nennen und ihm damit die höchste Auszeichnung zu erteilten, die die Gesamtuniversität zu bergeben habe. Möchte der unermüd.iche und verdienstvolle Vorsitzende noch lange mit gleicher Kraft und Hingabe wie bisher die Gießener Hochschulgesellschast leiten!
Vach herzlichen Dankesworten des Provinzial- direktors Graes, denen er die Versicherung an- schloß, daß die Gießener Hochschulgesellschast auch in Zukunft nicht ermüden werde in der Förderung der Landesuniversität, wurde die denkwürdige Hauptversammlung geschlossen.
Sie Festsitzung
in der Reuen Aula vereinigte ein zahlreiches Publikum, dem der Vorsitzende Provinzialdirektor Graes zunächst mitteilte, daß die Mitglieder der hessischen Regierung zu ihrem Bedauern am Erscheinen verhindert seien, ihre Glückwünsche der Gesellschaft aber schriftlich übermittelt hätten. Auch vor diesem größeren Kreise von Freunden der Gießener Universität sprach Provinzialdirektor G r a e f die dringende Bitte aus, allezeit eifrig zu werben für den Beitritt zur Gießener Hochschulgesellschaft, um dadurch die Förderung unserer Landesuniversi- lät noch stärker als bisher gestalten zu können.
Hierauf sprach Generalmaior a. D. Professor Dr. Haushofer (München) über das Thema „Das Ringen ozeanischer und kontinentaler Mächte in Ehina". Der Vortragende übermittelte zunächst die Glückwünsche der beiden Münchener Hochschulen und der Deutschen Akademie, anschließend daran wandte er sich in tiefgründiger und außerordentlich fesselnder Weise der Behandlung seines Themas zu. Er gab seinen zahlreichen Zuhörern ein ganz neuartiges Bild von ben außerordentlich starken Kräften, die im chinesischen Volkstum, wie überhaupt in den Bewohnern Ostasiens schlummern, und deren Lebendigwerden seine Wirkung auch bis über Europa hinweg ausüben wird. In eindrucksvoller Weise schilderte der Redner den wunderbaren Ausstieg der Japaner zur Vormachtstellung In Ostasien, dem eine Parallele in Ehina als durchaus möglich, ja wohl als sicher zur Seite gestellt werden kann, denn in beiden Völkern ist der Drang zum Meere und ein seiner Werte vollbewußtes Volksbewuhtsein erstaunlich tief verankert. Daß auch die geistige Welt Europas und insbesondere die geistig führenden Schichten Deutschlands aus dieser Entwicklung in Ost asten Lehren zu ziehen haben, kann man nach den Überzeugenden Ausführungen des Vortragenden als absolute Gewißheit ansehen. Der etwa zweistündige Vortrag, der in seinem zweiten Teile durch zahlreiche gute Lichtbilder das gesprochene Wort illustrierte, fand den starken Beifall der bis zum Schlüsse gespannt lauschenden Zuhörer.
Ein geselliger Abend
in den Räumen des Gesellschaftsvereins hielt die Teilnehmer nach gemeinsamer Tafel noch einige Stunden in schönster Harmonie beisammen. Bei Tisch entbot Provinzialdirektor G r a e f den Ehrengästen des Abends, Ministerialdirektor Urft q b t als Vertreter ber Regierung, Bürgermeister Dr. Frey als Vertreter bet Stabt, und dem Festredner Prof. Dr. Haushofer den Gruß bet Hochschulgesellschaft. Generalmajor a. D. Dr. Be th ke - Gießen feierte bie Damen unb bat auch sie um ihr reges Interesse für die Bestrebungen der Hochschulgesellschast. Generalmajor a. D. Dr. Haushofer bankte im Hamen ber Gäste und schloß seine launige Ansprache mit einem Hoch auf bie Hessische Landes- Univessität.
Jahresversammlung des Llniversitätsbundes Marburg.
][ Marburg. 1. Juli. Am Samstag und Sonntag hielt ber Un i ver f it ä t Sb u n b Marburg unter bem Vorsitz von Geh.-Rat Dr. h. c. Haeuser - Höchst a. M. seine Iahres- versammlung ab. Rachdem eine Vorstands- und VerwaltungsratSsihung mit internen Beratungen vorausgegangen, trat am Samstagnachmittag im Landgrafenhaus die Hauptversammlung zusammen. Geh.-Rat Haeuser wies in seinen De- grüßungsworten Darauf hin, bah sich bet Bund im letzten Iahre gut entwickelt habe. Aus dem
Möwe im Sturm.
Zfioman von Sophie Kloerh.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Nie hat uns bie Sehnsucht noch dem Süden Glück gebracht. Nie war Italien zuverlässig und treu als Freund und Bundesgenosse — und trotzdem--
Seit die Grenze wieder überschritten werden darf, pilgern aufs neue die törichten Nordländer hinunter nach Rom und Neapel, als hinge ihr Seelenheil dw von ab. Wir sind das Volk, das nie klug wird."
„Sie und ich — wir fahren auch hinein in dieses Land."
„Was Sie herführt, gnädiges Fräulein, weiß ich nicht. Sie werden schwerwiegende Gründe haben, da Sic in tiefer Trauer reisen. Ich — ich bin her- geschickt von einem Münchner Blatt, Zeichnungen zu einem Roman anzufertigen, der in der alten Lagunenstadt spielt."
„Maler sind Sie?"
„Nur Illustrator. Ich bin der dritte Sohn einer alten Hamburger Kaufmannsfamilie. Der erste wurde allemal Nachfolger des Vaters im Geschäft. Der zweite studierte Rechtswissenschaft, konnte, wenn er Verstand und Glück hatte, Senator werden. Gnä- diges Fräulein wißen wahrscheinlich gar nicht, was ein Hamburger Senator ist?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Ia, und doch sind diese Herren von höchster Würde, und aus ihrer Mitte wählte man seit alten Zeiten den Bürgermeister, deren Erster Fürstenrang hatte. Tempi passati. — Run, und der dritte Sohn wurde, wenn er nicht durchaus Kaufmann fein wollte, Offizier. Als ich in Frage kam, meine Zukunft zu entscheiden, schrieben wir das Iahr sied- zehn. Ich war achtzehn Iahre all, und es gab für mich nur den einen Weg. Ich ging ihn ganz selbst verständlich, trat bei den Jägern ein unb kam nach Frankreich. — Er deutete auf die rechte Schulter. „Im letzten Sommer erwischte mich ein Lungen schuß, davon trage ich noch in der hängenden Schul- ter eine Erinnerung.
Er brach ab. Was brauchte er der Fremden da- von zu reden. Es war wohl auch nur der Wunsch, sie zu entgegnender Offenheit zu veranlassen, der ihn aus sich herausgehen liefe. Aber sic verstand das nicht ober wollte cs nicht verstehen.
von Geh.-Rat Prof. Dr. Troeltsch erstatteten Jahresbericht ist hervorzuheben, bah sich ber Bunb in ben letzten Iahren hauptsächlich mit ber Sammlung der zum Bau des I u b i l ä u ms- inst i t u t s benötigten Summe beschäftigte unb sich nunmehr mit voller Kratt anderen Aufgaben zuwenben kann. Der Mitglieder st and beträgt gegenwärtig 3099 in 23 Ortsgruppen, darunter Marburg mit 386. unb Kassel mit 310 Mitgliedern. 11. a. würben im letzten Iahre in Biebenkopf unb Frankenberg Ortsgruppen gegründet. Der Kassenbericht des Schatzmeisters Dr. Pfeiffer- Kassel ergab ein gün- sttges Bild. Letzterer gab ferner noch bie Bewilligungen des Verwaltungsrates bekannt, darunter 10 000 Mk. zum weiteren Ausbau des Kunstinstituts. und eine ganze Reihe wissenschaftlicher Beihilfen. Die sayungsgemäß ausdemDer- waltungsrat ausgeschiedenen Mitglieder wurden wiedergewählt. Abends fand im großen Stabt» saal «in gut besuchtes Konzert statt. Die Festversammlung am Sonntagvormittag in ber Universitätsaula trug zum erstenmal den Charakter eines feierlichen akademischen Aktes. Rach einleitendem Mu-sikstück des Collegiums musicum begrüßte Geh.-Rat Haeuser die Versammlung unb führte aus. bah bi« offiziell« Teilnahme ber Studentenschaft bas Zusammengehörigkeitsgefühl von Studentenschaft unb Universitätsbund bekräftige. Der Rektor ber Universität, Prof. Freiherr v. Soden, überreichte Geh.-Rat H a e u s e r - Höchst. Dr. Pfeiffer-Kasser unb Sanitätsrat Sardemann- Marburg in Anerkennung ihrer Verbienste um die Universität und den Bund eine neugeschaffene Plakette mit dem Bildnis Landgraf Philipps am Band des alten hessischen Ordens. Weiter wurden Prof. Huhn unb Dr. Mengel von ben Höchster Farbwerken zu Ehrensenatoren ernannt. Dr. P f e i f f e r - Kassel erhielt ferner von ber philosophischen Fakultät bas Diplom eines Doktors ber Philosophie. Anschließend fanden zwei wissenschaftliche Vorttäge statt. Prof. Fr ied lande r-Marburg sprach über „Die Entdeckung der Erde durch die Griechen" unb Direktor Dr. Steindorf- Höchst über „Moderne Schädlingsbekämpfung in ihrer Bedeutung für die Landwirtschaft". Mit einem gemeinsamen Festessen fand die Tagung ihren Abschluß.
Aus der pwvinzialhauptstadi.
Gießen, den 3. Iuli 1928.
Oer nasse Tod.
Kaum hat die Badezeit eingesetzt, so muh man auch schon in erschreckender Häufung aus zahlreichen Orten von Todesfällen beim Baden hören. Man sollte doch meinen, baß die Aufklärungsarbeit von Schwimmverbänden und Gesellschaften, von Schule unb Haus, endlich die selbsterlebten Erfahrungen Über das gesunde Baden und Schwimmen derartige Unglücksfälle auf ein Mindestmaß herabgesetzt hätten. Dah trotzdem, besonders bei jungen Leuten und Jugendlichen, das Spiel in den Wellen zu einem tödlichen wird, beruht nicht selten auf Leichtsinn unb Ueberanstrenguna. ber der Körper nicht gewachsen ist. Ein .großer Teil der Todesfälle im Wasser läßt sich auf übersteigerte Leistungen zurückführen, denen das Herz nicht mehr gehorcht. Plötzlich seht der Herzschlag auS. der Körper geht unter und der Unglückliche ist eine Deute des nassen Todes. Man vergißt allzusehr, daß der Aufenthalt im Wasser an sich schon einen gewissen Kräfteverbrauch beansprucht. Ebenso oft geht der Badende erhitzt ins Wasser, ohne sich abgekühlt zu haben. Verhältnismäßig selten rafft der Tob einen Schwimmer dadurch hinweg, daß plötzlich der gefürchtete Krampf die Glieder befällt. Dagegen muß man wieder häufig feststellen, daß manche Erttunkene sich an gefährliche Stellen wagten, zumal sie vielleicht des Schwimmens gar nicht kundig waren.
Wieviele junge Menschenleben rafft alljährlich so ber Tod hinweg! Freudig unb nach Erquickung sich sehnend eilen sie an bi« Ufer der kühlen Gewässer, um dem Körper Labung unb Kräftigung zuzuführen — und am Abend trug man ihr« toten Körper ins Haus der entsetzten
Eltern. Und wie oft hat der nasse Tod nicht einmal diese Gunst gewährt, wenn des Ertrunkenen Körper fortgeschw^mmt — und dann erst nach Tagen und Wochen irgendwo aufgefunden wurde! Sollte es nicht doch möglich sein, es in alle, die es angeht, tief einzuvrägen, daß gerade im Wasser prahlendes Kraftbewuhtsein leicht in lähmenden Tod verwandelt werden kann, daß auch hierfür gewisse unübersehbare Regeln gelten? Die Meldungen von den zahlreichen Unglücksfällen reden eine mahnende unb erschütternde Sprach« und machen, umflutet vom sommerlichen Leben, bas alte Wort wahr, das da heißt: „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen."
Jahresfeier der Universität.
Die gestrige Iahresfeier der Landesuniversität nahm den gewohnten feierlichen Verlauf und hinter liefe dadurch wiederum bei den Teilnehmern einen starken Eindruck. Eine besondere Rote erhielt die gestrige Feier durch die Beteiligung des hessischen Staatspräsidenten Adelung unb Sr. Magnifizenz des Rektors der Technischen Hochschule Darmstadt Prof. Dr. Kammer, denen Se. Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität Prof. Dr. R o se n be r g am Beginn seiner Festrede ben besonberen Gruß ber Alma mater Ludoviciana entbot. Als Thema für seinen Festvortrag hatte Se. Magnifizenz der Rektor Prof. Dr. Rosenberg aus seinem Fachgebiet eine Betrachtung über „Die Gründe der Rochtsbildung "gewählt. Bei der Bekanntgabe der Chronik teilte Se. Magnifizenz u. a. die gestern schon mitgeteilte Ernennung des Ministerialrats Dr. h. c. ß 6 b I e i n (Darmstadt) zum Ehrensenator der Hessischen Landesuniversität Gießen mit. Aus technischen Gründen mußten wir ben eingehenderen Bericht über ben Festverlauf bis zur morgigen Ausgabe zurückstellen.
D. O. A.-Tagung in Bad Aauheini.
Unter Leitung von Staatsrat Block, Darmstadt, fand am Sonntag tn Bad-Rauheim ein« wichtige Besprechung der Landesverbände Hessen-Darmstadt, Hessen-Rassau, Sachsen, Thüringen, Rheinland, Württemberg, Baden und Oesterreich des Vereins für das Deutschtum im Ausland« (VDA.) statt, der von ber Hauptleitung in Berlin ber geschäftsführend« Vor» sitzende, Admiral a. D. S « e b o h m, und ber Leiter der Iugendaruppen, Dtudienrat Rumpf, beiwohnten. Einführende Referate hielten Ober« stubiendirektor Dr. Küster, Kassel, Direktor Dr. T r« u t und ber Vorsitzende des österreichischen Landesverbandes Harth, Wien. Längere Ausführungen, die für die erfolgreiche Weiterarbeit richtunggebend sind, machten u. o. Reichsminister a. D. Dr. Külz, Dresden, ber Reichskommissar ber Pressa, Stirdienrat König, Gießen und Studienrat D u r a ch, Dresben.
Daten für Mittwoch, 4. Juli
Sonnenaufgang 3.50 Ufer, Sonnenuntergang 20.18 Uhr. — Mondaufgang 21.47 Ufer, Monduntergang 4.34 Ufer.
1715: der Dichter Christian Fürchtegott Gellert in Hainichen geboren; — 1776: Unabhängigkeitserklärung Nordamerikas, — 1807: der italienische Nationalheld Giuseppe Garibaldi in Nizza geboren; — 1826: der amerikanische Staatsmann Thomas Iefferson in Montecollo gestorben; — 1844: der Kunsthistoriker Karl ®oermann in Hamburg ge boren; — 1851: der Geograph Joseph Partsch in Schreiberhau geboren; — 1868: ber Schriftsteller Rudolf Presber in Frankfurt a.M. geboren; — 1888: der Dichter Theodor Storm in Hademarschen gestorben: — 1910: ber Astronom Giovanni Schiapa- relli in Mailand gestorben; — 1920: ber Bildhauer und Maler Max Klinger in Grofejena gestorben.
Bornotizen.
— Tageskalender für Dienstag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Faschingskönig". 22.30 Uhr Nachtvorstellung: „Das erwachende Geschlecht". — Astona-Lichtspiele: „Kleinstadtsünder".
— Volkskonzert der Volkshochschule. Die Volkshochschule bittet uns, nochmals auf das morgige Volkskonzert hinzuweisen. Näheres siehe heutige Anzeige.
** Straßensperrungen. Dom Ober hessischen Automobil-Club E. V. (A. v. D.), Gießen,
werden uns folgende Straßensperrungen nritge- teilt: Alsfeld — Eifa im Zuge ber Straße Alsfeld—Hcrsfcld für alle Fahrzeuge bis auf werteres. Umleitung über Berfa—Elpenrod; Gießen — Krofdorf im Zuge der Straße Gießen—Krofdorf bis auf weiteres für alle Faßw- zeugc, Umleitung über Abendstem; Wetzlar — Ra uborn im Zuge der 5träfe« Wetzlar— Schwalbach—Riederquembach für alle Fahrzeuge bis 15. Iuli, Umleitung über Steindorf—Oberndorf ; Wetter-Münchhausen im Zuge der Strecke Marburg—Frankcnberg für alle Fahrzeuge bis 25. Iuli, Umleitung über Grvßfelden— Wetter; 113 bis 12 Kilometer in der Gemarkung Mühlbach im Zuge der Straße Limburg- Rennerod—Bürbach für alle Fahrzeuge bis 11. Iuli. Umleitung über Obertiefenbach— Allendors—Mehrenberg; Romrod — Alsfeld im Zuge der Straße Gießen—Alsfeld für alle Fahrzeuge bis auf weiteres, Umleitung über Angenrod—Leusel; Eberbrücke Gemeinde Battenfeld im Zuge ber Straße Biedenkopf - Franken berg bzw. Winterberg für alle Fahrzeuge bis 14. Iuli, Umleitung über 45>riineii- wald; in Her mannstein im Zuge ber «kraße Wetzlar-Raubvrn für alle Fahrzeuge bi« 6. Iuli. Umleitung über Leun.
•* AusgehobeneStrafeensperrungen. Vom Oberhessischen Automobtt-Tlub E. V. (2L v. D.) Gießen werden uns folgende "Aushebungen von Strafeensperrungen mttgeteilt: Nieder-Weisel—Nie- der°Mörlen und Ortsdurchfahrt Nieder-Mörlen im Zuge der Straße Gießen-Friedberg. Dildel-Landesgrenze im Zuae der Straße Friedbera—Frank- Furt a. M.; sämtliche bisher gesperrten Teilstrecken im Zuge der Straße Lauterbach—Fulda.
• * Reue Gebühren. Di« Anschlußgebühr für Gasbezieher unb der neue, erhöhte Wasser- preis sind im Anzeigenteil unseres gestrigen Blattes öffentlich verkündigt toorben. Demnächst werben nun unseren Hausfrauen bie Rechnungen mit höheren Beträgen präsentiert und von ihnen hoffentlich nicht mit allzuviel Unwillen ausgenommen werden.
* • Kindertransport an die See. Gestern abend verließ ein Transport erholungsbedürftiger Gießener Kinder unsere Stadt zu einem sechswöchigen Erholungsaufenthalt in dem Ostseebad Arendsee-Brurrshaupten. Der Kindertransport wurde vorn städtischen Ingendarnt entsandt.
• • Arb eit sj ub iläurn. Am 1. 3uü tonnte ber Mühlenfuhrmann Karl Röhm auf eine 25jährige Tätigkeit bei der Firma Gd. Klinke! & Söhne zurückblicken, nachdem er bereit- zehn Iahre bei dem vorherigen Besitzer bet Mühle in Arbeit stand, so daß er jetzt 35 Jahre in demselben Betrieb tätig ist. Der Iubilar, der im Bäckerhandwerk in Stadl und Land allgemein bekannt unb beliebt ist, und nicht zuletzt bei ben Tierfreunden wegen seiner schonenden Behandlung der Tier« größte Wertschätzung gemefet, wurde in würdiger Weise geehrt.
•• Einbruch in «in Gartenhaus. In ber Rächt -um 29. Juni wurde ein Gartenhaus am Rahrungsberg erbrochen und daraus nachstehend« Sachen entwendet: 1 grauet Gummimantel, 1 blaue Arbeitshose, 2 Tischdecken (weiß unb rosafarbig), eine Anzahl Messer, Gabeln unb Löffel mit Rickelgriffen, eine Hängematte, eine Anzahl Teller ein halbes Dutzend Tassen unb Untertassen. Vor Ankauf wird gewarnt. Sachdienliche Mitteilungen, bie zur Festnahme des Täters führen, nimmt die Kriminalpolizei Gießen entgegen.
•’ Der Eisenbahner-Verein Giefeen unternahm am Sonntag bei herrlichem Sommer- wettet seinen diesjährigen SommerauSslug nach Bad Homburg. Um 11 Uhr vormittags verließ der Sonderzug mit rund 1000 Personen den hiesigen Bahnhof. Heber Butzbach, Friedberg unb Friedrichsdorf ging die Fahrt, die gegen 12.30 Uhr in Dab Homburg endet«. Am Bahnhof hielten bereits mehrere Straßenbahnwagen, die den Verein nach dem Taunusdörfchen Dornholzhausen brachten, wo Einkehr gehalten wurde. Hier entwickelte sich bald ein frohes Treiben. Für Unterhaltung forgten die Kapelle Mank -Wie- seck, bie der Verein mitgenommen hatte, unb das Quartett .Flügelrad". Bei Konzen, Liedervorträgen unb Tanz flogen bie Stunden nur so bahin und jedem war es leib, als auf- gebrochen werden mußte. Einzelne Teilnehmer benutzten ben herrlichen Rachmittag zu Ausflügen
„Unb bann? Dann konnten Sie nicht Offizier bleiben, nicht wahr?"
„Wir haben unser Vermögen in ben Kriegsjahren verloren. Für uns aus ben deutschen Seestäbten, gnäbiges Fräulein, bedeutet ber Verlust ber Kolonien zum großen Teil den Untergang des alten Hauses. Es hat keinen Zweck, davon zu reden. Was wir durchmachten, mußten Tausende durchmachen. — Und ich fjabe cs noch gut dadurch, daß ich von Kind auf ein tüchtiger Zeichner war. Es liegt das in der Familie meiner Mutter, und das Schicksal war so freundlich, mir diese Gab« zu vererben. So lebe ich jetzt in München, halb lernend, halb schaffend. Wenn man bas schon Schaffen nennen kann.
„Ja," sagte sie, als wären ihre Gedanken an einem einer Worte hängen geblieben, so etwas haben Tauende durchmachen müssen. Aber wer so gar nicht danach erzogen ist--So dumm und ungeschickt
teht man im Leben. Was jede Arbeiterfrau kann, lochen und waschen und nähen und reinemachen und selber noch Brot in das Haus schaffen — uns hat man nichts davon gelehrt. Denken Sie, man hat uns einmal Zeitungen in das Haus geschickt, sie sollten uns kränken, gewiß, in denen stand, wir wären Drohnen. Drohnen im Bienenstock ber Völker. Mit Pech unb Schwefel sollte man uns ausräuchern. — Wir waren erst sehr empört, aber ich hab' es nicht vergessen können. Unb je mehr ich baran buchte — es ist doch etwas Wahres daran. Meinen Sie nicht?" Ernsthaft sah sie ihn an, ein großes Kind, das die Dinge der Welt, des täglichen praktischen, fordernden Lebens wie unheimliche Märchen aus der Ferne betrachtet. Und keiner ist da, solchem weltfremden Kinde die Augen zu klarem Schauen zu öffnen.
„Es ist doch nicht nur die Arbeit ber Hände, die bem Leben Inhalt gibt."
„Aber geistige Arbeit verstehe ick auch nicht. Ein bißchen malen, das hab' ich gelernt Und ein wenig Geigenspiel. Und Spitzen klöppeln, wenn die Jungfer das Muster angefangen hat — das ist doch alles nichts? Unb wieder ber fragende Blick.
„Es sollen heute der Frau viele Wege offen stehen. Ich sehe in München ganze Scharen von jungen Mädct)«n, bie in die Gewerbeschulen, in Ateliers und Zeichenschulen gehen. Wieviel sie können unb was sic einmal erreichen, das kann ich nicht sagen. Was malten Sie, gnäbiges Fräulein?"
„Ach, so ein bißchen Blumen, unb bisweilen auch etwas Baumschlag — aber die Leinwand war so teuer und di« Farven —" Sie brach ab unb errötete.
Wie konnte sie sich so gehen lassen und von ihrer Armut reden. „Hunaer ist nicht schlimm," sagte die Tante Jnnozentia. „Aber von seinem Hunger reden, das ist unfein."
Man kann sagen, daß man Millionen verloren hat, aber nicht, daß es an zehn Gulden fehlt.
„Wenn gnädiges Fräulein ben Wunsch haben, solche Gabe weiter auszubilden — ich möchte nicht aufdringlich sein, nur vielleicht einen Rat geben —, in München würden Sie immer den besten Unterricht finden. Man sieht den Schüler dort nicht nur als Zahlobjekt an. Man sieht ihn menschlich. Ich könnte in solchem Fall« die Namen von Professoren geben —"
„Ach, ich weiß nicht. Ick fahre nun zu meiner Schwester. Sie lebt in öeneolg. Unb wir werden zusammen beratschlagen, was zu tun ist."
„Jebenfalls bitte ich. Ihnen meine Karte geben zu dürfen. Die Adresic ist darauf vermerkt"
Sie liefe sie in die Jackentasche gleiten, ohne einen Blick daraufzuwerfen. Hatte er es anders erwartet? Morgen würde sie ihn vergessen haben, den glcich-
, gültigen Reisegefährten, ber ihr nur die selbstver stündlichen kleinen Dienste geleistet, bie eine vornehme Frau von jebem gebilbeten Manne erwartet. ' Und was blieb ihm? Die kleine Skizze, die er bei J
i dem unsicheren Licht ber Gaslampe während der Nachtzeit gezeichnet, als sie schlief.
Venedig nahte. Der helle Frühlingsabend ließ kaum die ersten goldenen Lichter über die Ebene . gleiten, alles stand in weichem Duft, man ahnte die ■ Nähe des Meeres.
„Darf ich behilflich sein, ober werden gnädiges Fräulein erwartet?"
„Nein, niemand weife, bafe ich komme. Ich muß । erst bie Abresse meiner Schwester erfraaen. Auf ber ; Polizei, nicht wahr, da wissen sie, wo jeder wohnt?" ; Das hatte ihr der alte Diener gesagt.
„Aber Sie können doch nicht selber dorthin fah j ren? Wollen Sie mich im Wattesaal erwarten, so ■ werde ich so schnell wie möglich nachfragen. Vielleicht ist es telephonisch zu ermitteln."
„Sprechen Sie denn Italienisch?"
„Es reicht zur Not."
„Sie sind sehr liebenswürdig. Ja, wenn Sie bas erfragen können, wo" ein kurzes Zaudern — „wo die Baronin Biron wohnt. Baron unb Baronin Biron. Man wirb es Ihnen doch sagen?"
,/Ich wüßte nicht, warum man es mir oerheim- lichen sollte."
Baronin Biron. Das war also bie Schwester. Unb wie hieß sie? Aber danach fragen konnte er nicht.
„Und wenn man wißen will, für wen Sie anfra* gen — Maria von Erkmannsdorf."
Konnte sie anders heißen als Maria? Ihm war, als hätte er bas schon längst gewußt.
Eine halbe Stunde später konnte er sie an die Gondel geleiten, ihr Gepäck hineinbugsieren unb bem Gondelier sagen: „Eanale Eorbooa. Dann sah er das schlanke schwame Fahrzeug im Gewirr ähnlicher Fahrzeuge nerschwinden, stand und starrte ihm nach, und sagte leise vor sich hin: „A rivederci, Maria."
Unb mit einemmal würbe ihm ganz jugendhast übermütig zu Sinn. Er hatte ihren Namen. Er hatte wenigstens einen Faben durch die Anschrift ber Schwester, er hatte ihr Bild als Zeichnung in seiner Mappe, und mit leuchtenden Farben gemalt in seinem Kops — Herz wollte er doch nicht gleich sagen. — Ach, das Schicksal war ihm seit zehn Jahren so viel schuldig geworden, er mußte es einmal ernsthaft angehen, sich auf feine Spenbepslicht zu besinnen.
„Auf Wiedersehen, süße Maria."
Es war nicht ber Eanale Grande, an bem Elenas Palazzo lag. Es war ein elendes schmales dunkles Wasser, aus bem Mauern voll Moder stiegen, über dem ber Dunst aller Fäulnisse hing, die hier feit Hunderten von Jahren langsam und träge den Gang zum Meer gezogen, in bem aller Unrat ber Stadt sich langsam zu Boden senkte, vergraben unter ewig blauen Wogen. Marios Augen wurden groß und dunkel, als die Gondel einbog in diesen Wasserlauf. Ihre Nase krauste sich, Ujr Herz zog sich zu- fainmen. Warum nur war sie so sicher gewesen, daß Elena in Glück und Wohlstand leben müßte? Waren sie nicht alle im Elend, die aus Rußland hatten fliehen müssen? Hatte die Tante Jnnozentia nicht immer diese Abneigung gegen Sergei gehabt? Konnte man sich auf sie verlassen, wenn sie etwas 3e, was ihrem Interesse entsprach? War damit, sie mit diesem abweisenden Hohn um ben Mund igt hatte: „Ob Elena lebt sich einen guten Tag. Leute row Sergei Wladimirowitsch fallen gleich den Katzen immer auf die Füfee —" war damit wirklich eine Gewißheit gegeben?
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