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Politik und Geschichte.

Ricarda Huch: 3m alten Reich. Lebensbilder deutscher Städte. (Verlag Greth- fein & Co., Leipzig. Preis Ganzleinen 10 Mk.) Acschichtlicher Sinn ist in hohem Mähe Wetens- Dcftanbteil der dichterischen Persönlichkeit Ricarda Huchs. (Sine ganze Reihe ihrer Romane und inderer Dichtungen ist ohne chn undenkbar, chne diese so seltene Synthete von Wissenschatt and Kunst in der Meisterung eine« an sich sprö­den Stosses durch die seinsten Gesetze der Aesthe- lit. So dursten wir hoffen, in diesem neuen Sande historische Miniaturen zu finden, ae- icichnet aus der Liebe zur Vergangenheit, aber nit dem feinen ©riffel des Aestheten, der Gliede­rung und Beschränkung des überwältigend auf hn eindringenden Stoffes den Gesetzen des öchönen unterordnet. Wir wollen es offen sagen, infete Hoffnung wird nicht ganz erfüllt. Wir werben entzückt von einzelnen herrlichen Perlen >cr großen Darstellungskunst Ricarda Huchs, zlber wir verirren uns in der ungeheuren Mannigfaltigkeit und dem Vielerlei deS Berich­teten und fühlen uns schließlich in die so wenig icliebte Ahnenaalerie verseht, an deren Porträt­reihen nur noch genaueste Sachkenner die kleinen Unterschiede in den Zügen des einen oder anderen Ahnherren bemerken. Die Menge des Stoffes trbrütfi. Ein Weniger wäre mehr gewesen. Denn !eine Aufgabe könnte lohnender, aber auch schwie­riger sein, als in Form von Einzelporträts äne Kulturgeschichte der deutschen Stadt im Mittelalter zu geben, wie sie sich aus den'. Zu­sammen- und Wiberspiel von Kaisertum und Bürgertum, von geistlicher und weltlicher Feudal- 'berrschaft entwickelt bat. Für uns find aus Tier Porträtreihe von besonderem Interesse die Miniaturen von Frankfurt a. M., Friedberg. Himburg, Gelnhausen und Wetzlar. Für besonders «jut gelungen halten wir auch noch 'Tangermünde And Lübeck. Quedlinburg, Münster und (5oeft.

Eberhard gaben: Berlin imDrei- Higjährigen Kriege. Mit 16 Abbildungen <mf 12 Tafeln und einem Stadtplan. Berlin. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Ge­schichte in. b. H., Berlinische Bücher, herausge- ^eben vom Archiv der Stadt Berlin, 1. Band. Breis in Pappband 11,50 Mk. Diese erste Veröffentlichung des Berliner Stadtarchivs ist »auch für den Kenner der Berliner Geschichte eine »ollständige Ueberraschung. Das von einer ver­meintlichpopulären" Geschichtsschreibung oft in abgeschmackter Weise überlegen-mitleidsvoll aus- gefaßte Zeitalter rückt hier in eine fast erschüt­ternde Gegenwartsnähe. Linser eigenes Schicksal ,<>eht an uns vorüber alles, was wir seit tien Augusttagen 1914 durchlebt haben, hat Berlin «chon einmal gesehen. Lind diese Fülle, mühsam aus Hunderten von amtlichen Berichten und Prozeßakten gesammelt, wird in flüssiger, an­schaulicher Erzählung geboten, die in ihrer Le­benstreue den Leser fast vergessen läßt, daß diese Zeit mit ihren Menschen und Häusern längst Mastin geschwunden ist: der rührende Liebesbrief iner jungen BürgerStochter, der sich im Anhang findet, spricht unmittelbar zu uns, ein Zeugnis einiger Unveranderlichkeit des Menschenherzens, fünfzehn zeitgenössische Stiche, darunter die äl- ttfte, noch nie veröffentlichte Ansicht Berlins, wb Meinhards Plan von 1648, durch ein moder­nes Flugbilb wirksam erläutert, schmücken das Buch. 47

Unter dem Titel Das Marnedrama 1914 beginnt soeben das Reichsarchiv in der «LchristenfolgeSchlachten des Weltkrieges" die mit Spannung erwartete Darstellung dieser größ­ten. gewaltigsten und folgenschwersten Schlacht Les Weltkrieges. (Herausgegeben im Auftrage Les Reichsarchivs. Von der 3 Bände umfassenden Darstellung der Marneschlacht liegt vorDas Marnedrama 1914, 1. Teil", bearbeitet von rUlajor a. D. v. Bose und Archivrat Stenger. Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i. O. Preis 7m Halbl. 3,80 Mark.) Haben doch alle bisher «r|d>ienenen Schilderungen und ihre Zahl äst groß! sich darauf beschränken müssen, *en großen Zusammenhängen des Ringens nach- Augehen. oder die eine oder andere Frage heraus- aiugreifcn. Daß trotzdem das mystische Dunkel, Las über dem Ringen an der Marne liegt, nicht nestlos erhellt werden konnte, geht am besten «aus der Tatsache hervor, daß selbst die in dem großen Werke des ReichsarchivsDer Welt- ffrieg 1914-1918" niedergelegte Auffassung im 3n- und im Auslande, ganz besonders aber ,n Frankreich, teilweise auf bas schärfste an­gegriffen worden ist. Man will hier die deutsche Auslegung, daß die Marneschlacht ein deutscher Sieg gewesen, der nur durch einen verfehlten 'Eingriff in die Führung durch die Oberste Hee­nesleitung zu einem Mißerfolge gestaltet worden lei. keineswegs gelten lassen. Die Wahrheit kann nur eine Schlachtenbarstellung beweisen, die in alle Einzelheiten der gewaltigen Kämpfe sich vertieft und die Lage festlegt, die bei Abbruch Her Schlacht tatsächlich vorlag. Man wird sest- stellen müssen, welche Reserven auf beiden Seiten verfügbar waren, wie die Verfassung der Trup- >en war, wird die Kampflage unter jedem Gesichtspunkte würdigen müssen. Das ist eine ungeheure Aufgabe, die das vorliegende Werk ;u lösen versucht. Die Art. wie hier zugleich 'ne großen Linien der Ereignisse herausgear- deitet, die Einzelkämpfe in flüssiger Weise dar- ;esteklt, durch Berichte der Mitkämpfer, der Kriegstagebücher, der Feldzugsbriefe belebt wer­den. ist verblüffend. Dieser erste Band läßt ;ein Urteil zu. warum diese Schlacht Deutsch- ünds Verhängnis wurde.

- W. von Rheinbaben. Don Der- ailles zur Freiheit. Weg und Ziel der deutschen Außenpolitik. Ganzleinen gebunden 8,50 Rack. Hanseatische Verlagsanstalt. Hamburg 36. Bon hoher Warte, dem Gehege der Par­esen entrückt. gibt dieses Buch ein lückenloses und abgerundetes Bild der deutschen Außenpolitik seit dem Tage von Ver- ailles. Dom Kampfe um die Existenz Deutsch- .ands, den wir hinter Drahtverhau gehalten in Versailles von neuem beginnen muhten, geht <s über das Londoner Ultimatum in die Er- "süllungspolitik hinein. Die kritische Zeit der Ruhrjahre, die Dawes-Politik, die uns in die Locarno-Politik und weiter in den Völkerbund jiad) Genf führte, wo nun immer schärfer hervor- äretenb der Kampf um die Freiheit Deutschlands inb die wahre Befriedung Europas entbrennt. Wildert Rheinbaben ohne Schönfärberei mit

Rechtswissenschaft und Soziologie.

Pros. Dr. Franz Liszt, Lehrbuch des deutschen Strafrechts, 2 5. Auf­lage (46. bis 48. Tausend), neubesorgt von Prof. Dr. Eberhard Schmidt. (Verlag von Wal­ter de Gruytcr & Co. Berlin und Leipzig, 876 Seiten, geheftet 27.50 Mk.. gebunden 30 Mk.) - Das Lisztsche Lehrbuch, nach dem schon unsere Väter gearbeitet haben, hat infolge der wieder­holten Herausgabe durch den Lisztschüler Prof. Dr. Eberhard Schmidt in Kiel nunmehr eine Iubiläumsauflage erlebt vielleicht die letzte vor dem Gelingen der Strafrechtsreform! Dieser letzteren Möglichkeit ungeachtet hat der Heraus­geber diesmal die in den beiden vorigen Auf­lagen eingehaltene Vervollständigungsmethodr aufgegeben unb das Lehrbuch gänzlich neu be­arbeitet. Es ist ihm damit auch gelungen, das Werk in jeder Beziehung dem heutigen Stand der Strafrechtswissenschaft anzupassen und es so zu gestalten, daß es zum Studium rückhalts­los empfohlen werden kann. Insbesondere muß das Verdienst des Herausgebers unterstrichen werden, daß er die Schuldlehre Liszts durch eine neue Darstellung ersetzt hat. Denn hatte auch Liszt von Auflage zu Auflage die Kapitel über die Schuld umgestaltet und das Wesen der Schuld begrifflich neu zu erfassen gesucht. Seine nicht an der Rormübertretung, sondern an der Gefährlichkeit des Verbrechers orientierte Grund­auffassung schien ihn zu hindern, die Wandlung mitzumachen, die der Schuldbegriff, derZentral- begriff beS Strafrechts, in den letzten Jahr» zeynten erlebt hat. Die neue Auflage bekennt sich jetzt auch zu dem neuen Standpunkt, nach dem die Schuld nicht ersaht werden kann, als diesubjektive Beziehung des Täters zur Tai", sondern gedacht werden muh als die auf das verbrecherische Subjekt bezogene Fehlerhaftigkeit der Motivation, als dieVorwerfbarkeit" der Tat. Zu beachten ist aber, dah Schmidt trotzdem ?laubt, an der Gefährlichkeit als dem An- nüpfungspunkt des Strafrechts festhalten zu können. Die Gefährlichkeit ist ihm der materielle Kern auch des Schuldbegrisss, da die Fehler­haftigkeit der einzelnen Motivation ihre Grund­lage und Erklärung im Charakter des Täters findet, womit Tat und Täter nicht weniger innig verknüpft sind, als vermittels dersubjektiven Beziehung", worin man früher die Verbindung

fand. So ist es gelungen, den alten Ausgangs­punkt beizubehalten und damit die kriminal- politische Grundlage des Lehrbuches unange­tastet zu lassen. Auch das neue Wert bleibt alko in so vieler Beziehung es auch Aende- rungen erfahren haben mag Liszts Lehr­buch. (709)ng

Privatdozent D. 3. 2 axa. G e - sellschastslehrc von Platon bis Friedrich Riehsche (Wisien'chaft und Bil­dung Bd. 241. Leipzig. Quelle & Meyer. Geb. 1,80 Mk.). Der Verfasser führt uns in feiner kleinen Schrift von demsinnbegabten Volk der Hellenen" über das Mittelalter (Augustin. Tho­mas. Daniel bis zur neuen Zeit, und in dieser bis zu Riehsche. Ueberall wählt er die wich­tigsten Repräsentanten der jeweiligen Anschauung vom Wesen der Gesellschaft aus. Dabei scheiden sich die Theorien hauptsächlich nach den Prin­zipien des Individualismus und des Universa- lismus, ein Gegensatz der Auffassung, der aller­dings von manchen anderen, z. B. dem des Idea­lismus und des Materialismus überschritten wird. Die Bedingtheit der persönlichen Auffassung der Philosophen und Gesellschaftskritiker durch die kulturellen und politischen Verhältnisse des Zeit­alters, in dem sie lebten, wird sichtbar gemacht. Auch gibt der Verfasser deutlich zu erkennen, wo er selbst steht und von welcher Lehre er für die nächste Zeit fein Heil erwartet: es ist der Stand­punkt des idealistischen llniversalismus. Die sehr fesselnd geschriebene Schrift ist im besten Sinne populär, wird aber auch den Studenten der Staatswissenschaften willkommen sein. Einerseits seht sie nichts voraus und scheut sich nicht zu erklären, wo der Laie eine Erklärung erwartet, andererseits ist sie wissenschaftlich fundiert. Die Darstellung ist klar und einfach. In anschaulicher Weise werden die Lehren der verschiedenen Per­sönlichkeiten unter möglichster Anlehnung an die Quellen wiedergegeben, mitunter kommen die Werke selbst zuin Wort. Rirgends werden aber dabei die Zusammenhänge außer acht gelassen. So können wir das kleine Werk jedem Bildungs­hungrigen warm empfehlen und gleichzeitig die Hoffnung aussprechen, daß uns bald die Er­gänzung durch die in Aussicht gestellte Darstellung der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart be­schert werde. (596) -üg-

ftrenger objektiver Sachlichkeit. 3m Schlußkapitel macht er dann positive Vorschläge, die ohne kriegerische Revanche eine wahre Befriedung Eu­ropas ermöglichen, zeigt die Wege, die das deutsche Volk in Einigkeir unb Geschlossenheit gehen muh. toenn es die Freiheit wiederer­langen will. 807

Anna Wyrubowa. Glanz und Untergang der Romanows. (Mit 29 Abbildungen. Amalthea-Derlag, Wien IV.) Diese Erinnerungen einer Hofdame und Freundin der letzten, auf so schreckliche Weise ums Leben ge­kommenen Zarin werden bei uns in Hessen be­sonderes Interesse finden, war doch Alexandra Feodvrvwna selbst ein Hessenkind. Tochter Groß- Herzog Ludwigs IV. und der Großherzogin Alice geborenen Prinzessin von Großbritannien. Die Ehe der Prinzessin Alix von Hessen mit dem Thronfolger des russischen Reiches scheint auf tiefer innerer Zuneigung beruht zu haben und sie ist auch wohl überaus glücklich gewesen. Aber ganz anders war. wenn wir dem Bericht ihrer Freundin Wyrubowa folgen dürfen, die Stellung der deutschen Prinzessin am Zarenhose und in der Petersburger Gesellschaft. Schon das Verhältnis zu der Zarinmutter Maria Feo- dorowna war nicht das beste, und nach der Geburt des Grohfürstenthronfolgers Alexej, der aus der mütterlichen Familie die furchtbare Bluterkrankheit geerbt hatte, verzehrte sich die Zarin in Sorge um den tranken Sohn, zog sich ganz von der Gcsellschast zurück und ging offen­bar seit dieser Zeit auf in religiösen Studien und Andachtsübungen. Rach den Schilderungen der Wyrubowa scheint es. als ob damals schon dieses zurückgezogene Leben den Grund für den Haß und die Klatschsucht legte, mit denen ein Teil der Petersburger Hofgesellschaft unter Füh­rung einiger Großfürsten die Zarin später ver­folgte. Die Wyrubowa gibt auch eine Darstellung Rasputins, des sibirischen Wundermönchs, und seines Verkehrs am Zarenhofe. Hier wird Ra­sputin, der bieloerläfteric und heute noch als Persönlichkeit völlig Mmftrittene, als schlichter Wanderprediger hingestellt, zu dem das Kaiser­paar unbedingtes Vertrauen hatte, seit es feiner bloßen Anwesenheit und Fürbitte gelungen war. den todkranken Thronfolger zu retten. Das Buch schildert bann die furchtbaren Kriegserlebnisse der Zarin, die als deutsche Prinzessin von der allmächtigen Hofktique verdächtigt wurde. Die Revolution trennte die Wyrubowa von der Zarensamilie. Eine Reihe beigefügter Briefe des Zaren und der Zarin zeigen ein tiefes Ver­sinken im religiösen Mystizismus der orihodvxen Kirche. Das Buch, das auf seinen tatsächlichen historischen Inhalt hin natürlich nicht nachgeprüft werden kann, ist ein erschütterndes Dokument für das Schicksal einer deutschen Frau auf dem Zarenthrone. 7

Reue Romane und Novelle».

Wilhelm Speyer: Der Kamps der Tertia. Erzählung. 236 Seiten 8°. Ernst Ro­wohlt Verlag, Berlin W35, 1927. Ein ent­zückendes Buch! Man lieft es in einem Zuge aus, und wenn man fertig ist, dann wünscht man von Herzen, es möchten recht viele Menschen sich ebenso daran freuen, und man überlegt, wer demnächst Geburtstag hat. auf daß man es ihm schenke. Man kann es eigentlich jedem schenken: Erwachsenen und Kindern. Eltern und Erziehern, jungen Mädchen und alten Onkels und jedem, der ein Herz für Kinder hat und Mitleid mit Tieren. Die Schulklasse, um ine es sich hier handelt, ist die Obertertia eines Lan­deserziehungsheimes : und der Kamps dieser Vier­zehnjährigen ist ein ungeheuer ernster, erbitter­ter. wohlüberlegter, mit allen Kräften Leibes und der Seele und des armseligen Taschengeldes geführter Kamps zur Errettung der mit grau­samem Tode bedrohten, im falschen Verdacht der Tollwut stehenden Katzen einer kleinen Rach- barftabt. Wie dies nun alles vor sich geht, kann und soll im Referat nickt beschrieben werden.

Jeder muh es selbst lesen unb feine Freude haben an der Lebendigkeit und Jugendlichkeit, am Humor und am tiefen Ernst der Schilde­rung. Wer ein Herz hat für die Heranwachsende Jugend, der wird Anteil nehmen an ihren Sorgen unb Röten, an ihren Beratungen und Kriegs­gerichten, an ihren Torheiten unb dummen Strei­chen, an ihrem homerischen Kampf und ihrem endlichen Siege: er wird einstimmen in ihr FeldgeschreiEs lebe der Hund! Es lebe die Katze!" unb er wirb sich mit ihnen verbünden unter ihrer Losung:Seid gut zu den Tieren!" 60

Werner Bergengruen: Das Buch Rodenstein. 262 Seiten 8° mit 24 Kohlezeich­nungen von Georg Poppe. Seinen 10 Mk., kart. 8 Mk. Iris-Verlag. Frankfurt a. M.. 1927. Wem wäre die Gestalt des Obenwälber Ritters von Rodenstein anders als aus halbverschollenen Sagen und Scheffels derben Kommersbuchliebern flüchtig vertraut? Hier kommt einer, verspätete Romantiker eines unromanttschen Jahrhunderts, die Gestatt aus Vergessenheit unb Kneipengröhlerei zu erlösen, sie zu erwecken zu neuem, wirklicherem Leben unb zum Mittelpunkt eines Kreises von halb anekdotenhaften, halb novellistischen Ge­schichten zu machen, Vie alle, bald in nahen, bald in ferneren Schwingungen um den verwitterten Spuk zwischen Schnellerts unb Rodenstein kreisen. Alle zwanzig Geschichten sind mit lebendiger Phantasie gestaltet, eindringlich erzählt und. was oft wunderbar anmutet, zu einer innern, vom älrsprungsmotiv bestimmten Einheit verschmolzen. Die Zeichnungen von Poppe fügen sich dem Stil des Buches geschmeidig ein. Die Ausstattung ist großzügig und gediegen. 752

Herman Anders Krüger: Die sie­ben R ä u d e l, Roman aus drei Zeitaltern. (Verlag Grethlein & Co., Leipzig.) Mit dem Ramen § ermann Anders Krüger ist auf immer verbunden der Begriff eines Der feinsten Ent­wicklungsromane unserer modernen Literatur des Gottfried Kämpfer". Spätere Bücher haben nicht annähernd die Beachtung gefunden, wie seiner­zeit der ..Gottfried Kämpfer" ausgenommen und von groß und klein, Erziehern und Zöglingen verscklungen wurde. Dieser neue Roman, in dem sich Krüger mit dem Erlebnis des Weltkrieges auseinanderseht. verdient wieder, daß man sich mit ihm beschäftigt, ilm es vorweg zu nehmen, das Buch hat zweifellos in der künstlerischen Gestaltung große Mängel. In der Breite bet Erzählung denkt man gelegentlich an Autobio­graphie ober Tagebuchaufzeichnungen. Monologe von mehreren Seiten dienen dazu, uns mit der politischen Auffassung des Verfassers bekannt zu machen. Man merkt die Absicht, unb man wird verstimmt. Die Absicht nämlich, die Fäden zu dem Unglücf Deutschlands aufzudecken, die ja darin stimmen wir dem Verfasser durchaus bei viel tiefer in der inneren Entwicklung des deutschen Volkes seit der Bismarckschen Aeta liegen als auf der Oberfläche weltpolitischer Konstellationen. Aber man ist verstimmt, mit einer gewissen Stetigkeit immer nur die Schatten­seite vorgezeigt zu sehen, deren grelle Aus­malung doch nur ein recht einseitiges Bild des deutschen Volkes in, vor unb nach dem Welt­krieg gibt. Aber das Buch, das mit blutendem Herzen voll echter Liebe zu Volk und Land ge­schrieben wurde, will unserem Volke ein Lehrer fein und ein Führer auf dem Wege zu ^einer echten Volksgemeinschaft, ohne die wir unser Schick­sal nie wieder selbst meistern werden. 828

Maximilian Bernd: Die Zau- bersahrt der Euglena. Roman. 183 Sei­ten 8n. Verlag der Münchener Illustrierten, Knorr & Hirth G. m. b. $>., München. In zehn Stunden zu Wasser von Hamburg nach Reuhork, so könnte der Untertitel dieses von starker Spannung erfüllten Werkes heißen. Der Roman ist keineswegs das. was man ge­wöhnlich einen technischen ober einen Zullrnfts- romcm nennt, fonbern er ist aus den nächsten Möglichkeiten unseres Zeitalters heraus geboren, aus der neuen mit der alten Welt. 62

Dramatische Literatur.

Die Wei m arische Dramaturgie. Aus Goethes Schriften gesammelt, erläutert unb ringe leitet von Dr. Eduard Scharrer-Santen. Mit einem Bildnis Goethes. 328 Seiten 8n. Verlag ®ebr. Paetel. Berlin-Leipzig 1927. Geh. 7 Mk., Ganzleinen 9 Mk. Das deutsche Volk besitzt seinen Goethe in der Geschlossenheit als Lyriker und Epiker, als Dra matiker und nicht zuletzt als geistvollen Betrachter der Naturwissenschaften. Er weiß zwar, bah er seiner Theaterführung überragenbe Physiognomie gegeben hat, aber er weih nichts ober wenig vom Drama turgen. So hat der von eigener Theaterpraxis kom menbe Bearbeiter bes Buches Dr. Scharrer-Santen aus dem großen Gesamtwert Goethes in emsigem Sammeleifer alles Wesentliche zulammengefügt, um zum erstenmal den schöpferischen Theaterkritiker wie den kritischen Betrachter, b. h. ben ganzen Drama turgen Goethe einer späten Nachwelt zu vermitteln. Den beutschen schauspielern ist bas Buch gewidmet, bas frei von verstaubter Historik, als Nachschlagewerk bas heutige Geschlecht ber beutschen Bühne zum ewig lebendigen Quell ber Theaterkunst zurückführen ^sott.

Walter von Molo: Ordnung im Chaos. Schauspiel in 6 Bildern. 91 Seiten 8". Geh. 2,50 Mk., Leinen 4,50 Mk. Verlag von Albert Langen in München, 1928. Bekenntnis zu Friedrich dem Großen... Vergeistigung feiner Gestalt: das ist die Essenz dieses hinreißend ge­schriebenen Dramas. In acht knappe Bilder ge­preßt wird hier, was der berühmt gewordene Fridericus-Roman aussührlicher, umfassender, in impressionistischem Mosatk der Erzählung unb trotzdem schier unglaublicher Konzentration einer erdrückenden Stofsülle bemeisterte. Der Roman schloß mit der grandios geschauten Schilderung -der Entscheidungsschlacht: hier bringt der Kriegs- lärm des Rotjahres im großen Krieg um Schlesien nur von ferne herein: hier geht es um das geistige Bild, um die menschliche Verklärung Ser Königsgestalt, die Molo hier wie dort, im Drama tote im Roman so gelungen ist, daß wir seinen Gestaltungen kaum etwas Ebenbürtiges an die Seite zu stellen wüßten es sei denn Thomas Manns glänzend durchdachter und stili­sierter Essay über Friedrich und die große Koa­lition. Im Chaos eines fast verlorenen Krieges, in einem Gewitter von Schlag auf Schlag herein- brechenden Schicksalsgewalten steht unbezwungen die übermenschlich otonenbe, sichtende, regierende, führende, kämpfende Rätselgestalt des preußischen Königs, der alles besteht und alles überwindet: die Enttäuschung über seine Brüder, die ver­lorenen Schlachten (Fincks Kapitulation!). Eng­lands Abfall, Sen Tod des Dessauers und das Llllerfurchtbarfte den Tod der geliebten Schwester Wilhelmine von Bayreuth. Die Kunde vom Tode der Zarin ist die erste Botschaft, die am Ende die Erlösung aus dem äußeren Chaos bedeutet unb bas Reich in zwölfter Stunde rettet. Für Friedrich selbst freilich kommt diese Meldung ebenso zu spät, wie jene andern zur unrechten Zeit ein traf en: et geht, mit kalt gewordenem Herzen, ein müder Mann, ein Sieger,ein Held" bet Unsterblichkeit entgegen. Aus ber Fülle un­gemein scharf gesehener, innerlich erlebter Szenen seien nur zwei hervorgehoben, die Anterhand- lung Friedrichs mit Reipperg ein Meisterstück politisch-diplomatischer Konversation, unb die Be­gegnung mit Wilhelmine, die zum Feinsten und Zartesten zählt, was Molo je geschrieben hat. - Man muß sich wundern, daß sich seit ber Ham­burger Uraufführung nickt mehr beutsche Bühnen um daS Stück zu bemühen scheinen. 36

Heimatgeschichte.

Ludwig Lindenmeyer: Jahrbuch meines Lebens (Hessische Volksbücher Rr. 61 bis 65). Herausgegeben von Karl Essel­born. Darmstadt 1927. Selbstverlag des Prälaten I). Or. Wilhelm Diehl. Für den Buchhandel: H. L. Schlapp, Hofbuchhandlung in Darmstadt. - Die von Prälat D. Dr. Wil^lm Diehl heraus­gegebenen ..Hessischen Volksbücher" haben mit diesem Bande einen wertvollen Zuwachs er­halten. Lindenmeyer (1762 bis 1820). ein pfäl­zischer Jurist, schildert fein Leben bis zum Jahre 1803. Seine Aufzeichnungen sind deshalb so interessant, weil der Verfasser die Franzosen­kriege am Ende des 18. Jahrhunderts in seiner nächsten Umgebung erlebt hat. Wie die alten Dynastien auf dem linken Rheinufer bei der Invasion der Franzosen untergingen, wie in ben wechselnben Kriegszügen das Volk schwer leiben mußte, wird sehr anschaulich erzählt. Lin- benmeyers Erinnerungen beziehen sich aber auch auf Gießen und Umgebung, seine Mutter war eine geborene Strack aus Groh en-Buseck, der Verfasser hatte in Grohen-Linben, Gießen, Wetz­lar unb Marburg viele Verwandte unb Freunbe, bie er oft besuchte. Dadurch kam er in die Lage, die Kriegsereignisse, die sich im Jahre 1796 bei Gießen zutrugen, aus der Rähe zu beobachten und zu schildern. Somit bildet dieses Buch eine wertvolle Ergänzung auch ber oberhessischen Heimatgeschichte. Sehr dienlich sind dem Leser die kurzen Erläuterungen, zumeist biographischer Art, die Professor öffetbom beigegeben hat Im Hinblick auf die wertvollen Darbietungen der Hessischen Volksbücher" wird jeder Freund der hessischen Geschichte wünschen, daß das Unter­nehmen mit demselben guten Erfolge wie seit­her weitergeführt werde. 824

Hans Bumann: Kriegstagebuch be§ Stadt Alzey. Alzey 1927. Verlag von R. ^Psund. Das vorliegende Buch wird in 50 Jahren unb in noch späterer Zeit als eine Geschichtsguelle ersten Ranges gewürdigt werden es hat aber auch für unsere Zeit große Be­deutung. Hier wird und eine Chronik ber rhein- hessischen Kreisstadt Alzey während des Welt­krieges dargeboten. Der Verfasser hat mit gro­ßem Fleiße und mit einem feinen Unterschei­dungsvermögen für Wichtiges unb Belangloses beinahe Tag für Tag für die Zeit vom 28. Juni 1914 bis zum 2. Dezember 1918 alles verzeichnet, was sich an seinem Wohnorte zugetragen hat Der ganze Welttrieg, wie er sich in einem deut­schen Gemeinwesen gellend machte, zieht hier­an uns vorüber, wir erleben bie Begeisterung ber ersten Wochen und die Hoffnung ber beiden ersten Kriegsjahre, wir werben aber auch auf» neue erschüttert, wenn bas Rieder drückende ber bellen letzten Kriegsjahre an uns vorüberzieht: bie Hungerblockade, bie scharfen Bestimmungen über Verbrauch und Ernährung, das Eintreten Amerikas in ben Kampf. Die letzte Aufzeichnung