Ausgabe 
6.10.1928
 
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Nr. 256 Erstes Blaff

178. Jahrgang

Samstag, 6. Oktober 1928

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(Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Blumscheini für den An» zeigenteil Kurt Hillmann. sämtlich in Gießen

präsentierte Wechsel.

Fast hat man über den vielfachen Sorgen der Außenpolitik ganz vergessen, daß es auch so etwas wie eine Innenpolitik gibt. Die deutsche Forde­rung in Genf, Flottenpakt und Abrüstungsskandal haben unser Interesse voll und ganz beansprucht. Wer nun neigen sich die erfreulich langen Par- lamentsferien ihrem Ende zu und man rüstet überall mit Eifer zum Winterfeldzug. Der preu­ßische Landtag ist schon zusammen getreten, im hessischen arbeiten bereits die Ausschüsse und mit einigem Grauen ob der zu erwartenden Rede­schlachten zwischen so ausgiebigst ausgeruhten und erholten Volksvertretern denkt man schon an die bevorstehende Einberufung des Reichstags, der dann unteren parlamentarischen Betrieb in voller Blüte zeigen wird. Ganz ohne Kummer und Sorgen wird es dabei allerdings von Anfang an nicht abgehen. Dafür hat man es sich im Frühjahr zu leicht gemacht und allzu viel Pro­bleme unter der Devisenach uns die Sündflut ungelöst beiseitegeschoben. Mit dieser beglückt heiteren Lebensausfassung kommt man in der Politik nun eben doch nicht immer am schnellsten voran. Das wird sich zeigen, wenn jetzt in den kommenden Herbstwvchen an fast schon vergessene Dinge gerührt wird und Wechsel präsentiert wer­den, die einst vielleicht allzu bereitwillig aus­gestellt wurden, um augenblickliche Schwierig­keiten aus dem Wege zu räumen deren Unter- schrift man heute jedoch mit einem Gefühl des Mißbehagens als die seine anerkennen muß.

älnfere Leser werden sich dunkel erinnern, daß das gegenwärtige Reichskabinett Hermann Müller- Franken, in dem die Sozialdemokraten mit vier Ministern die Oberhand haben, die Bolkspartei und die Demokraten durch je zwei Minister ver­treten sind und das Zentrum nur einen Ver­bindungsmann unterhält, während die Bayrische Bolkspartei wieder ihr altes Postressort beseht hat und die Reichswehr durch den parteilosen Fachminister Groener verwaltet wird, nur ein Provisorium darstellt, eine Rotlösung, die tm Herbst durch ein reguläres Kabinett der Gro­ßen Koalition ersetzt werden sollte. Man muh schon fagensollt e, denn nach der bald halb­jährigen Probezeit, die man Herrn Hermann Müller bewilligt hatte, ist die Begeisterung bei den Parteien, auf die es ankommt, nicht durchweg überwältigend, um mit diesem allerdings noch umzugestaltenden Kabinettuntermauern heißt der fachmännische Ausdruck für derartige Prozeduren in Zukunft durch dick und dünn zu gehen. Besonders das Zentrum, das seinerzeit bei den Verhandlungen über die Regierungs­bildung dank der Extratouren seines Herrn Wirth und mancher persönlicher Hnstimmigkeiten nicht sehr glücklich operiert hatte und sich schließ­lich durch dieses Verlegenheitsprodukt eines von den Parteien nur geduldeten Kabinetts der Großen Koalition nicht ohne beträchtlichen Pre­stigeverlust aus der Affäre gezogen hatte, be­sonders das Zentrum legt nun den Finger an die Rase und überlegt, ob der inneren Konsoli­dierung seiner Parteiorganisation und einer le­bendigeren Fühlungnahme mit den Wählermassen im Lande nicht eine Periode des gänzlichen Verzichts auf eine Beteiligung an den Re- gierunasgeschäften ganz zuträglich sein könne. Cs gibt jedoch auch im Zentrum einflußreiche Kreise, die die Kosten einer an sich vielleicht wünschenswerten Sanierungsaktion namentlich auf personalpolitischem und kulturpolitischem Gebiet zu hoch sinden und deshalb die alte Zentrums- iaftif, stets mit von der Partie zu fein und im Widerstreit zwischen rechts und links die aus­schlaggebende Rolle zu spielen, auch in Zukunft verfolgt wissen wollen.

Auch die Deutsche Volk spart ei hat Grund, das gegenwärtige Reichskabinett nicht als endgültig anzusehen. Sie hatte ihre Beteiligung an einer von den Sozialdemokraten geführten Reichs­regierung davon abhängig gemacht, daß ihre alte Forderung nach Homogenität des Reichskabinetts mit der Regierung in Preußen erfüllt werde. Herr Braun, der Allgewaltige in Preußen, hatte nicht recht gezogen, wollte sich nicht drängen lassen und verschanzte sich schließlich hinter forma­listischen Spitzfindigkeiten. Das Ergebnis der in ihren einzelnen Phasen recht unerquicklichen Ver­handlungen war, daß manzu gegebener Zeit" also wohl, wenn es dem preußischen Herrn Mi­nisterpräsidenten besser paßte weiter gehen wollte. Die Deutsche Volkspartei hat wohl oder übel ihre Forderung zurückgestellt, um überhaupt einmal ein aktionsfähiaes Reichskabinett zustande zu brin­gen. Sie hat jedoch damals schon keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie fpäteftensim H e r b st auf ihren alten Wunsch nach einer Umgestaltung der preußischen Regierung zu einem Kabinett der Gro­ßen Koalition zurückkommen werde. Sie hat zu verstehen gegeben, daß sie sich länger nicht Hin­halten lassen werde und hat auch von den in Frage kommenden Parteien sowohl wie vom preußischen Regierungschef den Bescheid bekommen, daß man dann zu Verhandlungen sich bereit finden werde. Es ist also kein Zufall, daß nun nach Zusammen­tritt des Preußischen Landtags die Volkspartei prompt ihren Wechsel präsentiert und seine Ein­lösung verlangt. Aber auf der Gegenseite spürt man das heiße Bemühen, die Angelegenheit nach Mög­lichkeit auch weiterhin dilatorisch zu behandeln. Herr Braun, dem die Beauftragten der volksparteilichen Preußenfraktion ihren Wechsel vorgelegt haben, er­klärt sich für nicht zuständig und schiebt die Verhandlungen den Parteien zu, was eine befrie­digende Erledigung nicht gerade erleichtert. Die Schwierigkeiten für eine Umgestaltung des preußi­schen Kabinetts liegen zum guten Teil auch darin, daß die Sozialdemokraten, die, obwohl stärkste Frak-

Graf Zeppelin" rüstei zur Amerikasahri.

Idas größte Interesse. Die Blätter berichten ausführlich über die Fahrtvorbereitungen. Aus Lakehurst wird gemeldet, daß die von der Marineluststation für den Zeppelin gctrofic. cn Gmpfangsvorbereitungen beendigt sind. Es sind Maßnahmen zur Aufrechterhal­tung der Ordnung getroffen, da gewaltige Massen Schaulustiger erwartet wer­den. Die Marinestation Philadelphia hält zur

Trotz aller Schwierigkeiten, die ihm neben dem Wettergott und technischen Hindernissen auch der amtliche Bureaukratismus in den Weg legte, hat Dr. Eckener mit demGraf Zeppelin" die Versuchsfahrten erfolgreich beendigen können so daß der Weg für die erste große Fahrt über den Atlantischen Ozean und zurück frei­gemacht ist. Wieder, genau wie bei seinem Start zum Probeflug, begleiten ihn auf seinem schweren Flug Millionen deutscher Herzen mit den besten Wünschen. Das Luftschiff ist nun einmal e i n Stück unseres geistigen Rational­eigentums geworden, es hat sich eben durch die Persönlichkeit des alten Grafen in dem Volksbewuhtsein sehr viel fester verankert als das Flugzeug.

Gerade deswegen empfinden wir es fo schmerz­lich, daß von amtlicher Seite her Sonne und Wind, diese beiden Möglichkeiten der Hebcr- Windung der Luft, nicht gleichmäßig verteilt worden find. Weshalb? Vielleicht weil rein zu­fällig im Reichsvcrkehrsministerium die maß­gebenden Männer der Auffassung find, daß im Flugzeug die größeren Zukunftsmogllchkeiten schlummern. Inwieweit das richtig ist, kann heute noch niemand entscheiden. Wir wissen nach un­seren bisherigen Erfahrungen nur, daß d e Fähig­keiten des Lustschisies raumgreisend erst da an­fangen, wo die des Flugzeugs auf hören. Der Transozeanflug im Flugzeug ist ein Gott­versuchen, auch wenn er in vereinzelten Fällen gelungen ist, im Luftschiff dagegen ein gelöstes Problem. Das hat die erste Fahrt Dr. Eckeners gezeigt mit jenem Produkt deutschen Geistes, das wir an Amerika abliefern mußten und das nur deswegen überhaupt gebaut werden durfte, weil es nicht dauernd deutsches Eigentum blieb.

Es ist doch gewiß auch kein Zufall, daß in dem Versailler Vertrag uns der Dau von Luft­schiffen zunächst überhaupt verboten wurde, während England alle Anstrengungen machte, um den Vorsprung einzuhvlen, den wir vor dem Kriege und während des Krieges auf diesem Gebiet uns errungen hatten. In­zwischen ist hinter dem Druck Amerikas diese Hem­mung von Versailles gefallen. Es darf wohl auch als sicher angenommen werden, daß der mili* tärische Wert eines Luftschiffes wegen seiner großen Verletzbarkeit nicht allzu groß ist, jeden­falls wesentlich geringer als der eines Flugzeugs. Dagegen sind die Verkehrswerte, die hier schlummern, unbegrenzt und unerreichbar für das Flugzeug, wenigstens so lange, wie hier nicht ganz andere Größenabmessungen gefunden sind.

Die Engländer haben das scheinbar auch be­griffen. Sie treffen alle Vorbereitungen, um die Verkehrswege innerhalb ihres Weltreichs durch das Luftschiff bester auszubauen. Heberalt wer­den Ankermasten errichtet, mit fieberhaftem Eifer hat die englische Industrie daran gearbeitet, die zwei RieseÄustschiffe, die dort auf Stapel liegen, so schnell fertigzustellen, daß sic vor demGraf Zeppelin" auf Fahrt gehen könnten. Das ist miß­lungen. Eckener hat uns den Vorsprung von mindestens einem halben Iahr gesichert. Wenn das Wetterglück ihm einigermaßen günstig ist, wird er zeigen, daß es möglich ist, in wenig mehr als einer Woche nach Reuhork und zurück zu fahren. Das bedeutet eine Verkürzung der Ent­fernungen, die alles bisher Denkbare in den Schatten stellt und zumal Südamerika sehr viä enger an Europa heranbringen wird. Ganz abgesehen von den Aussichten, die sich dann für eine Verbindung mit dem Fernen Osten er­geben.

Am Mittwoch startbereit.

Die Amerikasahrt wird voraussichtlich am Freitag angetreten.

Friedrichshafen, 5. Oft. (TH.) In einer Unterteilung des Sonderkorrespondenten der Telegraphen-Hnion mit dem ersten Führer des Luftschiffes, Kapitän Lehmann, erklärte dieser übet den Stand der Dorbereitungsarbeiten für den Amerikaflug: Man sei zur Zeit damit beschäftigt die Verbesserungsarbeiten in den Mannschaftsschlafräumen des Luftschiffes durchzuführen. Wenn diese Arbeit, sowie das Straffziehen der Hülle des Lustschif es beendet und andere kleine Verbesse- rungsarbeilen vorgenommen sein würden, werde mit dem Füllen des Luftschiffes begonnen werden, das wohl am Dienstagabend be­endet fein dürfte, so daß bis Mittwoch das Schiff fahrbereit wäre. Rach Ab­schluß der Reineren Verbesserungsarbeiten werde aller Wahrscheinlichkeit nach noch am Donnerstag nochmals eine mehrstündige Werkstätten- fahrt stattfinden, die sich aber nur auf die Umgebung von Friedrichshafen und den Doden- see erstrecken dürfte. Heber die gegenwärtige Wetterlage e rflärte Kapitän Lehmann, daß in den nächsten Sagen äußerst günstiges Wetter zu erwarten sei: das gegenwärtig über dem Ozean liegende Tief habe sich weiter nach Osten verschoben. Die Annahme von Amerikapvst für denGraf Zeppelin", die ursprünglich am kommenden Montag, mittags 12 Hhr, geschlossen werden sollte, ist wieder ver­längert worden, und zwar ist mit der Post eine Vereinbarung getroffen worden, daß noch buch­stäblich bis zum letzten Augenblick Briefe und Karten für Amerika angenommen werden können.

Empfangsvorbereitungen in Lakehurst.

Reu York, 5. Oft. (WB.) Die bevorstehende Amerikafahrt desGraf Zeppelin" erregt hier

Frankfurt a. M., 5. Oft. (Landespresse­dienst.) Dor dem Frankfurter Stahlhelm sprach am Freitag abend Franz Seldte, der Gründer und 1. Dundesführer. Er betonte die völlige Hn- abhängigkeit desStahlhelms" von Personen und Parteien. DerStahlhelm" ist völlig selb- ständig und Herr seiner Entschlüsse, wird von niemand finanziert, sondern erhält sich aus seinen eigenen Beiträgen. Es ist verständlich, wenn nach einer Enttäuschung von zehn Iahren der Zorn gegen die Gegenwart sich hie und da Luft macht und es ist begreiflich, wenn kürzlich einem Unterführer die Galle übergelaufen ist und er vom Haß gegen den jetzt gen Staat gesprochen hat. Diesen Ausführungen ist aber eine programmatische Bed eu- tung nicht beizumessen, denn die Haupt­sache ist, daß die Führung weiß, was sie will. Die Stahlhelmer sind unbequeme Zeitgenossen für die jetzigen Machthaber. Sie sehen in der Politik von Genf und Locarno keinen Gewinn und erstreben die Gesinnung, die in den letzten Dingen von Voll, Ehre und Freiheit einen Appell andieWaffen zuläht. Der,, Stahl­helm" erstrebt, unbekümmert um das Geschrei

Hilfeleistung bei der Landung mehrere hundert Matrosen in Bereitschaft. Es sind auch Vorbe­reitungen für die schnelle Verteilung der Post des Luftschiffes und für die Unterbringung seiner Besatzung in die Wege geleitet. Marine­beamte aus Washington werden Dr. Eckener in Lakehurst offiziell begrüßen.

Eine verdiente Abfuhr.

Der Daily Expreß an die Adresse der Rycinlandkommission.

London, 5. Oft. (T. U.) DerDaily Ex­preß" wendet sich in einem Leitartikel nachdrück­lich gegen den Einspruch der Inter­alliierten Rheinlandkommission ge­gen die Heberfliegung besetzten Ge­biet es durchGraf Zeppelin". Während die Interalliierte Rheinlandkommission, so führt das Blatt u. a. aus, zehn Iahre nach Abschluß des Krieges wegen der Heberfliegung deutschen, nur zu Unrecht weiter besetzt gehaltenen Gebietes durch ein deutsches Luftschiff pro­testiere, habe England den Besuch desselben Luft­schiffes an der gleichen Stelle, an der während des Krieges Bomben abgeworfen seien, geduldet und mit Interesse verfolgt. Es sei kein Zweifel, daß das britische Empfinden in diesem Falle das Richtige fei und daß die Rheinland- Eommiffion besser getan hätte, sich mit den Vorbereitungen für ihre Abreisean­statt mit der Ausarbeitung eines Protestes ge­gen ein technisch unwillkommenes Ereignis zu be­schäftigen.

seiner Gegner, die Macht. Er will sie mit gesetzlichen Mitteln erreichen. Zu diesen Mitteln gehört auch das Volksbegehren, mit dem er alles, was in Deutschland deutsch denkt, zu einem General-Appell aufruft. Er wird das Volls- begehren auf zwei Punkte stellen: Verstär­kung der Macht des Reichspräsiden­ten nach dem Vorbild der amerikanischen Ver­fassung und Beschränkung der Immu­nität der Abgeordneten. Es ist begreif­lich, daß mit dem Denken desStahlhelms" viele nicht mitfönnen. Es stehen sich eben in diesen Fragen zwei Welten gegenüber, die sich nicht verstehen können und auch nicht verstehen dürfen und zwischen denen der Kampf entschei­den muh. Wenn gesagt wird, daß die Ent­schließung der Deutschen Bolkspartei auf Austritt ihrer Mitglieder aus demStahl­helm" nur aus sachlichen Motiven erfolgt ist, so sei zu sagen, daß es für denStahlhelm" keineSache" und kein Handelsobjekt in diesen Fragen gibt, sondern nur Gefühl. DerStahl­helm" wird nicht rasten, bis er die innere und äußere Freiheit des deutschen Volles erreicht hat.

Seldte über die Stahlhelm-Politik.

Hon im Parlament, sich bisher mit zwei Minister­sesseln begnügt haben, nun weitergehende Ansprüche anmelden, daß aber weder Zentrum noch Demo­kraten übermäßig bereit sind, einen der Ihren auf dem Altar der Koalitionspolitik zu opfern.

Recht überflüssigerweise scheinen interessierte Kreise auch noch die KoaliHonsverhandlungen mit der Konkordatsfrage belasten zu wollen, ob­wohl absolut nicht einzusehen ist, welche aktuelle Be­deutung diesem überaus heiklen Problem zukommt, das doch schon seit Jahren Gegenstand von Ver­handlungen zwischen Kultusministerium und päpst­licher Nuntiatur ist, ohne daß es bisher zu einem abschließenden Ergebnis gekommen wäre. Wenn ein Gegenstand geeignet ist, eine Einigung der Par­teien zu erschweren, so ist das zweifellos die Frage eines Konkordats zwischen Preußen und dem Vati­kan. Seit dem Abschluß des bayerischen Konkordats herrscht begreifliche Beunruhigung darüber, daß sich die Kurie durch einen Staatsvertrag auch in Preu­ßen ähnliche, weit in die Staatshoheit übergreifende Rechte, namentlich auf dem Gebiet der Schulauf­sicht, der Besetzung von Bistümern und Professuren an den preußischen Universitäten sichern werde. Es ist deshalb zu begreifen, daß der preußische Kultus­minister Dr. Becker sich beeilt hat, zu erklären, daß zwar seit geraumer Zeit Verhandlungen mit dem Nuntius Pacelli gepflogen werden, daß diese jedoch noch keineswegs zum Abschluß gekom­men sind. Er hat über die Verhandlungen selbst weiter erklärt, daß es sich dabei um die Neureae- lung des bereits bestehenden Dertragsverhältnisses zwischen Staat und Kirche nach den durch die neue Reichsverfassung veränderten staatsrechtlichen Ver­hältnissen handelt. Und er hat schließlich ausdrück­lich versichert, daß eine die Staatshoheit auf dem Gebiete der Schule einschränkende Vereinbarung nicht in Frage komme. Man darf erwarten, daß der Minister die erste Gelegenhett benutzt, um vor

dem Landtag über die Konkordatsverhandlungen weiteren Aufschluß zu geben.

Mit einer Hmwandlung der preußischen Re­gierung wird sich nun allerdings die Vollspartei kaum begnügen können. Sie wird auch i h r V e r- hältnis zum Kabinett Hermann Müller einer sorgfältigen Heberprüfung unter­ziehen müssen und dabei vermutlich die gleiche Frage aufwersen, die sich das Zentrum bereits gestellt hat, ohne bislang zu einer endgültigen Antwort gekommen zu fein. Die Volkspartei hatte seinerzeit ihre beiden Minister Stresemann und Eurtius, die schon dem vorausgegangenen Kabinett Marx-Hergt angehört hatten, auch der neuen Regierung zur Verfügung gestellt, hatte jedoch, wie das Zenttum, eine feste Bin­dung der Fraktion abgelehnt. Der der für den Herbst geplantenUntermauerung fonte dann über das Verhältnis zwischen Partei und Kabinett neu entschieden werden. Das müßte also nun geschehen, und die Partei wird jetzt eben die Frage zu beantworten haben, ob die Sozial­demokratie in den letzten Monaten genügend Gewähr für eine ersprießliche Zusammenarbeit geboten habe, die eine feste Dindung und die Uebernahme der vollen Verantwortung für die Taten eines neugebildeten Kabinetts rechtfertigen könnte. Ein von Herzen kommendes3a wird auf diese Gewissensfrage keinem so leicht fallen. Es hat doch manche Dinge gegeben, die nicht grade rosig in die Zukunft schauen lassen. Denken wir an den, an sich selbstverständlichen, einstim­mig gefaßten Deschluh des Reichskabinetts, den bereits vom früheren Reichstag genehmigten Bau des Panzerkreuzers durchzuführen. Die Folge war ein Sturm der Entrüstung in der sozialdemokratischen Partei gegen die eigenen Minister. Denken wir an die Extra­touren des Herrn D r e i t s ch e i d in Genf,

der nicht müde wurde, seinem Parteigenos­sen Hermann Müller, dem verantwortlichen Reichskanzler und Delegattonsführer, Knüppel zwischen die Deine zu werfen. Denken wir an d'e verheißungsvollen Ankündigungen Severings zur fünftigen Personalpolitik. Das sind alles Dinge, die eine Stärkung des bürgerlichen E'e- ments in der Reichsregierung dringend wün­schenswert machen, wenn die Dvlkspartei sich weiter dazu hergeben soll, durch die Delassung ihrer Minister auf ihren Posten, die Taten des Kabinetts mit ihrem Ramen zu decken. Die Rolle des bürgerlichen Feigenblatts für sozia­listische Politik ist schon immer undankbar ge­wesen. Man wird also vermutlich mit aller Ent­schiedenheit fordern, daß das Zentrum seine klug gewählte Distanzstellilng aufgibt und, nach' einer seiner Stärke angemessenen Vertretung im Kabinett, gemeinsam mit den andern bürgerlichen Parteien die feste Bindung vollzieht, um die es sich wohl gerne Herumdrücken würde. Taktisch unzweckmäßig würde es unseres Eracht ms aller­dings fein, wollte man, was ursprünglich beab­sichtigt war, bei dieser Gelegenheit nun den Reichsarbcitsminister Wissel durch Herrn Brauns vom Zentrum ersetzen und damit die Sozialdemokratie von der ihr sichtlich unange» nehmen Verantwortung für die Softalpositik ent­lasten, mit der sie Iahr um Iahr ihren Bedarf an Propagandamaterial gedeckt hat. Aber das sind Fragen zweiter Ordnung. Vorerst muß ein­mal klargestellt werden, was das Zenttum will, wie weit es sich binden will und ob es durch Eintritt in die Verantwortlichkeit auch den andern bürgerUd^en Parteien die Möglichkeit geben will, ein reguläres, parlamentarisch fest fundiertes Ka­binett der Großen Koalition auf die Deine zu stellen.