Hr. 152 Erstes Blatt
178. Jahrgang
Donnerstag, 7. Juni 1928
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Die Scholle
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Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesfen
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Die Zukunft des deutschen Liberalismus.
In diesem Zusammenhang interessiert eine Aus- losiung der „Nationalliberalen Korrespondenz', in der nochmals die von demokratischer Seite ausgestellte Behauptung zurückgewiesen wird, daß die Deutsche Dolksoartei gegründet war- den sei, nachdem ihre Gründer von der Deutsch- Demokratischen Partei zurückgewiefen worden seien. Bereits vor Jahren sei dieser unwahren Dar- stellung widersprochen worden, und zwar unter genauer dokumentarischer Beweisführung. Dr. Strefemonn habe von Anfang an erklärt, daß er der Demokratischen Partei nicht beitreten werde, so daß sich die Kreise des „Berliner Tageblattes-' nicht einbilden könnten, ihn zu denjenigen Leuten zählen zu dürfen, die sich im „Salon der Zurückgewiesenen" befunden hätten. Dr. Strefemonn und seinen Freunden sei es darum gegangen, daß er als alter Liberaler feine Grundanschauungen nicht der „neuen Ethik" derjenigen Kreife opfern konnte, die damals glaubten, eine neue Zeit heraufzuführen.
der Linie des Zweiparteiensystems bewegen, daß wir aber von i h m noch weit entfernt sind Der größte Wurf, den man für das Uebergongszciialicr einiger Jahrzehnte tun könnte, wäre die von Th. Wolff im „B. T " vorge- fdilagene Zusammenfassung der linksstehenden Teile von Demokraten, Zen- t r u m und Deutscher Dolkspartei. Es scheine ihm, daß die Erörterung über eine Der- schmelzung zwischen Demokraten und Dolkspartei etwas einseitig von demokratischer Seite ausgeführt werde. Zu Verschmelzungen gehörten zwei, und es fehle bis jetzt jeder Beweis, daß der zweite wolle, wenn der erste es wollte. Dazu käme eine erhebliche Verschiedenheit der beiden Parteien in der politischen Gesamtanschauung. Mit dieser Darlegung wolle er jedoch der weiteren Erörterung der durch den Wahlausgang ausgeworfe- nen Fragen nicht entgegentreten. Es handele sich im Gegenteil hier um einen der wichtigsten Dor- fl.)nae der innerdeutschen Geschichte, und mdüAtr Umweg könne gespart werden, wenn die rechte Erkenntnis ins Volk getragen und zu einem zielbe- wußten Handeln aufgerufen werde
Starke Zurückhaltung der Volkspartei.
Die „täfll Rundschau" warnt vor falschen Schlutzfolgerungen.
Berlin. 6. 3uni. (Hl.) Unter dieser ilebcr- schrift schreibt die »Tägliche Rundschau": An die auch von uns mitgctciltc Tatsache, daß Dr. Stresemann und der demokratische Parteiführer Dr. Koch-Weser zu Ghrenvorsitzenbm der Liberalen Bereinigung ernannt worden sind, werden in einem Teil der demokratischen Presse außerordentlich weitgehende Schlußfolgerungen geknüpft. IS» wird behauptet, daß die beiden Parteien und auch die parlamentari- schen Fraktionen letzt über die Frage einer liberalen Arbeittigemeinschaft verhandeln müßten, und daß nach der Ansicht Varianzen tarischer Kreise ein Zusammengehen der Deutschen Dolkspartei und der Demokraten nicht nur im Reichstage, sondern auch in anderen Parlamenten mit Sicherheit au erwarten sei. Dian verspricht sich davon auch eine endgültige republikanische Orientierung in äußerlicher Form bei der Deutschen Dolkspartei.
Dieser Kommentar schießt nicht nur weit über daS Ziel hinaus, sondern ist zum Teil auch als Phantasie zu bezeichnen. Die Liberale Dereinigung besteht bekanntlich schon seit längerer Zeit, und zu ihren Mitgliedern zählen Männer wie der Abgeordnete Professor Dr. Kahl und der frühere Minister v. Richter. Weitere Folgerungen lassen sich aus den Deschlüssen der Liberalen Dereinigung auch jetzt nicht ziehen. Innerhalb der Demokratischen Partei sind offenbar unter dem Eindruck deS schlechten Wahlergebnisses Bestrebungen im Gange, die auf eine Annäherung an die Deutsche Dolkspartei hinarbeiten. Diese Bestrebungen stoßen aber in demokratischen Kreisen selbst auf recht erheblichen Widerstand, wie Presseäußc- rungen der letzten Zeit zur Genüge erkennen lassen.
Die Deutsche Volkspartei steht diesen vestrebungen fern, und es ist auch nicht anzunehmen, daß sich an dieser Zurückhaltung irgend etwas ändern wird. Rach der ganzen Lage der Dinge hat die Deutsche Volkspariei keine Veranlassung, von ihrem bisherigen Kurse abzu- wcichen und eine Schwenkung nach der einen oder der anderen Richtung zu vollziehen. Etivas ganz anderes ist natürlich die Frage, ob bei einer etwaigen ftoalUionsbllbung die in Betracht kommenden bürgerlichen Parteien der Sozialdemokratie gegenüber eine taktische Verbindung eingehen, um zahlenmäßig der sozialdemokratischen Fraktion gewachsen zu sein. 3n diesem Falle würde aber die taktische Verabredung nicht nur die Demokraten und die Deutsche Volkspartei. sondern alle in Betracht kommenden bürgerlichen Parteien umfassen. Sie hätte also mit der neyen Par- teibitbung, der in einigen demokratischen Organen das IDort geredet wird, nicht» zu tun.
Ser Zusammenschluß der Mitte.
Don unterer Berliner Redaktion.
Berlin, 7. 3uni. Seit die Wahlen vorüber sind, sind die Gerüchte um neue versuche zur Einigung deS Liberalismus in Deutschland wieder gewachsen. Der Gedanke selbst liegt ja auch außerordentlich nahe, der Liberalismus hat Aumal in dem ersten Jahrzehnt der Reichs- , gründung in der deutschen Politik eine ausschlaggebende Rolle gespielt: er hat sie verloren, weil et sich von Eigenbrötelei und inneren Zersetzungen nicht frei machen konnte. Kleinere oder größere Gruppen stückelten sich ab. machten sich selbständig und verschwanden fast regelmäßig bei den nächsten Wahlen. Aber chr Ausfall ging doch stets auf Kosten der Stärke deS liberalen Gedankens. So ist eS geblieben bis in die KriegSjabre hinein. Rach dem Tode Eugen Richters fanden sich zwar die Freisinnige Bereinigung und die Fortschrittliche Dolkspartei zusammen, aber der "versuch, wieder zur Rational- liberalen Partei zurückzukommen. ist nicht gemacht worden: daneben führten die süddeutschen Demokraten immer noch ein eigene- bescheidenes Dasein.
Erst bei dem Zusammenbruch, als sich zeigte, daß Deutschland gewaltige Anstrengungen machen mußte, um nicht vernichtet zu werden, waren die DorauSsehungen für eine Einigung gegeben, man war diesem Ziel auch schon handgreiflich nahe. alS durch eine kleine, aber zungenkräftig auftretende Gruppe norddeutscher Demokraten die "Verständigung verhindert wurde und das liberale Bürgertum doch wieder in zwei Teile auSeinanderfiel. Zunächst mit dem Unterschied, daß die Demokratische Partei einen Sfltn Aufschwung nahm, während die e Dolkspartei, weil sie zu spät erschienen war, in der Rational Versammlung kaum Fraktionsstärke erreichte Aber die Demokraten tonnten die großen Hoffnungen, die auf sie gesetzt wurden, nicht erfüllen. So haben sie heule fast nur ein Drittel der Stärke, womit sie m Weimar einzoaen. Den größten Teil ihreS Ausfalls hat die Deutsche Dolkspartei gewonnen, ein nicht unerheblicher Prozentsatz aber ist verloren gegangen. hat sich zur Wirtschaft-Partei oder zu Den Splitterparteien verflüchtigt.
Gerade das Auftauchen der Splitterparteien aber hat gezeigt, wie notwendig eS ist. daß daS liberale Bürgertum, falls eS nicht zur Einfluß- losigkeit politisch verurteilt sein will, seine geschlossene Front zurückgewinnt. Und innerhalb der zusammengeschmolzenen Demokratie scheint auch eine gewisse Bereitschaft, diesen letzten Schritt zu tun, vorhanden zu sein, der jetzt freilich nur noch ein Aufgehen der 5>enwtrafen in der Deutschen Dolkspartei bedeuten würde. Man hat vor Jahr und Tag die Liberale Dereinigung gegründet. Eigentlich eigen» zu dem Zweck, um ein geistiges DersuchSfeld für die Der- ständigung zu werben. Sie hat aber so gut wie gar mchtS erreicht, sondern ein Schattendasein geführt. daS dem Ginschlafen sehr nahe war. Das soll jetzt ander- werden. Die Liberale Dereinigung nimmt einen neuen Anlauf, sie hat ihre Führer abgesägt, sie hat die Dorfitzenden der Deutschen Dolkspartei und der Demokraten zu eigenen Ehrenvorsitzenden ernannt, um sie so fester an sich zu fetten und einen Unterbau zu schaffen, in dem die weiteren "versuche fortgesetzt werden können.
Aber man darf die Möglichkeiten praktischer Auswirkungen wenigstens für die nächste übersehbare Zett nicht überschätzen. In voll»- partellichen Kreisen kann man ziemlich allgemein die Ansicht vertreten hören, daß diese Maß- nabmc doch den Tatsachen weit vorauseile, und daß cj8 verfehlt sei, schon jetzt daraus einen Schluß auf die Schaffung einer neuen Partei der Mitte — wie sie zweifellos von verschiedener Seite angestrebt wird — ziehen zu wollen. Innerhalb der Dolkspartei scheint neben Dr. S t r e f e - mann Minister a. D. v. Raumer. der eng mit der deutschen Glektrizitätsindustrie liiert ist und in Berlin wiedergewählt wurde, die stärkste treibende Kraft in der Richtung eine- Zusammenschlusses zu sein. Aber so groß der Einfluß Herrn v. Räumers und vor allem der StresemannS auf die Partei sein mag. so läßt sich bis jetzt in biefer Frage des Parteizusammenschlusses auf feiten der Dolkspartei doch noch keine ganz einheitliche Linie beobachten. 3n den Kreisen der Liberalen "Bereinigung selber stellt die stärkste treibende Kraft in der Richtung deS Zusammengehens wohl der ehemalig« Reichsfinanzminister Dr. Schis- f e r dar. dem aber persönlich das notwendige Maß an Rückhalt in seiner Partei fehlen dürfte. Man wird sich in nächster Zeit erst sehr vorsichtig auf beiden Seiten an die praktische Gestaltung einer liberalen Arbeitsgemeinschaft weiter herantasten.
Erkelenz zur Verschmelzung der Mitte.
Berlin, 6. Juni. (TU.) Der Vorstandsvorsitzende der Demokratischen Partei, Anton Erke- lenz, nimmt in einem beachtlichen Artikel zu dem in der letzten Zeit viel erörterten Dorschlaa auf Der- schmelzung zwischen Demokraten und Dolkspartei Stellung. Erkelenz, den man bisher als einen Gegner der Verschmelzung bezeichnete, gibt der Mei- nung Ausdruck, daß wir uns unmißverständlich i n
Sozialdemokratie und Regierungsbildung.
Tas Ergebnis der Kölner Partcitagung
Köln, 6.3uni. (WT2.) Heut« vormittag 10 ilbr wurde im DolkShauS di« Tagung deS sozialdemokratischen Parteiausschusses durch den Parte ivorsitzenden Otto WelS eröffnet. SS find etwa 100 "Vertreter au» allen Teilen Deutschlands anwesend, unter ihnen zahlreiche Mitglieder des Reichstag» und der Landtage. Sa» politische Referat erstattete der Frak» tionsvors ihende Hermann Müller-Fran len. Er soll sich für die Bildung der Großen Koalition ausgesprochen haben. Liebrigens vertrete die überwiegende Mehrheit deS ParteiauSfchufse» den gleichen Standpunkt. Man habe die Abficht, Hermann Müller al» Reichskanzler, Severing al» Reichsinnenminister. Hilferding a l S Finanzmini st er vorzu- fchlagen. Darüber hinaus beanspruche die Eo- zlaldemokratische Partei noch zwei weitere M , n i ft e r s i he.
Heber die in Köln gefaßten Beschlüsse teilt der Sozialdemokratische Pressedienst u. a. noch mit: Der Parteiausschuß verzichte daraus, seinen erwählten Führern irgendwelche Bindungen mit aut den Weg zu geben. Er verzichte ebenso einmütig auf die Einberufung eines außerordentlichen Parteitages, und wenn Hermann Müller am SamStagvormittag dem Rufe deS Reichspräsidenten zur Erörterung der politischen Lage folgt, so geschieht dieS ohne gebundene Marschroute. Der "Verzicht auf eine gebundene Marschroute bedeutet für die Sozialdemokratie natürlich noch nicht, bafy sie ohne Doraussetzungen zu einer Koalitionsgemeinschaft mit anderen Parteien bereit ist. SS werden Erörterungen notwendig sein über die Frage der Arbeitszeit, der Reichswehr her Wahlreform. der Amnestie und viele aubere Dinge. Ihr Ergebnis wird -eigen, ob letzten Ende» ein gemeinsames Regierungsprogramm möglich ist und ob die Aussicht besteht, aus lange Sicht zu regieren. Aus diesem Programm muh unsere» Erachtens klar und deutlich hervorgehen, das) ein neuer Kurs eingeschlagen wird, und sich im "Vergleich zu dem. was gestern war, tatsächlich etwas geändert hat, unb für die Zukunft noch vieles ändern soll. An einer Regierung, die von vornherein auch nur zum geringsten Teil einen baldigen "Verfall in sich tragen würde, hat die Sozialdemokratie kein Interesse. Wie sich die Verhandlungen der Parteiführer im einzelnen gestalten und entwickeln werden, ist noch völlig unbestimmt. Weder über die parlamentarische Basis der neuen Regierung, noch über deren personelle Zusammensetzung steht im Augenblick etwas fest. Immerhin ist für die SozialkMnokratie die Große Koalition keineswegs die einzig gegebene Möglichkeit. Auch der Parteiausschuß hat keinen Augenblick daran gedacht, sich für die Große Koalition festzulegen. Wir werden im gegebenen Augenblick alle Möglichkeiten einer Regierungsbildung sachlich prüfen, und unsere Entscheidung davon abhänglg machen, ob eS möglich ist, dem am 20. Mai zum Ausdruck gekommenen Willen der Wählerschaft in ausreichendem Maße zu entsprechen oder nicht.
Oie Zenirumspolttik nach den Wahlen.
Erklärungen Llegcrwalds.
Berlin. 7. Juni. (TU.) Der frühere preußische Ministerpräsident Dr. Stegerwald gewährte der . Ehristlich-Eozialen Rachrichten stelle" eine Unterredung, in der er sich über die Zentrumspolitik nach den Wahlen äußerte und über die gegenwärtige politische Lage und die Haltung des Zentrums in der nächsten Zeit u. a. erklärt«: Der Zentrumspartei falle es nicht ein, eine Koalition mitzumachen, in der sie als Anhängsel der Sozialdemokratie erscheinen mühte. Das Zentrum stehe auf dem Standpunkt, dah die Sozialdemokraten sich m i t voller "Verantwortung an der Regierung beteiligen müssen. Die Sozialdemokraten dürfen keineswegs auf die Regierung Einfluh bekommen und daneben in der Agitation sich ähnlich betätigen können wie die Kommunisten. Die Zentrumspartei habe feit der Rational- Derfammlung rund fünf Jahre den Kanzler gestellt. Das habe dahin geführt, dah die Parteien von rechts und links sich ständig um unbequeme Situationen herumdrückten. Ob sich da» Zentrum überhaupt an der Koalition beteiligen werde, hänge davon ab, welches Arbeitsprogramm die Sozialdemokraten den anderen Parteien unterbreiten werde und daneben von der gesamten Zusammensetzung deS Kabinetts.
Vorfiandsfihung der Volkspattei
Berlin, 6. Juni. (DDZ.) Der Parteivorstand der Deutschen Dolksvartei trat beute zu einer Sitzung zusammen. Auf Grund der Berichte der beiden bisherigen Fraktionsvvrsitzenden im Reichstag und im Preußischen Landtag erfolgte eine eingehende Aussprache über die politische Lage Es herrschte Einmütigkeit darüber, dah der Wahlausfall der Sozialdemokratie die Derpflichtung auferlegt. dieDer an twvr tung
für di« Regierungsbildung zu übernehmen Di« Fraktionen des Reichstage» und deS Landtage» werden am nächsten Mittwoch in einer gemeinsamen Sitzung zu der weite en Entwicklung der Ding« Stellung nehmen Sie .T ä g l. Rundschau" bezeichnet eS al» >e» m er lenswert, dah die F a tonen der Deutschen Dolk»partet im Reichstag und im Landl ig ie Parlamentstagung mit einer gemeinsamen Sitzung eröffnen. Man werd? daraus folg.-nx können, daß die Deutsche Volkspartei im Hinblick auf die bevorstehenden Regierung-ve'-handlungen eine Fühlungnahme zwischen der Reichstags- und Landtagsfraktion für notwendig hu.«, entsprechend der Auffassung, daß die Regierungsbildung im Reich eine gleichartige Koalition In Preußen im Gefolge Haven müßte.
Die „Times" zur Aegierungs- bildung in Deutschland
London, 6. Juni. (MTB.) In einem Leuartikel über die Neubildung des kommenden deutschen Kabinetts sagt die „Times", c» gilt al» sicher, daß Dr. Gtrefcmann und General ® r o e n e r Minister des Aeußern bzw. Reichswehrminister bleiben werden. Bei einigen Mitgliedern des Zentrums besteht zwar der Wunsch, da» Portefeuille Strese- manns für die eigene Partei zu gewinnen, aber es ist nicht anzunehmen, daß die Staatsmänner, die das Zentrum führen, eine so flagrante lor- beit in Betracht ziehen und Deutschland der Dienste des Ministers berauben könnten, der ihm eine neue Stellung in Europa gewonnen hat. Die „Times" erwähnt dann die Stahlhelmkundgebung in Hamburg und das Anwachsen der kommunistischen Stimmen bei den Wahlen und fahrt fort, die deutschen Par teien und die deutschen Staatsmänner haben aber eine bemerkenswerte Geschicklichkeit, eine Poll- 1 i k des gesunden Menschenoer st an des zu betreiben, ohne sich durch die übertriebene Sprache der Extremisten der Rechten oder Linken beirren zu lassen. Der Mann, der in Locarno und in Genf die Verhandlungen geführt hat, während er von der Zustimmung der Nationalisten abhängig war, wird »chwerlich die Versuchung fühlen, von dieser Politik abzuwetchen, jetzt wo das Land diese Politik entschieden gebilligt hat und jedes Mitglied einer „Großen Koalition", das Ihn etwa ersetzen würde, würde genötigt fein, in feine Fuhtapfen zu treten
Steinwürse aus die italienische Botschaft in Vertin.
Tie Täter Kommunisten?
Berlin, 6. Juni. (WB ) Um 9.26 Uhr wurden im Haufe der italienischen Botschaft In der Viktoria- ftrabe von unbekannten Personen, die in einem Auto vorfuhren, fünf Fensterscheiben e i n gern o r | e n. Schutz für die Botschaft und für das Konsulat ist sofort gestellt worden. Die polizeilichen (Ermittlungen sind eingeleitet; sie ergaben bisher folgendes: Gegen 9.30 Uhr kam ein Priootkraft- wagen, in dem sechs bis sieben junge Männer von südländischem Typus saßen, vom Tiergarten her und hielt vor dem Botschaftsgebäude. Im selben Augenblick sprangen die Insassen des Autos heraus und warfen mitgebrachte Steine gegen die Fenster des Botschaftsgebäudes, worauf das Auto davonfuhr. Nach der Bekundung eines Passanten soll sich auch eine Gruppe von fremdländischen Fußgängern, sämtlich mit grünen Hemden bekleidet, an den Steinwürfen o c • t e i l i g t haben. Auch die Fußgänger entfernten sich eiligst in der Richtung narfi dem Kemper Platz, so daß die inzwischen benachrichtigte Polizei feine Feststellungen machen konnte.
Die „Rote Fahne" überschreibt ihren Bericht über den Anschlag: „Die Fenster der Mussolinibot- schast zum Protest zertrümmert!" Das kommunistische Organ, das den Anschlag mit der V e r u r t c i l u n g italienischer kommuni st ischer Führer zu langjährigen Zuchthausstrafen in Zusammenhang bringt, berichtet, daß man nach der Tat am Boden Flugze11el mit einem Aufruf „Nieder mit Mussolini" und der Auftorderung, sich om Freitag an der Amnestiekundgebung im Sportpalast zu beteiligen, fand.
Belgische Lehren.
ttehässigkeiten gegeu deutsche Besucher belgischer Lcebader.
Aachen, 6. 3uni. (WTB.) Wie die Aachener Blätter melden, wurde ein Aachener, der sich als Rekonvaleszent mit seinem Kraftwagen auf dem Wege zu den belgischen Seebädern befand, das Opfer eines gemeinen Studenlen- ftreicheö in Löwen. Wahrend er im CafL des Brasseurs zu mittag speiste, durchstach ein wallonischer Student am Wagen sämtliche Schläuche und Decken auch an den Reserverädern. Die immer mehr anwach?ende Menschenmenge umstand den plattfüßigen Wagen und amüsierte sich stundenlang über die Bemühungen des Dagenbesitzers und des Lhauffeurs, das Fahrzeug wieder flott zu machen. Obwohl die Polizeiwache dem Eaf6 gegenüberliegt. war zunächst kein Polizeibeamter zu sehen. Ein von belgilchen Zeugen als Täter bezeichneter Student wurde f eftgenommen, aber s o - fort wieder freigelassen und von den Kommilitonen stürmisch gefeiert. Hunderte von Studenten gröhlten alle mit Offizieren besetzte Autos und Motorräder mit bart Rufe „Vive I’arm6e“ an und jüngere Offiziere schüttel-


