Nr 290 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesseu)
Hessen und die Neugliederung des Reiches
Die Reichsreform in ihrer Voiksivirffchastlichen Bedeutung.
Don Or. phil. et per. publ. Pau! Mombert, o. ö. praf. der wirt schaff!. Staatswissenschasten an der UniDcrfi/'df Gießen.
ßion im Mittelalter und dann fortgesetzt bis ins 19. Jahrhundert hat die deutsche Volkswirtschaft schwer unter der politischen Zersplitterung und Kleinstaaterei gelitten. Am AuSgange des 13. Jahrhunderts verglich ein damals sehr angesehener ökonomischer Schriftsteller Deutschland mit einem großen Schiffe, das einen älebcrfluß an Steuerleuten habe, von denen jeder das Schiff nach anderer Dichtung frnllnken und nur seine eigenen kleinen Interessen verfolgen wolle. Als in dem zweiten und dritten Jahrzehnt der Dey von Tunis, der Pascha von Tripolis und der Kaiser vor Marokko durch Seeräuberei dec Schifffahrt der Hansastädte großen Schaden zufügten und diese fast unmöglich zu machen drohten, da wandten sich die S.ädte vergeblich an ausländische Mächte um Hilfe, und als dieses diese ablehnten, kam es zu Verhandlungen, in welchen von den Hansastädten allen Ernstes die Zahlung eines Tributes an diese Raubstaaten der Darbaresken erwogen wurde, um so die Sicherheit ihrer Schiffahrt zu erkaufen. Im Jahre 1829 wandten sich die Hansastädte, wie es in dem denkwürdigen Dokument deutscher Schwäche heißt: .untertänigft an den erhabenen und ruhm- würdigen Monarchen, den mächtigen und sehr edlen Fürsten, Seine Kaiserliche Majestät Sultan Abdurrhaman von Marokko" und erboten sich unter Englands Vermittlung einen Tribut zu zahlen, um ihre Schiffahrt zu sichern. In den gleichen Jahren etwa hat dann Friedrich List mit beredten Worten auf die Dachteile hinge- wiesen, welche dem deutschen Wirtschaftsleben aus der politischen und damit auch aus der wirtschaftlichen Zersplitterung Deutschlands erwuchsen. Jeder der 38 in Deutschland damals vorhandenen selbständigen Staaten betrachtete und behandelte feinen Dachbarn zollpolitisch als Ausland und erst der im Jahre 1334 geschaffene Deutsche Zollverein hat für D.allschland ein einheitliches Wirtschaftsgebiet geschaffen und damit wirtschaftlich das bereits in die Wege geleitet, was dann politisch im Jahre 1871 vollendet worden ist.
Diese wenigen Bemerkungen aus der deutschen Wirtschaftsgeschichte sollten nur dartun, daß, wenn man heute bei uns von einer VersassungS- und Verwaltungsreform im Sinne einer Vereinfachung und Zusammenlegung spricht, daß das alles nur in gewissem Sinne die Fortführung und vielleicht die Vollendung von Aufgaben ist, die seit rund 100 Jahren bei uns im Gange sind*). Zahlreiche politische Widerstände stehen diesen Bestrebungen entgegen, aber WiErstände sind dazu da, damit sie überwunden werden, und diese Widerstände und der kleinliche partikularistische Geist sind auch heute nicht großer als damals, als es aalt, in dem Deutschen Zollverein vor fast 100 Jahren ein einheitliches deutsches Zollgebiet zu schaffen.
Dieser Zollverein hat damals ein einheitliches Wirtschaftsgebiet in Deutschland schaffen helfen und vor allem auch unsere handelspolitische Stellung dem Ausland gegenüber erheblich verbessert. Wenn man jetzt bei uns darangehen will, zu weiteren Vereinfachungen und Reioimien im Inneren zu kommen, so liegt die volkswirtschaftliche Dcd utung solcher Pläne, wie auch damals, letzten Endes m der Kräftigung der deutschen Volkswirtschaft dem Ausland gegenüber.
Es handelt sich dabei einmal um die Erschwerungen und Dachteile, welche für das wirtschaftliche Leben bei uns durch die politische Grenzziehung innerhalb des Reiches entstehen. Die politischen Grenzen fallen bei uns in Deutsch-
•) Dgl. die Aufsätze Klute: Geographische Voraussetzungen in Dr. 283 und 284 des G. A. vom 1. und 3. Dez. und Aubin: Geschichtliche Betrachtungen in Dr. 287 und 289 des G. QL vom 6. und 8. Dez.
land keineswegs mit den durch die Datur und die geschichtliche Entwickelung geschaffenen Wict- schaftsZebietcn zusammen und nur allzuoft werden diese letzteren durch die politischen Grenzen durchschnitten. Welche Dachteile daraus in wirtschaftlicher Hinsicht in der allerverschiedensten Richtung entstehen können, ist im vorigen Jahre in einer eingehenden Llntcrsuchung für eines der deutschen G.biete, welche in dieser Hinsicht mit am übelsten daran find, für Mitteldeutschland, gezeigt worden. (Mitteldeutschland auf dem Wege zur Einheit. Denkschrift über die Wirkung der innerstaatlichen Schranken. Im Auftrage des Provinzialausschusses der Provinz Sachsen, her- ausgegeben vom Landeshauptmann der Provinz Sachsen Merseburg 1927.)
Die drei Regierungsbezirke der Provi.iz Sachsen haben insgesamt eine Auhcngrenze von 2428 Kilometer. Innerhalb derselben befinden sich aber nochmals 28 Enklaven, deren Außen grenze für sich noch einmal 1033 Kilometer beträgt. Wirtschaftlich durchaus gleicher.ige und auf das aller- engste miteinander verflochtene Gebiete sind durch^staatliche Grenzen gegeneinander ab gesperrt. Die Folge war, daß dann bei der Neuschaffung bestimmter Einrichtungen, wenn auch mitunter mit äleberwindung großer Widerstände, sich die Entwicklung nicht mchr an die veralteten Landesgrenzen g halten ha', sondern sie einfach negierte. Das gilt z. T. von den neugZchaffenen Landes- finanzämtern, dann noch mehr für die vor kurzem gegründetm Landesarbeitsämter, lenen die Qlr» bcitsvermittelung und die Durchführung der Arbeitslosenversicherung untersteht. Hieß es doch ausdrücklich in dem betreffenden Reichs gesetz, daß die Grenzen der Landesarbeitsämter unter Berücksichtigung »wirtschaftlicher Zusmnmenhänge" zu ziehen seren.
Auch die Wirtschaft selbst ist schon lange über diese Tatsache der Landesgrenzen hinweg gegangen und schließt gleichartige Gebiete und Interessen zusammen. Das gleiche können wir ja im rhrin-- mainischen Wirtschaftsgebiet und in Hessen ve- vbachten, Gebiete, die in ihrer politischen Zersplitterung und gegenseitigen Verzahnung eine recht starke AehnliOeit mit den Verhältnissen Mitteldeutschlands aufweisen. Es braucht nur an den Wirkungsbc-r-ich des LandesarbeitSamtes in Frankfurt oder an die Verbände der Unter- nehmer, z. D. den mittelrheinischen Fabrikantenverein oder den Arbeitgeberverband für Lahn- gau und Oberhessen, hingewiesen zu werden.
Wenn wir nun die Fragen betrachten, welche heute bei uns im innerwirtschaftlichen Verkehr eine größere Rolle spielen und innerhalb der Zuständigkeit der Länder liegen, so gibt es darunter zahlreiche Erscheinungen, für deren Ausgestaltung und Entwickelung die Landesgrenze kein Hindernis fein darf, wenn sie ihren Zweck erreichen wollen. Gerade an solchen Punkten erkennt man deutlich, welche Dachteile für die Volkswirtschaft mit der politischen Kleinstaaterei verbunden sein können. Man denke z. D. an den Ausbau und die Verbesserung des Straßenwesens, an den Dau von Kleinbahnen, an die Regulierung von Flüssen zur Bekämpfung der Hochwassergefahr, an den sich immer mehr ausdehnen- den Fernbezug von Gas, an die Fernversorgung mit elektrischer Kraft: frier hat man Fragen genug, die nur bann schnell und ohne Reibungen ihrer befriedigenden Lösung entgegengeführl werden können, wenn nicht zu viele politische Instanzen bei der ©enefrnrigung und Durchführung mitzureden haben.
Daß dann durch unsere Kleinstaaterei die Masse cm Gesehen und Veroi dnungen ins Unerträgliche anwächst, so vor altem vort, wo verschiedene Länder fast ineinander geschachtell sind, liegt auf der Hand. In dem erwähnten mitteldeutschen Gebiet werden die Gesetze und Verordnungen von fünf Ländern in Berlin, Dresden, Weimar, Braunschweig und Dessau, erlassen. Der erwähnten Denkschrift ist zu entnehmen, daß für dieses relativ kleine Gebiet in den Jahren 1919 bis 1926 rund 3000 Gesetze, Verordnungen und Erlasse in Wirksamkeit getreten sind. Daß dadurch der ganze Gang des wirtschaftlichen Lebens ungemein erschwert werden muß, bedarf keiner besonderen
Begründung. Denft man bann noch an die zahlreichen Enklaven, und daran, daß für wirtscha.ttich so eng Derjunb.ne und aufeinander angewie.ene Gebiete noch eine verschiedene Gerichtsbarkeit, verschied ne Grundsätze für die Verwaltung, verschiedene Vorschriften für Schule und Forlbil- dungSunterricht und für zah reich: andere wichtige Fragen mehr herrschen, dann sieht man ein. daß es sich hier doch z. T. um Zustände handelt, die aus die Dau.r immer unerträglicher werden müssen. D'.e Dach eile der damit verbundenen Vielregicrerei und so verschiedenen Gesetzgebung für das deutsche Wirtschaftsleben müssen dann vor allem deutlich werden, wcim wir auf andere große Staaten blicken, die dank einer günstigeren geschichtlichen Entwickelung nicht mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wenn man auf diesen Gegensatz sieht, bann fallen einem die Worte ein, mit b.-nen vor etwa 100 Jahren Friedrich List die Folgen der deutschen Kleinstaaterei in zollpoli .i scher Hinsicht, dargestellt hat:
„38 Zoll- und Mautlinien in Deutschland lähmen den Verkehr im Inneren und bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes über- fließe. Hm von Hamburg nach Oesterreich, von Berlin in die Schw iz zu handeln, hat man 10 6iaa.cn zu durchschneid n, 10 Zoll- und Mautordnungen zu studieren, lämal Durchgan;S- zoll zu befahlen. W.r aber das ilnglüd hat. auf einer Grenze zu wohnen, wo 3 oder 4 Staaten zusammenstoßen, der verlebt sein ganzes Leben mitten unter feindlich gesinnten Zöllnern und Mautnern, der hat f:in Vaterland. Trostlos ist dieser Zustand für Männer, welche wirken und handeln möchten: mit neidischen Blicken sehen sie herüber über den Rhein,, wo ein großes Voll vom Kanal bis ans Mittelländische Meer, vom Rhein bis an die Pyrenäen, von der Grenze Hollands bis Italien auf freien Flüssen und offenen Handelsstraßen Handel treibt, ohne einem Mautner zu begegnen."
Wenn sich nun darin ja auch alles geändert hat, so treffen diese Worte doch auch in abgemilderter Form, noch auf vieles dessen zu, oas oben dargelegt worden ist.
Am deutlichsten vielleicht kann man die Dachteile dieser Kleinstaaterei für die Volkswirtschaft in ihren finanziellen Wirkungen feststellen. Dicht nur, daß die Realst uern, Grund- und Gebäude- steuer, länderweife sehr verschieden hohe find, dank dieser politischen Zersplitterung ist auch die ganze Verwaltung bet uns relativ teurer als in anderen Staaten. Was den ersten Punkt anlangt, so hat, um dafür nur ein Beispiel zu geben, eine neuere Verbsfentlichung des Statistischen ReichsamtS (Besteuerung und Rentabilität gewerblicher Unternehmungen. Einzelschriften zur Statistik des Deutschen Reichs Heft 4 1928) seft- aestellt, daß eine gleichgroße Unternehmung in der Gesamtheit an Steuern in Bremen 567 000 Mark, in Berlin 722 000 Mk., in München 830 000 Mark und in Rostock sogar 910 000 Mk. an Steuern zahlen muß.
Die Erhöhung der Steuerlasten durch eine zu teuere Verwaltung ist freute ein ganz besonders wichtiger Punkt. Wahrend im Reiche tn den Jahren 1913/14 der gesamte Zuschußbedars der öffentlichen Verwaltungen insgesann 5,4 Milliarden Mk. betrug, erreichte er in dom 3afrre 1925/26 eine Höhr von 11,6 Milliarden Mk., hat sich also mehr als verdoppelt. Allein die Kosten her allgemeinen Verwaltung, auf welche es ja bei der vorliegenden Frage vor allem ankommt, sind in der genannten Periode von 387 aus 668 Millionen Mk. geftiegen. Wenn diese ganze Steigerung auch damit zusammenyängt, daß im Verlaufe dieses Zeitraums die Aufgabengebiete von Reich, Ländern und Gemeinden eine erhebliche Erweiterung erfahren haben, so haben wir gerade einer solchen Entwickelung gegenüber alle Veranlassung, unsere Ausgaben möglichst herabzudrücken. Es besteht keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß dies durch eine Verfafsungs- und Verwaltungsreform in erheblichem Ausmaße geschehen kann.
Goethe-Bund.
Vortragsabend %ranf Zhietz.
Den zweiten Dichterabend des Goethe-Bundes bestritt Frank Thieß mit einem Vortrag über ^Krisis und Deuordnung der Ehe". Wir bekennen offen, in Erinnerung an jene frühere Begegnung mit dem Dichter: es wäre uns lieber gewesen, und wir hätten es für fruchtbarer gehalten, wenn Thieß auch dieses Mal aus feinen Büchern gelesen hätte, anstatt über die Ehe zu sprechen, älnd zwar deswegen, weil wir es für unmöglich halten, daß eine Einzelpcrsunlich- keit, auch eine vom Range des von uns hochgeschätzten Dichters Frank Thieß, Maßgebendes über „ble Che" auszusagen vermag. Wir glauben vielmehr, daß eine Krisis in der Ehe immer nur von den unmittelbar Beteiligten ausgetragen und besprochen werden kann, ilnb wir sind trotz Keyserling, Lindsay, van be Velde und anderen, der Ansicht, daß „bie" Krisis „der" Che — vorausgesetzt, daß sie überhaupt besteht, was erst bewiesen werden müßte und vielleicht nie bewiesen werden kann, nicht durch eine generelle, öffentlich« Verhandlung des Gegenstandes zu beseitigen ist. älebrigens wurde das Bestehen einer Generalkrise vom Vortragenden selbst zu Deginu halb in Zweifel gestellt: jedenfalls aber fraben wir eine eindeutige Erklärung darüber vermißt, worin sie denn eigentlich bestehe. (ilnb immerhin hat d.e angebeutete Annahme etwas für sich, daß wir neuerdings, einer vorübergehenden Mode folgend, uns in eine Ehekrisenstimmung erst hineingeschrieben und frineingerebet fraben, die ofrne ein paar geschäftstüchtig verbreitete und überall biSiüiierte Sensationsbücher wahrscheinlich gar nicht eine solche Verbreitung gesunden frättej
Thieß sagte etwa Folgendes: vermutlich sei die Ehe schon immer eine unvollkommene — ja tragische — Eemeinschaftsform gewesen, vielleicht sogar eben ihrer tragischen Grundgegebenheit wegen immer wieder erstrebt worden: möglicherweise sei das Streben nach der Ehe ein jahrtausendalter Irrtum. Sie sei weder die grüne Dlumenwiefe im Sinne mancher alten Tanten, noch die Hölle im Sinne Strindbergs. Aber es handele sich nicht um ein« Kris« der Ehe, sondern
gewisser Formen, die etwa vor dem Kriege noch gültig waren: wir beftnden uns freute in einer Zeit des Kullurzusammenbruches und der durch den Krieg hervorgerufenen Kulturscheide.
In diesem Zusammenhang wurde der Satz auf- gestellt: Doch nie hat die Liebe in der Ehe die restlose Erfüllung gefunden. Sollte in diesem Satz die Formulierung der vorausgesetzten Krise der Ehe (oder ihrer Formen) enthalten sein, so wäre zum mrnde,ten der Beweis dieser apodikti- fchen Behauptung zu fordern gewesen: keine kleine Ausgabe. Wir hatten überhaupt den Eindruck, daß Thieß sich stellenweise seine Sache recht leicht machte Mft gewissen witzigen Vergleichen und Formulierungen ist zwar leicht eine hübsche Publikumswirkung und verständnisvolles Kopfnicken im Sockle zu erzielen, aber nicht immer etwas bewiesen, geholfen ober gar aus der Welt geschafft. Zur Ablehnung der einschlägigen Literatur, tote sie später geschah, gehört gewiß kein großer krittscher Aufwand, aber an manchen, in die en Tüchern auigetocr.e e.i Problemen — wirklichen und von niemandem ernstlich bestrittenen Problemen — einfach vorbeizugehen, dürfte sicherlich nicht die Ausgabe eines solchen Vortrages, wenn sie schon gestellt wurde, gewesen fein. Wir denken an die vom Vortragenden selbst an* ge.ührte Tatsache des bedrohlichen Frauenüberschusses, die schließlich nicht mit bet Feststellung des Vorhandenseins von etlichen Millionen ^vertrockneter Mädchen" abzutun ist.
Es wurde dann die Frage nach dem Sinn der Ehe gestellt und zunächst die Beantwortung von Staats wegen mit dem berechtigten Hinweis auf große- aus den Geburtenüberschüssen sich ergebendes soziales E.end abgelehnt. (Obwohl ein Staat nicht nur aus militaristischen Gründen an der Fortpflanzung interessiert zu sein braucht, wie Thieß es darstellte: entscheidend für den kulturellen Stand ist natürlich die Qualität, nicht die Ziffer der Bevölkerung, was nachdrücklich und mft Recht betont wurde.)
Es wurde weiter gesagt: das sexuelle Element sei nicht in erster Linie für Glück und Wert einer Ehe ausschlaggebend. Der Rang einer Ehe bestimme auch den Rang der beiden in ihr vereinigten Menschen. (Eine sehr bedenkliche Behauptung I) Dann die Beantwortung der zuvor gestellten Frag« nach dem Sinn der Ehe: wech
selseitige Ergänzung, Steigerung und Erneuerung: was ja allerdings seft Dietzsches berühmter Forderung keine sehr überrraschende Formulierung ist.
Mft voller Berechtigung wandte sich dann der Vortragende gegen die aus dem Geiste der Gegenwart geborene Wendung zur Mechanisierung, zur mißverstandenen Sachlichkeit und Gefühlsleere, die wie alle übrigen Lebensformen auch die Ehe einbeziehen möchte. Er lehnte von den In jüngster Zeit aufgetauchten Reformver- suchen vor allem diese drei nachdrückllch ab: van de Veldes „Erotisierung", die von Frankreich aus propagierte Polygamie und das russische „System", das sich im wesentlichen auf einem äußerst bequemen Scheidungsparagraphen aufbaut. Uebrigend wurden auch hier wesentliche Probleme, tote die Polygynie des Mannes, nur eben im Vorübergehen gestreift.
In der Ehe kommt es, wie weiter ausgeführt wurde, auf den freien Willen zu dauernder Gemeinschaft an. Ungemein sympathisch wirkte — entgegen allen modernen „Richtungen" — die Betonung des Liebesgefühls (das mit sexuellem Antrieb nichts gemein hat) als des erhaltenden Wesenskernes jeder ehelichen Gemeinschaft. Sehr überzeugend auch die Abgrenzung der Begriffe von „Ehebruch" und „ehelicher Untreue“. Alte Formen sollen gelockert werden: Freiheit des ehelichen Partners sei zu erstreben. Es gebe fein Rezept und keinen Fahrplan für die Ehe. Und — als gutes Schlußwort —: die größte Sünde wider die Ehe ist die Trägheit des Herzens. — y —
Finkelstein, das Rechenwnnder.
Dor Mitgliedern der Dalursorsche^den Gesellschaft und des Aerz evereins 'Berlin demonstrierte dieser Tage nach einem Bericht aus Danzig das polnische Rechenphänomen und Zahlenwunder E. Finkelstein, seine ganz außero-d.n lichen Leistungen, mi. freuen er Wohl alle lebenden Rechenkünstler in den Schatten stellt und mit denen er die interessierte Wissenschaft in Erstaunen setzte. Die D.D.D. becichen über die Demonstrationen u. a. folgendes: Die Vorführung Finkelsteins, die zum Teil mit fr?r Stoppuhr kontrolliert wurde, übertraf alle Erwartungen und
Montag, 16. Dezember (928
Es ist leicht zu zeigen, nach wie vielen Seiten hin eine solche Ermäßigung der steuerlichen Lasten unser CEirt chas.Llcb.n günstig beeinflussen kann. An dieser StZle fei nur auf die Wirrungen auf den Arbeitsmarkt und die Lage der Arvefter- schast verwiesen.
Was den ersten Punkt anlangt, so ist bekannt, daß unsere Warenausfuhr in erster Linie aus fertigen Warm bestehl. Es muß unser Bestreben fein, diese Gruppe der Ausfuhr mög.ichst zu steigern: je mehr fertige Waren wir näm.ich aus- führen, um) je mchr solche Waren, die möglichst viele Produktionsstadien bis zu ihrer Fer ig* stellung durchlaufen hab n, um so mehr Arbeitsgelegenheit und Arbeitslohn ist in i men enthalten, um so günstiger wird aJo der Einfluß auf den deutschen Arbei.smarkt fein. Gerade fertige Waren als grundsätzlich beliebig vcr.nehr- bare Produkte unterliegen auf dem Weltmarkt der schärfsten Konkurrenz, und eine Vermehrung der fertigen Waren bei der Ausfuhr kann nur ftattfinben, wenn wir in der Preisstellung Anstande sind, den Wettbewerb anderer Datlonen auf dem Weltmarkt erfolgreich zu bestehen. Daß cd dabei aber in erster Linie auf die Hohe ter eigenen Produktionskosten ankommt, und daß auf diese die Höhe der Steuerlast von Einfluß ist, bedarf keiner besonderen Ausführungen. Umgekehrt liegen die Verhältnisse bei der Einfuhr. Hier ist es für die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt wichtig, daß diese Einfuhr möglichst arbeitsextensiv ist, also möglichst wenig ferti 'e Waren enthält. Das wird um so eher der Fall fein, je toruiger das Ausland in tiefen Waten auf dem deutschen Markte wettbewerbsfähig ist. Sieben anderen Faktoren, auf welche an dieser Stelle nicht genauer eingegangen zu werden braucht, üben aber auch daraus die Höhe der eigenen Produktionskosten und damit auch die Höhe der Steuerlast einen wesentlichen Einfluß aus.
Was den zweiten Punkt, den Einfluß der Steuerlast auf die Lage der Arbefterschaft anlangt, so ist hier mcht nur an die Steuern gedacht, welche der Arbeiter bei uns vor allem in Fornr von Verbrauchsabgaben unmittelbar selbst zu zahlen und zu tragen hat. Man könnte aber wohl daran denken, daß bet Ersparnissen in der Verwaltung gerade solche Steuern eine Ermäßigung erfahren würden. Dann würde der günstige Einfluß solcher Reformen für die Lage der Arbeiterschaft auf der Hand liegen Das gleiche wäre jedoch auch der Fall, wenn solche Steuern ermäßigt würden, die unmittelbar von der Wirtschaft gezahlt werden Bei dem großen Arbeitskampf, der sich jetzt in der nordwestdeutscheN Eisenindustrie abspielt, wird von deren Vertretern immer wieder darauf hingewiesen, daß die von den Gewerkschaften verlangten Lohnerhöhungen für sie wirtschaftlich untragbar seien und unweigerlich zu einer Preisheraufsetzung führen müßten Es ist aber leicht einzusefren, daß Steuererleichterungen für die Industrie die Möglichkeit geben, in der em sprechenden Höhe Lohn- Relgenmgen vorzunehmen, ohne daß damit gegenüber dem bisherigen Diveau die Produktionskosten steigen so daß sich dann Preissteigerungen erübrigen würden Alles, was die Produktionskosten der Industrie herabsetzt, mag das nun eine erfolgreich durchgeführte Rationcllisierung, eine Verbilligung des Zinsfußes oder ebne Herabsetzung der Steuerlast sein, eröffnet die Möglichkeit zu Lohnstetgerungen, ohne daß eine Erhöhung der Preise ftattfinben müßte. Daß aber allein solche Lohnsteigerungen für den Arbeiter von Wert sind, denen nicht bald daraus Preis- freraufsetzungen folgen, ist Rar.
Diese kurzen Darlegungen mögen genügen, um zu zeigen, worin vor allem die Volkswirt schast - siche Bedeutung einer gründlich durchgeführ.en Verfafsungs- und Verwaltern gsresorm liegt. Der Rationalisierung, welche unsere Industrie an so wichtigen Punkten mft so großem Erfolg durch- gefüfrrt hat, muß auch eine rationelle Wirtschaftsführung unserer ganzen öffentlichen Verwaltung folgen Es kann frier, wenn wir kleinliche parttkularisttsche Bedenken beifeite lassen, und nur auf das Ganze sehen, etwas geleistet werden, auf das die Worte Geltung haben rönnen, welche der preußische Minister Motz, einer der verdienstvollsten Vorkämpfer der deutschen Zoll- eimgung im Jahre 1828, also gerade vor 100
alle bisher als Rekorde auf diesem Gebiete bezeichneten Leistungen. Zuerst wurde Finkelstein eine Reihe einstelliger Zahlen, etwa 30, diktiert, die er nach einem Blick auf die Tafel auswendig von links nach rechts und in umgekehrter Reihenfolge wiederholte. Danach wurden ihm 5 zweistellige Zahlen diktiert. Er erhob die Summe der Quadrate der 5 Zahlen in die zweite Potenz auswendig mit verblüffender Schnelligkeit. Ferner wurde ihm eine Menge Daten, Jahreszahlen, Worte, Telefonnummern usw. diktiert, die er seinem Gedächtnis blitzschnell einprägte. Er berechnete u. a. im Gedächtnis 9 in der 11. Potenz, berechnete aus dem Kopf mehrere Logarithmen, zerlegte mehrstellige Zahlen in vier Quadrate im Laufe einiger Sekunden, lernte dann ein in 25 Felder geteiltes Quadrat mit 25 Ziffern im Laufe von 15,1 Sekunden und rezitierte dessen Zahlenreihen in vertikaler, horizontaler Richtung sowie fr gar in der Spirale. Erstaunenswert war folgendes: Finkelstein multiplizierte zwei mehrstellige Zahlen int Gedächtnis, wobei er gleichzeftig laut in einem Buche las. Kein Rechenkünstler der Welt hat bisher eine derartig unglaubliche Teilung drr geistigen Kräfte femggebracfrt. Im schrit sichen Rechnen multiplizierte das Phänomen dteistelligs Zahlen in 2.7 Sekunden. Vierstellige in etwa 7 Sekunden. Ferner addierte er Reihen von, einstelligen Zahlen mit einer derartigen Geschwindigkeit, daß man überhaupt die Stoppuhr nicht anwenden konnte. Ueaeratl konnte fest- gcftcllt werden, daß die bestehenden Weltrekords ganz bedeutend geschlagen waren. Aus die Frage aus dein Publikum, wieviel Dezimalstellen der Zahl Pi er im Gedächtnis hat, nannte Finkelstein unter Kontrolle 330 Dezimalstellen. Finkelstein hat Hunder.e von Jahreszahlen, Loga- ri.fr.nen, Potenzen in einer jede Erwartung üuer» fteig.iiOen Menge im Gedächtnis. — Der Hochschulprofessor Dr. Hennig vom psychotechnischen Institut äußert sich ücec die Gedächtnisleistungen Finkelsteins, daß eine Erklärung streng wissenschaftlicher Art bis jetzt noch nicht zu geben sei. Er glaubt, daß das Phänomen dis Zahlenreihen^ so in sich aufnimmt, daß sie plastisch innerlich von ihm geschaut werden und gewissermaßen bei der Reprvdnflion das Geschaut- innerlich abgelesen werde.


