterte Mädchenschule" vereinigt.
Die Höhere Mädchenschule war damit zu einer selbständigen vollausgebauten zehnklassigen Anstalt geworden und mußte sich, schon wegen der gegen- fettigen Anerkennung der Abgangs- und Entlassungszeugnisse, nun auch tn den Kreis der übrigen gleich- artigen Anstalten im Reich einstigen.
Raphael Mengs.
Zu feinem 200. Geburtstage.
Von Dr. F. Ernst.
Die QIu6brütung von Wunderkindern vermittelst drakonischer Erziehungsmaßnahmen war eine Eigenart des achtzehnten Jahrhunderts. •Unter vielen anderen fallen uns die Namen Beethoven und Mozart ein; aber die Tausende, die als Opfer solcher Methoden früh erschöpft und im Kerne zersetzt, am Wege verdarben, sind vergessen.
Ms dem aus Kopenhagen stammenden, in Dresden tätigen Miniaturmaler Ismael Mengs am 12. März 1728 in Aussig ein Sohn geboren wurde, bestimmte er ihn, ebenso wie einen älteren Sohn und zwei Töchter, zum Maler; er verlieh dieser Absicht äußeren Ausdruck, indem er ihm die Namen Antonio Naphael gab; Antonio Correggio und der göttliche ilrbinate waren seine Ideale. Sein Haus lag in einer abgelegenen Gegend der sächsischen Hauptstadt, er war Witwer und ein eigenwilliger zäher Sonderling. Der älteste Sohn entfloh dem väterlichen Gefängnis, irrte jahrzehntelang friedlos in der Welt umher und fand schließlich eine bescheidene Lebensstellung in Oesterreich. Dafür beugten sich die drei anderen Kinder ergeben der Zucht des Vaters, die, nicht ohne System, einseitig auf die Erlernung künstlerischer Fertigkeiten hinauslief. Die drei muhten buchstäblich den ganzen Tag von früh bis spät zeichnen, malen, kopieren. Am Tage durften sie niemals ausaehen; um sie der freien Luft nicht ganz zu entziehen, führte der Vater sie nachts durch die Straßen der Stadt, und es war ein Fest für die Kinder, wenn wenigstens der Mond schien und etwas von der Welt zu sehen war Noch später, als der junge Naphael, der seltsamerweise bei dieser krankhaften Dressur nicht zusammenbrach, in Dresden und in Rom schon Triumphe als Maler gefeiert hatte, fand ein Besucher deS seltsamen Hause« im ersten Zimmer, dem deS DaterS, 'Biertrug, Pfeife, Bibel und Peitsche auf dem Tisch liegen, im zweiten und dritten sahen die beiden Töchter und Naphael malend, aber so verschüchtert, daß sie von ihrer
( Hier war im Jahre 1872 der Deutsche Verein für das höhere Mädchenschulwesen gegründet worden. Allmählich kam auch die Frauenfrage in Fluß, die im Jahre 1891 zur Gründung des Allg. deutschen Lehrerinnenvereins führte. Beide Vereine nahmen, in Verbindung mit anderen ähnlichen Organisationen, die Förderung der Belange der Frauen- und Mädchenbildung energisch in die Hand. Eine Regelung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen im Jahre 1894 sand nicht den Beifall der beteiligten Kreise, und
Arbeit nicht aufzublicken wagten. Dieser Besucher, ein Sänger Annibali, erzählte August dem Starken von dem jungen Künstler, sein Pastell entzückte den König, und Raphael sowohl wie seine Schwestern wurden mit glänzenden Pensionen angestellt. Es wurde Mode, sich von Raphael Mengs malen zu lassen, dem König selbst folgte die Hofgesellschaft, und die Pastelle jener Zeit gehören zum Einheitlichsten und Besten, was Meng« je gemalt hat. Lind August der Starke war großmütig genug, das junge Talent zur weiteren Ausbildung nach Italien zu schicken.
Dort verlieh er die leichten, vergänglichen Pastellfarben, gewöhnte sich an die Oeltechnik und schuf eine Madonna, die für ihn lebensbestimmend werden sollte. Richt nur, daß dies Bild ihm die volle Bewunderung seiner Zeitgenossen einbrachte, er sand auch in dem Modell der Madonna, der schönen Römerin Margarita Guazzi, eine Gattin, die er anbetete und der zu Liebe er feinen Glauben wechselte. Die Schwestern folgten ihm darin sogleich, der Vater, der jetzt zur Rolle des komischen Wien verurteilt war, nach einiger Zeit gleichfalls bezeichnenderweise, „weil in einer wohleingerichteten Familie niemals zweierlei Meinungen herrschen dürfen".
Der junge Meister kehrte nun, schon mit dem Lorbeer jungen Ruhmes geschmückt, nach Dresden zurück. Der König und die Königin ließen sich in ganzer Gestalt malen, die Aufträge flössen auch sonst reichlich. Der bisherige erste Hofmaler, der Franzose Louis de Sylvestra, zog sich beleidigt nach Paris zurück. Aber der kühle Norden hielt Raphael Mengs nicht lange, kurz daraus befand er sich wieder in Rom, und hier spann sich eine Freundschaft an, die seiner Kunst und seinem Denken eine neue Wendung, nämlich zum Klassizismus gab. Winckelmann war gerade in Rom angekommen, und die beiden Deutschen schlossen sich innig aneinander an. Mengs, von dem Fanatismus Winckelmanns für das Altertum ergriffen, streifte alles Rokokohafte in feinem künstlerischen Wesen ab, gab sich der Antike hin und suchte „edle Einfalt und stille Größe" zu verkörpern. Er hatte dabei vollen Erfolg bei feinen Zeitgenossen, die ihn über Raffael setzten und seine Werke mit Gold auftoogen — hatte Mengs doch in1 seiner besten Zeit Einkünfte von
nach langen heftigen Kämpfen und Auseinandersetzungen erfolgte in dem Jahre 1908 die völlige Um- und Neugestaltung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen, die auch für die anderen deutschen Bundesstaaten vorbildlich wurde. Sie brachte, abgesehen von den Vorschulen, die Einteilung der höheren weiblichen Bildungsanstalten in Lyzeum und Studienanstalt, neben die als völlig neue Einrichtung noch die Frauenschule trat.
(Schluß folgt.)
120 000 Mk. allein für seine Bilder im Jahre, ganz ungerechnet seine hohen Pensionen von verschiedenen Höfen, und dies, während die anderen Maler in Nom vor den Toren der Kar- dinäle um Arbeit betteln mußten. Und muten diese Kunstbestrebungen seines Mannesalters kühl und frostig an; wir empfinden seinen Eklektizismus, der aus Natur und Kunst das Beste auswählte, um es in feinen Werken anzubringen, als Niedergangserscheinung; wir können den Rausch, dem sich seine Zeit vor seinem Hauptwerke, dem Apollo mit den neun Musen in der Villa Albani, hingab, nicht mehr verstehen, sondern fühlen gerade hier die gefährliche Nachwirkung der falschen, auf einseitige Fertigkeit ab» zielenden Erziehung. Wir, wenn wir Raphael Mengs genießen wollen, suchen uns seine Bildnisse und Pastelle aus, in denen sich allerdings eine ungewöhnlich große Kunst der Farbbehandlung mit feiner Auffassung der Persönlichkeit paart.
Während seines verhältnismäßig kurzen Lebens — er starb schon 1779 — hatte Mengs das Glück, den Mitlebenden immer mehr als die Verkörperung aller Kunst zu erscheinen. An den Höfen von Madrid und Neapel war er zu Hause und mit hohen Iahrgeldem ausgezeichnet, der Papst förderte ihn, Katharina von Rußland, August der Starke, ja, sogar der franko» fische Hof suchte Bilder von ihm zu erwerben. Ms er gestorben war, übernahm der spanische Hof, da er selbst trotz seiner großen Einkünfte fast nichts hinterlieh als die Kunstsammlungen, seine vier Töchter auszustatten und für feine Söhne zu sorgen; zwanzig Kindern hatte die einige Jahre vor ihm verstorbene schöne Margarita das Leben gegeben.
Neben der schöpferischen Kunstarbeit ging eine reiche kunstkritische Tätigkeit. Nachdem ein, industriell veranlagter Engländer namens Webb ihm die Niederschrift seines ersten Werkes entliehen, in« Englische überseht und unter dem eigenen Namen herausgegeben hatte, wurde er vorsichtiger, und seine ästhetischen Schriften, die nach seinem Tode in vier Bänden erschienen, blieben lange ein Leitbuch des Faches. — Deine größte Bedeutung lag wohl darin, daß er als erster den deutschen Namen in der Kunst der Siebenhügelstadt wieder zu Ehren brachte, un-
pathie der Bürgerschaft für daS Wollen unB Streben bet Jugend erkennen. Es war ein recht erfreulicher Anblick, diese jungen Menschen zu den Klängen ihrer Zupfgeigen, Mandolinen und Violinen, sowie mit frohem Gesang guter Wanderlieder einhermarschiersn zu sehen.
Der gestrige Iugendherbergstag in unserer Stadl hat in eindrucksvoller CfDcife offenbart, daß die frischen Kräfte in unserer Jugend rege am Werk sind und Erfreuliches für die Zukunft erwarten lassen. Mit der Anerkennung für unsere Jugend ob ihres bisherigen Schaffens sei der Wunsch verknüpft, daß sie sich auch weiterhin mit Lust und Liebe in den Dienst ihrer Sache stellen und mft nie erlahmendem Eifer ihrem I Ziele zustreben möge. Bisher hat unsere Jugend in dem Vorsitzenden der Gießener Ortsgruppe des Verbandes für Deutsche Jugendherbergen, Bürgermeister Dr. Frey, und in dem ehrenamtlichen Geschäftsführer Dr. F1 ö r t e aufrichtige Freunde und warmherzige Führer gehabt, denen Dank und Anerkennung ge ührt. Daß unserer Jugend die Kraft dieser beiden Männer ) und der Schwung ihres idealen Wollens auch weiterhin erhalten bleiben möge, zum Besten der Gießener Jugend, das ist ein Wunsch, der aus der gestrigen Gießener Jugendherberge- Veranstaltung noch erwachsen ist.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
u. Klein-Linden, 11. März. Der hiesige Männerge sang verein „Eintracht", der älteste am Platze, versammelte am Samstagabend in dem Saale der „Deutschen Eiche" seine Mitglieder und Freunde zur Feier des 6 3. Stiftungsfestes. Die unter Leitung des Chormeisters Fritz C u r t h s (Gießen) vorgetragenen Chöre von Pracht, Sturm, Sonnet u. a. zeugten von guter Schulung und gründlicher Durcharbeitung, so daß Sänger und Dirigent großen Beifall ernteten. Auch Zwei flott gespielte humoristische Einakter fanden dankbare Aufahme. Durch den Vorsitzenden August Böcking wurde dem Mitglied Heinrich Nau- mann für seine 25jährige aktive Sängertätigkeit ein Diplom überreicht und er für treue Mitgliedschaft zum Ehrenmitglied ernannt. Der Verein hat in letzter Zeit eine ganze Anzahl neuer Mitglieder aufnehmen können und zählt gegenwärtig rund 60 aktive Sänger. Mit Anerkennung erwähnt seien noch die vortrefflichen Musikvorträge der Kapelle Weller (Gießen).
-ö- Grohen-Linden, 10. März. Zu der Nutzholzversteigerung unserer Gemeinde hatten sich zahlreiche Handwerker und Gewerbetreibende aus den umliegenden Orten eingefunden. Infolge der starken Nachfrage wurden sehr hohe Preise erzielt. Für Gichenstämme 2. Kl. wurden 25 bis 27 Mk., 3. Kl. 40 bi« 48 Mk.. 4. Kl. 96 Mk. Kiefernstämme Kl. 1b 21 bis 27 Mk., Kl. 2a bis 3b 26 bis 45 Mk.. Kl. 4a 45 bis 52 Mk._ Fichtenstämme Kl. la bi« 2 b 28 bis 40 Mk. je Festmeter geboten; Kiefernnuhscheit 38 bis 42 Mk. je Schicht, Fich- ten-Nuhreisig 2,50 bis 5 Mk. je Raummeter.
-5- Leihgestern, 10. März. Die letzte Brennholzversteigerung unserer Gemeinde war von Käufern auS der näheren und weiteren Umgebung sehr stark besucht. Es wurden folgende Durchschnittspreise erzielt: Buchenschett 39 bis 43 Mk., Eichenscheit 34 bis 39 Mk., Kiefernscheit 25 bis 30 Mk. je zwei Raummeter, Buchenwellen 16 bi« 19 Mk. je 50 Stück, Eichennutzscheit (2,5 Meter lang) 40 bis 41 Mk. je 2 Raummeter, Eichenwellen 14 bis 17 Mk. je 50 Stuck, Eichenknüppel 26 bis 30 Mk. je 2 Raummeter, Kiefernwellen 6 bi« 9 Mk. je 50 Stück, Eichenstöcke 5 bis 6 Mk. je 2 Raummeter.
(D (Brüningen, 11.März. Der Landwirt und Metzgermeister Wilhelm Jäger, der vor einigen Wochen ein Schwein mit dem ansehnlichen Lebendgewicht von 9Ö0 Pfund geschlachtet hatte, konnte dieser Tage ein zweites Schwein mit annähernd sieben Zentner Lebendgewicht schlachten.
chDaub ringen, 10. Marz. Dieser Tage wurde die einzige trie6jäf)rige Brenn holzver st elge-- rung im hiesigen Gemeindewald abgehalten. Es batten sich nur Einheimische eingesunden. Die Preise bewegten sich anfangs in recht beachtlicher Höhe, gingen jedoch, nachdem sich die Käufer mit Holz ein* gedeckt hatten, stark zurück. Die Durchschnittspreise seien mitgeteitt: für Buchenknüppel, je zwei Raum- meter: 24 bis 27 Mark; Fichtenscheit, je zwei Raum-
ermüdlich die Künstler um sich versammelte und jenem Romhunger die Wege bahnte, der fast ein Jahrhundert lang die deutsche Kunst förderte, sie aber auch geopfert hat.
Lektüre in Gegensahen.
Von Max Imignicket.
Eichendorff im Walde lesen, das wäre: ein Licht mit einem leuchtenden Stern anzünden. Man muß die Gegensätze spielen lassen, dann wird alles wundersame Lebendigkeit. Gin wahrhaftiges Menschenmärchen sollte man unter Wäldergrün und Bächeriescln lesen. Nie mehr vergesse ich die Stunden, wo ich, vogelumzwitschert, waldwind- umrauscht, »Romeo und Julia auf dem Dorfe" las.
In einer Herberge lese man keine Abenteuergeschichten, man greife nach Goethes Gedichten, und die Seele, die noch ganz voll von Landschaftsfarben bebt, wird wie ein seliger Fährmann in das ewige Schiff Goethes steigen. Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt: Claudius wird wirklich an Winterabenden, bei Knisterlohlen und Bratäpselduft. Nein, man lese Claudius im Frühling, in Paris, auf einer Parkbank sitzend. Ein hinreißendes Stück deutscher Landschaft kniet dann vor den Füßen des Lesers.
Durch einen staubgewischten »Salon" lasse man die Schalkszunge eines Wilhelm Busch züngeln. Er wirkt hier wie ein gutmütiger Jakobiner.
Walther von der Dogeiweide in einem Bauerngarten, wo alles sattfarbig durcheinanderwächst, wird zum deutschen Paradiesvogel.
Meiner Ansicht nach war Kleist oder Shakespeare oder Nietzsche nicht die richtige geistige Kost im Schützengraben. Diese Heroen mutzten im heroischen Geschehen verwehen. Ich las im ilnterftanb des Knaben Wunderhorn und Grimms Märchen. Nie mehr habe ich mich so verbrüdert mit dem singenden, jubelnden Herzen meine« Daterlande« gewußt wie damals, al« über mir der Tod kroch und ich verklärt über beide Bücher gebeugt saß.
Gegensätze spielen lassen, das gibt Leben unb Wunder. Auf Weiß Schwarz sehen, aus Grün Rot. In Sandstrecken einen Baum bringen, über Verwüstung einen Vogel schicken, unter italienisch« Sternen ein Buschwindröschen betasten. Dmm fühlt man erst den tiefen 6hm eines Buches.
LugendheBergsiag Gießen 1928
an
der Aussoiterung, das Jugendherbergswerk und die Arbeit der Jugendbünde sowie die Wanderfreu-
der Lorelei-Paraphrase wirkungsvoll ein. Ein Mitglied der Jugendvereinigung der Matthausgemernde Gießen sprach darauf das Gedicht „Kampf!" von Siegfried Kühn, schließend fang die Deutsche Freischar mit frischen Stimmen ein Seemannslied. Schulrat H affin ge r (Darmstadt), der Direktor der Zentralstelle zur Förderung der Volksbildung und der Jugendpflege in Hessen, wandte sich hierauf mit einer gehaltvollen Ansprache an die Jugendlichen und an die Eltern, denen er die hohe Bedeutung des Wanderns und des Jugendherberaswerkes in eindringlichen und trefflichen Worten schilderte. Erfreulicherweise werden dem Jugendherbergswerk immer größeres Interesse in allen Volksschichten zuteil. Man erkenne eben in weiten Bevölkerungskrei« sen, daß mrsere Jl gend bei ihren Wanderungen durch die schöne Heimat echte Liebe zur Heimat empfinde, die reiche Früchte trage. Und gerate bei mal- frohe und Heimattreue Menschen feien für unser Vaterland in ter heutigen Zeit dringend notwendig. Aber auch in sozialer Beziehung wirke sich das Ju- gendherbergswerk in außerordentlich.segensreicher Weise au$, denn in den Jugendherbergen kämen sich die jungen Mensäjen ter verschiedensten Volksschichten menschlich einander näher und lernten einander verstehen, was für die Vvlksoersöhnung und Dolks- aemeinschaft sicher von unschätzbarem Vorteil sei. Und auch in assundheitlick)er Beziehung sei das Wandern für ixe Heranwachsende Generation eine Kraftquelle von höchstem Werte, aus der ein starkes und gesundes Geschlecht heranwachse, zum Segen für Volk und Vaterland. Mit
Zur weiteren Ausbreitung und Dcriiesung des Iugendherbergsgedankens in unserer Bürgerschaft boten die Gießener Iugend- bünde auf Veranlassung der Ortsgruppe Gießen im Verband für Deutsche Jugendherbergen am Samstagabend und am gestrigen Sonntag einige Veranstaltungen, die sich des regen Interesses der Bürgerschaft zu erfreuen hatten. Die Gesamtheit aller dieser Veranstaltungen wird als „Iugendherbergstag Gießen 19 2 8" in der Geschichte der Jugendbewegung unserer Stadt einen bedeutsamen Platz einnehmen.
Am Samstagabend trafen sich die Iugend- bünde aller Richtungen mit ihren Angehörigen und Freunden zu einer Feier im Saale des Katholischen Vereins- Hauses. Der Saal und auch die Galerie waren dicht beseht, im Saale mußte mancher mit einem Stehplatz für mehrere Stunden zufrieden feilt. Was die einzelnen Iugendgruppen hier boten, war ganz aus ihrem eigensten Arbeitsgebiet entstanden. Man bekam dadurch einen Einblick in Die verschiedensten Methoden und Zielsetzungen der Jugendpflege. Auch wenn man, je nach der Weltanschauung oder der Parteistellung, sich nicht mit jeder Darbietung befreunden konnte, zumal wenn ausgesprochene polittsche Kampf- tendenzen sichtbar wurden, so kann man doch immerhin die erfreuliche Tatsache registrieren, daß hier die verschiedensten Geistesrichtungen einmal unter gegenseitiger Achtung und Duldung zum Ausdruck kamen. Unb gerade in dieser Tatsache dürfte u. E. der größte Gewinn des Abends liegen, wenn alle die jungen Leute, die da am Samstagabend in respektvollem Verharren vor dem Wer? der Andersdenkenden in die Oeffentlich- keit traten, diese Toleranz auch weiterhin bekunden und sich zur Richtschnur ihres künftigen Handelns machen. Eine Spielergruppe oes Mandolinen- und Gitarren-Ver- eins „Reapolita" leitete den interessanten Abend mit einem Marsch und
digkeit unserer Jugend allezeit zu fördern, schloß ter Redner — nachdem er noch der Stadt Gießen und insbesondere Bürgermeister Dr. F r e y als Dezernenten für die städtische Jugendpflege herzlichen Dank für die verständnisvolle Förderung dieser Bestrebungen ausgesprochen hatte — seine erfreulichen und sehr beherzigenswerten Ausführungen. Die S o z i a ° listifche Arbeiterjugend zeigte sodann hübsche Volkstänze, die Jungdeutsche Schwe- st e r n s ch a f t führte das „Tanzlegendchen", ein Spiel von M. Cordes, auf, Neu-Deutschland ließ das stimmungvolle „Marienlied" singen, hierauf brachte ein Sprechchor der S o z i a l i st i s ch e n A r - beiterjugend das Gedicht von Ernst Toller „Der Tag des Proletariats!" zu Gehör. Zwischendurch bot eine Sängerschar als Einlage einige hübsche Gesänge, darunter das alte trutzige Landsknechtslied, hierauf folgte die Jugend des Turnvereins von 1 8 4 6 mit Darbietungen aus ihrer „Körperschule und Bodenturnen", die so hinreißend waren, daß die Zuschauer immer wieder in stürmischen Beifall ausbrachen. Der Volkstanzkreis der Gießener Bünde zeigte sodann ebenfalls recht gefällige Volkstänze, anschließend brachte die Jugendgruppe des Naturheilvertins „Hans Pechvogels Glücksfahrt", ein lustiges Spiel von Helmuth Neumann, in reizvoller Weise zur Aufführung. Mit gemeinsamem Gesang schloß ter abwechslungsreiche Abend.
Der gestrige Sonntag brachte vormittags kurz nach 9 Uhr die (Eröffnung einer Ausstellung im Jugendheim im Asterweg. Zahlreiche Mitglieder der Jugendbünde und eine Anzahl geladener Gäste versammelten sich vor dem Eingang zum Jugendheim, wo die Jungmannschaft die Feier mit dem Liede „Wann wir schreiten Seit' an Seit'!" eröffnete. Bürgermeister Dr. Frey (Gießen) und Direktor Schulrat H a s s i n g e r (Darmstadt) wandten sich hieraus mit feinempfuntenen und ernst ermahnenden Worten an die Jugend, die sie zu ihrer bisherigen Tätigkeit im Rahmen ter Jugenteslege- Bünde beglückwünschten und der sie den Wunsch aussprachen, auch fernerhin auf dieser guten Bahn mit Kraft und Mut voranzuschreiten. Schulrat Hasst n g e r brachte bei dieser Gelegenheit noch einmal den Dank ter Jugend an die Stadt Gießen und an Bürgermeister Dr. Frey für die tatfrohe Förderung der Jugendpflegebestrebung zum Ausdruck. Anschließend folgte ein Rundgang durch die Ausstellung, die in den Tagesräumen des Jugendheims in reizvoller Weise hergerichtet war. An Hand der ausgelegten Vück)er und Schriften konnte man sich ein Bild machen von der vielseitigen Art ter Arbeit auf dem Gebiete der Jugendpflege. Hübsche Handferttakeitsproben bewiesen an anderer Stelle, daß die Jugend auch auf diesem Gebiete ein Betätigungsfeld sucht. Zahlreiche Photographien bezeugten fernerhin, welch' starkes Interesse unsere Buben und Madels für die verschiedensten Gaue bet deutschen Heimat bekunden, die sie in ihren bisherigen Wanderfahrten kennen gelernt haben. Kurzum, man bekam hier ein Bild unserer Jugendpflege, das wegen der Fülle seines Gehaltes und seiner Vielseitigkeit die Weiterentwickelung dieser Jugendbewegung hofsnungsfroh betrachten läßt. Gleichzeitig hatte man auch Gelegenheit, die Raume des Jugendheims selbst in Augenschein zu nehmen und dabei feststellen zu können, daß die Jugend selbst sich die Ausgestaltung und Schmückung ihres Heims sehr angelegen fern läßt. Man kann nur hoffen und wünschen, daß auch weiterhin dieser ausgeprägte Sinn für das Gemeinwohl und das Gute und Edle in unserer Jugend lebendig bleiben möge.
Nachmittags bewegte sich ein F e st z u g der Jugend durch zahlreiche Straßen der Stadt. Llnsere Buben und Madels konnten bei diesem Werbemarsch an dem regen Interesse, das ihnen allenthalben entgegengebracht wurde, die Sym-


