lft.237 Zweiter Blatt
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Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
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Montag, 8. Gltoher |928
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Türkisches Bad.
Von Robert Neumann.
Ist es die bedrohliche Weihe der Gassen, ist es die schwüle, schwer riechende und beklemmende ßu|t, die dich zwingt, Fu/H vor Fuh zu setzen, schleppend, grelle Häuserfronten entlang? Don Schattenplätzen kräumst du, von Wind. Aber an jeder Ecke fällt ein neues Fluten praller Sonne dich an. Ein Wasserverläufer füllt dir das Glas, und du trinkst daraus, gierig, trinkst laue Feuchte, die deinen Durst nicht stillen kann, trinkst ohne Angst vor der Seuche, über die die Zeitungen schreiben. Fruchthändler spielen dir eine überreife fliegenumsummte Melonenschnitte in die Hand.
Durch die jähe Schlucht eines Quergangs, den ein kurzer, rötlich schwarzer Giebelschatten zersägt, fällst du in Tor und Dorraum eines runden Kuppelgebäudes, das du für eine alte Moschee hältst einen Atemzug lang. Doch da du durch eine Tür trittst, springt zwanzig- dreihig- fach ein Kreischen dich an. Gestalten, aufgerichtet, von Ruhelagern erhoben, in rote, weihe, blaue Laken gehüllt und vermummt, Gestalten mit zottigen Köpfen, deren Gesichter schwarz im Schrei der Verwahrung, Warnung, Drohung geborsten sind. Weibergestalten, Weiber, Lemuren in Dadrlaken kreischen dir ihren Protest entgegen: das türkische Bad hat Frauenbesuch. Du muht warten, auf den Steinfliesen draußen, fast eine Stunde lang.
Der dich Cingeschlafenen weckt, ist ein gutmütig blickender, wenig bekleideter Mann. Du folgst ihm eine kurze, breite Treppe hinan in ein behäbiges Ruhegemach. Vier Lager werden dir nach deiner Wahl zur Verfügung stehen. Du wirst ruhen können das Haupt gegen Mekka oder das Haupt gegen Rorden, du wirst ruhen können gegen Aufgang und Llnterang. Oh, du wirst bedient sein. Deiner Kleider, des schweißnassen Hemdes bist du schon ledig, bist ein gekleidet in Lendentuch, Schultertuch, Mütze, wie jene Weiberlemuren, und wie andere, männliche, die jetzt gleich dir aus Zellen vorkriechen in den gemeinsamen Raum. Ein paar Schritte noch, eine Tür noch und ein Gang.
Das also ist das türkische Bad. Eine große Krchpel über einem Quadratbau. Die Wände
VolkspersönÜchkeii. .
Von Or. Hans Luther, ehem. Reichskanzler.
Wir entnehmen die nachstehenden Darlegungen dem neuen (Oktober-)Heft des „Türmer".
Manchmal kommt es mir vor, als ob das deutsche Volk noch recht jung sei. Seine Geschichte trägt bisher alle Züge des immerfort Werdenden. Zeiten großer Kraftenlfaltung nach außen wechseln ab mit Spannen geistiger Vertiefung und innerer Kraftsammlung, ja des Richtstuns. Wie im Leben so vieler Menschen, aus denen Großes geworden ist, gibt es Fristen, in denen Jung- Siegfried fast zu verkommen scheint. Die Llmwelt macht sich solchen Zustand stets zunutze, um einzubrechen, zu rauben und zu erben, was sich nur irgend mitnehmen läßt. Aber doch ist es niemals gelungen, auf eine irgendwie längere Zeit über größere Teile Deutschlands eine Fremd- hrrrschoft aufzurichten. Deutschland ist niemals wie andere Länder unter die Rachbarn geteilt worben. Mag sich auch gerade in Deutschland einer der seit amsten g istigen Ueberpilanzungs- Vorgänge vollzogen haben, die Rezeption des römischen Rechtes mitten in em bvdenwüchsiges Rechtsleben hinein, so ist doch selbst unter d'.eser gewaltigen Woge das deutsche Derwaltlings- und Rechtsleben nicht etwa zu leeren Formeln erstarrt: sondern das fremde Recht ist langsam deutsch geworden und immer deutscher. Mag auch lange hindurch franzö i cher Kultureinfluh deutsches We en überschattet haben, so ist doch unter solcher Befruchtung einer der geschichtlich Größten, der alte Fritz, erwachsen, der bei all seinem französisch Parlieren der Deutschesten einer war. Freilich, es ist nicht nur eigenes Urteil des deutschen Volkes, sondern Meinung der Welt, daß im deutschen Volk die Besonderheiten und Eigenwilligkeiten der einzelnen Volks- und Landestcile weit stärker entwickelt sind als anderswo. Darf man schlußfolgern: Beschicht icher Längsschnitt und geoga- phischer Querschnitt durch die deutsche Seele ergeben das Bild ungebändigter Kräfte, die im lugendlichen Gären noch nicht sich zur Persönlichkeit geformt haben?
Jedoch, da kam der AukstiegPreußen s und Preußens Führerschaft im Reich. Was innerlich noch brodelte und miteinander rang, wurde zur Staaisperfönlichleit zu.ammengefaßt. Die Jugend schien beendet, und unter glückhaftem Stern begann ein Mannestum in klarer Lebrnsvrdnung. Aber das Schicksal hatte es so einfach mit fcem deutschen Dolce nicht gemeint. Das deutsche Volk war nicht eine Jahrtausende lange Geschichte hindurch gerüttelt und immer neu gemodelt worden, um nun mit einem Mal im Hasen eines wohl behüteten Staatsgebildes zu landen. Der Weltkrieg und die Ereignisse, die auf ihn folgten, zerschlugen das Staatsgesüge, und das Volk war wieder ganz auf sich g e st e l l t. Unter dem Druck der Rot hat das Volk die Probe bestanden. 1918 und 1919, die Jahre unseres Riederb-ruchs, haben das deutsche Volk ebensowenig auseinandersprengen können wie der Währungszerfall des Jahres 1923, der in seiner Tiefenwirkung wohl ohne Vergleichbares in der Weltgeschichte ist.
Ich schaue noch einmal zurück: Einstmals, im frühen Mittelalter, waren wir ein Reich, waren in Ueberspringung unserer eigenen Grenzen die Welt und lebten mit jugendlicher Inbrunst die Bilder. die in unserer Seele waren. Der jugendliche Sprung war zu weit angesetzt. Die neidischen Rachbarn erhoben sich wider uns, und nun Huben die Zeiten tiefen inneren Reifens an, scheinbar ohne Plan und doch mit Entfaltung jeder nur möglichen Kraft. Zuletzt kam die kurze Zeit des Seins als männliche Persönlichkeit im Rahmen des starken Staates. Run ist das hochgezimmerte alte Haus verbrannt, aber wir haben gelernt, daß wir ein Volk sein können, und werden uns nicht wieder aufgeben.
Diesem deutschen Unterlängen, Volkspersönlichkeit zu werden aus eigener Kraft, kommt der Gang der Weltgeschichte entgegen. Durch alles, was seit 1914 weltgeschichtlich geschehen ist, zieht sich bei vielem Gegensätzlichen
der eine Gedanke hindurch, daß es entscheidend nunmehr auf die Völler ankommt. Sicher werden die Staaten als solche nie verschwinden, und Staatsgesinnung wird immer das stärkste Kemrzeichen bejahender Einstellung zum Gemeinschaftsleben des Volles bleiben. In steigendem Maße aber wird die Form des Staates aus dem Stoff des Volkes ihr Gesetz entnehmen. Unsere Raturanlage haben wir Deutschen sicherlich nicht verändert, wie das kein Lebewesen kann. Wir wollen auch unseren inneren Reichtum uns nicht verkümmern lassen. 2a, wir haben schon wieder begonnen, den anderen Völkern internationale Gedanken vorzudenken, und für manche Augen sieht es manchmal aus, als ließen wir den jungen Keim einer Dolkspersön- lichkeit wieder eingehen, weil unsere Seele schon wieder hinausdrängt aus dem eigenen Bereich. Mir aber will es scheinen, daß trotz einiger Oberflächenvorgänge, die aussehen wie würdeloses Verleugnen des eigenen Ich, im Unterstrom das Bekenntnis des deutschen Voltes zu sich selbst wächst und wächst. Lauscht man hinein in die Jugend, so hört man Töne des Deutschseins von überall her, gewiß mit verschiedenem Klang und verschiedener Stellungnahme zu den allgemeinen großen Menschheitssracen. Aber den letzten Ankergrund sucht die Sehnsucht nach neuen Zielen, wenn ich mich nicht täusche, überall i m Gefühl desDeutsch seins. Die einen haben es als Rationalgefühl im alten Sinne mit klarer Empfindung der Gegensätzlichkeit zu anderen Rationen. Andere aber fühlen es nur als die Selbstverständlichkeit der Zugehörigleit zum eigenen Volk, ohne daß eine Gegensätzlichkeit zum Fühlen anderer Völker mitschwingt.
Das letzte Losungswort Dieter Entwicklung heißt Treue. In anderen Völkern überwiegt das
Gefühl eines selbstsicheren Ichsinns, ja bei manchen geradezu eines De^usenseins als aus- erwähltes Volk. Wieder andere Völler sind erfüllt von einem Stolz auf sich selbst, der jede kritische Bemerkung eines Ausländers als untragbar zurückweist. Des deutschen Volkes stärkste Seelenregung ist Treue. Rur war sie bislang wie es so Eigenart der Jugend ist, Treue nicht schlicht zu sich selbst, zum eigenen Wesen und inneren Lebensgesetz, sondern zu etwas als außerhalb des eigenen Ich Dorgestelltem, und wurde da manchmal zur Schwärmerei. Richt ganz selten entstand so in deutschen Herzen Treue zu fremden Staatsmächten oder fremdem Lebensgut. Sonst aber war es Treue zu deutschen Gewalten, Mannestreue zu den Fürsten oder Treue zum Reich in einer bestimmten Gestalt wie etwa zum Bismarck-Staat. Run aber, wo wir beginnen, als Volkspersönlichteit auszureisen, muß diese Seelenkraft dahin neu werden, daß sie Treue zu uns selb st wird, zu uns selb st als Dolk. Das wäre die Erreichung des Mannesalters. Das wäre zugleich aber Einstellung des Volkes auf seine Gesamtheit. Damit hört das Volk auf, ein Gegensätzliches zum Staat zu fein, das zahlenmäßig zur Geltung gebracht werden soll, über die Liebermacht einer Minderheit, die den Staat beherrscht, zu brechen. Run erscheint das Dolk als Persönlichkeit, die sich in sich selbst nach ihren Aufgaben und Leistungen gliedert. Hierfür die Form zu finden, ist Deutschlands große Zukunstsaufgabe. Im Schützengraben hat das Vottweröen begonnen. Aber auch die zweite Welle unserer Jugend, die den Schützengraben nicht mehr erlebt hat, wächst empor im Angesicht der geschichtlichen Tatsache, daß die deutsche Zukunft abhängt von unserem Zusammenhalten als Volk.
Die Mzzeugschm del zwanzig Böller.
Auf der ,/Zla" in Berlin. - 135 deutsche Flugzeug-Firmen. — Rieserwögel aus Leichtmetail.
Von Or. G':egfried Kurth.
Am Sonntag wurde d e „Ila" in Berlin eröffnet.
Wenn auch die glänzend verlaufene Fahrt des „Graf Zeppelin" den prächtigsten Auftakt zu der Internationalen Luftfahrt- Ausstellung bildet, die Oberbürgermeister Böß am 7. Otober auf dem Berliner Meßgelände mit einer Ansprache eröffnete, so sieht man auf dieser doch ziemlich wenig aus dem Reich des Luftschiffes und dafür sehr viel Flugzeuge. Wie hat sich dies seit den Tagen der erften „Ila" (in Frankfurt 1908) entwickelt! Damals sah man mit halb spöttischem halb beifälligem Staunen, wie August Euler, Deutschlands erster Pilot, wagemutig mit seinem Apparat einige Sprünge über dem Flugfeld ausführte. Dre kühnsten Erwartungen, die sich daran knüpften, sind weit übertroffen worden. Große Länderst recken werden jetzt über flogen, Meere, Wüsten und Gebirge bilden kein Hindernis mehr. Ein Hans Grade, ein B l £ r i o t traten ihre Luftreise noch in untergehängten „Luftstreifen" an; es sah oft halsbrecherisch genug aus. Heutzutage sind nicht nur bequeme Sitzplätze selbstverständlich, auch Schlafkabinen fehlen nicht, und sogar elektrische Küchen hat man in die Flugzeuge eingebaut.
Gerade vor einem Vierteljahrhundcrt — im Dezember des Jahres 1903 — gelang den Brüdern Wright der erste Flug mit einem Motorflugzeug. Damit wurde ein neuer Zweig der Technik begründet, der Flugzeugbau. In diesen neunzehn Jahren hat die junge Industrie harte Zeiten durchmachen müssen. Rach tastendeii Versuchen wurde sie, noch in- der Entwicklung begriffen, durch das Versailler Diktat fast völlig vernichtet. Planmäßige Aufbauarbeit war zu leisten, damit Deutschland trotzdem wieder mit dem Ausland aus dem Gebiet des Derkehrsflug- wesens in Wettbewerb treten konnte. Die Militärluftfahrt ist Deutschland zwar seit Versailles
verboten: an dem gewaltigen Aufschwung der Luftfahrttechnik hat es aber dennoch in hervorragendem Maße Anteil. Es braucht den Wettbewerb mit dem Ausland nicht zu scheuen, das sich in recht stattlicher Zahl zu dieser wirklich internationalen Schau eingefunden hat. Richt weniger als neunzehn fremde Staaten teiten sich in den großen Raum der Halle 2.
Aber sehen wir erst zu, was Deutschland bietet, dem die Halle 1 zur Verfügung gestellt ist. Ein Chrenhof, der bc.i Zugang bildet, ist dem Andenken L i l i e n t h a l s und des Grafen Zeppelin gewidmet. Auch sonst wartet man mit Erinnerungen auf. Da ist der erste Motor des ersten Zeppelin-Luftschiffes, daneben der des neuesten, so erfolgreisten L. Z. 127 („Graf Zeppelin"). Parsevals halbstarres Luftschiff fehlt nicht, ebensowenig die Rumpler-Taube, Grades Flugzeug, Wrights Apparate usw. Eine verheißungsvolle Vergangenheit, aber fesselnder und überwältigender ist doch das, was die Gegenwart gibt. Da liegt im Freien die sturmerprobte „Bremen" Köhls und Hünefelds. Man hat sie noch im letzten Augenblick aus Dessau, wo sie überholt werden sollte, hierher geschafft. Aber die Junkers-Flugzeugwerke vermögen noch weit mehr zu zeigen. Man erblickt das dreimotorige Großverkehrsflugzeug „G. R. 31“ (Hermann Köhl), seinen schimmernden Aluminiumleib, daneben die Standard-Type „F. 13", an der der innere Aufbau ersichtlich ist, ferner das Frachtflugzeug D. 1167.
Welche Vorarbeiten und Versuche sind not- wendig, bis man so gewal ige Metallvögel bauen kann! Das zeigt so recht te ebenso fesselnde wie belehrende Schau, die Junkers' Forschungs- anstalt zusammengestellt hat. Leicht kann man die Prüfungen verfolgen, denen die verschiedenen Leichtmetalle unterworfen werden. Allerlei Dauerfestigkeitsversuche werden mit ihnen vvr- genommen. Wie verhalten sie sich gegen den
entlang speien bronzene Tiermäuler dünne Strähnen lauen Wassers in steinerne Becken. Die Mitte des Raumes, riesige Ofenplatten, ist leicht gewölbt, strahlt Hitze, ist ein einziges steinernes Ruhebett für zwanzig, dreißig nackte, haarige, fremdartig dunkelhäutige Märmer. Sie liegen reglos in sich gekrümmt und den Kopf in Den Armen vergraben. Sie knien und schwingen den braunen Leib vor, immer vor in die Leere, als lägen sie im Gebet. Sie hocken stumm, stumm. Sie liegen gefällt wie Leichen. Lind da und dort und von allen und von dir selbst rinnt der Schweiß in Rillen des steinernen Lagers zu vier Bächen zusammen und versickert in den Poren der Platte. Rebel, Rebel umziehen dich. An den steinernen Wandbecken stehen Rackte mit kupfernen Schalen und gießen sich laues Wasser über die Leiber. Wird dir der Kopf schwer? Streckst du dich auf den dampfenden Stein zu den anderen? Einer sitzt neben dir, ein Brauner, die Deine untergeschlagen, und strähnt sich mit dünnen Klauenfingern den schwarzen Bart.
Rein, du fühlst keine Scheu mehr. Lind da jener gutmütig Blickende unbekleidet dich geleitet zu einer der Steinnischen — willst du dich wehren? Willst du dich wehren, da er mit einer fünfzigschwänzigen Peitsche Schaum schlägt in einem kupfernen Becken und dir in leichten, langen Strichen über den Körper jagt? Dich wehren gegen die rauhe Schwärze des Dadehand- schuhs, mit dem er deine Glieder knetet wie die tausend anderer, heute, gestern und ehe- geftern? Willst ihn "fragen, wünschen, wollen? Deine Sprache ist ihm so sremd wie dir seine. So gib dich. So laß dich gleiten auch in diesen Abgrund der Gleichmut. Du wirst bedient sein.
Lind wie zum Lohn und erhöht und kraftlos gekräftigt wie im Triumph wirst du wieder die kurze breite Treppe empvrgeleitet in dein Ruhegemach. Run fall hin. Trink noch dampfenden Kaffees einen Schluck und fall hin, Gebieter, Pascha, fall hin im Schlaf, das Haupt gegen Untergang.
Was weckt dich? Ist es Abend geworden? Ziehst du den Dorhang beiseite, stehn Hinterm Fenster die Sterne? Oh, warum rufst du nach Licht ? Warum bringst du die Kerze deinem Fürstenlager so nah, daß der Anblick braunen, platt behenden Getiers dich ernüchtert? Warum nicht auch dieses? Was reißt du deine Kleider vom
Ragel? Läufst, stolperst, Stufen nieder bis in den Dor raum? In ausgestreckte Hände fällt Geld. Mehr? Mehr, Effendi. Und die Lemuren lachen hinter dir drein, da du schon durch schatten- krumme Gassen dich schleppst, durch Lichterflirren, durch Gerüche, Schreie, Gelächter, westwärts, wo im Hafen eine Sirene ruft.
Gesangsunterricht aus der Ferne.
Von Frank Warschauer.
Gin Saal in einer mitteldeutschen Stadt. Auf dem Podium einige Lautsprecher, ein Mikrophon, ein Klavier. Don Menschen: ein Herr und eine junge Dame.
QHrt erwartungsvolles Publikum, meist aus Fachleuten bestehend. Dorgeführt soll werden das neueste Radio-Miratel: Gesangsunterricht auf 300 Kilometer Entfernung.
Genau genommen, ist es allerdings ein Telephon-Mirakel, das auf ganz gewöhnliche Weise durch Kabel vor sich gehen soll. Aber dieser Versuch wird nur ein Beispiel sein, ist drahtlos jederzeit zu wiederholen.
Die junge Dame auf dem Podium, ihres Zeichens Sängerin, beginnt bereits etwas Mikrophonfieber zu bekommen, man sieht es ihr an. Endlich ist es soweit: die Leitung von der kleinen Stadt nach Berlin ist hergestellt, der Versuch kann beginnen.
Schon geben die Lautsprecher einen merkwürdigen Laut von sich. Er flingt etwa — nun tote das Heulen eines Seelöwen. Wie man ja überhaupt auf diesem Gebiet merkwürdige Gehör- Sensationen erleben kann, samt Assoziationen an fremdartigste Tierlaute. Mein Radio-Apparat zum Beispiel ist so dressiert, daß er einen ganzen zoologischen Garten ersetzen kann.
Der Seelöwe schweigt; und nun hört man eine vernünftige Stimme, sie kommt aus Berlin, von dort aus der Hochschule für Musik. Denn es han- sich darum, sestzustellen, ob es möglich ist, mit Hilfe der technischen Mittel auf solche Entfernung hin eine derartig gute Verbindung zu erzielen, daß ein richtiger Gesangsunterricht möglich ist.
Die vernünftige Stimme ist die eines bekannten Gesangspädagogen. Und die Dame hier auf Dem Podium ist seine Schülerin. Was sie in das Mikrophon hineinsingt, hört jener m Berlin aus
Wechsel der Temperaturen? Muß doch das Flugzeug bald tiefere, bald höhere Schichten aufsuchen, in Denen es mitunter empfindlich kalt ist. Merkwürdigerweise vertragen die meisten Leichtmetalle, auch das Elektron, diesen jähen Temperatur- Wechsel sehr gut, während manche Edelstahle dagegen ziemlich empfindlich sind. Auch gegen die Korrofionserfcheinungen, das Zerfressen des Metalls durch die Atmosphäre, muß man sich feien. Duralumin wird zu diesem Zweck mit einer ganz dünnen Schicht völlig reinen Aluminiums überzogen und ist Dann gegen die Unbilden Der Witterung geschützt. Reben Junkers macht sich in des Wortes wahrster Bedeutung der Rohrbach-Metallflugzeugbau breu; stellt er doch das zur Zeit größte Flugboot der Erde aus. Sein „Romar" verfügt über drei Motore von je 780 P. S. und bietet sechzehn Personen Platz; es schleppt 9000 Kilogramm Brennstoffe, dazu erstaunliche Mengen Fracht, und hat eine Reich* weite von mehr als 5000 Kilometer. Auch Dornier wartet mit Riefenvögeln auf; unter den Flugbooten gewahrt man den zehnsitzigen „Delphin 3" und den viermotorigen „Superwal" für 21 Fluggäste.
Selbstverständlich finden wir unter den 13 5 deutschen Firmen, Die sich zu friedlichem Wettbewerb zufaminengefunden haben, zahlreiche Vertreter des Motorenbaus. Da zeigt Die Siemens-A.-G. neben ihren Sternmotoren auch Den „Jupiter". Die Bayerischen Motorenwerke stellen ihre lüft- und wassergekühlten Erzeugnisse aus, die Argus-Motor-en-Gesellschaft hat den Bau von Triebwerken für Flugzeug? wieder ausgenommen, und Die Daimler-Tenz-A.-G. überrascht mit manchen Reuschöpsungen. Kaum möglich, all die Schul-, Verkehrs- und Spezialflugzeuge einzeln aufzuzählen. Da sehen wir z. B. einen Grostverkehrs-HochDecker „Möwe", das Zubringerslugzeug „Habicht" sowie das Schul- und Llebungsflugzeug GL. 22.
Betrachtet man die Gruppe der Verkehrsflugzeuge, so fällt sofort auf, wie stark das Leich- metall dem Holz in Deutschland als Baustoff vorgezogen wird. Reben den durch viele Erfolge bekannten Daumustem Junkers' ist in diesem Zusammenhang vor allem der neue Hochdecker des Diplomingenieurs W. Messerschmitt zu beachten. Dies einmotorige Verkehrsflugzeug ist ganz aus Duralumin gebaut; Stahl wurde nur für Beschläge, Achsen, Motoreinbau, Lager usw. verwendet. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, dah das Holz aus dem Flugzeugbau ver- schwnnden ist. Zahlreiche Propeller aus Hölz sind vorhanden, daneben solche aus Leichtmetall mit Stahleinfassung. Da in größeren Höhen der Motor anders arbeitet, so muß sich auch der Propeller verstellen lassen. Tatsächlich sicht man verschiedene Propeller, die sich während der Rotation verstellen lassem.
Frankreich, das über eine Ausstellungsfläche von mehr als 1100 Quadratmeter verfügt, hat 22 Firmen ins Treffen geschickt. Der Besucher erblickt das Flugzeug, mit dem C o st e s und Lebrix ihren Flug um die Erde ausführten. Bilancourts Großverkehrsflugzeug mit zehn Sitzplätzen und acht Betten. Auch eine Dar fehlt nicht. Italien führt zwei Landflug- und zwei Wasserflugzeuge vor. Auf einem von diesen stell.e Major de Bernardi am 30. März 1928 den Weltgeschwindigkeitsrekord von 512,7 Kilometer in der Stunde auf. Daneben sieht man eine reiche Zahl von Flugmotoren. Die Tschechoslowakei bringt Schulflugzeuge, ein einsitziges Sportflugzeug, auch ein Kurierflugzeug, die früheren Skoda-Werke zeigen zwei lüft- und einen wassergekühlten Flugmotor. Die Königlich Holländische Luftreederei, die sich mit berechtigtem Stolz als die älteste Luftverkehrsgesellschaft der Erde bezeichnet, gibt aufschlußreiche Einblicke in ihren Betrieb. Man darf nicht vergessen, daß Holland noch immer ein sehr bedeutendes Kolonialgebiet hat; das Hauptziel der K. L. M. ist nun die Schaffung einer Luftver- bindung zwischen Amsterdam und Batavia; während ein Dampfer vier Wochen dazu braucht, legt man die Strecke im Flugzeug in 12 Tagen zurück. Man hofft, die Flugdauer allmählich auf acht, vielleicht sogar auf sechs Tage zu beschränken. Während sich der holländische Staat so wenig
dem Lautsprecher; und was er Dort ins Mikrophon hinelnspricht, kommt auf, dem gleichen Wege hierher. Das Ganze ist als' Beweis dafür gedacht, welcher Feinheiten schon heute Die Wiedergabe auf diese und ähnliche technische Weise fähig ist; als Widerlegung der Radiomiesmacher, die erklären, man könnte die Einzelheiten einer künstlerischen Leistung im Rundfunk nicht erkennen.
„Atmen Sie tief“, befiehlt die Stimme aus Berlin. Die Sängerin tut es. „Jetzt eine Tonleiter auf dem Laut to gesummt!" Die Sängerin gehorcht. Lind kaum hat sie einen kleinen Fehler gemacht, in der Atemgebung, in der Tonführung, kaum hat sie ein Intervall auch nur ein wenig verfehlt, so korrigiert es die Stimme aus Berlin.
Der Versuch ist gelungen. Wie so viele Versuche auf den verschiedensten Gebieten hat er zunächst keine praktische Bedeutung. Die mehr oder minder jungen Damen und Herren, die Gesangsunterricht haben wollen, werden es sicherlich zunächst vorziehen, sich persönlich an den Ort zu begeben, an dem ihr Lehrer wirkt. Aber es ist gar nicht ausgeschlossen, daß die Technik auch hierin eines Tages Wandel schafft. Vorläufig sind ja die meisten Menschen besonders in Deutschland, auf das Empfangen von Rundsunkdarbie- tungen angewiesen; selbst senden können und dürfen sie nicht. Dabei gäbe es schon heute die technische Möglichkeit, dres mit verhältnismäßig geringen. Mitteln und erstaunlich gutem Effekt selbst zu tun: mit Hilfe der Kurzwellentelevhonie. In anderen Ländern, besonders in Amerika, gibt es ja zahlreiche Amateure, die auf diese Weise, wenn auch zunächst nur auf dem Wege der Telegraphie, mit sehr weit entfernten Partnern, zum Beispiel solchen in Europa, oder Australien, in Verbindung «treten; und Die Entwicklung wird sicherlich allmählich dahin führen, daß eines Tages einem jeden mit Hilfe verhältnismäßig einfacherer und billiger Apparate Die telephonische Verständigung mit anderen, in gleicher Weise ausgerüsteten Personen ohne Vermittlung eines Amtes oder sonst einer postalischen Institution gelingt. Dann könnte tatsächlich der Gesangslehrer, der sich in Sidney oder San Franzisko aufhält, einen Kreis von Schülern unterrichten, Der über die ganze Erde verstreut ist. Ein Radio- kuriosum, aber, wer weiß, vielleicht eines Tages ein ganz praktisches.


