Ausgabe 
10.10.1928
 
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Dein Haus, ein Staat, eine Kirche im Kleinen". Der Vortragende versteht dieses Thema als eine Gewissensfrage an den einzelnen, ob auch sein Haus ein Staat und eine Kirche im Kleinen und ein Jungbrunnen für beides ist, ein Staat im Kleinen, wo mit starker Hand und gebietender Autorität Recht und Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person geübt, wo mit Umsicht und Entschlossenheit der tausendfachen Not der Gegenwart nach Kräften gewehrt und die Welt der geistigen Güter höher geachtet wird als irdischer Gewinn. Und dazu eine Kirche im Kleinen, eine Hausgemeinde, die sich täglich um Gottes Wort und'jeden Sonntag auch in Gottes Haus versammelt, in der die Jugend an die Kirche gewöhnt, aber nicht mit gesetzlichem Geist und frommem Unverstand zu chr gezwungen wird, ein Haus, wo man in der Liebe Christi und nach dem Vorbild seiner Gemeinde auch Schwache und Irrende tragen, Trotzigen mit Sanftmut begegnen und Sünde vergeben kann, wo man für neue Fragen und Wege einen aufgeschlossenen Sinn, für alles Schöne und Große eine offene Hand, für die Not der Kirche und für ihren Beruf an den Heiden ein weltweites Herz hat, wo man aber auch über

diese Zeit hinweg in die Welt der Ewigkeit ein­taucht und in heiligem Warten der Vollendung harrt.

In der anschließenden Aussprache berichtete ein Besucher aus dem Kurhessischen über die dortigen Schulverhältnisse und gab einige Anregungen für die christliche Jugenderziehung und die Beratung von Wankelmütigen. Anschließend hieran dankte Bundespräsident v. Schwerin allen, die bei der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung mitgewirkt haben, während Direktor Winkler noch einige geschäftliche Mitteilungen machte. Pastor Heil (Schkopau) faßte in seinem Schlußwort noch einmal in packenden Worten das Ergebnis der Tagung zusammen, die gezeigt habe, was fein soll und was nicht ist. Alle Gedanken und alle Arbeit seien umsonst, wenn nicht jeder nach Kräften dazu beitrage, daß das Gehörte und Besprochene sich auswirke. Nach einem weiteren Chor des Kirchen- aesangvereinsAch bleib bei uns Herr Jesus Christ", Gebet und dem gemeinschaftlichen LiedAch bleib mit Deiner Gnade" fand die Tagung ihren Ab­schluß.

Zubiläumsiagung des Hessischen Landeslehrervereins.

Eigenbericht desGießener Anzeigers".

tos. Darmstadt, 9. Okt.

Die ganze Veranstaltung wurde von dem Darm­städter. Leyrerverein vorbereitet und geleitet, und man muß anerkennen, daß alles getan wurde, um die Feier würdig und glanzvoll zu gestalten.

An den Festakt schloß sich am gestrigen Tage ein F e st e s s e n für die Ehrengäste, den Dorstand und die Ehrenmitglieder. Hm 8 Hhr folgte der Fe st a b e n d. 3m überfüllten Saalbau lauschten etwa 2000 Besucher den Darbietungen des In­strumentalvereins, des Stadtorchesters, des Sängerchors der Darmstädter Lehrer und des Ge­mischten Chores. Außerdem wirkten Kräfte des Landesthraters mit. Der Abend verlies glänzend.

Heute morgen fand in der Stadtkirche eine kirchenmusikalischeMorgenfeier statt, die den Tag der Hauptversammlung wür­dig «inleitete.

Hm 1/211 Hhr eröffnete Obmann Reiber die Versammlung. begrüßte den Staatspräsidenten und die erschienenen Ehrengäste, sowie die Der- treter fast aller Zweigvereine des Deutschen Lehrervereins und die Mitglieder des Hess. L.L.Ds. Er gab dann das Wort Prof. Dr. Ju­lius Goldstein von der Technischen Hochschule zu fernem Dortrage

Oie Schule im Dienste der Bolks- versöhnung und der Dölkerversöhnung

In zweistündiger Rede führte der Dortra- gende etwa folgendes aus: In der Vergangen- heit gab es keine Dolksgemernschaft. Adel, Geistlichkeit und Bürger bilbeten 3 Klassen. Dolksversöhnung soll nun nicht eine Illusion sein, etwa nach dem Wort:Seid umschlungen, MillionenI", denn Partei- und Interessengegen­sätze werden bleiben. Dolksversöhnung kann nur bedeuten, die Menschen zu einem sittlichen Ver­halten zu erziehen, daß über allem Trennenden hinweg der letzte Zusammenhalt des Volksbe- wuhtseins und der Dolksgemeinschast vor Zer­störung bewahrt wird. Die Aufgabe der Schule ist zunächst eine indirekte. Sie kann in der Seele des Kindes jene positiven Affekte zur Weckung bringen, stärken und mehren, jene Gefühle, die zur Stärkung des Gemeinschaftsbewuhtseins führen. Haß und Verachtung muß aus der Seele des Kindes verbannt werden. Ein Hrteil über den Einfluß der Grundschule kann zur Zeit noch nicht gefällt werden. Dagegen ist der Einfluß der Simultanschule ganz be­deutend.

Heber die Toleranz ist in den letzten 30 Jahren fast keine Literatur erschienen. Der Red­ner bezeichnet das als eine erstaunliche Erschei­nung. Was ist Toleranz? Diejenige Gesinnung, die bei allem Festhalten an der eigenen Heber­zeugung die andersartige, ehrliche Heberzeugung eines Mitmenschen achtet und die sachlichen Ge­gensätze nicht in persönliche Feindschaft und Aechtung ausarten läßt. Er sprach weiter von

der vergiftenden Intoleranz, unter der wir alle leiden. Früher wurde diese Intoleranz vom Staate gegenüber den Hntertanen ausgeübt, heute herrscht sie zwischen den einzelnen Bürgern (Par­teien). Jetzt ist die Intoleranz demokratisiert worden und bildet ein großes Hemmnis für die Dolksversöhnung. Der Redner glaubt, daß sie in keinem Lande so stark vertreten ist, wie in Deutschland. Was soll die Schule nun tun? Das Kind ist von Ratur intolerant. Das ist schwer zu bekämpfen. Dazu kommt nun die Er­ziehung des Elternhauses. Es dürfte nicht vor­kommen, daß sich Schüler parteimäßig abson- dern. Meistens sind es Schlagworte, die von außen in die Schule getragen werden.

Leider haben die Iugendfeste, die mithelsen sollten an der Dolksversöhnung, versagt. Es gibt einen Austausch der Schüler nach dem Aus­land. Warum nicht auch nach dem Inland? Die Schule soll im Dienste der - Dolksversöh­nung stehen. Sie kann es, wenn sie gegen, die Intoleranz ankämpft, wenn sie das Gemein­same pflegt.

Volks- und Dölkerversöhnung müssen zusammengehen. Dölkerversöhnung setzt die An­erkennung verschiedener Rationen und ihrer Eigenhenen voraus. Die einzige Partei in Deutschland, die gegen Dölkerversöhnung ist, ist die kommunistische. Alles andere, außer Arbeitern und Dauern, wird von ihr bekämpft.

Zwischen den Staaten herrscht leider noch das Faustrecht, die Gewalt ist zur Zeit herrschend. Die Schule soll nun mithelfen, den Dölkerhaß zu beseitigen. Wenn immer wieder in die Kinder­seelen eingepflanzt wird, daß auch ohne Krieg, ohne Giftgas, Verständigung erzielt werden tarnt, dann wird das in der Zukunft schon Früchte bringen.

Der Redner ging dann auf die Tragik des Wettrüstens ein, erinnerte an die 10 Millionen Männer, ine im Kriege ihr Leben gaben, und erwähnte ein Bismarckwort:Die Politik unserer großen Staaten kann man mit zwei Reisenden vergleichen, die einander nicht kennen, von denen einer dem andern nicht traut. _

Der BegriffVaterland" darf keine über­steigerte Form annehmen (Frankreich). Diesen heidnischen Rationalismus, der alle sittlichen Werte auflöst zugunsten eines einzelnen, der moralisch verheerend wirkt, bezeichnete der Redner als die Lustseuche des Geistes, die aus Frank- reich gekommen ist. Die Schule des 20. Jahrhun­derts muh neben der Pflege der nationalen Idee auch die Pflege der Idee der Dölkerversöhnung übernehmen.

Wir müssen dem Kampftrieb der Jugend neue Ziele geben. Der Sport ist hier ein gutes Mittel. Es gibt nicht nur einen militärischen Mut. (Bismarcks Wort von der Zivilkourage!) Für den Lehrer ist ein weltgeschichtlicher Augen­blick gekommen. Er wird aufgerufen, im Dienste der Volks- und Völkerversöhnung zu wirken.

Wir alle arbeiten am edelsten, was wir Menschen besitzen, an der Jugend. Hnser Vaterland haben wir übernommen. Hnser Kinderland, das wollen wir im Geiste der Volks- uttd Dölkerversöh­nung aufbauen helfen, auf daß dereinst ein glückliches, dem dumpfen Schicksal entwachsenes Geschlecht einherschreitet auf freiem deutschem Boden. (Lebhafter Beifall.)

Obmann Reiber dankte dem Dortragenden für seine vorzüglichen, stilistisch wundervoll aus­gearbeiteten Darbietungen, und legte in kurzen Ausführungen noch dar, daß die Lehrerschaft schon jetzt gegen jeden Abbau auf kulturellem Gebiet Einspruch erhebt. Die Arbeiten des Spar- kommissars stehen nämlich vor ihrem Abschluß. Richt Abbau, sondern Aufbau der hessischen Volksschule! Errichtung eines pädagogischen Instituts in Gießen wird verlangt.

Der 2. Dorsitzende, Lehrer Äaufmann-Gie- ßen, dankte zum Schluß dem Obmann Reiber für seine Ausführungen und den Darmstädter Lehrern für die unvergeßlichen Stunden, die Hessens Lehrerschaft in diesen Tagen erleben dursten. _________________________

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

0 Allendorf a. d. L a h n, 9. Oft. In unserem vollbesetzten, reichgeschmückten Gotteshause wurde am Sonntag das diesjährige Erntedankfest würdig begangen. Verschönert wurde die Feier durch den Vortrag zweier Chöre des hiesigen Kir­chenchors. Unter der bewährten Leitung von Leh­rer Kimmel sang der ChorNun preiset alle Gottes Barmherzigkeit" undMein Herz, nun heb' dein Singen an". Der Text des zweiten Liedes ist von Herrn Kimmel selber gedichtet. Die dies­jährige Druscharbeit konnte dieser Tage be­endet werden. Es geht damit viel rascher, seitdem wir unsere eigene Dreschmaschine haben.

ch Lollar, 9. Oft. Als Abschluß feiner Som- mertätigteit veranstaltete der hiesige Radfah­rer-Verein 1 895 am Sonntagvormittag für seine Mitglieder ein in 4 Gruppen (2 Iugend-- und 2 Altersgruppen) eingekeiltes Fahren Rund um den Lollarer Kopf". Die beiden Iugendgruppen hatten je 15 Kilometer, die zwei Altersgruppen je 8 Kilometer zu fah­ren. Die gefahrenen Zeiten sind in Anbetracht der zu überwindenden Steigungen und des feuch­ten Bodens als gut zu nennen. Eine besonders gute Zeit erzielte der älteste Teilnehmer, der 48 Jahre alte Fahrer Karl Hildesheim, der die Strecke in 17 Win. 52 Sek. durchfuhr und damit auch die beste Fahrzeit der beiden Alters- llassen aufzuweisen hatte. Die Cinzelergebnisse sind: Gruppe 1 (bis 18 Jahre): Hans Wickel 39,54, und Erich Seipp 39,56. Gruppe 2 (bis 25 Jahre): Bäcker Kreut er 30,30, Robert Ringleb 31,30, Erich Moos 34,30, Rudi Scherb 41,30, Theodor Pfaff 42,20 und Al­bert Wörner 45,30. Gruppe 3 (bis 35 Jahre): Albert Lynker 20,55, Hermann M ü h l i ch 21,10, Ludwig Drückmann 21,11, Otto Frank 21,12 und Wilhelm Zeug 26,00. Gruppe 4 (über 35 Jahre): Karl Hildesheim 17,52 und Wil­helm Sehrt 22,40. Erwähnt sei noch, daß zwei Knaben, Helmut Frank (5 Jahre alt) und Hel­mut Seipp (8 Jahre alt), die 8 Kilometer lange Sttecke auf ihren kleinen Rädern in 31 Minuten zurücklegten. Am Abend vereinigten sich die Mit­glieder mit Angehörigen im VereinslokalZur Germania" zu einem gemütlichen Zusammensein mit Preisverteilung. Für die Wintermonate sind von unseren Ortsvereinen Veranstaltungen der verschiedensten Art geplant und z. T. schon in Vorbereitung. So wäre wohl als erste dies­jährige Veranstaltung dieser Art das von der Sängervereinigung Lollar" für den ersten Rovembersonntag festgelegte Konzert zu nennen. Reben dem anerkannt guten Sänger­chor unter der ausgezeichneten Stabführung seines Dirigenten Rhode aus Marburg ist die Kapelle des Ausbildungsbataillons 3.-R. 15 aus Mar­burg bei persönlicher Leitung durch den Musik­meister Grosse zur Mitwiickung gesichert.

Bg. Grvßen-Buseck, 9. Okt.. Der Turn­vereinGut Heil", seither dem Lahn- Dünsberg-Gau Südwestdeutscher Turnver- band angehörig, hat nach einem Mehrheits­beschluß des Vorstandes seinen Hebertritt zur Deutschen Turnerschaft angemeldet. Beantragt wurde dieser Schritt von der Hanö- ballmannschaft, die glaubt, in der Deutschen Tur­nerschaft ein größeres und geeigneteres Be- nnonniiimiiiBiriii 11 hm n mb i ihmiiinun! hibiiii i i i

tätigungsseld zu haben. Gastwirt Wilhelm Wagner lieh am Sonntagabend in feinem Saale ein Konzert veranstalten. Es wurde ausgeführt von der Gießener Militär­kapelle unter Leitung des Obermusikmeisters Gober. Die Darbietungen fanden, wie gar nicht anders zu erwarten, begeisterten Anklang. Be­sonders gefielen die Solls, der Fanfarenmarsch und der Zapfenstreich. Die Kapelle verstand sich zu zahlreichen Zugaben. Hoffentlich bleibt dies nicht die einzige derartige Veranstaltung dieses Winters.

* Ober-Bessingen, 9. Oft. Am Sonntag fand in unserem Orte Bürgermeisterwahl statt. Der seit sechs Jahren an der Spitze unseres Gemeinwesens stehende Bürgermeister Heinrich Keil wurde einstimmig wiederge­wählt. Hnfere Gemeinde wünscht dem wiedgr- gewählten Bürgermeister, der sich allenthalben im Dorfe größten Derttauens erfreuen kann, daß auch die neue Amtsdauer von neun Jahren eine recht glückliche sei.

f Obbornhofen, 9. Ott Während in den letzten Jahren hier die Reubautätigfeit völlig ruhte und auch noch im Frühjahr da­niederlag. wurde im Spätsommer mit der Er­richtung zweier Wohnhäuser, davon eines ein Zweifamilienhaus begonnen. Die drei Bauherren sind Mitglieder der Deutschen Bau- und Sied- lungsgenvssenschaft, Darmstadt, und es wurde ihnen die Zuteilung eines Daudarlehens für diesen Herbst in Aussicht gestellt. Gegenwärtig * wird bet Turm der Kirche einer Reu­deck u n g unterzogen und dabei das Kreuz, die Kuppel und der Gockelhahn heruntergeholt, um neu hergerichtet zu werden. Leider findet sich feine Jahreszahl oder ein sonstiger Vermerk, woraus über das Alter der Gegenstände etwas zu ersehen wäre. Auch barg die Kugel keinerlei Inhalt, wie man ihn sonst findet. Der Hahn ist vollständig verrostet und muh durch einen neuen eissetzt werden. Die Arbeiten werden durch Dachdeckermeister Gbersohn von Hungen aus­geführt.

Kreis Friedberg.

WSR. Bad-Rau heim, 9. Oft. Dom Fried­berger Q3ürg erntet ft et Dr. Seyd war in der letzten Friedberger Stadtverordnetensihung öffent­lich behauptet worden, die Bad-Rauheimer Kläranlage, die bekanntlich eine der modern­sten Anlagen dieser Art ist, könne als vollkommen verfehlt angesprochen wcrden. In der gestrigen Bad-Rauheimer Stadtverordnetensitzung wandte sich die Bad-Rauheimer Stadtverwal­tung ganz entschieden gegen diese Behaup­tung und entkräftete sie durch Erklärungen des Kulturbauamts Friedberg. Die Stadtverordneten­versammlung billigte die Erklärungen der Stadt­verwaltung und gab ihrem Erstaunen dar­über Ausdruck, in welcher Art und Weise die Bad-Rauheimer Kläranlage in der Friedberger Oessentlichkeit behandelt worden ist.

> G a in bach, 8. Oft. Gestern abend kurz nach 8 Hhr gaben unsere Glocken Feuer­alarm und brachten die Einwohnerschaft in große Aufregung, da man allgemein nach der Rauchentwicklung annahm, eine Scheune in der Holzheimer Straße stünde in Brand. Bei nähe­rem Zusehen waren es jedoch nur einige Stroh­decken und Bretter, die sich ganz in der Rahe eines brennenden Backsteinosens befanden und Feuer gefangen hatten. Die Gefahr wurde so­fort beteiligt und die benachbarte Scheune war gerettet. Ein besonderes Lob verdient die Feuer­wehr, die im Ru zur Stelle war und Hilfe leisten konnte.

Kreis Schotten.

Laubach, 9. Okt. Dom schönsten Wetter be- günsttgt. unternahm am Sonntag der hiesige Zweigverein des Vogelsberger Hö­he-nclubs seine 8. Wanderung unter Führung von Kaufmann Justus jr. Die Wanderung führte durch eine reizvolle, herbstlich gefärbte Gebirgslandschaft. Zuerst wurde das Horlofftal bei Gonterskirchen durchschritten. Sodann ging es zum hochgelegenen Stomfels, das eine präch­tige Aussicht bot, hierauf über das Reipperts durch das Gierbachtal nach Schotten. Hier wurde im Klublokal des Zweigvereins Schotten imHessischen Hof" (bei L. Hufnagel) fröhliche Einkehr gehalten. Rach jeder Seite befriedigt, wurde der Heimweg durch die herrlichen Lau­bacher Waldungen genommen. Zu Ehren von Bernhard Grasen zu Solms-Lau- b a ch. der mit seiner ihm kürzlich angetoauten Gemahlin, geb. Gräfin zu Castell-Rüdenhausen,

Geld fällt Dom Himmel.

Roman von Paul Enderling.

Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.

13. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Unwillkürlich folgte er der Richtung, die ihr aus­gestreckter Zeigefinger ungeniert wies.

Es ioar Brodersens Wagen. Er erkannte ihn so­fort. Drinnen saß Inge mit ihrem Vater.

Seine Hände zuckten zum Hut. Aber Brodersen saß, wie immer, unbeweglich nach vorn starrend, ein grimmiger Hüter der Schönheit neben sich. Und Inge blickte in diesem Auaenblick beiseite, nach der Auslage eines Blumengeschäfts. Hatte sie sich eben umgedreht, um seinen Gruß zu vermeiden, oder halle sie ihn wirklich nicht bemerkt?

War das nicht der reiche Brodersen?" fragte Martha Rebmann neugierig.Wer Sie find ja ganz rot geworden."

Unsinn", entgegnete er grob.Das macht nur der heiße Tag."

Sie sind aber plötzlich rot geworden", beharrte sic.Kennen Sie die Dame?"

Wollen wir nicht von etwas anderem sprechen?"

Als er wütend mit der Faust auf den Wagenschlag fuhr, gehorchte sie , von ihm abrückend. Haß glomm in ihren Augen auf.

Nach einer Weile stieß sie in bltterm Ton hervor: Ich begreife. Sie wollen mit mir vor dieser Dame nicht gesehen werden. Sie genieren sich. Ich stehe ja so tief unter ihr, nicht wahr?"

Als er erbittert schwieg, fuhr sie gehässig fort:Wie gut es doch diese reichen Mädchen haben!" Sie ballte die Handschuhe zusammen, die sie in den bloßen Händen gehalten. Ihr Gesicht war verzerrt.

Er sah auf diese gestopften Zwirnhandschuhe und empfand etwas wie Rührung.Ob sie es gut haben bloß weil sie jeden Tag im Auto fahren können, noch dazu im eignen? Glauben Sie wirklich, daß das Geld das. Glück entscheidet?"

Ja, das glaube ich", stieß sie unter zusammen­gepreßten Lippen hervor.

Er zuckte die Achseln. Natürlich, das war die Weis­heit aller derer, die das Geld nicht besaßen. Es halle keinen Sinn, da mit Logik zu kommen.

Der Wagen fuhr langsam die Rückertstraße empor. An einer starken Kurve bog er scharf ab, um einem Lastkraftwagen auszuweichen.

Grotteck sah djcht vor sich Brodersens großes gel­bes Haus. In dem breiten Vorgarten arbeitete ein Gärtner. Auf dem Balkon, da, wo er gestern mit Inge gestanden hatte, stand Blinsky, die Hand über der Stirn, als blicke er einem bestimmten Gegenstand nach.

Grotteck erkannte das kühle, geringschätzige Lächeln, und er fühlte sich erleichtert, als der Russe sich abwandte.

Einige Minuten später ließ er den Wagen vor dem Waldcafs halten. Es hatte keinen Sinn, diese Fahrt noch länger auszudehnen, und er suchte nach einem Grund, seine stummgewordene Begleiterin zu verlassen.

Er trank schweiaend einen elenden Kaffee. Martha Rebmann schien seine schlechte Laune nicht zu be­merken. Sie wurde plötzlich redselig und erzählte un- oermillelt, in ihrem Eis löffelnd, von der Spani­schen Wirtschaft, von ihren Kolleginnen und den musikalischen Wünschen des Publikums.Viel Ver­gnügen macht es ja nicht, immer diese Schmarren zu spielen, aber es bringt doch etwas Geld ein. Und essen dürfen wir auch da, und der dicke Quevedo läßt sich dabei nicht lumpen. Und wenn solche Gäste wie Sie kommen, ist er noch um ein paar Grad höflicher."

Es kommen wohl nicht oft solche Gäste?" fragte er, endlich sein Schweigen brechend.

Ein Schatten flog über ihr Gesicht.O ja. Hin und wieder. Der Alcazar gilt ja als eine originelle Gaststätte. Aber sie find nicht alle so gut wie Sie."

Nun tat sie ihm wieder leid. Er bemühte sich, sie seine Schärfe von vorhin vergessen zu lassen, was ihm leicht gelang.

Ich bin gar nicht gut", sagte er, während sie den Weg zum nahen Wald einschlugen.Ich bin nur liebenswürdig, vielleicht auch gutmütig. Wer das ist etwas ganz andres. Zur Güte gehört bisweilen eine Härte, die ich leider nicht besitze. Mein Vater sagte immer: .Menschen, die nicht nein sagen können, kommen unter die Räder?"

Ihr Herr Vater lebt noch?" fragte sie. Sie sagte: Herr Vater! Anstandslehre dachte er, das Buch des guten Tons, na ja.

Nein, meine Mutter bewirtschaftet das Gut allein."

Ein Gut? Das muß herrlich fein. Ich bin noch nie auf ein richtiges Gut gekommen."

Ja, die Städter träumen vorn Landleben, auch wenn sie nicht Gerste von Lupinen unterscheiden können, und die Landleute laufen in die Städte wie die Motten ins Licht. So harmonisch ist der Sinn des heutigen Menschen."

Ist es ein großes Gut?"

So ziemlich. Aber es ist so weit von hier, daß ich Ihnen alles mögliche vorfchwindeln könnte, ohne daß Sie es zu kontrollieren vermöchten. Lassen wir das also."

Könnten Sie mich überhaupt anlügen?" fragte sie mit einem koketten Augenaufschlag.

Aber mächtig. Sie ahnen gar nicht, welche Kreise meine Phantasie zu ziehen vermag."

Phantasie? Dann raten Sie, woher ich flamme."

Sie? Aber das ist doch klar. Sie sind ein Zigeunerkind. Aus dem Stamm jener, welche lieben, wenn sie leben."

Ihre Stirn krauste sich zu drolliger Wichtigkeit. Sie irren. Ich bin aus einer guten Familie. Mein Vater ist ... aber das ist ja egal. Und ich habe das Konservatorium besucht."

Also eine höhere Tochter. Wer warum leben Sie dann in der verruchten Lust des Alcazar?" Nun würde eine lange Lügengeschichte kommen, vollge­stopft mit Romantik wie die guten Würste daheim mit Fett und Majoran: erste, unglückliche Liebe, die harten Eltern, die Flucht bei Mondschein ich werde kein Wort glauben.

Aber es kam nichts davon.Mein Bubikopf mar schuld daran!" Er glaubte nicht richtig gehört zu haben.Ihr Bubikopf?"

3a, mein Vater erlaubte mir nicht, mein Haar zu schneiden. Es war auch beinahe schade: es reichte so weit." Sie deutete naiv die sanfte Rundung ihrer Hüften an.Mein Vater hielt das für eine Erfin­dung des Teufels. Er ist bei einer Sette, müssen Sie wissen, wo man alles schrecklich ernst nimmt Und als ich doch zum Friseur ging und mit abge­schnittenem Haar zu Hause ankam es war gerade beim Mittagessen, hieb er mit dem Löffel in die Nudelsuppe, daß sie über das Tischtuch spritzte, Iunb schrie, nur Dirnen trügen sich so, und eine Dirne fei nicht seine Tochter. Dann ließ er mir durch meine Mutter Geld geben, das gerade für einen Mo­nat reichte, und draußen war ich."

Was es doch für Tragödien gibt! Selbst meine Phantasie wäre nicht auf ein so pikfeines Motto verfallen. Heute könnte es sich Goethe mit feinem Gretchen leichter machen."

Sie lachen", schmollte sie.Wer es war lange Zeit gar nicht zum Lachen. Gar nicht, versichere ich Ihnen."

Er ergriff ihre Hand.Das Lachen ift nur äußer­lich. Ich bedauere aufrichtig, daß Sie an einem falschen Platz sind. Vielleicht kann man das aber ändern."

Er verwünschte seine Ritterlichkeit, als sie sich an ihn schmiegte und ihre schönen dunkeln Augen zu iym aufsahen.

Er befreite sich vorsichtig von ihr und ging den Waldweg voran. Ein weiter Blick öffnete sich. Der Wald kletterte die Höhe hinab und verlor sich in Wiesen und Gärten. Ferner schimmerten die roten Dächer und die goldenen Kirchturmhähne der Dörfer. Das Wasser eines schmalen Flüßchens blitzte bis­weilen auf. Drüben auf der gebuckelten Höhe leuch­tete ein weißer Tempel im griechischen Stil, die Grabstätte der einstigen Fürsten des Landes, die an der Stelle der längst abgebrochenen Stammburg stand.

Wie schön! Kann man darüber nicht allerlei ver­gessen, was die Engstirnigkett der Menschen zu gegenseitiger Quälerei ersonnen hat?"

Warum leben Sie eigentlich nicht auf dem Lande?" fragte sie vorsichtig.

Daran ist Venus schuld, mein Fräulein."

Also die Liebe?"

Eigentlich sah sie wunderhübsch aus, wie sie so lächelnd vor ihm stand und ihren fraulichen Instinkt aussprach. Aber er nahm sich zusammen und erzählte ernsthaft, daß er laut Horoskop im Zeichen der Venus geboren sei.Und das bedeutet, daß man zum Künstlertum verdammt und verflucht ist. Man kann nichts dagegen tun."

Sie zögerte, ehe sie fragte:Und jene junge Dame im Auto ist nicht der Grund, daß Sie hier bleiben?"

Er drehte sich schroff um.Wir müssen kehrt­machen. Es ist die höchste Zeit. Ich habe noch eine wichtige Probe für morgen."

Sie folgte gehorsam, einen Schritt hinter ihm, den Kops gesenkt.

- (Fortsetzung folgt.)