Ausgabe 
10.5.1928
 
Einzelbild herunterladen

Nr. UO Erft» Blatt

178. Jahrgang

Donnerstag, IO. Mai 1928

lenalfoif pon Injr.ate für die la jt»nammcr bl» 8®m Ifochmiy.ag porber.

Preu fir I mm h-he für An,,iq»n von 27 mm Sreilt i-rthd) 8, auitrdrl* 10 Reichrpsenniy für 9<e» klamcarrrigen von 70 m Breit» LISBe:d)$pfennig, PtayvorjchlNt 20' . mehr.

(Ibefrtbaktfur

Dr Jnebr Uhlt) Gange. Terantworthd) für Tolmk Dr Ar TBilb Gange |ftr Feuilleton Dr tz lthyuot, für den übrigen Teil ü r ist Btumfchein, für ben An- jeigentttl Kurt Hillmann. lämtlid) in (rieben

Erscheini läglid),anbei Sonntage nnb Feiertag»

Beilagen

Giebener Aam'IienvlLUer Heun al <m Bild

The Scholle

»eais-bejngspreU: ? 5feid>*earh unb 20 Belchepfennig fir Trüge» lohn, auch bei Bichter» Beinen einzelner Jlummmi

felge höherer (Bemalt Aernsprechanlchlllsse:

61 M unb 112

Enschnit für vrahtnach» rieten Anzeigerlebet.

Poßscheckfonto: grtiffnrl am Main 1168t.

Gicheim Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

druck ««6 ütrlog: vrSHIlch« UnicerfitäU^Bed,. int> Sttindrndtrel U. fange In «telen. Sdjriftlettnng und 6efd|äft«KelIe: S4)n»tra|e 7.

Reichskanzler Stresemann im Ruhrkamps.

Gedenkworte zum 50. GeburlstogamIV.Mai

Don Dr. Paul Wenhcle, Archivdirektor in Düsseldorf.

Schneller als früher ist der Rhythmus der Zeit geworden Was Väter und ©rofoDärer einmal vielleicht erlebten, haben wir zehnfach bereits empfunden, den geschichtlichen Wechsel von der Vergangenheit zur Zukunft. Seit vier­zehn Jahren uberlchatlet ein Ereignis das andere. Schneller als früher sind auch die leitenden Männer zu Eintagsarößen geworden. AuS der Verborgenheit einfacher Pflich.erfüllung zog der Weltkrieg neue Zühreipersönlichkeilen bervcr 3m Umsturz der November tage 1918 verschwand eine ganze Schicht deutscher Parlamentarier und Po­litiker im Abgrund der Dergeflcnfreü; neue Scharen tauchten auf. Seit der Einführung bes Listenwahlrechls zum Reichstag und zu den Landtagen reihen sich Lausende von Namen zur Anwartschaft auf einen S h im Parlament. Ganz wenige nur, d.e schon in den Volksvertre­tungen der Monarchie Beachtung sanden, stehen heute im Licht der Zeitgeschichte: An erster Stelle Dr. Gustav Stresernann, dessen 50. Ge­burtstages heule nicht nur feine Partei, sondern weit über die Grenzen der engeren politischen Zugepvrigkcil hinaus Deutsche in aller Welt geben len. Aus der Höhe seiner Arbeitskraft ist er bereit- zu einer geschichtlichen Gröhe ge­worden; die kurze Spanne Zeit, in der er 1923 boS Amt beS Reichskanzlers bekleide.c. deckt den schwersten und lragjkchsten Abschnitt unserer jüngsten Geschichte. Mögen andere heute den Parteiführer feiern, andere die außenpolitische Kunst der letzten Jahre bewundern; die mit dem Namen Locarno verbunden ist: ein kurzer Rück­blick auf die Herb st Wochen deS Jahres 1 9 2 3 sollte Erinnerung, Mahnung und Dank zu­gleich sein.

AIS Dr. Gustav Stresernann am 13. August 1923 die Bildung eines neuen ReichsministeriumS übernahm, hatte der Ruhrkampf feinen Höhe- punkt erreicht. M:t bewundernswerter Tatkraft war eS Reichskanzler Dr. Cuno ge.ungen, neun Monate hindurch daS deutsche Doll m einer seit langem unbelonnlen Gröhe zusammenzufassen und den einen großen Dedanten der Abwehr zu bewahren. Unvergessen, dah ihm auhenpoli- tische Anknüpfungen von be'onderem Werte ge­langen, «rber zur Reife sollte er daS verheißungs­voll begonnene Werk nicht bringen. G.oße Par­teien unb mit ihnen weite Streife beS deutschen Volkes ftefllen sich abseits, als dem passiven Widerstand nicht unverzüglich ein voller Grolg beschieden war. Seit die EinbruchSmächte im 3uli 1923 volle 25 Tage daS be'ch* * Gebiet von jedem persönlichen und wirtfcha.lichea De. kehr mit dem übrigen Deutschland abge chnürt hatten, sah auch der mutigste Kämp'er fast nur noch ein Trümmerfeld zeischlagener Hoffnungen. AlS ReichSpanzler Cuno am 8. August ein neueS ^inanzprogramm der ReichSregierung vorlegte, eine wertbeständige Anleihe, neue S.euergesetze und weitgehende Spa rni ah na hm en forderte, wer­tete die Berliner Dorfe diese Aussichten mit einem neuen Sprung des Dollars auf fünf Mil­lionen. 3n dieser KrifiS gelang eS den neuen Männern, auch die Sozialt« nokratie in daS Ministerium der großen Koalition zu ziehen; noch einmal stand das deutsche Dolk in seiner parlamentarischen Front nahezu ge­schlossen dem Ausland gegenüber.

Um so härter und steilvoller tollten die An änge dieser ersten Regierung Stresemann werden. 3n Sachsen u.u> Thüringen die offene Drohung mit e nein kommunistischen A u s st a n d. die Landesregierungen selbst in den Händen der Kommunisten, in Dayern mit um­gekehrten Dorzeichen der gleiche Gegensatz gegen daS angeblich scHalistisch verseuchte Reich, die Grohmächte teilnahmslos, der Flnanzinarkt allenthalben verschlossen. Mi! aller Schärfe lehnte das Frank.e ch Poinca.eS die mit Cuno vereinbarten englischen Dorschläge eines in er- nationalen Sachv. :ständis,eng ilachtens ab und be­stand auf der Sicherung produktiver Pfänder in dem feit Jahrhunderten erftre ten Gin iuhgebiet an Rhein und Ruhr. Dor aller Welt muhte der neue Reichsfi nanzmintster Dr Hilfe rding die Lage Deutschlands vom fnanzpolitischen Standpunkt aus alS fast verzweise.t erklären.

Am linken Rheinu'er vor allem stieg die Der- zweiflung zu immer bedenklicherer Höhe. Der Reichstag in Urlaub, die erwählten Vertreter deS Volkes zumeist fern von ihren Wahlkreisen; Zuflucht und Rat war nur beim Reichskanzler Stresernann zu finden. Der Abbruch des passiven Widerstandes war unvermeid­lich geworden, die Art aber, wie diele Rot- mahnahme dem eigenen Dolk wie den fremden Mächten gegenüber zielbewuht und sicher durch­geführt wurde, zwingt dem Historiker unserer Zeit höchste Bewunderung ab.

Am 2. September bilde;c SlrelemannS berühmte Rede In Stuttgart den Auftakt: Offen erklärte sich der Leiter der deutschen Politik bereit, Frankreichproduktive P änd«r" zu bieten. Ge­schickt nahm er den Dal! auf; an d e Stelle der geforderten Teilstücke deutschen Bodens aber stellte er die Gesamtbürgschaft des deutschen Gisenbahnbesihes und der deutschen Wirtschaft. DergebenS beantwortete Poincarö die Anregung mit der bestimm en Weiterung, die P'änder des RuhrrevierS und die Eisenbahnen des besetzten Gebietes gegen derartig allgemein gehaltene Da-

Oer japanische Feldzug in China.

ES ist noch immer recht schwer, sich ein einiger­maßen klare- Bild von den Dorgängen ie Schantung zu machen. Da sämtliche telegraphi­schen Derbinbungen unter der Kontrolle der interessierten Parteien stehen, gelangen nur die Nachrichten nach Europa, an denen die Süd- chinesen oder die Japaner keinen Anstoß nehmen. Infolgedessen hört man bald von einem Heber- fall chinesischer Truppen auf japanische Detachements, bald von einer japanischen Offensive gegen die anrückenden Verbände TschiangkaischekS, dann wieder von einer Ein­kreisung des japanischen CrpeditionSkorpS durch überlegene chinesische Ötrcillräfte. AuS diesem Durcheinander an Nachrichten und Meldungen hat sich aber bereits so viel herausgeschält, daß die Japaner 26 000 Mann von Tsingtau nach Tsinanfu in Marsch gesetzt haben, um d i e Schantung-Bahn in ihrer ganzen Länge in ihren Besitz zu bringen. Gleichzeitig ist damit der Kriegszustand zwischen Japan und China hergestellt. Kriegserklärungen selbst sind ja eine veraltete Einrichtung, das haben wir 1923 gesehen, als Frankreich in das Ruhrgebiet einmarschierte, einige Jahre später. alS die Griechen in Bulgarien einfielen und jetzt wieder beim Aufmarsch der Japaner in Schan- tung, der eine ausgesprochene Kriegshandlung darstellt, zumal auch so viel feststeht, daß der Oberkommandierende von Tfinanfu bereits zu großangeleglen Kampfhandlungen gegen die Süd­chinesen übergegangen ist.

ES ist ganz selbstverständlich, daß die Dor­gänge in ©diantung von den übrigen Ra­tionen, die an Oftaficn interessiert sind, nicht auS dem Auge gelassen werden. Die D e r - einigten Staaten haben sich bereits ein» gemilcht unb in Tokio anfragen lassen, wel­ches Ziel Japan mit seinen Truppenzusammen- ziehungen verfolgt. Der japanische Botschafter in Washington hat zwar zu beruhigen versucht. eS sche'nt Ihm aber nicht gelungen zu fein, da- Mißtrauen der amerikanischen Regierung zu be­seitigen. Amerika fürchtet offenbar, daß Japan seine Macht auch auf Schantung auSdehnt unb bann auS dem großen chinesischen Absatz­markt. der für den amerikanischen Exporthandel eine bebe ulende Rolle spielt, ein wertvollc- Stück herauS'chncidet. Die ultimative Forderung der Japaner an die Südchinefen. sich bis auf zehn Kilometer südlich der Bahnlinie Tsingtau Tsinanfu zurückzuziehen, zeigt, daß Tokio schon am Werke ist. bic Grenzen feiner neuen Interessensphäre abzustecken. Hat eS erst einmal bie Schantung-Bahn sest in seiner Hanb. bann beherrscht eS damit tatsächlich die gesamte Provinz, wenn eS auch nicht überall Garnisonen zu unterhalten braucht. Tschiang- k a i s ch e k hat sich vorläufig durch die Japaner noch nicht einschüchtern lassen, er ist weiter nach Norden vorgestoßen, gerät aber da durch in bie Gefahr, von feiner Operation-- basiS abgeschnitten au werden, wenn die Ja­paner bic Aufmarschstraßen hinter sich abricgcln.

England und die japanische Aktion.

London, 10. Mai. (TU.) DerManchester Guardian" sicht bic größten Gefahren aus der Zu­spitzung des javanisch chinesischen Streites nicht auf militärischem, sondern politischem Gebiet. Das Beharren Japans auf den Standpunkt, seine Truppen er st nach einer Entschuldigung für die Zwischenfalle in Tsinanfu wieder au» China zurülkzuziehen, fei gleichbedeutend mit der B e - setzung chinesischen Gebietes aus un­begrenzte Zeil. Denn selbst, wenn sich ein chinesischer General erbieten lallte, der die volle Verantwortung für die Zwischenfälle übernehme, und wenn auf Grund seiner Zusicherungen, sich die Japaner bereiterklären konnten, ihre Truppen zu- ruckzuziehen, so sei damit noch nicht die Garantie gegeben, daß sich solche Zwischenfälle nicht wie­derholen würden. Bisher hatten alle ausländi­schen Mächte die Entwicklung des ch nesischen Bür­gerkrieges nicht Au beeinflussen versucht, 'lun scheine zum erstenmal eine der interessierten Mächte diese Politik aufzugeben. Das Ergebnis werde, so meint das Blatt, aller Wahrfcheinl chkeit nach katastrophal fein, nicht Aum wenigsten für Japan, aber besonders für die allgemeinen Be­ziehungen zwischen den Möchten und China. Durch den ganzen Artikel zieht sich deutlich die Furcht, das durch das sapanische Borgeben in China sich wieder ein den Dvrkriegsverhältnissen entspre­chender Zustand herausbildet und die fremden- feindliche Bewegung wieder aufleben könnte.

Um Tsinanfu.

Tokio, 9. Mai. (WB.) Der Kaiser stimmte der be ,'its angefünbigten 6 n Ifenbungeiner dritten Dtvtfion. bet Division Ragvya. nach Tsingtau zu, wonach bie Zahl der japani­schen Streitkräfte auf runb 26 WO erhöht wird. Fünf Kompagnien Infanterie erhielten Delehl. sich unverzüglich nach Tientsin zu begeben. Sie­ben TorpedobootSzerstörer gingen ge­stern abend nach Kanton. Amoy und Futschau ab. Man rechnet damit, dah demnächst vier weitere TorpedobootSzerstörer nach Südchina fahren werden. Rach einer der Pre'se vom Mi­nisterium deS Aeußeren zugegangenen Mittei­lung verfolgt die Entsendung von Truppen nach China den unzweideutigen Zweck, Leben und Eigentum der Japaner zu schützen. Die Japaner beabsichtigen nicht, Gebiet zu be­setzen. Die Truppen werden die Eisenbahn 'chützen. die Chinesen sie aber auch weiterhin kontrollieren. Soweit die Desahr vorüber ist. werden die Truppen wieder zurückgezo­gen. Es ist nicht wahr, daß bie japanischen Truppen in Tsinanfu einrüdten, um den Dor­mo rsch bet Sübchinesen noch Rorben aufzuhalten. Die Verhandlungen zur Regelung ber Streitig­keiten zwi'chen Ehina unb Japan werden später

ftattfinben. wahrscheinlich in Nanking. Der ja- pan sche Generalkonsul In Schäm en forderte alle in Kanton wohnenden Japaner aus. im H.n- blick auf die Möglichkeit antiiapanilcher Unruhen die Stadt zu verlassen unb sich nach Schomien zu begeben, dem gegenüber japanische Kanonenboote liegen.

Die Japaner setzen bic Eniwassnung ber chine­sischen Truppen m Tsinanfu und Ümgtgenb fort, da eS an verschiebenen Punkten zu klcincren Zusammenstößen gekommen ist. Die Japaner ha­ben bie Brücke über ben Gelben Fluß sowie andere strategische Punkte besetzt. Die 28. japa­nischeBrigabe ist heute mit Truppen der Süd- armee bet ÄoHcn, 21 Kilometer östlich von Tsinanfu, in Kamps geraten und bat eine große Anzahl biefer Truppen nach erbittertem Widerstand entwaffnet. *Bet der Rückkehr nach Tfinanfu ist diese Brigade mit starken Kräf­ten ber ßübarmcc in Fühlung gekommen. Hebet da- Ergebnis deS Kampfes liegen noch feine Nachrichten vor. Nach einer von der Nach­richtenstelle ber Süblruppen herrührenben Meldung, für bic jeboch von keiner anbcrcra Leite eine Bestätigung vorliegt, sollen bie 3a* paner gestern bie Eingeborenenstabd von Tsinansu brei Stunden lang mit Ge­schützen beschossen unb über 503 Men'chen getötet haben. Durch bie Deschießun1 seien zahlreiche Häuser irn westlichen Stabt.etl be- schäbigt worden.

Oie Ausländer in Tsinanfu.

Conbon, 8. Mai. (Tel.) Ein über Schang­hai auS China eingegangeneS Telegramm deS Pekinger Korrespondenlen deS .Manchester Guar- bian", der während des AuSbrucheS der F.ind- seliakeiten zwischen den chinesischen und japa­nischen Truppen in Tsinansu eingeschlossen war, bat folgenden Wortlaut: Tsinanfu. 'Montag Ich bin hier mit dem ersten japanischen Militär­zug au» Tsinansu eingetrossen. Die Lage in Tsinansu ist wesentlich ruhiger. Die nationalistischen Truppen haben sich au- dem DeschäftSteil ber Stadt -urßckgezogen. die Kämpfe sind eingestellt. Nur einzelne zerstreute chineiische Soldaten werden von den japanischen Truppen dingfest gemocht. Unter dem geplün­derten Eigentum befindet sich auch da - deut­sche Hotel. Mit Ausnahme der Japaner sind Engländer, Amerikaner und andere AuSlänoer in Sicherheit und e- sollte möglich sein, auch diese in Kürze mit der Bahn nach Tsing­tau zu befördern. Die japanischen Verluste werden auf 20 Tote unb 20 bi- 30 Vermißte ge­schätzt Don japanischer Selle werden außerdem viele Todesfälle unter der japanischen Zivil­bevölkerung gemeldet und die Plünderung von wahrscheinlich 50 Häusern verzeichnet. Noch einem in Hamburg beim Ostastatifchen Verein eingegangenen Telegramm aus Tsingtau be i ir­den sich alle Deu tfchen In Tfinanfu wohl.

rantien ouSzutaufchcn. Degen den Ansturm, der auch auS den Reihen der enge.'"' porlamentori- fchen Freunde verstärkt wurde, hielt Stresemann an dem Geundprogramm seiner Regierung fest.

Siärker unb stärker zeig en s.ch jetzt in Sachsen- Thüringen unb Bayern Au lösungStendenzen am schiimmsten war ihre Wirkung am Rhein. Unter französisch-belgischem Schutz und unter dem sichtbaren und o'scne i Antrieb durch die Be- satzungsbehörben wagten sich die Sonder­bündler in versch c enen G mpre r her.or. Ein doppelter Druck zwang daS Rcichskobinett zur Aufkündigung deS passiven W.derstondS. Strese­mann schloß sich der Mehrte t im Reichsministe­rium an. B;t'cr genug wo.en damals die Kla­gen, die ihn der Schwache ziehen und sicherlich hat er sie selbst aus- schmerzlichste empfunden. Der Erfolg, ber wichtigste Wcrtmel'er bet Geschichte, gab i h m Rcchtl Die andere Fas­sung. den Ruhrkampf einem internationalen Kon­flikt zuzutre:ben, Frank e ch bie Verantwortung für daS Dasein unb Leben der Deutschen ;m belebten Gebiet zu Überla fen, war bestechend und stand zweifellos am stärksten im Bannkreis des nationalen Gedankens. Gerade auS dieser Auffassung heraus aber hat der Vorschlag doch wohl die Widerstandskraft der Bevölkerung über­schätzt. Nach einem ungeheueren Druck von Mo­naten und Jahren konnten weitere Kreise dle'e ganz große Auffassung nationalen Opfermuts nicht mehr aufbringen! 3m unbefeh en Deutsch­land vor allem war man sich der Größe der Stunde längst nicht genügenb bewußt.

Schon in ber ersten amtlichen Besprechung am 24. September gaben Vertreter fast aller po­litischer Parteien an Rhein unb Ruhr dem Reichskanzler ihre Zustimmung. Zwei Tage bar- out mußte sich die Reichs re gierung vor aller Welt zu dieser bitter horten Notwendigkeit be­kennen und gleichzeitig traf bie Nachricht vom offenen Widerstanb Bayerns unb Dach'en-Thü- ringens ein! So hart stießen Außen- unb Innen­politik in der ^hicksalSstunde deS Reiche- zu- scunmen.

Das Kabinett Stresemann aber blieb, nur ber Leiter der Reichsfinanzen muhte weichen, an HilfcrdingS Stelle trat Dr. Luther Zum zweitenmal übernahm ber Kanzler die Führung. Dcrhandlungen der Ruhrinbuftrie mit ben fran­zösischen Wirt'chaftsstellen berQUicum erleich­terten im besetzten Gebiet bie Aufnahme der

Arbeit. Im Innern schuf ein Ermächtigungsgesetz freie Dahn. M i t dem 15. Oktober 19 2 3 beginnt für und eine neue Zeit. Zur Zwischenlösung der WährungSsragc wurde die Deutsche Remenborck mit der Ausgabe neuer Ddd-eichcn betraut, ben Mithandc.nden blieb auch weiterhin bie Zukunft unsicher genug. Am Rhein wie :n Binnendeutschlanb brach ein neuer Sturm loS. Don Aachen unb von der Pfalz ou- fuchten bewaffnete Banden mit offen-r Unter- stützung Belg cnS unb Frankreichs bic .:,te Ge­legenheit auS-unutzen. baS linke Rheinufer vom Reiche zu lösen. Bedenklicher noch flammte der nie vergebene Debanfe an eine Trennung der Rheinprovinz von Preußen auf, trr.-dem gerade feine Derwirklichang nur den völligen Hebergang zu einer Sonderstellung als Puffer­staat im Schatten Frankreich- er'.cchtcm konnte Der offene Ausbruch deS Kvn'likts im Reich Auflehnung bayerischer Dienststellen gegen daS Reichswehrminilterium. Stärkung der lommu- nis.l'ch-soz alistischen Front in Sachfcr«Thüringen. Abbruch der diploma-tischen Beziehungen zwi­schen Sachsen unb Bayern der Entschluß deS Kanzlers gegen Sach'en-Thüringen Reichswehr aulzubioten lockte auch im besetzten Gebiet zu einer entscheidenden Wendung.

Während der französische Gegner immer ver­nehmlicher an die Pforten deS Reiä-es schlug, in der Rheinpfalz zur Anerkeniwng eine- auto­nomen Staate- 'chr.tt, wagte Stresemann die Zusammenfassung der im Reich noch le­bendigen staatSerholtenden Kräfte. Nur er allein trug bie Verantwortung ihm allein wirb die Geschichte auch den Epfolg unb bie Rottung beS Reiches zuschreiben.

Vier Wochen nach der ersten Ankündigung be­gann am 15. November bie Ausgabe der Rentenmark, am Rhein sammelten sich bie bodenständigen Kräfte zur Abwehr des Sepora- tiSmus. Der Plan einer Rheinischen Gold Noten­bank. bie daS 2anb unb feine Wirtschaft dem Einfluß auswärtiger Geldmärltc ausl efern unb neue Scheidelinien gegen daS übrige Drupch- lanb aufrichten mutzte, ver'ank. Taufend unb aber Taukenb ficht bare unb unsichtbare Kanäle ließen da- fast erstarrte Blut herüber und hinüber in die w'.chtigsten Lebens^ntren des Reiches zurückfließen. In Aachen und in der Dfalz, in Trier unb Bonn, unb nicht zuletzt in Der sagenumwobenenSchlacht am Aeg.bienberge"

im Siebengebirge zeigte b l e Selbsthilfe ber Bevölkerung gegen bad Separa - tlftengellnbel Die Erneuerung deS StaatS- gebanlcns. den Willen zur nationalen Tat. Ohne bie Ereignisse in Berlin ist bie Errettung des be­setzten Gebiets nicht denkbar. Stresemann- Name und StroscmannS Kanzlerschaft decken sie in der Geschichte. WaS er vor allem in dieser Abwick­lung deS RuhrkampfeS geleistet hat. blieb auch bann erhalten, als er ben parlamentari'chcn Gegnern im Reichstag weichen mußte, als da» Kaoinott Stresemann am 23. November fiel. Wenig mehr als ein V.erteljahr hat eS bie Ge­schäfte geführt, zwei Monate nur waren vergan­gen seit die leitenden Männer vor aller Oef- scnllichkcit ben Abbruch deS passiven Wider­standes verlündet hatten. In biefer knappen Frist aber war eS gelungen. baS rheinische unb das deutsche Dolk aus dem Chaos her- auSzuführen; jetzt erst wurde der Weg zum Aufbau frei.

Auch in all den folgenden Reich-Ministerien mußte Slre'emann 'estdem bie Richtung ber deut­schen Außenpolitik bestimmen. Trotz aller bar lei» politischen Gegensätze beugte sich die Mehrheit im Reichstag wie im Lande den Erfolgen deS einen Mannes Heute noch steht bie Außen­politik ber deutschen Republik unter den Zeichen, bie der Reichskanzler Stresemann im Herbst 1923 ausgorichtet hatte. Sichtbar geht der Rückblick in die ©ebcnlengänge der Zukunft über.

Oft genug hören wir heute, bah die Zeit zu einer unparteiischen llcberhdjt unb in»- be^onbere zu e nem sachlichen Urteil über Taten unb Meinungen der letzten Jahre nv<y nicht g:- tomrnen fei. So richtig biefe Anschauung für manche Einzelheiten der Innen- unb Auhen- vvli.i! des Reiches ist. für bie furchtbar schweren Ta^c unb Monate deS eigenen Ringens können wir 'i: an Rhein unb Ruhr nicht gelten lassen. Mit unbebingter Sicherheit dürfen wir sagen, daß die innere KrisiS endgültig überwunden ist. bah ein ganzer Gelchichtsabschnitt abge­schlossen hinter unS liegt. Den Lobeshymnen, bie zwei ellos zum fünfzigsten Gebur^tag dem Parteiführer Stresemann gewidmet tocrLxn, ' "llen wir in hohrr Achtung unb mit ehrlichem Dank das Bilb deS Kanzlers voran, x.eber von unS. der sich freizumachen weiß von der parteivolittschen Gebundenheit eine- Wahlkampfes, sollte in diesen Tagen den Rück-