Montag. 12. März 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseu)
Nr. 61 Zweiter Blatt
heutigen Sinne, des Mittelschule
in
rung zu ermächtigen, unter einem neuen Titel in diesem Kapitel 100 000 Mark einzustellen, die als Dechilfen für Gemeinden zur Errichtung von Schulhausneubauten zu verwenden sind, wurde einstimmig angenommen. Ein Antrag Reiber. die Regierung zu ermächtigen, die in Ausgabe unter Titel 8 Ziffer 9 angesehten Kosten f ü r nebenschulamtliche Leitung und Unterricht von 300000 Mark um 25 000 Mark zN erhöhen, wurde mit 8 gegen 5 Stimmen angenommen. Ein kommunistischer Antrag über eine Schulentlassenenbeihilfe will, daß die Gemeinden beaüftragt werden, an alle zu Ostern 1928 aus der Volksschule zu entlassenden Kinder von Erwerbslosen und sonstigen Bedürftigen eine Beihilfe von 50 Mark zu gewähren. Die Mittel sollen den Gemeinden vom Staat zurückerstattet werden. Der Antrag- Würde abgelehnt. Ein Antrag Dr. Leuchtgens ersucht die Regierung, dafür Sorge zu tragen, daß Schulverwalter nicht allzulange in den Städten festgehalten werden, damit den älteren Lehrern auf dem Lande Gelegenheit ge
geben wird. Verwendung in städtischen Volksschulen zu fiirden. Der Antrag wurde gegen eine Stimme der Regierung zur Erwägung überwiesen. Das Kapitel wurde gegen zwei Stimmen genehmigt. Die Kapitel 58 (Schul-Turn- und Sportwesen). 59 (Taubstummen- anft alten) und 60 (Blindenanstalt zu Friedberg) wurden genehmigt, zu dem lcHt- genannten Kapitel auch ein Antrag auf Bewilligung von 1000 Mark zur Beschaffung von Lehr- gegenständen. Zu Kapitel 61 (Gymnasien usw.) wurde ein Antrag Dingeldey. der die Regierung ersucht, ein Gesetz vorzulegen, durch das die Verteilung der persönlichen Kosten geregelt wird, angenommen, ebenfalls das Kapitel. Zu Kapitel 61a (Au fb a u s chul en) wurde ein Antrag Storck-Reiber angenommen, die Regierung zu ermächtigen, an der Aufbauschule für Mädchen in Darmstadt die Musiklehrerstelle wieder zu besehen. Dec Antrag wurde gegen 2 Stimmen angenommen und das Kapitel selbst ebenfalls.
liches technisches Können: aber der musikalischen Ausfassung konnte man nicht immer zustimmen; das Pedal wurde verschiedentlich nicht mit der nötigen Vorsicht gehandhabt. Namentlich wäre seinem Spiel klarere, plastischere Ausprägung und mehr rhythmische Genauigkeit zu wünschen gewesen.
Das mitwirkende Hornquartett zeichnete sich durch runden Klang aus, besonders das erste Horn fiel angenehm auf.
Die Beurteilung des Konzertes bezieht sich auf die Voraufführung am Samstagabend.
Dr. H.
Als Begleiter am Flügel waltete Julius Hahn (Gieren). Es oll hier nicht gerechtet werden, auf wen Unstimmigkeiten zwischen Klavier und Sänae- rin bei den Lieovotträgen zurückzuführen wären, yr der Begleitung sowohl wie tm Vortrag der ^-Dur- Sonate von Schubert bewies der Pianist crnsehn-
Oas erste Kugelhaus der Welt.
Auf der diesjährigen Ausstellung der Dresdner Iahresschau. die aus Anlaß der Zahrhundert- seier dec Technischen Hochschule in Dresden der ..Technischen Stadt" gewidmet ist, wird eine der originellsten und sicherlich auch problematischsten Zeitfragen aufgegrifsen, nämlich das Problem des Kugelhauses, das der Münchener Architekt Professor Peter Birkenholz jüngst in der Presse aufgerollt hat. Cs handelt sich hierbei um ei.ien neuartigen Baustil, der noch niemals, auch nicht in Amerika, bisher verwirklicht worden ist. Birkenholz geht von dem Gedanken aus, das; es nicht Aufgabe der Verkehrspolizei allein sein kann, den Verkehr zu regeln, dah vielmehr die Lösung in einer städtebaulichen Aufgabe zu suchen ist. Wenn man an besonders verkehrsreichen Lagen sowohl Fahr- wie Gehbahnen rundet, warum geht man nicht dazu über, zur leichteren und gefahrloseren Bewältigung deS Verkehrs, auch das Haus zu runden? Die „Kugelhausstraße", die dreimal so breite Straßen erzielt als bei der bisher gewohnten Bauweise, soll freiere Durchsicht gewähren und die Möglichkeit bieten, Lichteinfall von allen Seiten zu erhalten. Das erste Kugelhaus der Welt, das nunmehr die 3ahcesschau bringt, wird einen Durchmesser von 25 Meter haben und auf einem Sockel von ungefähr 5 Meter ruhen. Seine Größe entspricht dem Höhenverhältnis des Brandenburger Tores einschließlich Quadriga. Es ist genau so hoch wie die Bavaria in München. Während im unteren Teil deS Kugelhauses in vier Etagen Geschäftsläden eingerichtet werden, soll in seinem oberen Teil unmittelbar unter der Kuppel ein Kaffeerestaurant, zu dem eigene Aufzüge hinaufführen, zu einem Rundblick über ganz Dresden einladen,
Auf dem Gebiete des höheren Mädchenschulwesens der Stadt Gießen haben sich in 6er letzten Zeit zwei wichtige Ereignisse vollzogen. Das eine ist das Eingehen der Erweiterten Mädchenschule im Jahre 1926 und das andere der nunmehr vollendete Ausbau der Höheren Mädchenschule zu einer mit den höheren Knabenschulen gleichberechtigten Vollanstalt. Die große Bedeutung dieser Ereignisse, nicht nur für die Entwicklung des Gießener Schulwesens allein, sondern auch für die Stadt Gießen im allgemeinen, läßt es gerechtfertigt erscheinen, ihrer auch an dieser Stelle kurz zu gedenken.
Die gemeinsame Geschichte der beiden in der „Höheren und Erweiterten Mädchenschule" vereinigten Anstalten bis zum Jahre ihres 75jährigen Bestehens 1916 ist von Herrn Reallehrer Dr. Berger eingehender festgestellt worden. In bezug auf Einzelheiten sei darum auf die kleine Jubiläums- schriftH hingewiesen, in der er die Ergebnisse seiner Forschungen niedergelegt hat.
I. Die Erweiterte Mädchenschule.
Die Erweiterte Mädchenschule ist die ursprünglichere der beiden in der „Höheren und Erweiterten Mädchenschule" vereinigten Anstalten. Das Bedürfnis weiter Kreise der Bürger Gießens nach einer über die Ziele der Volksschule hinausgehenden Schulausbildung ihrer Kinder führte im Jahre 1837 zur Errichtung der Realschule für Knaben und wenige Jayre darauf, im Jahre 1841, unter der tatkräftigen und weitblickenden Führung des damaligen Leiters des Gießener Schulwesens, des Kirchenrats Engel, zur Gründung einer entsprechenden Schule auch für Mädchen.
Am 7. Juni 1841 wurde die neue Schule mit 80 Schülerinnen, zumeist Töchtern wohlhabender Bürger und boberer und mittlerer Beamter, feierlich eröffnet. Die Zahl der Schülerinnen stieg noch in diesem Jahr auf 90, eine für die damaligen Verhältnisse erstaunlich hohe Zahl, im besonderen, wenn man sie mit der der Realschule vergleicht, die in dieser Zeit rund 100 Schüler hatte. Es ergibt sich baraits, daß schon damals viele Eltern das Bedürfnis und das Bestreben hatten, ihren Töchtern eine weitergehende und in gewissem Sinne derjenigen der Knaben gleichwertige Schulbildung zu ermöglichen. Die Zahl der Schülerinnen ist dann auch, abgesehen von geringen Schwankungen, weiterhin langsam und stetig gestiegen.
Die Schule führte zunächst die Bezeichnung „Erste Mädchenschule" und wurde bald darauf amtlich als „Höhere Mädchenschule" bezeichnet. Nur gelegentlich
*) Dr. phil. Heinrich Berger. Zur Geschichte der Höheren und Erweiterten Mädchenschule zu Gießen während ihres 75jährigen Bestehens 1841 bis 1916. Gießen 1920. _____
Um 1900 wurde der Raum für die beiden sich erfreulich entwickelnden Schulen in dem Gebäude in der Schillerstraße zu eng. Als dann die Plane für die Errichtung des Neubaues in der Nordanlage auftauchten, wurde der Vorschlag gemachl, diese Gelegenheit zu benutzen und die Erweiterte Mädchenschule auch räumlich von der Höheren zu trennen, um sie in einem eigenen Gebäude zu einer selbständigen Anstalt auszubauen. Daß dieser Vorschlag damals von den maßgebenden Stellen abgelehnt wurde, war für die weitere Entwicklung der Erweiterten Mädchenschule von großem Nachteil. Sie war ihrem ganzen Wesen nach eine Mittelschule im heutigen Sinne, hat dann aber an der Entwicklung des Mittelschulwesens, wie sie sich z.B. in Preußen vollzog, nicht teilgenommen. In Preußen wurde die Madchen- mittelschule zunächst auf 9 Klassen erweitert, und seit 1925 hat sie, auf die Grundschule sich aufbauend, mit 6 Klassen die gleiche Schuldauer wie das Lyzeum. Dadurch, sowie durch Abrundung und bessere Anordnung des Lehrstoffs, konnte sie den ihr anvertrauten Mädchen eine gediegene Schulbildung fürs Leben mitgeben, wobei vor allem auch die 'hauswirtschaftliche Ausbildung und die Vorbildung auf eine ganze Reihe weiblicher Berufe zu ihrem Rechte kam. Wichtige Berechtigungen für den Eintritt in solche Berufe bildeten dazu eine wert-
Gewicht auf die Durchbildung einer geschlossenen Kantilene zu legen wäre. An einigen Stellen hätte das An- und Abschwellen etwas weniger plötzlich sein können, denn gerade die großen Klangmittel dieses sonst sehr gut geschulten Chores fordern eine besondere Rücksichtnahme in der dynamischen Entfaltung. Sehr ansprechend war die Oth e grauen sche Bearbeitung von „Vogel, flieg weiter", das Fuhrmannslied mußte wiederholt werden: nur der Schluß „Auf, auf, zum fröhlichen Jagen" hätte viel lebhafter im Tempo erfaßt werden müssen; dann hätte sich auch der anfeuernde Ausdruck des Liedes viel stärker offenbart. In umsichtiger, bewährter Weise führte der Dirigent Otto Görlach feinen Verein zum Erfolge; der beste Lohn für die Mühen des Einübens und die tatkräftige Wirksamkeit im Vereinskreise.
Eine volle Würdigung Schuberts kann nicht an seinem Liedschaffen vorüb ergehen und so hatte man Elsa Schade aus Kassel verpflichtet. Das Bild, das ich von der Sängerin schon seit Jahren gewonnen hatte, bestätigte sich auch gestern wieder. Die von Natur aus recht beachtliche stimmliche Veranlagung hat nicht die Weiterentwicklung genommen, die man anfangs erwarten konnte. Zwar ist die Stimme, größer geworden: aber eine Festigkeit des Tonansatzes gibt dem Stimmklang eine gewisse Härte und läßt die zum Liedvortrag unbedingt erforderliche innere Wärme und Gefühlsgebundenheit sich nicht ausstrahlen. Die flackernden Töne der Höhe sollten der Sängerin trotz der anscheinenden Stärke eine Mahnung sein, die von der Natur gegebenen Mittel zur gründlichen Ausbildung zu bringen. Erst dann wird sich ihr Dortragstalent in rechter Weise auswirken können, erst dann wird sie imstande sein, die Schu- bertsche Kantilene stilgemäß auszuspinnen. Zwar hatte die Sängerin auch gestern bei den Hörern reichlichen Erfolg, aber gerade deshalb mußte auf die Schwächen hingewiesen werden, denn es gHt in diesem Falle, einem beachtlichen Talent den rechten Weg zur wahren Künstlerschaft zu weisen und es vor Selbsttäuschung zu bewahren. Eine Zugabe wie die gestrige rann wohl keinen Anspruch darauf erheben, mit einem ernsten Programm in Verbindung gebracht zu werden.
volle Ergänzung. f
Don allem dem erlebte unsere Erweiterte Mädchenschule nichts. Sie geriet vielmehr immer mehr in den Schatten und in schärferen Gegensatz zu der kräftig aufblühenden Höheren Mädchenschule. Es fehlte ihr an einer Auffrischung durch eine den neuzeitlichen Anforderungen entsprechende Umgestaltung. Im
und ganz vorübergehend findet sich auch die Bezeichnung „Höhere Töchterschule". Den Namen „Erweiterte Mädchenschule" erhielt sie erst später, in den siebziger Jahren, zum Unterschied von der aus ihr hervorgegangenen weiterführenden Schule, die dann als Höhere Mädchenschule bezeichnet wurde.
Die Erweiterte Mädchenichule umfaßte wie die Volksschule 8 Schuljahre, führte aber durch die Einführung des französischen Unterrichts und durch die Erweiterung der Lehrziele in den einzelnen Fächern, von denen Deutsch, Zeichnen und Handarbeiten besonders erwähnt werden, wesentlich über die Ziele der Volksschule hinaus.
Auf diesem Stand ist sie auch bis zu ihrem Schluß im Jahre 1926 stehen geblieben. Im Jahre 1880 erfolgte im Unterricht ihre völlige Trennung von der Höheren Mädchenschule, mit der sie aber unter gemeinsamer Leitung und in dem für beide Schulen gemeinsam errichteten Gebäude vereinigt blieb. Die folgenden Jahrzehnte bilden, wenn auch nicht zahlenmäßig, so doch in ihrer unterrichtlichen Bedeutung für das Gießener Mädchenschulwesen, den Höhepunkt in der Entwicklung der Erweiterten Mädchenschule.
Die höheren Mädchenschulen in Gießen
Von Prof. Or. Marlert-Gießen.
berts weitere Geltung zu verschaffen, und es ist kein bloßer Zufall, wenn im Schudertgedenkjahre das Sängerbundesfest in Wien tagt. Es gäbe wohl keine dankbarere Aufgabe, als gerade in diesem Jahre Schuberts Männerchorschaffen der Oeffentlichkeit so weit als möglich zugänglich zu machen.
Als ein Auftakt dazu kann man das Konzert des Bauerfchen Gesangvereins ansehen, der den ersten Teil seiner Dortragsfolge dem Gedächtnis Franz Schuberts widmete. An der Spitze des Programms stand der 23. Psalm mit Klavierbegleitung, der zwar im Original für vier Frauenstimmen mit Begleitung geschaffen wurde; aber auch in der gebotenen Besetzung bewies Schuberts Tonsprache ihre starke anschauliche Ausdruckskraft; wenngleich die Hellen Farben der Klavierbegleitung auf die Originalabfassung Hinweisen. Töne von Weichheit und mystischem Reiz zeigte der viel gelungene Chorsatz „Die Nacht". Hier wie auch in „Liebe" erschloß'sich die Zartheit Schubertscher Kantilene und die Männerchorbearbeitung „Am Brunnen vor dem Tore" mochten als Symbol für das Volk- mäßige bei Schubert gelten. Echter romantischer Zauber durchweht den „Nachtgesang im Walde" mit seinen Echowirkungen, seinem märchenhaften Waldweben und der hingerissenen Begeisterung über die nächtliche Waldespracht. Die Kraft der Stimmung wird durch ein Homquartett verstärkt, das einmal Träger des Echos wird, zum andern durch seine weichen Klänge das romantische Bild gefühlsmäßig bereichert.
Hier nun wie in den nachfolgenden Werken erwies der Bauersche Chor wie in den Vorjahren seine starke Klangkraft. Zeigten die Tenors in den lyrischen Sätzen vornehme Weichheit, wie auch namentlich in dem Volksliede: „Sie gleicht wohl einem Rosenstock", so hätte man sich den Tenorklang an einzelnen Fortestellen noch strahlender wünschen mögen, oder die unteren Stimmen hätten, um den einheitlichen Klang zu wahren, noch mehr zurück- treten müssen. Die Bässe brachten die Fülle ihres Materials im „Fuhrmannslied" und in „Bogel, S* weiter" besonders zur Entfaltung. Durchschla- c Kraft akzentuierter Deklamation bewies der Chor mit der Durchführung von H. Heinrichs „Volk", einem Werk, das starke dramatische Momente in sich birgt, aber in seiner musikalischen Entfaltung nicht immer mit dem Sinn des Tertes im Einklang steht. Die Textaussprache war sehr sorgfältig behandelt, obschon die Nebensilben des öfteren zu breit genommen wurden. Gerade die Schubertgesänge zeigten, daß vielleicht noch mehr
Konzert des Bauerschen Gesang-Vereins.
Unter all denen, die in dem Schubertgedenkjahr das Werk dieses Meisters feiern, dürfen vor allem die deutschen Männerchorvereinigungen nicht zurück- stehen; denn gerade Franz Schubert war es, der die deutsche Männerchorkomposition, die schon am Anfang ihrer Entwicklung zu verflachen drohte, in ihren Ausdruckswerten hob und ihre Stellung im Ansehen der musikalischen Welt festigte. Denn leider hatten sich damals dem Gebiete des Männerchors viele Tonsetzer zugewandt, um in dem neu zu erschließenden Gebiet Erfolge zu erringen. Da sie aber mehr aus Routine als aus innerer Bewegung heraus schufen, so wandte sich das Publikum gelangweilt von ihnen ab. So richtete z. B. Schuberts Gönner Sonnleithner an den Meister die Bitte um neuartige Männerchöre. Die Antwort, die ihm Schubert erteilte, läßt so recht erkennen, wie ernst es ihm um die Schaffung eines neuen Männerchorstiles war. Er ist der erste, der die Männerstimmen in ihrer Sonderklangfarbe dem Ausdruck dienstbar macht, und so war für ihn der Weg gegeben zu den Meisterleistungen im Männerchorsatz. Allerdings sein Ringen nach Ausdruck und sein Bestreben nach sinngemäßer Textinterpretation lieh sich nicht immer an der reinen Vierstimmigkeit genügen, sondern er fügte gern eine Begleitung hinzu, die in selbständiger Stellung das musikalische Bild bereicherte, ergänzte und vertiefte. Mochte es das Klavier, mochten es Streich- vder Blasinstrumente fein, stets wußte er die Ausdrucksfähigkeit und Lokalfarbe wie im „Nachtgesang im Walde" zu steigern. Die Anregungen zu diesen Chorsätzen gab einmal eine Mupzierfreudigkeit tm Freundeskreise, zum andern aber das Ringen um die Kraft des Ausdruckes, das in „Grab und Mond" mit seinen kühnen Modulationen oder in der „Nacht- helle" für Tenorsolo und Männerchor mit feinem Klangzauber in der Klavierbegleitung sich zeigt. Den Höhepunkt im Schubertschen Männerchorschaffen stellt zweifellos „Der Gesang der Geister über ben Wassern" bar. Hier beburfte es verschiedener Ansätze, zunächst für Männerchor a cappella, (pater mit Klavierbegleitung, um bie Mystik des Goetheschen Textes zu erschließen. Erst bie letzte Fassung bringt bas Gedicht zur vollen Auswirkung durch Hinzufügung einer Begleitung von Bratschen, Celli unb Kontrabässen zum achtftimmigen Männerchor. Erft allmählich vermochte sich bas Männerchorwerk Schu-
EnglandsSpielmiiAegypien
Von unserem t.-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
London, März 1928.
Wer das englische Spiel in Aegypten verfolgt hat wird sich nicht darüber wundern, daß die englisch-ägyptischen Verhandlungen über die Herbeiführung einer endgültigen Klärung des staatsrechtlichen Verhältnisses der beiden Lander zueinander wieder einmal ergebnislos verlaufen sind. Das stand vielmehr angesichts der Intransigenz, mit der beide Länder ihren Standpunkt verfochten, zu erwarten. Erstaunlich ist nur, mit welcher Zähigkeit die Engländer immer wieder an den alten Formeln festhalten, die sie nun einmal als allein möglich ansehen, und mit welcher brutalen Offenheit sie den nationalen Aegyptern erklären, daß sie nicht daran denken, Aegypten aufzugeben oder eigene Wege gehen zu lassen. Denn dies und nichts anderes sagt Chamberlain deutlich und offen in seiner Protestnote an Aegypten. Trotz aller sonstigen Bereitschaft sind die Engländer in den vier Hauptfragen bei ihren alten Bedingungen geblieben. Denn weder den Suezkanal. noch den Sudan, die Kontrolle über die Armee oder gar die Kontrolle über die ägyptische Außenpolitik gedenken sie aufzugeben. 3m Gegenteil, verschiedene der englischen Forderungen lassen deutlich erkennen, daß sie sogar verschärft oder zum mindesten noch einmal bestätigt werden sollen. Demgegenüber bedeuten auch die Zugeständnisse der Engländer nicht übermäßig viel. Weder die Zustimmung zu der Aufhebung der Kapitulationen. die Freigabe der ägyptischen Handelsver- tragspolitik und die Zulassung Aegyptens zum Völkerbund vermögen die Anabhängigkeit des Landes in irgendeiner Weise zu gewährleisten. So interessant im einzelnen die englischen Zugeständnisse sind, und so sehr sie eine allmähliche Ausgestaltung der englischen Orientpvlitik erkennen lassen, berühren sie dennoch nicht die für England wesentlichen Punkte: das Problem der militärischen Sicherheit und der absoluten außenpolitischen Kontrolle.
Dah der neue englische Vertragsentwurf von der ägyptischen Kammer ab gelehnt werden würde, war daher von vornherein zu erwarten. Kann eine Partei, wie die Wafd-Partei, die groß geworden ist auf Grund der Forderung völliger politischer Unabhängigkeit, doch nicht einen Vertrag annehmen, der das Gegenteil bedeutet hätte. Interessant in dieser Lage ist denn auch nicht so sehr die Haltung der ägyptischen Rationalisten, als vielmehr die Tatsache, daß es der Wasd-Partei gelungen ist, bei dieser Gelegenheit den liberalen Premierminister zum Rücktritt zu zwingen, indem sie von ihm verlangte. daß er feine Londoner Besprechungen als nicht bindend für Aegypten erklären sollte. Sarwat Pascha hat sich zwar nicht geweigert, dies in seiner Antwort an die englische Regierung mit zu erklären, hat aber hieraus die Folgerung gezogen und ist zurückgetveten. Dieser Vorgang ist von größter Bedeutung, da er einer Mißbilligung der Haltung der Wasd-Partei durch den Premierminister gleichkommt. Damit ist nämlich der Wafd-Partei die Möglichkeit genommen, über Sarwat Pascha einen Druck auf die Engländer auszuüben, da nunmehr zwischen ihnen und England direkt verhandelt werden wird. 3a. durch dieses Ereignis wird der Wafd-Partei sogar die Möglichkeit genommen, ihre Haltung propagandistisch auszunutzen, da der „Funte persönlichen Hasses" fehlt, der notwendig ist, um die Massen wirklich zu entflammen.
Die Position der Wafd-Partei ist somit durch die Angelegenheit in keiner Weise gestärkt worden, da das Objekt ihrer Angriffe sich rechtzeitig den Verfolgungen dieser Partei entzogen hat. Schlimm ist es aber auch für die ägyptischen Rationalisten, daß sie keine Möglichkeit haben, nun durch einen starken Führer ein Gegengewicht gegen den ägyptischen König zu
schaffen, da weder Rahas Pascha noch irgendein anderer ihrer Führer dem Könige entgegenzutreten vermöchte. Früher war das mit Zaghlul anders. Zaghlul konnte es wagen, mit einer Revolution zu drohen, die den König verjagen sollte, die ihn zumindest zu voller Ohnmacht verurteilt hätte. Das kann heute die Wafd- Panei nicht mehr, weil hierzu die Gefolgschaft fehlt und weil heute weite Kreise der ägyptischen Kaufmannschaft, die seinerzeit noch für Zaghlul zu haben waren, von den fast führerlosen Resten seiner Partei nichts mehr halten.
Deshalb ist der Ausgang des Zweikampfes zwischen dem Könige und seinem „ungehorsamen" Parlament auch nicht zweifelhaft, da jetzt, nach dem Tode Zaghluls. kaum jemand imstande wäre, sich an bie Stelle des Königs, des Repräsentanten der Ordnung zu setzen. Auch die Anzettelung einer Revolution oder größerer Anruhen würde wenig helfen, da die Armee zwar ebenso nationalistisch gesinnt ist wie die Wafd-Partei. im I übrigen aber sehr wohl weiß, daß sie einem ernsten englischen Angriff nicht gewachsen wäre. 3llegale Mittel versagen somit in diesem Kampfe. Die Legalen reichen aber nicht aus. um die Dinge umzuwerfen. Die Wafd-Partei kann also nur immer wieder protestieren. Kabinette stürzen und sich gegen den König wenden, ohne aber die Möglichkeit zu besitzen, irgendeine Angelegenheit selbständig zu regeln. Das muß auf bie Dauer die ruhigen Rationalisten mit dem extremen Flügel in Konflikte bringen und die Gegensätze innerhalb der Wafd-Partei verschär- fern. Möglicherweise sogar derart, daß eine Spaltung der Partei eintritt.
Die Feststellung der „Times", dah England das Scheitern des Vertrages nicht zu bedauern habe, sondern dah nur Aegypten hiervon den Schaden haben werde, trifft somit in der Tat zu. Hat doch England das, was es zu erhalten wünscht, tatsächlich in der Hand, so daß es abwarten kann, bis die Heihsporne in Aegypten abgewirtschaftet haben. Selbst Aufstände braucht es nicht zu befürchten, da auch diese sich auf die Dauer immer nur für die englischen Pläne auswirken müssen, weil sie den Engländern die Gelegenheit geben würden, darauf hinzuweisen. dah Aegypten noch nicht »reif" sei, sich selbst zu regieren. Es ist daher tatsächlich so, dah Aegypten nur das erhalten wird, was die Engländer ihnen freiwillig geben.
And doch wird man nicht verkennen dürfen, daß, abgesehen von der gegenwärtigen Situation. die Aussichten des nationalen Aegyptens nicht völlig hoffnungslos sind. Denn der ständige und unablässige Widerstand, den die Aegypter leisten, muh auf die Dauer die Engländer ermüden und zu weiteren Konzessionen zwingen. Das ist allerdings ein psychologischer Prozeh, der eine Weile dauert. Es waren sechs 3ahre nötig, bis die Engländer sich damit einverstanden erklärten, dah die Kapitulationen abgeschafft werden sollten und daß Aegypten zum Völkerbund zugelassen würde. Warum soll es in weiteren sechs 3ahren z. B. nicht möglich sein, dah der ägyptische Vertrag mit England auf Zeit (und nicht für die Ewigkeit!) abgeschlossen wird? And warum soll es in nochmal sechs Fahren nicht möglich fein, dah England einen weiteren Punkt auf gibt? Voraussetzung dieser Entwicklung ist natürlich, dah es nicht zu größeren Zusammenstößen kommt, die es den Engländern ermöglichen, „m iti- tärische" Methoden anzuwenden. Diese Mahnung zur Mäßigung an das nationale Aegypten, mit dem Deutschland sympathisiert, erscheint gerade im Augenblick besonders angebracht, da befürchtet werden muh, dah d i e Vorgänge in Arabien ihre politischen Rückwirkungen auch in Aegypten haben werden.
Finanzausschuß
des Hessischen Landtags.
Von unserer Darmstadter Redaktion.
Darmstadt, 9. März. Der Finanzauskchuh setzte seine Beratungen bei Kapitel 57 (Volksschulen) fort. Ein Antrag Hcinstadt, die Regie-
ochenschau
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Jaro Führt Käthe Haak


