Ausgabe 
9.2.1928
 
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Nr 34 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 9. Zebruar |928

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 9. Februar 1928.

Vorsicht beim Unterschreiben von Bestellscheinen.

Häufig lassen sich Geschäftsleute und Privat­personen verleiten, Bestellscheine zu unterschreiben, die sie nicht vorher durchgelesen haben. Ost ergibt sich hinter­her, baß der Inhalt des unterschriebenen Zettels von den mündlichen Verabredungen abrveicht. Macht dies der Vellagte im Prozeß geltend, so hat er nur selten Erfolg. Der unterschriebene Bestellschein gilt zunächst als Veweisurlunde da­für, daß die in demselben enthaltenen Erklärun­gen von dem Aussteller abgegeben sind. Dem Geschädigten steht nur der Beweis offen, dah die Llnterschrist erschlichen, dah die im Destell- schein zum Ausdruck kommende Vereinbarung wegen Irrtums bzw. arglistiger Täuschung an­fechtbar sei. Das Reichsgericht hat in einer Entscheidung ousgeführt:Im Interesse der Ver­kehrssicherheit kann der Sah nicht entbehrt wer­den, daß der Einwand allein, man habe die Ur­kunde vor der Llnterzeichnng nicht gelten, sie sei auch nicht vorgelesen worden, nicht zugelas­sen werden darf." Der Beweis aber, das; ein Irrtum oder eine arglistige Täuschung vorliegt, ist meistens sehr schwer zu führen und wird oft mißlingen. Es ist deshalb die War­nung angezeigt: Niemand unterschreibe einen Bestellschein, den er nicht vor­her genau durch gelesen hat! Auf die Angabe der bestelltem Warenmenge und des Ge­samtpreises im Bestellschein ist besonderes Augen­merk zu richten. Bestellzettel, die unklar, ver­fänglich oder unvollständig abgefaßt sind, weise man Zurück.

Von der KriegSgräberfürsorge.

Die Arbeiten des Volksbundes Deutsche Kriegs- gräberiürsorge an der Ausgestaltung ver­gewaltigen Sammelfriedhöfe in Frankreich, auf denen Tausende und aber Tausende unserer Ee'allenen aus dem Weltkriege ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, schreiten rüstig sort. So wurden im vergangenen Jahr 23 Friedhöfe mit verschiedenen Baumarten be­pflanzt, nachde.n die von den Gartenarchitekten des Bolksbundes entworfenen Ausgestaltungs- pläne von dem Kunstbeirat, dem bekanntlich außer namha ten Künstlern Vertreter des Aus­wärtigen Armes und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräbernürsorge angehören, gebilligt wor­den waren. Näheres hierüber berichtet das so­eben erschienene Heft 2 derKriegsgräberfür­sorge", der Bundeszeitschrift des Volksbundes. Die Ausgestoltungspläne für weitere 15 deutsche Kriegerfriedhöfe in Frankreich fanden gleichfalls die Billigung des Kunstbeirates. Auch in an­deren Ländern, namentlich Belgien und Po­len, werden die Instandsehungsarbeiten im engsten Einvernehmen mit den deutschen Be­hörden eifrig gefördert. Allenthalben zeigt das bisher Geschaffene, daß Deutschland seine gefallenen Söhne nicht vergessen hat, und daß es bestrebt ist, ihnen würdige, wenn auch schlichte Grabstätten zu schaffen.

Von dem Volkstrauertag am 4. März trennen uns nur noch wenige Wochen. Die Vor­arbeiten zu seiner würdigen Ausgestaltung sind überall, auch in unserer Stadt Gießen, in vollem Gange. Pflicht aller Deutschen ist es, ge­rade an diesem Tage, dem einen, allein unseren Gefallenen aus dem Weltkriege gewidmeten, Ge­denktage in fester Geschlossenheit Zeugnis von ihrem unauslöschlichen Dankgefühl für jene abzulegen.

Unabdingbarkeit des Tarifvertrages.

Das Reichsarbeitsgericht hat die älnab- dingbarkcit des Tarifvertrages in zwei Streitfällen, die vom Deutschen Bankbeam- ten-Verein gegen eine Bank in Münster anhän­gig gemacht waren, festgestellt. Es handelte sich um Klage von zwei Angestellten, die sich beim Dienstantritt mit einer untertariflichen Bezahlung einverstanden erklärten; der eine Angestellte hat kurz vor, der andere erst nach Aufhören des Dienstverhältnisses die volle Tarifbezahlung für

Cs zogen drei Burschen wohl über den Mein ....

Roman von Erica Grupe-Lörcher.

39 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Ganz deutlich wußte sie, daß sie ihr Geschick jetzt an eine neue Lebenswende geführt. Ein Mann war auf ihr Geheiß aus ihrem Leben getreten, der ihr seine starke, seine aufrechte und reine Liebe geboten hatte. Was würde sie eintauschen?

Ein süßer, schwerer Duft umfing sie. Jetzt erst bemerkte sie wieder den Strauß weißer Mrzisfen, Tuberosen und Mimosen, den sie noch immer in der Hand hielt. Das war der duftende Gruß, den Frankreich ihr in dieser Stunde bot! Frankreich, dem ihr eigenes Schicksal sich in dieser Stunde zu ent- icheidungsvollem Entschlüsse zugeneigt!

Es wurde eine Nacht, in der sich auch dasSchsck- al von Raymond immer deutlicher entschied. Stun­denlang lag er noch wach. Die völlige Veränderung in seinem engsten Familienkreise halt sich heute so unerwartet schnell zugcspitzt und zur Entscheidung gedrängt, daß er noch völlig unter dem Eindruck eines harten Erlebnisses stand.

In der Stille und Einsamkeit der Nacht, in der er mit brennenden Augen ins Dunkel starrte und die tiefen, ernften Schläge des nahen Münsters über den Fluß zu ihm hinüber schwangen, wurde es ihm Har, wie auch sein Geschick sich hier zu erfüllen begann.

Hatte Melusine ihm vorhin zugerufen:Bedenke, daß Tropfen französischen Blutes in mir rollen! Das ft jetzt in mir erwacht!", so wachte in ihm das Blut seines i>euffd>en Vaters auf! Immer war m ihm der deutsche Gedanke stärker gewesen, als in Nelusine. Vielleicht hatte gerade die jahrelange jeste und innige Freundschaft mit Dietwart von Schätzer unbewußt feine Ueberzeugung und seine Neigung zum Deutschtum befestigt. Bei Melusine eber hatte im Gegensatz zur Baronin Helene, die, gebeugt durch ihre frühe Witwenschaft, sich immer mefjr neutral zwischen den Gegensätzen gehalten, 2er Einfluß der Grandmama in vollstem Bewußt­sein und mit überzeugtem Zielbewußtsein gewirkt ^ahr um Jahr, unablässig, abwartend und doch nicht

die zurückliegende Zeit geltend gemacht. Das Arbeitsgericht Münster unö das Lan­desarbeitsgericht daselbst, dieses als De- rufungsinstantz, hatten die Ansprüche der An­gestellten anerkannt urrd entschieden, daß ein Verzicht auf das Tarifgehalt nicht möglich sei, da mit der Möglichkeit eines derartigen Ver­zichtes das Prinzip der Tlnabdingbarkeit des Tarifvertrages sre gegeben würde. Nunmehr hat das Reichsarbeitsgericht die von der Dank eingelegte Revision zurückgewiesen. Diese Entscheidung- der höchsten Instanz im arbeits- aerichtlichen Prozeßverfahren ist von grundsätz­licher Bedeutung und höchster Wichtigkeit, zumal die nun endgültig geklärte Frage bisher in Schrifttum und Rechtsprechung stark umstritten war.

Kinderheilstätte Winterkasten.

Die von dem Hess. Landesverband zur Be­kämpfung der Tuberkulose (Heilstättenverein) er­richtete Kinderheil st ätte b e 1 Winter» kästen i. O. nähert sich ihrer Vollendung. Ihre Inbetriebnahme ist für Anfang März vorgesehen. Sie nimmt wie man uns schreibt Kinder bis zum 15. Lebensjahre auf, und zwar nicht nur an Lungentuberlull>se er­krankte Kinder, sondern auch solche, die an Knochen-, Drüsen-, Kehllopftuberiulo'e ufw. lei­den. Die Heilstätte, die der Leitung eines an­erkannt tüchtigen Facharztes unterstellt wird, ist mit allen modernen Heilfaktoren ausgestattet. Sie nimmt insbesondere auch solche Kinder auf, die chirurgischer Behandlung bedür­fen. Der Pflegesatz ist mätzig gehalten und wird in Bedürftigkeitsfällen zu zwei Drittel von der Landesversicherungsanstall und dem Landesverband getragen, während die zustän­digen hessischen Kreis- und Wohlfahrtsämter nur ein Drittel auszubringen haben. Schon jetzt kön­nen Gesuche um Aufnahme bei der Landes­versicherungsanstalt, die die Einweisung besorgt, eingereicht werken. Dem Gesuck; ist ein ärzt­liches Zeugnis beizulegen. in dem die Krankheit genau beschrieben ist. 2) e Heilstätte nimmt auch nichthessische Kinder auf, für die aber keine Preisermäßigung gewährt wird.

" Ernannt wurden der Schulamtsanwärter Georg Schädel aus München zuin Lehrer an der Volksschule zu Treis a. Lda., Kreis Gießen: der Schulamtsanwärter Adolf Etz aus Mainz zum Lehrer an der katholischen Volksschule zu Herbstein, Kreis Lauterbach; die provisorische technische Lehrerin an der Mädchenfortbildungs­schule zu Lauterbach, Eva Friedmann, geb. Pfündel, zur technischen Lehrerin an diese Schule.

* Erledigte L e h r e r st e l l e n. Im Kreise Lauterbach sind erledigt: Eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer in Angersbach, Dienstwohnung wird bis Ende des Schuljahres frei; eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer in Bannerod, Dienstwohnung vor­handen; eine Lehrerstelle für einen evangeli­schen Lehrer in Heisters, Dienstwohnung vor­handen; eine Lehrerstelle für einen evangeli­schen Lehrer in Pfordt; eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer in Uellers- Hausen, Dienstwohnung wird bis Ostern frei; eine Lehrerstelle für einen evangelischen Lehrer in Grebenhain, Dienstwohnung nicht vor­handen; eine Lehrerstelle für einen evangeli­schen Lehrer an der Volksschule in Ober- Wegfurth, Dienstwohnung ist vorhanden und kann alsbald bezogen werden.

** Auf trieb a u f dem heutigen Frankfurter Schlachtviehmarkt: 1034 Kälber, 317 Schüfe, 626 Schweine.

Preußen.

Marburg baut ein Hattenschwirnni- und ein Gommerbad.

][ Marbu rg, 8. Febr. Die Pläne zur Er­richtung eines Hallenschwimm-, sowie eines Sommerbades haben nunmehr greifbare Ge­stalt angenommen Das Hallenschwimmbad soll im Garten des Elektrizitätswerkes, gegen­über der Universität, mit einem Kostenaufwand von etwa 500 000 Mark erbaut werden. Bekannt­

passiv. Gerade wie die geheim geschürte Propa­ganda Frankreichs das Elsaß nie innerlich sich ent­gleiten, nie innerlich zur Ruhe kommen ließ!

Jetzt aber rissen die Zwiespältigkeiten rings zu harter Dissonanz auf. Die einheimischen elsässischen Kreise zogen tiefe, herbe Trennungsstriche zwistyen sich und den deutschen Kreisen. Die Kluft, die sich während der Kriegsjahre aufgetan unb langsam und ständig erweitert hatte, wuchs nun zu unüberbrück­baren Dimensionen.

Hatte Melusine jetzt die Konsequenzen der ganzen Ereignisse in ihrer Rückwirkung auf ihr eigenes Le­ben gezogen, so nahte sich auch für Raymond die Stunde dcs Entschlusses. Sie nahte mit Gefühlen tiefster Bitterkeit und der Erknntnis herber Notwen­digkeiten. Er fühlte, wie er sich ans seiner eigenen Familie gleichsam herausschälte. Die stolze, aufrechte Grandmama in Gemeinschaft mit ihrem Sohne Ca­mille und ihrem Enkel Alceste gewann jetzt die Ober­hand! Melusine neigte ihr zu und führte einen Fran­zosen als künftigen Gatten in ihre Familie. Alceste heiratete in Bälde eine Mühlhausener Fabrikanten- tochter aus reinstem chauvinistisch-französischem Fahr­wasser. Baronin Helene, seine Mutter, würde im besten Falle ihre Neutralität weiter hochhalten und deren Anerkennung verlangen. Und Raymond selbst? Er, ein Zwitterding in diesem engen Familienkreise?

Am andern Morgen brach er zeitig auf, um Diet­wart aufzusuchsn. Er schritt dem neuen Stadtteile zu, der sich unter der deutschen Herrschaft in statt­lichen öffentlichen Gebäuden, breiten, baumbepflank­ten Straßen und schönen, modern angelegten Häu­sern außerhalb der niedergelegten alten Festungs­wälle zum Orangerie-Viertel hinzog.

Ein ebenso verödetes Bild wie Die jetzt vereinsamt daliegende deutsche Universität bot jetzt der neue Stadtteil, in dem überwiegend deutsche Familien aus den Offiziers-, Beamten- und Unioerfitätskreisen wohnten. Ein Möbelwagen nach dem andern war noch während der Verhandlungen des Waffenstill­standes vor die Häuser gerollt und hatte den Haus­rat derjenigen deutschen Familien fortgeschafft und über den Rhein nach Baden gebracht, die so klug ge­wesen waren, in die Zuverlässigkeit und anständige Gesinnung der Franzosen trotz der politischen Ver­sprechungen größtes Mißtrauen zu setzen, und es vorzogen, die bisherige Heimat hier, die liebgewor­dene, unter dem Zwange neuer Verhältnisse zu ver­

lieh haben der Staat gelegentlich des Universitäts- jubiläums zu dieser Bausumme bereits 150 000 Mark und der Vorsitzende des Universitäts- bundes Marburg, Geh. Reg.-Rat H a e u f e r (Höchst), 200 000 Mark zur Verfügung gestellt. Das neue Sommerbad soll auf dem neben dem Univerfitätsstadion von der Stadt erwor­benen Gelände mit einem Kostenaufwand von 93 000 Mark erbaut werden. Das zum Bau dieser beiden Bäder noch fehlende Geld in Höhe von 243 000 Mark wurde in der gestrigen Stadtverordnetensitzung fast e i n st i m m i g be­willigt. Cs soll durch günstige Anleihen von Ortskrankenkasse und städtischer Sparkasse gedeckt werden. Das Projekt des Hallenschwimmbades, welches ein den Vorschriften der Sportbehörde entsprechendes Schwimmbassin von 10 x 25 Meter Größe und 24 Wannen- und medizi­nische Bäder umfassen soll, ist unter Leitung von Prof. Meißner (Darmstadt) entstanden. Die jährlichen Gesamtausgaben (Zinsen, Betriebs- und Personalunlösten) sind mit 73 000 Mark, die Ein­nahmen mit etwa 72 000 Mark veranschlagt. Das Sommerbad soll enthalten ein 1000 Quadrat­meter großes Schwimmbecken, 500 Quadratmeter großes Becken für Nichtschwimmer, 200 Quadrat­meter großes Planschbecken, sowie Spielwiese, Sonnenbad usw. Hier sind die jährlichen Aus­gaben aus etwa 16 000 Mark, die Einnahmen aus 19 800 Mark veranschlagt. Das Sommerbad soll bereits bis zur kommenden Badesaison fertig- gestellt sein. Mit der Genehmigung dieser beiden Bäder geht ein lange gehegter Wunsch weiter Kreise der Marburger Bevölkerung in Erfüllung.

Kreis Wetzlar.

El Aus dem Kreise Wetzlar, 8. Febr. Die Zahl der Arbeitslosen im Bezirke des Arbeitsamtes Wetzlar hat auch im Laufe des Monats Ianuar wiederum eine Steige­rung erfahren, die in der Hauptsache auf die Landgemeinden des Kreises entfällt. Während in der allgemeinen Arbeitslosenver­sicherung zu Beginn des Monats 1397 Haupt- Unterstützungsempfänger mit 765 Frauen und 1433 Kindern unterstützt wurden, betrug die Zahl der Unterstützten am Ende des Monats 1661 Hauptunterstützungsempfänger mit 826 Frauen und 1503 Kindern. Hiervon entfallen auf die Stadt Wetzlar: 256 Hauptunterstühungs- empsänger mit 133 Frauen und 229 Kindern, auf die Landgemeinden des Kreises: 1076 Hauptunterstützungsempfänger mit 573 Frauen und 987 Kindern und aus die zu dem Arbeitsamt gehörigen Gemeinden des Kreises Biedenkopf: 329 Hauptunterstützungsemp­fänger mit 120 Frauen und 287 Kindern. Die Zahl der in der allgemeinen Arbeitslosenver­sicherung beschäftigten Notstandsarbeiter betrug Ende Ianuar 27 gegenüber 1 zu Beginn des Monats. Von den Notstandsarbeiten wur­den in der Stadt Wetzlar 12 und in den Land­gemeinden des Kreises 15 beschäftigt. In der Krisenfürsorge wurden Ende Ianuar 139 Hauptunterstützungsempfänger mit 86 Frauen und 155 Kindern unterstützt, gegenüber 128 Haupt- unterstühungsempfängern mtf 88 Frauen und 162 Kindern zu Beginn des Monats. Hiervon entfallen auf die Stadt Wetzlar 68 Haupt- unterstühungsempsänger mit 38 Frauen und 67 Kindern, auf die Landgemeinden 68 Haupt- unterstützungsempfänger mit 47 Frauen und 82 Kindern und auf die BiedenkopfschenGe- meinöen 3 Hauptunterstühungsempsänger mit 1 Frau unö 6 Kindern. Notstandsarbeiter wur­den in der Krisenfürsorge im Monat Ianuar nicht beschäftigt.

~ Krofdorf, 8. Febr. An der hiesigen Volksschule ist die zweite Lehrer- st e l l e zu besehen. Die Stelle ist ausgeschrieben.

<5 Krofdorf, 8. Febr. Nachdem man nach der Errichtung einer Autoverbindung von Gießen nach Krofdorf auf eine andere Dienst- einteilung des Postboten hoffte, ist dies gerade umgekehrt. Sind doch in unserem Dorfe vier Brieffasten angebracht, von denen der eine nur bei jedesmaligem Abgang der Postsendungen geleert wird, in Öen übrigen örei Kasten öie Postsachen aber einen vollen Tag schlummern können. Die Zustellung der Postsachen läßt auch sehr zu wünschen übrig. Linser etwa 2000 Ein­wohner zählendes Dors, wozu noch der Gleiberg

lassen. Jetzt, seit die Franzosen in der Stadt saßen, mären schier unübersteigliche Schranken zwischen den beiden Rheinufern gezogen worden. Die französi­schen platten Stahlhelme hielten 'Posten an der Rheinbrücke. Niemand mehr kam aus dem Elsaß heraus, geschweige denn Familien mit Hausgerät.

eein Freund öffnete ihm selbst die Wohnunastür auf sein Läuten. Sofort fiel Raymond das verstörte Gesicht des andern £uf. Er schrieb es noch dem Ein­druck öer gestrigen Auseinandersetzung mit Melusine zu. Aber Dietwart zog ihn sogleich in sein Zimmer, das neben der Entreetür lag, und sagte, bevor er ihn 3um Sitzen nötigte:Wie lieb ist es mir, daß du kommst, Raymond! Wir müssen Abschied von ein­ander nehmen! Auch uns hat ein Ausweisungsbefehl getroffen! Morgen früh haben wir an der Rheinbrücke anzu treten!"

Raymond prallte zurück. Ihm war, als fei ihm ein Schlag ins Gesicht versetzt. Er suchte nach Worten, um nach Zusammenhang von dem allen zu fragen.

Als ich aeftern abend von euch zurückkam, lag der Ausweisungsbefehl hier auf dem Tisch. Ein französischer Gendarm hatte ihn überbracht. Du kannst nachher selbst den Wortlaut dieses glorreichen Schriftsatzes der französischen Republik lesen! Wie, nach den Gründen fragst du? Gründe sind keine an­gegeben. Die braucht der französische Sieger nicht."

Aber in den Bedingungen des Waffenstillstan­des hat doch Frankreich unterschrieben: Leben und Eigentum der Einwohner der yi besetzenden deut­schen Gebiete zu schonen und zu schützen! Heißt man das in die Praxis umsetzen, wenn man deutsche Bürger binnen sechsunddreißig Stunden ohne Grund über die Grenze abschiebt? Ist es euch denn möglich, binnen dieser kurzen Frist einen Möbelwagen zum Transport für eure ganze Ein richfamg zu bekommen?"

In den blauen Augen von Dietwart flammte es auf.Das alles müssen wir hier lasten! Es wird nur jedem gestattet, vierzig Kilo Gepäck mitzuneh- men. So viel, wie jeder vielleicht selbst in zwei Handtaschen mitschleppen kann. Und an Geld jeder bare eintausend Mark! Alles anders Vermögen wird hier beschlagnahmt und muß Zurückbleiben?'

Raymond versagten die Worte den Dienst. Er starrte Dietwart ins Gesicht. Tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. So eingefallen, so vergrämt, so erschöpft waren die Züge des Freundes wie da-

unö das Forsthaus Waidhaus gehören, wird nur von einem Postboten versehen.

O Odenhaufen, 8. Febr. Die an der hie­sigen Volksschule freie erste Lehrerstelle ist nunmehr zur Besetzung ausgeschrieben. Für die Stelle ist die Befähigung zum Orgelspiel erforderlich. Eine Dienstwohnung für einen ver­heirateten Lehrer ist vorhanden.

-6- Lützellinden, 8. Febr. In diesen Tagen haben die Holzfällungsarbeiten in dem in der Gemarkung Großen-Linben gelegenen Markwald der hiesigen Gemeinde ihr Ende er­reicht. Da im Winter 1925'26 in diesem Walde durch Windfall großer Schaden entstanden ist, muhte der Einschlag auf beschränkter Höhe ge­halten werden. Die Versteigerung des Holzes soll in Kürze stattfinden. Unter den Holzhauern be­fanden sich auch eine Anzahl Erwerbslose, die nunmehr wieder der allgemeinen Erwerbslosen­fürsorge zur Last fallen. Die Holzfällungen in dem auf preußischem Gebiete gelegenen Oberwald der Gemeinde sind noch in vollem Gange. Am Sonntagabend veranstaltete der hiesige Männergesangverein in der Gastwirt­schaft Franz seinen dieswinterlichen Unter­haltungsabend. Nach einer kurzen Be­grüßungsansprache des Vereinsvorsihenden wech­selten gediegene musikalische Darbietungen mit vorzüglichen Gesangsvorträgen, worauf die Auf­führung eines Theaterstückes folgte, wobei die Mitwirkenden ihr Bestes gaben und durch reichen Beifall des Publikums belohnt wurden. Der Männergesangverein besitzt in seinem derzeitigen Dirigenten, Herrn Leib (Gießen), einen sehr tüchtigen Leiter, was die jetzigen hervorragenden Leistungen des Vereins erneut zeigten. Im vo­rigen Iahre konnte der Verein auf sein 50- jäl riges Bestehen zurückblicken, aus welchem An­laß er von der preußischen Regierung mit der Staatsplakette ausgezeichnet wurde. Der Verein besitzt gegenwärtig eine Stärke von etwa 80 Mitglieder, wovon nahezu 50 Sänger sind.

<> Hörnsheim, 8. Febr. Am 1. Iuli findet hier ein Kreis-Iünglings- und Posaunenfest für Öen Kreis Wetzlar statt.

<ö> Hochelheim, 8. Febr. Am 8. Iuli findet hier ein Kreisfest des Verbandes der evangelischen Iungfrauenver- e i n e des Kreises Wetzlar statt.

Kreis Usingen.

I Cleeberg, 8. Febr. Dieser Tage fand im hiesigen Gemeindewold die erste dies­jährige Brenn - und Autzholzver steig e- rung statt. Durch die Anwesenheit zahlreicher auswärtiger Bieter wurden die Preise in die Höhe getrieben. Es kosteten je Raummeter: Bu- chen-Brennscheit 17 Mk, Duchen-Brennknüppel 15 Mk., Eichen-Nuhscheit 11 Mk., Eichen-Nuh- knüppel 8 Mk., Eichen-Brennholzlnüppel 7 Mt., Kiefem-Rundscheit (1,50 unö 2 Meter lang) 9 Mk., Kiefem-Reislnüppel 1. Kl. 2,50 Mk., 100 Buchenwellen 20 Mk., 100 Gichenwellen 22 Mk. Fichtenstangen kosteten je Stück 1. Kl. 23 Mk., 2. Kl. 2 Mk.. 3. Kl. 0,801 Mk.. 4. Kl. 0,20 Mark.

Kreis Westerburg.

WSN. Kölbingen, 8. Febr. In der hie­sigen Gemarkung hat man Platten-Basalt- vorkommen festgestellt. Nach Gutachten von Sachverständigen handelt es sich um besten W e sterwälder Basalt. Don der Ge­meinde ist beabsichtigt, das Gelände an eine leistungsfähige Firma zu verpachten.

Maingau.

WSN. Hanau, 8. Febr. Der jetzt der Stadt­verordnetenversammlung zugegangene Haus­haltsplan für das Rechnungsjahr 1928 schließt in Bruttoeinnahme und -ausgabe mit 1 1 5 3 5 2 6 6 M k. unö in Nettoeinnahme unö -ausgabe mit 8 580 916 Mk. ab. Der außerordent­liche Etat schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 7 969 SSO Mk. ab. Der Etat sieht die Er­höhung ber Grundvermögenssteuer, des Zuschlags zu den ©runöbeiträgen der Gewerbeertrags- fteuer, des Zuschlags zu Öen ©runbbeiträgen öer Gewerbekapitalsteuer unö öer Hundesteuersähe vor. Dagegen soll ber Gaspreis von 22 auf 20 Pf. gesenkt werben

mals, als er mit seiner schweren Verwundung, schwer erschöpft von tagelangen furchtbaren Kämp­fen, ins Lazarett eingeliefert worden war. Welch eine Härte des Schicksals! Noch zerwühlt und ge­kränkt durch die Trennungsstunde von Melusine, traf ihn bei seiner Rückkehr nach Hause dieser ?nt- scheidungsoolle Ausweisungsbefehl, der ihn hier ent­wurzelte, der ihm feine Heimat nahm!

Und gibt es gar keine Möglichkeit, gegen die An­ordnung zu protestieren, Dietwart?"

Keine. Mein Vater ist höherer Beamter in der Verwaltung. Die deutsche Verwaltung ist hier von den Franzosen aufgelöst. Die deutschen Beamten sind hier jetzt im Lande unwillkommene und über­flüssige Boches. Also schiebt man sie allesamt so schnell wie möglich über die Grenze, nach fran­zösischer Logik! Wir haben schon die ganze Nacht gepackt, denn wir müssen unsere Einrichtung irgend­wo unterstellen, weil unsere Wohnung einem fran­zösischen Dffi.jier freigemacht werden muß. So ist.."

Er brach ab und horchte auf. Draußen hatte die elektrische Glocke am Eingang angeschlagen. Wer kam? Irgendein neuer unerwarteter Befehl? Ir­gendeine neue unerwartete Schikane der französi­schenSieger und Herren" hier?

Es klopfte. Dietwart schritt zur Tür. Das Dienst­mädchen meldete ihm, eine junge Dame sei im Entree und wünsche ihn zu sprechen. Beide Freunde wechselten einen fragenden Blick. Wer mochte es sein?

Er verließ das Zimmer. Draußen streckte ihm eine hohe Mädchengestatt die Hand entgegen. Er forschte im grämlichen Grau des Dezembermorgens im Vorflur nach den Gesichtszügen.

Sie erkennen mich nicht gleich, weil ich heute nicht in Schwefternkleidung bin, nicht wahr, Herr von^Schölzer ...?"

Schwester Wendula!" Seine Stimme hatte heute zrim ersten Male einen froheren Klang.Wie schön, Schwester Wendula, daß Sie kommen und rach uns sehen! Sonst hätten wir uns am Ende gar nicht mehr wiedergefehen ..."

Wissen Sie es schon? Wer hat es Ihnen gesagt? Aber ich wollte mcht aus Straßburg Weggehen, ohne doch wenigstens noch einmal flüchtig die Hand gedrückt zu haben, Herr von Schätzer, und Ihnen Grüße für Ihren Freund aufzutragen

(Fortfetzung folgt.)