Nr. 135 Drittes Statt
Siebener Anzeiger (Generalanzeiger für Gberheffen)
Montag, 11. Zum 1928
Oie Mittel zur Bekämpfung der „Englischen Krankheit"-Rachitis. Don Professor Dr. Hans Koeppe, Direktor der Universitäts-Kinderklinik, Gießen.
Der Bitte der Redaktion des „Gießener Anzeiger»' um einen Bericht über die neuen Bekämpfung»- mittel der Englischen Krankheit — Rachitis — komme ich um fo lieber nach, da ich «chon vor Jahren al» ärztlicher Direktor der Zentrale ijr Mutter- und Säuglingssürforge die Bekämpfung biefer Volkskrankheit als Aufgabe der Mütterberatungsstellen in Hessen betonte und in einem Artikel der Zentrale die Beziehungen zwischen Säugling»- und Ärüppelfürforqe eben durch gemeinsame Bekämpfung der Rachitis klarlegte. Diese Arbeit der Mütterberatungsstellen seit nunmehr fast 20 Jahren hat einen schönen Erfolg gehabt Die Säuglingssterblichkeit ist in Hessen von 14,3 v. H. im Jahre 1906 aus 6,7 v. H. im Jahre 1926 gesunken, d h von den lebend geborenen 'Unbern starben im ersten Lebensjahre im Jahre 1926 nur halb soviel al» im Jahre 1906. Auch die Zahl der rachitischen Strüppel ist gegen früher eine ausfallend geringe. Aber nicht nur in Hessen, sondern auch in anderen Ländern, «Nd selbst aus den Groh- ftdbten wird von einem Rückgang der Rachi- t i » sowohl was die Zahl als auch was die Schwere der Erkrankung anbelongt, berichtet: doch ist der Rachitis dadurch durchaus nicht der Tharokter als Bolkskrankheit genommen, noch etwa gor eine weitere Bekämpfung überflüssig geworden, im Gegenteil ist zu erwarten, daß, wenn bisher der Stampf Erfolg hotte, nun mit Hilfe der neuen Mittel und der neuen Erkenntnisse über die Krankheit selbst eine Ausrottung möglich erscheint
Die Anteilnahme der gesamten Bevölkerung an Äesunddeitsf ragen hat beträchtlich zuaenommen, ebenso die tjonfdjritte der Wissenschaft. Gerade die Rachitissroge steht nun sowohl wegen ihrer hervorragenden praktischen Bedeutung, die jeder Mutter jetzt klar ist, als auch wegen der wichtigen und hoch interessanten wissenschasilichen Forschungen im Mit- kfpunft nicht nur de» ärztlichen Interesses.
Wenn wir bedenken, daß mir auch heut« noch nicht vollständig über das W e \ e n dieser eigenartigen Erkrankung, der Rachitis, im Klaren sind, so erscheint e» kühn, diese Krankheit nicht nur zu be- kämpfen, wenn sie in Erscheinung tritt, sondern sie sogar zu verhüten, e h e sie auftritt. Diese» Ziel, die Rachitis zu verhüten, wird ernstlich von Forschung und Gesundheitsdienst zu erreichen versucht.
Die Rachitis ift eine Krankheit, die schon im frühen Säuglingsalter auftritt, und ihre Fruhzcicyen, Kopfschweiße, Erschrecken, Unruhe durch Schmerz- Hastigkeit her Knochen, werden oft übersehen, die Weichheit besonders der Schädelknochen, oft nicht sestgeitellt. Wird die Krankheit in bieicm Stadium, also sehr frühzeitig, erkannt, so kann sie Verhältnis- mäßig schnell geheilt werden und zwar bei Anwen- düng verschiedener Mittel. Diese Tatsache steht fest: nod) ungeklärt ist die Frage, ob diese Mittel, womöglich schon von der Geburt an, dem Säugling ober gar schön vorher der Mutter verabreicht, das Anfireten der Krankheit überhaupt verhindern kön- neu. Diese Berhütung wird heute angestrebt
*!M(6c Tatsachen, welche Ergebnisse der wissen- schastlicyen Forschung berechtigen uns nun, an die Erreichung dieses Zieles zu glauben?
Wenn, wie oben berichtet wurde, bisher mit den alten Mitteln, insbesondere der Verabreichung von Lebertran sowie Phosphorlebertran mit einer sach- gemäßen Ernährung und Pflege der Säuglinge, die durch Aerzte überwacht wird, schon recht gute Erfolge erzielt wurden, so handelt es sich heute darum, schneller zum Ziel zu kommen.
Die neuen Mittel versprechen das. Ob sie wirklich allgemein so viel schneller wirken, wie in ein« «Inen immerhin sehr zahlreichen Fällen einwandfrei beobachtet morden ist, borüber sind die Erfahrungen noch nicht alt genug.
Das erste der neuen Mittel waren die geheimnisvollen ultravioletten Strahlen, welche von der Quecksilberquarzlampe, der sogen, künstlichen Höhensonne, in bejonberer Intensität ausgesandt werben. Unter bein Einfluß dieser Strahlen konnte eine Ausheilung der Rachitis beobachtet und erzielt werden. Da» eine wirkliche Heilung erfolgte, läßt sich durch Rontgeupholographie nachweifen: vor der Behaudluna zeigt bk Räutgenphotographie ein typisches Bild des kalkarmen, rachitischen, nach der Behandlung bas eines kalkretchen, gesunden Knochens.
-Durch weitere Beobachtungen und Forschungen konnte sestgestellt werden, baß die ultravioletten Strahlen nicht nur direkt wirken, intern ba» rachitische Kind bestrahlt wird, sondern auch indirekt. uibcin bestrahlte Milch, Eigelb ^usw. gegeben wird Damit war ein großer Fortschritt für Wissenschaft und Praxis erzielt. Für die Praxis, da nunmehr das rachitische Kind nicht au der oft weit entfernten Bestrahllampe gebracht au werden brauchte, .sondern die bestrahlte Rahrung überall hin zum Patienten gesandt werden konnte. Bestrahlte Trockenmilch ist zu diesem Zweck vielfach und mit Olutjen gebraucht worden.
Daren die Kosten der Höhensonnenbestrahlung recht hoch, fo konnte doch auch die bestrahlte Trockenmilch nicht billig abgegeben werden, und auch sie wie die Höhensonne mußten doch immerhin wochenlang verabreicht werden.
Da lag der Gedanke nahe, die frische Kuhmilch unmittelbar nach ihrer Gewinnung zu bestrahlen, und Apparate wurden zu diesem Zweck ersonnen. Es sind verschißene Apparate gebaut und in Betrieb genommen worden, von allen wird Gutes berichtet.
Als neueste» Mittel kommt da» D i g a n t o l auf den Markt. Dieses Mittel ist durch seine Ent- stehnng wissenschastlich besonders interessant und wichtig und hat sich praktisch gleichfalls schon hervorragend bewahrt.
Solange Lebertran gegen Rachitis (wie schon gesagt mit Erfolg) verordnet wird, sucht die Wissenschaft nach dem heilenden Stoff im Lebertran, und im Laufe der Zähre wechselten die Meinungen darüber, was eigentlich im Lebertran der wirksame Bestandteil sei.
Es mag hier eingefügt werden, daß es in dem letzten Jahrzehnt gelungen ist, durch die Erfahrungen mit den lebenswichtigen Vitaminen, Vahrungsgennfck^ verschiedener Art auszufinden, bei deren Derfütterung an Hatten diese mit bestimmten Kra.ckheitserscheinunaen erfranften. So gelang e» amerikanischen Forschern, eine Nahrung für Ratten ausfindig zu machen, bei deren Derfütterung die KiwchenVeränderung auf«
trat, welche wir als typisch für R-chiti» ansehen und im Röntgenb,lb nachgewiesen »erben konnte. An solchen künstlich rachitisch gemachten Ratten lassen sich nun He.Iung-versuche mit all den Mitteln anstellen, welch? gegen Rachitis empfohlen werden So war cs möglich, von dem altbewährten Lebertran feine einzelnen Bestand- teile auf ihre Wirksamkeit gegen Rachitis au prüfen. Es würde zu weit führen, der Reihe nach die einzelnen Untersuch.!ngen zu besprechen, e» genügt zu sagen, daß schließlich ein Stoff, der tm Ifebertran in geringer Menge vorhanden ist. al» der wirksame erkannt wurde. Rach Fefk- ltellung feiner Eigenschaften zeigte sich, daß dieser Stoss in größerer Rlenge au» anderen, billigeren Grundstoffen isoliert werden kann, aber dieser Stoff «Ergosterin» erst gegen Rachitis wirksam wird, wem, er mit ultravioletten Strahlen bestrahlt wird. Diese» bestrahlte Ergosterin ist das Vigantol. Von diesem Stoff genügen minimale Mengen zur Heilung der Rachitis: für einige Wochen täglich 2 bis 5 Milligramm führen zum Ziel.
3m Preise unterscheidet sich eine Kur mit Lebertran von einer mit bestrahlter Milch und einer mit Vigantol nicht wesentlich, wahrend eine Bestrahlkur erheblich teurer ift, vorausgesetzt, daß die bisher angegebenen Preise eingehalten werden.
Phosphorlebertran, liinstliche Höhensonne, be- strahlte Trockenmilch, bestrahlte Frischmilch, bestrahlte» Ergosterin = Vigantol, alles im Kampfe gegen die Rachitis bewährte Mittel, stehen dem Arzt jetzt zur Verfügung, und nun erhebt sich die beliebte Frage Welches ist das beste Mittel?
Borausgeschickt muß hierbei werden, daß von allen diesen Mitteln ein Heilerfolg nur erwartet werden kann, wenn ba» Mittel in tadelloser Reinheit und Güte bi» zur Verabreichung an den Säugling sich hält. Da fangen schon bei allen gewisse Schwierigkeiten an. Selbst beim altbewährten, jahrzehntelang mit Erfolg gebrauchten Lebertran gibt es Versager, weil der Lebertran durch unfachgemäße Gewinnung und Aufbewahrung unwirksam wurde (von direkten Verfälschungen nicht zu reden). Auch die künstliche Höhensonne versagt, wenn der Brenner zu alt ist: bestrahlte Trockenmilch, bestrahlte Frischmilch taugen nichts, wenn nicht tadelloses Ausgangsmaterial verwendet wurde ober zulange lagerte.
Ebenso wichtig erscheint der Umstand, daß wir noch kein Verfahren haben, mit Hilfe dessen wir schnell und einfach die Fähigkeit des Mittel», die Rachitis zu heilen, feststellen können. Wir können das nicht bei einer vorliegenden Probe Lebertran, nicht bei einer bestimmten vorgeführten Höhensonne, nicht bei einer Probe bestrahlter Nahrung. Diese Tatsache ist besonders wichtig, da eben eine einwandfreie Kontrolle aller der Mittel zur Zeit noch nicht
Am Samstag unk» Sonntag hatte unsere Stadl viele Bäckermeister aus dem Hessenlande unb den benachbarten preußischen Kreisen zu Gast. Anlaß dazu waren der 9. VerbandStag de» ZweigvereinS Hessen tm Zentralverband Deutscher Bäcker-Innungen Germania und die im Zusammenhang damit begangene 4 4. Stiftung-fest- feier und Fahnenweihe der Bäcker- ZwangS-Innung Gießen. Beide Veranstaltungen nahmen einen glänzenden und denkwürdigen Verlauf: fic werden einen bedeutsamen Markstein in der Geschichte der beiden Bäcker- Organisationen bilden.
Singeleitet wurde die Gesamtveranstaltung am Samstag abend im festlich geschmückten Saale de» Lasä Lew mit der
Feier de» 44 Ltifluuqsfcstes, verbunden mit Fahnenweihe der (Siebener Backerinnung.
Mit den Mitgliedern der Innung und den Verbandstag-Delegierten hatten sich zahlreiche Gaste aus der Stadt und" aus der Umgebung versammelt, so daß der große Saal voll besetzt war Der Obermeister der Gießener Bäcker- Innung, W. L o e b e r. sprach den vielen Gasten den herzlichen Willlommengruß der Innung aus, mit besonderer Genugtuung begrüßte er Sc. Magnifizenz den Rektor der Landesuniversi- tät Prof. Dr. Rosenberg, Oberbürgermeister Dr. Keller, Landgerichtspräsident Reuen- Hagen, Oberleutnant G e b b als Vertreter der Garnison, zahlreiche Mitglieder der bürgerlichen Stadtverordneten-Fraktionen, darunter besonders Prof. Dr. K r a u s m ü l l e r als Vorsitzenden des OrtSaewerbevereinS, den zweiten Vorsitzenden des „Germania"-Vetdandes. Grüß er-Berlin, die Vertretung der Presse, den Vorstand des VerkehrSvercin», die Derttetung des Bäcketgehil- fen-Vcreins ..Früh auf", den Gesangverein .Liederkranz" mit seinem Dotfthenden Georg Kling und Ehormeifter Schältler. die Turnerinnen und Turner der Gießener Turner» schast.
Vach einigen vortrefflichen musikalischen Darbietungen berftapelletopp und dem Vortrag de» Beethooenschcn Thor» „Die Ehre Gottes In der Natur" durch den Gesangverein .Liederkranz" mit Orchester unter der Leitung von Chormeister Schöttler brachte Frl. B e n d e einen von Georg Kühne (Frankfurt a. M.) verfaßten Dorspruch zu Gehör, in dem das Handwerk im allgemeinen und die Gießener Bäckerinnung sowie der Zweigverband Hesien im besonderen gewürdigt wurden. Daraus brachte
Oberbürgermeister Dr. Keller
die Grüße und herzlichen Wünsche der Stadt für die Böckcrinnung und den Zweigverband zum Bus- druck. Mit besonderer Genugtuung begrüßte er den Zweigoerband Hellen al» Gast in unserer Stabt. Das Bäckerhandwerk habe in unserer Stabt stets eine sehr beachtliche Stellung eingenommen und werbe Aum Teil schon in Generationen ausgeübt, wofür bie Namen Loeb er unb Noll bie besten Beispiele seien. Der Tagung bes Zweigoerbandes, ber sich mit bebeutsamen yragen bes Gewerbes zu beschäftigen habe, wünsche er ben besten verlauf. Seine Herz- lichen Wünsche bringe er aber auch ber Gießener Backerinnung bar, der er bereits im Jahre 1909 bet
möglich Ist. Bus diesem Grunde ift es der Gesund- heitsbehörde unmöglich, allgemeine Richttinien oder Empfehlungen für die Verwendung zu qeben, sie muß die Verantwortung ber Verordnung dem Arzt überlasten.
Dir leben in einer Zeit, die fein Problem in Ruhe ausren'en läßt, ehe ein abfchließende» Urteil von willenschaftlicher Seite gegeben werden kann, bemächtigt sich die Allgemembeit der neuen Ideen und fucht sie zu verwerten, jetzt sie skrupellos in die Praxis um, probiert auf eigene Faust, unbekümmert um Schäden, bie daburch unter Umstanden angerichtet werden Mag das auch einerseits zu beklagen jein, fo hat doch auch bie Willenlchaft Ihren Vorteil da- von, weil durH solche Ttolfenc^perimenfe von unverantwortlicher seite bas Ziel ber Erkenntnis schneller erreicht wirb
Ist also bie Frage nach bem besten Rochitismittel zur Zeit noch nicht restlos geklärt, so barf uns bas eben bie Genugtuung nicht verkümmern, darüber, baß wir jetzt mehrere Mittel haben, für ben Fall, bah eins nicht beschafft merben kann ober nicht genommen wirb.
Wissenschaftlich lehren bie Erfolge mit dcn oer- idjiebcnen Mitteln, daß der Rachitis auf verschiedene Weise beizukommen ist, unb wir schließen daraus, bah bie Urfache ber Rachitis eine verschiedene sein kann Auf Grund ber Entstehung ber Rachitis bei Ratten, welche mit einer Nahrung gefüttert würben, ber bestimmte Bestanbteile fehlen, sinb wir berechtigt, bie Rachitis als eine „Mangelkrankheit* zu bezeich- nen, b. h bie Rachitis entsteht, wenn dem Säugling etwas Wichtiges für bie Gesundheit mangelt. Da» kann ein Stoff fein (ein Nahrungsbestandteil), bas kann Licht sein, insbesonbere bie ultravioletten Strahlen, welche in unserem gemäßigten Klima in den Monaten Oktober bi» Marz so gut wie ganz fehlen, ba» kann genügend frische Luft fein, ja, es kann auch Mangel an Bewegung fein: an a 11 b i e f e m barf ber Säugling nicht Mangel leiben. Es kann Vorkommen, baß doch ein ober ba» anbere Rochitismittel nicht heilt, weil eben nicht jeder dieser krankwachenben Faktoren ausgejchaltet würbe. Hieraus erklärt sich auch, baß ab unb zu Fälle von Rachitis anscheinenb von selbst ausheilen, eben weil zwar ohne befonberc Verabreichung unserer Rachitis- Heilmittel bic Heilung durch Versetzung in günstigere hygienische Verhältnisse erfolgt.
Die Lehre, die wir au» diesen Beobachtungen ziehen dürfen ober sogar ziehen müssen, ist bie:
1. bie alten Mittel sinb durch bie neuen nicht wertlos geworben.
2 auch von ben neuen Mitteln ist jebes für sich allein nicht imstande, alle Mängel zu beheben: also nach wie vor haben Aerzte, Beratungs- stellen unb Mütter darauf ben größten Wert zu legen, daß dem Kind eine reine unverdorbene Mjlch, vor allem die Milch ber Mutter als Nahrung gegeben werbe, baß auch ber Säugling täglich ins Freie, in Licht unb Sonne zu bringen ist, unb baß er sich kräftig bewegen muß
Die Gesunbheit kann man nicht besitzen, sie muß immer wieder neu erworben werben.
ber Feier bes 25jährigen Bestehens in Steins Garten beste Dünsche habe entbieten können. Damals habe als Obermeister Valentin Frey in seiner bekannten schneibigen unb humorvollen Weise amtiert, bic Fest- rebe habe seinerzeit der verstorbene unvergeßliche Stadtverordnete W. Loeb er sen. mit der ihm eigenen Beredsamkeit gehalten, bic sich auf seinen Sohn, ben heutigen überaus verbienstvolleu Obermeister W. Loeb er, vererbt habe. Locber sen. habe 29 Jahre der Stadtverordnetenversammlung angehört, und sein Sohn sei jetzt auch schon sechs Jahre Mitglied des Stadtoerordnetenkouegiums. Die Bäckerinnung habe von jeher tätigen Anteil an ber Arbeit im Dienste unseres Gemeinwesens genommen, unb bas sei ein bejonberer Grunb für ihn (Redner), bei biefer Feier zugegen zu sein. Die Bäckerinnung habe von ihrer (Brünbung an bis heute In ziel- bewußter unb verständnisvoller Weise gewirkt unb ihre Ausgabe in vollstem Maße erfüllt. Er übermittele ihr zu biefer Feier bie herzlichsten Glückwünsche ber Stabt nnb hoffe, baß ber Gießener Backerinnung auch in Zukunft ein frohes Oebeifjen beschieden fein möge.
Vic Festrede de» Obermeister».
Rach einer musikalischen Darbietung hielt Obermeister Loeb er die großangelegte Festrede. Er gab zunächst in großer Linie einen Ueberbltrf über bic Geschichte ber Gießener Backerinnung (in einer Festschrift, bic bie Innung anläßlich bes Verbands- taoes unb bes 44 Stiftungsfestes herausgegeben Hot, ift bie Geschichte ber Gießener Bäckerinnung von 1884 bis 1928 eingehend bargeleat), wobei er zuerst bic Namen unb bie Schaffensobschnitte ber bisherigen Obermeister August Noll (von ber (Brünbung ber Innung 1884 bi» 1888), Fr. Hennings (1888 bis 1900), veler Pfeifer (1900 bis 1909), Valentin Frey (1909 bis 1911), August Deibel (1911 bis 1916), Wilh. ß o e b c r (feit März 1916) mitteilte. Dann wies ber Rebner auf bie wichtigsten ßeiftun- gen in der umfangreichen Arbeit ber Gießener Innung im Verlause ber 44 Jahre ihres Bestehens hin: Ausbreitung bes Innungsgedankens burch (Brünbung ber Backerinnungen in Friedberg, Bob- Nauheim, Alsfeld, Lauterbach, Schotten unb Tübingen; entscheidende Mitwirkung bei ber (Brünbung des Zweigoerbanbes Hessen, Regelung bes Sub- missionswesens, Beseitigung ber Steuerfreiheit ber Konsumvereine, Schaffung einer Krankenkasse al» freie Hilfskasse für bie Innung, Umwanblung biefer Kaste im Jahre 1911 zu einer Innungskrankenkasse: Einrichtung einer Sterbekastc im Rahmen ber In- nung; freiwillige Einführung bes Achtuhrladcnschkuk- ses ab 1. Mai 1909; Gewerbeausstellung 1914; Schaffung der Ein- unb Berkaussgenossenlchaft ber Bäckermeister von Gießen unb Umgegenb Im Jahre 1919; Anschluß ber Innungssterbekasse an bie Ler- banbssterbekafse im Jahre 1925; Beteiligung an ben Ausstellungen in ber Dolkshalle 1926 unb 1927. Dann dankte der Redner den Bäckerfrauen für ihre treue und unermüdliche Mitarbeit zur Erhaltung des Geschäfts, bie sich insbesonbere in ben schweren .Kriegsjahren in glänzenber Weise bewährte, benn vielfach habe bamals allein die Frau unter Daran- setzung ihrer Gesunbheit bas Geschäft, trotz aller Roke ber Zeit, ausrechterhalten, währenb ber Mann unter ben Fahnen ftanb. Damals habe auch bie Bäckersfrau .Krieasbienst im Interesse bes Ganzen geleistet unb sich dabei hervorragende Verdienste er- worben. Im dritten unb Schlußteil seiner Rebe be
Sin bcdeWmerTag der Gießener Sälker-Znnung
44.GiistungSfest und Fahnenweihe.-AustafirumHessischenBSckerverbandÄiag.
schädigte sich Obermeister ß o e b e r mit Gegen- wartssragen der Handwerkerpoiiuk
Er bebaut rtc, baß vielfach Gleichgültigkeit gegen bie Geschicke be* Handwerk», oft auch ausgefprodifuc Handwerkerfeindlichkeil zutage trete; im öffentlichen Leben sehe man häufig Tendenzen an ber Arbeit, bie ohne Zaudern bereit seien, über die berechtigten ßebeneiniereflen de» handwerklichen Mittelstand, s hinwegzuschreiten. Er erwähnte hierbei die Ausbreitung der grohindustrlellen Tätigkeit aus bas handwerkliche Gebiet durch Schaffung eigener Handwerksbetriebe innerhalb ber Fabrikunternehmungen unb die Einengung de wirtfchaftlichen Plattform selbständiger Handwerklicher Existenzen durch diese Aussaugung be» Mittelftanbe»; ferner wies er in diesem Zusammenhang auf bic Ausbreitung der Konsumvereine usw. hin, wobei auch ber berechtigte Leben»raum des handwerklichen Mit- leistendes In schwerer Weise eingeengt werbe Da ein gesunber unb leistungsstarker Mittelstand für bas Gedeihen von Volk unb ctaat notwendig fei, müßten bie Gesetzgebung unb bic Behörden von oben bis unten all biesen handwerksseinblichen Tendenzen entgegenroirfen, sowohl im wohlverstandenen Interesse des Staates, wie auch zum Besten de' Handwerks, dazu sei aber auch eine geistige Umstellung der öffentlichen Gewalten notwendig, und die Worte von Handwerksfreundlichkeit müßten sich in ent sprechenden laten bekunden Zu dieser Entwicklung nach besten Kräften beizutragen, den berechtigten eigenen Lebensrauin bei aller gebührenden Rücksichtnahme auf berechtigte Interessen anderer Volksschichten zu verteidigen und wieder All erringe« unb ben Genieinsinn unb Gemeinschaftsgeist unrnci mehr auszubreiten zum S. gen sur Volk unh Vaterland, das lei der Vorsatz und ber Wille, ben bic Gießener Backerinnung bei biefer Feier erneut betunbe. (Mnbaltenber, lebhafter Beifall )
Anschließend erfreuten die Turnerinnen der Gießener Turners d>a s t mit erakten und fein dutchgearbeitetcn Freiübungen, die Turner unserer beiden Turnvereine mit ausgezeichneten Leistungen am B irren. Der Gesangverein »Liederkränz" unter Wilh Schüttler» vortrefflicher Stabführung bereicherte weiterhin den Abend mit dem Vorttag de» Kteutzerscheu Chors .Schäfers SonntagSlied" unb dem Koschat- sche« Chor mit Orchester „Diauwalzer". Den Turnerinnen unb Turnern sowohl, wie auch ben Sangern wurde verdientermaßen mit lebhaftem Beifall gedankt. Sodann beglückwünschte Obermeister R a a be - Marburg namens seiner Innung die Gießener Innung und überreichte ihr als Festongebinde einen Pokal. Hierauf erfolgte die
feierliche Fahnenweihe
Die von den Frauen der Innungsmilglieder gestiftete. in den Bäckerfarben blau-weiß gehaltene prächtige Innungsfahne wurde von Frau S cho m- ber im Auftrage der Bäckerfrauen mit einer kurzen, finnigen Ansprache überreicht. Der zweite Vorsitzende des Germania-Derbande», GrüHer- Berlin. hielt die Weiherede, daran anschließend sagte Obermeister L o e b e r namens der Innung ben Stifterinnen ber Fahne bi einer schwungvollen Ansprache Herzlichen Dank unb übergab dann bic Fahne dem Fahnenträger, 'Bäckermeister Schomber. in treue Obhut. Wit bem gemeinsamen Gesang be» ersten Verses de« Deutschland- Ilcbe» klang die Ansprache des Obermeister» aus. Darauf sprachen ber Gießener Bäcker-Innung herzliche Glückwünsche au»; Verbands Vorsitzen ber F i n g e r - Darmstadt für den Zweigvepband Hessen (überreizte gleichzeitig einen Fahnen- nagel), Pros. Dr. Krausmüller-Gieße« für den Ortsgcwerbeverein (Fahnen«agel), Dern- Großen-Linben ftir bic Bäckerinnung Dießen- Land. Sproß- Darmstadt für die dortige Bäckerinnimg (überreichte einen Pokal, gefüllt mit 1921er), Schmitz - Gießen für ben Gastwirteverein (goldene Ehrennadel), R e u s ch - ling-Giehen für ben Bäckergefellen-Vercin .Früh auf" (Fahnennagel), Ar-Wetzlar für bie Wetzlarer Innung (D«her), Rommel- Offenbach für bie Offenbacher Innung (Fahnenschleise), Ernst Lukstvig Sack für bie Gießener Fleischcr- initung (Fahnennagel», 05 i n ge I für bieGießener Tapeziererinnung (Fahnennaael), Göy für bie Friseur-Innung Gießen (FahnennageO. Wagner für bie Gießener Maler- unb Weißbinder- meister (Fahnennaael), Lenz für bie Schneider- inrnrna Gießen, Frau Kumpf im Auftrage der Bäckerfrauen (überreichte ein Bild», Horn für den OSerein Gießener Einzelhandel, deffen Festgeschenk nicht rechtzeitig fertig geworden ift unb baher nachfolgen soll. Spey er-Mainz für die Mainzer Innung, G r i m m e l - Vilbel für bie bortiqc Innung (Acberreichung eine» Bilbe»). Obermeister Loeoer bankte allen Gratulanten einzeln in herzlichen Worten.
Anschließend überreichte der stellvertretende Ober- meister Ioh. M ü l l e r den schon früher zu Ehren- Mitgliedern ernannten Innungsmitgliedern, Bäckermeister Ludwig K ronenberg (Miigründer der Innung) und Balth. Schomber, die entsprechenden Ehrendiplome.
Die Kapelle Topp bereicherte dann den Abend «och durch ausgezeichnete musikalische Darbietungen, die sämtlich mit lebhaftem Beifall quittiert wurden. Der frühere Obermeister Bal. Frey erfreute mit einer humorgewürzten, sehr beifällig auf- genommenen Ansprache, in ber er Kommunalpolitik und Steuerzahlen, Innvngsleben und Bäckerfrauen in witziger unb vielbelachter Weise behandelte. Die Deranstaltun" um deren glatte Durchführung sich auch Bäckeniieister August Deibel verdient machte, hielt alle Teilnehmer bis zu vorgerückter Stunde in schönster Harmonie beisammen.
Hessischer Bäckerverbandsiag.
Der 9.Derbanbstag de» Zweigver- banbeS Hessen im Zentralverband Deutscher Bäcker Innungen ..Germania" nahm am Sonntag- vormittaa im Saale des ®afe Leib in Anwesenheit zahlreicher Behördenvertreter, 0)er1retunaen der Landtagssrastionen der Deutschen Q3offe- partei, der Seuttd?nationalen Volkspartei und de» Zentrums, (owie Abgesandten der Handwerkskammer und der Industrie- und Handelskammer Gießen feinen Anfang. Aus dem ganzen Hessen- lande waren die ITmungsdelegierten in außer* ordentlich großer Zahl erschienen. Die OZerhcmd- üingen, über die wir morgen noch näher berichten werden, dauerten von etwa 9.30 Uhr vormittags bi» gegen 3 Uhr nachmittag» unb nahmen in allen Teilen, trotz teilweise erheblicher sachlicher Gegensätze, einen harmonischen und fruchtbaren 03er(auf. Man konnte erkennen, daß bet Verband unter bet tatkräftigen Führung feines OZorsitzenben Finget, Darmstadt, in kräftig auftoärtäfheben ber Entwickelung zum (Dohle


