Ausgabe 
8.10.1928
 
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als möglich um den Luftverkehr kümmert, hat in der Sowjetrepublik der Staat das ent­scheidende Wort auch bei den privaten Verkehrs­flugzeugen zu sprechen. Es lohnt sich, dem Stand b«r Russen, der einen Einblick in den Entwick­lungsgang der russischen Luftflotte gibt, einen kurzen Besuch abzustatten. Reben den beiden von Laien angefertigten LeichtflugzeugenSturm­vogel" undDrei Freunde" sieht man ein Flug­zeug der Ukrainischen Luftverkehrs-Gesellschaft, ein Postflugzeug, einen Schul- und Sportdoppel­decker, sowie einen originellen Metall-Motor- schlitten. Gewissermaßen eine Ergänzung zu dem allen bieten die verschiedenen Abteilungen.

Oer Zubiläumskongreß der Inneren Mission.

Man schreibt uns: Ende September tagte in Königsberg der 42. Kongreß für Innere Mission.

Am 22. September blickte der Zentralausschutz für Innere Mission auf ein 80jähriges Bestehen zurück. So war es eine Iubiläumslagung, die 400 Vertreter der verschiedensten Zweige der Inneren Mission aus allen deutschen Ländern über den polnischen Korridor in die abgeschnürte Ostmark führte. Brudersinn und der Wille zur Stärkung deutschprotestantischen Volkstums halte die Leitung der Inneren Mission bestimmt, freu­dig die Einladung der Stadt Königsberg anzu­nehmen. Vor 80 Jahren war W i ch e r n s ge­wissenweckender Heroldsruf von Wittenberg aus ins deutsche Land ergangen. Es war ein Weckruf zur Tot rettender Bruderliebe in schwerer Volks­not. Damals bildete sich der Zentralausschuß für Innere Mission. Das kleine Reis, das aus der Erde schoß, ist in 80 Jahren ein mächtiger Baum geworden, unter dessen Zweigen viel Volksnot und Elend Zuflucht gefunden hat. Heute vertritt der Zentralausschuß 12100 Anstalten und Ein­richtungen evangelischer Liebestätigkeit mit 390 000 Betten und Plätzen. Alle zusammen: eine Stadt der Barmherzigkeit von der Größe Hannovers. Was wäre wohl Deutsch­land heute ohne dieseStadt der Barmherzig­keit"!? Wahrlich ein eigenartiges Jubiläum! Aber kein Feiern wars, kein Ausruhen in Selbst­gefälligkeit. sondern -ein neuer Weckruf zu nie rastender Liebestat in größerer Volksirot denn zuvor. Schon der Ort der Tagung gab dem Kon­greß eine ganz besondere Rote in dieser Rich­tung. Die Rot der deutschen Volksbrüder in der vom Vaterland abgetrennten Grenzprovinz zit­terte durch alle Verhandlungen. Der Ruf nach Stärkung der so gefährdeten Volks- und Glau­bensgemeinschaft begleitete als Anterton den Be- grühungsabend, den die Stadt dem Kongreß in der großen schönen Stadthalle bot.

Die ganze Tagung stand unter dem Gedanken des Dienstes, des Dienstes ün- Geiste und in der Kraft Jesu Christi, des Dienstes am ganzen Volk in allen seinen Röten. Innere Mission ist nichts anderes als Dienst. Schon der Eröff­nungsgottesdienst in dem altehrwürdigen Dom teilte in der Predigt von Generalsuperintendent ). Zänker-Breslau über 2. Kor. 8, 9, diese Lo- üng klar und kernig über den ganzen Kongreß. Durch Dettelarmut zum höchsten Reichtum. Die erste Hauptversammlung zeigte dann in dem Vortrag des Diakonissenvorstehers von Reuen- dettelsau in gewissenpackenden Ausführungen grundlegend, daß unser Geschlecht im Grunde nichts anderes braucht, als was noch jedes Ge­schlecht gebraucht hat: den selbstlosen, opferfreu­digen, jesusmäßigen Dienst. Lind alle übrigen Vorträge und Verhandlungen in Haupt- und Sonderversammlungen gipfelten in diesem einen Ziel: der Inneren Mission und Kirche neue Wege zu weisen für diesen Dienst auf den ver­schiedensten Gebieten besonderer heutiger Volks­not. Von hier war auch die Auswahl der The­men bestimmt: in Mitarbeit der Kirche und der Inneren Mission an der ländlichen Siedlung im deutschen Osten, Auseinandersetzung mit den mo­dernen Erziehungstheorien und mit den Vor­schlägen zur Ehereform, die Gegenwartsaufgaben in der heute sehr umstrittenen Gesundheitserzie­hung. Die Stunde ist ernst! Daß sie nur nicht ungenutzt entei«le! Das war der Herz und Gewissen anpackende Eindruck, plnd darum wandelte sich der Aufruf zur Tat in die dringende Mahnung Dodelschwinghs:Rur nicht zu langsam, sie sterben sonst!"

Geld W vom Himmel.

Vornan von Paul Enderling.

Copyright by Corl Duncker, Verlag, Berlin.

11. Fortsetzung Nachdruck verboten.

Immer verwunderter blickte Grotteck seinen schwärmenden Begleiter an.Offen aestanden, nein. Aber ich bin ja auch kein Dichter.

Aber sie sind doch Künstler. Sie haben doch Ein­fühlungsvermögen. Sie müssen durch ihren Anblick doch aus dem Alltag geweckt werden?"

Ich finde es sonderbar, daß ich Ihnen so etwas gestehen soll."

Si ist der Grund, warum ich zu Brodersen gehe", fuhr Surrmann fort, ohne auf den Einwurf zu achten.Si ist der Magnet. Denn sonst gehöre ich ja wahrlich nicht dorthin. Nicht wegen des Ab­stands, den der Reichtum schafft. Den erkenne ich nicht an. Ich bin ja innerlich viel reicher als all diese Finanzleute dort, und mein Reichtum ist kei­ner Kursschwankung unterworfen. Ist es nicht so?"

Ich gratuliere", sagte Grotteck lächelnd.Und was stört sie sonst bei Brodersen?"

Die Politik. Dieses gefährliche, lauernde Un­geheuer."

Wird dort mehr politisiert als anderswo?"

Surrmann lachte sehr überlegen.In Ihrer Ge­genwart nicht. Wenn Sie kommen, schweigt das Gespräch, oder es nimmt eine kühne Wendung ins Ethnologische. Ist Ihnen das noch nicht aus­gefallen?"

Grotteck mußte zustimmen.Aber warum?"

Weil man Sie nicht für so harmlos hält wie mich. Ja, mich nimmt man in diesen Streifen nicht für ganz voll. Wenn ich dabei sitze, hält man cs nicht für nötig, ein Blatt vor den Mund zu nehmen."

Nun, und was haben Sie denn so Gefährliches entdeckt?"

Surrmann preßte Grotiecks Hand.Gefährlich... das ist das richtige Wort. Ich alaube, daß Broder­sen an einen gefährlichen Zirkel gebunden ist."

Ich glaube, daß er mit seinen starken Fäusten jedes Netz zereißt. Sie sehen zu schwarz. Ihre übri­gens recht beachtliche Phantasie geht mit Ihnen ein bißchen durch."

Aber ich bitte Sie, was ist das für ein Ver­kehr in diesem Hause! Sind Ihnen noch nicht diese

AeichMgmg des ZvndesHaus und Schule".

liege, sei sehr dankbar dafür, daß die BundeS- treunde hierher gekommen seien. In Hessen hät­ten wir zwar keine Religions- und Schulkämpse erlebt, wie in anderen Gegenden unseres Vater­landes, aber die Kirchen- und Gottentfremdung habe sich auch hier gezeigt. Daher sei diese Tagung in Hessen und Gießen notwendig, und man wolle aus ihr neuen Mut und neue Kraft entnehmen, neuen Zuwachs gewinnen, um die Ausgaben des Bundes voll erfüllen zu können: «christliches Haus, christliche Schule!

Feldpropst D. Schlege l-Derlin sprach für den deutsch-evangelischen Kirchenausschuh and den evangelischen Oberlirchenrat der altpreußischen Plnionslirche herzliche Grüße und aufrichtige Segenswünsche für die Arbeit der Tagung aus. Die herzlichen Beziehungen zwischen dem Bunde und den beiden kirchlichen Oberbehörden seien für diese immer eine besondere Freude gewesen.

Der Superintendent für Oberhessen, Ober« kirchenrat Wagner (Gießen), sprach in Ver­tretung des am Erscheinen verhinderten Ober­hauptes unserer Evang. Landeskirche in Hessen, Prälaten D. Dr. Diehl, der Tagung die herz­lichsten Wünsche und Grüße der hessischen Lan­deskirche und der Provinz Oberhessen aus. Er begrüßte diese Reichstagung in Hessen und wür­digte mit dankbarer Anerkennung die praktische Arbeit des Bundes für unser evangelisches kirch­liches Leben. Cs möge nicht verschwiegen sein, daß wir in Hessen auf schulpolitischem Gebiete eine besondere Stellung einnehmen. Wir haben unsere Simultcrnschule, die nicht etwa eine Ge­meinschaftsschule ist, sonderir eine Schule, die nach dem grundlegenden § 1 des Gesetzes ausdrücklich auf religiös-sittlicher Grundlage ihre ganze Er­ziehung und den Unterricht auszubauen hat. Die hessische Evangelische Landeskirche, die in engem Verbände mit der evangelischen Lehrerschaft be­strebt sei, diese Simultanschule zu erhalten, werde die Elternrechte nicht in dem Maße betonen, wie das in anderen deutschen Ländern nötig sei, wo man kämpfen müsse um die Erhaltung der christ­lichen Schule. Aber darin stimme man in Hessen mit dem Bunde völlig überein, daß es wesent­lich und wertvoll sei was der Bund sich zur Aufgabe gemacht habe, die Einheit zwi­schen Schule und Elternhaus in der evangelischen Erziehung herzustellen. Das sei ganz im Sinne unserer hessischen Evang. Kirche. Wenn der Bund seine Aufgabe darin sehe, den evangelischen Eltern das Gewissen zu schärfen, sie in diesem Sinne zu leiten und zu führen, dann sei er auf der Bahn, auf der unsere evangelischen Kirchen arbeiten müßten an dem Aufbau unseres evan­gelischen Christentums. Möchten Schule und Haus ein Garten Gottes werden, in dem Gottes hei­liger Geist sein Werk treiben könne, daß Men­schenkinder zu Gotteskindern werden.

Ramens der kurhessischen evangelischen Landes­kirche sprach dann Kirchenrat Eisenberg, Kassel, herzliche Grußworte, der dabei u. a. ein warmes Bekenntnis für die im dortigen Bezirk bestehende konfessionelle Schule ablegte, die man behalten wolle und für deren Aufrechterhaltung er die Unterstützung und Mitarbeit des Bundes erbat. An der Arbeit des Bundes nehme die kurhessische Kirche mit Freude herzlichen Anteil.

Weitere herzliche Begrüßungsansprachen hielten noch Kirchenrat Lic. Dr. Ziemer, Breslau, für die lutherische Freikirche in Preußen: Pfarrer Lic. Riehl, Frankfurt a. M., für den Verband der Deutschen evangelischen Pfarrvereine: Pfar­rer Ausfeld, Gießen, für die evangelische Ge­samtkirchengemeinde Gießen, in der seit 400 Jah­ren das Evangelium unverboten und frei ge­predigt worden sei und die jetzt noch 85 Prozent der gesamten Gießener Bevölkerung ausmache, die von dieser Tagung des Bundes für Haus und Schule reichen Segen für die evangelischen Fami­lien erwarte: Stadtv. Kirchner, Gießen, für den Gießener Evangelischen Arbeiterverein und den Verband mittelrheinischer Evangelischer Ar­beitervereine: Stadtverordneten-Vorsteher Geck, Kassel, für die Landesgruppen des Bundes.

Bundesdirektor Winkler gab dann bekannt, daß noch Begrüßungen eingegangen seien von dem Herrn Dekan der theologischen Fakultät der Llni- versität Gießen, der leider durch eine Reise am Erscheinen verhindert ei, vom Reichsinnennnnißer, vom hessischen Minister für Kultus und Dil-

Seit dem gestrigen Sonntag weilt der Deutsche Bund für christlich-evange­lische Erziehung in Haus und Schule in Gießen zu Gast, um hier seine diesjährige Reichstagung vom 7. bis 9. Oktober zu halten. In wochenlanger emsiger Vorarbeit haben füh­rende Persönlichkeiten der Gießener Ortsgruppe des Bundes die Wege bereitet, auf denen die Reichstagung zu dem erhofften Erfolg geführt werden soll. Aus allen Teilen des Reiches sind die Vertreter der Landes-, Bezirks- und Orts­gruppen in großer Zahl hier erschienen.

Die Reichstagung wurde am gestrigen Sonn­tag mit sehr stark besuchten Gottesoien st en in unseren beiden evangelischen Kirchen einge­leitet. Irn Festgottesdienst in der Johann eskirche hielt Feldprobst D. Schlegel- Berlin, im Fest- aottesdienst in der Stadtkirche Kirchenrat Eisen­berg- Kassel die Festpredigt. Anschließend an die Gottesdienste fand in beiden Kirchen die Feier des hl. Abendmahls statt. Am Rachmittag folgte vor Eltern und Erwachsenen Christen­tumsunterweisung für Kinder durch Bundesdirektor Winkler im Saale der Io­hanneskirche. Den toürbigen Abschluß des ersten Tages bildete in der Reuen Aiila der Universität der

Eröffnungs- und Vegrüßungsabend. Der weite Raum der Aula war vollbesetzt, als der Abend in weihevoller Weise mit Beethovens Trio 6-Dur Allegro con brio, vorgetragen von den Herren Dingeldey, Birnbaum und Richter aus Gießen, eröffnet wurde. Ein von Frl. Rennert (Gießen) verfaßter, von Frau Mendelssohn-Bartholdy (Gießen) mit starker Wirkung gesprochener Prolog bildete bann die Ueberleitung zur Schriftverlesung und Gebet, ge­sprochen von Bundesdirektor Winkler. Nach dem anschließenden gemeinsamen GesangWachet auf, erhebt die Blicke!" folgte die

Eröffnung der Reichötagung

mit einer Ansprache des Bundespräsidenten Grafen v. Schwerin. Der Redner gedachte zunächst der weihevollen und unvergleichlichen Gottesdienststun­den am Vormittag, die eine herrliche Einleitung der Reichstagung gewesen seien. Er gab dann sei­ner Freude darüber Ausdruck, daß die Tagung nun in Gießen stattfinden könne und dankte allen Freunden und Mitarbeitern des Bundes in Gießen für die alte Treue und Freudigkeit, mit der sie die Vorbereitungsarbeit für diese Tagung geleistet haben. Was wolle der Bund ,^Haus und Schule" mit seiner Reichstagung? Er wolle aufwecken, das evangelische Volk zum Wachen aufrufen und das ganze liebe Hessenland mit an seine Arbeit heran­ziehen. Seit 1921 werde in der Landesgruppe Hes­sen und in Gießen für die Bundessache treue Arbeit geleistet von vielen eifrigen Mitgliedern unter der Führung durch Landgerichtsrats K n a u ß. Der Bund danke herzlich für diese Arbeit. Die Reichstagung wolle auch Anregung dazu geben, daß nicht nur neue Mitglieder die Reihen des Bundes fänden, sondern auch Arbeiter und Kämpfer für die Bun- oessache entstünden. Immer wieder müsse eine Er­weiterung und Vertiefung der Arbeit allerorten stattfinden. In dem Kampfe, der heute gegen das Evangelium geführt werde, wolle der Bund seine Waffenrüstung starkmachen. Jeder evangelische Christ könne für diesen Kampf sich beim Bunde Hilfe holen. Das Programm der Gießener Tagung enthalte eine Fülle von Kraftquellen, die ausge­nutzt und ausgeschöpft werden mußten, damit es Im Leben und in der Arbeit weiter vorwärtsgehe. Wenn weiter gearbeitet werde in Liebe und Treue, dann werde das Hauptthema dieser Tagung Wahr­heit werden: ,Ich will heute in deinem Hause ein­kehren."

Im Anschluß an die Eröffnungsansprache des Bundespräsidenten erfolgten zahlreiche

Begrüßungen.

Landgerichtsrat Knau h-Giehen hieß im Rainen der Landesgruppe Hessen des Bundes und der Ortsgruppe Gießen die Tagung herzlich willkommen. Die Bundesgruppe Hessen als die Westmark des Bundes, die toeitab von der Zen­trale und von den Dundeszeirtren Brandenburg, Pommern, Ostpreußen, Schlesien und Sachsen

Hände usw." Er lachte laut in die Nacht und lud, noch lachend, den Verdutzten zu einer Tasse Tee ein.

Die beiden saßen die halbe Nacht in Grottecks Zimmer, und Surrmann schüttete sein Herz aus.

Menschen aufgefallen, die ein- oder zweimal dort auftauchen, ein halsbrecherisches Deutsch sprechen und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden?"

Bei Brodersens internationaler Art ist das doch nicht so verwunderlich, daß allerlei landfremdes Volk bei ihm auftaucyt."

Landfremdes Volk ... wißen Sie, wie man das früher nannte? Unehrliche Leute! Sie hatten kein Recht. Sie waren geächtet. Sie konnten nicht in die Zünfte eintreten. Sie durften nicht in die Kirche. Sie wurden hinterm Zaun verscharrt."

Stimmt. Das wollen wir in der Zeit des Flug­zeugs und der elektrischen Schnellzugslokomotive aber doch gern jener Zeit überlassen, die man die gute nennt."

Es war eine gute, Grotteck. Zum mindesten in diesem Punkt. Was wollen die Landfremden bei uns? Sie wollen ihr Gift in unsere Furchen streuen, das Untraut ihrer fremden Ideen zwischen unsre Saat schmuggeln... ist es nicht so?"

Grotteck lachte in das aufgeregte Gesicht seines Begleiters.Sie sehen zu schwarz, Surrmann, oder Sie haben ... entschuldigen Sie schon ... zu heftig dem sündhaft guten Wein oben zugesprochen/

Nein, nein. Ich fühle die Atmospäre dort wie einen Alpdruck. Aber das könnte mich ja reizen, wenn ich objektiver märe. Und Brodersen ... sieht er nicht wie das Prinzip des Bosen aus? Wie die Wiederverkörperung des Tamerlan oder einer andern Gottesgeißel?"

Grotteck zuckte die Achsel.Geschmacksache." Und er setzte nach einigem Zögern hinzu:Und Inge Brodersen?"

Er erwartete ein schwärmerisches Aufleuchten in den Augen des jungen Mannes und war erstaunt, als dieser düster wie bisher fortfuhr:Auch sie be­drückt mich. Auch sie trägt Geheimnisse in ihren Falten."

Aber eben sagten sie doch, daß sie Sie zu den schönsten Phantasien anregt?"

Kein Wort habe ich von ihr gesprochen", fuhr Surrmann auf.Ich versichere Ihnen, daß sie gar nicht für mich existiert."

Grotteck blieb verblüfft stehen.Ja, wovon sprachen Sie denn die ganze Zeit?"

Von Si natürlich. Von der malaiischen Diene­rin. Haben Sie sie nicht bemerkt?"

Fast hätte Grotteck den Poeten umarmt.Sie sind das prächtigste Kind, Surrmann, das mir je über den Weg gelaufen ist. Mir ist, als ob ich die

Das Arbeitsamt ist jetzt meine Zufluchtsstätte", klagte er.Ist mir das wohl an der Wiege ge­sungen worden? Ach, ich glaube, an meiner Wiege ist überhaupt nicht gesungen worden. Denken Sie: ich bin wie jeder anständige Mensch ein Lang­schläfer von Natur aus, und ich muß jeden Mor­gen, den Gott wachsen läßt, um acht Uhr pünkt­lich in meiner Schreibstube fein. Aber es ist mir bisher noch nie geglückt, früher als fünf Minuten nach acht aufzutauchen. Gestern hat mir der Rech- nungsrat vorgerechnet, daß ich die Stadt in fünf­undzwanzig Arbeitstagen monatlich um einhundert­fünfundzwanzig Minuten betrüge."

Er trägt also seinen Titel mit Recht."

Und das Sonderbare ist, daß ich gar nicht durch sein Zimmer 47 hindurch muß. 47a hat feinen eigenen Ausgang. Aber unter einem dunkeln Zwang verlaufe ich micy jedesmal."

Ist es denn unbedingt nötig, daß Sie in diese Fron gehen?"

Denken Sie, ich kann von meinen Gedichten leben? Ein Mäzen hat mir diesen Posten verschafft, wo ich in achteinhalb Stunden täglich soviel ver­diene, daß ich nachts Sonette feilen kann."

Grotteck dachte froh, daß er ja nun helfen konnte. Das Geld bekam einen Sinn. Aber lag es denn noch in feinem Versteck? Unruhig gina er zur Kom­mode, aber er wagte nicht, sie zu öffnen.

In diesem Augenblick unterbrach Surrmann feine Klagen.Ich werde aber einmal reich, das fühle ich, und wenn es durck ein Verbrechen fein müßte!"

Durch ein Verbrecyen?" fragte Grosteck, irgend­wie beunruhigt.

Haha, jetzt sehen Sie mich schon ganz anders an, wie? Trauen Sie mir keins zu? Wissen Sie nicht, daß Hebbel von sich sagte, er wäre zu jedem Ver- brechen fähig gewesen?"

Er hat aber Feins begangen, soviel ich weiß. Und er meinte es auch wohl nur geistig."

Was weiß einer vom andern?" begann Surr­mann mit wichtiger Miene.Ick hatte eine Zeitlang sogar einen ganz bestimmten Plan." Er rückte näher an Grotteck heran und flüsterte:Von meinem Fen­ster im Arbeitsamt sehe icy in allerlei Geschäfte und Bureaus der tiefergelegenen Straßen, und in einem,

dungstvesen, vom hessischen Minister des Innern, vom Oberbürgermeister der Stadt Gießen, von Oberstudiendirektor Henk, auch namens der Leiter der anderen höheren Schulen unserer Stadt, vom Evang. Dekanat Gießen, vom Polizeiamt Gießen und vom Kommando der Gießener Garnison. Vertreten in dieser Versammlung seien die Stadt Gießen durch ein Mitglied des Stadtparlaments, ferner das Kreisamt Gießen und das Kreisschul- amt. Telegraphische Grüße habe der Zentralaus- schuß für Innere Mission übermittelt.

Der Bundesvorsitzende Graf v. Schwerin dankte hierauf für die herzlichen Begrüßungen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Segen Gottes die Arbeit des Bundes begleiten möge.

Unsere Gießener Konzertsängerin Fräulein Ida Stammler bereicherte den Abend in schönster Weise durch den Vortrag zweier feiner Komposi­tionen (Harre meine Seele" von Alexander Winter­berger und Rezitativ und Arie ausPaulus" von Mendelssohn-Bartholdy).

Oer erste Hauptvortrag.

Äunmehr hielt Pastor Wo11rich - Breslau den ersten öffentlichen Hauptvortrag über das Thema:Warumihat das evangelische Haus heute die entscheidende Be­deutung für unser Volk?" Die Aus­führungen des geistvollen und tiefschürfenden Redners sind in folgende Sähe zusammenzufassenr Die Familie ist Ursprung und Träger des Volkes, Von ihr hängt des Volkes physische und psychische Lebenskraft ab. Seit alter Zeit wurzelt die Sitte des deutschen Hauses in der Ehrfurcht vor Gott: Autorität der Alten und Pietät der Jungen sind seine Pfeiler. Diese Bedeutung des Hauses für das Volk steht heute in Gefahr, verlorenzu­gehen. Die wirtschaftlichen und furchtbaren Woh­nungsnöte, der Parteigeist, Sport und Technik, die di« Jugend allzu ausschließlich beherrschen, drohen den Geist und die einigende Kraft des deutschen Hauses zu zerstören. Die erschütternde Weltanschauungsnot im Volke untergräbt das uralte Fundament der Familie, den Gottesglau­ben. Demgegenüber hat das evangelische Haus heute entscheidende Bedeutung. Cs ist mit dem immer lebendigen Evangelium unlöslich verbun­den und bringt Christus in die Familie: dort wirkt er ein Haus, das Ratürliches und Gött­liches vereint, weltoffen und Gott zugewandt ift. Solch Haus ist ein Damm gegen alle zerstören­den Kräfte im Volke. Die entscheidende Bedeu­tung des evangelischen Hauses für unser Volk liegt darum in dem Bunde der Familie mit Christus, der in ihr einkehrt.

Der Abschluß des Abends.

Im Anschluß an einige Mitteilungen des Bundesdirektors Winkler brachten die Herren Dingeldey, Birnbaum und Richter in wundervoller Weise Beethovens Trio Ls-D.ur Allegro ma non troppo zu Gehör. Darauf wurde mit einem Schlußgebet und dem gemeinsamen Ge­sangIch und mein Haus, wir sind bereit" dir Feier geschlossen.

Iubiläumstagung des Hessischen Landeslehrervereins.

Lpd. Darmstadt, 7. Oft. Am heutigen Sonntag begann hier die2 ubiläumstagung desHessischenLandeslehrervereins. Am Vormittag fand an den Gräbern der beiden Vereinsführer, Johann Schmitt und Karl Backes, feierliche Kranzniederlegung statt, Ob­mann Reiber sprach über das Wirken Johann Schmitts um die hessische Schule und den hessischen Lehrerstand, wahrend der Vertreter des Deutschen Lehrervereins, L ü b k e, die Verdienste Johann Schmitts als eines Mitbegründers des ersten deutschen Lehrervereins schilderte. Am Grabe Karl Backes, dem langjährigen Führer des Hessischen Landeslehrervereins, widmeten Rei­ber und Lübke gleichfalls Worte der Er- hmentng.

Anschließend wurde in der Morneweg-Schule die Lehr - und Lernmittelschau eröffnet. Lehrer Horn begrüßte dir Erschienenen und ging auf das Wesen und die Einzelheiten der Ausstellung ein. Er übergab dann die Ausstel­lung dem Obmann Reiber, der sie im Flamen des Landeslehrervereins übernahm.

denken Sie, erkannte ich Banknoten in Bündeln. Uebrigens sah ich sie nur, wenn ich den doppelten Kneifer aufhatte."

Banknoten in Bündeln?" Es war schwer, diese wenigen Worte zu wiederholen.Sie müssen ge­träumt haben."

,Zn Bündeln", triumphierte Surrmann.Und eines Tages oder besser Nachts werde ich sie mir holen. Wollen Sie dabei fein? Es müßen nämlich zwei fein: derjenige, der das Geld holt, muß es einem andern übergeben, damit es nicht bei ihm gefunden wird."

Ein Verdacht stieg in Grotteck auf.Haben Sie mit jemand darüber gesprochen?"

Wo denken Sie hin?" meinte der andre gekränkt. Man ist doch kein Anfänger!"

Da mußte Grotteck wieder lachen.Nun, ich hoffe, daß Sie es auf diesem Gebiet doch sind! Das ist wohl eine Kriminalgeschichte, die Sie mir da skiz­ziert haben, wie?"

Surrmann stimmte in das Lachen ein.Ein Phantasieprodukt, versteht sich. Leider werde ich zu diesen Dingen nie die nötigen Nerven aufbringen."

Grotteck goß feinem Gast Tee ein und sagte ruhig: Nun wollen wir aber von Dingen reden, die nicht unsre Träume beeinflussen. Erzählen Sie noch ein bißchen von Ihrem Arbeitsamt."

Schön. Oder vielmehr nicht schön. Wir haben doch da einen Abreißkalender mit schönen weißen Rückseiten, gerade groß genug, um ein Gedicht her­auf zu schreiben. Ein Gedicht an den Frühling, an malaiische Wälder, an ein junges Mädchen. Glauben Sie, daß man es dort gern sieht, wenn ich darauf meine, Verse schreibe? Man ist so pedantisch, daß man sich daran stößt, wenn plötzlich der 7. Mai oben steht, während es erst der 22. April ift."

Unglaublich, in der Tat."

Mit den männlichen Kolleaen dort stehe ich mich gut. Sie halten mich für blödsinnig. Das macht mich ihnen sympathisch. Aber die Damen ..."

Nun, mit denen sollten Sie doch fertig werden."

Nein!" rief Surrmann in ehrlicher Empörung. Seit sie Bubiköpfe tragen, ist ihnen jede Achtung vor der Poesie verlorengegangen. Das eine Fräu- (ein wollte neulich ein Polterabendgedicht von mir für ihre Freundin, die einen Katasterkontrolleur heiratet!" Er leerte vor Wut die Tasse mit einem zu großen Schluck und prustete eine Weile vor sich hin.

(Fortsetzung folgt.)