Kr 155 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch, 4. Juli (928
Romane und Novellen.
— Rainer Maria Rilke: Erzähfun- Jen und Skizzen aus der Frühzeit.
Z2 Seiten 8° Insel-Derlag. Leipzig 1928. - Seit dem allzufrühen Tode des Dichters ist der Insel-Verlag emsig und mit schönem Erfolge bemüht, das Bild des Unvergeblicken in der reichen Hinterlassenschaft seine« Wertes würdig der Degenwort und der Rachwelt zu überliefern. Das Monument wächst nun von Jahr zu Jahr, Baustein fügt sich an Baustein, auf daß das Danze lückenlos und schlackenrein sich zur Emheit füge An die wundervolle Gesamtausgabe schloß sich als nächstes die Dorbereitung der Brief- Wechseledition, ferner das feinsinnige, verständnisvolle Reich der Lou Andreas-Salome über den toten Dichter, und jetzt liegt, in gleicher Ausstattung wie die sechs Bande der .Gesammelten Werke , gleichsam als Vorspiel und Auftakt diese Sammlung früher Erzählungen und Skizzen vor, von Herren die allerwenigsten auch nur dem Damen nach bekannt sein dürften. Es handelt sich zunächst um elf Erzählungen aus dem Jahre 1898 unter dem Sammeltitel .Am Leben hin", dann um die zwei Prager Geschichten .König Bohusch" und .Die Geschwister" von 1899, ferner um die Rovellenrcihe .Die Letzten", drei Erzählungen von 1902, denen sich zum Schluß die 13 .Kleinen Novellen" auS den Jahren 1896 bis 1903 an- schließcn, die versprengt in meist verschollenen Zeitschriften erschienen und hier zum erstemnal gesammelt und in den Rahmen des Gesamtwerles eingefügt sind. — Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, in allen diesen Prosastücken den späteren, vertrauten und unverwechselbaren Rilke, den man kennt und [lebt, wiederzufinden. Vieles ist uns sowohl stilistisch wie th«natisch schon zu distanziert, zeitlich sernaerückt und nur historisch zu erfassen. Unbestreitbar ist aber überall die Eigenart der Diktion und die ausgesprochen lyrische Grundhaltung aller dieser Novellen und Skizzen, die aber, wenn man das spätere und bekannte Werl überschaut, minder an die .Weise von Liebe und Tod" und die .Ersten Gedichte", als etwa an die .Aufzeichnungen des Malte Laurich Bringe" erinnern. Fast allen gemeinsam ist eine große Zartheit, eine Ruhe unb Anbewegtheit, die manchmal geradezu naturalistisch anmutet, die schwebende, gleitende Stimmung, die Emp- sindlichleit und Nervosität ihrer Gefühlslage, die leise Verträumtheit, Müdigkeit, Weltferne und Resignation. die von den merkwürdig undramatischen Dialogpartien ausgeht. .Man fühlt den Glanz von einer neuen Seite, auf der noch alles werden kann." And wer Rilke libt und in der runden Fülle seines Wesens vor sich haben möchte, der wird diese präludierende Sammlung frühester Prosa mit Freuden den sechs Bänden der Gesamtausgabe bÄgesellen und voranstellen.
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— FranzWerfel. Der Tod des Klein- b ü r g e r s. Novelle. 114 Seiten 8°. Paul Zsolnay, Verlag, Berlin, Wien, Leipzig. 1927. — Die wort- gewaltige, schauspielerisch-plastische Vorlesung dieser Novelle durch den Dichter (Im vorigen Winter hier in Gießen) wurde zu einem unvergeßlichen literarischen Erlebnis. Jetzt nun, beim eigenen stillen Lesen des schmalen Bandes, ist man alsbald, wie damals beim atemlosen Zuhören, betroffen und bezaubert von der magischen dichterischen Kraft und der unenb- sichen Menschlichkeit, die von der Erzählung aus- geht. Dieser Bericht vom Tode eines kleinen Bürgers und Subalternbeamtcn, wie es unzählige gibt, wird gleichermaßen zur Schilderung eines schlechthin einzigartigen psychologisch-klinischen „Falles" wie zur Verklärung eines ganz unbürgerlichen, heroischen Ringens mit den übermächtigen Gewalten des Todes. Man liest hier erschüttert, wie der arme, durch die Nachkriegszeit, durch Hunger, Elend und schwere Krankheit schon fast zermürbte wienerische Magazinverwalter Karl Fiala sein Sterben meistert, wie er gegen alle menschliche Voraussicht und medizinische Erwartung, körperlich fast schon völlig aufgelöst, die Stunde seines Hintritts hinausschiebt kraft seines übermenschlichen Willens — um zwei volle Tage nach der Vollendung seines 65. Lebensjahres, lind damit sind die Seinen, Frau, Sohn und Schwägerin, vor dem Aergsten bewahrt. Denn mit dem allerletzten kärglichen Rest seiner Barschaft hat Fiala eine Versicherung abgeschlossen, und die Police bestimmt in einer starren und unerbittlichen Klausel, daß erst nach der Vollendung dieses 65. Lebensjahres die Summe ausgezahlt wird. Stirbt er auch nur einen Tag vorher, so ist alles verfallen ... Die Novelle ist glänzend konzipiert, mit überlegener Meisterschaft aufgebaut, gegen Ende hin dramatisch und visionär gesteigert, und mit einer stilistischen Präzision und Rundung geschrieben, die nur wenigen unserer allerbesten erzählerischen Werke eigen ist. Dabei ist nichts Künstliches ober Erklügeltes in der Novelle, alles fügt sich mit einer bestechenden Klarheit, Selbstverständlichkeit unb inneren Notwendigkeit zueinander: menschliche unb bichterische Wirklichkeit sinb zu einer ungewöhnlichen, bewundernswerten Einheit verschmolzen. Wer dieses Buch las, braucht sonst von Werfel nichts zu kennen, um zu wissen, daß in ihm die reinsten dichterischen Kräfte am Werke sind ..., daß dieser Dichter zu den vornehmsten und wertvollsten Persönlichkeiten der im geistigen Deutschland der Gegenwart Schaffenden gehören muß. .306
— Albert H. Rausch:Ionathan. Novelle. Reclams Universal Bibliothek Nr. 6870. Geheftet 40 Pf., gebunden 80 Pf. — Die Novelle schildert die Freundschaftstragödie Davids und Jonathans unb zugleich die Königstragödie Sauls, des zwar Berufenen, indes nicht Auserwählten. Rauschs sprach, licye Meisterschaft zeigt sich in ihrer vollen Größe: glühend und bewegt strömen die Perioden hin. Psychologische Hellsicht erleuchtet das Geschehen, so daß die alttestamentarischen Vorgänge dem modernen Leser auf eine wundersame Weise nahegebracht werden. 300
— Erich Ebermaher. Anton in Amerika. Ein nach Reinhold Svlsier frei bearbeiteter Roman aus den amerikanischen Grüntarjahren. 313 Seiten 8°. 2. M. Spaeth, Verlag G. m. b. H., Berlin 1928. Geh. 4 Mk.. 2«tnen 6 Mk. — Reinhold Solger, eirrstmals Botschaftsrat an der preußischen Botschaft in Washington, ließ Anton Wohlfahrt, einen Sohn von Gustav Frehtags Breslauer Soll- und Habenfamilie, nach Amerika kommen und mannigfache Schicksale dort erleben. Besonders reizvoll ist wie Antonio in die Neue Welt imb in
Für den Büchertisch.
Wirtschaft und Recht.
— Friedrich Stein, die Zivilprozeßordnung für daS Deutsche Reich. Kommentar, 14. neubearbeitete Auflage von Dr. Martin Jonas, Ministerialrat im Reichsjusliz- miniftcrium, Verlag von I. E. D. Mohr in Tübingen 1928, 1. und 2. Lieferung, je XX und 320 Seiten, Subskriptionspreis 60 Pfennig für den Druckbogen. — Steins Kommentar zur Z.P.O. hat sich in den letzten Jahrzehnten unter den gleichgearteten Werken den ersten Platz zu sichern verstanden. Früher wetteiferte mit ihm besonders der Kommentar von Seuffert. der aber 1910/11 seine letzte Auflage erlebt hat. Steins Merk konnte sich in die neue Zeit hinüberretten unb wird uns jetzt, nachdem er erst 1925/26 in 12 13 Auftage erschienen ist. wieder in neuer Bearbeitung vorgelegt. Daß der Faden mit StcinL Tod im Jahre 1923 nicht abgerissen ist. verdanken wir dem Schüler Steins. Ministerialrat Jonas, der sich der mühseligen Ausgabe unterzogen hat, die durch den Fortschritt der Gesetzgebung, der Rechtsprechung und der wiffenschaftlichen Arbeit notwendig gewordenen Ergänzungen und Neubearbeitungen vorzunehmen. Auch seit der letzten Auflage war in dieser Beziehung viel zu tun. Vor allem war das Arbeitsgerichtsgesetz, das am 1. Juli vorigen Jahres in Kraft getreten ist. einzu- arbeiten. Daß der Kommentar ganz allgemein den organischen Zusammetrschluß der Erläuterungen zur Z.P.O. und zum AD.G. anstrebt, ist besonders wichtig für die weiten Kreise, die gerade mit der Arbeitsgerichtsbarkeit zu tim haben. Denn die Konrmentare zum AG.G. müßten sich bei der weitgehenden Bezugnahme dieses Gesetzes auf die Begriffe und Bestimmungen der Z.P.O. (s. §§ 46 H. 64 11, 7211 A.G.G.) selbst zu Kommentaren zur -ZP.O. erweitern. wollten sie eine Beantwortung aller der Fragen, die das Recht der Arbeitsgerichtsbarlei t stellt, gewährleisten. Der Steinsche Kommentar verdankt seine Beliebtheit nicht nur der Praktikabilität und der relativen Vollständigkeit des bearbeiteten Fragenmaterials, sondern auch dem Amstand. daß er im Gegensatz zu vielen andern kommentatvrischen Leistungen nie das Jntereffe einer vernünftig gegliederten, auch didaktisch brauchbaren und im Stil gefälligen Darstellung aus dem Auge verloren hat. So kann er auch für viele Kapitel zum Studium dienen und ist nicht nur ein Nachschlagewerk, zu dem man greift, wenn man emc einzelne
Frage beantwortet wissen will. Der Kommentar soll in 8 monatlichen Lieserungen erscheinen und im Januar 1929 vollständig abgescvlossen sein Die ersten Lieferungen behandeln die beiden ersten Abschnitte des ersten Buches: „Gerichte" und .Parteien" und einen Teil deS dritten Abschnitts, der die allgemeinen Derfahrenstastim- mungen enthält. 296
— D r. Fritz van ©alter: Wesen und Sinn der politischen Parteien. (Recht und Staat 58.) 1.80 Mk. — Die Abhandlung will methodische Klärung in jenem Komplex praktischer und theoretischer Fragen bringen, die sich um die bedeutungsvolle Existenz politischer Massenorganisationen immer wieder zeigen. Hierbei werden in der Aufhellung der organischen Berufung des Parteiwesens die verschiedenen Parteiziele als Ausdrucksformen der gegensätzlichen. aber doch durch das staatliche Gemeinschaftsinteresse zusammenfließenden Daseinsaufgaben der Staatsbürger ertoiefen. Wesen und Sinn der Parteien liegen in der Beziehung zur Rechtsordnung, der die Parteien als Organe der Rechtsgestaltung dienen. Nlethvdisch und sachlich aufgebaut ist die Abhandlung aus der von van ©aller vertretenen vitalistischen Staats- unt> Rechts lehre, sie bedeutet sohin eine Anwendung und Ausdehnung der vom Verfasser in seiner „Einführung in die Politik' (1927) gegebenen Erkenntnisse über die funktionelle Abhängigkeit von Recht und Politik auf das Parteiwesen. (Verlag I. E. D. Mohr in Tübingen.)
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— Die Entwicklung der Grundprobleme der volkswirtschaftlichen Theorie. Von Professor Dr. Wolfgang Heller. 3. verbesserte Auslage. Gebunden 1,80 Mk. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. Die volkswirtschaftlichen Bändchen der Sammlung Wissenschaft und Bildung erfreuen sich in den Kreisen der Studierenden ganz besonderer Beliebtheit, weil sie knapp und übersichtlich den Stoff in einer zur ersten Einführung wie zur Repetition gleich ge° eigneten Weise darstellen. So wird auch von dem vorliegenden Bändchen bereits die 3. Auslage lieferbar. Sehr zu begrüßen ist. daß Verfasser in der neuen Auflage auch das Krisen- und Konjunkturproblem und die Probleme des Außenhandels in den Kreis seiner Betrachtungen zieht und damit auch die Fragenkomplexe zur Diskussion stellt, auf deren Erörterung und Beherrschung in jüngster Zeit steigender Wert gelegt wird. 117
Politik und
— PaulWiegler: Wilhelm der Erste, sein Leben und seine Zeit (mit 32 Bildert; in Tiefdruck, Glanzleinen Mk. 15.00. Ava- lun-Verlag. Hellerau bei Dresden.) Paul Wieg- ler mag sich bei seinem Kollegen Emil Ludwig bedanken, wenn man sein neuestes Werk nur mit aus Furcht und Mißtrauen gemischten Gefühlen in die Hand nimmt, um es dann allerdings. daS sei gleich hinzugefügt, nach tagelangem, emsigem Studium tiefergriffen wieder sortzu« legen. Mit einer peinlichen Zurückhaltung eigenen ilrtcild, die haarscharf die Grenze ta£ künstlerisch Nlöglichen streift, stellt Parll Wiegler — man kann es kaum anders nennen -- unter minutiös genauen Benutzung eines riesenhaften Quellenmaterials, eben dieses Material zu einem großartigen Bild des 19. Jahrhunderts in Preußen-Deutschland und die in ihrer Schlichtheit so edle Gestalt des Alten Kaisers zusammen. Das Unternehmen ist dem Verfasser nicht durchweg gleich gut gelungen, im letzten Teil des umfangreichen Werkes erinnert die Art Wieglers an die chronologische Aufzählung eines historischen Mmanachs oder eines Tageskalenders, der Wichtiges mit Unwichtigem wahllos mischt. Es werden auch Dinge in epischer Breite behandelt, die nur peripher zum Thema gehören, so weit dieses selbst auch vom Autor gespannt sein mag. Besonders dankenswert empfand der Referent dagegen die ausführliche Schilderung der Jugendzeit des Prinzen Wilhelm, der Reaktions- und Revolutionsjahre bis sur Thronbesteigung Wilhelms. Gerade diese Bildungs- und Entwicklungsjahre eröffnen reiche Ausblicke zum Verständnis des Men schein und noch mehr des Staatsmannes hn Lllten Kaiser in der zweiten Epoche eigener Regierung. Man möchte glauben, dieses Buch eines Literaten könnte auch den züns- tigen Historiker befriedigen ob seiner gewollten Sachlichkeit, die doch nicht immer die wärmende Anteilnahme des Autors an der Gestalt seines Helden vermiffen läßt, dieses reinen, ehrlich wollenden Charakters eines wahrhaften ©talman- nes vom Scheitel bis zur Sohle. Der Avalun-
Geschichte.
Verlag hat auch dieses Werk in drucktechnisch (von einigen unliebsamen Druckfehlem abgesehen) auÄgcxeidjneter Ausstattung mit einer Fülle wertvoller und zum großen Teil im allgemeinen gewiß unbekannter Bilder nach zeit- genöffischen Vorlagen herausgebracht. 59
— Bismarck, Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Herman Gramer. Zweite Abteilung: Politische Reden. Zwei Bände. Ganzleinen 12 Mark Verlag der I. G. Eottaschen Buchhandlung Nachfolger. Stuttgart und Berlin.
Bismarck, der Redner! Die ganze, unmittelbare Wirkung, die von diesem gewaltigen Manne als Redner ausstromte. können natürlich nur diejenigen nachempfinden, die ihn noch selbst gehört haben. Aber auch der, welcher die Reden nachliest, wird immer wieder erstaunt fein über die noch unmittelbare suggestive Macht, die von ihnen ausgeht: er wird gepackt und aufgerüttelt werden von der Wucht dieser Worte, wird im Geiste die mächtige Gestalt vor sich sehen und die Stimme zu hören glauben. Denn die Dis- marckschen Reden sind nicht sorgsam geformt und peinlich ausyearbeitet, sondern geboren aus der Rotwendigkett des Augenblicks: jeder Satz ist im wahrsten Sinne gesprochene Rede. Das gewaltigste aber ist die knorrige Ehrlichkeit, das zielbewußte Pflichtgefühl, die temperamentvolle Begeisterungsfäh igkeit, die mitreißende und oft auch vernichtende Elementarkraft dieser Kämpferuatur, die sich in den Reden noch mehr als in den „Gedanken und Erinnerungen" widerspiegelt. Daneben bestrickt in gleicher Weise Bismarcks geistreiche, schlagfertige Dialektik. Die vorliegende Auswahl von 94 Reden bietet einen Schatz, der bisher nur für wissenschaftlich interessierte Historiker unb Politiker in der kaum Übersehbaren Stoffülle der Gesamtausgaben auffindbar war. Als Abschluß der Auswahlausgabe werden binnen Jahresfrist zwei Bände „Briefe" folgen, welche die Gestalt Bismarcks auch nach der Seite des rein Menschlichen noch stärker hervortreten lassen sollen. (286)
neue Verhältnisse kommt, vom ..Geist des Dollars" erfaßt, selbst Geschäfte machen will, und wie er, der romantische, eheliche blonde Junge, doch nicht skrupellos genug ist, um ein „Vankee" zu sein, dann Vorlesungen hält, eine große Liebe erlebt und schließlich eines Mordes unschuldig angeklagt wird. Ebermaher ^vertiefte in diesem Buch den Gegensatz zwischen smartem Pankeetum und deutscher Gründlichkeit zu einer Art amerikanischer Buddenbrooks. 198
— Axel Lübbe: Der Verwandlungs- künstler. I. Engelhorns Nachf., Stuttgart 1928. (In der Sammlung „Lebendige Welt", heraus- gegeben von Frank Thieß.) Kartoniert 3 Mk.. Semen 4 Mk.. Halbleder 6 Wk. — Die Hauptnummer einer italienischen Wandertruppe ist der junge Giovanni Schicchi. Vermöge besonderer schauspielerischen Geschicklichkeit und seltsamer seelischen Einfühlungsgabe kann er sich in beliebige menschliche Gestalten verwandeln. Der Zuschauer Simone Donati kommt beim Anblick Giovannis auf eine unheimliche Idee. Simones todkranker Bruder hat sein ganzes Vermögen der Kirche vermacht. Wie. wenn der Derwandlungs- künstler sich nach dem vorerst geheim zu haltenden Tod des Bruders in dessen Sterbebett legte und den Tod noch einmal vor Zeugen spielte? Dann
tonnte er das Testament zu Gunsten Simones änbem! Es gelingt Simone, den harmlosen und verliebten Giovanni für seinen teuflischen Plan zu getoinnen. Alnö damit sind die Würfel gefallen. Unaufbaltfam, Schritt für Schritt, immer unheimlicher und atembellemmender entwickelt sich nun die Handlung, deren großartiger dramatischer Aufbau dies Buch als das geschlossenste Kunstwerk erscheinen läßt, das dem Dichter des „Kains- gruni>“ bisher gelang. 238
— Hellmuth älnger: Passagiere. In Ganzleinen gebunden 4 Mk. Verlag Philipp Rec- lam jun., Leipzig. — Ein seltsames und eigenartiges Buch, taffen Handlung ihre seelischen Impulse von abenteuerlichen Erlebnissen einer Schiffreise durch den Westindischen Archipel empfängt. Die Geschichte zweier Liebenden ftebt in geheimnisvoller Beziehung zu einer Schifftata- strophe. die mit dramatischer Wucht vor uns ab rollt. In tat Schilderung einer Sturmkatastrophe erreicht der Roman seinen Höhepunkt. Menschen in Seenot, maskenlos grausam und brutal, kämpfen um ihr armseliges Leben, einer des anderen Feind, um sich nach der Rettung wieder in die Formen der Gesellschaftsordnung einzuveihen. 189
Ausländische Literatur.
— Samuel Butler: Jenseits der Berge, ober merkwürdige Reise in- Land Aipotu. Phttdon-Verlag. Wien 1928. 338 S. geb.
Wenn man die Flut der Liebersetzungen auS englischem und amerikanischem Sprachgeaiet überschaut. mit denen daS deutsche Publikum heutzutage beglückt wird, so tragt man sich oft verwundert. welche Gründe die unternehmu.igSlusti- gen Verlage wohl bestimmt haben mögen, die Auswahl ihrer zum Teil recht mittelmäßigen Durchschnittsware zu treffen. Um so größer darf die 'Befriedigung sein, wenn man von der Liebertragung von Büchern berichten kann, denen Ihr innerer Wert bleibende Bedeutung für Gegenwart und Zukunft sichert. Ein solches Mntcmeb- men liegt hier vor: der Phaidon-Verlag bat eS ffch zur Ausgabe gestellt, der deutschsprachigen Lesewelt die Werke Samuel DutlerS (1835 bis 1902) zu vermitteln, den Shaw selbst als einen seiner Lehrmeister bezeichnet hat unb dessen Einwirkung besontars in „Mensch und Liebermensch", vor allem aber in „Zurück zu Methusalem", handgreislich ist. Samuel Butler, englischer Psar- rerssohn. australischer Auswanderer. Privat- gelehrter unb Schriftsteller, hat er sich zur Aufgabe gestellt, die Darwinsche Entwicklungslchre »ns Geistige umzubiegen, indem er an Stells der durch einen materiellen Daseinskampf bedingten Evolution die Theorie der selbstgewollten Weiterbildung des Individuums unb tar Gattung setzte. Lange war er unbekannt geblieben, bis Dernard Shaw in ihm einen der Schrittmacher tar neuen Zeit erkannte, unb bis daS seinem Geiste verschwisterte Wort von tar „schöpferischen Entwicklung" von Frankreich her sich verbreitete. Butlers wesentlichstes Gedankengut liegt schon in seinem ersten Roman ..Erewhon" (1872; llm- kehruna vom engt „nowhere" = „nirgends") beschlossen, einer satirischen Utopie, die von einem Jnselvolle handelt, das alle Maschinen abgeschafft hat, damit sie nicht übermächtig werden, das in seinen Schulen die ilnoeraunft statt der Vernunft lehrt und das Krankheit als Verbrechen bestraft. Es ist eine Freude, die Merkwürdigkeiten dieses Landes, bas der deutsche Liebersetzer geschickt „titupo“ (— „Utopia") genannt hat. in oiefer sorgfältigen Uebcrtragung kennenzulcrnen. Möge der Erfolg dieses ersten Dutlerschen Werkes in deutscher Sprache den Verlag in den Stand setzen, sein verdienstliches Unternehmen durch weitere Uebertragungen. vor allem des wichtigen. autobiographischen Erziehungsromans „Der Weg allen Fleisches" (1903) und das philosophischen Hauptwerkes „Leben und Gewohnheit" (1877), auszubauen und glücklich zu vollenden. 319 W. Fischer.
— Verner von Heiden st am, Lt. Georg und der Drache und anderes. Preis geheftet 3 Mk., Verlag von Albert Langen in München. — Mit seiner etalgewahlten Sprache voll kraftvibrierender Zurückhaltung erzählt hier Verner von Heitanstamm von einem Bildhauer des Mittelalters, tar für die Stadtkirche Stockholms den Ritter Sankt Georg schuf: einen herben Charakterkopf, einen Verächter der Fleischeslust und aller Unlauterkeit, der doch unterlag dem Eltachslein Liebe, das sich zum Drachen auS- wuchs und ihm Ehre unb Leben verschlang. — Gr erzählt von zwei seltsamen Brüdern, von einer Bvautfahrt und von köstlicher Drudertreue. dis den Sieg errang über daS Ungetüm Verrat, das sich heranzuschlängeln versuchte; von einem Seher erzählt er in klassisch-adligen, Iraum- schonen Brltarn, der zu schwach war, zwei Herren zu dienen, der Liebe und der Kunst, unb den oer erzürnte Apoll mit seinem Pfeil erlegte. Unter den Händen Heidenstams wird alles zum Gleichnis. Da gibt es nichts Zufälliges, nichts, was nicht wie von Ewigkeiten her beschlossen erschiene. Aus den entgötterten Gestalten des Tages steigen bei ihm die nächtlichen Schatten, entwachsen ihnen zu überirdischer Größe unb rühren an die Sterne. 223
Kunstbücher.
— Albrecht Dürer: Des Meisters Leben und Wirken unb seine Zeit. Don A. Buckreis. Mit 42 Abbildungen Preis geheftet 3,50 Mk. in Ganzleinen 4,80 Wk. Knorr & Hirth G.m.b.H., Buch- unb Kunstverlag, München. — Immer mehr Deutsche zu Dürer hinzuführen unb damit zugleich zu tau reinften Quellen deutscher Kunst unb deutschen Wesens, soll im Dürerjahr der schönste Dank an den Meister sein. Durer gewinnen heißt aber auch das Wesen seiner <jett erfassen und die heute noch nachwirkentan Ereignisse jener bedeutsamen Weltepoche. Richt ohne sichere Führung ist das möglich. Duckreis gibt hier eine Gegenüberstellung von Dürers Leben unb den Ereignissen bet Zeit: Die link« Seite bringt bie Daten aus des Meisters Leben unb Schaffen, die rechte Seite die gleichzeitigen Weltereignisse aus Kultur und Politik. Rach diesem ersten, „Zeitbild" benannten Abschnitt, folgt in ähnlicher unb übersichtlicher Anordnung ..Dürers Leben unb Wirken". Hier kommt vor allem Dürer selbst zu Wort durch Auszüge aus seiner Familienchronik, seinen Briefen, feinem Tagebuch der niederländischen Reise. Klar und einfach ersteht auf diese Weise tar Künstler unb tar Men'ch Albrecht Dürer. DaS Werk tritt uns zugleich leibhaft vor Augen burch die 42 eingeschalteten ganzseitigen Tafeln. Die Abschnitte .Kultur des XV. unb Kultur de« XVI. Jahrhunderts" beschließen das aufgerollte Gesamtbild von Dürers Leben unb Schaffen und seiner Zeit. So gibt das Buch bei aller Klarheit unb Hebersicht keine karge Aufzählung, fonbern aus Tatsachen unb Begebenheiten ist ein lebendiges Bilb gestaltet, glücklich ergänzt durch bie Wiedergegetanen Werke. 221
— Romain Ro lland. Michelangelo, Deutsch von Dr. S. D. Steinberg. Neuauflage in neuer Ausstattung. Mit 16 neuen Bildwiedergaben. Dallonleinen 7,20 Mk. (Rotavfel-Der- lag, Zürich.) — Die Michelangelo-Biographie Romain-Rollands gilt dem Menschen und tarn Künstler. Historisch genau, doch nicht wissenschaftlich trocken, läßt Rolland das ßeben seines Helden an uns vorüberziehen; ein Leben tn stetem Kampf mit den ihm innewohnenden schöpferischen Kräften, tanen es nickt Genüge leisten kann und mit der Umwelt, von der es nicht verstanden


