Nr. 157 Erstes Blatt
178. Jahrgang
Zreitag, 6. Zull 1928
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwonlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange für Feuilleton Dr H.Thyriot, für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den Anzeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen
Der Reichstag billigt die Regierungserklärung.
Vertrauensersah.
Don unserer Berliner Redaktion.
Das Reichskabinett hat also, wie erwartet, am Donnerstag von dem Reichstag zwar kein Vertrauensvotum, aber doch eine Zustimmung zur Regierungserklärung erhalten, die nach der Verfassung di« Voraussetzung für ihre weitere Tätigkeit ist. Es war eine starke Mehrheit, die sich zusammengefunden hat: 261:134 Stimmen bei 28 Enthaltungen, also beinahe eine Zweidrittel- Mehrheit. 3n der Minderheit blieben Kommunisten. Deutschnationale und Rationalsozialisten, während die Wirtschaftspartei sich der Stimme enthielt. DiS man soweit gedieh, gab es noch eine stundenlange Unterhaltung, die allerdings wenig Positives erbrachte.
Der Reichskanzler fühlte daS Bedürfnis, sich mit der deutschnationalen Kritik auSeinander- zu/elzen. Er war aber dabei außerordentlich vorsichtig, offenbar wett er durch irgendein voreiliges Wort di« Mittelparteien kopfscheu zu machen fürchtete. So begnügte er sich mit der Feststellung, daß die koaftttonsmähiae Umbildung der Regierung möglichst bald erfolgen solide und gab einige Ergänzungen zur Regierungserklärung. die von Bedeutung nur sind, soweit die auswärtig« Politik in Frag« kommt, weit Herr Müller sich hier zu dem bisherigen Kurs bekannte und ein Ost-Locarno ablehnte. Das ist an sich eine Selbstverständlich- beit. kann aber nichts schaden, wenn das vor der Welt öffentlich ausgesprochen wird, und gerade bei dem Nachsatz, daß das Kabinett in der kommenden Woche sich mit den deutsch-polnischen H a n de ls ve r tr ags vc rh a n d lu n- gen beschäftigen wird, gewinnt dieser Wink an besonderer Bedeutung, lieber den Dau des Panzerkreuzers hätte die Regierung offenbar gerne jedes offene Wort vermieden. Die Anfragen waren aber zu deutlich geworden. So deckt« Herr Müller wenigstens insoweit seine Karten auf, als er eine rechtzeittge Prüfung vor dem 1. September zusagte. Man wird daraus entnehmen dürfen, daß die Sozialdemokraten es schwer haben werden, im Kabinett ihren Wunsch auf Vertagung des Panzerkreuzers duvchzusetzen.
Die Deutfchnattonalen schickten noch einmal Herrn Oberfohren vor, der nicht mit Unrecht dem Kabinett vorwarf, daß es überall Formulierungen brauche, die wie eine theoretische Fortsetzung der Arbeiten der früheren Koalition sich anhörten. Merkwürdiger Weise wirkte der Finanzminister Dr. H i l f e r d i n g, der sich gegen den Vorwurf verteidigte, als habe er seinerzeit nichts gegen die Inflation getan, auf die Kommunisten wie ein rotes Tuch. Sie schlugen wiederholt Lärm und ernteten dafür zahlreiche Ordnungsrufe. Roch wilder allerdings gebärdeten sich die Rattonalsozialisten. Es erübrigt sich auf daS merkwürdige Verhalten der Rativnalsozia» listen hinzuweisen. Billigung oder Richtbilligung, das ist eine Frage des Standpunkts, den man politisch einnimmt: man wird aber auf jeden Fall, ob in Zusammenarbeit oder in Opposition für eine fortschrittliche Arbeit eintreten müssen. Auch die Opposttion muh prv- dukttv sein. Ja Bismarck selbst hat immer den gröhten Wert auf eine solche gelegt.
(Sitzungsbericht.
Berlin, 5.3uIL (DDZ.) Die Besprechung der Regierungserklärung wird fortgesetzt. Präsident Löb« teilt mit, dah der Aeltestenrat des Reichstages all« Anträge, also auch den nattvnalsvzialistischen, z u g « l a s s e n hat.
Reichskanzler Müller
wendet sich in seiner Antwort auf die Ausführungen verschiedener Debatteredner, zunächst gegen den Abg. Graf Westarp. Ein« Aufhebung des Reichsjustizministeriums wäre kaum zwecl- mähig, zumal manch« Länder ihr« Iustiz- hvheit dem Reiche übertragen wollen. Wir sollten froh darüber sein, dah. soweit die Führung der auswärttgen Politll in Frage kommt, wesentliche Differenzen zwischen den großen Parteien nicht vorhanden sind. Graf Westarp vermißt weiter daS Wort „national“ in der Regierungserklärung. Wenn dort aber ständig von der „deutschen" Politik und der ..deutschen" Wirtschaft die Rede ist, dann ist die besondere Anwendung des Wortes „national" nicht notwendig. Wenn Gras Westarp sozialdemokratische Parteifvrderungen in der Regierungserklärung vermiht, so erinnere ich ihn nur an seine Rede in Ostpreußen, in der er von dieser Partei sagte, sie habe erst den Mund recht vollgenommen uni> hätte dann Abstriche machen müssen, ft« hätte viele Versprechungen nicht durchführen können (Heiterkeit). Etwas anderes, was Graf Westarp vermiht«, ist tatsächlich in der Regierungserklärung enthalten. Es ist dort deutlich jeder von dritter Seite unternommene Versuch einer unberechtigten Einmischung in die Aage der Rheirrlandräumung zurück- gewiesen worden. 3n der Frage des Ost- Locarno steht die Regierung ganz auf dem Standpunkt, den Reichsaichenminister Dr. Strese- mann in Uebereurftinummg mit fast allen Par- teien bisher eingenommen hat.
Ob der Panzerkreuzer gebaut werden kann, wird von den Besprechungen des Reichswehrministers mit dem Reichsfinanzminister abhängen. Die immer wiederholten Angriffe gegen die Wei
marer Verfassung sind unberechtigt. Bei der letzten Wahl hat das deutsche Volk sich nicht für die deutschnationalen Aenderungswünsche entschieden. Wir verdanken es der Weimarer Verfassung, wenn wir die Zeit der Putsche und die furchtbare Inflationszeit so gut überwinden konnten. Aus der Regierungserklärung geht deutlich hervor, daß die Regierung noch nicht auf koalitionsmähiger Grundlage beruht; es geht aber auch deutlich daraus hervor, daß die feste Absicht vorhanden ist, die notwendige U m b i l d u n g der Regierung alsbald vorzunehmen. Das ist auch notwendig, wenn das umfangreiche Regierungsprogramm in Angriff genommen wer- den soll.
Abg. Dr. Oberfohren (On.) meint, aus den Erklärungen der bürgerlichen Parteien habe wenig Vertrauen zu der neuen Regierung geklungen. Di« Ausführungen deS Abg. Dr. Scholz über das Verhältnis der Deutschnationalen zur Sozialdemokratie müssen scharf zurückgewiesen werden. Die Mittelparteien sollen nicht glauben, dah wir ihnen gegen die Sozialdemokraten beistehen werden, wenn sie deswegen Schwierigkeiten haben: die von der Regierung geplante Racherhebung der Vermögenssteuer würde mehr kosten, als sie einbringt. (Abg. Keil (Soz.): Das ist die Vorlage der Rechtsregierung.) 3n der Steuerfrage werden wir so lange nicht vorwärtskommen, wie diejenigen, die Steuern beschließen, die sie selbst nichtzahlen. Die von der Regierung angekündigte Mitte standspolitik widerspricht dem sozialdemokratischen Parleftrogramm (Lachen und Zurufe bei den Sozialdemokraten). Wenn dem Mittelstand geholfen werden soll, muh vor allem di« Konkurrenz der reichseigenen Betriebe verschwinden. Wir wollen ein von den Parteien unabhängiges, entpolitisiertes De- rufsbeamtentum. 3n der Sozialpolittk lassen sich große Ersparnisse ohne Kürzung der Leistungen erzielen. Bei der Arbeitslosenversicherung müssen für bi« Landwirtschaft diejenigen Bestimmungen beseittgt werden, di« die Arbeitsunlust fördern (Unruhe und Zurufe bei den Kommunisten). Die gegen di« Kartelle geplanten Maßnahmen müssen auch gegen di« sozialdemokratischen Konsumvereine angewandt werden. Di« Arbeitszeitbestimmungen be- einträchttgen die deutsche Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt. Ein Kohleneinfuhrverbot ist notwendig zum Schutze des oberschlesischen Bergbaues. Der Dawes-Pakt hat nicht zur Abtragung, sondern zur Anhäufung der deutschen Schulden geführt. Die Revisionsmöglichkeiten des Dawes-Planes müßten auS- genuht werden. Die Regierungserklärung ist das Anerkenntnis des außenpolitischen Bankerotts, der hinter uns liegt (Gröhe Heiterkeit bei der Mehrheit und Rufe: Sie reden ja gegen die Rechtsregierung.) Die Ursache der auhenpoliti- scheu Riederlagen ist der Eintritt in den Völkerbund und der Dawes-Plan. (Rufe: Den Sie ermöglicht haben!) Wir dürfen nicht auf Hilfe von draußen Höften, sondern müssen uns selbst helfen.
Reichsfinanzminister- Ör. Hilferding:
Die Angriffe des Vorredners richteten sich zum größten Teil gegen die vorige Regierung. der die Deutschnationalen angehörten. Diese Regierung ist für das verantwortlich, was der Vorredner hinsichllich der Steuerpoli- ttk uni) des Dawes-Planes kritisiert hat Der Minister geht bann auf die Behauptung ein, bah die Stabilisierung ber Währung das Werk HelfterichS gewesen sei. Unter großer Unruhe und fortwährenden Zwischenrufen bet Kommunisten führte er aus, bie von Helff erich geplante Verknüpfung der Währung mit bem Roggenpteis würde ein Unglück gewesen sein. In seiner Finanzmrnisterzeit 1923 habe er, Dr. Hilferdimg, diese Gefahr beseitigt und mit Unterstützung des ausgezeichneten Staatssekretärs v. Schließen die Währung stabilisiert Ich will eine bösartige Legende zerstören, bie bie französische Ehauvinistenpresse von der beutschen Rechtspresse übernommen hat Das einzige Argument der französischen Chauvinisten gegen bie jetzige deutsche Regierung ist das. dah bie Sozialdemokraten f eine Gewähr für bie Si ch« rhei t der Währung böten. Dieses Sttchwort haben die Feind« Deutschlands von den Deutschnationalen erhalten. Um solchen auhenpolittschen Schaben abtzuwehren. will ich das Gleichgewicht des Budgets aufrechterhalten und unsere Währung gegen Verleumdungen schützen. In diesem Sinne will ich mein Amt führen. (Lebhafter Beifall).
Abg. Straffer (Rats.)) bezeichnet die R«> gierungserllätung alls eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Die wirkliche Regierungserklärung sei durch den Zwischenbericht des Repa- rationsagenten Parker Gilbert gegeben worden. Der jetzige Reichskanzler habe in Versailles das Todesurteil unterschrieben, bas jetzt am deutschen Volk« vollzogen wird. Richt dem Volle wolle die Regierung helfen, sondern den Verbrechern durch Aufhebung der Todesstrafe. Ein Rationalfeiertag werd« von dieser Regierung geplant zur Feier der Darmat- R «publik.
Präs. Lobe: Wegen der Bezeichnung .Barmat-Republik" für unser Heimatland rufe ich Sie zur Ordnung. (Beifall.)
Abg. Straffer (Rats.) begründet bann ben nationalsozialistischen Dertrauensantrag „3nbem der Reichstag über alle anderen Anträge zur Tagesordnung übergeht, spricht er der Reichsregierung das Vertrauen aus." Der Redner erklärt schließlich: Es ist eine Schande, daß ein in Ostgalizien geborener negroider 3uöe hier als Reichsfinanzmini st er auftritt! (Große Erregung bei der Mehrheit.)
Präs. Löb«: Auf diese ungewöhnlich beschimpfende Bemerkung gegen ein Mitglied der Reichsregierung wende ich den § 91 der Geschäftsordnung an. Ich kann Ihr weiteres Verwetten in der Sitzung nicht mehr dulden und fordere Sie auf, den Saal zu verlassen. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Strasser trinkt nod) ein Glas Wasser nud verlaßt dann unter Entrüstungskundgebungen der Sozialdemokraten langsam den Saal.
Rach längerer Geschästsorbnungsdebatte wird in namentlicher Abstimmung mit 266 gegen 131 Stimmen bei 24 Enthaftungen beschlossen, dah a n erster Stell« nicht über ben Dertrauensantrag bet Nationalsozialisten, fonbem über ben
Billigung San trag ber in der Regierung vertretenen Parteien abgesttmmt wirb. Für den Vorrang bes nationalsozialistischen Antrages haben bie Deutschnationalen. Nationalsozialisten und Kommunisten gestimmt.
Die bann folgenbc namentliche Abstimmung ergibt bie Annahme des Antrages: n5)cr Reichstag billigt bi« Erklärung der Reichsregierung unb geht über alle anderen Anttäge zur Tagesordnung über." Für den Anttag sind 261 Stimmen der Sozialdemokraten, Demokraten, des Zentrums, ber Deutschen Vollspartei unb ber Bayerischen Dollspartei abgegeben worben. Dagegen sink) 134 Stimmen abgegeben: bie Kommunisten. Deutfchnationale, Nationalsozialisten, Christlich-Rationale Dauern unb Deuftch-Hannoveraner. Stimmenthaltung übten 48 Abgeorbnete ber Wirtschafts- Partei unb ber Deutschen Bauernpartei.
Damit finb alle weiteren Vertrauens- unb Mißtrauensanträge erlcbigt. Um 16,15 Uhr vertagte sich das Haus auf Dienstag. Auf der Tagesordnung stehen die Vorlage über den Rationalfeiertag, daS neue Strafgesetzbuch und kleiner« Vorlagen.
Löwensteins Sturz ins Meer.
©er mysteriöse Tod des belgischen Finanzmanneö: Unfall oder Selbstmord.
Paris, 6. Juli. (IDIB.) Die schon im gestrigen Börsenbericht gemeldet, ist das dem bekannten Brüsseler Großindustriellen der kiunstseidenbranche A l - sred Löwenstein gehörende Flugzeug Mittwoch abend gegen 8 Uhr am Strande westlich von Dünkirchen niedergegangen, weil sein v e - s l h e r , als er sich während des Uebersliegens des K"nal» In den Toilettenraum begeben wollte, sich in derlür irrte, die Augangstür öffnete anb i n s Meer fiel. Das Flugzeug war außerdem noch beseht von einem Piloten, einem Mechaniker, einem Kammerdiener und zwei Stenotypistinnen. Sofort nachdem bat verschwinden Löwensteins bemerkt worden war, steuerte der britische Pilot der Küste bei Dünkirchen zu, wo er auf dem Strande n i e b erging, bie französischen Behörden benachrichtigte und dann nach dem Flugplatz St. Jngatoerf bei Dünkirchen weiterflog. Niemand hatte ge- sehen, wie Löwen st ein aus bem Flugzeug fiel. Er hatte sich nach bem Hinteren Ende ber Maschine begeben, wo sich der Toilettenraum befindet. Als er nicht zurückkam, suchten die anderen Fahrgäste nach ihm und sanden, daß d i e Eingangstur des Flugzeuges, bie ins Freie führt, o f f c nft a n b. Die Gattin des Bankiers Löwenstein ist gestern abend nach Calais abgereist. Rach den Erklärungen des Fliegers Diaro, der das Flugzeug Löroenstein» mehreremat führte, befand sich das Flugzeug roahrscheinlich in einer höhe von 500 Meter, als der Finanzmann den Toilettenraum aufsuchte. Man vermutet, daß er sich unwillkürlich an die äußere Tür anlehnte, daß diese plötzlich nachgab und daß Löroenstein i n s Leere stürzte. Andererseits wird in verschiedenen Kreisen die Version von der Verwechslung der Tür angezroeifelt. Ls wird darauf hingewiesen, daß die Ausgangstüren bei allen Flugzeugen so angebracht finb, bah währenb der Fahrt infolge des äußeren Luftdrucks ein Oeffnen nur mit beträchtlicher Anstrengung möglich ist. Löwenstein hätte also, so wird erklärt, wenn es sich nur um Gedankenlosigkeit gehandelt hätte, seinen Irrtum sofort einsehen müssen. Das Flugzeug Ist inzwischen in Calais gelandet, von wo aus Nachforschungen nach dem vermißten angestellt werden. Löwenstein, der als der drittreichste Mann der Mett galt, hatte bie Gewohnheit, seine häufigen Geschäftsreisen im Flugzeug auszuführen unb dabei ein ganzes Bureau zur Erledigung feiner Korrespondenz mitzunehmen.
Oer fliegende Bankier.
Seit ber Rame Stinnes, ber jahrelang im Mittelpunkt bet europäischen Wirtschaft gestanden hatte, mit bem Tobe seines Trägers verklungen ist, steht derjenige Alfred ßoetoen- steins. des belgischen Grohspekulanten, Finanzmannes und Barons wenigstens in unserem Erdteil im Vordergrund des Interesses aller Grchwirftchaftskreise. Straßenbahnen und Elek- trizitäts - Industrie, Währungsstabttisierung, Bankbranche unb, in ber letzten Zeit, bie Kunst- feiben-3nbuftrie waren bas Arbeitsfelb dieses genialen, großzügigen, aber mitunter auch leichtsinnigen Finanzmagnaten. Sein Sturz aus der Kabine eines der Flugzeuge, die er feit Jahren als fein einziges Beförderungsmittel selbst besah und betrieb, bedeutet zugleich einen Sturz wohl aller europäischen Börsen, ein Auffliegen hvchsliegender Fusionierungspläne und, darüber darf man sich auch nicht täuschen, den Wegfall der stärksten spekulativen Triebkraft für die europäisch« Finanzwelt.
Ob Loewenstein einem kaum erklärlichen Unfall zum Opfer gefallen, oder ob er — wahr
scheinlicher —• auf diese romantische Art unb Weise freiwillig aus dem Geben geschieden ist, wie z. B. der berühmte Erfinder des Diesel-Motors, der auf der Höhe feiner Erfolg« durch ein Kabinensenster während bet Lieberfahrt nach önglanb im Kanal verschwand, wird sich kaum mehr aufklären lassen. Es sei denn, baß ber Listen» unb Einfallsreiche irgendein« ganz großzügige Detektiv-Geschichte inszeniert unb gar nicht sein Leben eingebüht hätte, wofür freilich angesichts ber jetzt bekannten Umftänbc kaum irgendwelche Anzeichen sprechen.
Der Ausstieg dieses finanziellen Meteors ist ein sehr seltsamer gewesen. Sein Vater betrieb unter der Firma Dansaert & Löwenstein ein seit Generationen bestehendes mittelgroßes Bankgeschäft, das über Brüssel hinaus kaum Bedeutung besah. Aber schon mit 20 Jahren entfaltete der junge Löwenstein, der ttoh seines deutichen Ramens mehrere belgische Dor.ayren hatte, eine ebenso geniale wie verblüffende Aktivität auf eigene Faust. Er kaufte damals, vor noch nicht 20 Jahren, bie Aktien ber verschiedenen argentinis chen Straßen- bahngesellschasten, die von jehcr einen europäischen Dörsenmarkt in Brüssel hatten, in der Stille zusammen, bis er die Majoritäten besah, ging bann nach Südamerika, verschmolz die konkurrierenden Unternehmungen und rationalisierte ihren Betrieb (obwohl man damals diese Bezeichnung für eine zweckmähigere Betriebsführung noch nicht einmal kannte) und verdiente innerhalb 3ahresfrist eine oder mehrere Millionen.
Auf dieser Grundlage und nach diesem Stiftern hat er bann weitergearbeitet. Zunächst vorwiegend auf dem Gebiete der E1 ektrizi - täts-3nbustrie, wo er vor einigen 3ahren den genialen Plan einer Zusammenfassung aller europäischen Großkraftwerke und bie Vereinheitlichung des ganzen europäischen Sttomversor- gungsnehes, allerdings mit negativem Erfolg, zu verwirklichen suchte. Ein andermal machte er von sich reden, als er der ftanzösischen Regierung vor zwei 3ahr«n bie □Mittel anbot, um unter feiner Führung ben Franken z u stabilisieren. In bieser Zeit hatte er seinen Arbeitssitz zeitweilig in bas südfranzösische See* bab Biarritz verlegt, von wo aus vier eigene Flugzeuge mit luxuriösester Einrichtung, Schreibmaschinen, Radio usw. fein« Sekretäre und Vertrauensleute zwilchen allen Hauptstädten und dem baskischen Babeplay hin- unb hertrugen. 3m vorigen 3ahr erlitt er eine schwere finanzielle Niederlage, von der er sich aber durch ein planmäßiges Eindringen in die europäische Kunstseiden-Industrie zu erholen suchte; babei bemühte er sich, teilweise mit Erfolg, in beäug auf die Danque be Bruxelles aber vergeblich, feine geschworenen Gegner, die alten Großbanken Belgiens durch Majorisierung in ihren eigenen Unternehmungen auf bie Knie zu zwingen. Ob ein Zusammenbruch vor liegt ober wirklich ein tragischer Unfall, werden bie nächsten Tage zweifellos ergeben.
Eine Erklärung ber Löwenfleingruppe. Kein ttrund zur Beunruhigung.
London, 5.3uIL (WTD.) Heute nachmittag wurde von dem Deratungsausschuh ber International Holding anb Investment Co. unb der Hhdro Electric Securities Corporation, bereu Präsident Löwenstein war, folgendes Kom- munique veröffentlicht: Angesichts des bedauerlichen Todes Löwensteins siebt sich der Deratungsausschuh der beiden Gesellschaften zu bet Erklärung veranlaßt, bah die finanzielle Lage beider Gesellschaften gesund und der große Aktienbesitz des Verstorbenen nach unserem Wissen Nicht belastet ist. Es ist noch zu früh.


