ilr.259 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Mittwoch, (0. Gttober (928
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Mexiko unter der neuen präsidentschast.
Don (5. von Llngern-Sternberg.
Der Name des Präsidenten von Mexiko, Talles, ist in den letzten Jahren als Reformator in Verbindung mit dem Kirchenkrieg und mit der Neugestaltung der mexikanischen Staatlichkeit in der ganzen Welt genannt worden. Da er jetzt endgültig darauf verzichtete, sich von neuem wählen zu lassen und sich auch weigerte, sein Mandat auf zwei Jahre verlängert zu sehen, — die neuen Präsidentenwahlen sollen erst im Jahre 1930 stattsinden — so sahen sich die beiden Kcunmern veranlaßt, nicht gemäß der Verfassung, sondern durch die politischen Verhältnisse dazu gezwungen, einen provisorischen Staatspräsidenten zu bestellen. Ihre Wahl fiel auf den noch jugendlichen bisherigen Minister des Innern, Don Emilio Portes-Gil, der zu den Anhängern von Calles zählt, der aber ein« versöhnlichere Politik als sein Vorgänger auf dem Präsidenten sitz anbahnen dürfte. Portes- Gil war vor seiner Bestallung zum Innenminister Gouverneur von Tampulipas gewesen. Zu dieser Provinz gehört der größte Oelhafen der Welt, Tampico, in den: es bedeutende diplomatische unZ) administrative Fähigkeiten zu entwickeln gilt, um Konflikten mit den nordamerikanischen Petroleuminteressenten aus dem Wege zu gehen und um Arbeiterunruhen zu vermeiden. — Don Emilio Portes-Gil hat die Wahl der Kammer angenommen und bereitet sich darauf vor, das von Carranza begonnene uni) von Calles fortgeführte Reformwerk, d. h. die Lleberleitung Mexikos aus fast feudalen Staatsformen in eine moderne Demokratie auszuarbeiten.
Mexiko, dieses reiche Land, dessen Bevölkerung streng nach Kasten geschieden war und es auch heute noch ist, sollte im Laufe eines Jahrzehntes den Sprung aus den Lebensbedingungen des 16. Jahrhunderts in die fortgeschrittendste Neuzeit machen. Mexiko zählt rund 15 Millionen Einwohner, davon sind etwa 6 Millionen Doll- blutindianer, 7 Millionen Mischlinge, und nur etwa 1,5 Millionen sind reine Weihe. Es gibt im Lande tief einschneidende, schwer zu überbrückende Stammesgegensätze. Im Nordwesten leben noch die Jndianervölker der TZ a q u i s, die jeder modernen Kultur unzugänglich sind, auf dem Kriegspsade wandeln, und denen jede neuzeitliche Gesetzgebung unfaßbar ist. Auch die Majas in Vukatan fügen sich nur schwer einer Zentralregierung. Das mexikanische Volk ist innerlich gespalten und zerrissen. Die Arbeiterschaft, die seit der 34 Jahre dauernden Diktatur von Porfirio Diaz immer mehr von radikalen Strömungen ergriffen wurde, und sich in den Petroleum- und Jndustriebezirken von bvlschewikischen oder anderen Agitatoren nur zu leicht aufwiegeln lieh, fügt sich nur widerwillig in ein geordnetes demokratisches Regierungssystem, neigt zu Explosionen und Revolutionen, ist aber im Grunde ein Fremdkörper int mexikanischen Staatsgefüge. —
Seit die spanischen Konquistadoren Solls und Pinzvn Vukatan entdeckten, und seit Cortez das Reich der Azteken grausam vernichtete, hat es in Mexiko mit wenigen Unterbrechungen immer Blutvergießen gegeben. Auch die heutigen Tage haben wenig an diesen Zuständen geändert. Rach der Ermordung des Generals Obregon prophezeiten die Schwarzseher ein sofortiges Anwachsen des Kirchenkrieges. Darin haben sie sich zwar geirrt, denn seit der Bluttat des Jose Toran sind bereits mehrere Wochen verstrichen, aber abgesehen von den in Mexiko noch üblichen Banditenstreichen auf Eisenbahnzüge und von äleberfällen auf abgelegene Ortschaften, ist es im Lande selten so ruhig wie jetzt gewesen. Aber deshalb ist es doch noch viel zu früh, um von einer Stabilisierung der Verhältnisse sprechen zu dürfen, dazu liegen die Wurzeln der Konflikte
Gießener Giadttheater.
Marios und Szirmai: „Gräfin Eva".
Gestern abend erlebten wir das erste Gesamtgastspiel des Neuen Operettentheaters aus Frankfurt, das für diese Spielzeit alle Operetten tn unserem Stadttheater übernommen hat. Die erste Bekanntschaft machten wir mit „Gräfin Eva", einer Operette von Franz M a r t o s, die von Paul Frank und Peter Herz die deutsche Bearbeitung und von Albert Szirmai die Musik erhielt.
Um es von vornherein zu sagen: Alle Vorbedingungen für einen vollen Publikumserfolg sind bei der „Gräfin Eva" gegeben. Stofflich zwar nichts Neues. Kriegstrauung. Junger Ehegatte geht vom Standesamt direkt an die Front. Spurlos verschollen: acht lange Jahre. Junge und hübsche Witwe heiratet auf väterliches Drängen wieder. Am Hochzeitstag nach der Trauung kehrt Nummer 1 überraschend zurück. Wie könnte es auch anders sein — in einer richtiggehenden Operette. Kladderadatsch. Zu wem gehört nun die Frau? Sie weiß es nicht: Ar. 1 und 2, jeder reklamiert sie für sich. Prozeß mit Urteil: Die Frau gehört zum Ehemann Nr. 1. Erneutes Durcheinander. 1 bei Eva, 2 bei Eva, 1 und 2 treffen sich, als 1 gerade auf das Alleinsein mit Eva losgehl. Wieder Klamauk. 1 will nicht mehr mitmachen. Geht zum Advokaten zwecks neuer Scheidungsklage. Eva hinterher, liebt jetzt bestimmt 1. Alles nur Mißverständnis. Große Versöhnung. Sie kriegen sich — natürlich, wie könnts anders sein. Daneben die Liebesabenteuer der Schwester Evas, die „sich kompromittieren will" und „sich kompromittieren läßt". Alles zwecks Heirat. Ein vertrottelter Vater. Ein Advokat mit einem M... werk wie ein starker Wasserfall. Ein Salamisabrikant, Trottel Rr. 2. Das wäre das Gerippe dieser Operette. Altbewährtes Muster in neuern Gewände.
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Ein moderner, zündender Schlager. Ein bißchen Dramaspielen. Eine Dosis Rührseligkeit. Etwas Sentimentalität. Viel Raffinement. Tolles Durcheinander. Erotik, bald mehr, bald minder deutlich und nicht zu knapp, ein Liebhaber zieht sich sogar auf offener Bühne aus. Flottes und gutes Millett in wechselvollsten Tanzfiguren und reizvollen, abwechslungsreichen Kostümierungen. Schneidige Solotänze: geradezu verblüffende Dein-Equilibristik. Gefällige Jnstrumentterung,
viel zu tief. Rach General Obregons Ermordung ist nämlich der Gegensatz zwischenJndu- strie- und Landarbeiterschaft mit erneuter Heftigkeit aufgeflammt. Die Führer der Obregonisten stehen in scharfer Opposition zu Calles und zu dem ehemaligen Wirtschaftsminister Morones, der zu den erbittertsten Gegnern Obregons zählt, der der „mexikanische Lenin" genannt wird, und den radikalsten Kurs in der Wirtschafts- und Kulturpolitik verfolgte. Präsident Calles war nicht nur ein theoretischer Verfechter der antiklerikalen Politik, sondern er haßte die Geistlichkeit als solche, und die blutigen Verfolgungen, die nach dem von ihm erlassenen Ausführungsdelret der bereits im Jahre 1917 beschlossenen Trennung von Kirche und Staat, ein» setzten, sind zum Teil seiner persönlichen Initiative zu verdanken. Zwar haben die Regierungstruppen auf der ganzen Linie den Sieg davongetragen: die Kirchen wurden geschlossen, die Versammlungen von Katholiken mit Polizeigewalt auseinandergetrieben, zahlreiche Hinrichtungen fanden statt, und die Bischöfe muhten flüchten, aber das bedeutet keineswegs, daß deshalb die kirchlich Gesinnten die Waffen gestreckt und ihre Sache für verloren gegeben hätten. Die atheisttsche Propaganda der Arbeiterführer wird auch von den Anhängern des ermordeten Obregon entschieden abgelehnt, die Bauernschaft will mit Religionsverfolgungen nichts zu tun haben und von den 15 Millionen Bewohnern Mexikos, einbegriffen die noch ganz am primitiven Wunderglauben haftenden Indianer, sind wenigstens 13 Millionen kirchengläubige Katholiken. Die Regierung Calles war deshalb ^ine Diktaturregierung, in der eine sehr fortschrittlich gesinnte Minderheit die breiten, zum großen Teile mcholitischen Volksmassen in das Prokrustesbett einer übermodernen Demokratie hineinzwängen wollte. Die pa lamentarische Kontrolle ist in Mexiko nicht viel mehr als eine Fiktion. Eine kleine Gruppe von Männerndie keine Hemmung kennt, hat die Gewalt in Händen. und denkt vorläufig nicht daran, sie sich entreißen zu lassen.
Als Komplikation der mexikanischen Verhältnisse muh die Tatsache betrachtet werden, daß die Vereinigten Staaten etwa anderthalb Milliarden Dollar in mexikanische Petroleum- felder investiert haben, daß also Washington, so sehr sich auch die Mexikaner dagegen sträuben, und so wenig sie die Vankees auch lieben, Sorge dafür trägt, dah die Dinge tn Mexiko nicht in ein Chaos aus arten. Präsident Coolidge hat erklärt, dah die Vereinigten Staaten von Nordamerika für alle Länder nördlich des Panamakanals eine besondere moralische Verantwortlichkeit empfinden, das bedeutet in dürren Worten, daß Washington es sich Vorbehalt, sich in die inneren mexikanischen Angelegen- hetten zu mischen, wenn immer es seine Interessen erfordern sollten. Diese „Doktrin" übersteigt zwar die Monroedoktrin und ist eine Bedrohung mit Vergewaltigung, aber die Vereinigten Staaten besitzen die Macht, ihr Geltung zu verschaffen.
Der interimisttsche Präsident Don Emilio Portes Gil kennt von seiner Derwaltungszeit m Tampico her das Kreuzfeuer der nordamerikanischen Wallstreellnteressen. Er wird Konflikte zu vermeiden verstehen. Er hat auch das Glück, dah die in Mexiko so mächtigen Generäle seiner Wahl kein Hindernis in den Weg gelegt und sich aus der Hauptstadt zurückgezogen haben. Auch die Agrarpartei verhält sich abwartend und macht ihm keine Opposition. Die Katholiken rechnen mit seinem Versprechen, eine versöhnliche Haltung unter Beobachtung der herrschenden Gesetze einnehmen zu wollen. Der Bischof von Mexiko, de la Mora, hat ihm aus seinem Versteck ein Schreiben gesandt und ihn gebeten, wenigstens Hausgrttesdienste zu gestatten. Eine Ruhepause und Frieden wäre für die weitere Entwicklung Mexikos von größter Bedeutung.
hübsche Gesangspartien, Und Tempo, Tempo I Der Theaterkassierer und die Intendanz mögen im Kassenschrank Platz schaffen!
Gisa Bergmann als Gräfin Eva eine blendende Figur, darstellerisch recht famos, stimmlich umfangreich, aber gelegentlich nicht weich genug. Käthe Itter als Sari schauspielerisch und tänzerisch voll auf der Höhe, gesanglich aber nicht ganz auf gleicher Linie. Einen Überragenden Erfolg, gesanglich und darstellerisch, konnte Jenö Ra do r als Nikolas von Tamassh verbuchen. Eine feine Leistung war Erich Langes Graf Lansty. Köstliche Figuren stellten Albert B a d e w i tz als Dr. Achilles Kelemen, Gustav Rothe-Carey als Salamifabrikant Halassy und Arthur Hoffmann als Graf Guido Donhady auf die Bühne. Der übrigen Darsteller und des Balletts sei mit einem Gesamtlob gedacht. Warme Anerkennung auch für den Oberregisseur Adolf Wiesner, Kapellmeister Kurt Harder und das Orchester, den Tanzregisseur Hans Heinz K l ü f e r, Karl Löffler für die Bühnenbilder und Ludwig Keim für die geschmackvolle Beleuchtung.
Das Publikum war sehr beifallsfreudig, oft bei offener Szene, so dah es mehrfach Wiederholungen gab. Bn.
Intendant
Dr.prasch liest aus dem „Weither".
Im Rahmen der Gießener Ferienkurse, deren Leitung den Teilnehmern außer wissenschaftlichen Vorlesungen auch einige ge.ellscha t.iche und künstlerische Darbietungen zu vermitteln wünschte, las gestern abend im großen Hörsaal der Uni- versität der Intendant des Stadttheaters, Dr. Rolf P r a s ch, aus Goethes Jugendroman, den „Leiden des jungen Werthers' vor einer erfreulich zahlreichen Zuhörerschaft.
lieber das Werk selbst ist heute, ist an dieser Stelle kaum ein Wort zu verlieren: es ist das glühendste, jugendlichste und leidenschaftlichste Epos in Goethes ganzem gesegneten Werk, — der klassische Liebesroman der Deutschen schlechthin, zeillos wie alles große menschliche Gefühl und darum unserer Gegenwart so nahe und bedeutungsvoll, wie damals als er geschrieben wurde und alle Welt durchlief und erschütterte..., „auch sogar der Chinese malet mit ängstlicher Hand Werthern und Lotten auf Glas."
Oie Hilfe für die liquidaüonsgeschädigten.
Die Notlage der Liquidattonsgeschädigten. für die es noch nicht möglich gewesen ist, ihnen a u f ihre Schuldbucheintragungen eine wesentliche umfassende Beleihung zu schaffen, hat noch immer keine Lösung gefunden. Wie wir von zuständiger Seite hören, werden auch jetzt noch Versuche gemacht, eine Kombination mit der Bankwelt zu schaffen, die eine Hilfe in größerem Maßstabe ermöglicht, aber die Aussichten in dieser Richtung dürsten nach dem vollkommenen Mißerfolg be£ Versuches mit einem deutschen Dankenlonsortium eine große Aktion zu machen, nicht allzugroh sein. Inzwischen ist es wenigstens gelungen, den Deutschen Sparkassen- und Giroverband dahin zu veranlassen, dah er auf die Sparkassen im Sinne einer Beleihung der Schuldscheine der Reichs- Verwaltung einwirkt. Wie wir aber hören, kommt der Hilfe der Sparkassen prakttsch nur eine sehr beschränkte Bedeutung zu, da ihre Kredithilfe für die Liquidationsgeschädigten in den überwiegenden Fällen nur de n kleinen Gewerbetreibenden gilt. Immerhin haben sich einzelne Landesbanken bereitgefunden, den Sparkassen unter Umstanden in dringenden Fällen für diesen Zweck durch Sonderkredite gelegentlich zu helfen. Aber das sind nur Tropfen auf den heißen Stein, solange nicht die Privatbanken für eine gröbere Kreditaktion bei der Beleihung der Reichsschuldscheine zu haben sind.
Gelbstkosienabbau in der Sozialversicherung.
Dresden. 9. Oft. (TU.) Der Gesamtvorstand des Verbandes sächsischer Industrieller be- schäfttgte sich mit der Frage des Selbstkostenabbaus in der Sozialversicherung. Er nahm hierzu einen Bericht des Ministerialdirektors Dr. ©riefer vom Reichsarbeitsministerium entgegen. Der Vortragende ging einleitend von der Feststellung aus, dah es mit einem Bekenntnis zur
Sozialpolitik vereinbar fei, wenn man heute die Frage aufwerse, ob der Ruhen der Sozialversicherung im Einklang mit den aufgewendeten Kosten stehe. Die Prüfung dieser Frage sei notwendig, weil die öffentlichen Versicherungs- träger nicht mit eigenen Mitteln, sondern mit ihnen anvertrautem G u t wirtschafteten. Der Vortragende untersuchte zunächst die Möglichkeiten des Selbstkostenabbaus bei der Krankenversicherung, die eine besonders starke Steigerung der Ausgaben verzeichne, in der allerdings die Kriegsfolgen. insbesondere die Verschiebung im Altersaufbau der Bevölkerung, maßgebend mitbeteiligt seien. Versuche, etwaige Mißbräuche bei der Krankenversicherung durch psychologische Einwirkung auf Versicherung und Aerzte, die bereits unternommen worden seien, hätten einen durchschlagenden Erfolg nicht gezeitigt. Dagegen erscheine die obligatorische Einführung einer dreitägigen Wartefrist für den Bezug des Krankengeldes, die Beteiligung des Versicherten an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, um die großen, wichtigeren Heilmittel umso umfangreicher gewähren zu können, die Höchstbegrenzung des Krankengeldes nach oben und eine zweckmäßigere Gestaltung des Ueberganges von der Krankenversicherung zu den Krankenleistungen der Arbeitslosenversicherung eher geeignet, Mißbräuchen entgegenzuwirken und eine Ausgabecerminderang im Großen und insbesondere in der Verwaltung herbeizuführen.
3um Schluß seiner Ausführungen betonte Ministerialdirektor Dr. ©riefet die Notwendigkeit, das Selb st Verantwortungsgefühl bei den Versicherten zu stärken und im Interesse einer größeren Wirtschaftlichkeit ein engeres Zusammenwirken der Verbände der Versicherungsträger herbeizusühren. etwa durch Einrichtung einer kleinen Körperschaft aus Kreisen der Versicherungsträger, Unternehmer und Arbeitnehmer, unter Beteiligung der Reichsregierung, der man die Entscheidung in wichttgen Fragen, besonders über das Finanzge- bahren der Versicherungsträger, Anlage und Verwaltung ihres Vermögens, Sachverständigenrevision der ©eschäftsführung usw. übertragen könnte.
MWIagimg des Zmdes „Haus und Schule".
Der dritte und letzte Tag der Reichstagung des Deutschen Bundes für christlich-evangelische Erziehung in Haus und Schule wurde gestern vormittag ausgefüllt mit der Fortsetzung der .Hauptversammlung, Führer- und Vertretertagung, sowie mit einer Hauptvorstauds- und Beiratssitzung, deren Verhandlungen internen Charakter trugen. Am Nachmittag fand in der Neuen Aula der
dritte öffentliche Hauptvortrag
statt. Gymnasialdirektor t. R. Professor P. B. Schmidt (Brünninghausen) sprach über „D a s Eigenrecht des evangelischen Elternhauses gegenüber der absoluten Staatsgewalt". Nach einer kurzen Einleitung, in welcher der Redner an Hand eines Beispiels eine scharfe Prägung neuzeitlicher „absoluter Staatsgewalt" und „Eigenrecht" zeigte, rief er zu einer durchgreifenden Erziehungsreform auf. Die parlamentarische Arbeit beim Reichsschulge- | e tz habe den Abgrund gezeigt, vor dem wir stünden. Nach einer kurzen Schilderung des Werdegangs des Reichsschulgesetzes besprach der Redner die Frage: „Wie kann die christlich-evangelische Erziehung gesichert werden?" Auf der einen Seite mache sich der Atheismus breit, auf der anderen Seite wirke sich das religionspolitische Zentrum aus. Es fei Zeit, daß das christlich-evangelische Volk zur Besinnung komme. Er fordert Ausbau der Lebenszukunft unserer Jugend nach den Grundsätzen des Bundes für Haus und Schule, ohne be
engenden Einfluß der Staatshoheit. Redner erläuterte dann den Begriff „absolute Staatsgewalt", schilderte die Handhabung derselben vor und nach der Revolution und foroerte insofern Aenderung der Verfassung, als den Erziehungsberechtigten weitgehende Freiheit zugestanden werden müsse, zumal die Elternschaft die eigentliche Trägerin der Erziehung sei. Er verlangte Eigenrecht der Eltern, an Stelle von Staatshoheit. Der geschaffene Elternrat bedeute kein Elternrecht. Der Gesamtwille der Elternschaft müsse organisiert werden. Die elterliche Selb st Verwaltung müsse Platz greifen: anstelle von Staatsgewalt, müsse bei Erziehungsfragen Staats a u f s i ch t treten. Der Staat habe lediglich nur die Gesinnungsfreiheit zu garantieren und Aufsicht zu führen.
Auf Anregung von Direktor Winkler wurde im Hinblick darauf, daß das bei dem Vortrag sachlich und geschichtlich Dargebotene von überwältigendem Eindruck war, von einer Aussprache abgesehen.
Abends fand bann in der Neuen Aula bei gutem Besuch eine sehr eindrucksvolle
Gchlußversammlung
statt. Zur Einleitung brachte der Evang. Kirchenchor unter Leitung seines Dirigenten, Lehrer Linde n st r u t h , „Wach auf rnein's Herzens Schöne" stimmungsvoll zu Gehör. Nach einem weiteren gemeinschaftlichen Lied „D selig Haus, wo man dich ausgenommen", sprach Geh. Oberkirchenrat D. Hosstae11er (Magdeburg) über das Thema:
Es ist aber ein Unterschieb, ob man das Buch allein und still für sich, Seite für Seite, Brief um Brief lieft, oder ob man es einem Saal voll Menschen an einem Abend mit einer kurzen Parse vor prechen und imDortrag lebentig machen will. Dr. P r a s ch hatte mit feinem Verständnis und behutsamem Gesühl seine Rezitatton auf die ©rundzüge und inneren Haupllinien beschränkt, die die Ereignisse tragen, aufbauen und abschließen. Er hatte herausgebrochen und fort- gelassen alles, was man wohl lesen mag, was aber nicht so unbedingt und unmittelbar aus jener in unsere Zeit hinüberragt, und was dem Laien oder literarisch unbeschwerten Zuhörer als Beiwerk und Ballast hätte erscheinen und ihm den reinen Genuß der Erzählung schmälern können.
Was die eigentliche Rezitation des Werkes betrifft, so war schon nach den ersten Sähen zu spüren, wie hier ein kluger, den Stoff geistig beherrschender und bühnenmäßig vortrefflich geschulter Sprecher am Werke war, der seine in langen Theaterjahren erworbenen Erfahrungen auf die Erfordernisse des Dortragssaales besonnen anzuwenden verstand. (Es ist keineswegs immer eine reine Freude, Schauspieler, selbst gute und geschmackvolle Schauspieler, ein literarisches Werk remitieren zu hören, das mit dem Theater nichts zu schaffen hat.)
Dr. Prasch verfügt über eine weiche, klangvolle, baritonal gefärbte Stimme, die bei fließender Technik den Raum durchaus füllte, obwohl der Vortragende sich stimmlich niemals ausgab und jederzeit um Dämpfung und Zurückhaltung aller äußeren Wirkung geffifsentlich bemüht schien.
Es war ein ausgezeichneter, harmonischer und bis zuletzt gleichbleibender Eindruck: wie die sprachliche Mittlerschaft, aller virtuosen Schaustellung abhold, sich im reinen Dienst am erlebnisgesättigten Wort Genüge tat, ins Innere drang und jeder Gefühlslage, Wandlung und Steigerung sich anpaßte: es geriet alles gleichmäßig gut, ausgereift und beseelt: der „Natureingang", das berühmte Idyll der ersten Begegnung — „Lotte, Brot schneidend" —, die leidenschaftliche Szene mit dem Verlobten, die gespenstige Episode mit dem armen blumensuchenden Tollhäusler, die fiebrigen letzten Geständnisse und Bekenntnisse Wertyers vor seinem Tode. —
Es war ein wertvoller Abend, von dem man dankbar und angeregt heimging. -y-
0er Aufsatz.
Groteske von Hans Ttiebau.
„Dumme Geschichte," sagte Bartholomaus, Unterprimaner des Gustav-Adolf-Gymnasiums. „Die Ferien sind bald zu Ende, und ich habe an meinen lateinischen Aufsatz noch nicht einmal gedacht."
„Ich auch nicht," sagte Seelsieber, „man sollte die Ferien verlängern."
„Das sollte man tun," nickte Bartholomäus, „lind das sollte ja wohl nicht so schwer sein," erhob er sich, nachdem er drei Minuten nachgedacht hatte. Dann ging er ans Telephon.
„Hier ist das städtische Hochbauamt," sagte er, nachdem er den Bauunternehmer Dellemann angerufen hatte, „können Sie einen eiligen Abbruch übernehmen?"
Dellemann konnte es.
„Können Sie morgen anfangen?"
Dellemann versprach es.
„Dann erledigen wir das Schriflliche später."
Als die Gustav-Adolf-Schüler vor dem Gymnasium erschienen, sahen sie nur eine Staubwolke. Und als der Schriftwechsel zwischen Schulbehörde und Hochbauamt die ersten Rückschlüsse auf den Tatbestand erlaubte, waren Dach und oberstes Stockwerk abgetragen.
Aber das alles war nicht umsonst gewesen. Denn als Dach und Stockwerk in neuem Glanze wieder da waren, hatten Dartholomäus und Seelsieber ihren lateinischen Aussatz längst vom Primus abgeschrieben.
Hochschulnachrichten.
Zur Wiederbesetzung des durch das Ableben des ord. Professors, Geh. Regierungsrat Dr. ©. Beckmann erledigten Lehrstuhls für mittlere und neuere Geschichte an der llniberfität Erlangen ist ein Ruf an den a. o. Professor Dr. Otto Brandt in Kiel ergangen. Prof. Brandt ist ein geborener Heidelberger. Er widmete sich dem Studium der Geschichte in Heidelberg, München, Paris und Berlin, besonders unter H. Oncken und M. Lenz. Die außerplanmäßigen Bibliothekarinnen Dr. phil. Käthe Iwand an der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin ist zur planmäßigen Bibliothekarin an dieser Bibliothek und Dr. phil. Jngeborg Schnack an der Universitätsbibliothek in Marburg ist zur planmäßigen Bibliothekarin an der Universitätsbibliothek in Kiel ernannt worden.


