Fahren, ausgesprochen Hal: Gr hoffe, „ein Werk zu begründen, cm welchem nicht nur wir und unsere Zeitgenossen, sondern auch unsere Nachkommen Freude haben werden".
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Als nächsten letzten Beitrag zu dem Thema .Hessen und die Neugliederung deS Reichs" werden wir einen Aufsatz von Professor Dr. Gme- lin über »Verfassungsrechtliche Gedanken zur Reichsreform" verüffent- liehen. _________________
Das Gtraßenbahnprojett Wieseck - Gießen.
Zu unserem Artikel in Dr. 284 vom 3. Dezember erhalten wir von Gemrinde- rat Denner. 'Bürgermeister S cho m be r und Gemeinderat Werner (Wieseck). den Qkr.r:t.*rn Wiesecks bei den Straf en- bahnverhandlungen mit Gießen, eine Gr- widerrmg, die wir nachstehend im Wortlaut folgen lassen. Wir werden auf diese Ausführungen morgen kritisch zurückkommen. D. Red.
Den Dechandlern sowohl wie dem Gemeinderat der Gemeinde Wieseck wird in einem Artikel drs „G eßener Anzeigers" vom 3. Dezemler 1928 der Dorwurf gemacht, als seien sie schlechte Berater der Gemeinde Wieseck in der Frage obigen Projektes gewesen! Ein Dorwurf, der fo einsettig erhoben ist, daß er den unterzeichneten Bevollmächtigten dec Gemeinde Wietecks alle Decan- lcrssung gibt, die Sachlage einmal in aller Oe ff ent» lichkeit so zu schildern, wie sie sich vom Ontetcifen» starrdpunkt der Gemeinde Wieseck und des Zweck- Verbandes Wieseck-AUen-Duseck aus gesehen ergibt:
Dachdem es in 1925 zum Ausbau der GleL- trischen Straßenbahn nicht tarn, griff die Gemeinde Wieseck zur Selbsthilfe und richtete ihre Krastomniouslinie ein. W:eseck investierte dabei rund 110 000 Wk. Trotz hoher Zreauenz und guter Einnahmen wäre das Unternehmen, auf Wieseck beschränkt, nicht zu halten gewesen. So kam es zur Erweiterung der Kraitfahrlinle nach Alten-Buseck. Beide Gemeinden begründeten den Zweckvecband Wteseck-Alten-Duteck. Die Hessische Landgemeindeordnung bildete hierfür die rechtliche Grundlage. Hieraus abgeleitet regelten die Derbandssatzungen alle rechtlichen und auf die Detriebsiührung bezüglichen Bedingungen. Alten- Buseck ist gemäß Satzung mit 32 500 Ml. und Wieseck mit 83,500 Ml. beteiligt.
Bald nach Au,nähme dec Be.riebserweiterung nach Alten-Buseck stellte sich heraus, daß zur Detoäl.igung des Der.ei-rsan.allZ i.n Spitzrnver- kehc dec vierte Omnibus notwendig fei. Es mußte somit ein weiterer Omnibus angeschasft werden. Zu der eigentlich damit verbundenen Stammlapttalserhöhung konnten sich die Gemeinden nicht entschließen, so daß die 2? 000 Mk., die der Wagen rund kostete, aus lau enden Do- triebsn.itieln bezahlt werden mußten. Reben dieser finanziellen Leistung noch Rücklagen zur Abschreibung dec älteren Wagen zu machen, mag wohl In Berlin oder Hamburg möglich sein: selbst In Frankfurt ist — soviel wir wissen — dies einem Personenbeförderungsmittel schon nicht mehr möglich. So kommt eö, daß daS Stammlapital zuzüglich der noch laufenden De- triebsfchulden aus dem Kauf deS neuesten Wagens per 31. Dezember 1928 noch 120 000 Mk. beträgt
Daß diese Tatsache bei den Der Handlungen mit der Stadt Gießen für die Bevollmächtigten Wiesecks keine nebensächliche Rolle spielen konnte, sollte eigentlich auch von den Dertrelern der Gegenpartei eingesehen werden.
Die Bedingungen, zu denen der Vertrag mit der Stadt Gießen zustande kommen konnte, waren:
1. Der Zweckverband muß spätestens zum 31. 12. 29 den Betrieb einstellen.
2. Die Verwertung des investierten Betriebs- tapitals, d. h. des Inventars und Wagenparks, ist Sache des Zweckverbandes, da eine Llebernahme der Wagen seitens der Stadt nicht in Frage kommen kann.
3. An einer Zubringerlinie Alten-Buseck — Wieseck hat die Stadt kein Interesse.
4. Wieseck zahlt an die Stadt Gießen 40 000 Mk. einmaligen Baukostenzuschuß.
Unter diesen Umständen für Wieseck finanziell untragbar, gegenüber Alten-Buseck rechtlich und auch moralisch unmöglich, bot der Herr Bürgermeister Schomber im Auftrage des Oe-
Lach« Vajarzs t
Vornan von J. Echneider»Foerstl.
Urbeberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
17. Fortsetzung Nachdruck verboten.
.Schmutzig!" äußerte Maria kühl und schmiegte sich liebebedürftig an die Schulte: ihres Verlobten.
.Wie meinst du das?" Hettingen hatte sich so heftig zur Seite gewandt, daß ihr Kopf von ihm abglitt,
„Run!" Ihr Mund zeigte offene Verachtung. »Wenn ein Mann eine Frau nur deswegen nimmt, daß sie seinen zerrütteten Finanzen wieder auf die Beine hilft. — —
»WaS ist bann?" Hettingens Stimme flackerte im Verlöschen.
.Ich würde ausspucken vor einem solchen Menschen. Gerade gut genug sein, am dem Herrn Gemahl die Schulden zu bezahlen — und ihn mit dem eigenen Vermögen aus der Patsche zu helfen — ich danke!"
Von Hettingen kam kein Ton mehr.
Erft nach einer Weile sah er zu Richthofen auf. ..Die denkst du darüber, Poldi?"
.Ich? Ich denk überhaupt über so was gar net nach Aber wann mich a Wadl gern hätt und ich käm auf d' Gant, dann tät ich ihr einen ganz reinen Heurigen ein schenken und tät sagn: .Schätzerl, ich wer mir wah scheinlich heut oder morgn 's Genick brechn. Willst mi Hal n? Wann s' mich dann wirklich gern hat, gibt s' eh ihren letzten Kreuzer für mich h>r, als daß mich -gründ gehn laßt. Und gibt s' ihn net her, hat d' Liab net recht viel taugt und iS ka Schad drum."
.Ich danke dir, Leopold!"
„Wofür hast du jetzt eigentlich gedankt?" frag Maria erstaunt.
Der An wort wurde Hettingen übrrhoben, denn bet Wcgen stoppte vor dem hlllerleuch eten Eingang zum Durgtheater. Er hob die Braut au»
meinderaLS Wieseck ven Bevollmächtigten Bet Stadt Gießen die Eingemeindung Wiesecks an. Aber dieses Angebot fand keine Gegenliebe. Rachdem sich diese Situation herausgebildet hatte, kam plötzlich das Angebot der Kraftverkehrsgesellschaft Hessen in Frankfurt a. M. Verhandlungen mit der Direktion der K.V.G H. erschlossen die Möglichkeit, ohne größeren Betriebsverlust für beide Gemeinden den Zweckoerband aufzulösen und damit überhaupt den Weg für den Bau der elektrischen Bahn nach Wieseck frei zu machen. Gemäß § 11 der Derbandssatzungen, die auch Im Besitz deS Gießener Anzeigers sind, kann die Auflösung des Zweckverbandes durch eine Gemeinde mit sechsmonatiger Kündigungsfrist bewirkt werden, wenn während zweier Jahre die geleisteten Zuschüsse höher sind als dte an btc Kündigungsgemeinde zu zahlenden Zinsen.
Da diese Voraussetzung nicht bestand, erklärten die Vertreter der Gemeinde Alten-Buseck, eine evtl. Kündigung zum 31. 12. 29 nicht ohne weiteres akzeptieren zu können. Andererseits sah man aber auch ein, daß man Wieseck nicht ewig gebunden halten könne, nachdem sich nun die Stadt Gießen ernstlich bereit zeigte, ihre Dahn nach Wieseck zu bauen. Die Vertreter Alten-BuseckS erklärten sich dann mit der Liquidierung deS ZweckveröandeS einverstanden, wenn dabei Alten-Buseck das Verkehrsmittel erhalten bliebe. Diese Möglichkeit bot allein die Verhandlung mit der K.D.G.H. Die Vertreter beider Gemeinden im Zweckverbandsausschuß tarnen zu der ilebereinßimmung, mit der K.V.G H. die Verhandlungen zum Abschluß zu führen. Damit war auch der Aechtsgrund beseitigt, der der Auflösung des ZweckverbandeS hindernd Im Wege stand.
Der Vertrag kam zustande und trägt den verkehrlichen Interessen beider Gemeinwesen weitgehendst Rechnung. Wieseck hat ein Verkehrsmittel, woran sich die Bevölkerung während der drei Jahre seines Bestehens sehr gut gewöhnt hat. Daß der moderne Kraftomnibus heute nicht mehr das schlechteste Verkehrsmittel darstellt, dürfte die Tatsache beweisen, daß die Stadt Wiesbaden an Stelle der seit vier Jahrzehnten eingebürgerten elektrischen Straßenbahn nun den ganzen Stadtverkehr auf Kraftomnibusse umstellt. Die Absicht der Stabt Gießen, die von der elektrischen Bahn nicht erfaßten Stadttelle ebenfalls durch Omnibusse verkehrlich zu erschließen, ist ein weiterer Beweis.
Die Mehrbelastung deS Wiesecker Gemeinde- Haushalts um jährlich 10—11 000 Mk., die mit dem Bau der elektrischen Bahn zu obigen Bedingungen verbunden gewesen teure, bleibt für immer erspart.
Rach fünf Jahren, d. h. nur vier Jahre später, wird Wieseck u. E. die elektrische Bahn ohne wesentliche finanzielle Belastung bekommen.
Und schließlich ist Wieseck durch den Verkauf des Wagenparks in die glückliche Lage verseht worden, ohne neue Anleihen seine Hauptverkehrsstraßen zeitgemäß zu befestigen.
DaS ist daS verkehrliche und wirtschaftliche Ergebnis bei dem Ausgang der Verhandlungen für Wieseck. Für die Gemeinde Alten-Buseck, von wo der Gemeindeverband Im Betriebsjahr 1927 105 000 Personen nach und von ©ießen beförderte, ist die getroffene Lösung ebenso befriedigt. trenn auch der Gießener Anzeiger die Interessen Alten-Dusecks mit keinem Wort erwähnte!
Wir haben den Interessen der Gemeinde Alten-Buseck auch Rechnung getragen, weil wir der Ansicht sind, daß Derkehrsfragen In unserer Zeit nur von großen verkehrspolitischen Gesichtspunkten zu lösen sind!
Gleichzeitig als Vertreter deS Zweckverbands- ausschusseS möchten wir nun noch auf einige, den Derbandsausschuß scharf kritisierende Stellen des Artikels eingehen:
Der Gießener Anzeiger behauptet, eS sei anfangs des Zweckverbandes erhofft und verkündet worden, es würden ilcßerfdjüffe erhielt werden. Wäre das wahr, dann würden dte beiden Gemeinden bei der Beratung und Beschlußfassung der Derbandssatzungen nicht die Bestimmung aufgenommen haben, daß das Stammkapital mit nur 8/< des Reichsbankdiskonts, das sind bei einem Stand von 7 Prozent 51/* Prozent per anno, verzinst wird. Das bedeutet doch, daß die Gemeinden in der Satzung festlegten, die Differenz zwischen Soll- und Habenzinsen au tragen. (Ein Exemplar DerbandLsatzung hat der Gießener Anzeiger im Besitz.) Der Zuschuß in dieser Form betrug somit In den beiden Be-
dem Wagen und schritt mit ihr die breite Steintreppe hinauf. 2n seinen Obren aber gellten Marias Worte nach wie die Mahner zukünftigen Unheiles. „Ich würde ausspeien vor einem solchen Menschen!"
Rur zu bald würde die Stunde kommen, in der sie vor ihm ausspie.
In die Loge tretend, sah er statt des Lichtermeeres graue Rebelschwad-n durch das überfüllte Haus ziehen. (Seine Mutter küßte Maria auf die Wangen, und der Vater hob ihre kleine weiße Hand, an welcher der Verlobungsring glitzerte, an die Lippen.
Rings in den Dalkvnen lauter bekannte Gesichter und doch so fremd heute Weit, weit weg dünkten sie Joichim, gls lägen große Wasser zwischen ihm und ihnen.
Sie können nicht herüberspeien, dachte er, fühlte den zärtlich besorg en Blick der Mutter auf sich niß?n und Leopolds forschendes Auge und zwang sich zu einem Lächeln.
Ein Klingelzeichen zitterte durch das Haus. Wie wohl das Dunkel tat, daS sich jetzt über seine Sinne senkte. Er hielt die Augen geschlossen und ließ die Musik über sich hinfluten.
„Schaut her — ich Hins!" sagte eine Stimme von der Bühne herüber.
Gr biß die Zähne ineinander und tupfte mit seinem Taschentuche über die feuchte Stirne. Eine Hand schob sich kosend zwischen feine Linke. Es war die Marias. Aber er drückte sie nicht.
-Heul schöpfet der Dichte kühn Aus dem wirkliche Leben Schaurige Wahrheit"
klang es mit Lieberzeugung von unten herauf.
Er zwang sich die Lider zu öffnen, und ließ sie nach minutenlange wieder sinken. Mißtönende Trompetcn.länge, Lärm von Trommeln, Schreien und Lachen, tönte zu ihn empor. Gequält legte er den Kopf gegen die Säule zu seiner Rechten. Fliehen dürfen, jetzt fliehen, gleichviel wohin, und wäre es nach den Ufern des Jenseits.
Eine wundervolle Sopranstimme schwang sich in diesem Augenblicke an fein Ohr und riß alle Tore seines Herzens auf.
kriebSjahren und beider Gemeinden 4350 Mk. — Und wieviel Zuschuß erfordert jährlich das Personenverkehrsmlttel Elektrische Dahn in Gießen? —
Glücklich gehandelt wäre eS von Wieseck nicht gewesen, schreibt der Gießener Anzeiger weiter, noch während der Verhandlungen mit der Stadt Gießen einen neuen Omnibus einzustellen. Hierzu fei bemerkt, daß der OmnibuS bereits im Juli in Auftrag gegeben wurde, zu einer Zelt, wo noch keinerlei Verhandlungen mit der Stadt Gießen ftattge- funden hatten. Außerdem ist dies der Ersatz für den am Himmelfahrtstage verunglückten Omnibus, ohne diesen der Betrieb im Winter nicht aufrechtzuerhalten wäre. DaS sind Fragen, die man lediglich denen überlassen sollte, die für die Erfüllung der Konzessionsbedingun- gen die Verantwortung zu tragen haben!
Und schließlich teilt der Gießener Anzeiger mit, daß die Stadt Gießen nun doch, und zwar ganz bald, die elektrische Dahn bis zur Gemar-
hmgßgren^e zu bauen beabsichtigt. Rach Sag« der Verhältnisse, Investierung einer hohen Kapitalanlage ohne die geringsten Anhaltspunkt« über hie zu erwartenden Einnahmen, und ohne zu wissen, wie sich dann die Dinge nach 5 Jahren gestalten, eine solche Politik können wir bei der angespannten Finanzlage aller Kommunen, darunter auch die Stadt Gießen, schlechthin kaum glauben. Und sollte eS trotzdem wahr sein, und die Stadt würde neben dem Bestehen der Kraftfahrlinie tyre elektrische Bahn bis zur Gemar- kungsgrenz^ Wieseck bauen, dann wäre das dl« beste Bestätigung dafür, daß Wieseck nicht scsstecht. sondern sehr gut beraten war. Denn dann wär« es ja eine Kapitaldummheit gewesen, der Stadt Gießen, die ein sqlch großes Interesse an den Einnahmen aus btxn Wiesecker Verkehr damit bekundete, zu den Einnahmen noch 40 000 Mark zu zahlen.
gez.: Benner.
. Schomber. Bürgermeister.
. Werner.
Geschichten aus aller Wett.
Die sonderbare Leidenschaft derMiß?horfrn — Paris.
Jedes Straßenkind kennt in Baris die spleenige Amerikanerin, Miß Helene Thorsen, die. In daS Seineparadies verliebt, feit rund drei Jahrzehnten nur ihrer eigentümlich.m Passion lebt: sie Photographen de französische Hauptstadt! Rund fünfzehn lausend Aufnahmen, in denen in der Tat „tout Paris“ fest gehalten wurde, bilden das Kleinod des Fräulein Thorsen; alles, aber auch alles hat sie auf Platten gebracht, waS in Paris lacht, lebt und liebt. Don den prunkvollsten Palästen durch die Lumpensammler bis zu einem intimen Ecke d.»s Parlaments, die — wie soll man das nur sagen? — selbst der Präsident der Republik zu Fuß und ohne 'Begleitung au zusuchen pflegt... Die exaltierte alte Dame besitzt ein so großes Vermögen, baß sie sämtliche Angebote der Kunsthändler, Maler und sonstigen Sammler einfach ablehnen konnte, wenngleich man für d e einzigartige Sammlung horrende Summen angeboten hatte. Selbst nach ihrem Tode soll die wertvolle Lichtbildkollektion keinem angehören; sie muß vielmehr mit der Eigentümerin verbrannt werden. Miß Thorsen ließ sich nicht einmal durch die persönliche Fürbitte des Kulturministers erweichen, der die wertvolle Sammlung gern für den Staat gesichert hätte; sie verfügte bereits jetzt testamentarisch die Vernichtung ihrer Lebensarbeit.
Kleiner Irrtum.
(v) Budapest.
In den Hauptstraßen der ungarischen Metropole kann man jetzt des öfteren ein seltsames Spiel beobachten: eine elegant gekleidete Dame tritt auf einen Herrn zu und heftet ihm eine Radel mit einem kleinen Wappen an die Brust. Hierauf streckt sie ihre behandschuhte Rechte aus und verlangt für wohltätige Zwecke die Mindestsumme von einem P e n g ö. Ein ungarischer Journalist unterzog sich nun der Mühe, einer Keser Damen zu folgen und sie bei ihrem „Handwerk" zu beobachten. Lös erzählt dabei u. a., tote ein Offuier der ungarischen Armee mit aller traditionellen Ritterlichkeit der Dame die betreffende Radel mit einem bedauernden Lächeln wieder zurückgab, wie ein junger Mann, der auf dem „Gebiete der Wohltätigteit" offenbar schon Erfahrung hatte, geschickt der dekorierenden Hand auswich, so daß diese ins Leere fuhr. Weiter sah der 3ournalift, wie di« Wohltäterin auf einen ziemlich korpulenten Herrn zutrat, der keineswegs elastisch genug war, um im richtigen Augenblick auszuweichen und auch, ehe er es sich versah, das glanzende Etwas im Knopfloch hatte. Aber anstatt nun seine Geldbörse zu ziehen, schrie er in Tönen höchster Erregung: „Retz men Sie daS Ding da augenblicklich wieder heraus, augenbltcfiKß, sage ich ...“ Die bedauernswerte Sammlerin hatte, wie man sieht, kein Glück, und Enttäuschung mailte sich nach so viel Mißerfolg in ihren Zügen. Doch da fiel ihr Blick auf einen sittsam daherschreitenden jungen Mann, dem man die provinzielle Herkunft schon von weitem an'ah. Offensichtlich lenkte er seine Schritte zum Ostbahnhof, um auf dem kürzesten Wege in irgendein Dors oder Landstädtchen Rumpf- Ungarns zurückzukehren. Er ging, mit feinem Köfferchen an der Hand, zu Fuß, offenf ich lich, um
„Ich senk die Blicke zur Erde voller Angst, Daß ec mein böses Gewissen sähe. Gott, wenn er mich durchschaute!
Jähzornig, wie er Ist,
Geschähe wohl ein Unglück."
Weit über die Brüstung gebogen, starrte Joachim nach Isabella Ieska, die als Bajazzos Weib unten auf der Bühne stand. Hebet die Mauer schwang sich Silvio, ihr heimlich Geliebter. Joachims Augen verschwammen. Der jetzt dort unten die Arme um die schöne Frau leg e, war fein Vater. Ein Ton en.schlüpfte seinen Zähnen, daß Maria erschrocken die Hand auf seinen Mund legte.
.Joachim!"
Die Silvios Lippen sich In die der Ieska gruben. Er sah die weiße Bank im Wintergarten zu Hause und die Diva eng an den Vater gepreßt, wie ihr Mund sich ihm bot in demütiger ilntertoürflgtett und Hingabe. Jedes Wort kehrte in fein Erinnern zurück. In dunkler verzehr endet Scham brannten ihm Stirne und Wangen.
Seine Finger krallten sich um den roten Sammet der Brüstung und hingen sich daran fest. ,Lieber, was ist dir?" hörte er Maria flüstern.
Er gab keine Antwort. Schweizen mußte er decken über seine und feines Erzeugers Schmach, daß die Menschen ihnen nicht ins Glicht spien.
.Bist nur Ba,azzo!
Bist ein HanSwurst nur!
Lach doch. Schneid tolle Grimas'en!
Hüll dich in Tand und schmin e dein Antlitz." tarn’8 von der Bühne herauf In Schmerz und Dcr- zwestlung. Dann ein lei es, erschütterndes W inen.
Brände von tau end und wieder tautend Kerzen als der Vorhang fiel und ein rasendes D i all- klatschen der Wenge. Joachim taumelte von feinem Stuhle auf.
.Bist du nicht wohl, mein Bub?"
»Doch. Mutter." Er neigte sich über die weiße Hand, welche sein Gesicht emporhob.
Eben sah er den Vater die Loge verlassen. Ob er zur Ieska in die Garderobe ging? — Er mußte eS teil en. Ehe Maria es noch beachtete, hatte er schon die Türe hinter sich zugedrückt. Im
daS Fahrgeld für die Straßenbahn zu sparen» Auf ihn hielt nun die von dem Journalisten beobachtete Dame zu. DieSmal tnaßin sie bedächtig die goldig glänzende Messing-Radel aus ihren, Ettrl und hielt sic dem staunenden Passanten unter dte Rase. Dieser, etwa- verwirrt, ertötete leicht, stellt« fein Köfferchen auf die Grd« und duldete schweigend, daß ihm die unbekannte Schöne das Emblem ins Knopfloch steckte, sah sich bereits triumphierend am heimatlichen Stammtisch erzählen, daß eine Gräfin oder zumindest eine Baronin ihn, gerade ihn. unter Tausenden auSerwählt, um einer ganz besondere« Auszeichnung tellhaftig zu werden. Rach vollendeter Prozedur zog er tief den Hut, nahm fetit Köfferchen wieder zur Hand und wollte sich stol- erhobenen Hauptes entfernen. Doch die Dam« hielt ihn zurück und erklärte, es handele sich um eine Wohttätigkeitsakcion, die Radel sei nicht umsonst ... Der Pwvinzjüngling schluckte ein wenig, griff zögernd in feine Rocktasche und holte langsam seine Geldbörse hervor, öffnete sie ebenso langsam und entnahm ihr dann zwei Zehnsiller- stücke. „Em Pengö", sagte die verhaltene Stimm« der Wohltäterin. Jetzt überzog tiefe Röte daS Gesicht des Jünglings, Tränen standen chm in den Augen und mit einem Seufzer zog et di« Radel wieder aus dem Knopflioch, überreichte fit der Kriegerin für Budapests Witwen und Waisen und sagte mit dem Ausdruck tiefsten ßeetero- schmerzest „Dersuchen Sie mich zu per» g e ff e n. ...“
Die schwierige Braban^onne.
(r) Druffel.
Kunst und Pollttk de- Königreiches Belgien! stehen vor einer schwierigen Frage, deren Lösung erleuchteten Geistern zwischen Schelde und Ar- aonnentoalb schon herzlich viel Kopfzerbvechsir bereitet hat. Es handelt sich um die Abänderung der belgischen Rattonalhymne, der Draban^onne. Dieses Lied erfreut sich nämlich sowohl bd Dla- men als auch Frankv-Ddgiern keiner allzu großen Beliebtheit, da eS sowoh» textlich als auch melodisch nur schwer zu meistern ist. Die belgisch« Akademie hat nun oorgeschlagen, man solle dis Braban^onne nach dem ursprünglichen Text und nach der ursprünglichen Melodie fingen, so, wie eS tm Jahre 1830 bei Entstehung bet Hymne Dec Fall war. Schon atmete man auf, da man dachte, der Schwierigkeiten Herr geworden zu sein. Da meldete sich plötzlich Holland und erfläete, eS müsse in der Wiedereinsührung der Ür-Braban- tonne einen unfreundlichen An sehen, weil der Text von Angriffen gegen die Riederlande geradezu strotze. Sie haben'S wirllich schwer, dte armen Belgier, mit ihrer Braban- Conne...
Der Ehrendolch der Afridi.
(f) London,
Bei ihrer Reise durch Indien hat dte an verschiedenen Orten so feindlich auf genommene Simon-Kommission des englischen Par- laimenls auch den kriegerischen Stamm der Afridi an der afghanischen Grenze besucht. Dieser Stamm hat, (tote die meisten anderen), Im allgemeinen sehr wenig Sympathie für dte Engländer, begrüßt jedoch die gewaltigen Der- rehrsverbesserungen. die die indische Regterung In ihrem Stammgebiet hat erstehen lassen, und
Seitcngange stieß er mit SrHcrzog Ehristoph zusammen, der ihn unter dem Arm faßte und mit sich fortzog. .Sie hat wieder fabcl>ast gespielt! — Richt? — So oft ich sie in Ba.azzo sehe, läuft mir ein Grauen Übe: den Rücken. —
.Ich habe es heute zum ersten Male oedbürtr sagte Joachim ernst. .AuS den wirkichenLebmtz schaurige Wa^hoi'."
Der Erzher og suchte nichts hinter diesen Worten und strebte eilig den Garderoberäumen der Künstlerin zu. „Kommen 6'e einen Sprung mit herein, lieber Baron, ja? — Isabella Hebt eS zwar nicht, wenn ich zwischen den einzelnen Akten komme, aber heute kann ich nicht and rS. Mit dem Rachtfchnel zuge fahre ich ür ein paar Tage nach Ungarn weg. Da will ich ihr noch rasch Adieu sagen."
»Ich möchte nicht stören, kaiserliche Hohrit."
.Aber gar nicht, Hettin^e'U Ich glaube, Sie können ein Glas Wein vertragen, j.tz. Sie fefce« böse aus. Einen Augenb.ick." Er hi lt mit beiden Händen die Garderobeteau fest, welche eben aus dem Ankleideraum her Diva kam. »Wo len Sie uns der gnädigen Frau melden? — Oder ist anderer De.uch drinnen."
,Rur der Herr Dan.iec Het.Ingen — da können S' ungeniert neigehn, kaiserliche Hoheit, daS macht nix."
Der Erzherzog hatte bereits den Fingecknöchri an die Türfüllung gelt'3t, als Joachim ihm die Hand auf den Arm legte.
.Gestalten kaiserliche Hoheit, daß ich mich empfehle - ich
Im selben Augenblick öffnete sich die Türe und Vater und Sohn standen sich gegenüber. Mn et dem Danller klang dte S.i.nme d.r Diva: .Mein Gott, Hoheit, warum kommen S denn alletocil so spät. Ich hab bloß mehr fünf Minuten zum Leben, die langen schon glei nimmer zum *Xb* schic dnehrr en."
Mit beiden Händen zog sie ihn hinein. Ohne daß der Erzherzog es bemerkte, blieb Joachim zurück und schritt an der Seite des DoterS den schmalen Korridor entlang.
(Fonjetzung folgt)


